Baedeker: Erde

fragezeichen_1_Wenn Außerirdische in Film und Fernsehen auf der Erde landen, tun sie praktisch ausschließlich in Metropolen. Ausgerechnet dort also, wo die Aufmerksamkeit am größten ist. Merkwürdig.

Diese Dystopie ist ziemlich beliebt beim Publikum und wiederholt sich folglich fortwährend in Film und Fernsehen: Sobald es Aliens auf unseren Planeten abgesehen haben, landen sie dort, wo ohnehin alle Wege hinführen, Rom zum Beispiel und seine metropolitanen Nachfolger von Paris, über London bis New York und ganz besonders beliebt im Navigationsgerät extraterrestrischer Eroberer: Washington. D.C., versteht sich, nicht die Pampa im Nordwesteck der USA. Angesichts all der entzückenden Ziele zwischen Bora Bora und Bergisch-Gladbach ist das ein eher dürftiges Angebot im interstellaren Reisebüro und somit: sehr seltsam.

Aber auch kein Wunder; schließlich haben sich schon alliierte Bomber nicht an der Wohnstube des Gauleiters orientiert, sondern am eindrücklichsten Bauwerk, Türme zum Beispiel. Und was gäbe es da für einen Eindrücklicheren als den von Gustave Eiffel. Oder Big Ben, Freiheitsstatue, Kollosseum? Fragt sich nur, warum an Emmerichs Independence Day das Weiße Haus in die Luft fliegt – verglichen mit arabischen Luxushotels längst ein architektonischer Winzling. Sollten sich außerirdische Invasoren nicht am galaktischen Baedeker orientieren, lautet die Antwort: PR. Wenn Aliens nämlich die Königsdisziplin der Special Effects sind, wollen sie als solche auch dem Live-Publikum daheim, ein paar Sternennebel entfernt, mehr bieten als pulverisierte Provinzhauptstädte, und den Erdlingen nebenbei beweisen, was sie so drauf haben. Krieg ist schließlich Entertainment. Weiß man doch spätestens seit der Wochenschau.


Kleiner Großraub und Grand Prix

Werbung, RFT Color 20, FernseherRücksichtnahme

Die Woche, die war: 6.-12. Mai

34 Millionen Euro – das ist in Zeiten von Peanuts mit neun Nullen, von täglichen Finanztransaktionen oberhalb der Menge des weltweit gedruckten Geldes oder einer Staatsverschuldung in mehrtausendfacher Höhe eigentlich kaum noch der Rede wert. Es sei denn, solch eine Summe wird beim Aufbruch irgendwelcher Bankautomaten geraubt; dann sind 34 Millionen schon mal wie diesen Freitag den längsten Beitrag der ARD-Hauptnachrichten wert. Dabei sind von dem Coup nicht mal Kunden, geschweige denn deutsche betroffen, sondern chinesische Banken. Banken! Jene Art Konzern als, die ihren Vorständen gern weit höhere  Boni auszahlen oder auch mal Beraterhonorare wie jene, genau: 34 Millionen Euro, die etwa der frühere Siemens-Betriebsrat Wilhelm Schelsky zwischen zwei Krisen fürs Nichtstun einstreichen durfte. Was zur Topmeldung seriöser News taugt, entzieht sich eben oft rationalen Kriterien oder anders ausgedrückt: Sex & Crime sells auch bei der ehrwürdigen Tagesschau.

Dort also, wo die Nachfolgerin des Ansagers Marc Bator mit dem betörenden Namen Linda Zervatis ebenso wie der bis dato letzte Neuling Judith Rakers zeigt, dass feminine Deluxeoptik als Einstellungskriterium gegenüber (unbestrittener) journalistischer Kompetenz spürbar aufholt. Wobei das nun wirklich kein hiesiges Phänomen ist; auf einer Reportage am Nordkap durften die freitagsmedien nämlich sowohl in den örtlichen News als auch Sportsendungen erleben, dass ein – wie würde es Rainer Brüderle ausdrücken: gut gefülltes Dirndl in Norwegen mindestens ebenso wichtig zu sein scheint wie fachliche Güte. Aber das ist natürlich ebenso spekulativ wie die Frage, ob die Zahnspangenfee Michèle als Siegerin der Sat1-Leistungsschau gefügiger Kindheitsüberspringer Voice Kids künftig ihr Gesangstalent zum Einsatz bringt oder doch nur die Vermarktungsstrategien des Systems Fernsehen zum Wirken.

Das tun sie derzeit nirgends effizienter als bei Helene Fischer. Gut sieht sie aus. Etwas bieder gut, aber bitte. Singen kann sie außerdem, dazu tanzen, moderieren, gut aussehen, ach das hatten wir schon… Am besten aber kann sie: Geld generieren. Und dabei hilft ihr das Erste nach Kräften, wenn es die Königin des süffigen Neoschlagers nicht nur fortwährend zum Sendergesicht aufbaut, sondern vorab schon mal ein Bewerbungsvideo namens Allein ins Licht ins TV-Land funkt, wo Autor Kai Ehlers im Anschluss einer Live-Show mit der schönen Helene unterm Deckmantel der Dokumentation feinste Werbung für die Freundin eines anderen öffentlich-rechtlichen Goldesels betrieb: Florian Silbereisen. Der hatte vorige Woche übrigens ausnahmsweise mal Pause am Bildschirm, wobei ihm die Bild, noch so eine PR-Agentur gewogener Stars in eigener Sache, mit einer aufgeblähten Affäre, die bei näherer Betrachtung  eher Leserfotoanalyse war, etwas verkaufsfördernde Aufmerksamkeit verschaffte.

Aussichtsplattform

Die Woche, die wird: 13.-19. Mai

Das muss man als eine Art Aushilfspublicity betrachten, denn diese Woche ist tatsächlich silbereisenfischerfreie Zeit. Was aber nicht am mangelnden Einsatz der ARD liegt, sondern am Eurovision Song Contest, kurz ESC, früher Grand Prix d’Eurovision de la Chanson, der allerdings mit Singen längst weniger zu tun hat als ein Hahn mit dem Eierlegen, also ein klein bisschen, aber sehr am Rande. Es geht nämlich (mehr noch als bei der Tagesschau) allein ums Visuelle, Knalleffekte, um Bombast, womit die vielstündige ARD-Übertragung aus Malmö auch heuer einem Abend Alarm für Cobra 11 näher liegt als dem Liederwettbewerb von einst. Witzig daran ist bloß: die meisten gucken trotzdem zu.

Was den ESC von Bohlens DSDS unterscheidet, das parallel sein Finale auf RTL veranstaltet, aber nicht mal mehr die ganz Halbwüchsigen so recht fesselt. Ganz im Gegensatz zu Filmen wie der neuen Nele-Neuhaus-Verfilmung Eine unbeliebte Frau im ZDF, eine Reihe, deren erster Teil im Frühjahr Topquoten erzielte, was im diametral entgegengesetzten Verhältnis zur gezeigten Güte stand. Aber so ist es nun mal: Das verstörend realistische ARD-Drama Mobbing, in dem besonders die Konstellation eines Mannes, den seine Chefin kleinmacht, wird Mittwoch weit weniger Zuschauer finden als der manirierte Münsteraner Tatort sonntags drauf. Oder die ziemlich berechenbare Sat1-Komödie Alle Macht den Kindern (Dienstag) deutlich mehr als all die wunderbaren Beiträge beim Filmdebüt im Ersten, das mit Sibel Kekilli in Feo Aladags mehrfach preisgekrönter Culture-Clash-Erstausstrahlung Die Fremde beginnt.

Dass dem nur ein kleines Publikum beiwohnen wird, läge allerdings eher an der Sendeplatz als Inhalt, Massengeschmack oder ähnlichen Kleinigkeiten. Die Reihe beginnt wie jedes Jahr erst um 22.45 Uhr, wo viele Berufstätige naturgemäß eher die Nachtruhe als Neunzigminüter im Sinn haben. Da darf die ZDF-Komödie Mein Vater, seine Freundin und das schnelle Geld gleich nach der Tagesschau mit deutlich besserem Zuspruch rechnen, aber die ist auch durchaus sehenswert. Sehenswert ist auch ein Schwerpunkt auf ZDFkultur, der sich Mittwoch von kurz nach acht bis Mitternacht ums – Gepikerte aufgepasst! – Tätowieren dreht. Aber da sieht sicher auch wieder kaum einer zu, wie am Freitag, wo beim Bayerischen Fernsehpreis ab 19 Uhr auf 3sat live all jene Filme prämiert werden, in denen es nicht um Quote, sondern Qualität geht.

Und damit zum Tipp der Woche, ebenfalls auf dem Kulturkanal des Zweiten (22 Uhr), der beweist, dass auch lange nach dem Tod von MTViva weiter Videclips via TV laufen: Delikatessen mit dem grandios lässigen und dabei sehr sachkundigen Rainer Maria Jilg.


Nordkarelien: Millionen Bäume und 1 Tatort

indexGrenzerfahrung

Nordkarelien am Ostrand Finnlands ist ein kontemplatives Erlebnis in der Stille des Waldes, durchbrochen nur von sehr lauten, sehr lustigen Bewohnern. Ein ideales Terrain für den Kieler Tatort, der zwar diesen Sonntag wieder an der Förde spielt, vier Jahre zuvor allerdings für ein paar Drehtage am Ostrand Finnlands Station machte. Ein Setbericht in der Mitternachtssonne.

Von Jan Freitag

Es hat etwas Beruhigendes, fast Kontemplatives durch Nordkarelien zu fahren. Bäume, sagt Jan Turunen, der Fahrer, als er durch die Endlosigkeit Finnlands fährt. Bäume, Bäume, Bäume – er wird es noch mehrmals wiederholen, dieses Mantra seiner Heimat. Und sein Englisch reicht ohnehin nicht für tiefer gehende Gespräche. „Trees, trees, trees.“ Jan Turunen lacht. Es ist ein herzliches, aber auch scheues Lachen, fast schuldbewusst. So klingt also, wer Ilomantsi beschreibt: Dieses schläfrige Nest einer ereignislosen Provinz an der verwilderten Grenze zu Russland – 6000 Einwohner, viel Natur, ein See mittendrin, gute Luft, das 1. Hotel am Platz ist eine alte Lungenklinik. Ansonsten: Nur Bäume. „Sorry.“

Meistens.

Denn künftig wird Jan Turunen wohl auch Tatort sagen, wenn ihn seine Fahrgäste künftig nach Ereignissen in dieser ereignislosen Gegend fragen. Denn Deutschlands beständigste Serie macht Station in der laubgrünen Seenlandschaft, gut 400 Kilometer östlich von Helsinki, und ein Raumschiff würde in dieser Einöde kaum mehr auffallen. Es ist zwar nur ein dreißigköpfiges Filmteam, das drei Wochen lang eingefallen ist, mit einem Tross Technik vom Studio Hamburg im Schlepptau. Aber für großes Aufsehen in der an Aufsehen armen Gegend reicht das allemal. Axel Milberg, der Hauptkommisar, ist Tagesgespräch. Als der Aufnahmeleiter seinen Führerschein verliert, berichtet die Lokalpresse. Es gibt Geschenke vom Bürgermeister, Dankesreden vom Tourismusbüro und viel Schnaps, der auch hier so heißt. Sogar der Hauptstadtabgeordnete ist da und erklärt weinselig, wie man sich bei Bärenkontakt verhält.

Keine Frage – es gibt was zu feiern in Finnland. Dort, wo ein Dutzend Spielfilme jährlich entstehen – so viele wie in Deutschland täglich. Und nun löst die Mordkommission Kiel in Nordkarelien einen Mordfall, so verschroben wie die spröde Herzlichkeit vor Ort, wie der Hauptdarsteller, wie die ganze Szenerie fernab seiner fiktiven Heimat an der Ostsee. „Axel, nicht so schlurfen“, ruft ihm Hannu Salonen zu. „Axel, weniger nuschelig“, ergänzt der finnische Regisseur akzentfrei. „Axel, keep your Energy“, fügt er im Slang des binationalen Sets hinzu. Salonen ist heimgekehrt, nach 15 Jahren Berliner Exil. Vor allem in Deutschland, aber auch in anderen europäischen Ländern hat er Fernseh- und Kinofilme gedreht. Nur zu Hause arbeitet er erstmals, seitdem er als Jugendlicher weggezogen ist.

Familiär geht es zu. Aus einer Fahrschule am Rande Ilumantsis hat der brillante Requisiteur aus Helsinki das Klischee einer örtlichen Polizeistation gezaubert. Zwischen funktionaler Tristesse in Trennwandgrau und Sperrholzbeige herrscht ein launiger Tonfall – bei allem Stress, ein Verhör in den Kasten zu kriegen, aus fünf Perspektiven. Gleich wird Maren Eggert nun als Psychologin Frieda Jung Kommissar Borowski fragen, wie er in 6000 Quadratkilometern Wald den vermissten Ralph finden will. Und Action! Filmdrehs im Ausland sind bei aller deutschen Finanzkraft die Ausnahme. Fürs Reisen gibt es extra Formate: Traumschiff, schwedische Schmonzetten, Pilchers Landadelschmalz. „Vor zwei Tagen kam Sibel Kekili am Set vorbei“, sagt Hannu Salonen. Zufällig. Sie drehe ganz in der Nähe einen ARD-Mittwochsfilm. Der geht öfter auf Auswärtsfahrt. Feste Reihen mit festen Etats kehren hingegen eher vor der eigenen Haustür. Selbst dem Tatort wurde ein Zehntel gestrichen. Da reicht es für Maria Furtwängler höchstens mal zur Spurensuche in Barcelona.

Ein 90-minütiger Grenzübertritt – das geht nur mit solventen Partnern wie Talvi. Zehn Kieler Folgen hat der finnische Sender gekauft, mit Fördermitteln beider Länder kostet ein „Tatort“ so gerade mal 250.000 Euro mehr als üblich. Kerstin Ramke grinst: „So ein Koproduzent ist wie ein Jackpot.“ Skandinavien ist ohnehin ein gutes Pflaster für Nordlichter. Nicht nur wegen der Mentalität, die Henning Mankell 2010 in zwei Borowski-Scripte verwandelt; man schätzt die Infrastruktur. Das Geld dahinter. Tags drauf ruhen an einer öden Landstraße die Dreharbeiten: Salonen telefoniert. Lang, sehr lang. „Es geht um Kohle“, sagt der Regieassistent, „viel Kohle.“ Doch das Warten lohnt sich, denn mit der nötigen finanziellen Unterstützung kann man Flecken wie diesen zu Drehorten machen und einen pittoresken Krämerladen filmtauglich. „Solche Kulissen bei so wenig Betrieb“, Robert Obermaier strahlt, „die gibt’s eigentlich gar nicht“. Für einen Tag verdoppelt der Tatort die Einwohnerzahl von Hattuvaaran, drei Jungs bitten den Nebendarsteller Antti Reini, in Finnland ein Star, um Autogramme. Zwei Rentiere laufen verhaltensgestört durchs Gatter nebenan.

Axel Milberg wirkt geradezu eingeboren. Er hat dieses ziellos Stromernde, vorgebeugt Wortkarge jener Finnen, die man aus Kaurismäkis Filmen kennt, aus Sagen stockdunkler Wintertage. Kein Wunder, meint Salonen, sein Taktgeber, „es gibt eine organische Verbindung“ zwischen Kiel und Karelien, diese dröge Atmosphäre: still, melancholisch, voll Pathos. Milberg passt hier so gut her wie sein 14. Tatort. Er heißt „Tango für Borowski“, und fast tanzt er ihn auch am Abend. Das Team feiert den Geburtstag der Garderobiere, auf dem Hotelbalkon gibt es Sekt mit Blattgold von Milberg. Finnisch, sagt Axel Milberg, klinge wie die letzten Buchstaben beim Scrabble, die man nirgendwo unterkriegt. Dann geht er zu Bett und schläft wie ein Toter, sagt er. Karelien beruhigt. Das liegt am Wald.

Erlen, Fichten, Eschen, Tannen, Birken, Abermillionen. Sie sind Niere, Lunge, Körper, durchzogen von Arterien torfbrauner Seen und all ihrer Zuflüsse – in diesem Kapillarsystem zu verweilen, ist wie ein Reinigungsprozess. Jan Turunen muss innerlich blitzsauber sein, er lebt hier seit jeher. Und wenn er an einem heißen Sommertag Gäste durch seine Region chauffiert, obwohl seine Aufgaben in der Stadtverwaltung liegen, zeugt das von dieser Reinheit. Karelier, sagt der Mann mit dem taubenblauen Anzug, sind nicht jene sich gekehrten, wortkargen, eigenbrötlerischen Klischees aus Aki Kaurismäkis Filmen. Sie gelten als aufgeschlossen, fröhlich, energetisch. Sagen selbst Auswärtige. „Wir leben einfach gern“, erläutert Jan Turunen. „Sehen Sie mich an.“ Dann lacht er wieder scheu. Es ist in der Tat ein bemerkenswerter Flecken Erde mit bemerkenswerten Bewohnern in bemerkenswerter Atmosphäre. Von Deutschland aus braucht es nicht mal lange, um sie zu spüren. Via Helsinki mit dem inländischen Verkehrsmittel schlechthin – der Propellermaschine – Richtung Provinzhauptstadt Joensuu, dauert es einen Nachmittag. Anschlussfahrt im Auto inklusive, eine Stunde ostwärts, vorbei an nichts als sattem Grün, das nur selten den Blick freigibt auf einen der Tausend Seen.

Und man sollte tief hinein fahren in dieses Dickicht. Zum Grenzpfosten, dem östlichsten Punkt der kontinentalen EU. Dort, wo die Wege holprig werden und der Dialekt sperriger. Wo man eine Eintrittserlaubnis von russischer Seite benötigt und einen Bürgen aus Finnland. Dass dies ein Schweizer ist, macht den Landstrich nur bemerkenswerter. Der Geländewagen von Georg Aellig ruckelt, als er ihn durchs frühere Sperrgebiet lenkt. „Schon hart“, sagt er fröhlich. Aber kein Vergleich zu den Sechzigern, da war es allerorten so: unwegsam, rustikal, bisweilen schmerzhaft. Grenzerfahrungen eben. Seit er vor drei Jahrzehnten hier hängen blieb, ist das sehr östliche Karelien allerdings sehr westlich geworden, erzählt er durch den grauen Vollbart. Und er erzählt gern von seiner neuen Heimat. Von Perspektiven etwa, der Baumdichte zum Trotz. Hier könnten die Augen wandern. Von Risiken, trägt doch mancher Ort den Zusatz „Varaan“ im Namen, Gefahr. Das hat mit Wölfen zu tun und Bären, denen man wie einst am besten entkommt, wenn sie satt sind. Die zweite Bedeutung aber, der Schweizer in ihm grinst, lautet Hügel. Für finnische Verhältnisse, meint Georg Aellig, „ist es hier geradezu bergig“.

Doch sogar der Koli, höchste Erhebung weit und breit, die sich stolze 347 Meter über den frischen Pielinen-See erhebt, kann den Alpinisten kaum in der Fremde gehalten haben. Für ein Landwirtschafspraktikum war er als 20-Jähriger aus Schaffhausen angereist. „Und das im Winter“, sagt der Biogas-Unternehmer feierlich. Zu einer Zeit also, da die Sonne sogar mittags den Horizont küsst und die Nächte förmlich gefrieren. Acht Wochen 30 Grad waren es früher. Minus. Mindestens. Nun seien es höchstens acht Tage. Dennoch war es ein Winter, der ein Sommer war. Schon immer. Die trockene Kälte, die saure Luft. Und dann das Licht: klar, echt, „wie Tausend Sonnen im bebenden Astwerk“ Die Stimmung der Gegend, ihre Einsamkeit und Anmut machen poetisch. „Willkommen am Ende Europas“, akklamiert Aellig, als sein Auto hinterm gewundenen Koitajoki-Fluss stoppt. Zu Fuß sind es noch ein paar Hundert Meter zu jenem Punkt, wo die EU vor sieben Jahren pompös den Euro einführte. Die kleine Landzunge ins andere, russische Karelien, ist ein geschichtsträchtiger Ort, wo der heiße Weltkrieg eine gute Wendung für Finnland nahm und die kalte Systemfeindschaft eine einmalige Flora zuließ und eine Fauna, die kaum je ein Mensch zu Gesicht kriegt. Wäre die Luft nicht voll biestiger Mücken und bräsiger Bremsen, man könnte hier ewig verweilen, um der Natur beim Dasein zuzusehen.

Man kann aber auch in einer der offenen Hütten zwischen Ufer und Moor einkehren, deren Feuer von umliegenden Restaurants ständig geschürt werden und Wanderer zum kostenlosen Verweilen einladen. Und wem die Würste ausgehen, bestellt per Handy beim Wirt (die Nummer steht am Türpfosten) hinzu: Kotikalja etwa, das trübe Malzbier mit dem herben Abgang. Vatruskas, gefüllte Piroggen jeder Art. Oder Unmengen von Muikku, winzige Bratfische, geschmacklich nah am Hühnchen. Kareliens Küche, russisch gefärbt wie die orthodoxe Kirche, gilt allerorten als so schlicht wie köstlich. Es sind die Beilagen all der Feste hier. „Wenn die Karelier Musik hören“, sagt Hannu Hoskonen, der Parlamentsabgeordnete aus Helsinki auf Wahlkreisreise, „dann tanzen sie bis zum Umfallen.“ Und sind irgendwo Stimmen zu hören in der Ruhe dieses Waldreichs der Größe Hessens mit einer Wasserfläche von 100 Bodenseen, strömen sie zusammen und reden, reden, reden. Wie in der Mitternachtssonne dieses Abends, als sich das offizielle Ilomantsi mit dem angereisten Tatort-Team trifft. Hoskonen ist auch da, alle sind es: ein Ereignis, endlich! Weinselig erklärt der Politiker den Deutschen, wie man Bären, so selten sie auftauchen, dann doch entkommt: Augen fixieren, langsam rückwärts, nur die Ruhe. Karelien eben.

Der Text ist eine Zusammenfassung zweier Artikel, die Ende 2009 in diversen Tageszeitungen erschienen sind


Felix Eitner, unterschätzer Komödiant

Hinterm roten Teppich

Der geborene Komödiant Felix Eitner ist Feinschmeckern des Fernsehens eher unbekannt. Dabei kann er weit mehr als Schnulzen mit debilen Namen wie Alles für meine Tochter (Freitag, 20.15 Uhr, ARD), für die er sein Talent zur Authentizität verschwendet.

Von Jan Freitag

Humor ist, wenn es optisch kracht, wenn Gesichtsausdrücke gute Pointen ersetzen und Gesten gehaltvolle Worte. Aufgerissene Augen zum Beispiel, die funktionieren immer. Der schmallippige Schmollmund natürlich auch. Nicht zu vergessen dieses halbseitige Lächeln, Typ ironische Zustimmung – geht alles eigentlich immer, sobald der Fernsehvorabend beginnt. Zumindest, falls die ARD dort lustig sein will und diesen Versuch obendrein Heiter bis tödlich tauft.

Also hieß es eine Weile lang auch für Felix Eitner: Augen auf, Lippen schmal, Lächeln halbieren, vor einem Jahr etwa, fast vier Monate am Stück. Da verkörpterte der rührige Schauspieler nämlich im neuesten Schmunzelkrimi, dem seriellen Quotendesaster vor Thomas Gottschalks, die männliche Hauptfigur Paul Degen. Dessen weibliches Pendant hieß Klara Kleinert (Wolke Hegenbarth), was nicht nur putzig alliteriert, sondern den noch putzigeren Titel Alles Klara herausforderte. Was seinerseits nun auch nicht richtig lustig war. Wie überhaupt die ganze Reihe um einen Kommissar und seine nebenbei ermittelnde Tippse, die es in der Harzer Provinz mit überraschend tödlichen Verbrechen in Reihe zu tun haben, alles Mögliche ist. Außer sonderlich lustig.

„Finden Sie?“, fragt Felix Eitner da ehrlich erstaunt. Lachen, beteuert er, rechtfertige doch grundsätzlich jeden Humor, und der in Alles Klara werde schon seine Lacher finden. Die eigenen zum Beispiel, obwohl Eitner selbst eher auf schwarzen Humor stehe, besonders den britischen, „es darf gern böse sein“. So wie im Ersten, dessen heiter gemeinte Vorabendermittlungen Schwerstverbrechen zur Pointe erheben, die wiederum Missverständnisse kultivieren und Dialoge erzeugen wie folgenden, den Felix Eitner beim Interview mit Alsterblick aus dem Nichts auf die publikumslose Interviewbühne in Hamburg zaubert:

Einer sagt was.

„Was hast du gesagt?“

„Du hörst mir gar nicht zu!“

„Natürlich hör ich dir zu!“

„Also was hab ich eben gesagt?“

„Warum soll ich dir sagen, was du gesagt hast?“

„Weil ich wissen will, ob du es gehört hast?“

„Warum soll ich das nicht gehört haben?“

„Weil du mich gefragt hast.“

„Was jetzt?“

Und dann komme, wie im hiesigen Formathumor üblich, ein Dritter hinzu und verwirre sie alle, Prinzip Missverständnis eben. „Mir gefällt das.“ Und wie der Mittvierziger Eitner mit dem kreisrund gelichteten Haar es verteidigt, mit Händen und Füßen, mit Showeinlange, Hüsteln, Stirnrunzeln, aber ohne spürbares Konzept, voll aus dem Bauch, da spürt man: Der brennt für seine Sache. Nur – wie sehr er brennt, das wissen die wenigsten, wie überhaupt die wenigsten wissen, wer Felix Eitner eigentlich ist.

Sein filmischer Aggregatszustand ist schließlich die personifizierte Nebenrolle, der Sidekick, ein Ergänzungsspieler, seit jeher im zweiten Glied, so wie er es auch morgen im berechenbar schnulzigen ARD-Freitagsfilm mit dem berechenbar debilen Holzhammertitel Alles für meine Tochter tut. Seit er als 14-Jähriger die erst Kinderrolle übernahm und 2001 als Fluchthelfer im preisgekrönten Drama Der Tunnel das „History-Event“ als TV-Genre gebären half. Es war eine ernste Rolle, gespielt mit jener beiläufigen Leichtigkeit, die Felix Eitner auszeichnet, die ihm ein durchaus erträgliches Schauspielerleben gewährleistet, aber eben keins auf den Titelseiten der Aufmerksamkeitsindustrie.

„Bevor ich den roten Teppich betrete, höre ich oft das Kameragewitter“, er lächelt ein bisschen bitter, „aber wenn ich drauf bin, hört es auf.“ In diesem Schaufenster nicht erkannt, geschweige denn „von der Celebrity-Reporterin nach der Marke meines Mantels gefragt“ zu werden, sagt er im Singsang seiner badischen Heimat, „das tut schon auch brutal weh“. Da gehe er lieber hinten rein – und spielt sich von da aus ins Rampenlicht, ganz leise. Denn Felix Eitner spielt alles und das regelmäßig, er tut es im Arthaus-Kino wie Doris Dörries Kirschblüten – Hanami oder in ZDF-Hochglanz wie Margarethe Steiff, in der ARD-Klamotte Für immer 30, wo er kürzlich mal die Besetzungsliste anführte, ebenso wie im Stuttgarter Tatort, wo er kürzlich sogar Dialekt sprechen durfte. Er kann fast alles, sogar Hochdeutsch. Am besten aber kann er Komödie.

Das wusste schon Rainer Matsutani, als er Felix Eitner 1995 in der Zombie-Groteske Nur über meine Leiche besetzte. „Ein neuer Tony Randall“, schwärmte der Regisseur damals. Jener Zuspieler also, der gern als überdrehter Spießer zwischen Rock Hudson und Doris Day vermittelte. Dieser Typus liegt auch dem früheren Klassenclown mit späterer Clownausbildung, dem Sohn zweier Lehrer, der selbst einer werden wollte und jetzt immerhin hier und da spielt, geprüft und abgenommen von seiner volljährigen Tochter.

Früh geheiratet, rasch Vater, Häuschen im Allgäu, Haarausfall ohne Kopfrasur, Spießer als Paraderolle – Felix Eitner grinst: „Es gibt bei mir einen gewissen Zug zum Bodenständigen“. Und sei es nur, um sich im hektischen Filmbetrieb mit all seinen Eitelkeiten zu erden. Er pflegt diesen Zug auch in der ARD-Schnulze zum Wochenende wie er es eben bei Alles Klara pflegte. Dass das weder lustig noch gehaltvoll ist – an Felix Eitner liegt es nicht.

Der aktualisierte Text ist i m April 2012 in der Berliner Zeitung und Frankfurter Rundschau erschienen

Patrick “Silas” Bach, Hamburg 2009

Fortsetzung? Sofort!

Patrick Bach war Silas, Patrick Bach war Jack Holborn, Patrick Bach war Annas Rollstuhlfreund, jetzt ist Patrick Bach Mitte 40 und irgendwie immer noch der Kinderstar vom Weihnachtsmehrteiler, den er 1981 mit einem verkauften Zirkusjungen zu neuen Höhen mit 25 Millionen Zuschauern schwang. Ein Gespräch zum 45. Geburtstag mit dem zufriedenen Familienvater aus Hamburg über alte Klischees, neue Rollen, gescheiterte Kinderstars und was Schauspielen mit Golf zu tun hat.

freitagsmedien: Patrick Bach, Sie waren 12, als Silas aus einem Hamburger Jung eine Kinderstar gemacht hat. Ist man das ein Leben lang oder wächst er sich irgendwann raus?

Patrick Bach: So ganz nie. Es steckt in den Köpfen der Leute drin, das merk ich noch heute. Wenn es um neue Rollen geht, da wird es schon noch erwähnt. Aber das ist in Ordnung. Es war eine wunderbare Serie und wenn mich Leute nun drauf ansprechen, freue ich mich doch. Nach 25 Jahren – das muss man erst mal schaffen.

Ist es eine Alters- oder Karrierefrage, sich davon zu lösen?

Beides. Man muss sich halt beruflich weiter entwickeln. Bei mir kommt hinzu, dass ich zehn Jahre jünger aussehe als ich bin und gemütlich für 30 durchgehe. So unterstütze ich das Älterwerden nicht optisch, das macht es schwieriger, sich vom früheren Image zu lösen. Ich finde es schön, mich darauf beziehen zu können, nur ist es so, dass die Rollen für 28- bis 35-jährige Männer ohnehin eher rarer gesät sind.

Ach was.

Ja. Für den jungen Wilden wird man nicht mehr besetzt, dafür gibt’s Robert Stadlober und wie sie alle heißen. Und den gestandenen Familienvater kriegt jemand wie ich auch noch nicht, obwohl ich selber einer bin. Aber das ist nur eine Frage der Zeit; alt werde ich auf jedem Fall.

Sind Sie zuvor in ein Loch gefallen?

Nein, aber dieses Jahr war es sehr ruhig. Ich habe eine Comedy mit Jeanette Biedermann gemacht, die nicht gesendet wurde. Da war auch ein bisschen Pech dabei, denn es war absolut sendefähig, eine Flaschengeistgeschichte, mit Rollen- und Körpertausch.

Auch nichts Tiefschürfendes.

Nein, aber sehr witzig, mit hintergründigen, subtilen Drehbüchern. Nicht Stromberg, aber auch nicht der plumpe Latrinenhumor des Comedy-Durchschnitts. Dennoch war Sat1 mit dem Gesamtkonzept unzufrieden und hat es – was heute ja gern gemacht wird – ins Regal gestellt.

Siegt dann die Eitelkeit des Schauspielers, gesendet werden zu wollen, oder der Familienvater, der seinen Job gemacht und dafür Geld gekriegt hat?

Da siegt der Ärger darüber, von etwas überzeugt zu sein, was trotzdem nicht gesendet wird. Zum einen, weil mir dadurch Präsenz auf dem Bildschirm fehlt. Zum anderen, weil wir nur sechs statt zwölf Folgen gedreht haben, womit das Jahr gut gefüllt gewesen wäre. Außerdem war es für mich ein neues Gebiet, auf dem ich mich hätte etablieren können, zumal mir der eine oder andere durchaus komödiantisches Talent nachgesagt.

Wurde bei dem Versuch der alte Silas oder der neue Patrick besetzt?

Definitiv Patrick. Es gibt genug Angebote. Auch Die Wache

Wo sie einen Polizisten spielen.

… war doch fernab vom Kinderstar, ein gestandener Mann mitten im Leben, ernst angelegt. Ich habe kein Problem damit, ein Kinderstar gewesen zu sein, auch wenn es immer mal reinspielt in meinen Beruf. Es schwebt nicht wie ein Damoklesschwert über mir, das mir alles verbaut.

Ist die Zahnlücke noch da?

(Zeigt sie und lacht) Klar. Die war mal weg und plötzlich kam sie wieder.

Solche Markenzeichen, die ersten Meriten können ja mehr Ballast als Kredit sein.

Absolut und in Deutschland herrscht dieses Schubladendenken überall. Ein Claude-Oliver Rudolph spielt nun mal immer den Bösen. Jeder hat sein Rollensegment, in dem er primär besetzt wird und das wird im Fernsehen recht selten gebrochen. Im Kino schon eher, aber insgesamt bleibt die Familienmutter gerade in der Serie immer Familienmutter. Damit muss man sich positiv abfinden, akzeptieren, dass es trotzdem weitergeht, und hoffen, dass es sich irgendwann ändert.

Aus eigener Kraft?

Auch. Ich habe in diesem Jahr einen Kurzfilm mit Helmut Zierl in Krefeld gedreht, wo ich einen Gauleiter spiele, für den man mich normalerweise überhaupt nicht besetzt. Viele von denen, die mir so was nicht zugetraut hätten, waren positiv überrascht.

Zu dumm, dass Kurzfilme selten im Fernsehen laufen.

Ja, er ist für die Berlinale gemacht, aber es hieß, man könnte eineinhalb Stunden draus machen, denn die Zeit ist deutlich zu kurz für das Thema. Es geht um einen Schuster, der von mir den Auftrag erhält, für die Hitlerjugend Schuhe herzustellen, während sein Sohn in die örtliche Swingbewegung gerät und am Ende von den HJ-Jungs in den Schuhen seines Vaters totgetreten wird. Ein Low-Budget-Film fürs Herz. Aber weil die Figuren nicht annähernd durch erzählt werden, böte er Stoff für mehr.

Wie fühlt es sich an, den Bösen zu spielen?

Böse. Aber ich habe ja auch zuvor eher Böse gespielt. Allerdings hab ich kein böses Aussehen. Ein böses Gesicht kann ich nicht, das wäre für mich der falsche Weg. Ich muss das eher mit einem fiesen Lächeln spielen, wie der Mafioso: Ah, du magst also deine Familie. Bene…

Kann man Sie nicht böse schminken?

Da müsste man einiges machen. Deshalb wird mir so was selten angeboten.

Waren Sie aufgeregt, so gegen den Strich besetzt zu werden?

Aufgeregt nicht, aber die Herausforderung ist schon größer, man macht sich mehr Gedanken. Aber dafür hatte ich gar keine Zeit, mich vorzubereiten, mir mal einen Gauleiter im Film anzusehen.

Man kennt die ja auch.

Zur Genüge, den klassischen Nazi sieht man oft. Das Ausdruckslose, mit Stock im Hintern.

Wie war es als Kind – wann wurden Sie vom Kinderdarsteller zum Schauspieler?

Eigentlich erst bei Anna, meiner dritten Rolle. Da war ich 18. Bei meinen ersten beiden – mit 12 und 14 – hab ich mir noch nicht viele Gedanken gemacht. Das war eher Ponyhof, mehr Abenteuerurlaub, alles toll. Es war auch anstrengend, fiel mir aber leichter.

Was gab es dafür damals?

Ich glaube Silas gab 20.000 Mark komplett. Die zweite Gage für Jack Holborn hab ich sogar selbst mit dem Produzenten verhandelt, in der Kneipe. Ich wollte mehr Geld. Er fragte dann, wie viel, und ich meinte, glaube ich, das Doppelte.

Viel Geld. Kommen Sie aus wohlhabendem Haus?

Es gab schon einen gewissen Rückhalt; das macht es in dem Beruf ein wenig einfacher, wenn die Existenz nicht ständig auf dem Spiel steht. Schließlich bringt der Job immer wieder Höhen und Tiefen mit sich.

In dem Alter können Geld und Erfolg den Menschen ganz schön versauen.

Na ja, meine Mutter ist Regieassistentin. Bei uns zuhause liefen Leute wie Jutta Speidel und Horst Frank rum. So gesehen waren Stars für mich normale Leute und die Arbeit ein normaler Job. Ich besaß gar nicht dieses Wunschdenken nach Glamour und Ruhm und wollte nach den Serien auch gar kein Schauspieler werden. Deswegen bin ich immer auf dem Teppich geblieben. Ich habe einen Traumberuf mit Abwechslung und Kreativität, aber man muss immer damit leben, dass man morgens aufwacht und plötzlich ist es zu Ende.

Haben Sie diese Angst noch?

Nicht wirklich. Da ist es gut, dass ich Kinderstar war. Ich habe mir dadurch etwas aufgebaut, was schwer kaputt zu kriegen ist.

Renommee oder finanziell?

Vor allem mein Name, meine Popularität, die zum Glück dazu führt, dass es immer weitergeht. Ich bin von Haus aus Optimist.

Den sie mal neben Selbstbewusstsein und Humor als ihre positiven Eigenschaften genannt haben. Wie ist es mit Kritikfähigkeit?

Ich kann nicht klagen. Wenn man als Schauspieler keine Kritik verträgt, tut man sich nur selber weh. Jeder noch so große Schauspieler hat schließlich mal was gemacht, das niemandem gefällt. Wie in anderen Berufen auch. Auch Manager kriegen tolle Abfindungen für noch so schlechte Bilanzen (macht Ackermanns Victory-Zeichen). Man kann nicht immer gut sein, dann wäre man Gott.

Die Kritik an Ihnen könnte lauten, dass Sie seit Anna keine feuilletonistisch anspruchsvolle Rolle mehr gespielt haben. Alles eher leichte Unterhaltung.

Teilweise sogar seicht, aber das ist doch in Ordnung. Bei Schauspielern kommt immer die Frage, was denn die große Traumrolle sei, ob man nicht mal nach Amerika möchte. Für mich ist es ein Beruf, mit dem ich meine Familie ernähren will und mir macht auch eine seichte Familienserie Spaß, ich kann dort Rollen entwickeln. Klar würde ich drei ganz tolle Kinoproduktionen im Jahr machen, aber nicht auf Biegen und Brechen. Ein Heiner Lauterbach macht eben nur das und wird sonst für nichts gebucht.

Weil er sich nicht buchen lässt?

Das ist eben das Problem in Deutschland. Viele werden für viele Rollen gar nicht erst angedacht, weil es heißt, das macht der oder die ja ohnehin nicht, und im Zweifel hat man einfach nicht gefragt.

Klingt nach einem Kommunikationsproblem.

Sicher, jeder kocht sein eigenes Süppchen. Aber in meinem Fall kann ich sagen: Es liegt nicht an mir. Die Filmemacher sagen, das ist ein Serienstar, die Öffentlich-Rechtlichen sagen, das ist eine RTL-Nase, Theaterleute tun sich schwer mit Filmschauspielern und umgekehrt. Ich glaube, Schauspieler haben viel weniger Probleme zu springen, als Besetzer, Caster, Produzenten, Regisseure, Verleiher denken. Und weil ich das weiß, versuche ich nicht auf Krampf ins Kino zu kommen. Dafür mach ich das zu lange. Ich bleib schön im Serienbereich und freu mich umso mehr, wenn ein Angebot wie aus Krefeld kommt.

Haben Sie denn nie vom Kinotriumph geträumt?

Also ich hab noch keinen Traum verloren, weil ich mich trotz der langen Zeit im Geschäft immer noch wie am Anfang meiner Karriere fühle. Die Rollen die ich noch spielen möchte, muss ich erst noch spielen, weil mir einige vielleicht noch nicht so viel zutrauen und sagen, da besetzen wir erst mal noch den Heino Ferch (lacht), die üblichen Verdächtigen halt. In zehn Jahren sieht das alles schon ganz anders aus und bis dahin mache ich eben die Sachen, mit denen ich meinen Lebensunterhalt verdiene, ohne mich bis auf die Knochen zu blamieren.

Haben Sie dafür je eine Schauspielausbildung absolviert?

Nein. Alles learning by doing. Und in meinem Alter ist das auch bald mal zu spät. Aber es gibt ja auch alle möglichen Workshop-Fortbildungen.

Die haben Sie aber gemacht?

Nee, ich hab mich aber durch Dinge wie Synchronsprechen verbessert, was ich seit Mitte der Neunziger mache. Außerdem spreche ich Werbung. Modulation, Sprechtechnik, Stimmstützen, all so was. Das erspart einem jeden Kursus. Die renommierten Tonmeister, mit denen ich bislang gearbeitet habe, meinten, ich hätte eine wunderbare Stimme, mit der ich auch im Theater bis ganz nach hinten käme.

Wo Sie aber – abgesehen von den Karl-May-Festspiele – keine Erfahrung haben.

Vielleicht ändert sich das ja bald. Ich habe jedes Jahr Angebote. Aber bislang fielen die bei mir immer mit Dreharbeiten für meine Serien zusammen. Und Fernsehen ist natürlich lukrativer.

Die meisten Schauspieler gönnen sich die Bühne auch zur künstlerischen Verwirklichung, während das Fernsehen eher Broterwerb ist.

Genau, wenngleich man da auch nicht von der Hand in den Mund lebt. Ich habe den Vorteil, dass man mich nicht einkauft, weil ich so ein grandioser Bühnenschauspieler bin, sondern weil sie meinen Namen haben wollen. Und was ich daraus mache, ist immer ein Sprung ins kalte Wasser. Auf der anderen Seite hab ich in Bad Segeberg gemerkt, dass mir die Bühne liegt. Ich bin eben kein introvertierter Typ, deshalb weiß ich, dass ich nicht ungeeignet wäre. Ein Komödienboulevardstück, etwas seichtere Unterhaltung, würde mir da sicher liegen.

Ihr Nachfolger als Weihnachtskinderstar Hendrik Martz hat es gerade in Berlin als Woyzek versucht. Ist das ein höherer oder nur ein anderer Anspruch als eine leichte Komödie?

Komödie ist gar nicht so einfach, im Gegenteil. Da ich aber zur Komödie neige, hätte ich eher Respekt vor klassischen Rollen. Ich denke der Unterschied ähnelt dem von Kino und Fernsehen: Kino wird als höherer Anspruch empfunden. Dabei ist es nur eine andere Kamera, ein anderer Bildausschnitt, andere Auflösung, hochwertigere Technik. Doch die Schauspieler machen im Grunde das gleiche: Sie spielen ihre Rollen, allerdings nicht automatisch besser. Der Hamlet kommt einem nur bigger vor.

Nervt das den, der ihn nicht spielt?

Ich bin da nicht anspruchs- oder leidenschaftslos, aber wenn ich ein Leben lang Serien mache, weil nichts anderes kommt, werde ich damit trotzdem glücklich. Das ist wie beim Golf: Man kann noch so toll abschlagen, man wird nie perfekt spielen, alles mit einem Schlag. Wer das permanent im Hinterkopf behält, wird als Schauspieler nicht glücklich.

War das ein Plädoyer gegen Perfektionismus?

Nein, nein. Ich bin Perfektionist. Ich komme immer bestens vorbereitet zum Set und will immer 100 Prozent geben. Aber man sollte auch mal mit sich zufrieden sein und das fällt vielen schwer. Die ertränken das dann gern mal im Alkohol oder geben auf, während ich Realist bin. Ich bin Widder. Ich steh mit beiden Beinen auf dem Boden. Für mich ist meine Familie das Wichtigste und wenn ich Getränke austragen müsste, um es ihr gut gehen zu lassen, würde ich auch das gern tun. Mein Job ist der schönste, den ich mir vorstellen kann, aber er ist nicht alles. Das heißt nicht, keine Ziele zu haben.

Klingt ungemein bodenständig.

Absolut. Und ich bin froh darüber. Mir einen Hut quer aufzusetzen, in Lotterhosen auf Smokingpartys rum zu laufen, auf künstlerisch zu machen – das ist nicht mein Stil. Das wird oft als Mangel an Ehrgeiz ausgelegt, aber ich bin auch glücklich, wenn ich die Leiter, deren Ende sowieso nicht erkennbar ist, nicht versuche bis ganz hinauf zu steigen.

Liegt das daran, dass Sie in den Beruf eher hineingeraten sind?

Ich glaube, das ist eher eine charakterliche Frage.

Von den vielen Kinderstars der Weihnachtsserien hat es nur Katja Studt zu ganz großen Rollen gebracht. Thomas Ohrner, Sylvia Seidel, Josef Gröbmayr oder Sie sind dagegen nie über Serien und Shows hinausgekommen.

Für meine Ansprüche decke ich alle Bereiche ab. Natürlich war da viel Familiäres dabei, aber ich habe mir eine gewisse Vielschichtigkeit erarbeitet. Bei Thommy war’s so, dass er als Erwachsener seine jugendliche Frische verloren hat. Die Chance, nach dem Stimmbruch interessant zu bleiben, ist eben gering. Ein Rezept gibt’s da nicht und bei Thommy hat es nicht geklappt, obwohl er gern als Schauspieler weitergemacht hätte. Aber Moderation ist auch keine leichte Sache. Ist mir auch angeboten worden, hätte ich womöglich auch gekonnt, aber dann ist die Schauspielerei vorbei.

Sie sagten erst kürzlich, über Angebote nicht klagen zu können – viele Kollegen müssten sich mit Synchronrollen rumschlagen. Ist das Geschäft so hart?

Zum einen, bestehen große Teile des Programms aus Shows, Soaps, Telenovelas, wo man als seriöser Schauspieler sagt: Das ist nicht mein Sendeplatz. Und für den Rest gibt es so um die 30 Schauspieler, die sich draufsetzen. Das sind übers Jahr gerechnet ein paar Tausend Rollen, die wegfallen. Mit der Maueröffnung kamen zudem viele gute Schauspieler hinzu, die teils zu Preisen gespielt haben, die ein Westschauspieler nicht akzeptiert hätte. Dadurch haben sich Sondergagen durchgesetzt, Abschläge, dazu weniger Sendeplätze, viel Comedy – Angebot und Nachfrage haben sich zum Angebot hin verschoben. Da war es gut, dass ich auf die Synchronschiene geraten bin und Hörbücher mache. So kommt noch etwas Geld rein.

Gibt es Silas als Hörbuch?

Meines Wissens nicht. Das wäre aber auch mal eine Variante, warum nicht.

Als DVD läuft es gut?

Ich glaube ja.

Wenn man auf wunschliste.de geht…

Steht Silas ganz oben.

Und es gibt Hunderte aktuelle Einträge von Fans, von Eltern, die ihre Söhne Silas genannt haben. Kennen Sie einen Silas?

Ich hab mal einen kennen gelernt, als wir die Strandclique gedreht haben.

Ihren eigenen Sohn so zu nennen, kam aber nicht infrage.

Um Gottes Willen, nein. Das wäre ja völlig gestellt. Der Name ist mir auch zu weit weg. Das ist Historie, keine Gegenwart.

Warum gibt es den Weihnachtsmehrteiler eigentlich nicht mehr?

Der ist dem Trend der Schnelligkeit erlegen. Die ersten fünf, sechs waren noch echte Erfolge, danach hatten die ihren Zauber verloren. Als die Privaten auf Sendung gingen und den Markt zugepflastert haben, gingen zudem die Quoten in den Keller. Wenn man heute im Vorabendprogramm mit einer Serie im Schnitt viereinhalb Millionen hat, kannste jubeln. Jack Holborn hatte 46 Prozent, das sind 25 Millionen.

Wenn man Ihnen anbieten würde, eine Fortsetzung von Silas zu drehen – würden Sie das machen.

Jo. Sofort. Es müsste zwar passen und ich glaube, Silas ist zu weit weg. Aber die Schwarzwaldklinik hat ja auch noch mal funktioniert.


Selbstunbefriedigung

fragezeichen_1_Es gibt eigentlich nur zwei Sorten Filme, in denen onaniert wird: Echte Pornos, und da machen das meist andere für einen. Oder ARD-Dramen, und da ist das eine triste Angelegenheit. Merkwürdig

Man kann es fast an einer Hand abzählen, was auch in Film und Fernsehen mit fünf Fingern der Selbstbefriedigung dient, aber nicht strikt pornografisch inszeniert wurde: Der Altschauspieler Jürgen Vogel hat es mal als zwanghafter Vergewaltiger im Kinofilm Der freie Wille getan, der Jungschauspieler Jonas Ney als verliebter Teenager im ARD-Drama Homevideo, der US-Schauspieler Evan Handler als geiler Schriftstelleragent im Serien-Erfolg Californication: masturbiert. Schon die Tatsache, dass zwei der drei für diese schonungslose Eigenauslieferung mit Preisen überhäuft wurden, zeigt schließlich, wie selten die vermutlich verbreitetste Sexpraktik der Welt generell visualisiert wird.

Das hat zunächst ästhetische Gründe; es gibt ja schönere Anblicke als masturbierende Frauen, von Männern ganz zu schweigen. Dann wären da psychosoziale; denn so gern Kameras dem Geschlechtsakt als Paar- und Gruppenveranstaltung beiwohnen, gilt er solo als Beleg latenter Vereinsamung. Womit wir bei der stichhaltigsten Erklärung wären, die in etwa so profan ist wie jene, warum uns so wenig reale Morde gezeigt werden: Während gefilmter Beischlaf auch als Fiktion Ausdruck ausgezeichneter Virilität bei Mimen und Echtmenschen ist, lassen sich die wenigsten freiwillig bei der Selbstbefriedigung filmen, und sei sie bloß angedeutet. Ist vielleicht auch besser so…


Tilmann Otto alias Gentleman, Hamburg 2012

Jamaika kommt auch ohne mich gut aus

Tilmann Otto kennt kaum ein Mensch, Gentleman dagegen sogar halb Jamaika. Der 39-Jährige Kölner aus Osnabrück ist Deutschlands weltweit populärster Reggae-Export und selbst im Heimatland des Genres anerkannt. Sein neues Album New Day Dawn ist wie immer sofort hoch in die Charts gestiegen und die anschließende Tour dürfte volle Hallen garantieren. Ein Gespräch über Reggae, Sexismus, Heimat und Weiße in der schwarzen Musik.

freitagsmedien: Gentleman…

Gentleman: Oh, Tilmann bitte.

Also, Tilmann. Wenn man jemandem Reggae erklären muss, der davon das übliche Bild zwischen Karibik und Kiffen hat – wie würden Sie ihn umschreiben?

Tilmann Otto: Wenn man Musik erklären muss, hat sie oft zu wenig Substanz, um aus sich selbst zu sprechen. Deshalb würde ich es gar nicht erst versuchen, und es muss auch wirklich nicht jeder Reggae hören. Andererseits sind einige der größeren Klischees langsam auch mal gut. Es gibt pappeflachen, stumpfsinnigen Dancehall und hochintelligenten, sozialkritischen Roots ohne Sunshine-Feeling, dafür mit permanenter Attacke gegen Missstände und Establishment. Es gibt moderne und traditionelle Ansätze, so wie es auch im HipHop stupide und schlaue Lyrics gibt. Gäbe es nur einen der Pole, wäre es doch wieder Musik, die man erst erklären muss, um sie Nicht-Eingeweihten schmackhaft zu machen.

Läuft in Jamaika denn nur der auserlesene, feine Reggae, ohne den Schrott?

Im Gegenteil. Wenn man da das Radio anmacht, läuft das ganze Spektrum. Das einzig vereinende Element ist, dass tatsächlich zu 80 Prozent Reggae, hauseigene Musik gespielt wird.

Die jamaikanische Volksmusik.

Kann man so sagen.

Und sie wird auch als solche wahrgenommen?

Mehr noch: Musik, also Reggae, bildet den größten Teil der jamaikanischen Kultur. Trotzdem wird sie im positiven Sinne so globalisiert, dass immer mehr Produktionen, die dort zu hören sind, international produziert werden. Selbst in Deutschland. Das Netzwerk funktioniert überall. Als ich dort mein erstes Album produziert habe, gab’s noch diese Blase heimischer Künstler, in die man als auswärtiger kaum rein gekommen ist. Heute sind die Türen offener.

Hat das mit Globalisierung als solcher oder mit der Entwicklung des Sounds zu tun?

Mit beidem, aber auch Jamaika hat festgestellt, dass in der Masse Klasse stecken kann. Dass unter der schieren Menge von Tracks, die unablässig in Jamaika releast werden, unter all dem Bullshit auch unglaublich viele Perlen zu finden sind, die man nie entdecken würde, hätte sich die Insel nicht ausländischen Szenen geöffnet. Da ist mittlerweile einiges textlich und technisch so hochwertig, dass es sein Publikum findet.

Wie erleben Sie das vor Ort?

Also meine zweite Heimat, wie oft geschrieben wird, ist Jamaika nicht. Meine erste ist Köln, meine zweite überall. Aber ich fühle mich zuhause in Jamaika und je länger ich fort bin, desto mehr zieht es mich zurück nach Kingston, dem Nashville des Reggaes. Das ist ein Weg an die Quelle.

Waren Sie dort denn je der Reggae-Musiker, der zufällig aus Deutschland kommt, oder doch der Deutsche, der auch Reggae macht?

Ich glaube, Jamaika kommt auch ohne mich ganz gut aus. Trotzdem werde ich eher als Musiker wahrgenommen, der auch aus Deutschland kommt. Zeit verwischt da vieles. Mein erster Song, der da im Radio lief, war Jah Jah Never Fail von meinem ersten Album vor zwölf Jahren. Viele, die ich heute auf der Straße treffe, im Studio, wussten damals gar nicht, dass das von außerhalb kommt.

Muss man als weißer Künstler in genuin schwarzer Musik um Anerkennung kämpfen?

Generell vielleicht, ich nicht, weil ich oft das Glück hatte, zur rechten Zeit die richtigen Leute zu treffen, um es eine Stufe weiter zu bringen. Sicher gibt es immer Leute, die es merkwürdig finden, dass jemand, der mit Willy Millowitsch groß geworden ist, plötzlich auf Bob Marley macht. Aber ich hab immer mit der Gewissheit geantwortet, eine Musik zu machen, die überall auf der Welt funktioniert.

Nichtsdestotrotz haben Sie sich dabei eine Sprache angeeignet, die manche als Anbiederung ans Mutterland verstehen könnten.

Natürlich hat mein Englisch einen jamaikanischen Einschlag, aber ich singe bewusst so, dass ich auch verstanden werde. Deshalb versuche ich so englisch wie möglich zu singen, nicht im tiefsten Patois, um zu suggerieren, ich sei wer weiß wie jamaikanisch. Es kann sein, dass ich manchmal bemüht klinge. Aber wenn du lange Zeit in der Fremde lebst, färben sich viele Gewohnheiten regional ein, nicht nur die Sprache. Deshalb folgt es noch lange keinem Kalkül; es passiert einfach. Ich wollte ja auch nicht mein Leben lang Reggae machen oder unbedingt, da ist es wieder, nach Jamaika gehen.

Sondern?

Ich wollte schon früh im Leben so viel wie möglich im Moment leben, ohne ständig der Spontaneität zu huldigen. Ich hatte immer eher Visionen als Pläne, wollte natürlich Musik machen, hab aber gerade deshalb lange mit Existenzängsten zu kämpfen gehabt, ohne zu wissen, wohin die Reise geht. Erst als ich nach dem Zivildienst in den Freundeskreis geraten bin…

Den Conscious Rappern aus Stuttgart.

… da wurde der Weg klarer. Ich war viel auf Tour, viel fort, viel am Probieren. Mein erster Plattenvertrag bei Four Music hat mich dann förmlich getragen. Trotzdem fängt man bei jedem Album bei Null an, und ich weiß ehrlich gesagt auch nicht, was ich in fünf Jahren mache, ob es überhaupt noch Reggae ist. Ich will immer Musik machen und davon meine Familie ernähren, aber die Richtung gilt nicht für die Ewigkeit.

Wobei Reggae wie HipHop weniger Musikrichtung als Lebenseinstellung ist.

Auf meinem Skateboard stand „Skateboarder for ever“, aber irgendwann wurde aus ever doch over, vielleicht mache ich also irgendwann Punk. Glaub ich zwar nicht, weil ich auch nach 25 Jahren des Hörens und Machens nicht ansatzweise müde bin. Aber ich hab mich auch immer geöffnet; ich hab mit den Toten Hosen Songs gemacht, mit einem türkischen Popact wie Mustafa Sandal, Filmmusik. Die einzige Konstante im Leben ist Veränderung, aber ich komme immer wieder zurück zum Roots-Reggae.

Auch wegen der Spiritualität?

Ich bin davon überzeugt, dass es eine Energie gibt, die alles zusammenhält. Aber einer Religion fühle ich mich ebenso wenig zugehörig wie einer Kirche, obwohl mein Vater Pastor ist. Auch von den Rastas habe ich über lange Zeit in den Bergen Jamaikas viel gelernt, über die Philosophie hinter der Musik, das bewusste Leben im Moment, von Atmen bis Essen. Diese Spiritualität ist sehr tief, stößt aber an ihre Grenzen, wenn es dogmatisch wird und Haile Selassie der Allmächtige sein soll. Ich glaube, dass jede Religion einen guten Kern hat, aber die Göttlichkeit des Moments entsteht für mich nur aus Musik und Sex; alles andere verbindet sich zu sehr mit Zukunft und Vergangenheit.

Macht das Ihre Texte im jamaikanischen Sinne spirituell?

Nein, denn mich inspiriert diese Spiritualität genauso wie die „Tagesschau“ oder ein Bericht in der „Zeit“, Alltägliches, Songs, alles.

Sorgen diese Quellen für Botschaften, die Ihren Texten innewohnen?

Früher dachte ich, es gibt schwarz und weiß, heute denke ich auch in Grautönen. Das will ich in meinen Songs rüberbringen. Meistens teile ich aber nur Gefühle mit den Zuhörern, um nicht allein zu sein damit und sie nicht allein zu lassen mit ihren. Ich glaube noch immer an das Gute im Menschen.

Ist das die Message?

Schon. Die Kraft des Wortes sollte man nicht unterschätzen und ich spüre als Musiker eine gewisse Verantwortung.

Auch gegenüber dem Vorwurf, Reggae sei schwulenfeindlich?

Sicher, aber die Debatte hat ein Level erreicht, wo wegen einiger Künstler wie Sizzla ein ganzes Genre kriminalisiert wird. Mich stört Homophobie extrem und ich distanziere mich klar davon; manche Lyrics sind absolut unverantwortlich. Trotzdem hat jeder das Recht, Homosexualität abzulehnen. Ich glaube an Veränderung, und jede davon wird durch Musik begleitet. Deshalb werden in meinen Texten keine Minderheiten gedisst, sondern unterstützt. Wir als Musiker können die Welt vielleicht nicht verändern, aber ein bisschen erträglicher machen. Und da liegt die Betonung auf Eigenverantwortung. Es ist leicht, alles auf Verantwortliche aus Wirtschaft und Politik abzuwälzen. Deshalb fordern meine Texte eher Aktivität im Mikrokosmos der eigenen kleinen Welt.

So was treibt einen schnell ins Schneckenhaus.

Stimmt. Und wenn man aus dem engsten Umfeld in Kingston ständig Geschichten hört, wie da aus nichtigsten Gründen Gewalt eskaliert und Menschen getötet werden, dann kann man nicht nur an Eigenverantwortlichkeit appellieren; die Kritik muss sich also auch ans System darüber richten, an den Kapitalismus, an Eliten.

Gibt es gesellschaftliche Umstände, in denen Reggae besser funktioniert oder schlechter?

Eher nicht. Reggae war immer schon Underground, auch wenn es einige Künstler immer mal in den Mainstream schaffen. Krise trifft den Reggae deshalb eher aus sehr profanen Gründen: Downloads und all so was machen ihr zu schaffen wie jeder anderen Musikrichtung. Da ist im Moment die Phase des Umbruchs.

Ihre Platten gehen doch blendend.

Es liegt mir auch fern, mich persönlich zu beschweren. Aber auch ich befinde mich da in Aufs und Abs. Zwischendurch lagen meine Zuschauerzahlen so in 5000er-Venues, im Moment eher im 2000er-Bereich. Das Wichtigste ist, die Leidenschaft nicht zu verlieren.

Singen Sie irgendwann auch mal auf Deutsch?

Wer weiß, kann sein, im Moment eher nicht, vielleicht als Intermezzo. Deutschland ist meine Heimat, mit meiner Sprache, die eine ganz eigene Tiefe hat. Aber wenn ich mir unsere Tourpläne so ansehe, sind deutsche Städte eben nur ein kleiner Teil. Vielleicht eher auf Kölsch.


Schaumdusche

fragezeichen_1_Dass bei feierlichen Filmanlässen gern mal die Korken knallen, ist ja dramaturgisch durchaus nachvollziehbar. Aber warum bitteschön muss es dabei immer so schäumen? Merkwürdig

Es gibt Verbote des Alltags, die kriegt man schon als kleines Kind unablässig eingebimst: Kau nicht an den Fingernägeln! Füße runter vom Tisch! Weg mit dem Draht von der Steckdose! Sprich nicht beim Essen! Iss nicht beim Sprechen! Oder das hier: Öffne keine Brause, die zuvor geschüttelt wurde! Zu dumm, dass sich auf Bildschirm und Leinwand niemand daran hält. Zumindest, wenn die Brause Wein enthält und feuchtfröhlich prickelt. Denn wann immer es was zu Feiern gibt – irgendjemand muss den Champagner vorm Entkorken noch kurz in die Zentrifuge gesteckt haben, so sehr spritzt es grundsätzlich aus der Buddel.

Das könnte zunächst mal anlassbezogen sein. Es geht ja beim Schampus in der Regel ums Feiern, und weil Film wie Fernsehen nun mal sehr visuelle, also eher plakative Medien sind, müssen sich knallende Korken irgendwie auch optisch manifestieren. Warum aber müssen gleich riesige Fontänen aus dem Flaschenhals schießen, die zudem grundsätzlich durch den ganzen Raum verteilt werden? Ganz einfach: dann darf der begleitende Akustik-Overkill noch um das übliche Gieksen, Kreischen, wowowow-Gerufe der eingenässten Partygäste erweitert werden. Denn merke: im Fiktionalen hat jede Handlung alle Beteiligten aufs Höchste zu erregen. Wie soll es andernfalls genau das mit Zuschauern machen, die es seit Einführung der Privatsender nicht mehr gewohnt sind, Gefühle ohne Bildunterstützung zu registrieren. Also: Schütteln, Öffnen, Trallala – Verbote sind zum Brechen da.


Nazi-Tappert und Inzest-Willem

Werbung, RFT Color 20, FernseherRücksichtnahme

Die Woche, die war: 22.-28. April

Reporter sind die Pest. Besonders in Film, Funk, Fernsehen kommen sie daher vorwiegend als sensationslüsterne Schmierfinken weg, die „für eine gute Story“ über Leichen gehen, mindestens aber knietief durch Blut und Sperma waten. Doch auch sonst lässt kaum jemand ein gutes Wort an der Presse: “Journaille” ist da noch der freundlichste Ausdruck für eine Spezies, die im öffentlichen Bewusstsein vor allem niedere Instinkte hat und bedient. Da ist also Vorsicht geboten, wenn mal einer warme Worte für die vierte Gewalt findet. Karl-Heinz Rummenigge zum Beispiel. „Kompliment an den Journalisten“, sagte der Bayern-Boss nach dem Halbfinale der Champions League zum publik gewordenen Transfer des besten Dortmunder Spielers namens Götze zur Münchner Konkurrenz und wiederholte auch in den Tagen drauf mehrfach: „Das hat er sehr, sehr gut recherchiert“. Hat er das, Herr Rummenigge? Hat der mächtige, machtbewusste FCB den Infotank nicht doch selbst kurz leck geschlagen und sodann die Presse dazu genutzt, den aufmüpfigen Ruhrpottrivalen zur Unzeit zu verunsichern?

Darüber hätte man nach dem Hinspiel in der Sky-Expertenrunde schön reden könnten, wären die Herren Beckenbauer, Gulitt, Polster nicht fortwährend abgelenkt gewesen von zwei vollbusigen Kellnerinnen in nahezu textilfreier Pornouniform auf 24-cm-Killerheels, die komischerweise nur dann reinen Wein einschenken, wenn die Kamera läuft. Dann doch lieber die Hotpants von Petra Schmidt-Schaller, die an der neuen Assistentin des neuen Tatort-Kommissars Wotan Wilke Möhring zwar auch keinen tieferen Sinn erfüllten, als männlichen Zuschauern Zugang zum neuen Hamburger Team zu gewähren und nebenbei ein paar Blondinenklischees zu bedienen, aber gut: Ihr erster Fall Feuerteufel war auch sonst eher konstruierte Kost.

Konstruiert wie (Pardon für den konstruierten Übergang) die Biografie von Horst Tappert, der seine SS-Mitgliedschaft mit einer Sanitäter-Legende kaschiert hatte, die Samstag aufflog. Als wäre das nötig gewesen… Im männerreduzierten Nachkriegsdeutschland waren Nazikarrieren bekanntlich selten ein Aufstiegshindernis. Das zeigten alle Eliten aus Politik, Wirtschaft, Justiz und Militär mit ihren dicht gewobenen Seilschaften bis in die höchsten Ränge von NSDAP und BRD, das zeigte aber auch ein Kulturbetrieb, der mit NS-Höflingen von Heesters über Rühmann bis hin zu Herbert Reinecker, der aus seiner Vergangenheit als SS-Propagandist nie einen Hehl machte und Tappert trotzdem 281 Folgen Derrick schreiben durfte. Tja, ging halt irgendwie einfach – sorry, echt blöd gelaufen – nicht ohne Nazis…

Aussichtsplattform

Die Woche, die wird: 29. April – 5. Mai

Geht ja auch nicht (ja, noch so ein Übergangskonstrukt) ohne den Adel. Deshalb bläst das Fernsehen im Zusammenspiel mit dem Restboulevard Dienstag auch zum aristokratischen Overkill, wenn Hollands Königin Beatrix die Krone an ihren Inzestzögling Willem-Alexander übergibt, was in demokratischen Zeiten eigentlich keine Sau interessieren sollte, der ARD aber fast 12 Stunden Thematisierung ab 9 Uhr wert ist und immerhin noch deren 5 bei RTL. Dort geht es ansonsten selten ohne Titten, Spoiler, harte Jungs. Deshalb startet der Sender auf dem konsequenten Weg programmatischer Selbst- wie Fremddebilisierung sein neues Action-Krimi-Hochglanzformat Medcrimes gleich mal mit einem kernigen Einsatz im Stripclub, wo dem sabbernden Pennälerkernpublikum, kurz bevor der „knallharte Polizist Alex Steiner“ lächelnd ein paar Ganoven vermöbelt, noch flugs ein paar Hochglanzbrüste vor die Nase gehalten werden. Ansonsten geht’s um irgendwas mit Verbrechen und Medizin und Bullen mit alten Sportwagen und flapsigen Sprüchen und ist ja eigentlich auch egal, bei so viel – schon wieder! – konstruierter Dummheit. Wichtiger ist ohnehin die Drohung, das soundsoßenertränkte Machwerk sei ein Pilot, also Auftakt einer Serie.

Ach Privatfernsehen.

Dabei kannst du es besser, das zeigst du ja bisweilen. Sat1 etwa, heute um 23 Uhr, mit der Spiegel-TV-Reportage Zeugen des Untergangs, wo Überlebende von den letzten Tagen im Führerbunker berichten. Oder der Gummibärchenbrausesender Servus TV, auf dem Dienstag die bemerkenswerte BBC-Serie Call the Midwife über Hebammen in den 50er Jahren anläuft. Oder – nee, das war’s auch schon, danach regiert kommerziell wieder RTL-Geprolle wie Teenage Boss, bei dem Jugendliche mit Namen wie Jaqueline ab Mittwoch zur besten Sendezeit je vier Wochen lang die Haushaltskasse ihrer Familien verwalten sollen. Also doch wieder zurück zum öffentlich-rechtlichen Programm, wo es zwar auch nicht viel innovativer zugeht, aber wenigstens weniger voyeuristisch. Heute Abend zum Beispiel, wo ZDFkultur ab 19.20 Uhr Queens of Pop porträtiert, zunächst Aretha Franklin, Diana Ross, Donna Summer und Kate Bush. Oder beim RBB, wo Rosa von Praunheim dem Sender zum 10, Geburtstag zehn Lebensgemälde aus diversen Metropolen namens Rosen haben Dornen widmet. Perlen zwar, schwer zu finden, aber wer nicht sucht…

… findet auf den besten Sendeplätzen nun mal entweder Fußball, der Montag/Dienstag dank deutscher Bayerisch-Dortmunder Finalhoffnungen in der Champions League das kollektive Sehverhalten dominieren wird. Oder Stromlinienware wie Die Kinder meiner Tochter, wo Jürgen Prochnow einen „Richter Eisenhart“ spielt, der nicht zufällig an „Richter Gnadenlos“ Schill aus Hamburg erinnert und den intellektuell ausgedörrten Zuschauerstamm des ZDF am Sonntagabend mal mit einem komplizierten Rezept fordern will, am Ende aber doch nur Hausmannskost serviert. Apropos Servieren: Zurück zu Servus TV, das den TV-Tipp der Woche liefert: Ab morgen, 21.15 Uhr, läuft dort die Wiederholung der famosen 30-teiligen Krimiserie Anna Pihl aus dem famosen Krimiland Dänemark.


Die Samstagsreise: Freeride, Tirol

Der Berg rast

Wer Radfahren sagt, meint meist, von A nach B zu kommen. Beim Freeride in Leogang heißt es eher: von einem Adrenalinschub zum nächsten. Eine gepanzerte Testfahrt ins Glück

Von Jan Freitag

Es gibt Dinge, die tut man einfach nicht, nicht bei klarem Verstand. Fassadenklettern, Stiere reizen, Komasaufen, Gesichts-Tattoos, solche Dinge. Oder Steilhänge mit 20 Prozent Gefälle im Schuss abwärts rasen, über dicke Baumwurzeln und schmale Holzstege, durch enge Baumgruppen, noch engere Kurven und das Ganze: mit dem Fahrrad! Es gibt also eine ganze Reihe innerer Blockaden, die einrasten, wenn Sabine Enzinger ihr argloses Lächeln zeigt und dazu rät: „Einfach laufen lassen.“ Einfach. Laufen. Lassen. Leichter gesagt als getan.

Wenn Sabine Enzinger in ihrer Hochgeschwindigkeitswelt zum Einfachlaufenlassen bittet, öffnet sich schließlich nicht nur Anfängern ein Tor in Abgründe, vor denen vorsichtige Eltern schon immer gewarnt haben. Abfahrten, die schwarz gekennzeichnet würden, wären sie weiß beschneit. Doch es ist Frühling und gefahren wird im österreichischen Leogang auf zwei Rädern. Acht Parcours schlängeln sich im Bikepark die Nordwand des Asitz Richtung Talstation hinab, mal einige Hundert Meter lang, mal mehrere Tausend. Mit Namen von „Bongo Bongo“ bis „Terminator“ durchziehen sie Hanglagen, in denen vernunftbegabte Menschen ihr Rad normalerweise schöben. Doch was ist schon normal beim „Freeride“, einer radikalen Spielart des Querfeldeinrasens, deren Radikalität nur vom „Downhill“ übertroffen wird. Beides mag zusammen eine Funsportart auf zwei Pedalen bilden – mit Radeln hat sie so viel zu tun wie die bemannte Raumfahrt mit Propellerantrieb.

Seit Skigebiete weltweit ihre Pisten zur ganzjährigen Nutzung für Mountainbikes freigeben, schießen solche Anlagen aus dem Bergboden wie einst Schlepplifte. Allein im Alpenraum konkurrieren mehr als 60 Bikeparks um Adrenalinfans. Doch keiner garantiert die Ausschüttung wie Leogang. Wer im Salzburger Land nahe der Deutschen Grenze aufs Rad steigt, panzert sich wie Eishockeytorwarte. Wer oben losfährt, tut es tendenziell ungebremst. Wer trotzdem sicher unten ankommen will, sollte zunächst mal ein paar Takte mit Sabine Enzinger reden. Die ziemlich zierliche Tirolerin mit dem flachsblonden Haar mag auf den ersten Blick nicht so wirken – als Leiterin der Bikeschule Leogang ist sie „DIE Freeriderin überhaupt“, wie das Szeneblatt „World of Mountain Biking“ in seinem Parktest feststellt. Und eben das ist Sabine Enzinger nur, weil ihr Lächeln auch mal kippen kann. „Einfach laufen lassen“, wiederholt sie am Eingangstor des „Flying Gangster“. Ein schwerer Kurs, Freeride für Fortgeschrittene, aber durchaus Laientauglich. Dann guckt sie plötzlich streng: „Aber bloß nicht selbst überschätzen!“ Es ist keine Bitte.

Dabei bedarf es wirklich keines Befehls, um Neulingen Achtung vor dem zu verschaffen, was sich da talwärts windet. Nach ein paar vertrauensbildenden Maßnahmen – Slalom, Bremsen, Körperbeherrschung, ein Crashtest – an der Talstation jener Bergbahn, die im Sekundentakt Biker hoch zur Mittelstation bringt, nach drei vorsichtigen Abfahrten den anfängerfreundlichen „Hangman“ hinab, steht man nun also vorm „Flying Gangster“ und stellt kurz seine Zurechnungsfähigkeit in Frage. „Das sieht nur so steil aus“, flötet Sabine, „wenn du mal drauf bist, geht’s“. In der Tat – es geht. Es geht rasant über regenweiche Sandrinnen von einer Armlänge Breite und „Roller“ genannte Hügel, die zwei kräftige Federgabeln am Vorderrad schlucken, als sei der Weg plan. Es geht nach einer Weile zusehends selbstsicherer über schmale Bretterstege und hölzerne Steilkurven, von Kennern – wir sind hier in der Skaterszene – als „Wallrides“ bekannt, in die man sich wider jede Vernunft mit vollem Gewicht hineindrückt, um aus der Kehre förmlich herauszuschießen. Es geht dies alles ohnehin mit der durchschnittlichen Fliehkraft von 20 Prozent und mehr, zurückhaltend ausgebremst – um die Stabilität zu halten. Die geht dann doch jäh flöten, als unverhofft ein Satz Bodenwurzeln auftaucht. Was Könnern kein Wimpernzucken wert wäre, wirbelt den Anfänger auf dem stabilen Leihrad mit anderthalb Saltos durch die Luft und verdeutlicht gleich mal den Sinn all der Protektoren bis hin zu Rückenpanzer und Integralhelm. Denn danach geht es: sofort weiter.

Kurz abklopfen, Rad checken, Matsch von der Skibrille. „Lebsch noch?“, fragt Sabine lässig und steigt nicht mal ab. Mit 40 Jahren Lebenserfahrung, der Hälfte davon im Gelände, weiß sie: Das Material hält, die Endorphine fluten, der gibt nicht auf! Es braucht halt „Guts“, wird sie nach der sechsten (oder siebten?) Abfahrt sagen, wenn alle Muskeln brennen und die Handballen pochen, als parke darauf ein Kleinwagen. „Eier“, würde Oli Kahn sagen. Aber das trifft es nicht, nicht nur. Man braucht die exakte Mischung aus Kühnheit und Kontrolle, Ratio und Bauch. Deshalb sind Sabine Enzinger sportliche Thirtysomethings mit Familie lieber im Debütantenkurs als manch heißblütiger Teenager. „Die haben Angst, als zu alt für so was zu gelten, aber noch mehr, dass was dabei passiert“. Sie nennt das Respekt vorm Berg und den eigenen Grenzen. Rasen soll schließlich nur der Puls, kein Krankenwagen.

Da überlassen wir „Speedster“ doch lieber den jungen Desperados im Wald nebenan. Auf dem Downhillkurs, wo das Gefälle noch größer ist, der Untergrund noch ruppiger, die Wege noch enger, die Steilkurven noch höher. Wo zu alledem alles voller Bäume ist und schon mal reihenhaushohe Holzrampen im Wege stehen. Wer da runter fährt, ohne Zögern und mit Spaß dabei, der kann im Gelände alles, der packt auch die „Big 5 Bike Challenge“, 5000 Höhenmeter abwärts durch fünf Skiorte. An einem Tag. Nach dem allerersten im Bikepark packt der Neuling aber erstmal seine geschundenen Glieder in die Badewanne. „Nie hinsetzen. Spannung halten. Ein Finger an die Bremse. Pedale parallel. Augen in Fahrtrichtung. Keep focused!“ Sabine Enzingers Appelle hallen noch im heißen Wasser nach, wenn der Körper so langsam regeneriert. Morgen muss er wieder funktionieren. Der Berg ruft. Und übermorgen? Ist man ein besserer Radfahrer. Versprochen.

Bikepark Leogang, c/o Leoganger Bergbahnen, Hütten 39, A-5771 Leogang, Tel.: 0043(0)6583-8219; info@bikepark-leogang.com, www.bikepark-leogang.com