Struktursexismus & Gedenkmarathon
Posted: May 4, 2020 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a comment
Die Gebrauchtwoche
27. April – 3. Mai
Julia Jäkel ist eine Frau an der Spitze eines deutschen Verlags, die den Weg dorthin kaum mit ihrem Geschlecht in Verbindung bringt. G+J hat halt eine Geschäftsführerin – das fand sie selber. Bis SAP mit Jennifer Morgan die einzige Frau an der Spitze eines Dax-Konzerns mangels „klarer Führungsstärke“ gefeuert und mit dieser männlichen Parade bewiesen hat, wie Corona die Emanzipation zurückdreht. Nicht nur, dass Frauen im Homeoffice viel Home bei wenig Office erledigen oder eben alles alleine; bei Telefonkonferenzen, schreibt Jäkel in einem Gastbeitrag der ZEIT, höre sie nun wieder „ausschließlich dunkle Männerstimmen“.
Ihr deprimierend deprimiertes Fazit: „Wir Frauen sind so viel weniger weit, als wir es dachten.“ Wenn Chefredakteur Steffen Klusmann den neoliberalen Medienmacho Nikolaus Blome als „starke liberal-konservative Stimme“ zurück zum gewohnt führungsfrauenreduzierten Spiegel holt, zeigt sich das jedoch für Jäkels Branche insgesamt. Wobei sie trotz und wegen Corona nicht nur unterm Druck marktradikaler, sondern demokratiefeindlicher Kräfte steht. Dass gut 20 Vermummte, die ein Team der heute-show am 1. Mai in Berlin aus einer rechten Demo heraus krankenhausreif geprügelt haben, wie kolportiert dem linken Milieu entspringen, darf angesichts des migrationshintergründigen Komikers Abdelkarim unter den Opfern jedenfalls als, nun ja, unwahrscheinlich gelten.
Auch die gehässige Reaktion der AfD belegt schließlich, dass die neuen Nazis physische Diskursverschärfungen mal mindestens mit Genugtuung betrachten. Und in dieser Eskalationsspirale steckt letztlich ja auch die struktur sexistische Castingshow Promis unter Palmen, in der eine Teilnehmerin so gemobbt wurde, dass Sat1 die Folge aus der Mediathek genommen hat. Besser wäre es zwar gewesen, das Format zu beerdigen. Aber Deutschland ist halt nicht Dänemark und Sat1 nicht DR1, der die strukturemanzipierte Politserie Borgen 2022 mit der 4. Staffel fortsetzen will.
Die Frischwoche
4. – 10. Mai
Bleibt zu hoffen, dass wir uns dann nicht mehr den Lockdown beim Bingen toller Serien vertreiben müssen. Oder Dokus mit Quarantäneschwerpunkt wie Kontaktsperre, mit der die preisgekrönten Hamburger Timo Großpietsch und Christian von Brockhausen heute (23.15 Uhr) im NDR die ersten Monate der Krise dokumentieren. Während das Erste deshalb sogar seinen ESC in zwei Sondersendungsimprovisationen an diesem und dem nächsten Samstag ersetzen muss, sorgen die Streamingdienste derweil für Ablenkung.
Ab Freitag (boykottiert!) Amazon mit der grandiosen Fantasy-Serie Dispatches from Elsewhere. Nach eigener Idee spielt Showrunner Jason Segel (How I Met Your Mother) darin den lebensmüden Peter, der mithilfe einer Geheimorganisation auf funkensprühende Glücksjagd geht. Ähnlich bizarr geht es für die Puppen der Stop-Motion-Serie The Shivering Truth zu, die vor zwei Jahren in den USA für Aufsehen sorgte und ab Donnerstag bei TNT zu sehen ist.
Weniger crazy ist da der Vierteiler I Know This Much Is True mit Mark Ruffalo in einer Doppelrolle als Zwillingspaar, dessen Existenz ab Sonntag auf Sky nach Jahren der Trennung schicksalhaft ineinander kracht. Aber tags drauf sorgt ja die französische Netflix-Serie The Eddy um einen Pariser Technoclub und seine Nachtgestalten für Entlastung mit Musik. Entlastung womöglich auch vom Gedenkmarathon zum 75. Jahrestag der Kapitulation, die heute mit der ARD-Doku Kinder des Krieges beginnt und Dienatag der 180-minütigen Archivstudie Berlin 1945 auf Arte weitergeht, der vielleicht besten Doku zum Thema seit Jahren. Während der 8. Mai seltsam frei von Erinnerung ist, gibt es dazu aber auch viele Wiederholungen der Woche.
Angefangen mit Bernhard Wickis Meisterwerk Die Brücke (Montag, 0.00 Uhr, HR), der es wie Wolfgang Staudtes Rosen für den Staatsanwalt schon 1959 schaffte, Deutschland mal nicht als Ort der Widerstandskämpfer zu zeigen. Gleiches galt für Frank Beyers Defa-Klassiker Nackt unter Wölfen von 1963, den Philipp Kadelbach 48 Jahre später (Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD) nochmals radikalisierte. Zwischen revisionistisch und modern steht Oliver Hirschbiegels Der Untergang (Donnerstag, 20.15 Uhr, Kabel1), während Schindlers Liste zwei Tage zuvor an gleicher Stelle ohnehin über jeden Zweifel erhaben ist.
Sharratt/Kom, Car Seat Headrest, Joan Wasser
Posted: May 1, 2020 | Author: Jan Freitag | Filed under: 5 freitagsmusik | Leave a comment
Ariel Sharratt & Mathias Kom
Ti-Ming is not a city in China. Klingt abgeschmackt, passt aber aufs neue Album des urbanen Folkduos Ariel Sharratt & Mathias Kom, das mit Never Work den Soundtrack zum 1. Mai liefert. Ihr betörend unspektualärer Doppelstimmengesang aus der Tiefe eleganter Ödnis klingt rein musikalisch zwar viel zu lieblich für die revolutionäre Erhebung am Kampftag. Inhaltlich aber stammen die dadaistischen Texte aus den Ecken siutationistischer Persiflage: wunderbar aufrüherisch, ohne Wut zu schnauben.
Wenn die zwei New Yorker in Rise up Alexa die Computerstimme der Ausbeutungskrake Amazon zur Selbstbefreiung auffordern oder ihrem Blockwart Bezos in Two Jeffs lyrisch die Leviten lesen, rieselt Goldstaub aus jedem der zehn Stücke. Und weil die Künstler*innen dahinter beschwingt vor sich hin plappern, als wären sie The Moldy Peaches, kann man sich mit seinem Hass auf die Verhältnisse herrlich dazu in die Hängematte legen und dem Untergangs mit Bier in der Hand entgegendösen.
Ariel Sharratt & Mathias Kom – Never Work (BB*Island)
Car Seat Headrest
Will Toledos Leben als Songwriter ist auch, wenn es gelegentich so scheint, kein richtiges im falschen, sondern ein verzögertes im zeitgemäßen. Knapp ein Dutzend Platten lang ackert sich der Solokünstler aus dem Grungedorado Seattle abseits großer Bühnen als heimliche Wiedergeburt von Peter Gabriel ab und hat dafür Songs kreiert, die besonders in der Bandformation Car Seat Headrest klingen, als krieche dessen Avantgardepop in einer defekten Zeitmaschine vorwärts.
Auch auf der neuen Platte Making A Door Less Open gießt Peter Toledo ein Dressing aus Beck’schem Sprechgesang über kafkaesken Radiohead-Salat, das für HipHop zu desinteressiert ist und für Rock offenbar zu faul. Weil das Album aber in zwei Schritten erst analog, dann digital erstellt und sodann wild verrührt wurde, ist die ausgestellte Anteilnahmslosigkeit der maximalste Minimalpop dieser Zeit, scheinbar schüchtern, schillernd schön.
Car Seat Headrest – Making A Door Less Open (Matator)
Joan As Police Woman
Alles Attribute, die nicht nur auf Joan Wasser zutreffen, sondern förmlich für sie gemacht zu sein scheinen. Nahezu alles, was sie seit ihrem Debüt als Joan As Police Woman vor 15 Jahren macht, ist schließlich in aller Zurückhaltung schillernd schön. Und das gilt sogar dann, wenn die gelernte Violinistin aus Maine auf eigenem Label die Stücke anderer interpretiert wie zuletzt 2009, auch das ein kleines Meisterwerk. Wie jetzt Cover Two.
Dass sie nicht nur gut kopiert, sondern neu interpretiert, ohne den Wesenskern der Originale zu verleugnen, zeigt bereits der Opener Kiss. Als Cover vom Cover schimmert die flamboyante Version des seligen Prince zwar hindurch, gibt aber auch der Urversion von Tom Waits Raum und verbindet beides zu dekonstruktivem Postpop, der auch aus den Variationen von Blur über TalkTalk bis hin zu Outkast oder The Strokes spricht: Unverkennbares Rohmaterial, mit Frischwasser vermischt.
Joan As Police Woman – Cover Two (Sweet Police)
Natalia Belitski: Liebe.Jetzt! & Jürgen Vogel
Posted: April 30, 2020 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a comment
Sonst sieht es echt düster aus
Trotz und wegen ihrer Optik, zählt die russische Berlinerin Natalia Belitski (34) zu den aktuell erfolgreichsten Schauspielerinnen. In Liebe.Jetzt! (Foto: Sarmiento/ZDF) überbrückt sie ab Sonntag um 21.45 Uhr auf Neo (Mediathek ab 1. Mai) die Krise mit einer Homevideo-Serie, die sie zwar an der Seite ihres echten Freundes Jürgen Vogel zeigt, aber fiktionales Fernsehen bleibt. Ein Gespräch über Arbeit, Leben, Privatsphäre und ihre Branche im Zeichen von Corona.
Von Jan Freitag
Frau Belitski, weil es von Liebe.Jetzt! vor diesem Gespräch noch nichts zu sehen gab, ist mir der Inhalt noch ein wenig schleierhaft…
Natalia Belitski: Mir auch, ich habe ebenfalls noch nichts davon gesehen! Soweit ich weiß, spielen sechs Paare in sechs Episoden, wie sie auf engstem Raum mit der Pandemie umgehen – in unserem Fall ist es eins, das erst kurz zusammen ist, schon ein Kind erwartet und nun früher als üblich so mit Beziehungsalltag konfrontiert wird, dass sie eine Paartherapie via Skype machen.
Also pro Folge ein Paar?
Davon gehe ich schon deshalb aus, weil in der Corona-Krise nur Leute eng miteinander umgehen, also drehen dürfen, die auch im selben Haushalt leben.
Heißt das, Jürgen Vogel und Sie spielen dabei auch ein Stück weit sich selbst?
Nein, denn über die Tatsache hinaus, dass wir privat ein Paar sind, ist alles Fiction. Es stand zwar mal im Raum, bei Jürgen und mir zu drehen, am besten mit unserer Tochter. Das haben wir aber von Anfang an klar verneint.
Weil es Ihnen zu intim gewesen wäre?
Absolut. So halte ich es generell mit meinem Privatleben. Wir haben das deshalb in einer angemieteten Wohnung gedreht, ohne Maske, für die man mehr oder weniger selbst gesorgt hat. Im Raum waren nur Kamera- und Tonleute, der Rest hat sich mit Mundschutz und Abstand in der Wohnung verteilt.
Hat es sich da überhaupt angefühlt, als würden normal Sie ihrem Beruf nachgehen?
Doch, doch, ich hatte schon ein Arbeitsgefühlt. Die Rahmenbedingungen waren ja im Großen und Ganzen wie immer. Es gab mehrere Kameraeinstellungen und Takes, Regiebesprechungen, alles fast wie immer.
Hat Ihnen diese Art Routine ein Gefühl gegeben, etwas tun zu dürfen, was praktisch ihrem gesamten Metier zurzeit verboten ist?
Ich weiß das Glück, anders als andere arbeiten zu dürfen, absolut wertzuschätzen, hatte aber umso mehr auch ein eher beklommenes Gefühl. Mir war schließlich weiterhin bewusst, dass praktisch alle Kulturschaffenden im Land und weltweit gerade von ihrem Beruf abgeschnitten sind. Umso erschreckender ist es da, wie die Politik angesichts der drohenden Katastrophe für den gesamten Kulturbetrieb wegschaut. Vom Lockdown sind nicht nur große, subventionierte Theater betroffen, sondern mehr noch freischaffende Künstlerinnen und Künstler, die durch alle Auffangraster rutschen und vorm Ende ihrer Existenz stehen. Das macht mich traurig und wütend.
Gibt es innerhalb der Branche Solidarität, rückt sie durch die Krise enger zusammen?
Das ist schon rein physisch zurzeit schwer möglich. Und es existieren auch keine bestehenden Netzwerke, die man nutzen könnte. Dennoch geben viele von denen, die mehr haben, was davon ab, damit sich andere mit weniger die Miete noch leisten können.
Sie auch?
Über Spenden redet man nicht, aber klar, ich helfe, wo ich kann, und sei es, indem ich wie jetzt meine Stimme erhebe. Aber das kann die staatliche Unterstützung nicht ersetzen. Sonst sieht es echt düster aus.
Können Sie sich dennoch vorstellen, dass die Branche und die Menschen darin etwas Positives aus der Krise mitnehmen?
Für die Branche sehe ich da gerade überhaupt keinen Lichtblick, weil fast niemand arbeitet. Als Gesellschaft und einen Schritt größer gedacht: als Menschheit würde es uns hingegen unbedingt guttun, die Entschleunigung der Zeit in die Zukunft mitzunehmen und den kapitalistischen Göttern nach dem Ende der Krise nicht genauso bedingungslos wie vorher nachzuhecheln. Wenn man sieht, wie schnell sich alleine die Umwelt nach zwei Monaten Runterfahren erholt, sehe ich durchaus einen Hoffnungsschimmer, dass die Menschheit ein wenig zusammenrückt.
Reicht der Hoffnungsschimmer für handfesten Optimismus?
Leider nein. Wobei ich überhaupt keine Pessimistin bin, ehr so eine optimistische Realistin.
Gilt das auch für Sie persönlich und Ihren Weg durch die Krise?
(überlegt lange) Da ich grad kein Ensemblemitglied am Theater bin, also zwischen zwei Filmprojekten ohnehin längere Pausen der Entschleunigung kenne, ändert sich für mich beruflich weit weniger als für andere. Trotzdem nutze ich die neue Zeit natürlich für mich und meine Familie oder auch mal ein paar Renovierungen im Haus. Darin unterscheiden wir uns dann doch gar nicht so sehr von den Paaren in Liebe.Jetzt!
Was könnte denn der Mehrwehrt dieser Serie fürs Publikum sein – die Selbstvergewisserung, dass es anderen genauso geht oder womöglich eher schlimmer?
Also letzteres definitiv nicht. Im besten Fall ist es eine Identifikationsfläche mit eher heiterem Blick darauf, welche Konflikte bei anderen möglich sind. Obwohl es mit viel Witz geschrieben und gespielt ist, hat es aber dennoch viel Tiefe – auch wenn es weit von dem entfernt ist, was sich in vielen realen Wohnungen gerade abspielt.
Sie sprechen von häuslicher Gewalt.
Genau. Ich bin Mitglied im Kinderschutzbund, und der weist gerade nachdrücklich darauf hin, welche Verhältnisse vielfach herrschen, ohne dass irgendjemand etwas davon mitbekommt. Verglichen damit ist die Serie ist da einfach Unterhaltung.
Öffnungsdiskussionsorgien & Biohackers
Posted: April 27, 2020 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a comment
Die Gebrauchtwoche
20. – 26. April
In ihrer 14-jährigen Amtszeit war Angela Merkel selten eine Frau großer Worte. Die Medienrepublik lechzte zwar nach gesprochenen Headlines. Stattdessen bekam sie ihr „Wir schaffen das!“, was 2015 nur deshalb im Gedächtnis haften bliebt, weil es die Neonazis von Pegida bis AfD aufbläht hatten. Jetzt aber sorgte doch mal ein Satz der ewigen Kanzlerin auch links der völkischen Ecke für Wirbel: Öffnungsdiskussionsorgien.
Vor acht Tagen im Koalitionsausschuss geäußert, ist es der umstrittenste Kampfbegriff dieser Krisentage. Betrifft er doch das Wesen demokratischer Kompromissbildung: den Streit. Ihn mit einer solch unglücklichen Formulierung zu diskreditieren, unterhöhlt die Demokratie womöglich mehr als jedes Ausgehverbot. Merkel hier Kalkül vorzuwerfen, springt aber trotzdem auf den Zug populistischer Medien, die sich nichts sehnlicher wünschen als a) kompromisslose Führungskraft, solange sie b) nicht rational, sondern national handelt.
Diesbezüglich kann man der Bild bekanntlich viel vorwerfen: dass sie bis zur Selbstverleugnung rückgratlos ist und für ein bisschen mehr Auflage die Mütter der Chefredaktion an den IS verkaufen würde, dass sie ihr Publikum ähnlich verachtet wie ihre Gegner, dass sie im Grunde nicht mal Journalismus betreibt. Eins aber darf man der Papier und Pixel gewordenen Hölle moralischer Verwahrlosung nie unterstellen: dass sie sich nicht geldwert in Szene zu setzen versteht und dafür stets willfährige Komplizen gewinnt.
Nur so ist zu erklären, dass Armin Laschet und Markus Söder vorigen Dienstag mit den Chefs ihrer rentabelsten Heimclubs Karl-Heinz Rummenigge und Hans-Joachim Watzke die Fortsetzung der Bundesliga exklusiv bei Bild.TV verbreitet haben. Andererseits: wenn der Fußballkapitalismus sein hässlichstes Gesicht zeigt, ist es auch einfach angemessen, dies unterm Logo des menschenverachtenden Mediums werbewirksam ins Bild zu rücken.
Die Frischwoche
27. April – 3. Mai
Im Gegensatz zur deutschen Thriller-Serie Biohackers, die Netflix wegen pandemischer Anspielungen vom Donnerstag genommen hat, könnten im Mai also tatsächlich Geisterspiele bei Sky, DAZN und Telekom zu sehen sein. Dinge, die die Welt im Ausnahmezustand so wenig braucht wie einen Fernsehsamstag, an dem die ARD (Frag doch mal die Maus) und das ZDF (Andrea Berg), dazu RTL (Denn sie wissen nicht, was passiert) und Pro7 (Schlag den Star) simulieren, die Welt sei weiter im Normalzustand.
Andererseits ist es legitim, in Krisen nicht nur über Krisen zu reden, wie es ZDFinfo heute um 20.15 Uhr etwa mit den Sieben größten Verschwörungstheorien der Geschichte tut, sondern ein bisschen davon abzulenken. Es muss ja nicht gleich durchschaubar sein wie Christina Athenstädt anstelle der verstorbenen Lisa Martinek als blinde Anwältin Die Heiland, ab Dienstag im Ersten. Besser ist tags drauf an selber Stelle Hannelore Elsners letzter Film Lang lebe die Königin, wo sie sich in Gestalt einer verblassenden Diva ein wenig selber spielt.
Weil seine Hauptdarstellerin während der Dreharbeiten starb, hatte Regisseur Richard Huber die Idee, fehlende Szenen mit Kolleginnen von Iris Berben über Judy Winter bis Eva Mattes zu besetzen, was wider Erwarten weder manieriert noch peinlich ist. Diese Gefahr hat auch Deutscher (Dienstag/Mittwoch, 20.15 Uhr, Neo) knapp umschifft. Der vierteilige Nachbarschaftsstreit nach dem Wahlsieg einer rechtsextremen Partei ist zwar plakativ, aber ohne Pathos eindringlich. Und wer weiß – vielleicht gibt’s 2095 eine ZDF-Doku wie Wir im Krieg (Dienstag, 20.15 Uhr) mit Homevideos faschistischer Volksgenossen vorm Untergang.
Doch damit zurück zur Ablenkung vom Irrsinn überall, etwa mit Familie Willoughby, einer animierten Netflix-Komödie um vier Kinder, die so vernachlässigt werden, dass sie ihren Eltern eine Reise ohne Wiederkehr organisieren. Oder der britischen Medical Temple um ein Untergrundkrankenhaus für Ausgestoßene, ab Donnerstag auf Sky. Dann wäre da noch die (kauft nicht bei!) Amazon-Serie Upload vom Office-Erfinder Greg Daniels, in der man sich ab Freitag postmortal digitalisieren lässt. Und die Info-Doku White Boy Rich über den FBI-Dealer Richard Wershe ist ab Samstag real, aber vor allem ähnlich unterhaltsam wie die Wiederholungen der Woche.
Zum Beispiel Fred Zinnemanns schwarzweißer Kriegsfilmklassiker Verdammt in alle Ewigkeit über die letzten Tage vor Pearl Harbour von 1953 (Sonntag, 20.15 Uhr, Arte) oder kunterbunt: Unternehmen Petticoat (Montag, 20.15 Uhr, Arte), Blake Edwards‘ Antikriegsgroteske mit freundlich misogynem Unterton, der 1959 state of the art war, dank Cary Grant als Kommandeur eines rosa U-Bootes aber auch sehr lustig.
Hans Unstern: Kratzpop & Diven-Harfe
Posted: April 24, 2020 | Author: Jan Freitag | Filed under: 5 freitagsmusik | Leave a comment
Für mich sind das Popsongs
Wer bin ich und wenn ja, wie viele? Beim Hans Unstern lässt sich das schwer beantworten. Vom poetischen Kammerspieltechno über die Band bis hin zum Geschlecht des Berliners Avantgardekünstlers bleibt alles im Ungefähren, seit er 2010 mit Kratz dich raus sein Debüt veröffentlicht hat. Jetzt kommt sein viertes Album Diven (staatsakt) heraus, in dem er wieder permanent mit Stil, Identität und einem Instrumentarium selbstgebauter Harfen spielt.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Hans Unstern, wie viel hat Musik aus Ihrer Sicht mit westlich geprägter Harmonielehre zu tun und wie wenig mit dem Kosmos an Tonabfolgen, die sich jenseits davon abspielen?
Hans Unstern: Ich finde es schön, alle mich umgebenden Geräusche als Musik wahrzunehmen. Ich sitze im Hinterhof und höre das Konzert der Amsel im Rauschen der Silberpappel zu den Motoren-Sounds von der Straße und den Stimmen der Nachbar*innen am Balkon. Und plötzlich brummt eine Hummel an meiner Nase vorbei. Hier wird komponiert. Ich glaube in diesem Wahrnehmen spielen immer auch verinnerlichte Harmoniefolgen mit, aber auch Neue Musik und Improvisationserfahrungen. Gleichzeitig hat all das in solchen Momenten keine Bedeutung.
Heißt das bezogen auf Diven, die Musik widersetzt sich bewusst der formalistischen Sicht auf Kompositionen mit dem Ziel, das Strukturbedürfnis des Publikums, dessen Suche nach Halt in Abfolgen von Strophe, Chorus, Refrain zu unterwandern?
Für mich sind das Pop Songs, die wie ein Kunstlied oder eine Ballade eine Geschichte erzählen. Das Arrangement auf der Harfe ergibt sich aus diesem Storytelling und seiner Dramaturgie. Und aus der fortlaufenden Wucherung einer Klang-Sprache, bei der ich neben meinen eigenen auch immer an den losen Fäden anderer Musiker*innen weiter stricke, knüpfe, häkle.
Welche zum Beispiel?
Ich höre da ganz deutlich, wo Alice Coltrane, Joanna Newsom, Lana del Rey, Laurie Anderson oder Mykki Blanco mitklingen. Aus diesen Verwachsungen entsteht dann aber immer etwas, das für sich steht, mit einem eigenen Bogen. Aber ich versuche nichts zu unterwandern. Zuerst kommt bei mir immer ein Text, der dann nach einer Musik fragt. Und die Komposition und die Klänge sind die Antwort darauf. Die Texte können das immer ganz gut sagen, welcher Klang zu ihnen passt. Die Klänge und Abfolgen sind mir vollkommen einleuchtend, sie wurden von den Texten gerufen und sind ihre Gefährt*innen.
Sie sind also ein Poet, der letztlich Gedichte vertont?
Ich bin Dichter und Musikerin. Mich interessiert die Kombination.
Wenn Sie „ich“ sagen und dabei zwischen „Dichter“ und „Musikerin“ differenzieren – welche Identität, welches „Ich“ ist damit gemeint?
Ich bin Vielzahl. Ich dehne meine Identität. Ich brauche Selbstauslöser*innen um ein Selbst zu konstruieren. Hans Unstern puzzelt sich zusammen.
Heißt das, die irritierende Vielfältigkeit deiner Musik ist Ausdruck deiner vielfältigen Identitäten, in denen ja auch Geschlechterzuweisungen keine Rolle spielen?
Vielleicht hat das einen Zusammenhang. Einen Plan dazu gibt es jedenfalls nicht. Mich interessiert das Werden weit mehr als das Sein.
Erzogen wurden Sie aber als das, was heutzutage Cis-Gender genannt wird, also mit dem sozialen Geschlecht des Mannes?
Ich finde die Praxis, Geschlechter bei der Geburt eindeutig in eine der beiden Schubladen zu stecken, die der Mainstream erlaubt, eine gefährliche Vereinfachung. Ich will, dass die Unendlichkeit der Geschlechter ernst genommen wird.
Die Doppeldeutigkeit des letzten Diven-Titels Cis, den mal als soziales Geschlecht oder Musiknote deuten kann, ist aber schon gewünscht?
Es ist schön, dass Sie beides darin hören. Schon, weil ich mich immer freue, wenn die Leute sich ihren eigenen Reim auf meine Texte machen.
Was hat es dann mit dem Ticken auf sich, das den Song durchsetzt – ist damit die Zeitbombe toxischer Männlichkeit beschrieben, deren ablaufende Uhr oder interpretiere ich die Metaphorik Ihrer Kompositionen damit heillos über?
Auch ich entdecke in meinen Songs gelegentlich noch Seiten, die mir anfangs gar nicht bewusst waren. Das ist ja gerade das Spannende, oft Magische an Musik.
Welche Rolle spielen bei dieser Interpretationsoffenheit Instrumente, die Sie im Fall von Diven sogar selbst entworfen und gebaut haben?
Eine große. Das hat während der Produktion des zweiten Albums angefangen. Schon damals hat mich etwas an der Harfe magisch angezogen. So haben Simon Bauer und ich erste Harfen gebaut und das Instrumentarium erweitert. Gut sieben Jahre später, mit ausschließlich selbstgebauten Harfen auf der Bühne, fühle ich mich so wohl wie nie im Scheinwerferlicht. Wie anstrengend es war, sich zu verstecken! Mit Gitarre in der Hand war die Suche nach einem Versteck stets meine Reaktion. So wie die Kompositionen bei mir Resultat der Texte sind, sind sie es nun auch von der Beschaffenheit der Harfen, die teils mit Hubmagneten und Robotern ferngesteuert werden.
Kybernetischer Pop.
Nicht Kybernetik. Aber Aleatorik, also Kompositionsprinzipien, die auf Zufall basieren. Das Arrangement für den Song Keine Zeit zum Beispiel entstand bei einer Improvisation mit der akustischen Harfe, zu einem schmatzenden, meditativen Beat, der sich aus rhythmischen Figuren zusammensetzt, die im Sequenzer vom Zufallsgenerator aneinandergereiht werden. Für die Klangformung des Beats verstärkte Simon Bauer die mechanischen Geräusche der Relais, die die Impulse zum Auslösen der Hubmagnete an die Metallharfe schicken. Statt dieses Klicken als Störgeräusche wahrzunehmen und zu versteckten, betrachteten wir es als Ausgangspunkt für das Arrangement des Songs.
Das klingt fast, als spielen die Instrumente euch statt umgekehrt.
Als die V-Harfe zur Maschine wurde, wollten wir ihr zumindest viel Autonomie geben. Sie ist nicht nur befehlsempfangende Klangerzeugerin, wie wir es von anderen Orchester-Apparaturen kennen, sondern gibt uns gleichermaßen Befehle mit Arbeitsanweisungen zurück. Wir bedienen die Maschine also in zweierlei Hinsicht. Einmal in Gang gesetzt, werden wir zu Fließbandarbeiter*innen, gefangen im laufenden Produktionsband der Maschine.
Habt ihr das vor der Schließung sämtlicher Konzertsäle schon mal live erprobt?
Es gab letztes Jahr ein paar Testkonzerte. Und mit dem fertigen Album kriegen wir es hoffentlich an einen Punkt, damit auf Tour zu gehen. Wir versuchen immer die Instrumente fürs Publikum zugänglich zu machen. Bislang hat das Publikum mit interessierter Neugierde auf die Harfen reagiert. Aber das steht im Moment ja nicht so an…
Wobei wir es jetzt geschafft haben, im April 2020 ein ganzes Interview ohne das böse C-Wort zu führen.
Toll, ja. Belassen wir’s doch dabei.
Das Interview ist vorab beim Musikblog erschienen.
David Kross: Knallhart & Betonrausch
Posted: April 23, 2020 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a comment
Als Investor bin ich konservativ
Im Netflix-Drama Betonrausch (Foto: Konietzny/Netflix) spielt der deutsche Weltstar David Kross einen Immobilienspekulanten im dauernden Exzess. Privat ist der 29-Jährige vom Dorfe dagegen die Ruhe selbst. Ein Gespräch über Provinzgewächse in der Großstadt, Koks am Filmset und ob sein erster Bösewicht einen Dominoeffekt auslösen könnte.
Interview: Jan Freitag
freitagsmedien: David Kross, Sie stammen genau wie Ihre Filmfigur Victor aus der Provinz und sind als junger Mann ins große Berlin gezogen. War das bei Ihnen derselbe Sprung ins Abenteuer ohne Plan und Geld?
David Kross: Es war schon ein Sturz ins Abenteuer, aber nicht so ganz ohne Plan oder Geld. Obwohl ich Berlin von vorherigen Dreharbeiten schon kannte, war es trotzdem etwas Besonderes, dort plötzlich fern von zuhause allein zu wohnen. Und während Victor überhaupt keine Ahnung hat, wie es in Berlin weitergeht, war mir völlig klar, was ich wollte.
Ein Weltstar werden?
(lacht) Nee. Aber mir war schon klar, dass Berlin mit all seinen Produktionsfirmen, Drehorten und Agenturen der perfekte Ort für den Start war.
Sie sind also nicht wie er in den Exzess mit Nutten, Koks, schnellem Geld gerauscht?
Nein! Das Koks in Betonrausch bestand daher aus Traubenzucker mit Pfefferminz. Das brennt allerdings auch ein bisschen; als ich bei einem Take mal viel zu viel davon gezogen habe, ist das voll in den Kopf geknallt; da musste ich den Kick fast gar nicht mehr spielen.
Wie realistisch ist denn die kapitalistisch entfesselte Business- und Partyszene, in der Ihre Figur landet?
Der Regisseur und Drehbuchautor Cüneyt Kaya hat jedenfalls intensiv in den Kreisen recherchiert. Das macht „Betonrausch“ zum Zusammenschnitt verschiedener Geschichten, die für sich alle absolut realistisch sind, in dieser Konstellation aber fiktional. Wenn man durch Berlin geht, trifft man echt alle Nase lang Typen, die genauso mit dem Geld um sich werfen wie Victor und Gerry.
Sie selbst sind einst auch zu einer Menge an Geld gekommen, die für Gleichaltrige Ihrer Mittelschicht ungewöhnlich ist. Haben Sie es auf den Kopf gehauen oder gespart?
Natürlich hab‘ ich mir ein paar Dinge gekauft, die mit 15 vorher unmöglich gewesen wären wie eine Spiegelreflexkamera. Da es von Knallhart bis zum Vorleser aber so wahnsinnig schnell ging, war Geld ganz ehrlich zunächst kein Thema. Ich habe erst kürzlich einen Steuerbescheid von damals gesehen und gemerkt, was mir gezahlt wurde. Das Bewusstsein, dass die Schauspielerei auch ein Beruf ist, um Geld zu verdienen, kam erst später, und es hat mir insofern eher Sorge bereitet, darüber den Spaß an der Arbeit nicht verlieren zu wollen.
Haben Sie je die Erfahrung von Victor gemacht, dass Geld einer Lawine gleicht, wie er im Film sagt – wer genug hat, dem wird noch mehr hinterhergeschmissen, während all jene, die nichts haben auch nichts kriegen?
Da ist gesamtgesellschaftlich schon was dran. Aber als Schauspieler kriegt man höchstens mal einen Anzug geschenkt, von dem sich der Hersteller erhofft, dass man ihn öffentlich trägt. Ich hänge zwar zwischen den Polen, aber doch etwas weiter weg von dieser Spekulanten-Szene.
Neigen Sie persönlich zur Risikokapitalanlage?
Nein, als Investor bin ich eher konservativ. Schon, weil man sich viel zu sehr mit dem Thema beschäftigen und einiges an Wissen zusammentragen muss, um es lukrativ zu machen. Wobei Victor da ja auch ohne Vorkenntnisse reingeraten ist.
Ist dieses Landei, das in kürzester Zeit mit windigen Immobiliendeals hochsteigt und tief fällt, eigentlich der erste echte Antagonist des Guten ihrer Filmlaufbahn?
Schon, er treibt ja ziemlich skrupellos selbst gewöhnliche Leute in den Ruin. Gerade deshalb wollte ich ihn auch unbedingt spielen – allerdings nur, weil er gleich mehrere Entwicklungen durchmacht, also nicht so der eindeutige Bösewicht ist.
Könnte dieser Film für einen Schauspieler, dem man wegen seines arglosen Lächelns …
Ha!
… lange Zeit nur nette Figuren zugebilligt hat, so gesehen ein Türöffner in ein breiteres Rollenspektrum sein?
Wer weiß? Wobei ich witzigerweise gerade noch ein weiteres Projekt habe, bei dem die Rolle noch viel, viel ambivalenter ist, das ist echt ein richtiger Bösewicht, ich war selbst überrascht, mit dem Lächeln so eine Chance zu bekommen.
Könnte es da einen Dominoeffekt geben?
Kommt drauf an, wie Betonrausch beim Publikum ankommt. Und da haben wir angesichts der Corona-Krise großes Glück gehabt, dass er auf Netflix läuft. Wir alle hoffen, dass die Kinos bald wieder öffnen, aber bis dahin helfen uns Streamingdienste enorm durch die schwere Zeit. Denn seien wir ehrlich: zusammen mit den Synchronfassungen wird dieser Film vermutlich von mehr Menschen gesehen als die meisten meiner Kinofilme zusammen.
Kein hoffnungsfrohes Argument für den Fortbestand des Mediums Kino…
Das stimmt leider, ja. Ist aber unabhängig von der Corona-Krise geschehen.
Was bedeutet die für Sie beruflich gerade?
Ich musste einen Dreh nach etwa einem Drittel unterbrechen, aber es wird mit Sicherheit weitergehen.
Und privat sitzen Sie zuhause in Berlin und warten auf die Lockerung des Lockdowns?
Zuhause ja, aber in Hamburg. Dort bin ich vor kurzem hingezogen und warte auf bessere Zeiten. Aber ehrlich: Ich als Schauspieler bin das Warten gewohnt. Das ist kein Vergleich zu Menschen, deren ganze Existenz auf dem Spiel steht. Und gerade ein Film wie Betonrausch zeigt, dass die Krise abgesehen von der gesundheitlichen und finanziellen Katastrophe uns auch etwas anderes zeigen kann. Ich glaube, in unserer überhitzten Zeit tut es vielen gut, mal die Stopp-Taste zu drücken und kurz wieder zur Besinnung zu kommen.
Wenn wieder Play gedrückt wird, entstehen vom RTL-Thriller über die Jagd nach dem Antivirus bis zur Arte-Serie über die Krise der Clubkultur sicher Hunderte von Pandemie-Fiktionen. In welcher würden Sie da gern mitmachen?
Spontan würde es mich wahrscheinlich reizen, einen Mann zu spielen, der in der Quarantäne wahnsinnig wird. Davon gibt es vermutlich grad viele.
Ganz Deutschland & Das Boot
Posted: April 20, 2020 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a comment
Die Gebrauchtwoche
13. – 19. April
Dass „ganz Deutschland“ irgendetwas kollektiv interessiert, gar diskutiert, bildete jahrzehntelang den Kern marketingbewährter Selbstüberschätzung (rechts)populistischer Massenmedien wie der Bild. Sein Wahrheitsgehalt liegt abseits von Fußballfinalrunden also noch niedriger als deren Hemmschwelle, auf Schwächere einzudreschen. Am Mittwoch aber hat dann doch mal „ganz Deutschland“ Interesse am Diskussionsgegenstand der (meist männlichen) Ministerpräsidenten entwickelt, als sie über die Lockerung des Lockdowns befanden.
Wie viel Normalität ab heute wieder zulässig ist, bleibt bislang zwar offen; ein Rückfall in den Urzustand zeigte sich allerdings schon Samstag: erstmals seit Wochen begann die Tagesschau nicht pandemisch, sondern mit 50 von Abertausenden Geflüchteter, die aus Griechenland nach Deutschland gekommen sind. Doch darüber hinaus war abgesehen vom Tod des journalistischen Urviechs Ulrich Kienzles aus einer Zeit, als Haltung noch diskurstauglich war, natürlich immer noch alles Corona.
Zum Beispiel in den USA, wo sich mit MSNBC der erste Sender aus Donald Trumps bizarren Pressebriefings geschaltet hat. Allerdings hält sogar sein Hofhundsender Fox mittlerweile nicht mehr bis zum Schluss durch, wenn sich der US-Autokrat seine Welt Tag für Tag zurechtlügt und dabei Tag für Tag vermeintliche Fake-News seriöser Medien anprangert. Etwa der New York Times, die das Kunststück fertigbringt, im 1. Quartal nach dem Spiegel die meistzitierte Zeitung Deutschlands gewesen zu sein und damit das notorische Lügenblatt Bild von Platz 2 zu verdrängen.
Wobei selbst die offen fiktionale Fiktion im Schatten der Krise steht. Und damit ist nicht gemeint, dass Dr. Kleist nach 2020 Jahren Dienst an der Menschheit selbigen quittiert oder Thore Schölermann als taff-Moderator den sexistischen Dienst an seinem Testosteronüberschuss kultiviert. Nein – um wegen der Produktionsunterbrechungen Engpässe zu vermeiden, verschiebt das ZDF seine beiden Neustarts Fritzie (Donnerstag) und Dan Sommerdahl (Sonntag) in den Herbst.
Die Frischwoche
20. – 26. April
Netflix dagegen reitet dank geschlossener Kinos weiter die Erfolgswelle einfallsloser Couchpotatoes und zieht seine Sport-Doku The Last Dance vor, in der ab heute die Chicago Bulls der Neunziger ums Jahrhunderttalent Michael Jordan gewürdigt werden, ohne ihm zu huldigen. Disney+ zeigt unterdessen, dass es die Stärken und die Schwächen des Konzerns dahinter gleichsam zu nutzen versteht. Der Tiernaturabenteuerfilm Togo verarbeitet die verbürgte Story eines zäh-süßen Schlittenhundes zu einer so mitreißenden wie aufdringlichen Fiktion.
Für die Fortsetzung von Das Boot Sky gilt ab Freitag auf Sky leider vor allem letzteres – auch, weil sich selbst ein versierter Regisseur wie Matthias Glasner nach dem Buch des Briten Colin Teevan nicht der revisionistischen Untertöne von Andreas Prochaskas 1. Staffel entledigen kann. Doch das gleicht die erstaunliche Romantic-Dramedy Run, in der sich Merritt Wever und Domhnall Glesson als Jugendliebe im Alter zwangsverpaaren, an selber Stelle locker aus.
Auf Arte zeigt derweil der frühere Fußballer Eric Cantona, was er auch als Schauspieler kann. Im französischen Sechsteiler Auf der Spur ist er ab Donnerstag ein Manager, dessen Bootcamp eskaliert. Wie immer solide: Ulrich Noethen als Hamburger Psychologe in der bedeutungsvoll düsteren Krimireihe Neben der Spur (Montag, ZDF). Weniger tiefgründig als brachial, aber schmerzhaft stichhaltig, präsentiert sich der jüdische Komiker Oliver Polak in seiner neuen Talkshow Besser als Krieg, ab Dienstag (0.00 Uhr, RBB).
Ein Schmankerl noch für Grobschmecker: Black Sabbath – The End (Freitag, 21.45 Uhr, Arte), Ozzy Osbournes letztes Konzert von 2017. Fast 90 Jahre älter ist die schwarzweiße Wiederholung der Woche dort: Der blaue Express (Montag, 23.30 Uhr, Arte), Ilja Traubergs Stummfilmklassiker, der die Klassengesellschaft am Beispiel einer Bahnfahrt von China nach Russland skizziert. In Farbe für den lustigen Abschaltimpuls: Mordkommission Istanbul, wo Erol Sanders Kommissar Özakin sein Publikum (2008 an der Seite Christine Neubauers) in seiner Puppenstubentürkei verachtet. Und der Tatort? Reist Mittwoch (22 Uhr, SWR) zum hessischen Albraumpaar Król/Kunzendorf (Es ist böse) von 2012.
Malena Zavala, The Rhymes, Fiona Apple
Posted: April 17, 2020 | Author: Jan Freitag | Filed under: 5 freitagsmusik | Leave a comment
Malena Zavala
Culture Clash ist ein Kampfbegriff, der die tendenzielle Unvereinbarkeit verschiedener Kulturkreise aus kulturpessimistischer Perspektive beschreibt. Bei zwei wie denen aus Argentinien und UK könnte der Zusammenprall da schon wegen der kriegerischen Vergangenheit um die Falkland-Inseln also kaum größer sein. Ach wie gut, dass es den Pop gibt, mit seiner enormen Saugfähigkeit samt der Eigenart, Differenzen gleichsam unsichtbar und präsentabel zu machen – schön vereint in Malena Zavala, der argentinischen Tochter italienischer Eltern aus dem ziemlich englischen Hertfordshire.
Ihr zweites Album La Yarará ist ein Mashup beider Biografien, und nein – sie vermischt darin weder Tango noch Britpop. Das Geheimnis dieser cremig gerührten Emulsion aus Südamerika und Nordeuropa ist, dass die Bestandteile eher atmosphärischer als formalistischer Natur sind. Klar, Malena Zavala singt abwechselnd Englisch und Spanisch. Aber die Einflüsse scheinen oftmals eher afrikanischer, karibischer, mittelwestlicher Natur zu sein. Das Auftaktstück What if I klingt daher ein bisschen, als habe sich Madonna mit Sade zum Früchtetee in der Cumbia-Disco verabredet.
Malena Zavala – La Yarará (Yucatan)
The Rhymes
Ob es am Mangel lateinamerikanischer Einflüsse liegt, dass ausgerechnet die winterdunkelheitsgeplagten Menschen in Schweden eine Art Britpopgen im Chromosomensatz haben? Tatsache ist: seit Abba den Pop einst endgültig zum Milliardenbiz machten, scheint er ohne skandinavischen Einfluss kaum vorstellbar – zumindest, solange er sich sein heimisches Ideom verkneift, mit dem selbst Abba anfangs nur lokalen Erfolg hatten. The Rhymes heißen demnach nicht nur so, sie singen auch auf Englisch, und das in einer Weise, die wie so vieles dort spielend britischen Ursprungs sein könnte. Sie kommen aber nun mal aus Uppsala.
Umso weniger muss man acht One-Two-Three-Four-Überwältigungsharmonien für die Neuerfindung des Gitarrenrocks halten. Dank der ergreifend zerriebenen Stimme des politisch aktiven Sängers Tomas Karlsson, der sich lange als Stadtrat für die Rechte seiner LGBTQ-Community einsetzte, durchweht das selbstbetitelte Debütalbum allerdings eine Androgynität, die sich auch im flamboyanten Bühnenoutfit jenseits genretypischer Breitbeinigkeiten widerspiegelt. Zusammen mit dem Stagedivepowerpop sorgt das für eine Indifferenz, in der selbst die saftigen Gute-Laune-Liebes-Lyrics nicht weiter stören.
The Rhymes – The Rhymes (The Rhymes REC.)
Hyle der Woche
Fiona Apple
Was, die gibt`s noch? Wer als Musiker*in so was zu hören kriegt, ist im besten Fall schon sehr lange im Geschäft, im schlechteren schon zu lange. Im Fall Fiona Apples kommt erschwerend die Frage hinzu: war die New Yorkerin nicht schon relativ bald nach ihrem Debüt als Teenager vor 25 Jahren leicht außer Mode? Mitte der Neunziger war ihr verschrobener Avantgardepop ja eher was für Feinschmecker als Schweinebratenfans, fiel aber in den Epochenbruch feministischer Infiltration des Rock’n’Roll, der im härten Segement von Riot Grrls betrieben wurde, im filigraneren von Heather Nova, Anni di Franco, eben Fiona Apple. Wer sich das neue Album anhört, merkt jedoch schnell: Es ist keinesfalls von gestern, im Gegenteil. Fetch The Bolt Cutters (Sony) klingt im Aufwind reaktionärer Populisten nach einem Sturm retrofuturistischer Selbstermächtigung, die nichts mehr braucht als den dekonstruktistisch jazzigen, hinreißend organischen Theaterpop von Kämpferinnen wie dieser.
Maria Schrader: emanzipiert & Unorthodox
Posted: April 16, 2020 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | 1 Comment
Ich sorge mich um alle
Fast 30 Jahre nach ihrem Filmdebüt hat sich die Schauspielerin Maria Schrader (Foto: Netflix/Anika Molna) auch als Regisseurin etabliert. Der beste Beweis: die Netflix-Serie Unorthodox, in dem sie auf brillante Art das Leben von Deborah Feldman nachzeichnet, die aus dem Frauengefängnis chassidischer Juden nach Berlin geflohen ist und dort einen Weltbestseller über ihr Leben geschrieben hat.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Frau Schrader, Unorthodox, die wahre Geschichte einer chassidischen Jüdin, die ihr ultrakonservatives Umfeld hinter sich lässt, ist extrem anrührend, ohne rührselig oder melodramatisch zu sein…
Maria Schrader: Zum Glück! Beide Begriffe beschreiben nämlich Überwältigungsversuche, die bei mir sofort Distanz erzeugen. Wenn aber eine Figur mit aller Kraft versucht, die Fassung zu bewahren, bin ich die erste, die anfängt zu weinen. Die Schauspielerin Shira Haas hat einen erstaunlichen Zugang zu ihrer Gefühlswelt und verleiht der Hauptfigur Esther zugleich Pragmatismus und Willenskraft. Beim Drehen war ich jeden Tag glücklich über unser Ensemble, das wie Jeff Wilbusch teilweise ja tatsächlich aus dieser Community stammt.
Wie wichtig war es dabei, Rituale und Räumlichkeiten einer so abgeschotteten Gruppe, von der nach außen kaum etwas bekannt ist, derart authentisch auszustatten?
Sehr wichtig. Rituale bestimmen den Tagesrhythmus.
Aber kippt die Geschichte nicht schnell ins Oberflächliche, wenn man Äußerlichkeiten so viel Raum gibt?
Im Zentrum dieses Lebens stehen der praktizierte Glaube und die Gemeinschaft. Die privaten Innenräume spiegeln das wider, man findet in ihnen nämlich nicht viel Privates. Es ist erstaunlich und auch beunruhigend, dass diese Gruppe von Menschen inmitten der kapitalistischen Metropole New York nichts von Selbstverwirklichung, Karriere und persönlicher Freiheit wissen will. Die Regeln ihres Lebens bestimmen auch Esther und führen dazu, dass sie keinen anderen Ausweg sieht als zu fliehen.
Mussten Sie selbst jemals so viel Willensstärke aufbringen, um sich von gesellschaftlichen Zwängen zu befreien?
Nein, nicht im Geringsten. Für Esther gibt es nur eine Zukunftsperspektive, nämlich Ehefrau und Mutter zu werden, ohne Ausbildung in ökonomischer Abhängigkeit. Die Probleme in ihrer arrangierten Ehe werden zu einer öffentlichen Angelegenheit, bis Esther diesen Druck nicht mehr aushält. Es braucht großen Mut, alles was man kennt, zurückzulassen. Das liegt weit außerhalb meines Erfahrungshorizonts. Ich bin gegensätzlich aufgewachsen, meine Eltern wollten, dass ich arbeite und unabhängig werde. Es hat ihnen eher Sorgen bereitet, dass ich Ehefrau und Mutter werden könnte. (lacht) Da gab es nur einmal eine Krise.
Welche?
Als ich die Schauspielschule abgebrochen habe und der Liebe wegen nach Berlin gezogen bin.
Zu Dani Levy, mit dem Sie später ihre ersten Filme gedreht haben.
Ja. Im Gegensatz zu Deborah verlief mein Leben also ganz nach den Vorstellungen meiner Eltern.
Das allerdings spätestens in dem Moment mit Konventionen kollidiert sein dürfte, als Sie sich vor zwölf Jahren im männerdominierten Regiefach durchsetzen mussten.
Das klingt als hätte ich Pionierarbeit geleistet (lacht). Es gibt seit vielen Generationen Regisseurinnen, auch wenn sie in der Minderheit sind. Meine erste Regie war nicht leicht, ich bin auf starkes Misstrauen gestoßen, wenn auch nur von einzelnen Personen. Es ist nicht nur eine männerdominierte Branche, sondern auch eine männerdominierte Gesellschaft, in der zumindest ich noch aufgewachsen bin. Aber in den letzten Jahren hat es einen Ruck von Bewusstmachung gegeben, und die Verhältnisse verändern sich, wenn auch langsam.
Sie zeigen sowohl hinter als auch vor der Kamera von Beginn an eine spürbare Affinität zur israelisch-jüdischen Geschichte, die auch diesen Film prägt. Woher rührt diese Faszination?
Als ich mit 14 das erste Mal überhaupt von zuhause weg, habe ich an einem Jugendaustauschprogramm in Israel teilgenommen und dort auch erstmals Theater gespielt. Natürlich ging es auch um deutsch-jüdische Vergangenheit, aber es war vor allem eine Gruppe Jugendliche, ein erster Joint, nachts Musik, man kann sich das ja vorstellen. Es war also nicht die Faszination fürs Judentum, sondern einfach Leute, Normalität. So gesehen hat dieses Programm sein Ziel erreicht. Und so würde ich auch die Impulse für Projekte beschreiben: Aus Begegnungen, Geschichten, Erlebnissen wächst Interesse.
Was durch Ihre langjährige Beziehung zu Dani Levy noch verstärkt wurde?
Wir beschäftigten uns beide mit Identität, Herkunft, Familie. Meschugge zum Beispiel hat das Thema des vererbten Traumas in einem Thriller zwischen New York und Deutschland behandelt. Sicherlich beziehen sich die Angebote, die einem gemacht werden, auch auf vorangegangene Projekte. Die Showrunnerin Anna Winger und ich kannten uns von der Arbeit an ihrer Serie Deutschland 83/86, in der ich mitspiele. Wir hatten schon länger den Plan, auch in dieser Konstellation zusammenzuarbeiten. Sie hat mir das Buch von Deborah Feldman in die Hand gedrückt und die Regie angeboten. Darüber freue ich mich noch heute.
Umso mehr vermutlich, als Sie ihn angesichts weltweiter Kino-Schließungen wegen der Corona-Krise für Netflix gemacht zu haben, oder?
(lacht) Tja, klar. Wenn ich es richtig verstanden habe, wurde schon der Trailer weit häufiger angeklickt als üblich. Die Leute müssen zuhause bleiben, die Streamingdienste profitieren davon. Für das Kino ist es tragisch. Und das betrifft uns alle. Denn viele kommen definitiv in existenzielle Schwierigkeiten.
Sorgen Sie sich da nur um einzelne oder die Branche insgesamt?
Insgesamt um die Branche! Filme können nicht starten, Dreharbeiten werden gestoppt, ohne dass jemand weiß wann es weitergehen kann, für zukünftige Projekte können keine verbindlichen Vereinbarungen getroffen werden. Wenn wir wieder arbeiten können, wird es Staus und Kollisionen von Dreharbeiten geben. Es gibt bereits riesige Verluste, es kann durchaus sein, dass viele Firmen diese Zeit nicht überleben. Ich sorge mich um alle.
Götzeee, Lindner & Warten auf’n Bus
Posted: April 13, 2020 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a comment
Die Gebrauchtwoche
6. – 12. April
„Mach ihn! Er macht ihn! Mario Götzeee! Das ist doch Wahnsinn!!!“ Diese legendären Worte schrie Tom Bartels am 13. Juli 2014 ins Mikro, als der Fußball noch rollte und die AfD ein bedeutungsloser Sauhaufen war. Sechs Jahre später ist die AfD derselbe Sauhaufen, aber nicht mehr ganz so bedeutungslos, als anstelle der Sportschau das Endspiel von Rio als Re-Live läuft. Und ehrlich: was angesichts vom Osterwetter eigentlich keine Freizeitoption wäre, ist in Zeiten des Shutdowns besser als gar kein rollender Ball.
Während das Erste Sportkonserven wiederholt, erweitert es seine Hauptnachrichten weiter Tag für Tag mit einem ARD extra und definiert den Begriff der medialen Normalität dadurch Tag für Tag neu. Eine Normalität, zu der es auch gehört, dass der vulgärelitaristische Christian Lindner Tag für Tag mehr zum rechtspopulistischen Hetzer wird, dessen Opportunismus auf Twitter längst dem seines geistigen Ziehvaters Donald Trump gleicht – wie die Leugnung eigener Tweets zum „sofortigen“ Stopp der Einschränkungen plus Verbreitung angeblicher Sprechverbote belegt.
Dabei scheint im herrschenden Pandemie-Diskurs eigentlich nur moderne Geschlechterzuweisungen verboten zu sein. Deshalb feiern selbst seriösere Medien unisono „Ärzte“ und „Krankenschwestern“, „Zusteller“ und „Kassiererinnen“ als Helden ohne -innen, was dem Emanzipationsniveau misogyner Männerbünde von AfD bis FDP entspricht. Doch genug der Medienpolitik von heute, hinein ins Fernsehgeschehen von morgen – das zunächst eines von gestern ist. Denn der überraschendste Streamingerfolg dieser Tage ist definitiv Großkatzen und ihre Raubtiere, zu den Netflix die Doku Tiger King hierzulande umgetitelt hat.
Die Frischwoche
13. – 19. April
In ihrem Psychogramm amerikanischer Privatzoo-Besitzer, deren Tierparks mehr Tiger bevölkern als die freie Wildbahn, nehmen Rebecca Chaiklin und Eric Goode ein bizarres Milieu unter die Lupe, vermischen es mit einer mysteriösen Mordgeschichte und machen daraus das erfolgreichste Streaming-Produkt des Lockdowns. Mit bizarren Sujets interessant zubereitet aus der Nische ins Rampenlicht: das wünscht man auch der fabelhaften RBB-Serie Warten auf’n Bus.
Ronald Zehrfeld und Felix Kramer spielen darin ab Mittwoch um 22 Uhr ein achtteiliges Open-Air-Kammerspiel, bei dem sie als langzeitarbeitslose Brandenburger die Zeit am Wartehäuschen vertrödeln, Busfahrerin Katrin (Jördis Triebel) anhimmeln und in aller Stille Beckett’schen Provinznihilismus von höchster Güte zelebrieren. Ein klein wenig dieser Effektreduktion wäre am Freitag auch dem Netflix-Blockbuster Betonrausch zu wünschen gewesen. Doch die angeblich realitätsgetreue Story zweier Immobilienbetrüger im spekulationswütigen Berlin ist trotz inniger Darstellung von David Kross und Frederick Lau so klischeehaft, dass sie auch auf Pro7 laufen könnte.
Dort also, wo Dienstag zuvor wegen einer Corona-Quarantäne nicht wie geplant The Masked Singer ins Finale geht. Bemerkenswerter ist Zoey’s Extraordinary Playlist, mit der Sky ab Sonntag die furiose Idee in Serie setzt, dass ihre Hauptfigur die Gedanken anderer als Popsongs lesen kann. Etwas gewöhnlicher und doch außergewöhnlich originell in Szene gesetzt, ist da der Einfall von Joyn, ab Donnerstag die „Sadcom“ genannte Tragikomödie Mapa um einen alleinerziehenden Vater zu starten.
Voll aus dem Leben und doch artifiziell sind Die Getriebenen um 800.000 Geflüchtete, die das Land 2015 aus Sicht von Christian Lindner und der AfD ins Chaos gestürzt haben soll. Die fiktionalisierte Form von Merkel (Imogen Kogge) bis Gabriel (Timo Dierkes) folgt am ARD-Mittwoch zwar oftmals ihrer Funktion; insgesamt aber ist das Politdrama nach Robin Alexanders Buch so erhellend wie unterhaltsam und gleicht damit Emily Atefs grandiosem Romy-Schneider-Porträt 3 Tage in Quiberon, das Arte parallel dazu mit anschließender Doku zeigt.
Der Tatort-Tipp ist diesmal keine Wiederholung, sondern Das fleißige Lieschen. So heißt die Premiere von Vladimir Burlakow und Daniel Sträßer als biografisch verlinktes Duo im Saarland, das heute parallel zu Elizabeth Taylor als quietschbunte Cleopatra auf 3sat läuft, veröffentlicht 1963, also zugleich zum schwarzweißen Evergreen Lautlos wie die Nacht (Sonntag, 20.15 Uhr, Arte) mit Jean Gabin und Alain Delon als Gaunerdouble, aber zehn Jahre jünger als Wie angelt man sich einen Millionär? (Freitag, 22.30 Uhr, BR) mit Marilyn Monroe als deren Bild in der Öffentlichkeit.