Sandra Maischberger: Ehrenmord & Talkshow

Bestenfalls Agenda-Abbilderin

Als Talkshowgastgeberin, aber auch als Filmproduzentin zählt Sandra Maischberger (Foto: Raimond Spekking) seit Jahren zu den prägenden Figuren des politischen Journalismus in Deutschland. Ein Gespräch mit der 53-jährigen Münchnerin über Ehrenmorde und Populisten, Debattenkultur, schwierige Gesprächspartner und wie sich ihr pubertierender Sohn ber die Welt informiert.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Maischberger, Ende Januar lief Nur eine Frau übers reale Ehrenmordopfer Hatun Sürücü im Fernsehen – ein Dokudrama. Wie viel Gefühl lässt Ihr journalistisches Ethos bei der Fiktionalisierung eines solch realen, aber auch emotionalen Stoffes zu?

Sandra Maischberger: Ach, da durfte ich mich als Produzentin zum Glück entspannt zurücklehnen und die Emotionalität an die künstlerische Leitung delegieren. Aber weil ich aus der Ratio komme und die Regisseurin aus dem Bedürfnis, Geschichten zu erzählen, die die Menschen berühren, hat mich diese Arbeit emotional trotzdem ganz schön durchgeschüttelt.

Haben Sie dabei etwas über sich und Ihre Arbeit gelernt?

Ich glaube, ich hoffe ja. Die tiefere Erkenntnis, wie wichtig es ist, Zuschauer emotional zu berühren, wie schwer aber auch, dabei nicht platt zu werden, also auf Tränendrüsen zu drücken, statt mitzufühlen. Dank Sherry Hormann war das eine sehr bewegende Reise für mich.

Warum gab es im Anschluss dann keine Talkrunde bei Maischberger – die Woche zum Film?

Das wäre in der Tat mein Wunsch gewesen, aber unter der einen Bedingung, es nicht selbst zu moderieren. Dafür bin ich angesichts des eigenen Films einerseits zu befangen, das hätte definitiv ein Geschmäckle gehabt. Andererseits positioniere ich mich – zumindest in der Öffentlichkeit meiner Talkshow – nicht gern zu bestimmten Themen. Das ist meine Hygiene-Regel als Moderatorin.

Die am Ende immer auch eine Mediatorin oft gegensätzlicher Standpunkte ist.

Genau. In diesem Fall hatte ich mich auch vorher schon oft im Sinne der Frauenrechte positioniert. Wie soll ich mich dann da hinsetzen und die Runde neutral ins Gespräch bringen? Deshalb habe ich vorgeschlagen, mit Frank Plasberg einmalig den Platz zu tauschen oder eine andere Kollegin als Moderatorin zu bitten. Beides ließ sich aber doch nicht seriös umsetzen.

Wie populismusanfällig ist dieses Thema denn sowohl im Film als auch in der Berichterstattung angesichts der Tatsache, dass Menschen mit dem berühmten Migrationshintergrund auch hier vor allem als Opfer oder Täter vorkommen?

Nicht sonderlich. Wir schildern sie ja nicht nur aus diesen zwei Perspektiven, sondern eben auch aus der, muslimischer Familien, die ihr Leben teils sehr erfolgreich frei von Konventionen leben. Weil der Film diese Differenzierung zeigt, funktioniert er jenseits vieler Stereotype. Auch deshalb ist uns der übliche Shitstorm bislang wohl nicht um die Ohren geflogen. Und die Tatsache, dass selbst bei mir zuhause, im kosmopolitischen Berlin, viele Menschen gegen ihren Willen verheiratet werden, hat mich zu sehr schockiert, um es aus Angst vor Scheuklappendenken nicht zu erzählen.

Versuchen Sie darüber hinaus denn, Populismusanfälligkeit Ihrer Talkshow- oder Dokumentarthemen zu vermeiden?

Wir versuchen immer ordentlich zu arbeiten. Wer das tut, setzt Themen auf, wie sie sind. Sagen, was ist – so lautet doch eine Kernmaxime des Journalismus von Rudolf Augstein, wenn ich mich recht erinnere. Dabei lassen sich Shistorms gerade in unserer aufgewühlten Zeit natürlich nicht vermeiden. Aber es wäre aus meiner Sicht ein Riesenfehler, Fehlinterpretationen von vorneherein aus dem Weg gehen zu wollen. Herum zu eiern macht definitiv den wenigsten Sinn.

Aber wie hält man da in Ihrer Position als Agenda-Setterin die Balance?

Indem ich mir zum Beispiel darüber bewusstwerde, keine Agenda-Setterin, sondern bestenfalls eine Agenda-Abbilderin zu sein – schon deshalb, weil Sendungen am besten funktionieren, über deren Thema sich die Leute schon mal Gedanken gemacht, also mitgedacht haben. Sujets zu besprechen, die gesellschaftlich noch überhaupt keine Rolle spielen, gelingt nur ungemein selten.

Dieses hier war also auch, als Sie zehn Jahre zuvor erstmals darüber bei Maischberger diskutiert haben, bereits in den Köpfen?

Ich würde sagen, es war damals wie heute zwar durchaus schon ausdifferenziert, aber nicht ausreichend im kollektiven Bewusstsein angekommen. Der Fall von Hatan Sürücü hat 2005 zwar kurz enorm hohe Wellen geschlagen und ins Gedächtnis gerufen, dass Traditionen von Hardlinern aller Religionen fundamentalistisch ausgelegt werden; mittlerweile kam es aber eher wieder zu einem Backlash, bei dem radikale patriarchale Traditionen wie die Zwangsheirat wieder an Gewicht gewinnen.

Dennoch stellt sich die Frage, was generell diskutabel ist in der Mediengesellschaft. Es gibt ja Themen, die von der herrschenden Meinung bestimmt werden, und solche, die journalistisch geboten sind, also kuratiert werden. Wie treffen Sie diese Auswahl, ohne der Lautstärke vermeintlicher Meinungsführer auf den Leim zu gehen?

Indem wir uns nüchtern ansehen, was für uns und unsere durchschnittlich älteren, aber durchaus heterogenen Zuschauer relevante Themen der Woche waren. Da ist ereignisbezogene Aktualität ebenso wichtig wie Debattentauglichkeit. Es wird häufig moniert, warum Digitalisierung so selten in Talkshows vorkommt. Ganz einfach: es ist ein Thema, das unheimlich viele Bereiche umfasst, über die man entweder schon vorher enorm viel wissen oder sich lange Erläuterungen anhören muss. Beides sind keine guten Voraussetzungen für verbale Kontroversen. Über Konjunktive lässt sich nicht gut streiten.

Fehlt bei der Digitalisierung womöglich auch ein Antagonist, der sagt, Digitalisierung sei Blödsinn?

Vielleicht auch das, denn weil Digitalisierung nun mal passiert, wäre der Standpunkt ja Blödsinn. Diese Themen eignen sich besser für andere journalistische Formen wie Reportage oder Magazinbeiträge. Anderes Beispiel: Klimawandel. Bis vor ein, zwei Jahren hat das nur wenige hier interessiert, weil die meisten meinten, er betreffe sie nicht persönlich. Das hat sich radikal geändert. Inzwischen will wirklich jeder darüber mitreden. Eine Talkshow sollte den Anspruch haben, verschiedene Meinungen in Diskurs zu bringen – beim Klima etwa zur hochemotionalen Frage, ob man persönliche Freiheiten einschränken darf. Wir haben uns in der Redaktion aber erst kürzlich entschieden, da einen anderen Weg zu gehen.

Nämlich welchen?

Wir folgen der Beobachtung, dass es für viele Menschen zusehends schwer scheint, die Fülle an Informationen aus aller Welt einzuordnen und zu verstehen. Deshalb haben wir eine meinungsstarke Kommentatoren-Runde eingerichtet, dazu vertiefende Einzelgespräche und als drittes Element, ein Duell oder Duett, um Fragen kontrovers zu diskutieren, also Information und Haltung neu zu arrangieren, was in größeren Runden schon mal durcheinander geht. Allein durch diese Neusortierung kann man übrigens auch Populismus in Talkshows ein Stück weit vorbeugen.

Woran sich die Frage anschließt, wie oft die aufgeklärte, liberale, demokratische Mediengesellschaft etwa eine rechtspopulistische Partei wie die AfD noch ins Zentrum der Debatte stellen muss, ohne sich von ihr instrumentalisieren zu lassen?

Ehrlich gesagt, finde ich das „muss“ in dieser Frage schon falsch. Natürlich kann man darüber streiten, ob jeder einzelne, oft nur zur Polarisierung geäußerte Satz der AfD diskutiert werden sollte. Aber wenn ein Phänomen wie der Rechtspopulismus im Größenverhältnis einer globalen Bewegung vorhanden ist, kann man ihn nur noch nicht nur deshalb aussparen, weil man befürchtet, durchs Thematisieren mache man alles noch schlimmer. Es gehört eben zu unserer Aufklärungspflicht, nichts totzuschweigen, sondern Dinge beim Namen zu nennen.

Und damit gegebenenfalls größer zu machen, als sie sind?

Der Gedanke, Sendungen wie meine Talkshow würden die AfD stärken, weil wir sie, gemessen an ihrem Sitzanteil in den Parlamenten, sehr oft einladen, überschätzt die Bedeutung des Fernsehens. Wir haben im medialen Raum kein Alleinstellungsmerkmal. Das Phänomen dieser Partei hat lange, bevor es bei uns stattfand, Fahrt aufgenommen – und zwar im Internet. Denn das hatte sie weit vor allen anderen Parteien schon früh als Kommunikationsmittel erschlossen und ihre Blase darin so aufgepumpt, dass dieses Phänomen wuchs und wuchs und uns nur zwei Möglichkeiten ließ: ignorieren oder benennen. Als politische Berichterstatter, die sich am aktuellen Diskussionsstand orientieren, ist die erste Möglichkeit im Grunde ausgeschlossen.

Aber stellen Sie sich nicht dennoch manchmal die Frage, warum jene, die den Diskurs verachten, andauernd zu eben jenem Diskurs hinzu gebeten werden?

Glauben Sie mir: ständig. Natürlich sind wir der Mechanismen, die Rechtspopulisten offensiv einsetzen, manchmal überdrüssig. Trotzdem ist das keine Entscheidung, die wir aus subjektiver Sicht, gar Betroffenheit zu treffen haben. Vertreter der AfD generell nicht mehr einladen zu wollen, lässt sich in unserer Demokratie nicht begründen. Auch, wenn das die Arbeit nicht leichter macht: Es geht nie um die Frage des Ob, sondern Wie. Es stimmt, was zuletzt Wolfgang Schäuble formuliert hat: funktionierende Demokratie braucht eine gemeinsame Öffentlichkeit. Wenn jeder seine Informationen nur aus seiner eigenen Filterblase bezieht, kann das nicht gelingen. Talkshows sind einer der wenigen Orte, wo eine gemeinsame Öffentlichkeit noch stattfindet.

Gab es diesen Tisch, an dem wir sitzen, vor zehn Jahren auch schon?

Den Tisch gab es, aber er stand noch woanders.

Wurde daran ähnlich hitzig darüber diskutiert, den islamistischen Prediger Pierre Vogel in eine Talkshow zum Thema Zwangsheirat einzuladen und mit einem Opfer zu konfrontieren?

Klar. Er war damals kein Täter, sondern allenfalls Schreibtischtäter. Wer sich mit Ehren-, Ritual-, Eifersuchtsmorden an Frauen befasst, sieht, dass es diese Taten in allen Bevölkerungsschichten gibt. Familienministerin Franziska Giffey hat dazu unlängst eine Studie veröffentlicht, die solche Taten in erschütternder Zahl über alle Konfessionsgrenzen hinaus auflistet. In unserer aufgeklärten Gesellschaft gibt es allerdings den Konsens, dass solche Taten verurteilt werden.

Ist diese Sicht optimistisch oder realistisch?

Beides. Dennoch gibt es unterm Mantel irgendwelcher Traditionen noch immer Versuche, die jahrtausendealte Gewalt gegen Frauen zu rechtfertigen. Spätestens an dem Punkt wird es zur gesamtgesellschaftlichen Angelegenheit, die diskutiert werden muss. Vielleicht waren wir uns 2010 noch nicht ausreichend bewusst, wie gewalttätig die islamistische Ideologie gegenüber Frauen in Deutschland schon ist. Auf die Manifestierung des politischen Islam wurden wir erst mit den Anschlägen von 9/11 richtig aufmerksam. Und ein massiver Schub kam durchs Auftauchen des sogenannten Islamischen Staates. Im gleichen Zeitraum hat sich auch die extreme Rechte radikalisiert. Aber auch sie gibt es schon lange – und mit ihr die Frage, wie man medial damit umgehen soll. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: bei Talk im Turm, den ich selber ja auch moderiert hatte.

Anfang der Neunzigerjahre.

Da hat mein Kollege Erich Böhme Anfang der 90er versucht, Jörg Haider zu entzaubern.

Was furchtbar in die Hose ging…

Ja, und zwar weil er sich so fest vorgenommen hatte, den FPÖ-Chef vor laufender Kamera zu entlarven. Das hat mich vom Gedanken kuriert, man müsse extrem Radikale einladen, um sie in einer knappen Sendestunde vorzuführen, besser noch: umzustimmen. Dennoch bleibt es aus meiner Sicht grad im Zeitalter von Social Media die schwerste Aufgabe des politischen Journalismus, sich mit radikalem Gedankengut auseinanderzusetzen. Wir müssen den Menschen aufzuzeigen, dass es zu jeder Rede Gegenreden gibt; eben die kommen in den meisten Filterblasen nicht vor. Um die Kontroverse abzubilden, müssen wir auch in die Kontroverse gehen. Unter Gleichgesinnten zu diskutieren, hilft niemandem weiter.

Führt das in der Konsequenz manchmal zum Streit um des Streits Willen?

Nein, Streit um des Streits Willen war nie unser Ziel. Weil manche Gäste ihn dennoch suchen, haben wir für unsere Sendung die Konsequenz gezogen, im kleineren Rahmen zu streiten. So wie sich die öffentliche Debattenkultur verändert, ändert sich auch die mediale Debatte. Der Ton der Auseinandersetzung ist schärfer und unerbittlicher geworden. In großen Runden lässt sich das schwerer beherrschen.

Das klingt jetzt fast so, als wurde früher stets gesittet gestritten…

In den Achtzigern, behaupte ich jetzt einfach mal, wurde zumindest noch angstfreier gestritten. Durchaus bitter und böse, manchmal sicher auch verletzend, aber in einer Art, die noch zur respektvollen Debatte und zum versöhnlichen Ende bereit war, nach dem Motto: we agree to disagree. Heute hingegen muss man bei jedem Satz beachten, was er in den medialen Echokammern der Debattengegner auslöst.

Und zwar in Echtzeit, während der Sendung.

Das führt einerseits zu falscher Zurückhaltung besonnener Standpunkte, andererseits zum keifenden, verletzenden Tonfall auf der unbesonnenen Gegenseite. Wer den geborenen Streithahn Franz-Josef Strauß nicht mochte, mochte ihn auch in Gesprächssendungen nicht; danach konnte er sich mit seinen Gegnern bei einem Glas Bier angeregt unterhalten. Das erlebe ich in letzter Zeit seltener.

Weil die Fronten verhärteter sind?

Die Fronten, aber auch die Umgangsformen. Beides muss immer schärfer konturiert sein, um in der Masse digitaler Medien sichtbar zu werden oder zu bleiben. Über den eigenen Tellerrand zu schauen, gar nachzugeben, also Schwäche zu zeigen, wird darin zusehends undenkbar. Bei Talk im Turm wurde nach der TV-Diskussion – so hitzig sie auch gewesen sein mag – einfach weiterdiskutiert, meist konstruktiv. Jörg Haider war damals schon die Ausnahme; mit ihm anschließend höflich zu plaudern, schloss sich schlicht aus. Aber noch die härtesten Widersacher von Grünen und CSU sind hinterher miteinander im Gespräch geblieben.

Seinerzeit also auch mit dem Hassprediger Pierre Vogel?

Das erinnere ich ehrlich gesagt nicht mehr.

Würden Sie ihn auch angesichts der Tatsache, dass ZDF-Chefredakteur Peter Frey den rechtsextremen Thüringer AfD-Chef Björn Höcke zur Persona non Grata erklärt hat, nochmals einladen?

Björn Höcke hat sich selbst zur Persona non Grata erklärt, und auch seine Parteikollegin Alice Weidel neigt dazu, Debatten zu verlassen, wenn sie ihr nicht genehm verlaufen. Aber wenn Höcke bei der nächsten Wahl wieder als Spitzenkandidat der AfD kandidiert, kann man ihn nicht von allen politischen Foren ausschließen. Und was Pierre Vogel betrifft: ich habe ihn und seine Aktivitäten zwar aus dem Blick verloren. Aber auch, wenn wir ihn nicht einladen, bleibt die Frage: wie erreicht und klärt man Leute auf, die Salafisten folgen? Es gibt zwar viele fantastische Reportagen über Islamisten und den IS; doch mich quält die Frage, ob das genug ist oder nicht auch eine offene Auseinandersetzung mit Standpunkten geben muss, die unseren Zusammenhalt gefährden.

Durch Thilo Sarrazins Pamphlet Deutschland schafft sich ab trat interessanterweise genau zur selben Zeit, als Sie Pierre Vogel in der Talkshow hatten, der Rechtspopulismus aus dem Dickicht ins Rampenlicht – mit Sarrazin als Gast aller Talkshows. Bis dahin hieß es immer, Ideologien rechts von der CSU hätten hierzulande keine Chance.

Danach hieß es dann, man dürfe nichts mehr sagen.

Was ist seither noch völlig neu für Sie und den politischen Journalismus?

Als wir angefangen haben, gab es noch ein kollektiv spürbares Bedürfnis, offen miteinander zu streiten. Heute hat sich der Streit ins hinterhältige Gegeneinander verschoben. Die unterschiedlichen Richtungen beschießen sich aus immer tieferen Schützengräben, ohne sich noch begegnen zu wollen. Ich gewinne häufig den Eindruck, in dieser Situation sehnt sich das Publikum einerseits nach etwas weniger Lautstärke in der Auseinandersetzung und ein bisschen mehr Konsens. Gleichzeitig erwartete es in der unübersichtlichen Gemengelange immer „klare Kante“. Das Streiten fünf verschiedener Antipoden auf fünf Sesseln, führt – so nehme ich das Feedback vieler Zuschauer wahr – oft nur noch zu Frustration.

Aber Konsens war doch auch früher nicht die Hoffnung, geschweige denn das Ziel einer politischen Debatte!

Dass der frühe Joschka Fischer sich vom frühen Heiner Geißler vor aller Augen von irgendwas überzeugen ließe, war in der Tat ebenso undenkbar wie ein gegenseitiger Parteiwechsel. Konsens war übrigens vom Publikum damals auch nicht gewünscht. Heute gibt es viel stärker diese Sehnsucht, es möge eine gemeinsame Lösungsorientierung geben. Aber das ist natürlich kaum einzulösen.

Geraten Sie dabei auch persönlich ins Fadenkreuz der Filterblasen?

Das kommt ein bisschen auf die Betrachtungsweise an. Wer alles liest, was geschrieben steht, findet sich dort in meiner Position jeden Tag. Wer sich, wie ich, dazu entschließt, nichts oder nur wenig davon zu lesen, darf sich im schönen Gefühl wiegen, es werde gar nichts geschrieben. Als Team lesen wir natürlich alles und wissen inzwischen, dass „das Netz“ keineswegs eine Art Spiegel der öffentlichen Meinung ist. Deshalb erlaube ich mir eine relativ selektive Wahrnehmung. Aber auch, wenn ich es weniger selektiv wahrnehmen würde, wäre mir bewusst, wie klein die Zahl derer ist, die mich ins Fadenkreuz stellen.

Wobei einen selbst die geringe Zahl mitteilungsbedürftiger Hater emotional nachhaltig anfassen kann.

Nur, wenn man sich anfassen lassen will.

Ist das eine Mentalitätsfrage oder Berufserfahrung?

Es ist eine rationale Entscheidung. Als Sendung sind wir deshalb auf allen wichtigen Kanälen präsent, als Person bin ich es nicht. Umso mehr bewundere ich Kollegen wie Armin Wolf.

Den ORF-Moderator, der wegen seiner klaren Haltung gegen die FPÖ permanent im Kreuzfeuer steht.

Mit welch unerschütterlicher Akribie der sich mit jedem Pöbler einzeln auseinandersetzt, ist nicht nur bemerkenswert; weil sich gezeigt hat, dass viele seiner Kontrahenten dank seiner Offenheit plötzlich zu einem gesitteteren Diskussionsklima zurückkehren, zeigt er auch, dass Konfrontation gut ist. Dennoch fiel meine Entscheidung anders aus, weil ich mich nach Feierabend andernfalls nicht mit meinem Mann und meinem Sohn, sondern auch mit übellaunigen, boshaften Trollen auseinandersetzen müsste. Wer nur pöbelnd Hass verbreitet, ist mir meine Lebenszeit einfach nicht wert. Wer hart, kritisch, aber sachlich bleibt, bekommt eine Antwort.

Wäre das dann ein Ratschlag, den Sie unerfahreneren, also jüngeren Kolleginnen und Kollegen mit auf den Weg in diesen Beruf geben?

Um Gottes Willen – ich kann doch Jüngeren, die in dieser digitalen Welt von Geburt an zuhause sind, in meinem Alter keine klugen Ratschläge über den Umgang mit dem Internet geben! Die finden den Weg durch die Welt der Echokammern vermutlich viel besser als ich.

Aber wenn man Sie doch mal um einen Ratschlag bittet: Wie werden wir der verfahrenen Situation brutalisierter Debatten bloß wieder Herr?

Ganz ehrlich? Mehr aushalten! Wobei natürlich jeder persönlich entscheiden muss, ob er sich so weit in die Auseinandersetzung begibt wie etwa Jan Böhmermanns Initiative Reconquista Internet. Zumal ich besonders bei jungen Leuten, die im Grunde ja 24 Stunden online sind, zunehmend Erschöpfungszustände sehe.

Zählt Ihr eigener Sohn schon dazu?

Zum Glück nicht, er ist knapp 13 und hat erst seit einem Jahr sein Smartphone. Aber durch ihn kannte ich Rezo schon, bevor er in den Schlagzeilen war. Nachdem ich gesehen habe, dass er sich dessen gut 50 Minuten langes Video dreimal angeschaut hat, hab ich mit ihm darüber diskutiert. Mein Argument war, dass „Die Zerstörung der CDU“ zwar in weiten Teilen sehr gut recherchiert ist, aber eine Polemik bleibt, die bewusst gelegentlich die Rückseite des Bildes ausblendet.

Sie versuchen Ihrem Sohn also schon, bevor er Teenager geworden ist, journalistische Grundtechniken beizubringen?

Ich würde eher kommunikative Grundtechniken sagen. Zum Beispiel, dass jeder Information mindestens zwei unabhängige Quellen zugrunde liegen sollten. Schon, um Gerüchte von Fakten unterscheiden zu können. Je früher man das vermittelt, desto besser.

Sieht Ihr Sohn dafür denn noch fern?

Also Ki.Ka hat er noch relativ lange konsumiert, aber mittlerweile ist er im Grunde nur noch auf YouTube unterwegs, also bei Leuten wie Julien Bam, den ich ohne meinen Sohn nie kennengelernt hätte. Interessanter Typ, der auch viel Quatsch gemacht, sich aber auch mit ernsten Themen wie Ausbeutung oder Naturkatastrophen beschäftigt hat, wofür er dann schon mal mit der UNICEF nach Bangladesch fährt. Ich nehme mal an, das ist mit ein Grund, warum er vor Erschöpfung bald wohl keine Videos mehr machen will. Er ist gerade 31 geworden und braucht eine Pause!

Anstrengende neue Welt.

Die aber auch uns alte Journalisten betrifft, weil wir unsere linearen Fernseh-, Zeitungs- oder Radioberichte parallel auf allen Digitalkanälen spielen müssen. Ein Zehnteiler über den Mittelmeerraum etwa, den wir gerade für Arte machen, wird ganz natürlich von einer Web-Serie begleitet. Das muss man alles mitdenken, kostet Kraft und Ressourcen, ist aber journalistisch auch ungeheuer spannend.

Wer Julien Bam und Rezo, aber auch Funk oder modernen ARD-Dokus verfolgt, sieht oft gute Recherchen mit großem Getöse. Ist das der Weg in die Zukunft oder sollten anspruchsvollere Inhalte diese Spirale der Effekthascherei verlassen?

Ich glaube, das ist tatsächlich eine Frage des Mediums. Manche Kollegen, die von klassischen in digitale Medien gewechselt sind, erzählen oft, sie seien automatisch etwas lauter und zugespitzter geworden. Das Ausrufezeichen verbreitet sich online schneller als das Fragezeichen. Aber Rezos Video wäre bei aller Lautstärke sicher nie so hochgekocht, wenn die CDU darauf nicht so hysterisch hilflos reagiert hätte. Dennoch finde ich es schade, dass Rezo sich im Anschluss einer offenen und direkten Auseinandersetzung mit der Partei verweigerte; uns hat er im Übrigen auch abgesagt und ist stattdessen zu Böhmermann gegangen. Ich hätte ihn – gar nicht mal zwingend in der Talkshow – wirklich gern nach seinen Quellen befragt, seiner Recherche jenseits jenes Materials, das er von Tilo Jung verwendet hat.

Hat er sich aus Ihrer Sicht vor der Kontroverse gedrückt oder einfach Ihr Format weniger wertgeschätzt als etwa den Netzhelden Böhmermann?

Das kann ich nicht beurteilen. Er hat einfach nein gesagt.

Wie beurteilen Sie es im Angesicht dieser Gesprächsverweigerung, dass WDR-Intendant Tom Burow Anfang des Jahres das berühmte Umweltsau-Video vom Netz genommen und sich dafür entschuldigt hat?

Soweit ich es verstanden habe, hat nicht er das Video aus dem Netz genommen, sondern sich erst danach eingeschaltet. Dem Gespräch hat er sich nicht verweigert. Ich habe ihn um seinen Job nicht beneidet: einerseits auf echte, empörte Zuschauer zu reagieren, andererseits diese von gesteuerter, rechter Propaganda zu unterscheiden und bei alldem auch an die Kollegen im Haus zu denken. Ein exemplarischer Fall eines kaum mehr beherrschbaren Auflaufs von Erregung.

Sie sind seit mehr als 35 Jahren Journalistin, die allermeiste Zeit davon im Fernsehen. Gibt es bei Ihnen da so etwas wie Ermüdungserscheinungen?

Wenn dem so wäre, würden Sie mich jetzt hier nicht mit Ihnen sitzen sehen Sobald ich Ermüdungserscheinungen habe, höre ich auf.

Und Abnutzungserscheinungen?

Denen habe ich gerade vorgebeugt, indem wir wie gesagt vom großen Disput, den wir jahrelang sehr erfolgreich orchestriert haben, zur kleineren Form gewechselt sind. Es wäre für uns schwierig geworden, diese Form der Auseinandersetzung weiterhin auf die Bühne zu bringen, ohne sich zu wiederholen. Übrigens ist die Arbeit als Produzentin auch gut gegen Abnutzunserscheinungen. Unsere Filme und Dokumentationen liegen mir ebenso am Herzen. Eine gute Ergänzung.

Noch Ergänzung oder schon Abzweigung?

Ersteres! Ich habe noch immer großen Spaß an Interviews und Gesprächen. Wir arbeiten gerade sogar daran, eine Podcast-Reihe zu starten. Fragen Sie mich das also in drei, vier Jahren nochmal, aber im Moment läuft es gut, wie es läuft.

Was ist denn der größte Feind kreativer Inspiration – Routine?

Nicht allein, denn ohne Routine gibt es keine Perfektion. Als ich in den Beruf gegangen bin, hatte ich erstmal nur ein Ziel: Mich nicht immer mit denselben Dingen zu beschäftigen. Solange das gegeben ist, ist immer Raum für Kreativität und Inspiration.

Das Interview ist zuvor im Medienmagazin journalist erschienen

Menschenleere & Echtzeitserien

Die Gebrauchtwoche

30. März – 5. April

Okay, wir haben’s jetzt verstanden: auch A- bis C-Promis haben Wohnzimmer, in denen es Möbel, Wände, Bilder, Grünpflanzen gibt, also Einrichtungselemente, die nun als TV-Kulisse reichen müssen. Seit zwei Wochen schon begrüßen Max Giesinger, Max Giesinger, Max Giesinger und ein paar andere PR-Berater in eigener Sache das Publikum aus ihrer Privatsphäre, um in Zeiten der Kontaktsperre Studioatmosphäre zu simulieren. Was anfangs den Umständen geschuldet noch irgendwie kreativ wirkte, ist allerdings rasend schnell zur ritualisierten Kommunikationsstörung verkommen.

Die Jubiläumssendung zum 40. Geburtstag von Verstehen Sie Spaß? etwa, mit der Guido Cantz am Samstag abermals unter Beweis stellte, sich selbst weitaus mehr zu lieben als seinen Beruf, zeigte mit jeder Videoschalte mehr, wie schal der zweidimensionale Ersatz für dreidimensionale Anwesenheit ist. Und weil das langsam alle begreifen, macht das Fernsehen nun Phase 3 der coronabedingten Transformation durch. Auf die erste der Nachrichtendruckbetankung Anfang März folgte schließlich auf halber Strecke die heitere Smartphone-Heimberichterstattung, bevor nun langsam die Phase des Eskapismus anbricht.

Die Leute haben halt die Schnauze voll von Informationen über die Dramatik der globalen Pandemie und wünschen sich andere Bilder als jene, menschenleerer Städte und sterbender Patienten. Gleichwohl ist auch da Einfallsreichtum gefragt. Nachdem Sender vom Ersten bis Sport1 die fußballfreie Zeit mit „Re-Live“ genannten Spielen früherer Tage überbrücken, hat Sky das Wiederholungsprinzip am Wochenende perfektioniert und den abgesagten Bundesligaspieltag in einer HisTOOOrischen Konferenz durch Highlights exakt jener Partien ersetzt, die eigentlich angesetzt waren. Und während sämtliche Tatort-Dreharbeiten seit Freitag brachliegen, hat Neo eine Online-Serie gestartet, die quasi in Echtzeit entstanden ist.

Die Frischwoche

6. – 12. April

Seit Freitag kann man Lavinia Wilson nun werktags in der Mediathek dabei zusehen, wie sie als Werberin Charlotte ihr Hipster-Leben umkrempeln will, durch die Pandemie aber Drinnen festsitzt, so der Titel. Das ist trotz (oder wegen) der räumlich getrennten Herstellung aller Beteiligten von Showrunner Philipp Käßbohrer wirklich charmant und belegt das Improvisationsvermögen der Branche. Noch klassisch entstanden ist dagegen das Serienjuwel Merz gegen Merz mit Annette Frier und Christoph Maria Herbst, die ab Donnerstag um 22.15 Uhr acht Folgen lang ihren Ehekrieg fortsetzen.

Zwischendurch erinnert uns Arte im Themenabend Afghanistan – Das verwundete Land (Dienstag, 20.15 Uhr) vier Teile am Stück daran, dass die Welt nicht nur von Viren infiziert ist, während sich das ZDF in Streitfall Rassismus zeitgleich mit versteckter Kamera auf die Suche nach deutscher Alltagsxenophobie begibt – deren radikalsten Auswüchse jahrelang von den Behörden so vernachlässigt wurden, dass Die Story im Ersten: Der schwache Staat am Montag um 22.45 Uhr viel Erschütterndes zu berichten hat.

Dabei zeigt der ARD-Zweiteiler Der Überläufer eindrücklich, wohin es führt, wenn Rechtsradikalismus unterschätzt wird. Mit Jannis Niewöhner als Fahnenflüchtiger wird der Schrecken des 2. Weltkriegs Mittwoch und Freitag manchmal zwar leicht überdreht, insgesamt aber recht eindrücklich nachgespielt. Und weil man dieser Tage ja nicht umhinkommt, Streamingportale zu empfehlen, noch drei Angebote aus dem Netz: Detlev Buck hat aus Bibi & Tina – so heißt es bei Amazon – eine „Live-Action-Serie“ gemacht“, am Donnerstag startet Netflix die zweite Staffel der Anime-Serie Hi School Girl. Und für Fans auf Entzug sei hier noch The English Game empfohlen, mit der Downton Abbey-Macher Julian Fellows an gleicher Stelle die Ursprünge des Fußballs im 19. Jahrhundert nachspielt.

Klingt wie das Traumschiff, auf dem Florian Silbereisen Sonntag der Wirklichkeit in Richtung Marokko entflieht, nicht zu Unrecht nach Wiederholungen der Woche. Von denen gibt es an Osterwochenenden zwar allein schon Hunderte vor biblischer Tapete, aber ulkig ist in jedem Fall tags zuvor (20.15 Uhr, K1) Der Schatz im Silbersee, 1963 erster diverser Winnetou-Filme, während E.T. (Samstag, 22.25 Uhr, Neo) 1982 der erste richtig erfolgreiche diverser Megablockbuster von Steven Spielberg war. Und Brennpunkt Brooklyn kann man sich Donnerstag (22 Uhr, SWR) schon deshalb noch einmal ansehen, weil Gene Hackmann darin 1971 quasi die Blaupause aller Drogenmafiaserienermittler von heute war.


Pigs, Everything is Recorded, Peel Dream Mag

Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs

Wer in der Wohnung hockt, eingezwängt zwischen Corona, Klimakrise, beginnender Depression, möchte gewiss gern mal lauthals die Welt anschnauzen, so richtig nach Leibeskräften, übellaunig, vulgär und den Villenbesitzern und Klopapierhortern, Trumps und Orbans, den Adidas-CEOs und Fußballmillionären siebenmal zubrüllen, was für Schweine, Schweine, Schweine, Schweine, Schweine, Schweine, Schweine sie sind, auf Englisch: Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs. Der Name dieser britischen Hardocore-Band könnte zeitgenössischer kaum sein, vom Sound ganz zu schweigen.

Viscerals heißt ihr drittes Album, und wie die zwei ersten kommt es tief aus den Eingeweiden, wie sich ihr Titel ebenso übersetzen lässt wie mit “instinktiv” und “bauchgesteuert”. In ihrer Mischung aus Stoner, Punk und dronigem Doom verdunkeln sie ihren Gitarrenrock mit einem verwaschenen Metal, der manchmal an Kampfgeschrei, manchmal an Trauermärsche erinnert, aber immer schön angepisst und unversöhnlich klingt. Das macht PIGSx7 zur Band der pandemischen Kontaktlosigkeit. Wenn schon niemand mit mir mosht, moshe ich allein gegen die Wand.

Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs Pigs – Viscerals (Cargo)

Everything is Recorded

Weil brachiale Methoden manchmal aber auch brachiale Folgen nach sich ziehen, ist ein bisschen Harmonie im dystopischen Kopfsalat vielleicht auch nicht das schlechteste Krisendressing. Zumindest wenn sie wie beim britischen Indie-Label XL-Recordings nicht mit Belcanto gezuckert ist, sondern einer teils brillanten Mischung aus Eingang und Irrsinn, M.I.A. oder Prodigy. Mit ihr hat XLR-Chef Richard Russell voriges Jahr ein Studioprojekt initiiert, das von Kamasi Washington über Damon Albarn bis Syd und Giggs ein furioses Ensemble zusammenbrachte. Nun kommt der Nachfolger. Und auch oder wegen der geringern Prominenz ist er sogar noch besser.

Auf Friday Forever finden nämlich Stile zueinander, die zeitgleich auseinander driften und distanziert für Nähe sorgen. An der Seite von Stars wie Ghostface Killah oder Penny Rimbaud zelebrieren sie einen zerkratzt wütenden HipHop, der seinen Soul nicht aus dem Sahnetopf des R’n’B bezieht, sondern dem Bedürfnis alle Grenzen zu perforieren. Alternative Raps wie Walk Alone oder I Don’t Want This Feeling To Stop beziehen ihre angenehm aggressive Verspieltheit dabei jedoch nicht aus dem Bedürfnis, auf Teufel komm heraus zu mashen, sondern der Fähigkeit, dieses Verkleistern wie zufällig und doch versiert klingen zu lassen.

Everything is Recorded – Friday Forever (XL-Recordings)

Peel Dream Magazine

Es ist natürlich völlig verfrüht und schon logistisch unmöglich jetzt schon Durchhalteparolen auf Platte zu produzieren, aber das neue Album vom Peel Dream Magazine aus New York bringt die Stressresilienz dieser Stadt im Ausnahmezustand auch dann ganz gut auf den Punkt, wenn sie lange vorm Covid19-Ausbruch im Kasten war. Als wären Yo La Tengo und The Velvet Underground dem Friedhof der Popkultur entstiegen, um mit We Are Scientists und My Bloody Valentine auf dem Grabstein zu musizieren, zeugt Agitprop Alterna unablässlich von dieser unzerbrechlichen Kreativität einer unbeugsamen Stadt.

Watteweich mäandert der zerkratzte Dreampop von Joe Stevens und seiner Gastmusiker*innen durch den modernisierten Sixtiessound und macht ihn gleichsam gefällig und herbe. Fuzziger Gitarrenbrei vom Opener Pill mischt sich da fröhlich mit Psychowaveorgeln von Emotional Dvotion Kreator im Anschluss, während überall ein Easy Listening durch den gemischtgeschlechtlichen Gesang wabert, der niemals mühsam von Misstönen aus Keyboards und Saiten zersägt wird. Im Gegensatz zu den ersten zwei Plattentipps, kann man diesen hier also einfach so in sich reinlaufen lassen – und die Einsamkeit daheim ganz entspannt genießen.

Peel Dream Magazine – Agitprop Alterna (Cargo)


Daniel Harrich: Gerechtigkeit & Todesmeister

Steter Tropfen höhlt den Stein

Mit Realdramen wie Der dunkle Fleck übers Oktoberfestattentat hat der Münchner Filmemacher Daniel Harrich (Foto: SWR) sogar Justiz und Politik beeinflusst. Auch Teil 2 von Meister des Todes (20.15 Uhr, ARD) mit anschließender Doku dürfte die öffentliche Aufmerksamkeit für menschenverachtende Waffenhändler wie Heckler & Koch erneut beeinflussen. Ein Gespräch über Wirklichkeitsfiktion, Korpsgeist, Gerechtigkeitsempfinden und ob er Freunde für Verkehrsverstöße anzeigen würde.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Harrich, haben Sie bei all den deprimierenden Dokus und Dramen, die Sie machen, nicht manchmal das Bedürfnis nach einem Happyend?

Daniel Harrich: In unseren Filmen geht es ja in der Tat selten gut aus. Witzigerweise führen wir die Diskussion ständig, ob das Ende diesmal nicht versöhnlicher sein könnte. Aber mei – wenn die Realität nun mal nicht fröhlich ist, würden wir sie andernfalls verraten. Wobei auch hier die anschließende Dokumentation verglichen mit der Fiktion noch verrückter ist.

Sie sind fiktional also doch um positive Signale bemüht?

Nennen wir es mal inszenatorische Kompromisse; mehr bringen wir nicht übers Herz. Wobei ich meiner Mutter irgendwann wohl doch mal den Gefallen tun sollte, eine Komödie zu drehen. Was würde die sich freuen! Unsere Filme sind eben nicht nur Unterhaltung, sondern calls to action.

Bringen die Rufe zur Tat messbare Ergebnisse oder wirbeln sie nur kurz Staub auf, bevor sie in den Mühlen der Bürokratie versanden?

Ersteres, unbedingt. Es gab infolge unserer Filme mehrfach Gerichtsverfahren – im Übrigen ja auch gegen meine Person. Deshalb ist Meister des Todes 2 auch ein Justizdrama, um zu erkunden, ob das Kriegswaffenkontrollgesetz nicht klinisch tot ist. Ohne dem Ende vorgreifen zu wollen, bedingt es nichts schönzureden, sondern brutal ehrlich zu sein.

Wie ist es mit Ihnen als Konsument – brauchen Sie nicht auch manchmal ein wenig Erlösung und Leichtigkeit?

Total! Ober obwohl ich – online oder linear – wirklich viel unterhaltsame Fiktion sehe, brauch ich dazwischen immer auch harte Dokumentationen wie jene auf Netflix über den Majdanek-Wärter John Demjanjuk. Brillant! Und Anlass langer Diskussionen mit meiner Freundin. Mindestens das möchte ich mit meinen auch erreichen. Dafür braucht es keine Happyends.

Aber besteht dasjenige hier nicht darin, die Mächtigen der Welt in ihrer hermetischen Machtblase spüren zu lassen: wir beobachten euch!

Unbedingt. Als ich Sigmar Gabriel mal Mails seiner Wirtschaftsministeriumsmitarbeiter vorgelesen habe, in denen sie sehr lässig über Menschenrechte sprechen, da meinte er lachend, tja, Emails, irgendwann kommen die immer raus. Er ist sich der Beobachtung also bewusst. Und je bewusster sich die Verantwortlichen sind, desto eher kriegen wir sie vor die Kamera.

Das reicht als Grund?

Nein, aber weil das Informationsinteresse unserer überpolitisierten, medial durchdrungenen Welt rapide wächst, funktioniert die alte Technik des Wegduckens nicht mehr. Dass ein Anschlag wie der aufs Oktoberfest trotz aller Ungereimtheiten jahrzehntelang unbeachtet in den Archiven schmort, wäre heutzutage undenkbar.

Ist das Dokudrama filmisch betrachtet der beste Weg, um dem vorzubeugen?

Ja, deshalb liebe ich es so. Trotz seiner investigativen Elemente, bleibt „Meister des Todes“ aber ein klassischer Spielfilm ohne Off-Sprecher, Interviews, Archivaufnahmen.

Dann ersetzen wir Dokudrama durch Emotionalisierung, in der besonders die männlichen Charaktere fast schon diabolisch überzeichnet sind. Ist das verbrieft?

Ich habe in der Mittagspause eines Prozesstags mal am Nebentisch dieser Charaktere gesessen und wurde wohl deshalb nicht als Journalist erkannt, weil ich anders als viele Kollegen immer Anzug trage. Da zog ein Anwalt so derbe vom Leder, wie super der Prozess läuft, und hat dabei so ein dickes Chronometer gezeigt, dass ihm ein russischer Klient gegeben habe – das war mir für den Film zu bizarr. Die Selbstwahrnehmung dieser Leute hat sich von der Realität oft komplett entkoppelt.

Das Schlüsselwort ist ein „Korpsgeist“, der in den Sphären der Mächtigen ebenso greift wie in Polizei und Militär.

Wobei ich gar nichts gegen ein gewisses Zusammengehörigkeitsgefühl in Firmen und Familien habe. Gerade in der Waffenindustrie handeln viele ja einerseits aus tiefster Überzeugung und werden andererseits durch die soziale Ablehnung ringsum verschweißt. Das wäre allerdings Thema eines dritten Teils; hier ging es eher am Rande darum, dass auch diese Familie Mitglieder hat, die nicht mitziehen und deshalb ausgegrenzt werden wie Sabine.

Gespielt von Veronica Ferres.

Diese Welt ist von außen schon sehr schwer zu durchschauen.

Kennen Sie denn selbst so was wie Korpsgeist oder milder ausgedrückt: unbedingte Solidarität?

Hmm.

Würden Sie jemanden im engsten Umfeld anzeigen, der etwas Kriminelles tut?

Mein Gerechtigkeitssinn ist von solcher Naivität, dass ich nicht mal eine Putzfrau illegal beschäftigen würde und meinem Vater wie vorhin im Auto sagen, er solle nicht so schnell fahren. Ich halte mich nicht streng ans Tempolimit, weil ich so deutsch bin, sondern aus der tiefen Überzeugung, dass Miteinander bis in den Alltag Regeln braucht, die einzuhalten sind – und weil ich für mich und andere die gleichen Maßstäbe anlege.

Wenn Ihr Vater beim Rasen Fahrerflucht beginge, würden Sie ihn also anzeigen?

Ich würde ihn dazu drängen, sich zu stellen. Ich rufe natürlich nicht die Polizei, weil ein Kumpel bei Rot über die Ampel geht, aber bei Gewaltdelikten sofort.

Geht es Ihnen um Recht oder Gerechtigkeit?

Um beides. Im Prozess, den Meister des Todes 2 behandelt, wurde Recht gesprochen, aber gewiss keine Gerechtigkeit geschaffen.

Ist es für Dokumentaristen nicht unendlich ermüdend, wenn man auf der Suche nach Gerechtigkeit ständig spürt, wie wenig sie mit Recht zu tun hat?

Steter Tropfen höhlt den Stein – so halte ich es lieber als zu ermüden. Es geht weiter und hat am Ende immer irgendwelche Konsequenzen. Wobei es nicht meine Aufgabe ist, Gerechtigkeit zu schaffen, sondern den Finger in die Wunde zu legen. Immer wieder.

Welche Möglichkeiten hat das Medium Film da, um im Zuschauer was zu verändern?

Gute, wie ich finde. Unsere Filme bleiben erinnerlich und sorgen manchmal sogar für Veränderung. Ich kann mich nicht erinnern, dass die Tagesschau vor Meister des Todes je über SIPRI berichtet hat.

Das Stockholmer Friedensforschungsinstitut, das jährlich Waffenexporte analysiert.

Mittlerweile gehört es zum Nachrichtenstandard, und das liegt auch an der Sensibilisierung durch Dokumentaristen und Filmemacher.

Wie gehen Dokumentaristen und Filmemacher dann damit um, dass Lautstärke längst besser zum Publikum durchdringt als ruhige Recherche?

Durch noch mehr Ruhe und Recherche. Aber das hat auch mit Geschmack zu tun. Mich stört bei Dokumentationen schnell die Lautstärke, andere hingegen das Gegenteil; die werden lautstark besser informiert. Wir generieren unsere Aufmerksamkeit durch Wahrheitsliebe. Das ist eine der Existenzberechtigungen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.

Dürfen Sie sagen, was ihr nächstes Projekt ist, oder scheuchen Sie damit sofort die Hühner auf?

Klar das darf ich das sagen: eine romantische Komödie aus dem Schwarzwald. Für Mutti.


Systemrelevanz & Todesmeister

Die Gebrauchtwoche

30. März – 5. April

Nur zur Kenntnisnahme: Auch Menschen mit Publikationshintergrund sind empfindsame Wesen. Wenn Regierungen in Hamburg, Köln, gar Berlin die Presse systemrelevant nennt, bewegt das etwas im Herzen vieler Medienvertreter und Vertreterinnen. Sie fühlen sich bedeutsam, respektiert, sie fühlen sich ernstgenommen, ja liebenswert. Allerdings sind sie meistens nicht so bauchgesteuert, dass ihnen die Vergänglichkeit solcher Anerkennung unbewusst wäre. Noch bevor die Corona-Krise vorüber ist, dürften die Systemmedien- und Lügenpressekrakeeler von rechts nämlich an Lautstärke gewinnen.

Bis dahin aber genießen wir die neue, alte Anerkennung auch dank einiger Qualitätsschübe von ungeahnter Seite. Denn während im täglichen ARD Extra hysterisches Vokabular von „katastrophal“ bis „dramatisch“ häufiger zum Einsatz kommt als nüchternes wie „Aufgabe“ oder „Herausforderung“, avanciert der Dampfplauderer Markus Lanz so virtuos zum Gesprächsleiter einer emotional zerrütteten Fernsehnation, dass ihn die Zeit zum „Verhaltensforscher“ adelt. Und parallel dazu zeigen sich selbst Privatsender von einer fast seriösen Seite.

Damit sind zwar nicht jene gemeint, die im Lauf der Woche den gescheiterten RTL-Versuch kopierten, Promis (Gottschalk/Jauch/Pocher), Popkultur (Podcast) und Home-Videos (statt Studio) in der Quarantäne-WG zu kombinieren; dafür waren Live in der Forster Straße (Vox) oder Die Comedy Konferenz (Sat1) einfach zu arm an Bindestrichen, aber überreich an Selbstliebe. Obwohl also Das große Pro Sieben Wohnzimmer baugleich billig im Coronabecken fischte, zeigte Stefan Göddes Talkshow ebenso wie die Newstime fast sowas wie Verantwortungsgefühl.

Das ist umso bemerkenswerter, als es zugleich einen Putsch gab. Nach 18 Monaten als CEO von ProSiebenSat1 Media wurde Max Conze fristlos entlassen und damit ein Diversifikationskurs beendet, in dem das Fernsehen zum Randaspekt eines TV-Konzerns wurde, dessen Aktienkurs dennoch kontinuierlich Richtung Keller rauschte. Ersetzt wird der Staubsaugervertreter durch Finanzvorstand Rainer Beaujean, Entertainment-Chef Wolfgang Link und Personalerin Christine Scheffler – denen Conze gleichwohl nicht nur Ruinen hinterlässt.

Die Frischwoche

6. – 12. April

Am Mittwoch kann man schließlich erleben, wozu der Konzern in der Lage ist, wenn er sich seinem Kerngeschäft widmet: Mit Frau Jordan stellt gleich und Check Check gehen zwei Joyn-Formate ins Free-TV, die Katrin Bauerfeind als Gleichstellungsbeauftrage und Klaas Heufer-Umlauf als Kleinflughafenmitarbeiter sehenswert machen. Das gilt natürlich umso mehr für Daniel Harrichs journalistisch recherchiertes Drama, das 2015 sogar Justiz und Politik beschäftigte.

Mittwoch nun schickt Meister der Todes 2 erschreckend reale Waffenhändler fiktional (mit Doku im Anschluss) auf die Anklagebank, was für die Todesmeister von Heckler & Koch, nicht aber Rechtstaatlichkeit und Demokratie gut ausgeht. Und da das legale Kapital auch im Drogenhandel mitmischt, dem die Arte-Doku Der große Rausch am Dienstag, 20.15 Uhr, drei Teile am Stück widmet, wenden wir uns zur Erholung der gestreamten Fantasiewelt zu.

Heute startet die 3. Staffel der famosen Sky-Dystopie Westworld, Freitag wagt (kauft nicht bei) Amazon sein Experiment, das Rollenspiel Tales from the Loop auf Basis der retrofuturistischen Gemälde von Simon Stålenhag in ein bildgewaltiges SciFi-Märchen mit Jonathan Pryce zu verwandeln. Und in der amerikanischen Sitcom Unicorn stürzt sich ein Witwer mit zwei Töchtern tags zuvor (Sky) ins Online-Dating. Digitale Hilfestellung hatte James Bond 1963 nicht nötig. In Liebesgrüße aus Moskau musste 007 schließlich nur mit dem Brusthaar rascheln, schon hatte er das Bett voller Blondinen.

Dieses Frauenbild war also auch nicht moderner als 35 Jahre zuvor in der schwarzweißen Wiederholung der Woche, dem Stummfilm Das große Grabmal, (heute, 23.25 Uhr, Arte), als Deutschland noch das cineastische Herz der Filmwelt war, bevor es die geistigen Väter der AfD zerstörten. Anderthalb Stunden zuvor an gleicher Stelle, stilistisch zwar grau, atmosphärisch knallbunt: Jim Jarmuschs Down by Law (1986) mit Tom Waits, Roberto Benigni, John Lurie als Knastausbrecher. Bleibt noch der Tatort, diesmal: Stau (Mittwoch, 22 Uhr, SWR), ein brillantes Autobahn-Kammerspiel von 2017.


Marvin Kren: 4 Blocks & Freud

Kein Minimalismus, all in!

Mit dem teilfiktionalen Biopic Freud liefert der 4 Blocks-Regisseur Marvin Kren (2.v.l., Foto: Hans Starck/ORF) ein Meisterwerk psychedelischer Serienunterhaltung ab. Ein Gespräch über seinen Landsmann aus Sigmund Freud, dessen Psychoanalyse, Kostümfilme und wie sich Krens eigene Hypnose angefühlt hat.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Marvin Kren, haben Sie sich selbst mal einer Psychoanalyse unterzogen?

Marvin Kren: Das nicht. Ich habe in der Vorbereitung zu Freud aber mehrfach Psychoanalytiker getroffen, die sich mit ihm auskennen. Nur so konnte ich den Ansatz medizinisch, aber auch geschichtlich verstehen. Das war zwar eher trocken, aber um sie selbst mal zu erleben, muss man sich ja mindestens sieben Jahre lang fünfmal pro Woche auf die Couch legen. So viel Zeit hatte ich dann doch nicht.

Auch nicht, um mal am eigenen Leib zu spüren, wie es sich darauf anfühlt?

Das habe ich sogar mal getan, bei einem Doktor in Wien, der das tut, womit sich Freud auch in unserer Serie auseinandersetzt, bevor er sich davon löst, weil sich reihenweise Patientinnen in ihn verliebt haben: Hypnose mit Psychoanalyse zu verbinden. Dieser körperliche Zugang zum Thema war mir wichtig.

Und wie hat er sich angefühlt?

Das war ein sehr massives, wahrhaftiges Erlebnis. Allerdings auch, weil ich es am Todestag meines verstorbenen Vaters gemacht habe. Dadurch kam sehr viel Trauer nach oben, das hat mich voll erwischt.

Soll die Serie ihr Publikum ähnlich erwischen, also psychologisch unterwandern, oder bloß damit unterhalten?

Wer meine Arbeit kennt, der weiß, dass meine Figuren immer ein Gefühl von Wahrhaftigkeit transportieren, die den Zuschauern in die Seele vordringt. Das gilt eigentlich für jeden meiner Filme. Ich war also auch bei Tatorten oder 4 Blocks auf der Suche nach Charakteren, die mit dem Guten und dem Schlechten, Bewussten und Unterbewussten, mit Freud ausgedrückt: dem Ich und dem Es ringen. Hier allerdings ist dieses Vordringen, wie sagt man?

Generisch?

Danke! Deshalb ist „Freud“ auch für mich persönlich ein echter Entwicklungsschritt, da geht es wirklich an die Substanz meiner dramaturgischen Ästhetik.

Bleibt die Serie dabei streng biografisch, also historisch verbürgt, oder gönnt sie sich fiktionale Freiheiten?

Natürlich letzteres. Aber auch, wenn es kein Biopic ist, habe ich versucht, der Figur durch intensives Studium seiner Schriften so nah wie möglich zu kommen. Woher kommt der Ödipus-Komplex? Woher seine Sehnsucht zum Vatermord? Woher rührt das Unbehagen mit der Kultur? Warum ist er, wie er ist? Nur wer ins Innerste seiner Figuren vordringt, kann spannende Geschichten erzählen.

Erzählen Sie diese hier demnach entlang eines realen Handlungsfadens und verweben ihn dann mit Fantasie im Detail?

Na ja, wir starten die Erzählung im Jahr 1885, nehmen also einiges seiner späteren Erkenntnisse vorweg.

Die er damals noch gar nicht hatte?

Die er damals noch nicht veröffentlicht hatte! Freud war ein zögerlicher Mensch, in einer Zeit zumal, die von unfassbarer Ehrfurcht gegenüber Autoritäten und Eltern geprägt war; da haut man nix raus, bevor man sich dessen absolut sicher ist. Aber vielleicht war Freud am Ende ja auch deshalb so revolutionär, weil er seine Ideen vorm Ausscheiden so lange verdaut hat.

Also nochmals: Wie viel ist Fiktion, wie viel verbürgt?

Man kann den hypothetischen Anteil der Serie nicht in Prozent angeben, aber wir nehmen alles darin sehr ernst und haben dafür schon deshalb reichlich Originalmaterial, weil Freud sehr intensiv an seiner eigenen Legende gestrickt und sich larger than life gemacht hat.

Wie schafft man es, auf einer so guten Quellenlage nicht verkopft zu erzählen?

Indem man mich als Regisseur engagiert (lacht). Mich interessiert zwar immer die Katharsis meiner Figuren, aber sie muss bei aller Präzision auch Spaß machen. Deshalb sind viele meiner Filme Opern. Kein Minimalismus. All in!

Wobei Sie dafür historisch nun weiter zurückreisen also je zuvor, also klassisches Kostümfernsehen machen. Ist die Arbeit daran anders als bei zeitgenössischen Stoffen?

Ganz ehrlich? Es ist jeden Tag, wenn man zum Set kommt, ein bisschen wie Kindergeburtstag. Kurze Trips in die Vergangenheit, bei denen das Gewöhnliche ungewöhnlich wird und umgekehrt. Kulissen und Kostüme erlauben es einem, auch in andere Geisteszustände zu reisen.

Stets mit der Gefahr versehen, Inhalt durch Form zu ersetzen…

Wobei ich der Meinung bin, dass es hier gelungen ist, uns nicht hinter der Geschichte zu verstecken. Deshalb gibt es bei Freud bis auf eine kaum Totalen, in denen die Kulissen zentral würden. Da sind mir Close-ups auf Gesichter allemal lieber. Ich wollte kein normales Historytainment.

War Netflix dafür der richtige Partner?

Übers Budget darf ich nicht reden, aber inhaltlich hatte ich alle Freiheiten; die ich mir allerdings auch über diesen Auftraggeber hinaus hart erarbeitet habe. Das klingt jetzt arg martialisch, aber mein bisheriges Schaffen erlaubt mir da eine gewisse Schlagkraft und damit kreative Freiheiten. Die hatte ich zwar auch schon in Rammbock. Kennen Sie den?

Der erste und beste deutsche Zombiefilm, klar.

Echt? Cool! Aber so viel Freiheit wie in Freud hatte ich bislang nie. Auch dank meiner drei Autoren, mit denen wir aus fast jedem Budget was Spannendes gemacht hätte. Natürlich wäre es toll, mal ohne Budgetgrenze zu arbeiten, aber wir Künstler brauchen schon auch Rahmen.

Sonst wird man Christo und packt am Ende ganze Städte ein.

Ganz genau. Irgendwann fällt einem außer Überfluss gar nichts mehr ein.

Gibt es einen roten Faden, der von Rammbock über 4 Blocks zu Freud führt?

Habe ich mich auch schon gefragt. Vielleicht eine gewisse Faszination von Gewalt, sei es körperliche, sei es psychische. Gewalt kommt aus meiner Sicht zunächst aus dem Herzen; das zu analysieren, ohne es zu bewerten, bildet den Kern meiner gesamten Arbeit.

Gibt es für diese Faszination Erweckungserlebnisse in Ihrer eigenen Biografie? Als Kind mal einem Huhn den Hals umgedreht?

Nein, nein (lacht), eher die Betroffenheit, dass mich die entfesselte Energie der Gewalt immer wieder aufs Neue schockiert. Warum tun wir selbst denen so oft weh, die wir lieben?

Wollen Sie mit Serien wie dieser hier Antworten geben oder erstmal nur Fragen stellen?

Weder noch und beides. Freud ist größer. Freud will zeigen, was wir für großartige, aber auch abgründige Wesen wir sind. Trotzdem will Freud auch ganz dringend gut unterhalten.


Christian Drosten & Sigmund Freud

Die Frischwoche

16. – 22. März

In Zeiten wie diesen, tat Florian Silbereisen angesichts der Pandemie kürzlich kund, müsse „man zusammenhalten und aushelfen“. Damit meint der überbezahlte Schlagermillionär zwar nicht, sein überzähliges Geld der virologischen und finanziellen Notversorgung aller zu spenden, sondern bloß den Pop-Nazi Naidoo in der DSDS-Jury zu ersetzen; trotzdem kehrt Covid-19 durchaus bessere Seiten des Egowesens Mensch hervor – auch wenn dazu sicher nicht zählt, dass der überbezahlte Rätselmillionär Günther Jauch in einer Anzeigenkampagne des Bundesinnenministerium beteuert: „Ich bleib zuhause. Weil das Leben retten kann.“

Anders als das Gros der Menschen in diesem Land, bleibt er nämlich in einer riesigen Villa mit Mauer, Park und Dutzenden von Zimmern, die vermutlich voll gehamsterter Luxusartikel sind. Freiwilliger Hausarrest könnte also schlimmer kommen als bei den Jauchs. Etwa bei Big Brother, dessen Geschwistern Sat1 am Dienstag nach Wochen der Isolation erstmals vom globalen Ausmaß der Katastrophe berichtet hatte, was wirklich, also ohne Ironie, herzergreifende Reaktionen nach sich zog.

Die aber dürften bei all jenen, denen aus Sicht von Christian Drosten, dem neuen Superstar der Wissenschaftsmedienpolitik, wirklich Konsequenzen ins weitaus kleinere Haus als bei Jauchs und Silbereisens stehen, ungleich größer sein. Dank flächendeckender Drehverbote und Kinoschließungen steht die Film- und Fernsehbranche im besten Fall vor einer Pleitewelle, im schlechteren vorm Zusammenbruch. Während die lokale Gastronomie demnächst wohl allerorten durch standardisierte Ketten ersetzt wird, überleben in der Popkultur womöglich vor allem Big Player von Netflix bis Disney, die mit dem heitigen Start seiner Streamingplattform Plus fast gespenstisches Gespür für Timing zeigt.

Als Blockbusterfabriken und Streamingdienste profitieren sie so vom Shutdown, dass allerorten die Übertragungsnetze kollabieren; zugleich jedoch fehlen auch hier künftig unabhängige Produktionsfirmen, die der globale Shutdown in den Ruin treibt. Kein Wunder, dass letztere bereits einen Schulterschluss aller Filmschaffenden fordern. Also eine Form der Solidarität, dessen chronischer Mangel ein lebendes Fossil des öffentlich-rechtlichen Monopolzeitalters zu Grabe trägt.

Die Frischwoche

23. – 29. März

Am Sonntag endet nämlich die Lindenstraße. Programmpläne werden in dieser epidemischen Zeit zwar schneller umgeworfen, als man Mutter Beimer oder wahlweise Fußballländerspiel (das Donnerstag ausfällt) kann, aber mit Folge 1758 ist nach fast vier Jahrzehnten Schluss mit der relevantesten Fernsehserie des deutschen Fernsehens aller Zeiten. Aber immerhin – Netflix sorgt für temporären Ersatz.

Heute läuft dort Marvin Krens Achtteiler Freud, das die kuriose Selbstfindungsphase des Revolutionärs der Seelenheilkunde in einen unfassbar unterhaltsamen Fiebertraum gießt. In den Schatten gestellt wird er Freitag drauf von der Miniserie Ultraorthodox, mit der Maria Schrader den autobiografischen Bestseller von Deborah Feldman um eine chassidische Jüdin adaptiert, die ihrem New Yorker Glaubenskäfig entflieht und in Berlin einen Neuanfang wagt. Gerade, weil darin weder Opfer noch Täter religiöser Radikalität bloßgestellt, ist der Vierteiler nicht weniger als eine Sensation und dürfte nächstes Jahr bei den Grimme-Preisen unfassbar abräumen.

Dieses Jahr dürfte die offizielle Verleihung (Freitag, 22.40 Uhr, 3sat) zwar ausfallen. 2020 könnte dann aber auch das ZDF-Drama Ein Dorf wehrt sich (Montag, 20.15 Uhr) ums reale Alpendorf Altaussee bedacht werden, das sich kurz vor Kriegsende gegen die Vernichtung nationalsozialistischer Beutekunst wehrt. Derweil springt das Sky-Original Zero Zero von den Gomorrha-Machern am Donnerstag auf den Zug erfolgreicher Drogenmafiadramen auf. Disney+ startet mit dem liebenswert schrulligen Star-Wars-Spinoff The Mandalorian. Und Heidi Klum castet tags drauf in Making the Cut mal wieder was Neues, nämlich Modelabels.

Schon deshalb stellt die Wiederholung der Woche dieser Feindin weiblicher Selbstentfaltung Rosa von Praunheims Härte entgegen, das Sonntag (0.05 Uhr, ARD) sexuell ambivalenten Berliner Zuhälter Andreas Marquardt (Hanno Koffler) porträtiert. Am Mittwoch zeigt Tele5 um 20.15 Uhr nochmals die brillante Zukunftshalluzination 12 Monkeys von 1995. Und in Schwarzweiß: Nachts, wenn der Teufel kam (Montag, 20.15 Uhr, Arte), ein vielfach preisgekrönter Nachkriegsfilm (1957) über die SS-Obrigkeit der letzten Kriegstage.


Julie Zeh: Brandenburg & Unterleuten

Ich habe noch untertrieben

Mit dem gelungenen Fernsehdreiteiler Unterleuten (in der ZDF-Mediathek) um ein zerrissenes Dorf im Kampf um Windräder, wurde nun der nächste Roman von Juli Zeh (Foto: Sven Mandel/rawpic) verfilmt. Ein Gespräch mit der 45-jährigen Bonnerin über Parallelen zur eigenen Haustür in Brandenburg, Schreiben fürs Fernsehen und ob sie ein Buch über ihre Arbeit als Landesverfassungsrichterin plant.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Zeh, kennen Sie Rainald Grebe?

Juli Zeh: Ich verehre Rainald Grebe sogar!

Wie viel von seiner hassliebenden Brandenburg-Hymne steckt in ihren Roman Unterleuten und dessen Verfilmung?

Rainald Grebe blickt bei allem Spott überaus liebevoll auf Brandenburg. Das steckt auch bei mir drin. Man ist zwar manchmal fassungslos, dass es inmitten einer der größten Industrienationen der Welt so eine Ödnis gibt, aber dafür können die Leute vor Ort ja nichts. Weil Buch und Film verschiedene Kunstwerke sind, möchte ich hier nicht für Matti Geschonneck sprechen, aber mein Hauptanliegen war es, die Leute auch dann verstehen zu wollen, wenn sie krasse Sachen machen.

Wie krass hätten Sie persönlich denn reagiert, wenn Ihnen in Ihrem Dorf jemand einen Windpark vors Fenster bauen will?

Ich glaube da niemandem, der behauptet, es sei ihm egal. Vor zehn Jahren hätte ich das wohl noch kritischer gesehen; man gewöhnt sich ja an fast alles. Aber auch heute wäre ich vermutlich entsetzt. Von daher würde ich bei so einem Projekt erwarten, dass man bei aller Notwendigkeit der Energiewende ehrlich zu mir ist und akzeptiert, dass ich den Park scheiße finden darf, wie es viele in Unterleuten tun. Unserer aufgeheizten Gesellschaft täte es generell gut, wenn die Leute mehr Verständnis füreinander entwickeln.

Ist es ein pädagogischer Ansatz Ihrer Literatur, den Lesern dieses Verständnis zu erleichtern?

Ich sträube mich zwar gegen den Begriff „pädagogisch“, aber irgendwie besteht das Wunder von Literatur und teilweise auch Film doch darin, in die Köpfe und Herzen der Leute wirklich eindringen zu können. Dieses Lichtschwert führe ich mit großer Freude. Weil es mir Spaß macht, weil ich es interessant finde, weil es spannend ist und am Ende auch politisch. Empathie und Zivilgesellschaft sind ja eng miteinander verbunden.

Aber schaut Unterleuten wirklich in echte Köpfe und Herzen, oder sind es überspitzte Abstraktionen?

Meine Literatur versucht zwar grundsätzlich realistisch zu sein, aber ich blicke beim Schreiben natürlich zunächst in meinen Kopf und mein Herz. Insofern sind die Figuren schon Abstraktionen, aber ehrlich: ich habe an keiner Stelle übertrieben, eher schon untertrieben (lacht). Wenn ich das nicht getan hätte, wäre „Unterleuten“ vielen als Farce erschienen.

Das heißt, die Figuren laufen tatsächlich auch bei Ihnen zuhause rum?

Ja, wenngleich in mehreren Dörfern der Umgebung. Umso mehr habe ich versucht, den Leuten nie an den Karren zu fahren; erstens, weil ich meinen Alltagsfrieden nicht gefährden will, und zweitens, weil ich niemanden verletzen will. Von daher beschreibe ich eher Typen als Personen. Am nächsten an einer realen Figur ist da der LPG-Chef Gombrowski.

Gespielt von Thomas Thieme.

Solche Männer gibt’s in Ostdeutschland überall.

Wenn man LPG durch Baufirma ersetzt, allerdings auch in Westdeutschland.

Wobei am Ost-Patriarchen besonders ist, dass sich in ihm oft der Systembruch vollzieht – erst Genossenschafts-, dann GmbH-Chef, von dem die einen behaupten, er habe das Dorf gerettet, und die anderen, er habe sich das Dorf unter den Nagel gerissen.

Hätten Sie als Drehbuchautorin die Geschichte und ihre Figuren eigentlich so gewichtet wie Magnus Vattrodt?

Als ich die Drehbücher gelesen habe, hatte ich tatsächlich eine Art Checkliste im Kopf und hätte nur eine Figur anders dargestellt: Linda Franzen. Als Satansbraten einer Geschichte, in der echt alle Mist bauen, ist ihr Mist zwar auch im Buch zentral; sie kommt mir im Film aber trotzdem zu kalt und berechnend weg. Ihr fehlt da die verletzliche Seite. Sie ist in Wahrheit eine schwache Frau, die in einer Optimierungsspirale steckt.

Können Sie als Autorin der Vorlage loslassen und die visuelle, dramaturgische Idee des Fernsehens akzeptieren?

Das kann ich und hab es ja auch schon mit mehreren meiner Romane so gemacht. Andernfalls könnte ich es auch gar nicht ertragen, sie für Verfilmungen, aber auch Theaterstücke und Hörspiele freizugeben. Wenn ich diesen Schritt mache, sage ich zum Buch: geh‘ in die Welt und mach was dir gefällt! Natürlich möchte ich, dass es gut wird, aber der Schmerz, falls es doch mal anders kommt, wird so geringer.

Und bei Unterleuten?

Ging es ganz gut, loszulassen. Zu Spieltrieb und Schilf existieren auch Verfilmungen, andere wurden teils aufwändig zu Drehbüchern gemacht, aber nicht umgesetzt.

Wenn man wie Sie so regelmäßig verfilmt wird – beginnt man dann schon beim Schreiben, auf Visualisierungsmöglichkeiten zu achten?

Einmal, bei Nullzeit. Da hatte ich mit meinem Mann darüber gesprochen, ob er das Drehbuch dazu schreibt. Ich kenne mich ein bisschen mit Drehbuchdramaturgie aus und habe bewusst auf nur vier Personen in Einheit von Ort und Zeit gesetzt, was sich gut verfilmen lässt. Im Gegensatz zu Unterleuten übrigens, wo ich zunächst gar nicht wusste, wohin die Reise geht. Als dann klar war, dass auch dazu Drehbücher entwickelt werden, dachte ich erst nur: Na, viel Spaß!

Sie sind nebenbei noch Juristin und arbeiten am Brandenburger Verfassungsgericht.

Ich bin dort Richterin. Wie alle Verfassungsrichter der Bundesländer übrigens im Ehrenamt – wir machen das vor allem aus Liebe zur Demokratie. Es ist schön, mal ganz direkt was für die Gesellschaft zu tun.

Können Sie sich vorstellen, mal ein Buch aus diesem eher spröden Umfeld zu schreiben.

Man kann aus jedem Mikrokosmos spannende Geschichten erzählen, sobald mindestens zwei Menschen aufeinandertreffen. Und wenn das dann noch im Zusammenhang juristischer Streitigkeiten passiert, knallt es oft richtig.

Dazu muss man ja nur mal Ferdinand von Schirach fragen.

Das Leben ist halt fünftausend Mal krasser als jede Fiktion. Und Strafrechtsakten sowieso. Ich habe aber bislang nie einen echten Fall für meine Geschichten verwendet. Ich muss mich immer erst mehrere Jahre in einem Mikrokosmus aufhalten und ein Gefühl von Fassungslosigkeit kriegen, vorher kommt bei mir kein Schreibimpuls. Ich brauche einen Abgrund.


Coronacoronacorona & Corona

Die Gebrauchtwoche

9. – 15. März

Zu den Nachrichten: Corona, Corona, Corona, dazu Corona, Corona, Corona und – hoppla: Biathlon?! Wer Medien jeder Art konsumiert, könnte zurzeit meinen, abseits dieser Pandemie gebe es nichts zu berichten. Selten, nein: nie zuvor waren die Medien so monothematisch, aber selten, nein: nie zuvor hatte ein Thema auch so umfassende Folgen für alles. Wenn es mit Flüchtlingen und Flügel also grad mal zwei Sujets abseits von Covid-19 in die Tagesschau schaffen, zeigt sich da umso mehr, wie still es um die AfD wird, sobald es um Politik statt Populismus geht.

Sehr viel lauter durchbrach da der identitär durchdrungene Geistesbruder Xavier Naidoo die Stille kollektiver Solidarität. Weil sein verschwurbeltes Homevideo Menschen ausländischer Herkunft im Duktus von Alice Weidel zu Messermännern degradiert, hat RTL den Soul-Patrioten aus der DSDS-Jury geworfen. Nach kurzem Wirbel im germanischen Met-Kelch, wurde zwar noch über die Rundfunkgebührenerhöhung gemosert, der bis auf Sachsen-Anhalt alle Länder zugestimmt haben – dann stand wieder einzig Corona im Blickpunkt.

Und was am Bildschirm ähnlich wie die Fußballbundesliga nicht längst abgesagt wurde, muss auf längere Sicht ohne Saalpublikum auskommen – außer Florian Silbereisen natürlich, dessen Schlagerlovestory am Samstag durch ein bizarres Playback-Tribut an Mary Roos vor ein paar Dutzend Studiogästen ersetzt wurde. Aber seit das Traumschiff zwangsweise im Trockendock liegt und Johannes B. Kerner positiv getestet wurde, hat das ZDF eh nicht mehr allzu viel Unterhaltung in petto.

Die Frischwoche

16. – 22. März

Wobei man den Öffentlich-Rechtlichen an dieser Stelle etwas Unerhörtes attestieren muss: Die petticoatbunte Nachkriegsschnulze Unsere wunderbaren Jahre, in der das Erste Mittwoch, Sonntag und 25. März die Währungsunion nachspielt, zeigt – Achtung: nicht nur zwei, drei Quoten-Nazis unter Millionen deutscher NS-Opfer, sondern eine Wirtschaftswundergesellschaft, die bis in höchste Ämter hinein tiefbraun durchdrungen war. Das Liebesallerlei drumherum ist und bleibt natürlich kitschige Kulissenschieberei, aber so weniger Revisionismus im Historytainment muss mal wirklich gelobt werden.

Ob all dies auch im vorgegebenen Zeitrahmen zu sehen ist, reguliert allerdings die Eskalationsskalierung der Pandemie. The Masked Singer jedenfalls findet 24 Stunden zuvor auf ProSieben – wenn überhaupt – ohne Publikum statt, was auch für andere Liveshows wie Let’s Dance am Freitag bei RTL gilt. Die Ausstrahlung der zehnteiligen Serienadaption des Neunziger-Klassikers Vier Hochzeiten und ein Todesfall dürfte da ab Donnerstag auf Vox ebenso wie die Fortsetzung der bezaubernden NGO-Groteske Das Institut 150 Minuten später im BR auch einem der edleren Fernsehzwecke dienen: Ablenkung in Zeiten der Krise.

Weil demnächst wohl sämtliche Lichtspielhäuser der nördlichen Hemisphäre schließen und damit auch alle Filmstarts ins Wasser fallen, während die Mehrzahl der Menschen ohnehin lieber zuhause bleibt, kriegen Streamingdienste so noch mehr Gewicht. Schon wird gemutmaßt, zum deutschen Start von Disney+ am 23. März wandern Blockbuster wie Mulan von der Leinwand auf den Flatscreen.

Richtig bemerkenswert sind dennoch nur zwei Sky-Serien: die Mystery-Erzählung The Outsider und die Adaption von Philip Roths Geschichtsdystopie The Plot Against America, in dem ein rechtsextremer Präsident die erste Nachkriegswahl gewinnt. Interessant ist noch die zweite Staffel der Anthology-Serie Manhunt über den Terroranschlag von Atlanta 1996, ab Donnerstag auf Magenta; ansonsten aber kann man sich Sonntag getrost auch mal das Werberahmenprogramm Star Wars: Die letzten Jedi auf ProSieben antun kann. Oder besser noch: auf die Wiederholungen der Woche ausweichen. Zum Beispiel Footloose (Donnerstag, 20.15 Uhr, Disney) von 1984 mit dem blutjungen Kevin Bacon als Tanzrevoluzzer im Bibelgürtel. Oder den fabelhaften Tatort: Stau, (Dienstag, 22 Uhr, NDR) der wo das schwäbische Duo Lannert/Bootz vor drei Jahren ausnahmslos auf der Autobahn ermitteln ließ.


Kai Diekmann: Bild-Chef & Startupper, 2. Teil

Es gibt kein Recht auf Überleben

Als Chefredakteur hatte Kai Diekmann die Bild einst wieder zum Kampfblatt des Erregungsbürgertums gemacht, später die Tageszeitungssparte im Springer-Konzern verantwortet, jetzt leitet er ein hippes Berater-Startup in Berlin. Teil 2. des großen Interviews mit einem Macher der Medienbranche über Populismus und Wutbürgertum, Journalismus und Wirtschaftlichkeit.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Diekmann, machen Sie doch mal Angebote, wie das unschuldige Internet vom Multiplikator von Hatespeech und Konsumwahn zu etwas zu Gutem für die Menschheit wird? 

Kai Diekmann: Ach, das ist es doch schon. Nehmen Sie Uber, Airbnb, Google, die Mobilität, Reisen, Informationen für alle leicht zugänglich gemacht haben.

Dummerweise aber auch Taxigewerbe, Mietenspiegel, die Kommunikation zerstören. 

Als vor 150 Jahren die ersten Züge fuhren, hieß es auch, bei der Geschwindigkeit platzen die Trommelfelle. Und Fake-News gab es lange vor Twitter. Kaum eine Innovation kommt doch anfangs ohne Geburtswehen und Gegenwehr aus. Aber wie Google meine Möglichkeiten erweitert hat, schnell an Informationen jeder Art zu kommen, macht für mich persönlich viele der negativen Aspekte wett.

Bleiben wir also optimistisch und glauben mal, die Digitalisierung und ihre technischen Gadgets helfen dabei, auch dem Journalismus langfristig zu dienen, nicht zu schaden. Wodurch ersetzen wir dann die alten Verlage als Gate-Keeper und Agenda-Setter? 

Das wird sich zeigen, aber es gibt auch für die klassische Medien-Industrie kein Recht auf Überleben. Nehmen Sie Nokia, das vier Wochen vorm ersten iPhone eine Milliarde Nutzer hatte und die Nokia-Manager davon überzeugt waren, dass Apple keine Handys bauen könne. Heute ist das iPhone das beliebtestes Handy auf der ganzen Welt. Es gibt doch aber auch in der Medienbranche ein paar ganz spannende Ansätze: Ich finde es sehr aufregend, was Gabor Steingarts ebenso informativer wie unterhaltsamer Newsletter inklusive Podcast als Kurator leistet. Überhaupt, Newsletter: Neben Gabors Morning Briefing empfehle ich immer den der New York Times und natürlich Medium, der spektakulär wertig Inhalte sortiert.

Denken wir mal größer: Wie sähe ein relevanter, rentabler, nutzwertiger Verlag aus, wenn Sie heute nochmal einen aufbauen könnten? 

Vor allem würde ich nicht mehr von Verlag sprechen! Im Ernst: muss ich nicht aufbauen, gibt es schon, heißt Bild. Die nämlich hat gezeigt, wie sie von einer Zeitung mit zwölf Millionen Lesern zu einer digitalen Informations- und Unterhaltungsplattform mit 30 Millionen Usern von Papier bis Snapchat aufsteigt, die man in der analogen Welt allein nie generieren könnte. Als Publizist muss ich dort sein, wo mein User ist. Und da ist ein Faktor auf dem Weg zur vollständigen Digitalisierung weiterhin heillos unterbewertet.

Nämlich?

Der Lokaljournalismus. Ich bin fest davon überzeugt, in einer zusehends unübersichtlichen globalisierten Welt wird der lokale Kontext immer wichtiger. Für meine Kinder ist das tote Eichhörnchen in der Auffahrt wichtiger als ein Flugzeugabsturz in Ruanda, so funktionieren wir als Mensch psychologisch. Und keiner kennt sich vor meiner Haustür besser aus als die Potsdamer Neuesten Nachrichten, die mir als einzige sagen, ob dort irgendwo etwas abgerissen, gebaut oder saniert wird. Wenn sie eine Lokalschlagzeile aus meinem Lebensumfeld haben, greife ich sofort zu.

Auch auf Papier?

Auch auf Papier – mit 55 bin ich ja fast schon scheintot. Was für mich total unverständlich ist: wenn Lokalzeitungen auf der Basis von dpa-Meldungen mit Trump, Lagarde, Brexit aufmachen und im Inneren vom Chefredakteur kommentieren lassen. Die haben den Schuss nicht gehört. Die Chance des Lokaljournalismus liegt im Lokalen und sonst nirgends, da kennt er sich aus, da ist er zuhause. Aber wer kennt sich da noch besser aus?

Na?

Die Leute, die dort wohnen. Könnte es gelingen, unter denen ein System von Kontributoren aufzubauen, die Beiträge für ein journalistisch kuratiertes Lokalangebot schreiben? Schließlich gibt es zu jedem erdenklichen Thema Experten, die sich dazu besser auskennen als Journalisten, die dem Wesen nach ja Generalisten sind. In den USA gibt es ein Angebot namens Sportblog Nation, auf dem etwa Fans der San Francisco 49ers hochkompetent über die Geschehnisse im und außerhalb des Stadions berichten – und damit dem San Francisco Chronicle überlegen sind, wo ein einzelner Redakteur über Football schreibt. So schafft es der Blog, das Wissen und die Leidenschaft der Leute redaktionell einzubinden.

Wie einst die BildLeserreporter, mit denen Sie 2006 die Trennung zwischen Medium und Kundschaft aufgeweicht haben.

Wie böse von uns: Wir haben bei Bild den Leser ernst genommen – nicht nur als zahlenden Kunden, sondern auch als jemanden, der inhaltlich Beiträge zu leisten vermag. SB Nation ist mit seinem ausgebauten Kontributoren-Modell sehr erfolgreich. Die besten sind übrigens geschiedene Juristen Anfang 40 – die haben Zeit, wollen sich einbringen, sind angemessen eitel. Und weil die Beiträge vom eigenen Kiez noch von anderen Bewohnern des jeweiligen Habitats gerated werden, ist das auch für den deutschen Lokaljournalismus ein hochinteressantes Modell.

Aber macht es den Redakteur nicht zum bloßen Administrator des interaktiven Publikums?

Nicht Administrator, sondern Kurator, der sich den natürlichen Darstellungsdrang des Publikums zielgerichtet zunutze macht und wie ein menschlicher Algorithmus funktioniert. Was anderes ist denn bitte das, was die FAZ in ihrem Finanzteil macht, wo regelmäßig Unternehmensexperten, Fachanwälte, Wirtschaftswissenschaftler Gastbeiträge aus ihrem Einsatzgebiet schreiben? Was anderes macht ein Journalist, der für seine Artikel Fachleute zitiert, die dem Thema Expertise verleihen? Was anderes ist letztlich unser Interview? Es geht um Sachverstand, Nähe, Einblick, Wissen und wie all das die Medien von heute erfolgreich machen kann.

Wozu abseits der Inhalte natürlich auch ein Geschäftsmodell gehört. Welches wäre aus Ihrer Sicht tragfähig, um kuratierten Content von wo und wem auch immer, finanzieren zu können?

Am Ende muss der Kunde bereit sein, Geld dafür zu bezahlen.

Also die pay wall, das große Mysterium der modernen Medienlandschaft?

Bei Bild funktioniert diese pay wall doch hervorragend, sie hat mehr als 400.000 vollzahlende Nutzer. Damit ist Bild die größte Abo-Marke in Deutschland überhaupt – und zwar aus einem Model heraus, das in der Vergangenheit auf Papier zu keiner Zeit Abonnenten hatte.

Und das lässt sich auf die gesamte Branche übertragen?

Spätestens mit dem kostenpflichtigen Klingelton fürs Handy war doch der Nachweis erbracht, dass die Leute für immaterielle Dinge, die auf ihren Devices landen, auch Geld bezahlen. Und das lässt sich von Newslettern über Streamingdienste bis hin zu Spotify, wo man für nur zehn Euro in Monat sogar der Werbung ausweicht, weiterdenken. Man muss den kostenpflichtigen Inhalt nur gut verpacken.

Aber eben auch noch journalistisch gehaltvoll machen.

Was wiederum Geld kostet, das sich über Werbung allein nicht bereitstellen lässt. Womit wir bei den Daten wären, dem Öl des 21. Jahrhunderts, bei dem ich mich oft frage, warum wir das Ausbeuten dieser Ressource allein den Amerikanern überlassen und nicht selber ein Modell finden, mit dem wir persönliche Daten zugleich schützen und monetarisieren können.

Glauben Sie denn, man könnte damit ein Geschäftsmodell wie das der Bild, die ihre Mischung aus Unterhaltung und Information, Journalismus und Trash auf allen Kanälen abspielt, heute noch mal neu gründen?

(überlegt lange) Warum sollte ich Bild noch mal neu gründen, wenn es Bild bereits gibt – und sich im Kontext der digitalen Revolution erfolgreich neu erfunden hat? Darauf kommt es eben an: sich den drastisch veränderten Bedingungen anzupassen. Ein Beispiel: Wenn Bild früher einen Trainerwechsel in der Bundesliga exklusiv vermeldet hat, dauerte es manchmal bis zum nächsten Tag, ehe die Konkurrenz gleichziehen konnte. Das passiert heute in Bruchteilen von Sekunden. Exklusivität ist eben nicht mehr der zeitliche Vorsprung, sondern zum Beispiel die Art und Weise, wie eine Geschichte erzählt wird. Jede Marke muss ihre eigene, sehr spezielle Art des Storytellings erfinden. Je spezifischer, desto erfolgreicher.

Skeptiker würden dem entgegnen: je wütender, desto erfolgreicher.

Nö – ich habe offensichtlich ein fröhlicheres Menschenbild als Sie und bin ein unverbesserlicher Optimist!

Teilen Sie das mit ihrem Bild-Nachfolger Julian Reichelt?

Über meine Nachfolger äußere ich mich grundsätzlich nicht.

Weil es dem Ehrenkodex der Bild widerspricht?

Nein, einem Prinzip. Ich fand‘s immer furchtbar, wenn Vorgänger über meine Arbeit geurteilt haben; wo ich draußen bin, bin ich draußen – so großen Spaß mir die 31 Jahre bei Axel Springer auch gemacht haben. Trotzdem hätte ich den Absprung schon viel früher schaffen müssen.

Warum?

16 Jahre an der Spitze eines Blattes wie Bild sind einfach zu viel; so oft können Sie sich in der gleichen Position als Chefredakteur gar nicht neu erfinden. Da kommen am Ende zwei Dinge zusammen: Auf der einen Seite eine gesunde und positive Routine, ein Team, das sich blind versteht und aufeinander verlassen kann. Auf der anderen Seite ist es genau diese Routine, die dazu führt, dass nicht mehr genügend hinterfragt wird. Am Ende haben viele in der täglichen Arbeit – gut gemeint – zu häufig nicht mehr gefragt: Was ist gut für die Marke, was ist gut für das Blatt, sondern was will Kai? Das ist der Punkt, an dem ein Chef der Marke nicht mehr nur gutgetan, dem Team nicht und auch dem Blatt nicht.

Haben Sie den Laden denn so hierarchisch geführt?

Ich hatte einen einfachen Führungsgrundsatz: in meiner Redaktion darf jeder machen was ich will. Im Ernst: Zumindest in der analogen Welt war und ist schon viel auf den Chefredakteur zugeschnitten. Besonders bei einer Zeitung wie Bild, die nicht so klare Blattstrukturen hat wie etwa die FAZ mit Wirtschafts-, Finanz-, Politikteil und dem Feuilleton. Bild ist eher wie ein Menü im Drei-Sterne-Restaurant, wo es keine getrennten Teams gibt, die unabhängig voneinander Vor-, Haupt- und Nachspeisen zubereiten, sondern einen Maitre, der am Ende für die ganze Komposition Verantwortung trägt.

Der Dreisterne-Vergleich klingt nach einer gesunden Portion Selbstbewusstsein, wenn nicht gar Eitelkeit.

Der Vergleich beschreibt vor allem die kreative Herausforderung, der man sich bei Bild jeden Tag stellen muss. Dazu kommt, dass ein so großes Blatt auch jeden Tag Krise bedeuten kann. Ein Beispiel: Wenn die Lokalredaktion in Aachen Mist gebaut hat, wurde von Kritikern von draußen nie gesagt, die Lokalredaktion Aachen habe ein Fehler gemacht, es wurde immer Bild als Ganzes vorgeführt. Da stellt sich nach so vielen Jahren an der Spitze gesunde Routine ein, wie mit solchen Situationen umzugehen ist, also Fehler zu analysieren und künftig zu vermeiden. Aus der anderen Seite erschlägt selbst die positivste Routine irgendwann die Kreativität.

Zum Beispiel?

Wir hatten mal überraschend großen Erfolg mit einer Weihnachtsausgabe, die ausschließlich gute Nachrichten enthielt. Das hat so gut funktioniert, dass wir es Jahr für Jahr wiederholt haben, dabei irgendwann aber in einer Routine erstarrt sind, die eher gelangweilt hat.

Bei Bild die Todsünde schlechthin.

In der Tat.

Aus der Leidenschaft, mit Sie von dort erzählen, könnte man glatt schlussfolgern, Sie vermissen die Bild nach drei Jahren schon wieder…

Ich habe es mit Leidenschaft gemacht und staune immer noch darüber, so lange Geld für etwas gekriegt zu haben, für das ich im Zweifelsfall sogar Geld gezahlt hätt, um es machen zu dürfen. Seit ich Schüler war, hat mir das Erzählen von Geschichten und ihre Inszenierung Freude bereitet. Meine Neugierde bei einem Blatt zum Beruf machen zu können, das tagtäglich alle Strukturen neu einreißt und dabei wirklich jede Darstellungsform erlaubt, das an jedem Ort der Erde die Augen der Leser sein will und dafür die entsprechenden Mittel zur Verfügung stellt, war demnach ein gigantisches Glück.