Adolf Kujau, Führer und Tagebuchautor

Stern_Logo.svgKonrad Hitler Superstar

Heute vor genau 30 Jahren verkündete der Stern stolz vor versammelter Weltpresse, Adolf Hitlers Tagebücher entdeckt zu haben. Es waren zwar dreiste Fälschungen, aber sie passten bestens zur neuen Medienwelt. Was seither mehr denn je zählt, ist der Knüller, nicht die Recherche.

Der Sieg des Boulevards über die Nachricht hat ein Datum: Am 1. Januar 1984 ging der erste deutsche Privatsender auf Sendung. Vielleicht fand er aber auch gut acht Monate früher statt. Ganz sicher aber wurde Winston Churchills Victory nicht erst von Josef Ackermann entweiht, sondern durch einen kleinen Reporter einer großen Zeitschrift. Nervös reckte Gerd Heidemann am 25. April 1983 ein paar Bücher in die Höhe, und als die Meute Fotografen vor ihm brüllte, er möge das Siegeszeichen machen, da spreizte der blasse Reporter die Finger zum V. Es war das Zeichen eines Sündenfalls.

Denn gegen alle Bedenken, ein abschließendes Gutachten des BKA zum Trotz, veröffentlichte der Stern heute vor 30 Jahren Sensationelles. „Hitlers Tagebücher entdeckt“, prangte drei Tage zuvor bei der internationalen Pressekonferenz in Hamburg auf überdimensionalen Titelbildern hinter Heidemann. Sie sollten bald darauf in stark erhöhter Auflage die Zeitungskioske prägen. Dass es sich um Fälschungen handelt, wehte durch die Gerüchteküchen der Republik, blieb aber den Zauderern vorbehalten, den Nostalgikern und Mutlosen. Ihren prominentesten, Andreas Hillgruber, schmähte das Magazin im Editorial als „Archiv-Ayatollah“ mit rechtem Stallgeruch. Es war nicht unbedingt die Zeit der Recherche, es war die des Scoops, der Knüller um des Knüllers Willen. Eine hektische Zeit. Denn es dräute etwas am Medienhimmel. Die Yellowpress wurde um den Begriff des Lifestyle erweitert und expandierte kräftig, der Nachrichtenwert von Königshäusern war mit Lady Dianas Hochzeit enorm gewachsen, vor allem aber planten die Privatsender den Sprung ins Programm. Was das bedeutet, konnte man bereits im Frankreich beobachten: Dort bauschte RTL Stars wie Sternchen zu echten News auf und füllte den Platz zwischen Hollywoodfilmen mit Soapoperas oder langen Werbeblöcken.

Die neue, kommerzielle, aufgeregte Mediengesellschaft war im Anflug, ihre Verbreitungstechniken beschleunigten sich, die Generation Golf hatte es eilig. Da konnte es sich ein großes Blatt wie der Stern nicht leisten, zaghaft mit seinem Exklusivmaterial umzugehen. Nur wenige Wochen dauerte es vom Ankauf der ersten von 60 Bänden aus der Hand des brillanten Fälschers Konrad Kujau bis zur Druckfahne (an Führers Geburtstag, ausgerechnet). Vorbei an großen Teilen der Redaktion wurde der Deal, bei dem mindestens neun Millionen Mark in Plastiktüten den Besitzer wechselten, getätigt. Materialproben, Gegenexpertisen, ja selbst die Überprüfung der Initialen auf den Buchdeckeln wurden verschoben. Die Akteure im Verlagshaus waren „high von der Droge Sensation“, schrieb der damalige Tagesthemen-Moderator Manfred Buchwald. Geschichte wird gemacht, es geht voran, dachte sich dagegen der damalige Stern-Chefredakteur Peter Koch und verkündete vollmundig, die Historie des Nationalsozialismus müsse „in großen Teilen neu geschrieben werden“.

Dieser „heilige Eifer“, wie Buchwald es nennt, galt auch Hitler selbst, dem unbekannten Wesen. Seine vermeintlichen Gedanken rückten nach den Tätervolkdebatten der Ausschwitzprozesse und 68er-Proteste die Führungsclique der Nazis in den Fokus. Nicht zufällig gründete Guido Knopp kurz nach dem Skandal die ZDF-Redaktion Zeitgeschichte und verbreitet seither emsig die Theorie des verführten Volkes. Auch Helmut Kohls Besuch der SS-Gräber von Bitburg oder Oliver Hirschbiegels Untergang kann man im Lichte des Skandals betrachten. Der Nationalsozialismus wurde nicht gerade salonfähig, aber seine Thematisierung massentauglich. Und Massentauglichkeit zugleich zur Existenzberechtigung der Medien. Die Tagebücher von Adolf Hitler Superstar haben also nicht das Pressewesen beschädigt, sondern seine Seriosität. Konrad Kujau und Gerd Heidemann wanderten ins Gefängnis, nicht jedoch die zwei Chefredakteure. Und der Stern erholte sich bald wieder, nicht aber das Renommee des Qualitätsjournalismus, ob gedruckt oder gesendet.

Sachlichkeit wird seither oft mit Vielfalt verwechselt. Privatsender und Regenbogenpresse galten plötzlich nicht nur als Unterhaltungsfaktoren, sondern Lieferanten relevanten Lebensinhalts. Verglichen mit der drögen Tagesschau sehen viele in den glitzernden RTL-News längst die verlässlichere Quelle – auch weil reines Entertainment weniger korrumpierbar scheint, weil harte Nachrichten Reflexion erfordern, weil Realität anstrengend ist. Selbst die FAZ hat heute ein Farbbild auf Seite 1. Ernst gilt irgendwie als fadenscheinig und Politik als dubios. Verlässlicher sind da doch die Monarchien mit ihrer betonierten Tradition oder Hollywoods ferner Glanz. Wie nah sich Buckingham und Bonn kamen, zeigte fünf Jahre nach der Stern-Affäre das Geiseldrama von Gladbeck. Wie nie zuvor wurden die Medien Teil der Story und Reporter von Frank Plasberg bis Udo Röbel lange vor dem 2. Golfkrieg quasi embedded, das Mikro tief im Fluchtauto, die Kamera voll auf Silke Bischoffs leere Augen. Im Rennen um Titelstorys hatte sich die Medienrepublik selbst überholt. Erst kommt die Schlagzeile, dann die Recherche.


Kopf runter oder Kopf ab!

fragezeichen_1_Bei handelsüblichen Hubschraubern sind die Rotorblätter geschätzte 2,50 Meter hoch. Trotzdem ducken sich selbst Kleinwüchsige darunter weg, als drohe sonst Enthauptung. Merkwürdig

Bei James Bond wird ja eigentlich ständig rotiert. In Adelsschnulzen auch. Und Kriegsfilmen. Oder Wirtschaftskrimis. Ganz zu schweigen von Cobra 11. Die unterschiedlichsten Formate belegen also mit regelmäßigen Helikopterflügen durchs Bild die Relevanz ihrer Protagonisten, Handlung oder Budgetgröße. Und dennoch eint sie alle ein seltsames Gebaren: Wer auch immer aus den gediegenen Flugflitzern steigt: er/sie/es duckt sich darunter, als drohte andernfalls Enthauptung. Das ist angesichts der luftigen Höhe, in der die Rotorblätter selbst am Boden noch wirbeln, völlig unnötig. Oder?

Nun, das hängt von der Perspektive ab. Schließlich hält sich fast jeder, der einen Hubschrauber zu fliegen berechtigt ist, qua Geld oder Blut per se für was Besseres, also erhaben, ein bis drei Köpfe über dem Pöbel jedenfalls, der naturgemäß zu ihm aufzublicken hat. Deshalb bleiben die der Rettungsflieger eines Bergdramas, das demnächst im ZDF läuft, auch selbstbewusst oben. Sie haben das Ding ja nicht selber bezahlt. Ganz anders verhält es sich bei Soldaten, die aber vielleicht auch deshalb Buckel machen, da im Kampfeinsatz ohnehin ständig etwas tief fliegt, Kugeln zum Beispiel. Und Cobra 11? Man möchte ja hoffen, die verkleinern sich vor Scham vor so viel filmischer Dummheit. Ist aber wohl doch eher das Bewusstsein, Fernsehen für alle ohne Einfluss zu machen. Und seiner Unterschicht bimst RTL ja unablässig devote Haltung vor den oberen Zehntausend ein. Also: Kopf runter!


Nichtssager und Feuerteufel

Werbung, RFT Color 20, FernseherRücksichtnahme

Die Woche, die war: 15.-21. April

Kann man die routinierte Redundanz des Talkens besser auf den Punkt bringen als Oliver Pocher, seinerseits die routinierte Redundanz des Fernsehens insgesamt? „Da kann ich, wie gesagt, nicht viel zu sagen“, sagte der nichtigste aller Entertainer gestern bei Günther Jauch zum Fall Uli Hoeneß und fuhr mit „aber ich würde sagen…“ fort, was er zudem in einer reinen Männerrunde tat, wobei wir beim eigentlichen Thema der Woche waren. Der Quote.

Wenn die formierte Zivilgesellschaft emanzipatorisch mal so richtig Fahrt aufnimmt, ist aber auch echt kein Halten mehr. Kaum darf der Herr seiner Frau nicht mehr den Job kündigen, steigt auch schon die erste in eine relevante Chefredaktion auf. Gut, Isabelle Arnold darf sich bei der Nachrichtenagentur dpa von oben herab bloß – wie in feminin dekorierten Konzernspitzen üblich – vor allem ums Personal kümmern, Gedöns eben, weibliche Skills und so. Aber während das periodisch progressive Fernsehen seine programmatischen Führungskräfte Monika Piel (WDR) und Anke Schäferkordt (RTL) grad wieder durch echte Kerle ersetzt, wird Arnold (vielleicht auch wegen des maskulinen Namens) 68 Jahre nach der ersten bundesdeutschen Zeitungslizenz und acht weniger seit Gründung der dpa die allererste Frau sein, die im deutschen Pressewesen etwas anderes als Regionalblätter, Gossipmagazine oder die taz leiten darf.

Trotzdem ist die Tatsache, dass sie das so ganz ohne Frauenquote geschafft hat, für das teutonisch blondierte Politkarrieregirlie Katrin Albsteiger Grund genug, Frauenquoten abzulehnen. Mit wie hohen Heels, aber flachen Argumenten sie das belegt, konnte man Mittwoch bei Anne Will bestaunen, wo sich die rhetorisch ungleich besser als logisch geschulte Chefin der Jungen Union Bayerns erst von der dreimal älteren, viermal weiseren, fünfmal moderneren Ex-Bundestagpräsidentin Rita Süßmut, dann vom erzkonservativen Ex-Stoiber-Berater Michael Spring zurechtweisen lassen musste, dass Emanzipation vielleicht doch ein klein bisschen mehr ist, als die freie Wahl der Brillengröße.

Die freie Wahl des Jubelforums hat dagegen Maria Furtwängler. Nicht, dass sich irgendein Klatschblatt der Republik je traute, die beliebte Tatort-Ermittlerin je offen zu kritisieren, aber dass die Bunte ein Exklusiv-Interview „über Erfolg, Träume und was sie für die Zukunft plant“ unverhohlen lobhudelnd mit „Die Superfrau“ betitelt, hat sicher nix damit zu tun, dass ihr Mann Hubert Burda die Regenbogengazette herausgibt. So hält das gut geölte System medialer Seilschaften selbst Protagonist(inn)en ohne tiefer gründendes Schauspieltalent gemütlich auf den guten Sendeplätzen, während sich die begnadeten in der Nische drängeln. Bjarne Mädel zum Beispiel, dessen famoser Tatortreiniger Schotty samstags nach dem Wort zum Sonntag versauert, wo er diesmal einen Nazi-Treffpunkt politisch so unkorrekt reinigt, dass ihm dafür schon der zweite Grimme-Preis zuteil wurde. Vielleicht klappt’s ja nach dem dritten mit der Primetime.

Aussichtsplattform

Die Woche, die wird: 22.-28. April

In der ist der Platz allerdings auch eng im Ersten. Alles belegt mit wichtigeren Dingen: Montag die dröhnende Tierdoku Tricks der Überlebenden, Dienstag die katholische Erweckungsserie Um Himmels Willen, Donnerstag die lokalpatriotische Stadtflucht-Reihe Reiff für die Insel, Freitag die Gefühlsbaukastenschnulze Utta Danella – Wer küsst den Doc?, Samstag die soziokulturell bedeutsamen Melodien der Berge, Sonntag dann etwas, das Qualität verspricht, aber nur teilweise einhält: Der neue Nord-Tatort mit Wotan Wilke Möhring als – Überraschung! – bindungsgestörter Kommissar plus neuer Assistentin (Petra Schmidt-Schaller) mit – Sensation! –  mit reichlich kurzen Hotpants und völlig anderer Berufsauffassung, die gemeinsam den abstrus konstruierten Fall vom Feuerteufel lösen, der beim Autoanzünden vergisst, einer Insassin Bescheid zu sagen. Das ist trotz des spielerisch überzeugenden Ermittlerpaars einer der schlechtesten Tatorte seit langem und passt somit in die Reihe der Sendeplatzblockierer für besseres Fernsehen.

Aber wollen wir mal nicht selbstgefällig pauschalieren. Denn aufmerksame Lesende werden ja bemerkt haben, dass in der Auflistung oben der Mittwoch fehlt. Da nämlich läuft eine Eigenproduktion, die das viele Gebührengeld allein schon rechtfertigt: der brillante Psychotherapeut Bloch, diesmal unter Verdacht der sexuellen Nötigung einer depressiven Frau, furios gespielt von Anna Maria Mühe. Zu dumm, dass Die Lavendelkönigin der letzte Fall des viel zu früh verstorbenen Dieter Pfaff ist. Noch mehr als das Aus der vielleicht eindrücklichsten Serie im Land, deprimiert allerdings die Tatsache, dass es gegen das zeitgleich übertragene Championsleague-Halbinale in der Zuschauergunst wohl gnadenlos untergehen wird. Branchengesetz.

Wenden wir uns also dem nächsten, garantiert fußballfreien Refugium relevanten Fernsehens zu: Arte. Dort läuft seit gestern der Schwerpunkt Die Zukunft beginnt jetzt über alles, was uns künftig selten Hoffnung, aber viel Angst macht: Vom mächtigen Biotech-Konzern Monsanto, (Dienstag, 14.20 Uhr: Mit Gift und Genen), der sich die Erde wirklich Untertan macht, bis zur Müllhalde Meeresgrund, die sechs Stunden später beleuchtet wird. Von Gencode geknackt – Segen oder Fluch (Donnerstag, 22.15 Uhr) bis Jagdzeit – Walfängern auf der Spur (Freitag, 14.30 Uhr). Alles interessant, authentisch, spannend, kreativ, nur leider nicht allein wegen der bizarren Sendzeiten arg deprimierend. Aber eben auch nicht so deprimierend wie der Schrott, den uns (wer sonst?) RTL ab Donnerstag zur besten Sendezeit als Entertainment auftischt: Mantrailer, dem Pilotfilm einer Serie, die den Spürhundklassiker Kommissar Rex so schäbig, schamlos, grottenschlecht zu Tode belebt, dass der dritte Teil der unfassbar debilen Aschenputtel-Trilogie Vorzimmer zur Hölle 3 – Plötzlich Boss, zeitgleich im Zweiten, fast schon sehenswert wird.

Bleibt also nur der Fernsehtipp der Woche, natürlich zur Unzeit, samstags um 0.50 Uhr im Hessischen Rundfunk: Graf Yoster gibt sich die Ehre, der erste lustig gemeinte Serienkrimi im Röhrenfernseher, schwarzweiße Nostalgie der Sixties, selten komisch, aber voll Charme.


Philip Simon, Holländer und Comedien

Das Baby kann sprechen

Philip Simon sieht aus wie Oli Welke mit Armtattoos und erzählt meist Holländerwitze. Das darf er, ab heute (18. April, 22.15 Uhr, ZDFneo) sogar in seiner eigenen Late Nite Comedy namens Nate Lite. Der 36-jährige ist ja nicht nur Komiker sondern halber Niederländer. Aber warum finden Deutsche die bloß so witzig? Eine Antwortsuche.

Na, das fängt ja toll an: Nate Lite. Die neue Spaßparade auf ZDFneo heißt allen Ernstes Nate Lite, was schon im Titel die Güte gen Alles nichts, oder? plättet, Tendenz „zum Bleistift“, also eher Liga der außergewöhnlich Belämmerten als das, was sprachlich korrekter mit „Late Night Comedy“ untertitelt wird: Ein Nachttalk mit Humor. Doch toller wird’s nicht. Denn „Nate Lite“ dreht sich vor allem um Wohnwagenwitze. Oder Edamerwitze. Natürlich Windmühlenwitze. Nicht zu vergessen Tandemwitze. Alles gebündelt in Rubriken von „Two and a half Kaaskopp“ über „Oranje Gedankje“ bis „Mein Holland“. Womit wir bei Ursache, Wirkung, Dilemma und self fulfilling prophecy dessen wären, was, besser: wer uns da künftig die Spätnacht verulkt: Philip Simon, ein – Überraschung! – Niederländer.

Ab heute kriegt der versierte Bühnenkomiker von 36 Jahren nach einem ertragreichen Dasein als Gast all der Satiregipfel, Quatschclubs und Anstaltsneuigkeiten des Fernsehhumors seine erste eigene Show. Und allem Anschein nach wird die Enscheder Ahnenreihe des binational aufgewachsenen Deutschholländers den Wesenskern der kabarettistischen Gesprächssause bilden. Es geht also um eher plakative Pointen, verpackt in ein Format, das die Late Night per Buchstabendreher zwar umarmt, zugleich aber wegstößt. Denn möglichst viel und herzlich wenig zugleich soll an Thomas Gottschalk nebst Epigonen erinnern: Es gibt den unvermeidlichen Stand-up-Start (zum aktuellen Zeitgeschehen), allerlei Sketch-Elemente (wie eine Campingplatz-Sitcom) und den üblichen Sidekick (die Comedynovizin Tahnee Schaffarczyk), aber weder Schreibtisch, noch Großstadtpanorama, geschweige denn die übliche Studioband.

Nate Lite ist ein Mix aus Harald Schmidt und Mario Barth im Mittelstrahl der genretypischen Eigenurin-Therapie aus der Blase des TV-Humors – zum Auftakt zu Gast: Bernhard Hoëcker und Marijke Amado, ein Berufskasper und eine Berufslandsfrau. Dramaturgisch dürfte es also alles andere als innovativ werden, stilistisch dafür knallorange. Holland zieht eben im deutschen Unterhaltungsprogramm. Sogar wenn es jemand verkörpert, der optisch ein bisschen an Oliver Welke mit tätowierten Unterarmen erinnert und auch sonst dessen Masche der unbedarften Gehässigkeit aus dem Gefühl tiefster Normalität heraus teilt. Was also zieht an Philip Simon, aufgewachsen in Essen und erfolgreich vor allem östlich seiner Geburtsheimat? Und was zieht ihn so sehr auf die andere Seite des Grabens zwischen dem kleinen Nordseestaat und ihrem einst verhassten Besatzer? Ganz einfach, sagt dieser vielfach prämierte Vollblutkomödiant, der noch während seines Germanistikstudiums als Conférencier im Varieté gearbeitet hat und seither schon mal 300 Vorstellungen pro Jahr in den größten Häusern des Kabaretts absolviert: Es ist der Akzent („Oh, guck mal – das Baby kann sprechen“) und purer Pragmatismus („außerdem sind die Arbeitsmöglichkeiten größer“).

Dennoch muss es weitere Gründe geben, warum unsere Nachbarn seit den Tagen von Jopi Heesters und Heintje hierzulande so angesagt sind, warum ihre Popularität vor allem in den Neunzigerjahren nochmals kräftig angezogen hat. Die Antworten lauten: große Show und kleiner Grenzverkehr. Denn während der Amsterdamer Mediendozent Maartin Reesink deutsche Moderatoren als „eher steif“ empfindet, hält er seine unterhaltsamen Landsleute für weit „freimütiger, einfach geradeaus, unverblümt“. Und das wissen öffentlich-rechtliche Sender bereits seit den Sechzigern zu schätzen, als erst der singende Moderator van Burg zum gemütlichen „Onkel Lou“ der erblühenden Fernsehnation avancierte und Rudi Carell sodann den Typus väterlicher Grandseigneure um den Faktor Lockerheit erweiterte.

So richtig zum Durchbruch kamen die fröhlichen Grenzgänger allerdings erst, als sich die Scouts des Neulings RTL praktisch bloß in die Straßenbahn setzten mussten, um das junge Dualsystem mit Holländern auszustatten. Marije Amado, geschult als Assistentin Am Laufenden Band, die kleine Schwester des späteren Großproduzenten John de Mol namens Linda, dazu Harry Wijnvoord – die räumliche Nähe versorgte den Kölner Kommerzkanal Anfang der Neunziger regelmäßig mit frischen Gesichtern, aber auch gebrauchten wie dem Rudi Carrells, der 1993 von der ARD an den Rhein wechselte. Seither zählen Niederländer jeder Art insbesondere bei RTL zum Stammpersonal, derzeit etwa das heitere Barbiepüppchen Sylvie van der Vaart, die in Let’s Dance nicht nur ihr strahlend weißes Zahnarztlachen, sondern sämtliche sekundären Geschlechtsmerkmale zu Markte trägt. Oder Tooske Ragas, bei Deutschland sucht den Superstar vor allem für süße Optik zu sinnlosen Fragen zuständig. Beide sind indes nur noch austauschbare Folien für das Klischee der naturfröhlichen Anrainer mit dem einnehmenden Wesen, deren putzig glattgebügelte Diphtongs unserer Sprache ein wenig ihrer Härte nehmen, aber ja doch noch irgendwie hiesigen Dialekt sprechen. Friesisch eben. Und genau das wird Philip Simon neben all den Hasch- und Kraushaarscherzen in Nate Lite thematisieren. Immer und immer und immer wieder. Holländerwitze in Endlosschleife. Deutsches Publikum kriegt davon nie genug.

Der Artikel ist auch in Berliner Zeitung und FR erschienen:

http://www.berliner-zeitung.de/medien/tv-eine-ganz-eigene-liga,10809188,22386026.html

http://www.fr-online.de/medien/tv-eine-ganz-eigene-liga,1473342,22386026.html

Von Jan Freitag

Galactic Cats

fragezeichen_1_Jeder kennt das doch, wenn’s gruselig wird: Sobald etwas Böses dem Guten am dichtesten auf den Fersen ist, springt garantiert eine Katze aus dem Nichts. Merkwürdig

Ripley schwitzt, Ripley stöhnt, Ripley hat echt Angst und auch allen Grund dazu: der perfekte Organismus ist ihr auf den Fersen und er will grad nicht mit ihr plaudern. Ripley und derdiedas Alien, ein gut eingespieltes Team diverser Science-Fiction-Filme, sind sich mal wieder näher als erstere will, aber noch nicht so nah, wie letzteres plant. Dazwischen ist nur noch ein bruttiger Mix aus dampfendem Stahl, Adrenalin aus allen Poren und natürlich: der unerlässlichen Katze. Die springt fortwährend aus irgendwelchen Ritzen dieses kosmischen Gleiters, Milliarden Meilen fern der Erde und man fragt sich: was macht die da bloß?

Denn Raumschiffe haben die Angewohnheit, aseptische Räume zu sein, in denen alles Keimige wie Jauchegruben, Kampfgasbehälter oder eben Schmusemiezen nichts zu suchen haben. Trotzdem gehören Sie zum Stammpersonal aller Orte, in denen uns Unheimliches auflauert. Unter anderem: einsame Schlösser, tiefe Stollen, auch mal Intensivstationen – Hauptsache, irgendwas hechtet schreiend ins Bild, falls es kribbelig wird. Vielleicht ist die Erklärung ja simpel: Hunde sind zu dämlich, Pferde zu groß, Fische zu leise, Amphibien zu selten, Schildkröten zu langsam und überhaupt die meisten Lebewesen für plötzliche Auftritte ungeeigneter als Katzen. Aber so ganz ohne Haustier wagt sich eben kein Gruselfilm vors Massenpublikum. Ohne Kinder eigentlich auch nicht, aber die wären zwischen Ripley und Alien doch schwer vermittelbar.


Solotours und lange Bärte

Werbung, RFT Color 20, FernseherRücksichtnahme

Die Woche, die war: 7.-14. April

Marianne & Michael, Fix & Foxi, Seeler & Müller, 47 & 11 – am Mikrofon werden arbeitslose Exfußballer zwar weiter zur radebrechenen Hälfte kommentierender Sportreporter heran gezüchtet, ansonsten aber scheint das Ende der Doppelspitzen langsam erreicht: kurz nachdem der Stern das Odd Couple des Illustriertenleitens Andreas Petzold und Thomas Osterkorn durch Führungskraft im Singular ersetzt hat, wurden nun auch Georg Mascolo und Mathias Müller v. Blumencron vom Spiegel abgesägt, derart eiskalt, dass es selbst abgebrühten Kollegen in Hamburgs Speicherstadt so übern Rücken lief und sich der eher konservative Feuilletonist Claudius Seidl in der sehr konservativen FAS genötigt sah, den mehr als linken Jakob Augstein als Spiegel-Verleger vorzuschlagen.

Doch damit nicht genug: Selbst beim mächtigen Gegner von Gruner + Jahr, seinerseits Sperrminoritätenanteilseigner beim Spiegel, muss sich Julia Jäkel künftig nicht mehr im Trio, sondern allein mit dem schlingernden Großverlag aus der Nachbarschaft herumschlagen. Aber immerhin darf sie das noch, denn bei dapd wurden vorige Woche nicht nur die Topetagen geräumt, sondern gleich die ganze Nachrichtenagentur. Sieht also nach wie vor nicht gut aus für alte Medien, gerade die gut gemeinten. Dabei folgt der rasante Abstieg einem echten Paradoxon: Qualitätsjournalismus besinnt sich mit investigativen Rechercheteams bis in die kleinsten Lokalredaktionen auf seine Kernaufgaben – die Mediengesellschaft ist nur zusehends weniger bereit, dafür auch noch Geld zu bezahlen und wird vermutlich erst dann merken, dass Blogger doch ziemlich oft einem Hobby nachgehen und keinem Beruf, wenn es bereits zu spät ist.

Ganz anders dagegen sieht es ja im Fernsehen aus, wo Reporterteams noch so eifrig Skandale aufdecken dürfen wie derzeit im kollektiven Enthüllungsrausch der globalen Offshore-Leaks-Berichterstattung – dass dafür in Kampf mit den zusehends nachrichtenfreien Kommerzsendern selbst öffentlich-rechtlich mal andere Sendeplätze als Richtung Nacht zur Verfügung gestellt werden, ist und bleibt die Ausnahme. Umso schlimmer, wenn dann auch noch die Perlen fiktionalen Fernsehens ihren Abschied nehmen wie Nina Kunzendorf, deren unvergleichliche Tatort-Ermittlerin Conny Mey nach ganzen fünf Fällen gestern ihren Abschied nahm und Joachim Kròl allein zurücklässt in der besten aller Tatort-Städte Frankfurt mit den besten aller Kommissare der besten aller Krimireihen.

Aussichtsplattform

Die Woche, die wird: 15.-22. April

Der beste Privatdetektiv kriegt dafür heute Abend im ZDF seinen vierten, hoffentlich aber nicht letzten Einsatz: das Authentizitätswunder Hinnerk Schönemann als Markus Imbodens norddeutsch reduzierter Dorfermittler Finn Zehender, diesmal auf der Jagd nach Steuerflüchtlingen wie es sich dieser Tage gehört. Immer wieder großartig, auch dank Sidekicks von Thomas Thieme bis zum wunderbar schmierigen Roeland Wiesnekker. Schmierig, aber nicht ganz so wunderbar, geht es dagegen parallel bei RTL2 zu, die allerlei teils aus den Peinlichkeitsschnipseln von DSDS bekannte, also tendenziell armselige Laienschauspieler zu einer vermeintlich realen Kuppelsause namens Jungfrau sucht die große Liebe schicken, was hinzunehmen wäre, wenn es das Publikum mit Verachtung strafen würde. Wird es aber nicht. Nicht flächendeckend.

Aber weil es am Ende doch ermüdend ist, sich fortwährend über hirnrissiges, oft zynisches, bisweilen menschenverachtendes Fernsehen solcher, nun ja: Fernsehender aufzuregen, feiern wir doch kurz mal einen Laienschauspieler, der es zu beachtlicher schauspielerischer Konsistenz gebracht hat: Ludwig Haas seit fast drei Jahrzehnten als Dr. Dressler in der Lindenstraße tätig, morgen 80 Jahre alt. Glückwunsch (auch mit einem Interview im mittwochsgespräch an dieser Stelle)!

What else? Die ARD muss mal wieder ihren letzten seriösen Sendeplatz ohne zwingenden Mordfall am Mittwoch für Fußball – diesmal DFB-Pokal – räumen. Pro7 wanzt sich mit der zappelig-juvenilen Funsportdoku WildOnes ab Dienstag einmal mehr an die Zielgruppe unter 25 (Alter) heran und mit der Spielshow Elton zockt – LIVE! ab Samstag an die unter 90 (IQ). Stunden zuvor feiert das einst feministisch gemeinte, heute crossgendernd investigative ZDF-Samstagsmagazin Mona Lisa 1000 Folgen in 25 Jahren. Und Donnerstag zuvor debüttiert der Holländer Philip Simon in der ZDFneo-Comedy – tihi – Nate Lite solo mit Holländerwitzen. Witzig. Bei Witzen mit so langem Bart also doch lieber den einzig wahren ansehen – nämlich die (Wieder-)Entdeckung der Woche: Magnum (ZDF, dienstags ab 0.45 Uhr), der heißeste Scheiß der Achtziger und anders als so vieles anderes von damals wirklich sehenswert.


Kotzkontrolle

fragezeichen_1_Wer sich rein filmisch erbricht, hat es gut: von ermüdendem Würgen keine Spur, stattdessen nur ein Strahl, fertig ist die Lache. Beneidenswert. Und merkwürdig.

Wenn es doch so einfach wäre wie in Film und Fernsehen: Unwohlsein? Übelkeit? Magen-Darm-Probleme? Dann ab auf Klo, Klappe hoch, Kopf drunter – und nach nur einem Stoß ist alles vorbei. Zu schade, dass die Realität völlig anders aussieht: Wem übel ist, so übel, dass alle Dämme zwischen Hals und Bauch brechen, hängt gemeinhin halbe Ewigkeiten über der Schüssel, und das nicht nur einmal, sondern immer und immer und immer wieder bis tatsächlich nur noch ein Stoß kommt, Stunden nach dem ersten. Keine schöne Sache.

Und somit der trifftigste Grund, warum uns visuelle Medien den Anblick rechtschaffenden Erbrechens selbst in recht rüden Splatterfilmen tendenziell ersparen – andernfalls ist die Altersfreigabe unter 16 schnell mal dahin und mit ihr die schönste Einschaltquote. Ein anderer Grund hat dagegen eher technische Gründe. Um den gesamten Mageninhalt nicht nachträglich per Greenscreen ins Freie entlassen zu müssen, muss man optisch mit dem Vorlieb nehmen, was sich umstandslos im Mundraum vorlagern lässt. Das ist zwar in der Regel ein geschmacksneutrales Kotzesurrogat in Kotzekonsistenz, aber eben nicht mehr als ein Doppelkornglas davon, vulgo: ein Strahl. Fertig. Ach hätte das Leben doch Requisiteure.


Pin-Up-Girls und Millionäre

Werbung, RFT Color 20, FernseherRücksichtnahme

Die Woche, die war: 1.-7. April

Einfach Wahnsinn, was die vorige Woche so für Topnews mit sich brachte: Der Premiumpromi Cindy aus Marzahn, intellektuelles Aushängeschild des weltbesten Senders (RTL) und tragende Säule der weltbesten Show (Wetten, dass…?), wechselt sommers zu Sat1. Dass Nordkorea mit Krieg droht und Zypern die Pleite, verwelkt auf dem Boulevard natürlich ebenso zum Bodenschlenker nachrichtlicher Erregungskurven wie die Tatsache, dass der wunderbar uneitle weil ausschließlich sachorientierte ARD-Korrespondent Jörg Armbruster – dem wir hiermit rasche Genesung wünschen – bei der Arbeit in Syrien angeschossen wurde. Gibt halt wichtigeres zu berichten als so dröge Sachen wie Weltpolitik. Den neuesten Frauentausch zum Beispiel, dem RTL2 seit gestern – Überraschung! – ein -Promi voranstellt und das sendereigene Pinup-Girl Micaela mit dem sendereigenen Bäuerinnensucher Heinrich durchwechselt, was ja nicht nur deshalb bemerkenswert ist, weil die eine Schäfer heißt und der andere Schäfer ist, sondern weil eine der zwei Tauschfrauen Y-Chromosomen trägt, also gar nicht so richtig Frau … aber lassen wir solche Spitzfindigkeiten bei einem Kanal, der Scripted Reality wie Mitten im Leben unter Nachrichten verbucht.

Womit wir bei der Medienschizophrenie der Woche wären. Denn die Topnachricht, Christian Wulff lehne die Einstellung aller Ermittlungen gegen Zahlung von 20.000 Euro ab, beruht ja auf einem offenbar fälschlichen Korruptionsverdacht, der nun seinerseits rückwirkend zur Topnachricht darüber aufgeblasen wird, die Medien (übrigens besonders jene, die ehedem fleißig mit eingedroschen hatten auf den Expräsidenten in spe) hätten damals alles falsch gemacht, was jetzt eine schöne Nachricht unter den Tisch kehrt, die weiterhin berichtenswert bleibt: Dass der Empokömmling Wulff und der Elitenzögling Groenewold gar nichts Illegales getan haben müssen, um die Mechanik einander waschender Hände in den einflussreichen Schichten dieses wirtschaftspolitischen Systems für verachtens-, also berichtenswert zu halten.

Aussichtsplattform

Die Woche, die wird: 8.-14. April

Obwohl: Dass die Medien durchaus in der Lage, ja bereit sind, über so etwas eingehend zu berichten, zeigt der gigantische Aufriss, den die eingeweihten Redaktionen von NDR und SZ derzeit ums Datenleck internationaler Steueroasenflüchtlinge betreiben. Das führt sogar so weit, dass die ARD ihr Jubelporträt über Gunter Sachs aus gegebenen Anlass ändern ließ. Um 21 Uhr ist der verstorbene Gentleman-Playboy also doch nicht mehr bloß jener „Unternehmer, Künstler, Sammler“, den auch öffentlich-rechtliche Glitzerformate gern in Erbreichen und ähnlich eigenleistungsfrei zu Geld Gekommenen wie Sachs sieht, sondern auch ein Betrüger im ganz großen Stil.

Und damit aber mal zurück zum Wesenskern des Fernsehens von heute: Entertainment. Das kommt auch heute (Montag) Abend gleich mal als Krimi daher, aber immerhin als sehr unterhaltsamer namens Der Tote im Watt, der neben einem wirklich fiesen Eingangsmord auch eine wirklich tolle Hauptdarstellerin zu bieten hat, von der künftig nicht nur im neuen Hamburger Tatort noch mehr zu hören sein wird: Petra Schmidt-Schaller. Noch spielt die Tochter des gleichnamigen DDR-Stars (mit Stasi-Makel) zwar auch noch in Sat1-Romanzen mit (die diesen Dienstag mit Groupies bleiben nicht zum Frühstück mal ein wenig gehaltvoller als üblich daherkommen); doch früher oder später dürfte sie statt in heiteren Schnulzen eher auf 3sat zu sehen sein, wo am Freitag (22.35 Uhr) die einzig relevanten Trophäen der hiesigen kleinen TV-Welt verliehen werden: Die Grimme-Preise.

Nicht dabei: Das gleichermaßen über- wie unterschätzte Dschungel-Camp, dessen Nominierung ein gleichermaßen über- wie untertriebenes Protestgeheul des gleichermaßen über- wie unterbewerteten Feuilletons nach sich gezogen hatte. Auch nicht dabei: Pastewka mit Bastian Pastewka der auch heute als Bastian Pastewka – ironischerweise parallel zur Grimme-Verleihung laufenden – Folge Der Pusher brilliert, in der er unversehens und brüllend komisch zum Haschdealer wird. Ebenfalls nicht dabei Jan Böhmermann, der auch ohne Charlotte Roche zur Seite der kreativste deutsche Host ist, was er in seiner ersten eigenen Talkshow Lateline ab Mittwoch bei EinsPlus sicher unter Beweis stellen wird, während RTL am Sonntag mal wieder nur unter Beweis stellt, wie sehr er sich um seine zweitliebste Klientel nach Arbeitslosen bemüht: Leute mit zu viel Geld. In Secret Millionaire lässt er sie deshalb als Gutmenschen undercover ein paar Karmapunkte sammeln, was Christine Neubauer overcover eigentlich immer tut, diesen Freitag mal als Die Pastorin, die immer irgendwo einen schicken Arzt trifft, der ihr das harte Gutmenschsein versüßt.

Wer statt erbrechen lieber lächeln will und das noch nicht bei putzigen Franzosen mit lustigem Akzent getan hat, kriegt Samstag (20.15 Uhr, BR) die nächste Gelegenheit, in Willkommen bei den Sch’tis die beste deutsche Übersetzung eines ausländischen Films aller Zeiten erleben zu dürfen. Transkribiert, aber dennoch sehenswert dürften dagegen ab Sonntag die Geister-Geschichten auf Arte sein, eine Woche lang Gruselfilme aus einem Jahrhundert Filmgruseln, zum Auftakt Spielbergs Zwischenwerk Always und Peter Jacksons Frühwerk The Frighteners.

Zum Schluss noch die Entdeckung der Woche: Kinder des Ostens – unprätentiöse, promiferne Aufbereitung von DDR-Biografien, und was der Westen draus gemacht hat (Do, 20.15, RBB)


Samstagsporträt: Markus Staiger, Nuclear Blast

Vom Metall zum Metal

In einer Kleinstadt am Rande der Schwäbischen Alb hat der Musikfan Markus Staiger das größte unabhängige Heavy Metal-Label der Welt geschaffen. Angefangen hat die Erfolgsgeschichte vor 25 Jahren im Kinderzimmer.

Von Jan Freitag

Schwäbisches Arbeitsethos? Markus Staiger schüttelt den Kopf. Ha Noi! Bei aller Bodenständigkeit, das nun nicht. Obwohl – er denkt kurz nach. „Eigentlich doch.“ Sofern es Attribute wie Beharrlichkeit und Ausdauer beschreibt, falls es für Geschäftssinn und Risikofreude steht, wenn es zu schätzen heißt, „dass man mag, wenn etwas wächst und gedeiht“, wie Staiger es ausdrückt, „bin ich wohl doch recht schwäbisch.“ Schwäbischer zumindest, als der Name seines Unternehmens: Nuclear Blast. Auch wenn man in Donzdorf gern Blascht sagt. Schwaben können eben alles, außer Hochdeutsch. Und Staigers stetig wachsende Firma belegt, dass seine Landsleute selbst im letzten Winkel jedes Produkt für die ganze Welt erzeugen. Von Maschine über Teddy bis Geschirr und nun auch noch Markus Staigers Ein und Alles, seinen Lebenszweck: Heavy Metal. Mit ihm wurde ein mittelständischer Betrieb bei Ulm zum weltgrößten unabhängigen Plattenlabel einer Musikrichtung, die gerade am Rande der Schwäbischen Alb wie eine Invasion Außerirdischer wirkt. Heavy Metal, das hören doch die mit den rauen Sitten, den satanischen Riten, den langen Matten. „Die Region ist tiefschwarz und gläubig“, sagt ihr Grundversorger Staiger, selbst eingeborener Katholik, „aber bei uns erwirbt man sich mit Erfolg eben Respekt.“

Und von beidem hat sich der Mann mit den sanften Augen in 45 Jahren reichlich erarbeitet. Besser noch: in seiner zweiten Lebenshälfte; am Ende der ersten war er noch Bürgerschreck mit Punkfrisur. Das belegt auch ein Dokumentarfilm von Arte namens Heavy Metal auf dem Lande. Staigers Mutter zeigt darin Jugendfotos ihres Buben und lächelt scheu durch ihre Küche in rustikaler Eiche. Dem Markus, so erteilt sie ihm heute Absolution, „dem isch des wirklich ernscht“. Und wem es das ist, darf auch vom deutschen Bibelgürtel aus Tassen mit Pentagramm, Aufnäher mit „Satan inside“ oder Alben mit Kruzifix als Steinschleuder verkaufen. Wer Heavy Metal sagt, muss schließlich auch Nuclear Blast sagen. Das Unternehmen mit Büro in L.A. verbucht rund um den Globus Chartplatzierungen. Nightwish, eine der mittlerweile 104 Vertragsbands, katapultiert jedes ihrer Alben nicht nur im heimischen Finnland an die Chartsspitze und knackt locker die Millionen-Grenze international verkaufter CDs. In Zeiten sinkender Tonträgerabsätze eine unglaubliche Zahl und doch nur eine Seite der Medaille.

Die andere heißt Mailorder und Merchandising. An die 6000 Produkte stapeln sich im riesigen Lager des firmeneigenen Gebäudes, weitere 2000 sind lieferbar. Woche für Woche verschicken gut gelaunte Frauen im Versand Tausende von Paketen um die Welt. Das Klima ist gut, die Musik verbindet. Hier, inmitten langer Regalfluchten, ist auch Markus Staiger in seinem Element. Zwischen Weihnachtsgirlanden aus Fledermäusen, Armreifen mit Eisernem Kreuz oder Platten in martialischen Hüllen, umgeben von Totenköpfen, T-Shirts, Nieten und Nippes. Ihr Besitzer kennt jede Kiste, jede Band, jeden Button. Er lächelt milde über unnützes Zeug, verharrt stolz vor der kleinen Vinylecke und preist ungläubig Topseller wie Patronengurte oder Trinkhörner. Staiger grinst: „Keine Ahnung, was 4000 Leute damit wollen.“ Der echte Metal-Fan hegt eben eine innige Beziehung zu Devotionalien, zum Fetisch, zur Uniform. Und sie beschert Nuclear Blast im Vorjahr fast 40 Millionen Euro Umsatz. Die knapp 100 Angestellten, meist echte Fans mit langen Haaren und Band-Shirts, kriegen sogar Weihnachtsgeld.

Das bringt Markus Staiger nachbarschaftliche Anerkennung. Dabei schafft ein Betrieb dieser Größe im überschaubaren Donzdorf mit seinen 11.000 Einwohnern gerade mal die Top Ten der größten Arbeitgeber. Doch die Kleinstadt mag ihren Markus und Bürgermeister Martin Stölzle nennt drei sehr praktische Gründe: „Er ist ein Beispiel, wie man als junger Mensch eine Firma von Weltruf aufbaut, er schafft Arbeitsplätze und ist ein guter Steuerzahler.“ Außerdem veranstalte er gern Feuerwerke und die Musik sei teilweise, nun, hörbar. In einem Ort, wo der frühere Patriarch, ein reicher Graf von bald 100 Jahren, naturgemäß mit Erlaucht angeredet wird und Konservativismus als genetisch bedingt gilt, sei Kritik da selten. Das war vor einem Vierteljahrhundert sicher anders, als Markus Staiger beim Zivildienst begann, der umliegenden Szene kleinere Posten Importplatten zu ordern. Vom Metall zum Metal – gelernt hatte er Maschinenschlosser. Doch Regelarbeitsverhältnisse waren seine Sache nie. Auch der Name seines Ur-Versands stieß kaum auf Verständnis: Misthaufen Distribution, wirtschaftlich eine Reihe Sammelbestellungen mit geringer Gewinnspanne, räumlich ein Zimmer im Elternhaus, perspektivisch ein Sprungbrett nach oben. 1987 gründete er Nuclear Blast. Seither befindet er sich im Steigflug.

So sehr, dass Staiger nun kürzer treten muss, treten darf, will. Nach20 Jahren pausenloser Arbeit nimmt er sich nun Zeit für seine Freundin und Hobbys. Joggen, Fitness, Yoga. Und Golf. Als Ausgleich und Naturerlebnis. Der untersetzte Mann in schwarzer Freizeitkleidung lacht: „Aber alloi“, nicht mit dem örtlichen Jet Set. Dafür, aus dem Munde eines wohlhabenden Porschefahrers klingt das rasch verdächtig, „bin ich zu independent“. Und doch muss man es ihm glauben. Nicht wegen der Band-Logos, die er gern vor der Brust trägt. Nicht wegen 20.000 Platten des Vollgasgenres, die seine Wohnung verstopfen. Nicht, weil er Kaufangebote der riesigen Majorlabels so ablehnt wie heimeliges Versorgungsdenken oder das Siezen. Nein, es ist das Wesen seiner Musik. Heavy Metal sei keine Frage des Geldbeutels und schon gar nicht von Trends, sondern pures Herzblut. „Ich werde ihn mein Leben lang hören“, schwört er. Was sich wie Selbstvergewisserung des alternden Fans anhört, es ist reine Feststellung.

„Hey, your Record is fucking unbelievable“, ruft Staiger einer Musikerin zu, die sein chaotisches Büro voll goldener Schallplatten und Versandkisten betritt. Bei Fourtysomethings mit blondierter Kurzhaarfrisur führen solch juvenile Ausbrüche oft zum Fremdschämen. Doch wie Markus Staiger danach beteuert, in ihre Band richtig Energie zu stecken, weil sie so unfassbar gut sei, ist man geläutert. Dieser Mix aus Leidenschaft und Energie in schwäbischem Akzent, mit ihm lässt sich alles verkaufen. Ob Metal oder Metall.


7 Fragen an … FIFA-Chef Sepp Blatter

FIFA_Logo(2010).svgIch bin nicht bestechlich

Joseph Blatter, seit 1998 FIFA-Präsident, ist der umstrittenste Sportfunktionär aller Zeiten. Kein Wunder, dass “Sepp” nicht mit dem kritischsten Sportforum aller Zeiten spricht. Die freitagsmedien mussten daher etwas improvisieren.

freitagsmedien: Herr Blatter, die Vorwürfe der Bestechlichkeit gegen Ihre Person nehmen täglich zu. Hand aufs Herz: sind Sie korrupt?

Joseph Blatter: Ich bin nicht bestechlich, da können Sie mir beide Hände abhacken.

Es gab also nie eine gekaufte WM?

Gekaufte WM … Da erinnere ich mich an die WM-Vergabe für 2006, wo im letzten Moment jemand den Raum verließ. Und man so statt 10 zu 10 bei der Abstimmung ein 10 zu 9 für Deutschland hatte. Ich bin froh, musste ich keinen Stichentscheid fällen. Aber, na ja, es steht plötzlich einer auf und geht. Vielleicht war ich da auch zu naiv.

Bestechungen innerhalb der Fifa sind also möglich?

Provisionszahlungen. Man kann die Vergangenheit nicht mit den Maßstäben von heute messen. Das ist Moraljustiz.

Gibt es denn Rass…

Es gibt keinen Rassismus im Fußball.

Aber Kevin Prince Boateng hat doch wegen offensichtlich rassistischer Zuschaurreaktionen das Spielfeld eines Freundschaftsspiels verlassen?

Ich denke, dass ein Spieler nicht einfach vom Feld gehen kann, das ist nicht die Lösung. Es ist ein Spiel und am Ende vom Spiel schütteln wir uns die Hand.

Wie ist es mit Spielmanipulationen?

Sind der Teufel in unserem Spiel. Gerade in finanzschwachen Ländern ist Korruption, Wettbetrug und Spielmanipulation weit verbreitet. Alle, die darin verwickelt sind, sollten lebenslang gesperrt werden. Wenn man schon vorher weiß, wer am Ende gewinnt, läuft etwas total falsch.

Herr Blatter, wann treten Sie endlich zurück?

Meine Aufgabe ist erfüllt, wenn die Gesellschaft uns dabei unterstützt, mit dem Fußball zu einer besseren Welt beizutragen. Fußball ist mehr als eine Religion, mehr als alle anderen Religionen zusammen.

Für Zweifler: Alle Antworten stammen aus anderen Interviews. Dieses Interview hat so nie stattgefunden. Das ist ein Karton.