Rabes Versagen & Paramounts Hackerinnen

Die Gebrauchtwoche

TV

6. – 12. Februar

Die Marktwirtschaft ist schon ein seltsames Hierarchiesystem. Da wird Deutschlands größter Medienkonzern von einem Mann geführt, den die endlose Abfolge katastrophaler Fehlinvestments in 17 Jahren Bertelsmann-Spitze zum vielleicht unfähigsten CEO der weltweiten Verlagsgeschichte macht. Doch nachdem dieser publizistische Komplettversager den altehrwürdigen Pressedampfer Gruner+Jahr ungebremst in die Ballermannboje RTL gesteuert hat, wird nicht etwa Thomas Rabe vom Gütersloher Hof gejagt – nein, er darf sich mit toxisch breiter Brust vor die Hamburger Belegschaft stellen und Großteile davon kaltherzig feuern.

Abzüglich Kapitol-Sturm erinnert Rabes G+J-Sturm, bei dem 23 (teils tatsächlich sinnlose) Zeitschriften beerdigt und weitere 13 meistbietend verscherbelt werden, also längst mehr an Donald Trump als Henri Nannen, der ihm zwar offenbar das neofeudale Ego, aber nicht die journalistische Weitsicht vererbte. Schließlich war es Bertelsmann, das G+J per rigorosem Sparkurs und purem Desinteresse den Digitalisierungskurs vorenthielt. Mieses Management schadet wie gehabt also nur mies Gemanagten, während sich miese Manager mit Abermillionen gepampert Richtung vergoldetem Vorruhestand stümpern.

Ein Automatismus, der verteufelt an die heutige Tech-Industrie erinnert. Nach Jahren schier grenzenlosen Wachstums hat nach Paypal, Twitter, Alphabet oder Spotify nun auch Disney Stellenabbau angekündigt – und das, obwohl der Entertainment-Gigant seinen Gewinn 2022 auf 1,3 Milliarden Dollar steigern konnte und mittlerweile nahezu das Zwanzigfache erlöst. Angeblicher Grund der Kürzungen abseits der Dauererklärung Krieg/Corona: Disneys Streamingdienst mit + am Ende hat – anders als die hauseigenen Portale Hulu und ESPN – zuletzt an Reichweite verloren.

Vielleicht ist das alte, lineare, bundesdeutsche Fernsehen also doch noch nicht ganz verloren. Kurz nach den News der digitalen Konkurrenz jedenfalls blies es unerschrocken zur retrofuturistischen Attacke. Denn ProSieben hat angekündigt, Stromberg aus dem wohlverdienten Grab zu holen. Ein (damals schon geklautes) Relikt aus Zeiten also, da Netflix noch ein DVD-Versand war. Starke Antwort.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

13. – 19. Februar

Fast so stark, wie die öffentlich-rechtliche Gegenoffensive. Das Erste zum Beispiel lässt morgen das nächste Beiboot einer WaPo zu Wasser. Diesmal die Elbe flußaufwärts, wo der Ableger mit ein paar Betrunkenen am Herrentag um ostdeutsches Publikum buhlt. Das nennt man dann wohl Zielgruppenmanagement. Die betreibt zwar auch Magenta TV, wenn es am Sonntag mit Tales of the Walking Dead ein weiteres Spin-of der Zombie-Serie startet. Routinierter baggert allerdings das ZDF am Massengeschmack.

Zum 7. Mal gerät Jan Josef Liefers heute als Fernsehanwalt Joachim Vernau in Mordsverwicklungen am Brandenburger Düstersee, was wie WaPo Elbe also gleich drei Publikumstrigger aktiviert. Und auch, wenn die ARD ab Dienstag vier Österreicherinnen und ihr dunkles Geheimnis mit überdurchschnittlichem Heim-Cast (Franziska Weisz & Franziska Hackl) plus unterdurchschnittlichem Auswärts-Cast (Diana Amft & Jasmin Gerat) ins Krimigetümmel des achtteiligen Melodrams Tage, die es nicht gab stürzt, stand die Sehgewohnheit Pate – worüber übrigens auch die neue Folge unseres Fernseh-Podcasts Och eine noch sinniert.

Für Albrecht Schuchts intensives Porträt des DDR-Literaturrebellen Lieber Thomas Brasch bleibt da heute natürlich nur die Nachtschiene (22.25 Uhr) von Arte – schließlich müssen ARD und ZDF ihre Primetime Mittwoch (Düsseldorf), Donnerstag (Kölle) und Freitag (Mainz) ja mit Karneval verfüllen. Sat1 hat dafür endlich mal wieder was Anspruchvolles im Angebot: Den Vierteiler Litvinenko (donnerstags in Doppelfolgen, 20.15 Uhr) mit David Tennant als russischer Ex-Agent, den Putin 2006 auch real radioaktiv vergiften ließ.

One dagegen hat sich den BBC-Dreiteiler The Replacement um eine Glasgower Architektin geschnappt, der die eigene Schwangerschaftsvertretung ab heute Abend weit mehr als den Job streitig macht. Donnerstag schickt die Paramount-Serie A Thin Line zwei deutsche Klima-Aktivistinnen auf gegensätzliche Seiten des Gesetzes und macht damit endlich mal Frauen zu Hauptfiguren eines – sehr sehenswerten – Cyberthrillers. Eher retrofuturistisch schickt die Apple-Serie Hello Tomorrow tags drauf Tourist:innen auf den Mond. Und zu guter Letzt steigt Sky parallel mit tausendfach erprobter Story (Django) und frischer deutscher Beteiligung (Lisa Vicari) auf den Zug des Westernbooms.


Jennifer Wilton: Welt-Chefin & Werte-Fan

So wäre ich auch als Mann

Wilton-Artikel

Seit gut einem Jahr ist Jennifer Wilton (Foto: Paula Winkler/journalist) Chefredakteurin der Welt in Berlin und damit einer konservativen Zeitung auf dem Sprung in die Gegenwart, den also ausgerechnet eine Frau Mitte 40 mitorganisieren soll. Erster Teil eines Gesprächs fürs Medienmagazin journalist über rechten oder linken Publizismus, Frauen an der Spitze und die Debattenkultur im Hause Springer, zweiter Teil.

Von Jan Freitag

Pflegen – auch wenn die Frage allein schon wieder sexismusanfällig ist – Frauen an der Spitze eine andere Streit-, Debatten- und Führungskultur?

Ich glaube schon, dass es in Hinblick auf flache Hierarchien und Teamfähigkeit etwas gibt, das man als weibliche Führungskultur bezeichnen könnte Aber selbst, wenn es geschlechtsspezifische Herangehensweisen gibt – das heißt ja nicht, dass nicht auch Männer eine solche Führungskultur verfolgen, oder einige Frauen „männlich“ führen. Letztlich ist es eine Frage der Machtdefinition und -ausübung, weibliche Führung ist oft dialogorientierter.

Beschreiben Sie damit auch ein wenig die eigene Führungspersönlichkeit?

Ich bin jetzt schon weit über zehn Jahre Teil der Welt und damit auch Teil des Teams, das hat sich durch die neue Position gar nicht so großartig geändert und funktioniert so besser als hierarchisch. Ich habe aber auch kein Problem damit, unpopuläre Entscheidungen zu treffen. So wäre ich vermutlich auch als Mann.

Selbst, wenn Sie sie nicht als solche empfinden: Verändert so eine Machtposition den Menschen dahinter?

Das habe ich mich schon gefragt. Und auch da bin ich dankbar, all die Schritte nach oben hintereinander gemacht zu haben – erst als Reporterin, dann Redakteurin und Ressortleiterin, schließlich als Chefredakteurin. Weil ich in jeder Position von Kollegen und Vorgesetzten gleichermaßen gelernt habe, konnte ich mir treu bleiben und, habe ein Bewusstsein für andere Positionen behalten, und die Souveränität gewinnen können, das Amt auszuüben, ohne dass es mich als Menschen stark verändert.

Erschrickt man dennoch manchmal vor der Macht- oder zumindest Einflussfülle, die Chefredakteurinnen plötzlich haben?

Komischerweise nicht, und mir war nach zwei Wochen klar, genau an der richtigen Stelle angekommen zu sein. Vermutlich auch, weil wir ein Kollektiv an Chefredakteuren sind, das im Zweifel als Korrektiv wirkt. Diese Einbindung im Team erlebe ich als überaus angenehm, ich arbeite im Alltagsgeschäft   eng mit dem Digitalchef Oliver Michalsky. Und ich kooperiere viel und immer mehr mit Jan Philipp Burgard vom Fernsehen… Insofern bin ich eigentlich nie in die Gefahr geraten, lonely at the top zu sein.

Mal vorausgesetzt, das gilt auch für Dagmar Rosenfeld an der WamS-Spitze: Hat sich die paritätische Aufteilung der vier Chefredaktionen zufällig ergeben oder war sie Plan der Geschäftsführung?

Das müssen Sie im Zweifel die Geschäftsführung fragen, ich glaube allerdings, es war schlicht dem Umstand geschuldet, dass die entsprechenden Leute, also geeignete Frauen, bereits hier waren. Der Axel Springer Konzern hat das Thema Frauenförderung schon sehr früh zur Priorität gemacht.

Die Springer SE dagegen wird weiterhin von drei Männern geführt, ergänzt immerhin von Niddal Salah-Eldin…

… die auch von uns aus der Welt kommt!

Und als weiblicher PoC die Abteilung Talent & Culture leitet. Ist diese Personalie bereits Ausdruck oder erst der Anfang einer entsprechenden Firmenkultur?

Beides. Ich empfinde es so, einen Verlag hinter mir zu haben, für den Frauen in Führungspositionen bereits selbstverständlich waren, als andere erst darüber nachgedacht hatten. Wir haben eine Führungsquote von fast 40 Prozent Frauen. Natürlich war es, als ich Journalistin wurde, überall noch anders als heute. Wir haben hier in der WELT zum Beispiel schon lange viele Ressortleiterinnen. Und gerade, weil das – anders als früher, wo wir darüber ständig intensiv diskutiert haben – jetzt gar nicht mehr groß thematisiert wird, halte ich diese Entwicklung für organischer als in anderen Redaktionen.

Wissen Sie das aus Ihrer persönlichen Arbeitserfahrung in diesen anderen Redaktionen?

Da ich seit mehr als zehn Jahren nicht mehr in anderen Redaktionen tätig war, weiß ich das eher aus Gesprächen mit Kolleginnen und Kollegen oder über die Frauennetzwerke, zu denen ich branchenübergreifend Kontakt habe.

Tut mir leid, dass ich das Thema Gleichberechtigung durch meine Fragen womöglich daran hindere, organisch zu werden…

Mit dieser Frage müssen und wollen wir uns trotz aller Fortschritte weiter auseinandersetzen. Frauen, die fünf Jahre jünger sind als ich, haben schließlich einen anderen Zugang dazu als ich, die wiederum einen anderen hat als Frauen, die fünf Jahre älter sind als ich. Schon aus meiner Erfahrung heraus, als Journalistin anfangs immer mal alleine unter Männern gewesen zu sein und später dann zunächst eine der wenigen Ressortleiterinnen. Das hat sich total verändert, aber die weiblichen Stimmen sind – in fast allen gesellschaftlichen Bereichen – abgesehen von ein paar lauteren Ausnahmen schon noch ein wenig leiser als die männlichen.

Quantitativ, weil sie zu wenige sind, oder qualitativ, weil sie übertönt werden?

Beides, wobei ich gar nicht weiß, ob wir quantitativ insgesamt noch immer in der Minderheit sind in der Redaktion, aber nach oben hin wird es halt kontinuierlich dünner, besonders in vielen Unternehmen. Es gibt gewiss Frauen, die es ablehnen, andauernd über Frauenthemen zu sprechen, ich finde das nachvollziehbar, und auch ich fühle mich nicht allein durch mein Geschlecht dafür zuständig.

Aber betroffen?

Ja. . Dass Frauen in unserer Branche so häufig über Dinge wie Familie und Kinder berichten, hat am Ende ja auch damit zu tun, dass sie sich privat noch immer mehr damit beschäftigen als ihre Männer. Und ja, ich finde, es müssen mehr weibliche Stimmen in die WELT und darum kümmere ich mich.

Heißt das, Sie haben da ein aktives Sendungsbewusstsein?

Sendungsbewusstsein weiß ich nicht, empfinde aber eine Stimmenvielfalt in jeder Beziehung als wichtig. Dazu gehören junge und alte, arme und reiche, mächtige und ohnmächtige, aber eben auch weibliche und männliche. Wenn Sie Zeitungen – und damit meine ich nicht nur unsere, sondern alle von SZ bis FAZ – aufschlagen, sehen sie auf den ersten vier, fünf Seiten vor allem männliche Köpfe. Diese Dominanz müssen wir ändern, weshalb wir bei Gastbeiträgen darauf achten, insbesondere auch Autorinnen zu fragen und Frauen im eigenen Haus ermutigen, ihre Stimmen zu erheben.

Tun Sie das auch ganz persönlich?

Klar. Ein Beispiel – vor dem internationalen Frauentag haben wir überlegt, ob wir daraus kurz nach Beginn des Ukraine-Krieges eine Sondernummer machen oder ob wir es ignorieren. Wir haben uns dann für einen Schwerpunkt entschieden und Frauen eingeladen, über Freiheit zu sprechen. Aber nicht zwingend bezogen auf Geschlechterrollen, die Autorinnen sollten schreiben, was sie wollten. Und obwohl alle total unterschiedliche Ansätze verfolgt haben, stellte sich heraus: Freiheit ist auch ein sehr weibliches Thema. Denn wenn Frauen unfrei sind, ist es meist auch die restliche Gesellschaft.

Weil ihr Freiheitskampf im Grunde schon bei der Geburt beginnt und bei Männern erst mit der Volljährigkeit?

Das beste Beispiel erleben wir momentan doch gerade im Iran. Natürlich haben wir Frauen manchmal andere Perspektiven auf Dinge als Männer. Ich möchte aber viele Perspektiven sehen. Und grundsätzlich will ich niemanden nötigen, über irgendwas zu schreiben, weil er oder sie dafür prädestiniert erscheint. Das wäre ja auch wieder zwanghaft.

Wir beschränken das Thema Diversität hier gerade stark auf Geschlechterfragen. Wie sehr versuchen Sie, auch auf anderen Feldern inklusiv zu sein – Hautfarbe, Herkunft, Behinderungen zum Beispiel?

Wünschenswert ist all dies auf jeden Fall und daher auch ständig ein Thema bei uns. Aber der Journalismus hinkt da gerade im Vergleich mit anderen Branchen schon noch ein Stück hinterher. Menschen mit Migrationshintergrund zum Beispiel, so schwierig ich den Begriff finde, wenn die Personen in dritter, vierter Generation hier leben, sind definitiv zu wenig vertreten in den klassischen Medien. Wenn man betrachtet, wie sich die Bevölkerung unter 30 jetzt zusammensetzt, ist es demnach keine altruistisches, sondern ein egoistisches Motiv, sie mehr in den Blick zu nehmen.

Kann mehr Diversität auf der Angebotsseite, also im Journalismus, eigentlich für weniger Wut und Hass in den Echoräumen der Nachfrageseite, also beim Publikum, sorgen?   

Das wäre glaube ich zu einfach gedacht, denn das Wutpotenzial der Gesellschaft wird von vielen Themen gespeist. Diversität zum Beispiel steigert es in einigen Schichten sogar noch. Aber so wichtig Journalismus in einer und für eine pluralistischen Demokratie auch ist: Wir sind keine Volkserzieher!

Bei all den Veränderungen, die das Blatt – in den vergangenen Jahren auch zusehends von weiblicher Seite mitgestaltet – seit Jahrzehnten durchmacht, geht der positive Wandel, was die Verkaufszahlen betrifft, jedoch eher in die entgegengesetzte Richtung.

Sowohl die tägliche als auch die wöchentliche Zeitung haben natürlich das Problem aller Printerzeugnisse, nicht mehr zu wachsen. Das wird man weder in Deutschland noch anderswo je umdrehen. Aber unsere Zahlen sind doch generell gut!

Na ja, Abos und Kioskverkäufe sind 2020 unter 50.000 gerutscht, kaum ein Fünftel der Werte 20 Jahre zuvor – das ist auch im Vergleich aller Printmedien ein dramatischer Rückgang.

Wir denken schon seit langem vom Digitalen her, weit länger als andere Medienmarken, nämlich seit fast 20 Jahren, und unsere Website ist überaus erfolgreich.

Woran bemisst sich das?

Wir haben täglich zwischen 4 bis 5 Millionen Visits und stehen damit sehr weit vorne unter den überregionalen Medien, wir haben vor einer Weile die 210.000 Grenze mit digitalen Abos geknackt.

Und für die gedruckte Zeitung gilt, wie gesagt, dass ich es für einen Erfolg halte, das Niveau zumindest zu halten und nach der coronabedingten Delle wieder zugelegt zu haben.

Eine Delle, die auch von der enormen Zahl an Bordexemplaren herrührt, die 2020 nahezu komplett ausgefallen sind.

Ja. Aber wie gesagt, im Rahmen dessen, was heute zu erwarten ist, sind wir – trotz und wegen struktureller Veränderungen wie der neuen Wochenendausgabe kurz vor meiner Zeit – auf gutem Wege. Darauf kann man durchaus stolz sein.

Sie hängen also nicht am Papier?

Ich bin mit Zeitungen aufgewachsen, ich liebe Zeitungen, und bin immer noch ein bisschen aufgeregt, wenn ich sie morgens aus dem Briefkasten hole. Aber die Zeiten ändern sich. Wir versuchen auch auf Papier jeden Tag die bestmögliche Zeitung machen und dafür neue Abonnentinnen und Abonnenten zu gewinnen, können aber auch keine Wunder vollbringen.

Dafür aber eine Digitalstrategie erstellen, die das absehbare Ende der gedruckten Welt kompensiert. Wie sieht die aus?

aus meiner Sicht kann man heutzutage – egal ob Papier oder online – nicht mehr von der einen Strategie sprechen. Dafür verändert sich zu viel. Wir können hier gern spekulieren, wie Journalismus in zehn Jahren aussieht, aber das sind eben ein Stück weit Spekulationen.  Der Axel Springer Verlag war mit Strategien wie digital first und online to print immer Vorreiter, wir beobachten permanent neue Entwicklungen und wie man sich  neu aufstellen kann.  Strategien sind langfristig, man muss sie aber auch kurzfristig anpassen können.

Sie steuern die Welt also auf Sicht Richtung nähere Zukunft?

Wir haben dabei alle stets die erweiterte Zukunft im Blick. Ich bin ja persönlich noch nicht kurz vor der Rentengrenze und möchte auch in 20 Jahren noch Journalismus machen. Das Wichtigste ist doch der Inhalt, nicht seine Form. Wo er zu lesen ist und wie, verändert zwar auch ein bisschen, was dort zu lesen ist, aber nicht die Grundsätze, nicht die Definition von gutem Journalismus.

Aber wie optimistisch sind sie denn beim Blick aufs Überübermorgen, dass Ihre Welt die große Flurbereinigung überregionaler, aber auch lokaler Zeitungen überlebt?

Sehr optimistisch! Ich bin sogar überzeugt, dass die Welt nahezu alles überlebt. Aber wenn man sich überlegt, wie die Branche vor 15 Jahren aussah, wäre es doch absurd zu glauben, in 15 Jahren wäre irgendetwas noch so wie heute. Wenn Sie allein schon betrachten, welche Zusammenarbeit es in den letzten paar Monaten bei uns von TV, Print, Audio und Digitalem gab, da sind wir echt Pioniere. Und wenn von den Neuerungen mal irgendwas nicht funktioniert, macht man halt neuere Neuerungen.

Fail, stand up, fail better…

Es ist  wichtig, den bedauernden Tonfall der Lethargie zu vermeiden, was früher alles besser war. Umso mehr muss man um seine journalistischen Grundlagen und Werte kämpfen,  an beidem besteht hierzulande ja immer noch großer Bedarf und Nachfrage. Anders als in den USA zum Beispiel.

Wo mittlerweile nicht nur die publizistische Vielfalt, sondern die Ein-Zeitungs-Countys aussterben.

Ja, mit Gegenden, in denen sich deutlich mehr als die Hälfte der Menschen ausschließlich per Facebook oder Youtube informieren und Posts auf soziale Medien für echte Nachrichten halten. Aber gerade da ist es doch auch unsere Aufgabe, das nicht nur zu kritisieren, sondern bessere Nachrichten und intelligente Debatten anzubieten, also gute Gründe, guten Journalismus zu nutzen.

Informieren Sie selber sich denn gelegentlich bei Social Media oder sind das reine Konsumplattformen?

Natürlich versuche ich mir jeden Tag einen Überblick zu verschaffen, was auch dort stattfindet, berücksichtige dabei aber natürlich die Bedingungen, unter denen die Inhalte dort zustande kommen. Debatten, die auf Facebook, Instagram, Twitter und auch auf TikTok, wo wir bewusst  nicht vertreten sind, stattfinden, würde ich niemals eins zu eins bei uns abbilden, verfolge sie aber aufmerksam.

Was poppt als erstes auf Ihrem Smartphone auf morgens?

Tatsächlich Emails und diverse Newsletter,  die meisten Zeitungen lese ich dann als E-Paper. Aber Eilmeldungen erreichen mich natürlich immer. Und die Webseite ist ständig offen.

Und was poppt als Letztes auf, vorm Schlafengehen?

Ehrlicherweise hab‘ ich früher stets aufgepasst, dass das Letzte abends ein Roman oder Sachbuch ist; es gelingt mir nur leider nicht mehr ganz so oft. Das hat aber auch mit der Nachrichtenlage zu tun, gerade in diesem Jahr. Wenn die wie zuletzt oft derart dramatisch ist, sitze ich doch mit Handy und Fernseher vorm Weltgeschehen.


Fredrichs Abgang & sexistisches London

Die Gebrauchtwoche

TV

30. Januar – 5. Februar

Es wäre ein Knall gewesen, der laut durchs Medienland scheppert und überall gehört werden müsste: Die Aufsichtsratsvorsitzende Julia Becker hat den vorläufigen Austritt ihrer Funke Mediengruppe aus dem Branchenverband BDZV in der Süddeutschen Zeitung am Wochenende nicht nur mit dessen Selbstverzwergung im Arsch von Mathias Döpfner erklärt, sondern der unfassbaren Misogynie im Journalismus. Zu dumm, das so was nur branchenintern wahrgenommen wird.

Bei ihrem Amtsantritt vor fünf – nicht 50! – Jahren nämlich sei die Enkelin des Funke-Gründers Jakob meist allein unter Männern von vielfach patriarchalischer Selbstgerechtigkeit gewesen, woran sich zwar etwas ändere, aber nur sehr, sehr langsam. Kaum zu glauben, dass in dieser Branche ausgerechnet Führungskräfte, denen sicht- und spürbar an Veränderung in Richtung Diversität gelegen ist, an sich selber scheitern.

Benjamin Fredrich, Gründer und Chef des liebenswerten Greifswalder Grafikmagazins Katapult, ist nach einem Übermedien-Bericht über nachlässige Spendengelder-Verwendung seiner ukrainischen Redaktion zurückgetreten. Fraglos ein kritikwürdiges Verhalten – das rechts dieser linken Mitte allerdings nicht mal Schulterzucken erzeugt hätte. Aber die Integrität demokratischer Kräfte (Katapult) ist im Vergleich zu derjenigen demokratiefeindlicher (Springer) seit jeher so groß, dass sie sich lieber selbst als ihre Gegner zerfleischen.

Nach diesem Prinzip brachten kürzlich Enthüllungen des geistesverwandten Böhmermann bereits den linksliberalen Medien-Liebling Finn Klymann zu Fall. Nach diesem Prinzip findet sich der gewissenhafte Louis Klamroth gerade in einem ComplianceVerfahren der ARD wieder, weil er seine Beziehung zur Klima-Aktivistin Luise Neubauer nicht veröffentlicht hatte. Nach diesem Prinzip kann die Bild-Zeitung seit Wochen aber auch Tag für Tag zwei ihrer Mitstreiter:innen mit Titelseitendreck bewerfen, da sie buchstäblich dummerweise das getan haben, was Bild-Leser gewissenlos tun: nach Bali fliegen. Simple neue Medienwelt.

In der es jedoch seit Kriegsbeginn eher noch komplizierter geworden ist, Wahrhaftigkeit zu vermitteln. Also das, was Reporter ohne Grenzen seit Jahrzehnten versucht. Zusammen mit den Zentren für Pressefreiheit Lwiw und Kyjiw weist die journalistische Hilfsorganisation auf den außergewöhnlichen Fall eines ukrainischen Reporters hin, den russische Truppen offenbar gezielt getötet haben. Sehr investigativ, höchst interessant, überaus erschreckend.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

6. – 12. Februar

Weder investigativ noch erschreckend, aber hochinteressant ist die norwegische Dramaserie Lifjord um einen Mordverdächtigen, der 20 Jahre nach seinem umstrittenen – so der Untertitel – Freispruch als lebensrettender Investor ins abgelegene Heimatdorf zurückkehrt. Bislang lief die Serie unter Ausschluss der deutschen Öffentlichkeit bei Sony. Nun sind sie ersten zwei Staffeln in der Arte-Mediathek zu sehen. Dort also, wo sich der Kulturkanal Dienstag dokumentarisch zur besten Sendezeit mit der Atomkraft auseinandersetzt.

Optisch, ästhetisch, akustisch opulenter ist dagegen die Sky-Serie Funny Woman, in der eine nordenglischen Schönheitskönigin ins London der Swinging Sixties zieht, die leider vor allem sexistisch waren. Um als Komikerin durchzustarten, muss Ex-Bond-Girl Gemma Arterton also Dutzende gläserner Decken durchstoßen. Und nach Drehbüchern von (Nebendarstellerin) Morwenna Banks hat Regisseur Oliver Parker Nick Hornbys Romanvorlage dabei zwar ein bisschen dick gezuckert. Dennoch ist die sechsteilige Comedy ab Donnerstag auf Sky von pfiffiger Sozialkritik.

Das gilt tags drauf in der ZDF-Mediathek auch für die 2. Staffel der Late-coming-of-Age-Serie Deadlines um eine Handvoll deutscher Großstadtfrauen im Hamsterrad der multioptionalen Gesellschaft. Und wenn die Umsetzung mit schwarzer, lesbischer, (auf)begehrender Sklavin im (noch) rassistische(re)n Amerika des vorvorigen Jahrhunderts nicht so berechnend auf divers machen würde, gälte es auch fürs Magenta-Drama Das Geständnis der Fanny Langdon am Sonntag.

Da ist dann sogar die andere deutsche Late-Coming-of-Age-Serie Tage, die es nicht gab mit Franziska Weisz, Diana Amft, Jasmin Gerat und Franziska Hackl als frühere Schulfreundinnen mit dunklem Geheimnis zeitgleich in der ARD-Mediathek ein wenig klischeefreier umgesetzt. Bleiben zwei weitere weiblich besetzte Netflix-Serien: Der Handel um (realexistierende) Frauen im Kuwaiter Börsenspiel der Achtziger. Für Fans koreanischer Liebesreigen dazu: Love to Hate you. Und für solche von Dominik Graf: sein Mittwochsfilm Gesicht der Erinnerung mit Verena Altenberger, die ihren toten Exfreund in einem 20 Jahre Jüngeren wiederzuerkennen scheint, schafft es bildgewaltig, Esoterik, Psychologie, Melodrama und magischen Realismus zu versöhnen.


Jennifer Wilton: Welt-Chefin & Werte-Fan

Dieter Nuhr würde nicht auf uns zugehen

Wilton-Artikel

Seit gut einem Jahr ist Jennifer Wilton (Foto: Paula Winkler/journalist) Chefredakteurin der Welt in Berlin und damit einer konservativen Zeitung auf dem Sprung in die Gegenwart, den also ausgerechnet eine Frau Mitte 40 mitorganisieren soll. Erster Teil eines Gesprächs fürs Medienmagazin journalist über rechten oder linken Publizismus, Frauen an der Spitze und die Debattenkultur im Hause Springer. Der zweite Teil kommt nächste Woche.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Wilton, empfinden Sie es eigentlich als Statement des Springer-Konzerns, dass die gute alte Welt der Wirtschaftswunderjahre im futuristischen Neubau residiert, während freshe, junge, digitale Start-ups wie der Business Insider im leicht angegilbten Stammhaus gegenübersitzen?

Jennifer Wilton: Ich würde „angegilbt“ sofort widersprechen. Und die Welt gehört in ihrem 77. Jahr zu den innovativsten Medienmarken. Es war von Anfang an so geplant, dass wir in den Neubau ziehen, sobald er fertig ist. Auch aus dem einfachen Grund, endlich im gleichen Gebäude mit unserem Fernsehsender arbeiten zu können, die Welt-Redaktionen Print, Digital und TV also auch räumlich miteinander zu verzahnen.

Journalistisch und organisatorisch war das schon vorher der Fall?

Ja, aber nicht in der gleichen Intensität. Nur ein Beispiel aus jüngster Zeit: Das erste Scholz-Interview nach dem G20-Gipfel lief bei Welt TV und wurde parallel bereits digital für die Online-Redaktion aufbereitet und für die Zeitung verschriftlicht. Unsere Reporter und Redakteure sind inzwischen täglich zu Gast im Studio. Da hat sich sehr viel getan.

Ihr Standort hat also nichts mit der konservativen Mischung aus Laptop & Lederhose zu tun, die Edmund Stoiber mal spezifisch bayerisch, also erfolgreich nannte?

Eher nicht (lacht). Als die Planungen begannen, gehörte zum Beispiel der Business Insider noch nicht mal zum Verlag. Mit konservativ oder nicht hat das also nichts zu tun.

Was genau ist im postideologischen, aber ziemlich populistischen Jahr 2022 eigentlich genau noch mal konservativ?

Auf die Welt bezogen würde ich den Begriff „konservativ“ um „liberal“ erweitern. Wir haben ein großes Spektrum an Meinungen im Blatt und auf der Seite. Wir verstehen uns als Portal, auf dem unsere Redakteure und Gastautoren Spielraum haben und ihn sich nehmen. Mit Konservatismus ist vor allem Wertekonservatismus gemeint.

Der heutzutage welche Werte vertritt?

Das ist angesichts aktueller Debatten gar nicht immer einfach zu benennen. In den vergangenen zwei Jahren zum Beispiel stand wegen der vielen Freiheitsbeschränkungen durch Corona das Liberale bei uns oft stark im Vordergrund. Darüber hinaus stehen wir aber immer auch für das, was man „bürgerliche Werte“ nennen könnte, Familie zum Beispiel, verteidigen aber zugleich die Freiheiten des Einzelnen, haben also keine grundsätzlichen Kontrapositionen etwa zur Homoehe.

Aber persönliche?

Es gibt innerhalb unserer Redaktion wie gesagt unterschiedliche Positionen, das macht uns aus. Ich persönlich etwa verteidige gesellschaftliche Kompromisse wie die Streichung des Paragrafen 219a in diesem Jahr, bei anderen wäre die Grenze da überschritten.

Und wo findet innerhalb solcher und ähnlicher Debatten die Abgrenzung nach rechts statt?

Überall und jeden Tag. Rechts und links an den Rändern ist nicht unsere Welt. Wobei ich mich frage, ob Sie die Chefredakteure der Süddeutschen Zeitung auch fragen würden, wie sich ihre Zeitung von ganz links abgrenzen.

Genau das würden wir Judith Wittwer ungefähr zur selben Zeit des Interviews fragen, wie Sie, keine Sorge.

Ich würde mich auf die Position des liberalen Verfassungspatriotismus begeben und sagen: wir grenzen uns immer da von rechts ab, wo die Gültigkeit des Grundgesetzes in Frage gestellt, die freie Entfaltung des Einzelnen beschnitten oder es extrem wird. Darüber hinaus aber versuche ich auch, mich von Begrifflichkeiten wie links und rechts zu lösen, weil sie gerade für jüngere Generationen nicht mehr so entscheidend sind, wie sie es für ältere waren – zumal die Abgrenzung voneinander zusehends unklarer wird. Wir positionieren uns vor allem in der Mitte. Aber: Journalismus muss auch unberechenbar sein.

Wurde die Welt verglichen mit den Vorwendejahrzehnten, als sie politisch oft stramm rechte Kampagnen etwa gegen Palästinenser gefahren hat, da sozusagen von innen heraus entideologisiert?

Da nennen Sie ein eher unglückliches Beispiel, darüber könnten wir jetzt lang diskutieren. Bekanntlich orientierten sich damals wie heute alle Redaktionen von Axel Springer an Grundwerten, unseren Essentials. Die Zeit, die Sie da ansprechen, hat sich lange vor meiner als Journalistin abgespielt und man kann sie nur schwer mit heute vergleichen.

Nicht nur die Welt war damals eine andere, sondern auch Die Welt, meinen Sie?

Genau. Seitdem gab es immer gesellschaftspolitische Wellenbewegungen, auch im Blatt. Ein sehr maßgeblicher Schritt der Liberalisierung war da zum Beispiel, als der heutige Vorstandsvorsitzende…

Matthias Döpfner.

… die Welt Mitte der Neunziger als Chefredakteur übernommen und gleich mal dahingehend geöffnet hatte, mehrere taz-Redakteure zu uns zu holen.

Ihren Vize Robin Alexander zum Beispiel.

Der gehörte nicht zu dieser ersten Gruppe, sondern kam  später. . Aber auch andere Chefredakteure haben die Welt von heute mitgeprägt. Und Jan Eric Peters war da natürlich eine ganz andere Führungsfigur als etwa Roger Köppel. .

Hat sich diesbezüglich auch noch mal was geändert, seit sie den Führungsposten von Dagmar Rosenfeld übernommen haben?

Da sind die Unterschiede jetzt nicht so wahnsinnig groß, wir arbeiten ja eng zusammen. Und wichtiger als Ähnlichkeiten oder Differenzen bleibt auch, dass die Welt ein Debatten-Medium mit Führungspersonen unterschiedlich ausgeprägter Meinungen ist. Es gibt die erwähnten Grenzen, aber wir bewegen uns immer in einem definierten Rahmen. Innerhalb dieses Rahmens versuchen wir, Haltungen verschiedenster Art möglichst breiten Raum zu geben. Ich selber kommentiere gern, wenn mir etwas am Herzen liegt, aber wenn ein Kollege die gut durchargumentierte Gegenposition dazu vertreten möchte – nur zu.

Aber wie eng, wie breit sind die Meinungskorridore der Welt – hat wirklich jede Haltung im Rahmen der Gesetze und Verlagsprinzipien Platz oder müssen sie politisch schon ein bisschen auf Linie von Chefredaktion und Stammpublikum liegen?

Natürlich arbeiten wir für unsere Leser und Zuschauer, und die schätzen Welt als Debattenmedium. Und wir haben in der Redaktion sehr, sehr lebendige Diskussionen, da kann es schon hoch her gehen, und das ist auch richtig so. Aber dabei war es bislang nur selten der Fall, dass mal jemand meinte, so geht’s auf keinen Fall. In der Regel betraf das aber Gastbeiträge.

Welche zum Beispiel?

Etwa, als mehrere Wissenschaftler im Juni unterm Titel „Wie ARD und ZDF unsere Kinder indoktrinieren“ die öffentlich-rechtliche Berichterstattung zu sexueller Identität und Zweigeschlechtlichkeit kritisiert haben. Meine Positionen sind andere, ich hatte mit dem Stück damals inhaltlich persönlich Schwierigkeiten.

Haben aber nicht ihre Richtlinienkompetenz als Chefredakteurin wahrgenommen und sie im Vorweg unterbunden?

Das Stück war angemessen als Gastbeitragt gekennzeichnet, und in Gastbeiträgen muss und darf mehr möglich sein darf als in einem Leitartikel. Danach erschien unter anderem ein Kommentar unseres CEOs, der eine ganz andere Position vertrat, und ein weiterer kritischer unseres Chefredakteurs Ulf Poschardt. Zur Rolle einer Chefredakteurin gehört, nicht nur zu senden, sondern auch zu empfangen und andere sprechen zu lassen.

Und welche Kontrollinstanzen gibt es abseits vom Grenzschutz der Chefredaktion, damit solche Debatten nicht aus der Mitte des demokratischen Diskurses über deren Rand ins Extreme ausfransen?

Natürlich ist es die Aufgabe von Chefredaktion und Ressortleitungen, genau draufzuschauen, ob solche Debatten im Rahmen unserer Haltungen und Grundwerte bleiben. Aber zugleich ist die Redaktion auch ein Kollektiv, das Themen auch ohne Grenzschutz kontrovers diskutiert. Inhaltlich nehme ich eine Richtlinienkompetenz daher seltener wahr als formell.

Inwiefern formell?

Ich bin zum Beispiel höchst empfindlich, wenn es um die Trennung von Bericht und Meinung geht. Wo beides ineinander übergeht, greife ich schon mal ein. Diese Aufgabe wird allerdings nicht nur bei der Welt wichtiger; ich sehe bei diversen Websites und Zeitungen, dass die klare Trennung immer mehr aufweicht.

Wobei gerade die alte Medienbranche vollredaktionell betreuter, vorwiegend gedruckter Zeitungen doch seit Jahren betont, wie wichtig klare Haltungen gemeinsam mit regionaler Berichterstattung fürs Überleben sind?

Beides ist wichtig, aber gerade klare Haltung muss bleiben, wo sie hingehören – auf die Meinungsseite. Auch digital müssen Kommentare als solche gekennzeichnet werden. Das ist ein wesentlicher Punkt der dritten Überlebensstrategie: unbedingte Glaubwürdigkeit. Dass wir Debatten in den Vordergrund stellen, ändert daran nichts, solange Debatten als Debatten erkennbar bleiben und nicht wie Nachrichten aussehen.

Ist das nur ihre persönliche Haltung zum Qualitätsjournalismus oder objektivierbar, also dahingehend gepanelt, dass es auch Ihr Publikum von der Welt erwartet?

Unabhängig vom Anspruch der Leserinnen und Leser, der definitiv so besteht, unabhängig auch von der Welt als Medium, ist es vor allem eine journalistische Haltung, die nach 1945 ja nicht ohne Grund aus dem angelsächsischen Raum nach Deutschland gebracht wurde.

Damals gab es allerdings auch nicht im heutigen Ausmaß Filterblasen und das, was abwertend Cancel Culture genannt wird. Wie geht ein altes Medium wie die Welt 77 Jahre später mit beidem um?

Filterblase finde ich eher gesamtjournalistisch problematisch, als dass wir als Welt eine wären oder hätten. Aber ich mache keinen Hehl daraus, dass nicht nur wir als Redaktion, sondern ich als Person es extrem problematisch finden, wenn man bestimmte Dinge nicht mehr offen aussprechen darf. Ich empfinde den Begriff der „Cancel Culture“ allerdings oft als zu hart; nur weil man gewissen Sichtweisen oder Autoren kein Forum bieten möchte, wird noch nichts gecancelt.

Würden Sie denn extrem rechten Publizisten wie Götz Kubitschek oder extrem frauenfeindlichen Comedians wie Dieter Nuhr Foren bieten?

Für Kubitschek und seine Phantasien sind wir sicher nicht die richtige Plattform. Dieter Nuhr würde wohl eher nicht auf uns zugehen. Aber ich kann mich jedenfalls an keinen, an Fakten orientierten Text der letzten Monate erinnern, der es wegen persönlicher Vorbehalte gegenüber dem Autor oder der Autorin nicht ins Blatt geschafft hätte. Selbst Sahra Wagenknecht kam bei uns zu Wort, obwohl der Text persönlich an meine Schmerzgrenze ging.

Wie wichtig ist bei Ihrer Themensetzung und Personalpolitik die Provokation, also nicht abzuwarten, wie sich Debatten entwickeln, sondern sie bewusst entfachen, was Welt-Chef Ulf Poschardt ganz offen als quotenförderlich bezeichnet?

Wir sind da sicher unterschiedliche Charaktere. Aber es ist nicht falsch, zu provozieren, um Antworten zu forcieren. Zu einer lebendigen Debatte gehören immer auch pointiertere Standpunkte. Wir berichten über alles zunächst mal neutral, aber wenn wir dann mit einem zugespitzten Statement andere herausfordern, darauf zu reagieren, sehe ich darin nichts Verwerfliches. Im Gegenteil.

Ist es aus Ihrer Sicht denn sogar legitim, eine Debatte anzufachen, bevor sie überhaupt als solche wahrgenommen wird?

Nennen Sie mal ein Beispiel?

Die Hamburger Morgenpost hat mal von der Party einer Schülerin erfahren, zu der sie seinerzeit bei Facebook öffentlich, statt privat eingeladen hatte, und so viele Titelstorys dazu gemacht, bis es tatsächlich mit 2000 Gästen eskalierte. Geht das zu weit?

Ja, das finde ich. Aber da ging es ja nicht um eine Debatte.  Es ist gut, gelegentlich Debatten anzuregen, statt ihnen hinterher zu laufen.

Wären Sie persönlich denn streitlustig genug, wie Ihre Vorgängerin Dagmar Rosenfeld mit jemanden wie Markus Feldenkirchen vom Spiegel ins konservativ-liberale Gefecht zu gehen und damit in die Fußstapfen der legendären Streithähne Augstein/Blome oder Kienzle/Hauser zu treten?

Ja, ich fand das super.

Und steht es zur Debatte?

Im Moment nicht, aber vor dieser Form der Auseinandersetzung, sich immer wieder mit Vertretern gegensätzlicher Standpunkte zu batteln, habe ich größten Respekt, das würde mir Spaß machen.

Befinden Sie sich als frische, junge Kraft an der Spitze denn auch innerredaktionell da in diesen Battles?

Ich sehe meine Aufgabe häufiger im Moderieren. Aber es gibt natürlich Themen, bei denen ich andere Positionen einnehme als andere Mitarbeiter – wobei es da keine Rolle spielt, ob es Reporter sind, Redakteure oder Führungskräfte. Für alle ist da Raum zur Meinungsentfaltung


Leoparden & Dünentode

Die Gebrauchtwoche

TV

23. – 29. Januar

Es ist geschehen. Gestern gingen Tagesschau und heute erstmals seit Wochen ohne Leopard und Lieferung oder ihre Geschwister Kampfjet und Abwehrrakete im ersten Absatz auf Sendung, was dieser kriegerischen Tage noch seltener ist als Sportnachrichten in ARD und ZDF ohne Skispringen oder Biathlon. Praktisch ohne Chancen auf Pokale, aber immerhin mit neun Nominierungen, fährt der Antikriegsfilm Im Westen nichts Neues zur Oscar-Verleihung nach Hollywood.

Neuf, nine, nueve, nove, ni, εννέα, yhdeksän, devet – das zuvor kein deutscher Beitrag erhalten. Und auch, wenn die Ausbeute am 13. März gering sein dürfte: Respekt, Netflix. Für RTL haben wir dagegen vor allem Abneigung übrig. Wie der Kölner Kanal sein Hamburger Spielzeug G+J ausbluten lässt, um richtigem Journalismus Kundschaft abzujagen, das macht die Bertelsmann-Tochter zur AfD unter den Sendern. Dass 150 Mitarbeiter*innen mit Elbblick gegen die drohende Zerschlagung demonstriert haben, juckt die vulgärkapitalistischen Zyniker vorm Rhein daher wenig.

Was wiederum die Gefahr erhöht, dass Informationen weiter zur Ware werden – wobei das Angebot die Nachfrage massiv beeinflusst. Nur so ist erklärbar, dass die TU Chemnitz 5000 Deutsche nach ihrem Sicherheitsempfinden befragt hatte, von denen 70 Prozent glauben, die Kriminalität nehme zu, während bei neun von zehn Straftaten das genaue Gegenteil der Fall ist. Kein Wunder, wenn Konzerne wie RTL ihre Blutschweißtränen-News ständig in Blau- und Rotlicht tauchen oder „soziale Medien“ den Rechtspopulismus pampern.

Nachdem Twitter bereits Donald Trumps Account reaktiviert hatte, darf er jetzt auch wieder bei Facebook und Instagram hetzen. Der Mutterkonzern Meta befindet nämlich, dass vom republikanischen Autokraten-Azubi „gerade keine Gefahr“ mehr ausgehe. Klingt (ohne es dramatisieren zu wollen) verteufelt nach alliiertem Appeasement in München 1938. Und um der antidemokratischen Reaktion die Machtübernahme zu erleichtern, kann sie sich ihre Propaganda ja von Chat GPT schreiben lassen; die weiß, was Hater wünschen.

Aber damit die Woche nicht schon Montag im Stahlgewitter versinkt, noch zwei soft news: RTLzwei hat das Glücksrad reanimiert, was mit Thomas Hermanns & Sonya Kraus als Peter Bond & Maren Gilzer ein wohliges Neunzigerjahre-Gefühl erzeugt, während sich der Mutterkanal ebenfalls vom Rest der Welt abgekapselt und – nein, nicht Gigi, sondern Djamila zur Dschungelkönigin gekürt hat. Wie immer: brachiale, aber gute Unterhaltung.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

30. Januar – 5. Februar

Doch keine Sorge, liebe Kulturpessimist:innen: Schon morgen belegt der Mutterkonzern aufs Neue, warum das seriöse Feuilleton vor und nach IBES nur Hohn und Spott für ihn übrig hat. Die Nordseekrimi-Reihe Dünentod soll den Dienstagabend bei RTL ansehnlicher machen, macht sich mit Hendrik Duryn als – hoppla! – knurriger Cop plus dunklem Geheimnis nur lächerlich. Casting, Charaktere, Plot, Dialoge: nahezu alles an der Tatort-Attrappe ist allenfalls Schultheater.

Und damit mehr als nur ein paar Serienfernsehrevolutionen entfernt von internationaler Fiktion wie das australische Medien-Drama The Newsreader in der Arte-Mediathek oder die kalifornische Psychotherapie-Sitcom Shrinking (Apple TV+) mit Jason Segel und Harrison Ford. Wie das historische Sittengemälde Señorita 89 ab Sonntag bei Magenta TV über mexikanische Misswahlen oder Apples Flugzeugabsturzdrama Der Morgen davor und das Leben danach zwei Tage zuvor.

Dass auch hierzulande durchaus originelle Unterhaltung möglich ist, zeigen Christian Ulmen und Fahri Yardim als jerks. ab Donnerstag bei joyn+ zum fünften und (leider) letzten Mal. Ob wir Deutschen jenseits ihrer Fremdschamwitze über alles von Pipikacka bis Selbstüberschätzung lustig sind, möchte die großartige Journalistin Anja R. parallel dazu im Ersten mit der Politiksatire Reschke Fernsehen beweisen. Aber am besten ist öffentlich-rechtliches Programm ja doch eher, wenn es sich mit empathischer Sachlichkeit wie im queeren Drama Glück/Bliss ab Freitag (ZDF-Mediathek) gesellschaftlicher Relevanz zuwendet.


Billy Zach, JW Francis, Fucked Up

Billy Zach

Wo der Hammer des musikalischen Understatements hängt, lässt sich auf Rippenhöhe abzählen. Bei Beatniks hing die Gitarre gern Höhe der dritten, knapp unterm Kinn, im Metal über der zwölften, also Hodenniveau. Alternative-Rock hingegen klemmt sie mittig dazwischen und signalisiert: Wir nehmen den Sound wichtiger als uns selber – womit wir zwischen der 5. und 7. Rippe von Billy Zach wären, wo die drei Saiteninstrumente des Quartetts aus Hamburg hängen schwer verkopfte Bauchgefühle kreieren, die ergreifend sind, ohne übergriffig zu werden.

Mit trotziger Tristesse mischt das Quartett dystopisch gepickte Riffs im Stil der Fuzztones unter die Übellaunigkeit des Song- und Textwriters Max Zacherl, den das tomlastige Schlagzeug manchmal mehr beschleunigt, als ihm zu behagen scheint. Auch auf der dritten Platte gehen (hohes) Tempo und (gedrückte) Stimmung ein Zweckbündnis ein, das zugleich sediert und euphorisiert, dabei allerdings nie so wirkt, als sei beides geplant. Das allein macht Momentary Bliss zur dunkelbunten Perle im Postrock-Allerlei. Und wenn die Bassistin jetzt noch öfter mitsingen darf, hört man Billy Zach vielleicht bald weit über Hamburg hinaus.

Billy Zach – Momentary Bliss – La Pochette Surprise Records

JW Francis

Und weil das Leben doch wirklich immer dann am schönsten ist, wenn uns seine allergrößten Kontraste ins Gesicht springen, weil es ja erst Unterschiede liebenswert machen und Widersprüche würzig, würdigen wir an dieser Stelle das komplette, also wirklich mal hundertprozentige Gegenteil von Billy Zach: JW Francis. Der New Yorker nennt seinen Stil dem PR-Text nach lofi jangle dream slacker bedroom pop, was natürlich ebenso selbstreferenzieller Bullshit ist wie unsere Definition des carribean cruiseship softcore oder so.

Aber mal ehrlich: wenn stilisierte Marimbas oder Steel Pans wie auf Dream House durch die schwülwarme Luft einer Südseeinsel der Sechzigerjahre wehen, wo Adam Green offenbar mit Lou Reed am Strand spazieren geht, drängen sich Abertausend Vergleiche auf, von denen jeder irgendwie nostalgisch klingt und dennoch gegenwärtig. Dass gute Laune um ihrer Selbst willen auch kleben kann wie Easy Listening – egal! Dieser Gitarrenpop hier macht den Winter erträglicher, ohne vom nahenden Frühling zu lügen.

JW Francis – Dream House (Sunday Best Recordings)

Fucked Up

Damit volle Kraft zurück in die Mitte beider Plattentipps aus vergangener Zeit, fürs Jetzt und Heute aufbereitet: die kanadische Hardcore-Institution Fucked Up, bekannt für epische Noisebretter in gefühlter Stundenlänge, haben ihr neuntes Album gemacht, das epische Noisebretter in gefühlter Punkrocklänge kreiert, die weder übellaunig noch harmoniesüchtig, sondern einfach auf emotionale Art gefühlsneutral sind. Wie anno 2001 presst Damian Abraham seinen Gesang aus der Fülle seines Bauches durch aufgerauten Glamrock.

Anders als beim Debüt fünf Jahre später jedoch besinnen sie sich auch formell auf jene Liedstruktur, die ihrem Sound inhaltlich grundiert. Zwei- bis fünfminütige Tracks abseits einstriger Rockopern, hin zu einer Songmetrik mit Anfang, Ende, auf die Zwölf. Aber weil gleich drei Gitarristen plus Sandy Miranda am Bass dazu fröhlich im Fundus früherer Jahrzehnte wühlen, Schweineriffs der Siebziger mit Britpoplicks der Nuller mixen und Abrahams Screamo damit heiter erweitern, ist One Day trotzdem mehr als die Verknappung der eigenen Mittel. Es ist origineller Hardcore. Auch  nicht die Regel…

Fucked Up – One Day (Fucked Up Records)


Kida Ramadan: Orangenbäume & Asbest

Freunde muss man persönlich einladen

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Kida Khodr Ramadans (Foto: Pantaleon/ARD) Serienregiedebüt Asbest ist ein Knastdrama aus dem Clan-Milieu für die ARD-Mediathek, es hat aber auch viel mit seiner Jugend als Kreuzberger Libanese zu tun. Ein Gespräch über Schauspiel-Rookies, befreundete Superstars und warum er auch anders kann als Kiezmilieustudien.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Kida Ramadan, die Hauptrolle Ihres Seriendebüts Asbest spielt der blutige Schauspielanfänger Xidir. Wie ist es, mit einem Rapper zu drehen – permanente Impulskontrolle oder einfach laufen lassen?

Kida Khodr Ramadan: Ach, das war überhaupt kein Thema. Ich kam ja früher auch mal von ganz unten und hatte keinen Mentor, sondern habe mir alles selbst erarbeitet. Aber ich bin halt zum richtigen Zeitpunkt entdeckt worden.

Wie Koder Alien aka Xidir?

Wie Xidir. Und so ein Newcomer hat etwas sehr Positives, weil er noch voller Feuer und voller Energie ist. Er hat eine Radikalität in sich und einen Impuls, den du brauchst, um dich gegen alle anderen alteingesessenen Schauspieler und Schauspielerinnen zu behaupten. Ich habe Xidir ins kalte Wasser geworfen und er war super unvoreingenommen und hatte null Angst vor Leuten wie Frederick Lau oder Wotan Wilke Möhring oder David Kross.

Alles mittlerweile Superstars der Film- und Fernsehlandschaft.

Die viel erfahrener sind als er. Das möchte ich bei meinen nächsten Projekten ähnlich halten: Junge Talente entdecken und fördern und ihnen in der Hauptrolle dann erfahrene Kollegen zur Seite stellen.

In dieser Produktion verkörpert der Schauspiel-Rookie Xidir das zu Unrecht verurteilte Clan-Mitglied Momo, der mithilfe einer Knastfußballmannschaft neuen Halt gewinnt. Spielt er damit ein bisschen sich selbst oder bloß eine Rolle?

Natürlich spielt er bloß eine Rolle und nicht sich selbst. Der Junge ist null Gangster, sondern ein großartiger Künstler, der seine Texte selbst schreibt, was ja im Rap-Business mittlerweile zur großen Seltenheit geworden ist. Er kann also von Haus aus mit Texten umgehen. Ich habe ihn dann gut vorbereitet für das Abenteuer.

Ein Abenteuer auch für die ARD. Wie fand man Ihre Idee dort?

Weil er zuvor noch nie geschauspielert hatte, musste ich schon meine Hand für ihn ins Feuer legen. Vor allem in einigen Führungsetagen war man ja skeptisch. Aber er macht das großartig, und es würde mich wundern, wenn er nicht den einen oder anderen Preis gewinnt.

Was allerdings auch an Ihrem Gespür für sein Berliner Umfeld läge, in dem Sie selbst ja groß geworden sind. Könnten Sie auch Serien ohne Neuköllner Bezug machen oder geht das nur im eigenen Kiez?

Das ginge absolut auch woanders! Alle denken immer, ich könnte nur einen auf Gangster machen, aber das stimmt nicht! Ich habe gerade ein Drehbuch auf dem Tisch liegen, das wirklich einem komplett anderen Genre entstammt.

Nämlich?

Es ist weder ein historischer noch ein Horrorfilm, sondern ganz im Gegenteil: ein weibliches Thema. Das Drehbuch wurde mir zugeschickt, und ich war sehr angetan – gerade, weil es etwas völlig anderes ist, als man von mir gewohnt ist. Ich glaube, ich kann gut mit Menschen und da ich selber vor allem Schauspieler bin, kann ich andere auch ganz gut führen und somit dahin bringen, die Realität durch ein Spiel zu beweisen. Genau das liebe ich am Regieführen.

Wie in aller Welt kriegen Sie dafür immer diese Riesenriege prominenter Schauspieler und Schauspielerinnen zusammen – reicht ein Anruf und alle sagen sofort zu oder klopfen sogar welche von sich aus an, sobald sie von einem Ramadan-Projekt hören?

Ich hole mir jedenfalls nicht so gerne Absagen und besetze deshalb meistens Leute, die ich persönlich gut kenne, weil ich weiß, dass es gute Schauspieler sind. Hier habe ich daher zu 99 Prozent jeden selbst angerufen und gefragt, ob er oder sie Bock hat auf diese Serie, und ihnen danach ganz klassisch die Drehbücher geschickt. Die ganze Bürokratie lief dann natürlich über die Agentur, aber es sind fast alles Freunde von mir. Und Freunde muss man persönlich einladen.

Wer hat denn wen zu dieser Serie eingeladen – ist Katja Eidinger damit an Sie herangetreten oder umgekehrt?

Katja Eichinger hatte mir schon vor längerer Zeit erzählt, dass sie an dieser Geschichte dran ist. Dann hat mich der Produzent Frank Kusche von PANTALEON Films auf das Projekt angesprochen. Es lag zu dem Zeitpunkt schon eine Weile und keiner hatte die Idee richtig ausformuliert. Ich war sehr interessiert und habe den Kontakt zu Carolin Haasis von der ARD-Mediathek hergestellt.

Mit der Sie bereits für Ihren Debütfilm In Berlin wächst kein Orangenbaum zusammengearbeitet hatten.

Genau. Ich habe dann noch meinen Autoren Juri Sternburg mit dazu geholt, weil ich mir sicher war, dass er und Katja gut zusammenpassen. Daraus wurde jetzt – wie ich finde – eine sehr starke Serie, über die man sprechen wird.

Vermutlich auch im Knast. Wo steht eigentlich der, in dem die Serie gedreht wurde?

Das war ein leerstehendes Frauengefängnis in Köpenick. Da hatten wir schon Teile des Orangenbaums gedreht.

Und waren Sie schon mal in der Hamburger JVA Santa Fu, wo Gerd Mewes, dessen Buch der Serie zugrunde liegt, seine Knastmannschaft trainiert?

Ich war nur vor Ort, aber nicht drinnen.

Ich selber hab darin mehrfach mit meiner Herrenmannschaft des FC St. Pauli gespielt. Das war kein Zuckerschlecken – Lebenslängliche foult man besser nur einmal…

Ja, das ist so wahr und ein großartiges Schlusswort!


Dschungel-GiGi & Dämonen-Gellar

Die Gebrauchtwoche

TV

16. – 22. Januar

Auch wenn der kulturelle Sonnentiefstand die Schatten kleiner Gernegroße meilenhoch wachsen lässt – unsere Zivilisation wird zurzeit gewiss anderswo angegriffen als im australischen Dschungel. Durchschnittlich fünf, sechs Millionen Fernseh- und nur unwesentlich weniger Online-Zuschauer:innen ergötzen sich zwar – widerwillig oder lustvoll – am Leid anusessender G-Promis. Das aber nimmt meistens nur einige der 120 Minuten pro Nacht ein. Den Rest dominieren soziale Interaktionen, die viel aussagen übers Land und seine Menschen.

Gut zusammengefasst im Statement des melodramatischen Machos Gigi, er werde hier „normal und alle anderen immer verrückter“, hat sich das stetig fortalphabetisierte Feld sexueller Diversität dank solcher Reflexionen eines maximal testosterongesättigten Mannes gerade auf LGiGiBTQI+ erweitert und verdeutlicht, was die Leute von IBES wirklich wollen: einen Bewusstseinswandel, der nicht sie selber betrifft. Veränderung, die andere durchmachen. Metamorphosen ohne Eigenanteil.

Die macht gewissermaßen auch RTL gerade durch, indem es fortan ohne Live-Bilder der heteronormativen Deppen-Raserei Formel 1 auskommen muss. Eine Rechte- und Bedeutungsverlust, den Deutschlands Leitmedien unterschiedlich bewerten dürften – darüber geben ja schon die Zusammensetzungen ihrer Führungsetagen Auskunft. Während linksliberale, also Redaktionen von der taz über Die Zeit bis zur SZ relativ viele (bis auf erstere aber weiterhin viel zu wenige) Frauen an der Spitze haben, sind rechtskonservative von Welt über Bild bis zum absoluten Schlusslicht FAZ überwiegend Männerbünde.

Apropos: Die Rolling Stones haben jetzt endlich auch einen TikTok-Kanal. Und nebenbei: die ZDF-Krimireihe Nord Nord Mord kratzt quotenmäßig mittlerweile an der Zehn-Millionen-Marke und damit am Tatort-Nimbus. Was umso erstaunlicher ist, als Streamingdienste ihre Zugriffszahlen noch immer nur zögerlich veröffentlichen. Das dürfte im Fall der Neustarts dieser Woche kaum anders bleiben.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

23. – 29. Januar

Dabei tut die klitzekleine Seriensensation alles, um Aufmerksamkeit zu erhaschen. Zumindest alles, was schon mal erfolgreich war. Sarah Michelle Gellar ist zurück, und dass ihre Buffy der Neunziger im Fernsehen von heute abermals Dämonen jagt, hat nur am Rande mit der Monsterhatz von Wolf Pack zu tun, aber viel mit Markenkalkül von Paramount+ und anderen Portalen. MagentaTV zum Beispiel, dass parallel den BritBox-Sechsteiler Hotel Portofino zeigt.

Historische Dramen aus der Luxusgastronomie (Riviera) bildgewaltiger Jahrzehnte (Twenties) – trotz der wunderbaren Natascha McElhone als Hotelerbin ein eher berechenbares Thema. Das gilt auch für Shrinking, womit Arte tags drauf auf den gerngesehenen Zug therapiebedürftiger Psychotherapeuten und ihre Marotten, Laster, Konventionsbrüche springt – in diesem Fall Jason Segel und Harrison Ford bei Apple+.

Bei Arte reist The Newsreader ab Donnerstag dann zurück in die telegenen Achtzigerjahre, wo das Kollegium eines australischen Nachrichtenkanals seine Profilneurosen und Machtspielchen pflegt. Zwei Tage später dann erweitert One mit dem englischen Krimi Charlie Says den Kanon fiktionaler Deutungen rund um Charles Manson (Matt Smith) – diesmal aus Perspektive seiner weiblichen Sektenmitglieder. Nur allzu real ist hingegen der Themenschwerpunkt Vor 90 Jahren, in dem Arte zum Jahrestag der Machtergreifung (und der Auschitzbefreiung) den Aufstieg des Nationalsozialismus nachzeichnet.

Und zwei Tage nach dem 30. Geburtstag des tapferen kleinen Spartenkanals Vox, der mit Formaten wie Schmeckt nicht, gibt’s nicht oder dem Club der roten Bänder regelmäßig Fernsehgeschichte schreibt, kehrt zum Wochenende die heute-show auf den Bildschirm zurück bevor auch Böhmermanns ZDF Magazin Royale aus dem Winterschlaf erwacht – zunächst allerdings nur mit einen Live-Konzert der aktuellen Ehrenfeld Intergalactic Tour 2023.


Aiming for Enrike/AgarAgar/Johnny Notebook

Aiming for Enrike

Ob es leichter ist, Grenzen leise zu übertreten oder laut zu überrennen, hängt von deren Stabilität ab. Wenn sie sich allerdings als so stabil und gleichsam fließend wie jene zwischen analoger und digitaler Musik erweisen, muss man es wohl mit ähnlich sanfter Wucht tun wie Aiming for Enrike. Seit vier Platten bereits treibt der Schlagzeuger Tobias Ørnes Andersen die Gitarren von Simen Følstad Nilsen mit technoider Präzision zu einer flächigen Form minimalistischer Krautrock-Electronica.

Jetzt erscheint das fünfte Album. Und Empty Airports ist nicht nur länger, sondern flächiger, krautiger, besser. Wie Jean-Michel Jarre auf Koks lässt das Osloer Duo seinen Instrumentalsound durch virtuelle Clubs mäandern und kreiert dabei Sinfonien von repetitiver Originalität, die sich schon im Titeltrack-Tryptichon pt. 1-3 zu einer mal glockenklaren, mal breiig sedierten Masse flatternder Beats übers Ohr stülpen. Nichts für den Moshpit, aber kleine Floors am Festivalrand, baumumstanden, lichtdurchflutet.

Aiming for Enrike – Empty Airports (Jansen Records)

Agar Agar

Was das französische Duo Agar Agar macht, galt dagegen bereits vor rund 20 Jahren unterm Begriff Electroclash als musikalischer Grenzübertritt, hat sich seither links und rechts der Schlagbäume konsolidiert, ist also nicht ganz so revolutionär wie seinerzeit Le Tigre, Miss Kitten, fischerspooner, Peaches oder das Berliner Jeans Team. Dennoch sorgen Clara Cappagli & Armand Bultheel für fabelhafte Feelgood-Melancholie, wenn sie in englischer Sprache über die Liebe oder ihr Ende singen und digitales Konfetti darüber streuen.

Bei Zeilen wie A dude on a horse with no horse weiß man dabei ebenso wenig, ob der Nachfolger des erfolgreichen Debütalbums wie ihr minimalistische Computerspielsound, der oft unter Player Non Player hindurchrätselt, poetisch oder dadaistisch ist. Sei’s drum: Cappaglis nachhallender Gesang holt den Cool der Achtziger in den Trash der Neunziger und macht daraus mit dem Wave der Nuller und ganz viel elaboriertem Unfug einen Electroclash, den man lange nicht gehört und dennoch ständig im Ohr hatte.

Agar Agar – Player Non Player (Grönland Records)

Johnny Notebook

Und um das kleine Eighties-Revival hier am Grenzzaun des vorherigen und anschließenden Jahrzehnts zu komplementieren, wird jetzt noch mal ordentlich das neue Album von Johnny Netbook gefeiert. Das Synthpunk-Duett aus den praktisch identischen Popkulturschmelztiegeln Madrid und Wuppertal prügelt wieder so hochbeschleunigte Beatgebirge aus retrofuturistsichem Weltraumschrott von Roland TR505 bis PolyKorg800, als säßen The B-52s mit Ziggy Stardust in einer Rakete zum Käsemond.

Schwer zu sagen, ob das Uptempo-Stakkato dieses Multilayer-Powerpops immer ernst gemeint ist, zwinkerzwinker. Stücke wie die entfesselt schnelle Dancefloor Queen oder das noch viel rasantere Rate Me Rate Me aber machen eine*n beim Hören von 28th Century Mates viel zu zappelig, um länger darüber nachzudenken, was denn die Metaebene dieses eklektischen Sammelsuriums sein könnte. Denn wie einst bei Spillsbury dürfen darin selbst nietenhosige E-Gitarrensoli zum Refrain-Geshoute nicht fehlen. Geil!

Johnny Notebook – 28th Century Mates (Sounds of Subterrenia)


Tobias Moretti: Der Gejagte & seine Tochter

Teufel riechen nur im Märchen nach Schwefel

Moretti

Tobias Moretti (Foto: Barbara Gindl) hat zahllose Rollen gespielt, aber mit Tochter Antonia Im Netz der Camorra – das war 2021 neu für ihn. Ein mit dem österreichischen Charakterdarsteller über die Fortsetzung des ZDF-Films bei Magenta TV und wie viel Familie in Der Gejagte steckt.

Von Jan Freitag

Herr Moretti, wie ist das, wenn die eigene Tochter – und sei es nur am Set – eine Waffe auf Sie richtet?

Tobias Moretti: Gute erste Frage! Da kommen einem im ersten Moment in der Tat in einem Zeitraffer einige Bilder in den Sinn, Charakterblitze zwischen Kleinkind, Pubertät und Heute und Morgen. Wenn dann die Kamera läuft, ist man ganz in der Situation und in den Figuren, da ist die private Verbindung eigentlich ausgeblendet. Die Szene ist ja ein Schlüsselmoment für den Tiefststand, den die Beziehung zwischen Laura und Matteo zu Beginn des Films erreicht hat.

Dachten Sie in dem Moment, „die macht mir Angst“ oder „die macht das toll“?

Mit den Jahren kennt man Szenen und Szenarien, in denen eine Waffe auf dich gerichtet wird oder umgekehrt, das wird im deutschen Fernsehen oft verniedlicht. Man merkt, wie weit manche Kolleginnen und Kollegen von solchen Lebenssituationen entfernt sind. Für Antonia war so ein Szenario auch neu, und die Souveränität und Klarheit, mit der sie das gespielt hat, hat mich beeindruckt. Also: toll!

Wie ist es denn generell, mit ihr zu spielen?

Sehr professionell, klar, sie stellt die richtigen Fragen, ist unprätentiös und hat so was wie einen dramatischen Instinkt. So war mein Eindruck.

Ist das eine stärkere, womöglich aber auch geringere Intensität, weil man sich ja in und auswendig kennt?

Dieser private Eindruck ist vielleicht der erste, aber die Privatismen verflüchtigen sich eigentlich gleich. Es ist die Situation beider Figuren, die sehr intensiv und hoch emotional ist. Beide trauern um Stefania – Laura um die Mutter, Matteo um seine Frau. Aber sie trauern eben nicht gemeinsam, sondern zerfleischen sich dabei selbst in diesem monatelangen Eingesperrt-Sein.

Wer von beiden ist der jeweiligen Rollenfigur charakterlich ferner?

Was Laura angeht, kann Antonia das nur selbst beantworten. Wenn es um Matteo geht: Sein bedingungsloser Kampf ums Überleben und dass Lauras Existenz wieder ein erfülltes Leben haben könnte mit einer Perspektive, ist ja mehr als nachvollziehbar. Ebenso, dass der Schmerz um den Tod seiner Frau ihn zerreißt und fast zerstört. Er selbst ist der Grund, warum dies alles passiert. Schwerer ist es zu ermessen, was es heißt, mit einer solchen Vergangenheit zu leben: mit der Schuld, mit der Angst, die einen durch die Jahrzehnte begleitet und die man verdrängt – und auch mit dieser Angst, dass der innere Schalter mit einem Klick ihn wieder in sein altes kaltes Ich verwandeln kann.

Suchen Sie bei Ihren Rollen eher nach Nähe oder nach Distanz?

Sie meinen den eigenen Anker? Die analytische Beschäftigung mit Figuren ist eine Sache; daneben geht es natürlich darum, einem Rollencharakter oder Schicksal etwas zu geben, wo man etwas von sich selbst einhakt – ob Biografie oder Wesenszug.

Es gibt eine Szene im 2. Teil, da stehen sich deCanin und Erlacher mit gezogener Waffe gegenüber wie im Western. Ist diese Referenz bewusst gewählt?

Die Szene symbolisiert die grausam-ausweglose Pattsituation. Beide könnten ja unterschiedlicher nicht sein und wollen in dem Moment doch dasselbe. Für Erlacher ist es wahrscheinlich fast noch schlimmer als für Matteo: Ihm ist dieser DeCanin völlig fremd, aber er hat Empathie für dessen Schicksal. Und er verdankt ihm sein Leben, das schafft eine Bindung, obwohl man einen wie Matteo so weit wie möglich von sich weghalten will. Dass die Szene wie ein Western wirkt, hat also mehr mit der Bildauflösung zu tun, als dass man diese Metapher bewusst gewählt hätte. Aber es war ein guter Einstieg zum Spielen, weil man sofort auf einer dramatischen Höhe war. Es war im Übrigen die erste Szene am ersten Drehtag.

Bei Magenta TV übrigens, wo die Fortsetzung des ZDF-Dramas entstanden ist. Hat man die Streaming-Plattform beim Drehen gespürt?

Nein. Wohin Produzenten in Kooperation mit TV-Sendern ihre Produktionen vertreiben oder verkaufen, interessiert uns während des Drehs eigentlich weniger. Unsere Aufgabe ist es, ein gutes Produkt, eine besondere Arbeit zu machen, so dass sich das Ergebnis eben auch gut verkaufen lässt.

Nach Teil 1 und Euer Ehren waren Sie seit 2021 dreimal Teil der Mafia, wenn man die des Fußballs in Das Netz oder der Finanzwelt in Bad Banks dazu nimmt, mindestens fünfmal in fünf Jahren. Ist das Zufall?

Diese drei Geschichten haben eigentlich nichts miteinander zu tun. Es ist das Genre, das den Plot vorgibt. Das einzig Verwirrende in diesem Fall war die zufällige Namensähnlichkeit in den Untertiteln Im Netz der Camorra und Das Netz – Prometheus. Das Mafia-Milieu ist prototypisch für die Brutalität der Welt: einerseits rohe Gewalt, andererseits undurchschaubare Unterwanderung und Infiltration vieler Lebensbereiche, die lange unbemerkt bleiben. Das macht dieses Milieu seit Bestehen des Films geeignet für dieses Medium.

Ist es dabei eine Frage von Physiognomie und Spiel, dass Sie sich gut für die kriminelle Seite eignen?

Glaube ich nicht. Das hieße ja, dass man den Mafiosi das Mafiöse im Gesicht ablesen könnte. Da wäre dann die Welt wirklich viel einfacher. Der Teufel hat nur im Märchen einen Klumpfuß und riecht nach Schwefel.

Sind Sie als Mensch ein Typ, der Gelübde bricht wie deCanin die Omertà?

Die Entscheidung für die Familie, für Stefania und Laura, die DeCanin getroffen hat, ist auch ein Gelübde, eben das Versprechen von Liebe und bedingungsloser Zugehörigkeit, und das wiegt für Matteo einfach höher als diese vermeintliche Verpflichtung gegenüber dem Clan, in die er hineingeboren wurde.  In der Wahrnehmung der Mafiawelt spielt die Behauptung von familiären „Ehren“-Codices oft eine große Rolle; aber in Wirklichkeit geht es meistens um Geld, um Macht und brutale illegale Geschäfte, an denen verdient wird.

Ist „Der Gejagte“ trotz Mafia-Patin und Ihrer Tochter ein Stoff von Männern mit Männern für Männer?

Manche Frauen behaupten, in einer Welt der Frauen gäbe es weniger Gewalt. In der komplexen Struktur von rationalen Entscheidungen, wie sie unsere merkantile Welt vorgibt, mit aller Brutalität, glaube ich das nicht mehr.

Welches Männlichkeitsbild wird darin transportiert? Oberflächlich scheint es ein traditionelles, fast atavistisches zu sein.

Für Matteo oder Erlacher kann ich das nicht sehen. Am ehesten könnte man von Sorrentino sagen, dass er nach anachronistischen Rollenmustern funktioniert, aber damit scheitert er ja letztlich. Schon in den 90er Jahren erschien ein Buch über die unterschätzte Rolle der Frauen in der Mafia. Die stellen den Clan-Chefs nicht nur die Pasta auf den Tisch.

Was ist Ihr Selbstbild, welche Art Mann wollen Sie sein?

Als Schauspieler beschäftigt man sich mit „Rollen“ in jeder Hinsicht, das heißt, man hat auch zu Geschlechter-Rollen analytische Distanz. In der Pubertät war es für mich nicht leicht, dass ich ein eher sensibler Bursche war, der sich für klassische und Kirchenmusik interessiert hat. Später hat das Leben viele Rollen für mich bereitgehalten, in die ich dann hineingewachsen bin, und das betrifft auch meinen Beruf. Welche Art Mann ich da sein will? Dazu habe ich eigentlich nur die Assoziation, dass man Reich-Ranicki mal die Frage gestellt hat: „Wer oder was hätten Sie sein mögen?“ Seine Antwort war: „Schlank.“

Wie weit würde dieser Mann gehen, um seine Familie vorm Bösen zu beschützen?

Die Meinen sind das Zentrum meines Daseins, die ich um alles in der Welt schützen würde. Wie weit man dafür gehen würde, habe ich bis jetzt in meinem Leben, Gott sei Dank, nicht in letzter Konsequenz ausloten müssen. Aber wozu ein Mensch fähig ist, wissen wir auch.