Hetzkampagnen & Unterleuten
Posted: March 9, 2020 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a comment
Die Gebrauchtwoche
2. – 8. März
Worte und Bilder machen Geschichte und Geschichten. Eine Binsenweisheit, gewiss. Aber in den vergangenen zehn Tagen eine höchst sehr. Während einige Tausend verängstigte Syrerinnen und Syrer vor den Toren der EU bei politisch Voreingenommenen populistische Schnappatmung auslösten, titelte etwa die FAZ vom „Supersturm“ wie 2015, während die Fotos von Bild über Welt bis Abendblatt insinuierten, es kämen keine Kriegsgeflüchteten, sondern Alice Weidels Messermänner.
Bilder und Worte des surrealsten Nebenkatastrophenschauplatzes der Woche erweckten dagegen den Anschein, das einzig wahre, echt bemitleidenswerte Diskriminierungsopfer sei derzeit ein sehr mächtiger, ziemlich weißer, ganz schön alter Milliardär aus Hoffenheim, den marodierende Horden von Linksfaschisten ins Fadenkreuz einer Hetzkampagne stellen. Wäre es der leistungsaffine DFB gewesen, der das Koordinatensystem des Sag- und Zeigbaren so vehement zugunsten der Täter verschiebt, man hätte es kopfschüttelnd zur Kenntnis genommen. Unterstützt wurde er allerdings von denen, die es besser wissen.
Meist männliche Journalisten jeder Couleur haben die Beschimpfungen von Dietmar Hopp nämlich nicht nur aus dem Kontext des Ultra-Protestes gegen Kollektivstrafen gerissen; in Ermangelung jeder Art von Berufsethos landete ihre Betroffenheitsberichterstattung von Sportschau bis Tagesthemen auch in Echtzeit auf dem Niveau saftiger Regenbogenmagazine. Jene Zeitschriften also, die ihre Promi-Märchen offenbar ähnlich konstruieren, wie es auch Joko & Klaas tun. Nach Recherchen der Panorama-Abteilung STRG_F haben sie vorgeblich reale Protagonisten mehrerer Sendungen mit Laiendarstellern besetzt.
Würden RTLzwei oder der Bauer-Verlag ihr Publikum so verachten, es wäre keiner Rede wert. Hier allerdings sind es zwei honorige Haltungskomiker, denen Wahrhaftigkeit angeblich weniger wichtig ist als Wirkung. Damit begeben sie sich aufs sehr dünne Eis eines Florian Silbereisen, der ausnahmsweise mal die Frischwoche einleitet. In einem Anflug von Empathie hat der Showpragmatiker schließlich eine Liebesschlagersause am Samstag im Ersten abgesagt. Der Grund, klar: Corona.
Die Frischwoche
9. – 15. März
Wäre es nicht so lächerlich, man müsste laut lachen. Das aber bleibt dann doch eher den Zuschauern von Andere Eltern vorbehalten, deren Fortsetzung den Wahnsinn echter Helikopter-Eltern ab Dienstag auf TNT wieder großartig persifliert. Abgesehen von der 2. Staffel Masked Singer ab morgen auf Pro7, ist der breite Rest empfehlenswerter Formate hingegen relativ spaßbefreit. Allen voran Unterleuten. Nach Juli Zehs gleichnamigem Bestseller wird das fiktive Brandenburger Dorf Montag, Mittwoch, Donnerstag um 20.15 Uhr zum Schauplatz einer Geschichte, die sprachlos macht.
Denn am Beispiel eines Windparks, der alte und neue Wunden öffnet, symbolisieren gleich 17 tragende Sprechrollen die Gräben unserer Gesellschaft – und das ist trotz einiger Längen und Klischees einfach herausragend. Was auch für den ARD-Mittwochsfilm Südpol gilt, in dem der ausdrucksstark stille Jürgen Maurer einen Wiener Desperado spielt, der sein miserables Leben mit einer Entführung aufbessern will, ohne zu wissen, wohin die Reise dabei geht.
Die Krimi-Reihe The Bay ist dagegen am Freitag ab 22 Uhr auf Neo eigentlich eher konventionell geraten. Doch weil britisches Fernsehen die Fähigkeit besitzt, Atmosphäre selten mit Alarmismus zu verwechseln und Sound mit Getöse, gerät die Suche einer involvierten Ermittlerin nach zwei Geschwistern sechs Teile am Stück ohne Effekthascherei authentisch. Das hätte man am Sonntag auch der Pro7-Eigenproduktion 9 Tage wach gewünscht, und ehrlich – das Soap-Gewächs Jannik Schürmann gibt sich auch ersichtlich Mühe, den Meth-Head im Suchtexzess glaubhaft zu verkörpern. Trotzdem bleibt da dieses privatfernsehtypische Hyperventilieren, das manchmal nur noch erschöpft.
Dabei kann Hyperventilation brillant sein wie in Tarantinos Wiederholung der Woche. Sein westlicher Eastern Kill Bill konnte 2003 noch so viele Gliedmaßen durch die Gegend splattern – es blieb auch inhaltlich konsistent. Ganz ohne Kunstblut eindrücklich war Alain Delons schwankender Profikiller im Film Noir Der eiskalte Engel (Montag, 20.15 Uhr, Arte) von 1967 – schon, weil in den ersten elf Minuten kein Wort gewechselt wird. Der Tatort ist dann aber doch wieder redselig: Der Traum von der Au (Dienstag, 20.15 Uhr, BR) ein bayerischer Gentrifikationskrimi von 2007.
Kai Diekmann: Bild-Chef & Startupper, 1. Teil
Posted: March 5, 2020 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a comment
Es gibt kein Recht auf Überleben
Als Chefredakteur hatte Kai Diekmann die Bild einst wieder zum Kampfblatt des Erregungsbürgertums gemacht, später die Tageszeitungssparte im Springer-Konzern verantwortet, jetzt leitet er ein hippes Berater-Startup in Berlin. 1. Teil des großen Interviews mit einem Macher der Medienbranche über Populismus und Wutbürgertum, Journalismus und Wirtschaftlichkeit.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Herr Diekmann, wenn Sie da vom vergleichsweise kleinen Berliner Startup aus die aktuelle Medienlandschaft betrachten – tun Sie das dann mit Stolz oder Schrecken?
Kai Diekmann: Kleine Berliner Startup? Sie meinen Story Machine! Das sind inzwischen über 70 großartige Kollegen, die den Paradigmenwechsel in der Medien- und Kommunikationsbranche perfekt verinnerlicht und mit sehr viel Spaß in ein überaus spannendes und profitables Geschäftsmodell verwandelt haben. Aber was meinen Sie mit „Stolz oder Schrecken“?
Weil die Bild unter Ihrer Führung sowohl eine Vorreiterrolle im Bereich der Digitalisierung eingenommen als auch durch fortwährende Polarisierung ihren Teil zur Verrohung der kommunikativen Sitten beigetragen hat.
Fangen wir mit ersterem an. Den Strukturwandel zur Digitalisierung, die am Ende ein Stück weit Entmaterialisierung ist, hat abgesehen von Spiegel Online tatsächlich Bild früher als alle anderen derart zielstrebig vorgenommen. Was ist in unserer Branche denn eigentlich passiert? Zunächst hat die Digitalisierung dem Geschäftsmodell „Zeitung“ beide Beine weggeschlagen. Mit diesem kleinen Gerät hier [zeigt sein Smartphone], ist uns zunächst das Trägermedium Papier abhanden gekommen, mit Social Media [breitet die Arme aus] auch noch die Gatekeeper-Funktion. Die große Frage ist: Wie gelingt es traditionellen Medienmarken, im digitalen Zeitalter ein tragfähiges, journalistisches Geschäftsmodell zu entwickeln?
Und Ihre Antwort?
Den Medien im Ganzen sicher nicht, was ein Stück weit frustrierend ist. Denn wir sind ja gar nicht mal die ersten gewesen, die der digitale Strukturwandel erwischt hat. Vom Niedergang der Musik auf Tonträgern hätte die Branche durchaus gewarnt sein können, aber ausgerechnet wir Journalisten, die für das Neue eigentlich Sensoren, vor allem aber echtes Interesse haben müssten und ja mit großer Leidenschaft den Strukturwandel in anderen Branchen anmahnen, haben diese Revolution bestenfalls übersehen, schlimmstenfalls ignoriert. Und nicht nur das – viele tun sich bis heute schwer damit.
Wen meinen Sie da genau?
Viele regionale Zeitungsverlage, wo das bedruckte Papier immer noch höher gewichtet wird als das Netz. Oder das Fernsehen. Wissen Sie, wer der meistgesehene Sender 2019 war?
Vermutlich das ZDF.
Und wie hoch lag der Zuschaueranteil unter 20?
Im Promillebereich.
Bei 0,8 Prozent. Und selbst bei Unsern unter 30 liegt der Wert von ARD und ZDF nur deshalb ein paar Prozentpunkte höher, weil so viel Fußball gezeigt wird. Dafür bin ich mit meinen vier Kindern das beste Beispiel. Seit es bei uns zuhause Netflix und Apple-TV gibt, ist lineares Programm nicht nur weniger geworden, sondern tot. Die Vorstellung, zu einer bestimmten Tageszeit am Fernseher zu sitzen, ist für Millenials ähnlich absurd, wie eine Tageszeitung am Kiosk zu kaufen oder mit der Postkutsche zu reisen. Da hat sich die Bild schon sehr früh völlig neu erfunden.
Und dabei allein unter Ihrer Ägide zwei Drittel an Auflage eingebüßt.
Aber eben digital mehr als nur kompensiert. Wir können da gern noch mal das Thema Schallplatte vertiefen. Tatsache ist: Bild hat sich früher als andere auf die Suche nach ihrer Rolle in der neuen Welt begeben und neue Kunden, aber auch Ertragsmöglichkeiten ausgelotet. Das ist in manch anderen Redaktionen bis heute nicht der Fall: Es gibt offenbar zu viele in meinem Alter, die meinen, für mich wird’s schon noch reichen, und das digitale Potenzial der Publizistik bis heute nicht ausreichend verinnerlicht haben. Selbst im eigenen Haus musste ich seinerzeit erleben, wie schwer es ist, vom Papier übers Internet aufs Smartphone zu wechseln, das es ja auch schon wieder fast 13 Jahre gibt.
Sie argumentieren jetzt stark von der Form her, statt vom Inhalt, der zunächst mal ja nur anders verbreitet wird als zuvor…
Nein, nein, nein – so einfach ist es auch nicht. Es ist schon etwas völlig anderes, ob ich ausgesuchte Informationen auf einen Redaktionsschluss hin für den nächsten Tag verarbeite oder in Echtzeit aufs gesamte Weltgeschehen reagiere; das ist nicht nur eine Frage des Verbreitungsmediums, sondern des Journalismus insgesamt. Denn der lässt sich nicht mehr in Bild, Wort, Text, Video unterteilen, sondern muss oft alles in einem sein. Zu begreifen, nicht bloß ein Medium, sondern ein Markenversprechen zu sein, fällt vielen bis heute schwer.
Womit wir von der Form beim Inhalt, also der Kommunikation wären, die den gleichen Wandel durchmacht – und zwar auch dank der Bild, deren Auflage parallel zum massiven Anstieg der Presseratsrügen gesunken ist, keinesfalls zum Guten…
Ich gehe jetzt einfach mal davon aus, dass Sie intelligent genug sind, diesen Stuss nicht wirklich selbst zu glauben. Es gab ja zum Beispiel immer wieder jede Menge politisch motivierter Beschwerden im Zusammenhang mit der Bild-Berichterstattung über ausländische Straftäter. Dafür, dass sie wahrheitsgemäß die Herkunft von Straftätern benannte, hat ihr der Presserat regelmäßig Rügen erteilt. Welch eine unsinnige Haltung, Herkunft nicht zu benennen, wenn sie im Zusammenhang mit einer Tat offensichtlich eine Rolle spielt!
Wenn sie es denn tut!
Das ist schon vor Jahren meine Haltung gewesen, inzwischen wird sie von immer mehr Kollegen – auch im Presserat – geteilt. Die Unterschlagung der Nationalitäten überführter Straftäter im Sinne einer irgendwie angenommenen politischen Korrektheit bildet fast logischerweise den Nährboden von Verschwörungstheorien, die journalistisch nur schwer in den Griff zu kriegen sind. Deshalb war es mir stets wichtig, Fakten zu benennen, sobald sie bekannt sind.
Oder gegebenenfalls zu unterschlagen, wie etwa im Fall des vermeintlichen Bolzenschneiderfotos von Jürgen Trittin.
Bei genauerer Durchsicht des Archivs hätten Sie feststellen können, dass wir vor 19 Jahren bei der Foto-Beschriftung einen Fehler gemacht haben – einen richtig dummen Fehler, aber eben keine gewollte Unterschlagung von Fakten. Und wissen Sie, ich wurde in meiner Zeit bei Bild stets von beiden Seiten angefeindet – aus der rechten Ecke zum Beispiel für unsere Refugees-Welcome-Kampagne, aus der linken für die Forderung, auf deutschen Schulhöfen müsse auch deutsch gesprochen werden. Dinge klar anzusprechen sorgt immer für Gegenwind.
Aber machen Sie nicht den Bock zum Gärtner, für Verschwörungstheorien des Rechtspopulismus ausgerechnet jene Journalisten verantwortlich zu machen, die dessen Maßstäbe etwa bezüglich der Herkunft von Straftätern anders als die Bild ablehnen?
Ist es nicht Giovanni di Lorenzo gewesen, der sehr selbstkritische Worte gefunden hat, was die zu unkritische Haltung vieler Medien etwa in Fragen der Flüchtlingspolitik angeht. Was die Haltung von Bild zur AfD angeht: In meiner Zeit haben wir ihr zu keinem Zeitpunkt eine Bühne geboten. Ich bin stolz darauf, dass Olaf Henkel…
Zu Bernd Luckes Zeit eines der neoliberalen Aushängeschilder der AfD.
… mir in seiner Biografie ein ganzes Kapitel gewidmet hat, was für ein Blödmann ich sei. Das Problem mit Populisten sind ja die Populisten, nicht ihre Themen, die häufig durchaus ihre Berechtigung haben. Erst weil sie – Stichwort Integrationsfähigkeit vieler Flüchtlinge – von den Medien nicht ausreichend formuliert worden sind, konnten sie zu verschwörungstheorieanfälliger Größe anwachsen.
Die Bild und Sie tragen also keinerlei Verantwortung an der radikalen Verrohung gesellschaftlicher Diskurse?
Im Gegenteil, Bild hat über Jahre einen großen Teil dieser Debatte publizistisch aufgefangen und ausgehalten. Im Übrigen ist eine solch radikale Zäsur in der Kommunikation nicht neu: Als der Buchdruck erfunden wurde, haben sich die ersten Flugschriften vor allem gegen das politische und geistliche Establishment gerichtet. Warum? Weil es bis dahin für die überwältigende Mehrheit der Menschen keine Möglichkeiten gab, sich öffentlich zu artikulieren. Das war vorm Durchbruch von Social Media im Grunde ähnlich. Bis dahin hatten Meinungen jenseits des Mainstreams ebenfalls keine Plattform. Man kann das aus journalistischer Sicht bedauern; weil sich das Internet ebenso wie der Buchdruck nicht mehr rückgängig machen lässt, muss man damit jedoch vor allem umgehen.
Und wie?
Anders als die ersten Flugblätter vor gut 500 Jahren, verbreitet sich ein Post heute in Echtzeit um den Globus und stößt dabei auf völlig verschiedene Wertesysteme. In den USA steht das Recht auf freie Meinungsäußerung an erster Stelle der Verfassung, in Deutschland aus gutem Grund weit nach der Würde des Menschen an fünfter. Wie kriegt man es also auf eine Plattform wie Facebook, dass die Leugnung des Holocaust in den USA legal ist, bei uns hingegen ein Straftatbestand? Ganz ehrlich – auf gesellschaftspolitische Fragen wie diese habe ich keine Antwort.
Worauf Sie als ehemaliger Chef der Bild und heutiger der Social-Media-Agentur Story Machine allerdings eine Antwort haben sollten, wenn nicht gar müssten, ist die Frage, wie wieder das zu den Menschen vordringt, was besonders wahrhaftig ist, nicht besonders laut.
Ach, was wahrhaftig ist, ist ja auch immer subjektiv.
Nehmen wir das objektive Ethos von Persönlichkeitsrechten über die Unschuldsvermutung bis hin zur Sorgfaltspflicht, die allesamt im Pressekodex verankert sind.
Sehen Sie, wir sind Zeitzeugen eines technologischen Paradigmenwechsels, den es nie zuvor gegeben hat. Die Digitalisierung schafft ja nicht nur eine neue Kommunikation, sondern mehr noch als alle Aspekte der Industrialisierung zusammen eine völlig neue, vollständig virtuelle Welt, in der Zeit und Raum keine Rolle mehr spielen. Für ihren legendären Satz, das Internet sei Neuland, ist Angela Merkel ausgelacht worden.
Und als weltfremd beschimpft.
Dabei hatte sie Recht! Denn wir wissen erst zu einem Bruchteil, wie man sich in dieser digitalen Welt bewegt. Wie in der Neuzeit, als die Menschen lernen mussten, einigermaßen selbstbestimmt durchs Leben zu gehen, entstehen heute rasend schnell neue Kommunikationsmöglichkeiten, die ebenso schnell wieder verschwinden können. Während Facebook bei manchen an Attraktivität verliert, wachsen Instagram und LinkedIn in den Himmel. Beides Portale übrigens, in denen Hatespeech weit weniger stattfindet. Solche Plattformen zu nutzen und fördern, ist daher auch Aufgabe verantwortungsbewusster Journalisten. Was wir aber definitiv nicht können, ist den Menschen zu verändern, denn der ist, wie er ist. Ich möchte eine aufgeklärte Gesellschaft, aber keine, die den Leuten vorschreibt, was sie zu denken haben.
Trauern Sie dem Journalisten früherer Tage, der das Weltgeschehen möglichst gewissenhaft vorsortiert hat, in denen Absender und Empfänger von Informationen also voneinander getrennt waren, nicht dennoch ein wenig nach?
Ich bin keiner, der trauert. Tatsache ist: Wir haben hierzulande in einer weltweit einzigartigen Medienlandschaft mit starkem öffentlich-rechtlichem Rundfunk und einer publizistischen Vielfalt gelebt, die selbst Kleinstädte mit zwei konkurrierenden Tageszeitungen versorgt hat. Deren Aufgabe als Gate-Keeper und Agenda-Setter, das Gespräch der Gesellschaft über sich selbst im Hinblick darauf zu organisieren, wie alle miteinander leben wollen, hat sich in einer Welt, wo die Inhalte der Kommunikation algorithmisch gesteuert werden, nun mal verändert.
Aus Ihrer Sicht offenbar nicht zum Schlechteren.
Weil es in der digitalen Welt immer weniger gelingt, gemeinsame Themen medial zu setzen, führt das gesellschaftspolitisch schon zu einer dramatischen Herausforderung für alle. Aber ehrlich: auch früher schon haben die Leute doch eine Vorauswahl getroffen, weshalb niemand Süddeutsche oder FAZ von vorne bis hinten gelesen hat. Nur war die eben sehr individuell. Im News-Feed dagegen finde nicht ich die Information, die Information findet mich und suggeriert mir damit, was relevant ist und was nicht.
Aus journalistischer Sicht wäre das dann nachfrage-, statt angebotsorientierter Inhalt.
Ja, aber die Plattformen arbeiten daran herauszufinden, was der User wirklich will. Und ich bin gar nicht so pessimistisch, dass am Ende jene erfolgreich sind, die es seriös machen.
Woher beziehen Sie diesen Optimismus?
Aus einem Mangel an Technologieskepsis. In der Vergangenheit haben sich meistens nur solche Innovationen durchgesetzt, die den Menschen das Leben erleichtert haben. Vor 500 Jahren hat die Mehrzahl der Menschen in der Landwirtschaft gearbeitet, konnte nicht lesen oder schreiben und ist mit 30 gestorben. Heute haben wir fließend Wasser und Strom und können innerhalb von 10 Stunden die Kontinente wechseln. Das hat sich doch einiges zum Positiven verändert…
In China sogar gerade in Echtzeit.
Auf der ganzen Welt sterben längst mehr Menschen an Fettsucht und Suizid als Hunger und Krieg. Deshalb müssen wir uns als Journalisten ständig vor Augen halten: nicht das technische Gerät ist böse, sondern die Menschen, die es missbrauchen. Nehmen Sie den Volksempfänger, das Radio: jahrzehntelang ein wunderbares Unterhaltungs- und Informationsmedium, zwölf Jahre lang Vehikel des Untergangs.
Dieser Text ist zuvor im Medienmagazin journalist erschienen. Zweiter Teil am nächsten Donnerstag
Dietmar Hopp: Männermacht & Sexismus
Posted: March 3, 2020 | Author: Jan Freitag | Filed under: 3 mittwochsporträt | Leave a comment
Schwule, Fotzen, Dietmar Hopp
In der Empörung über die vermeintliche Diskriminierung des mächtigen Milliardärs Dietmar Hopp zeigt sich die Verlogenheit des Toleranzgeschwafels von DFB und Medien. Ergebnis: Beleidigungen sind nicht so schlimm, solange sie Farbige, Frauen, Homosexuelle betreffen, keine reichen weißen Männer.
Von Jan Freitag
Eine Schweigeminute, das fehlt jetzt eigentlich noch. Einen Moment kollektiven Innehaltens für Dietmar Hopp. Dietmar Hopp, den Geschmähten, Dietmar Hopp, die Hassfigur, Dietmar Hopp, das Diffamierungsopfer. Es steht außer Frage, wie verabscheuungswürdig es ist, Menschen gleich welcher Herkunft, Denkweise, Lebensart ins Fadenkreuz zu stellen, also zum Abschuss freizugeben. Konsens besteht wohl auch darüber, dass der Verrohung öffentlicher Diskurse – ob im Messenger oder Stadion – gemeinsam entgegengewirkt werden muss. Beleidigungen, wie sie der Erfinder des Bundesligisten TSG Hoffenheim erfährt, sind nicht nur stupide, sie sind auch populistisch, ignorant und äußerst riskant.
Aber diskriminierend?
Diesen Eindruck haben Berichte von der Sportschau übers sportstudio bis zu den Tagesthemen erweckt, als sie am Wochenende übers Spiel des FC Bayern in Sinsheim berichtet haben, das wegen unflätiger Transparente der Auswärtsfans kurz vorm Abbruch stand. Dietmar Hopp, nur zur Erinnerung, ist einer der mächtigsten Männer Deutschlands. Sein Computerkonzern SAP hat ihn zum Milliardär gemacht, der es sich leisten kann, einen Amateurclub mit Abermillionen aus der Portokasse in die Champions League zu kaufen. Dank seines Geschlechts, seiner Hautfarbe, seinem Status kann er also durchaus beleidigt werden kann, diskriminiert hingegen nicht. Denn dafür bedarf es die Zugehörigkeit zu einer sozial geächteten, mithin existenzgefährdeten Gruppe. Schön wär’s, wenn damit mal die Kaste der Superreichen gemeint wäre…
Die Empörung über geschmacklose Kritik, der er sich zuletzt in den Kurven selbsternannter Lordsiegelbewahrer sportlicher Traditionen von Dortmund über Köln bis Berlin ausgesetzt sah, mag demnach aufrichtig sein; angemessen ist sie nicht. Und dafür muss man noch nicht mal der Frage nachgehen, warum es eigentlich despektierlich sein soll, ein „Hurensohn“, also das Kind einer Prostituierten zu sein; entscheidender ist die Frage nach Maß und Mitte der journalistischen, also gesellschaftlichen Haltung.
Denn während rassistische Anfeindungen nach jahrzehntelanger Duldung sehr, sehr langsam verurteilt werden, regt sich über sexistische oder homophobe Schmähungen noch immer kein bürgerliches Gewissen. Wer sich die DFB-Seite nach verhängten Strafen wegen Fehlverhaltens des Publikums ansieht, findet unter Stichworten wie Rauchbombe oder Pyrotechnik zwar Hunderte von Urteilen; sobald es Beleidigungen wegen Geschlecht, Sexualität oder Herkunft geht, purzelt die Zahl in den niedrigen einstelligen Bereich.
Als Dresdner Fans weibliche des FC St. Pauli unlängst per Transparent als „Fotzen“ bezeichnete, blieb es bis auf eine Anfangsermittlung folgenlos. Auch ein Banner im Stuttgarter Block mit der Aufschrift „Geizige Schwaben ficken eure Mütter zu fairen Preisen!“ ließ den Schiedsrichter an gleicher Stelle Anfang Februar offenbar so kalt wie den DFB. In derselben Sportschau jedenfalls, die sich nun zu Recht über die Herabwürdigung von Dietmar Hopp echauffierte, fanden solch misogynen Auswüchse zu Unrecht keine Erwähnung.
Dass sich der DFB-Präsident wegen homophober Sprechchöre, die unverdrossen durch deutsche Arenen gebrüllt werden, ins aktuelle sportstudio einfliegen lässt, scheint da vorerst undenkbar. Wer seine undifferenzierten Worte dort hörte, muss darüber indes wohl ganz froh sein. Die Feststellung jedenfalls, wer Hopp diffamiere, sei kein Fußballfan, geht ähnlich am Kern der Sache vorbei wie die Bemerkung, Hopp habe für sein Vermögen schwer gearbeitet. Dass er überdies sozial eingestellt und überhaupt „ein feiner Kerl“, hat schlichtweg nichts mit dem Fall zu tun.
In dem nämlich protestieren Ultras diverser Couleur gegen ein DFB-Urteil, das Borussia Dortmund entgegen anderslautender Bekundungen eine Kollektivstrafe für Attacken auf Dietmar Hopp verpasste. Das vielfach geäußerte „Hurensohn“ plus Fadenkreuz wiederholte dabei bewusst den Tatbestand von damals. Einerseits. Andererseits steht die Kritik an seiner Person stellvertretend für eine Kommerzialisierung, die es Menschen wie ihm erlaubt, unterklassige Clubs mit der Kraft willkürlich gestreuter Millionen erstklassig zu pampern und damit den Wettbewerb zu verzerren.
Kein Wunder, dass es im Leipziger Stadion am Sonntag keinerlei Proteste gegen den Gönner gab. Wunderlich ist es hingegen, dass im ARD-Beitrag von der Partie gelobt wurde, wie vorbildlich tolerant sich das Heimpublikum verhalten habe. Das ignoriert die Tatsache, dass RB Leipzig selbst ein Retortenclub von Milliardärs Gnaden ist. Auch hier stellt sich also die Frage, warum Journalist*inn*en aller Medien ihrer Sorgfaltspflicht so wenig nachgekommen.
Genauer: warum Katrin Müller-Hohenstein im sportstudio beim DFB-Präsidenten mit keiner Silbe auf Ursache und Wirkung hingewiesen, warum Alexander Bommes in der Sportschau weder von Kollektivstrafen noch Kommerzialisierung berichtet, warum ein Sport1-Reporter tags drauf bei der Zusammenfassung des Zweitligaspiels Bochum gegen Sandhausen allen Ernstes ein Transparent im Heimblock verurteilt, ohne – wie er offen zugab – den Text darauf zu kennen, warum – in einem Satz – professionelle Berichterstatter derart ihr Handwerk verachten?
Dahinter, so scheint es, steckt eine Agenda, die sportlichen Erfolg ungeachtet aller sozialen, kulturellen, humanistischen Belange so überhöht, dass sämtlich Medien nur noch vom tollen Fußball sprechen, wenn RB Leipzig (aber auch der zusehends machiavellistisch herrschende FC Bayern) spielt, statt zu thematisieren, wie brutal dieser Erfolg zu Lasten sportlich gewachsener Vereine durchgeprügelt wurde. Diese Agenda muss nicht ausgehandelt werden, sie ist selbsterhaltend, ein Perpetuum Mobile der Marktwirtschaft. Sinnbildlich dafür steht die Gesprächsendung Sky90, in der Patrick Wasserziehr am Sonntag mit drei Männern und einer Frau diskutierte, die meist nur dekorativ nickte – bis sie den Fall Hopp unwidersprochen in den Kontext von Halle und Hanau stellte.
Doch anstatt ihr in die populistische Parade zu fahren, überbot sie der Moderator noch an geistiger Schlichtheit, indem er von Nazis-raus-Rufen faselte, die es bei gleicher Gelegenheit in Münster gegeben habe. Immerhin konnte ihm der besonnene Gladbacher Max Eberl darauf hinweisen, dies sei in der 3. Liga geschehen. Nach einem rassistischen Vorfall. Egal, mag sich der Journalist da gedacht haben: Schwule, Ausländer, Weibsvolk, Dietmar Hopp – werden doch alle gleichermaßen diskriminiert…
Guido Merz & Thea Dorn
Posted: March 2, 2020 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a comment
Die Gebrauchtwoche
24. Februar – 1. März
Die Bundespressekonferenz ist selten ein Ort aufrichtiger, geschweige denn ehrlicher Aussagen. Vor den Augen mehr oder minder aufmerksamer Journalist(inn)en wechselt sich PR-Geschwurbel mit Polit-Sprech ab, bis alle kollektiv eingenickt sind. So geht es Mittag für Mittag, Jahr für Jahr. Von daher muss man dem neoliberalen Rechtsaußen Friedrich Merz fast danken, dass er die rechtsextremen Morde von Halle bis Hanau dort am Dienstag, nein, nicht mit Rassismus oder Antisemitismus, sondern Clans und Grenzkontrollen erklärt hat.
Damit befindet sich der Ehevergewaltigungsverteidiger – der für den frisch verurteilten Harvey Weinstein vermutlich wärmstes Verständnis aufbringt – in guter Gesellschaft von Guido Cantz. Als der am vorigen Montag den Kölner Karneval im WDR moderierte, war er schließlich schwer irritiert, dass dort nur die rechtsextremen Morde von Halle bis Hanau persifliert wurden. Schlimmer seien schließlich die linksextremen in, äh, wann und wo waren die alle noch mal gleich seit dem Mauerfall? Egal. Einer wie Cantz will es sich halt nicht mit dem erzkonservativen Publikum seiner Humptataa-Witze verscherzen.
Da bleibt kein Auge trocken.
Was übrigens ebenfalls für die zwei Hauptdarstellerinnen der Wochen des Männerwahnsinns gilt, auch wenn sie augenscheinlich nichts gemeinsam haben: Miss Clinton und Mutter Beimer. Erstere eroberte mit Tränen der Rührung die Berlinale, als sie mit großem Aplomb die Filmbiografie Hilary zur One-Woman-Show machte. Um letztere werden derzeit dagegen Tränen der Trauer vergossen, weil einerseits nicht klar ist, ob sie einen Hausbrand in der Lindenstraße überlebt, die andererseits unwiderruflich todgeweiht ist. Bleiben wir beim weiblichen, also immer noch strukturell benachteiligten, aber zügig aufstrebenden Teil der Medienlandschaft.
Die Frischwoche
2. – 8. März
Am Freitag beerbt die raumgreifende Großintellektuelle Thea Dorn die etwas weniger raumgreifenden Christine Westermann und Volker Weidermann im Literarischen Quartett (23 Uhr, ZDF). Morgen skizziere Antje Christ und Dorothe Dörholt um 20.15 Uhr in der Arte-Doku Bloß keine Tochter, wie sich Asiens frauenfeindliche Mehrheitsgesellschaft einen absolut toxischen Männerüberschuss schafft. Und heute schon wird Noomie Rapace in der düsteren Zukunftsvision Was geschah am Montag? (22.15 Uhr, ZDF) versiebenfacht, wenn sie und ihre sechs Zwillingsschwestern gegen die restriktive Geburtenkontrolle einer autokratischen Neo-EU von übermorgen rebelliert.
Trotz Topbesetzung (Willem Defoe, Glenn Close) ist das allerdings doch recht krude Effekthascherei und damit dramaturgisch nicht allzu weit entfernt von der deutschen SyFy-Serie Spides. Acht Teile lang ist der englischsprachige Mix aus Alien-Invasion und Drogen-Drama zwar durchaus hochwertig inszeniert; trotz bemerkenswerter Besetzung verliert es sich allerdings dauernd in oberflächlichen Berlin- und Cop-Klischees. Spannend ist das ab heute auf Sky aber schon irgendwie, wenn der GoT-Star Rosabell Laurenti Sellers in einer Doppelrolle gegen insektenartige Invasoren from outta space kämpft.
Noch ein frauenlastiges Format im männerlastigen Fernsehzirkus. Weshalb wir jetzt doch mal kurz einem richtig echten Kerl die Ehre erweisen: Jenke von Wilmsdorff. Im Jenke-Experiment stellt der einsatzfreudige Grenzgänger von RTL heute Abend die Frage Wie viel Fleisch muss sein? Und auch, besser: gerade, weil die Konfrontationsreportage volle 90 Minuten lang vorwiegend aufdringlich produziert wurde, erreicht sie damit mehr Wechselesser als jedes ZEIT-Dossier. Noch etwas Testosteron gefällig?
Die erste Wiederholung der Woche lizenztötet sich Donnerstag bei Vox in Ein Quantum Trost vom neuen 007 (Daniel Craig) anno 2008 zum ersten (Sean Connery), der 46 Jahre zuvor Dr. No jagte. Mann kann das gut fünf Stunden lang als Quervergleich männlicher Herrschaftsriten angucken. Frau kann es aber auch lassen und heute um 20.15 Uhr auf Arte Simone Signoret und Véra Clouzot dabei beobachten, wie Die Teuflischen 1954 ihren Ehemann und Geliebten mit mystischen Folgen um die Ecke gebracht haben. Und mangels Alternativen bietet sich als Tatort-Tipp Der treue Roy (Dienstag, 22 Uhr, NDR) mit Tschirner/Ulmen von 2016 an.
Chapelier Fou, Nova Twins, Peter Piek
Posted: February 28, 2020 | Author: Jan Freitag | Filed under: 5 freitagsmusik | Leave a comment
Chapelier Fou
Im Zeitalter künstlicher Intelligenzen wirkt es fast konservativ, digitale Musik analog zu unterfüttern. Wer seinen Sound vorwiegend synthetisch kreiert, kann das schließlich auch mit klassischem Instrumentarium. Kann. Konjunktiv. Denn im Indikativ gewinnt die haptisch unterfütterte Elektronica von Chapelier Fou jene Wärme, jene Tiefe, jene Brillanz, die ihn von vielen seiner Koleg*inn*en unterscheidet und gleichsam ein Megatrend des Genres ist.
Mithilfe eines halben Orchesters von Mandoline übers Cello bis hin zur guten alten Gitarre, modeliert der verrückte Kapellmeisters aus Frankreich einen Sound, der trotz einer wahren Flut drumbegleiterter DJs seinesgleichen sucht. Auf der fünften Platte Mériediens vermengt der 36-Jährige somit technoide Klassik mit orientaliasch angehauchtem Synthpop zu einem Noisefolk, der übers Gehirn die Seele berührt und dort hängenbleibt. Wie ein Liebesrausch auf Drogen.
Chapelier Fou – Méridiens (Ici,d’ailleurs)
Nova Twins
So ganz ohne Umweg durchs Gemüt macht sich der brachiale Electropunk von Nova Twins am gesträubten Nackenhaar vorbei auf den Weg in die Magengrube und räumt darin mal kräftig auf. Wenn das Debütalbum des Londoner Duos im Titel Who Are The Girls? fragt, geben sie die Antwort zehn Stücke lang eindeutig jenseits aller Harmonielehren und -bedürfnisse. Denn Georgia South und Amy Love sind jene Mädchen, die uns die Nüchternheit aus dem Gehirn blasen.
Mit Bass und Gitarre machen die beiden nachdrücklich zertrümmert von namenlosen Drums eine Art Noiserap, der irgendwo zwischen The Prodigy oder Skunk Anansie lärmt und dabei herumbrüllt wie HipHop im Technokellerclub. Das Energetische daran besteht allerdings nicht allein im Sägewerk wütender Akkorde; es ist Amy Loves dissonanter Gesang, der mal apokalyptisch, mal engelsgleich die analogen Breakbeats zerschreddert. Das Album der Woche für die Laune des Jahres: mies, aber kraftvoll.
Nova Twins – Who Are The Girls? (Fever 333’s)
Peter Piek
Weniger Gitarre ist mehr – was bei den Nova Twins nicht mal die Pausen zwischen den Tracks korrekt umschriebe, ist bei Peter Piek seit neuesten Programm. Auf den ersten vier Platten nämlich standen die vielschichtigen Riffs des Leipziger Alleinunterhalters aus der Popdiaspora Chemnitz klar im Vordergrund seiner avantgardistischen Electronica. Nummer fünf dagegen nutzt sie allenfalls noch zur Randbespaßung eines Sounds, der wie üblich fern aller Eingängigkeitskriterien aus dem Synthesizer quillt.
Der Produktionslegende nach begibt sich The Time Travelling dabei auf eine Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn von Moskau bis Peking, was man glauben mag oder nicht. Glaubhaft ist wie zuvor die Atmosphäre unbedingter Bewegungsfreude, mit der sich Piek durch die Landstriche des künstlichen Mashups wühlt. Während die Singleauskopplung Summer Holiday fast schon westcoasfolkig ihr Handtuch am Urlaubsstrand drapiert, erinnert 1989 zuvor mit halligem Gesang und Wave-Elementen an den Fempunk der Neunziger. Alles nicht neu, alles schick anzuhören.
Peter Piek – The Time Travelling (What We Call)
Jürgen von der Lippe: Smalltalker & Feierbiest
Posted: February 27, 2020 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a comment
Ich bin xenologophil
Wenn Jürgen von der Lippe mit seiner WDR-Talkshow Nicht dein Ernst! sonntags über Alltägliches plaudert, kehrt der 71-Jährige nicht auf die Bühne zurück – er war nie fort davon. Ein Gespräch über Partymäuse, Altersmilde, Ehrenpreise und was er als Offizier für die Bühne gelernt hat.
Von Jan Freitag
Herr von der Lippe, wenn Sie nicht zufällig der Gastgeber ihrer Auftaktsendung zum Thema Party wären – würden Sie sich selber als Gast einladen?
Jürgen von der Lippe: Klar. Ich würde mich zwar nicht mehr als Partymaus bezeichnen, hatte wie die meisten aber solche Phasen. Und das gilt ja scheinbar auch für Frank Plasberg, der hat da einiges zu erzählen.
Wobei einem sein Name nicht zwingend als erstes einfallen würde, wenn man sich in einer Talkshow übers Feiern unterhalten möchte.
Mag sein, aber wir mussten auch nichts aus ihm rauskitzeln. Meine Einstiegsfrage an ihn als Moderator verschiedenster Fernsehformate, der zudem in mehreren Filmen mitgespielt hat und laut Wikipedia bisher mit acht Preisen ausgezeichnet wurde, lautete: welches Völkchen feiert die besten Partys?
Oh, ist mir gar nicht aufgefallen.
Weil es dem Schnitt zum Opfer gefallen ist. Aufzeichnungen dauern ja stets viel länger als die geplante Sendung. Dennoch zeigt sich, dass jeder zu fast allem was zu sagen hat. Das muss gar nicht so naheliegend sein wie bei Elena Uhlig, wo beide zusammen auf sieben Kinder kommen und die man dann natürlich zu dem Thema einlädt. Wobei das Interessante an Nicht dein Ernst! ist, dass sowohl Sabine und ich als auch der jeweilige Gast manchmal persönliche Erfahrungen offenbaren, die man noch nie gehört hat.
In diesem Fall Dinge von großer Leichtigkeit. Ist das alltägliche Plaudern auch ein Statement gegen die Härte politischer Talkshows?
Ich persönlich empfinde das in der Tat als angenehm. Wobei Themen wie Geld oder Partnerschaft alltäglich, aber keinesfalls belanglos sind. Es geht meist um Probleme, die die meisten von uns betreffen, manchmal auch um heikle. Das unterscheidet sich aber wohltuend von der allgemeinen Hysterie um uns herum. Ich zitiere da gern Max Goldt: wenn die Kritik an den Zuständen nerviger wird als die Zustände, muss man aufpassen, also Ruhe bewahren.
Für Ruhe sind Sie selbst ein gutes Beispiel. Können Sie eigentlich auch richtig laut sein?
Kann ich schon, bringt aber nichts. Und das ist einer der wenigen Vorteile des Alters, die Altersmilde, die, wie ich in meinem aktuellen Bühnenprogramm erkläre, ein hormonelles Geschehen ist: das Kämpferbenzin, das Testosteron wird weniger, das Östrogen mehr, leider nur bei Männern, bei Frauen ist es umgekehrt. Vom Rumbrüllen hatte ich schließlich schon bei der Bundeswehr genug.
Weil Sie dort so angeschnauzt wurden?
Zunächst ja. Aber meine einzig abgeschlossene Berufsausbildung ist die zum Offizier; da habe ich auch gelernt, andere anzuschnauzen. Hierarchie ist natürlich in einer solchen Organisationsform notwendig, aber als junger Leutnant und stellvertretender Kompaniechef lässt man dann schon mal die Sau raus, einfach weil man es kann und das ist Scheiße.
War es andererseits eine gute Übung für die Bühne, Menschen nach der eigenen Pfeife tanzen zu lassen?
Das nicht, aber ich habe es nur meinem schauspielerischen Talent zu verdanken, dass ich die ganzen Lehrgänge überhaupt bestanden habe. Schließlich war ich nicht beim Bund, weil ich so ein begeisterter Militarist bin, aber Wehrdienstverweigerung kam für mich nicht in Frage, weil ich den pazifistischen Standpunkt nicht sinnvoll finde: Es hat noch nie einen Aggressor abgehalten, dass jemand sich nicht verteidigen kann, warum sollte ihn also die Tatsache abhalten, dass jemand sich nicht verteidigen will.
Außerdem?
Hatte ich keine Lust, meine Eltern vor Gericht zu schleppen, um feststellen zu lassen, wie viel Bafög ich kriege. Deshalb war die recht hohe Abfindung, die man als Zeitsoldat bekam, natürlich ein Anreiz, zumal man mir in Aussicht stellte, beim PSK-Sendebataillon in Andernach eine Journalistenausbildung zu bekommen, was aber, wie sich später herausstellte, eine Fehlinformation war. Also habe ich die drei Jahre abgeleistet, war aber wirklich keine Traumbesetzung. Egal, lange her.
So wie Ihr Start ins Unterhaltungsgeschäft. Wenn man wie Sie bereits mit Ende 50 die ersten Preise fürs Lebenswerk erhält fühlt man sich da geehrt oder doch bloß alt?
Eher alt! Und es klang für mich wie eine Aufforderung, nun aber bitte endlich aufzuhören. Ich hatte also den Produzenten ersucht, es bei „Ehrenpreis“ zu belassen und das Wort „Lebenswerk“ zu vermeiden. Das hatte man mir auch versprochen, es aber Dieter Nuhr, der die Laudatio hielt, nicht gesagt. Also war ich sauer und habe Dieter angemeckert, der daraufhin, völlig zu Recht, auch sauer wurde. Meine Empfindlichkeit hat sich aber gelegt, als ich im Jahr drauf den zweiten Grimme-Preis erhielt und Hape Kerkeling, der ja noch jünger ist, zugleich den für sein Lebenswerk und bei der Dankesrede meinte, super, da kann ich ab jetzt ja Scheiße bauen. Diese Haltung habe ich mir zueigen gemacht.
Fühlen Sie sich demnach befreit, seit Ihr Alter jederzeit den Ruhestand erlaubt?
Nö. Ich fiebere keinem Pensionsdatum entgegen, sondern mache weiter, so lange mein Körper, das Gehirn und die Zuschauer mitspielen. Schließlich habe ich den für mich schönsten Beruf der Welt gewählt, was ich als großes Privileg empfinde.
Haben Sie sich auch deshalb so lange gehalten, weil das Publikum glaubt, es hätte nicht Jürgen von der Lippe, sondern den echten Hans-Jürgen Huber-Dohrenkamp vor sich?
Keine Ahnung, de facto schlüpfe ich aber ständig in andere Rollen, bin mal Autor, Komiker, Leser, Schauspieler, Moderator. Gerade erst habe ich auf Einladung der Uni Düsseldorf im Audimax einen Vortrag über den Einfluss der alten Sprachen auf meine Comedy gehalten. Hat Riesenspaß gemacht.
Sie sind aber kein Philologe?
Kein studierter. Aber in der Schule hatte ich sieben Jahre Griechisch und neun Jahre Latein. Seitdem bin ich xenologophil, habe also eine Schwäche für Fremdwörter.
Was zeichnet Sie noch aus?
Dass ich privat lieber zuhöre als rede. Nur wer ständig mit ausgefahrenen Antennen durchs Leben geht, kriegt genug Stoff für die Bühne. Überall gibt es Comedy-Material, im Cafe, im Zugabteil, beim Sport, beim Einkaufen, im Hotel und und und.
Ihr Hawaii-Hemd ist also auch eher Maskerade als Kleidungsstil?
Reines Bühnenoutfit – ich muss nicht auch noch privat so auf mich aufmerksam machen.
Schwarze Titelseiten & realistische Teenies
Posted: February 24, 2020 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a comment
Die Gebrauchtwoche
17. – 23. Februar
Es war schon bemerkenswert, wie kollektiv die Gegenreaktion der gesamten Zivilgesellschaft nach dem faschistischen Anschlag von Hanau war, wie kollektiv ihn aber auch nahezu sämtliche Medien ohne AfD-affine Belegschaft in vielfach bedächtiger Deutlichkeit verurteilt haben. Da blieben ganze Titelseiten schwarz, da ließen Kommentare bis in konservative Redaktionen hinein Null Zweifel an der rassistischen Gesinnung des Attentäters, da herrschte also endlich mal Einigkeit im Umgang mit den Feinden der Demokratie.
Selbst Friedrich Merz schaffte es, sein Ego kurz zu zügeln und forderte, die „Hintergründe dieses rechtsextremen Anschlags müssen jetzt schonungslos aufgeklärt werden“. Natürlich forderte er das auf Twitter. Traditionelle Medien hält der neoliberale Ehevergewaltigungsverteidiger schließlich für überflüssig – so schien es zumindest, als er meinte, Journalisten nicht mehr zu brauchen, was von denen viele sicher ein bisschen bewusst als Ablehnung des Journalismus generell fehlinterpretiert haben.
Merz bezog das allerdings unverkennbar auf politische Meinungsträger selbst, für die soziale Medien in der Tat praktischer sind. Schließlich muss man sich darin nicht mit Lästigkeiten wie Recherche, Fakten, Pluralismus plagen – alles Dinge, die dem Vereinfachungsfuror des Kapitalpopulisten Merz nicht so liegen. Ihm reicht daher ein Sender wie ProSieben, der sich zwar anlassbezogen – nach rechtsextremistischen Anschlägen zum Beispiel – gewissenhaft geben mag, dann aber wieder so ignorant ist, dass die Merzens der Welt fast grün daherkommen.
In seiner neuen Show Alle gegen einen, eine Art LED-Gewitterversion des Familienduells mit Werner Schulze-Erdel, verloste der Plastikkanal am Samstag zum Beispiel ein fossile Dreckschleudern namens Land Rover Evoque, die den Umweltschutz ebenso verachten wie jedes Produkt der episch langen Werbepausen. Damit zeigt er abermals, wie menschverachtend privates TV-Entertainment ist, wenn es nicht gerade Nachhaltigkeit simuliert. Und wie reaktionär, wenn der Moderator praktisch permanent frauenfeindliche Witze macht und zwischendurch wie ein Zehntklässler Alkoholismus im Karneval feiert. Der hat uns übrigens mit einer sensationell kämpferischen Büttenrede des Mainzer Obermessdieners positiv überrascht, in der Andreas Schmitt die AfD unter stehenden Ovationen des kostümierten Publikums zurief: “Ihr werdet uns nie regieren!”. Angesichts des knappen, aber wiederholten Einzugs der nationalsozialistischen Wiedergänger in Hamburg kann man dazu nur sagen: Amen!
Die Frischwoche
24. Februar – 1. März
Trotz der rebellischen Worte vom Freitag, ist es aber keine allzu schlimme Nachricht, dass die ARD heute womöglich nix zu übertragen hat, wenn die Rosenmontagsumzüge sturmbedingt ausfallen. Ein Schicksal, dass der Berlinale nicht droht, wenn 3sat Samstag um 19 Uhr die Verleihung der Bären überträgt, aber gut – Vergleich hinkt. Statthafter ist derjenige deutschen Fiktion zur englischsprachigen. Denn mit I Am Not Okay With This schafft Netflix am Mittwoch so herausragende Coming-of-Age-Unterhaltung in Serie, dass selbst der Mystery-Anteil dieser Geschichte um eine Außenseiterin, die auf Adrenalin Superkräfte entwickelt, realistisch wirkt.
Realistisch will die SyFy-Serie Pandora ab heute nicht sein – geht es darin ab heute auf Sky doch um eine Schar bildschöner Space-Student*inn*en, die im Jahr 2199 die intergalaktische Zivilisation retten. Leider ist der 13-Teiler nach Ansicht des ersten Viertels von solcher Dämlichkeit, dass Raumschiff Enterprise verglichen damit zur Wissenschaftsdoku wird. Ebenfalls abseits der Realität spielt die deutsche Krimiserie Dunkelstadt (Mittwoch, 20.15 Uhr, Neo) mit Alina Levshin als Privatdetektivin Doro Decker die dechs Dolgen dang din deinen decht düsteren Dordfall derwickelt dird. Dann doch lieber Blind ermittelt tags drauf im Ersten.
Nach dem Verlust seines Augenlichts hat es Philipp Hochmair im 2. Fall Die verlorenen Seelen von Wien mit einer Entführung im eigenen Umfeld zu tun hat, was nicht nur dank des Schmähs echt sehenswert ist. Kleine Überraschung am Sonntag im ZDF (Freitag bei Arte) ist die verblüffend vielschichtige Highschool-Komödie Der Sommer nach dem Abitur über drei Schulfreunde um Bastian Pastewka, die sich 25 Jahre später einen einst verpatzten Traum erfüllen – und damit ganz bitterböse ins Chaos stürzen. Vor den Wiederholungen der Woche noch ein Doku-Tipp: Ozeanriesen (Donnerstag, 20.15 Uhr, Arte), ein Zweiteiler am Stück über den fortschrittsbesoffenen Gigantismus des frühen 20. Jahrhunderts.
Aus dieser Epoche stammt auch der schwarzweiße Klassiker Das Wachsfigurenkabinett (Montag, 23.25 Uhr, Arte), wo Puppen wie Jack the Ripper 1924 lebendig werden. 1968 entstand Butch Cassidy and the Sundance Kid (Sonntag, 20.15 Uhr, Arte) mit Paul Newman und Robert Redford als Eisenbahnräuber. Der Alt-Tatort heißt Kollaps und zeigt Kommissar Faber (Jörg Hartmann) am Donnerstag (20.15 Uhr, WDR) im Dortmunder Drogenmilieu.
Fußballtore & neue Päpste
Posted: February 17, 2020 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen | Leave a comment
Die Gebrauchtwoche
10. – 16. Februar
Wer einst Fußballfan von, sagen wir: Arminia Bielefeld oder Waldhof Mannheim war, musste selbst dann damit rechnen, sein Team praktisch niemals live zu sehen, wenn es ausnahmsweise mal erstklassig war. Bis in die 1990er Jahre zeigte die Sportschau nämlich nur Ausschnitte dreier Partien pro Spieltag, während es von den sechs anderen das Ergebnis ohne Torabfolge oder sonstige Details gab. Dortmund-Köln 1:1 – und damit geben wir ab zur Tagesschau. Das sollte sich kurz in Erinnerung rufen, wer beklagt, dass die Vergabe der Übertragungsrechte auf vier, fünf, wenn nicht gar 25 Anbieter verteilt werden und sowohl ARD als auch Sky, also die Platzhirsche des Fußballs, leer ausgehen könnten.
Der totale Vermarktungsoverkill hat die Herzensangelegenheit Fußball ohnehin längst zur kopfgesteuerten Geschäftsidee verkommen lassen. Wäre Joseph Vilsmaier nicht vorigen Dienstag buchstäblich bei der Arbeit gestorben, vielleicht hätte ihn das Erste ja irgendwann mal mit einem melancholischen Rückblick auf jene Zeit beauftragt, in der Sport noch einfach Sport war. Eine Zeit, in der auch folgende drei Verstorbene in spe noch eine Zukunft hatten: Die BBC, das Fernsehballett und der Blackberry.
Erstere will Boris Johnson in seiner rückgratlosen Pluralismus-Verachtung demnächst zum Abo-Modell umwandeln und damit dem Tode weihen. Zweiteres darf Ende 2020 nicht mehr wie die 30 Jahre zuvor durch alle MDR-Shows tanzen. Letzterer wird ab August nicht mehr hergestellt, womit nicht nur der mobile Internetzugang vorm Smartphone, sondern auch das Statussymbol der Upper-Class – 2013 noch satte 80 Milliarden Dollar wert – endgültig Geschichte ist. Doch während man weder dem Tastentelefon noch ein paar Hupfdohlen vom Dienst lange nachzutrauern braucht, würde das Ende der BBC das der Demokratie beschleunigen.
Die Frischwoche
16. – 23. Februar
Ohne gebührenfinanziertes, also ausschließlich von Clicks und Quoten generiertes Fernsehen, gäbe es statt Journalismus nämlich irgendwann nur noch Entertainment, ergo ulkige Infotainment-Karikaturen à la Galileo, aber gewiss keine seriösen Dokus mehr wie Mord im Konsulat, mit der Arte morgen um 20.15 Uhr den arabischen Staatsmord am regimekritischen Reporter Kashoggi rekonstruiert. Und auch die heutige Geheimmission Tel Aviv (23.30 Uhr, ARD) über ein denkwürdiges Fußballspiel von Borussia Mönchengladbach in Israel vor 50 Jahren fände wohl weder Finanziers noch Zuschauer. Obwohl – für den Umweg ins Seichte braucht es hierzulande keinen Boris Brexit.
Während das Erste die Primetime übermorgen volle zwei Stunden für Düsseldorf Helau freiräumt, tags drauf Kölle Alaaf im Zweiten läuft und Mainz dort Freitag wie immer Mainz bleibt, verbannt der WDR zwei bemerkenswerte Dokus über die fünfte Jahreszeit im Dritten Reich (Karneval mit Haltung und Heil Hitler und Alaaf!) ins Mittwochnachtprogramm ab 23.25 Uhr. Was weiterhin ziehen könnte, sind dagegen Überwältigungsdreiteiler wie Unsere Erde aus dem All, der heute Abend im Ersten geigenumflort zu Ende geht. Und für den Rest? Gibt es Streamingdienste mit ihren schier unendlichen Mitteln.
Sky zum Beispiel zeigt morgen die wunderbare Coming-of-best-Ager-Serie Work in Progress von und mit der amerikanischen Impro-Komödiantin Abby McEnany, die sich als lebensmüde LGBTQ-Ikone achtmal ein wenig selber spielt. An gleicher Stelle wird Donnerstag die hinreißende Pop-Papst-Persiflage The Young Pope mit John Malkovich als The New Pope fortgesetzt. Und (kauft nicht bei) Amazon Prime hat sich Al Pacino als einer jener Hunters gekauft, die tags drauf bildgewaltig Nazis im Jahr 1977 jagen – theoretisch also auch ein paar jener Wehrmachtsverbrecher der Schlacht von Dunkirk, die Christopher Nolan Sonntag um 20.15 Uhr denkwürdig in Szene setzt. Natürlich versetzt durch ein Fünftel Werbung, sonst wäre die Ausstrahlung von Pro7 nicht bezahlbar.
Ach ja – was noch ginge, sind Wiederholungen der Woche wie Kehraus (Samstag, 20.15 Uhr, BR), Gerhard Polts bitterböse Gesellschaftsstudie am Beispiel des Münchner Faschings von 1983, als das Kabarett noch wirklich groß war. 24 Stunden später zeigt Arte dann Dustin Hoffman als Rain Man von 1988, als Hollywood noch wirklich groß war. Und schon heute läuft an gleicher Stelle John Fords Kavallerie-Legende Rio Grande mit dem Rassisten John Wayne, als Helden noch wirklich groß waren. Dazu passt Roger Cormans Drama Weißer Terror mit William Shatner als rassistischer Südstaaten-Politiker der Fünfziger im Anschluss.
Messer, Sons, Ätna
Posted: February 14, 2020 | Author: Jan Freitag | Filed under: 5 freitagsmusik | Leave a comment
Messer
Miese Laune hat einen, besser: Dutzende Namen. Sie reichen von Dark Metal bis Gothic, von The Fall bis The XX, von Melodram bis Moll. Alles oft zu sperrig, öde, zu verkopft, um beim Hören nicht hirntot vom Grabstein zu fallen. Um aus dieser miesen Laune auch gute Musik zu machen, ist es daher ratsam, sie hübsch einzupacken, ohne sich dem hedonistischen Zwang zur guten Stimmung anzubiedern. Und das beherrscht hierzulande kaum eine Band besser als, sorry für den lustigen Reim: Messer. Seit ihrem Debütalbum vor acht Jahren schon.
Auch damals wirkte der elaborierte Schwermut des Quartetts aus Münster zwar aufrichtig ernüchtert, aber nie verzagt. Wenn Hendrik Otremba gleich zum Auftakt der vierten Platte nun haucht, “Es gibt kein Happy End” und von Wolken am Himmel singt, mag die Sonne dahinter also verborgen sein, aber nicht negiert. Denn mit schrillen NDW-Gitarren der Marke Ideal und proklamatischem Mehrfachgesang drüber, räumt No Future Days die Übellaunigkeit der untergründigen Übellaunigkeit resolut ab und macht daraus eine Art Wavefunk mit Orgelbegleitung. Das ist und bleibt die klügste Versuchung, seit es Postpunk gibt.
Messer – No Future Days (Trocadero)
Sons
Wie blendend die Laune im Kontext mieser Vibes sein kann, zeigen dagegen die Alternativerocker SONS, deren Bandname eigentlich so derart bescheuert ist, dass man den Eigensinn ihrer flächigen Klanggewitter darunter glatt vergessen könnte. Wer sich das Mackerhafte der Oberfläche allerdings kurz mal wegdenkt, erblickt im psychedelischen Noise des belgischen Männerquartetts eine Eleganz, die zwar ohne weiblichen Anteil auskommen muss, aber Null Raum für Geschlechterdebatten jeder Art lässt.
Daheim bereits vor knapp einem Jahr und nun endlich auch hierzulande erschienen, drischt Family Dinner zwar beherzt in die Saiten. Sie hängen allerdings nicht wie im Schweinrock üblich auf Eier-, sondern buchstäblich auf Herz- und Hirnhöhe. Es gibt also reichlich Adrenalin im brachial verzerrten Gitarrensound der Sons, was ihr potenzielles Publikum betrifft gewiss auch ein wenig THC, aber trotz allem kein Testosteron. Dafür ist das Psychosurfelement am Übergang zum Punkrock zu vordringlich. Und zu gut.
Sons – Familiy Dinner (Popup)
Ätna
Aus Dresden kommen bekanntlich vorwiegend Horrornachrichten. Wenn der Faschismus dort nicht gerade das nächste Ermächtigungsgesetzt vorbereitet, wird die Stadt wahlweise geflutet, verbaut oder sonstwie missbraucht. Schon deshalb ist es wichtigt, den vernunftbegabt Aufrechten vor Ort alle Aufmerksamkeit zu geben. Etwa in Gestalt des Popduos Ätna. Kurz, nachdem die spanisch-jüdische Schweizerin Inéz zum Studieren dorthin gezogen ist, hat sie nämlich das westdeutsche Landei Demian getroffen, um die lokale Partyszene mit einem kleinen Vulkanausbruch aufzumischen.
Das Ergebnis ist ein avantgardistischer Cocktail aus Synths und Drums, aufwühlendem Gesang und emanzipierten Lyrics, der stimmlich ein bisschen an M.I.A. erinnert und atmosphärisch an Atari Teenage Riot – nur sehr viel tanzbarer, strukturierter, weniger wütend. Manchmal ein wenig weltmusikalisch angehaucht, ist das Debütalbum Made by Desire demnach glaubhaft innerer Leidenschaft entsprungen, die in ihrer Vielschichtigkeit hingebungsvoll den Pop durchdekliniert, ohne beliebig zu werden. Kleiner Lichtblick aus der dunkelsten Ecke Deutschlands.
Ätna – Made by Desire (Humming Records)
Bjarne Mädel: Ernie, Schotty & ein Manager
Posted: February 13, 2020 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch | Leave a comment
Auch ein Banker hat Gefühle
Kaum ein Schauspieler hatte es schwerer als Bjarne Mädel, sich von beharrlichen Rollenklischees zu lösen. Sein Banker im ZDF-Melodram Tage des letzten Schnees zeigt: es ist ihm gelungen. Ein Interview über Mittelschichtsfiguren, Realitätsvortäuscher und wie er mal auf einen Hütchenspieler reingefallen ist.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Bjarne Mädel, sind Sie selbst schon mal reingelegt worden wie Ihre Filmfigur Markus Sellin?
Bjarne Mädel: Nicht in dem Ausmaß, aber als ich vor vielen Jahren nach Berlin gekommen bin, hab ich den Fehler gemacht, Hütchenspielern auf den Leim zu gehen. Nachdem ich denen eine Weile lang von der anderen Straßenseite aus zugesehen hatte, war ich mir so derart sicher zu gewinnen, dass ich danach 50 Mark verloren habe. Seither bin ich nicht mehr so richtig betrogen worden.
Wobei Schauspielerei selbst als kleiner Betrug gilt…
Sagt man so, ja. Ich würde allerdings eher von Realitätsvortäuschung reden.
Kriegt man als berufsbedingter Realitätsvortäuscher ein anderes Sensorium für echte Betrüger?
Nicht so sehr, wenn es um Tricksereien geht. Aber wenn mir jemand eine Stimmungslage nur vorgibt, merke ich das auch deshalb oft relativ schnell, weil ich es ebenfalls gelernt habe, Gefühle künstlich herzustellen.
Sind Sie dadurch auch privat in der Lage, anderen emotional einen Bären aufzubinden?
Nein, das sind zwei verschiedene Welten. Zumal es mir auch im Schauspiel nicht darum geht, mich zu verstellen. Meine Figuren sind mir vielfach emotional sehr nah.
Wobei Ihnen der Banker Sellin verglichen mit vielen Ihrer Charaktere seltsam fern wirkt…
Der Mensch war mir nicht fern, nur seine Arbeitswelt; da gibt’s ja auch tatsächlich überhaupt keine Berührungspunkte – was schon beim Anzug oder der Lebensweise anfängt. Beides ist allerdings nur Teil seines beruflichen Umfelds. Die Privatperson mit all ihren Problemen ist mir dann wieder gar nicht so fern. Auch ein Banker hat ja Gefühle!
Fällt es Ihnen dennoch leichter, untere Mittelschicht wie Der kleine Mann, Mord mit Aussicht oder Stromberg zu spielen?
Ich fühle mich meinem Tatortreiniger zwar irgendwie verbundener als einem leitenden Angestellten, für die Intensität des Spiels macht das aber keinen Unterschied. Die Konzentration aufs Spiel ist einfach Teil meines Berufs. Ich bin ja nicht zufällig vor der Kamera gelandet und zum Glück nicht deckungsgleich mit den Figuren, die ich spiele.
Aber trotzdem wie Schotti HSV-Fan.
Es war von Anfang an klar, dass sich Heiko Schotte als Hamburger Macho mit Goldkette für Fußball interessieren sollte. Regisseur Arne Feldhusen war damals eher für St. Pauli, ich für den HSV – aber Pauli wird ja von Axel Prahls Kommissar Thiel im Tatort als Fan schon gut am Fernseher vertreten, auch deshalb haben wir uns für den größeren Traditionsverein Hamburgs entschieden. Dass ich HSV-Fan bin, hat es mir leichter gemacht, das glaubhaft zu vertreten, aber darum geht es echt nicht.
Sondern?
Es geht darum, was für die Geschichte richtig und stimmig ist, nicht was mir privat lieber ist. Natürlich gibt es Figuren oder Lebensumstände, die einem persönlich näher sind als andere. Ich habe zuletzt etwa in Der Überläufer einen Soldaten gespielt, ohne jemals beim Bund gewesen zu sein. Ich kann mich aber natürlich dennoch in seine Not hineinversetzen, auch wenn mir der Umgang mit einer Waffe nicht so vertraut ist. Ich habe durchaus innere Widerstände gegen allzu erfolgreiche Typen, aber einfach nur weil ich es langweiliger finde, sie zu spielen, wenn sie keine Abgründe haben.
Folgt Ihre Rollenauswahl dem Bedarf, sich von Rollenklischees zu emanzipieren?
Ich habe tatsächlich eine Weile aufgepasst. Nach zehn Jahren Stromberg haben alle gesagt, guck mal, da kommt Ernie. Nach sieben Jahren Mord mit Aussicht haben alle gesagt, guck mal, da kommt Dietmar. Nach sieben Jahren Tatortreiniger haben alle gesagt, guck mal, da kommt Schotti. Das waren ja auch alles tolle Sachen, auf die ich sehr stolz bin, aber wenn ich im Theater auf die Bühne komme und jemand fängt an zu lachen, bevor ich angefangen habe zu spielen, oder schlimmer noch, ruft laut Schotti, dann nervt das nicht nur mich, sondern alle. Aber letztlich ist es nur ein Lob für eine Figur, die ich selber ja auch sehr mochte.
Mochten Sie auch diesen Film hier, oder anders gefragt: Würden Sie sich Tage des letzten Schnees auch privat ansehen?
Ja, absolut! Schon allein wegen des tollen Ensembles. Außerdem mag ich die Arbeit von Jan Costin Wagner sehr, der die Romanvorlage geschrieben hat. Er erschafft tolle Figuren, erzählt spannende Krimis, aber eben psychologisch so tiefgründig, dass der Anteil der Polizeiarbeit in den Hintergrund rückt.
Von den Romanen gibt es noch drei. Macht das den Stoff automatisch reihentauglich?
Hätte ich nichts dagegen, aber ohne zu viel zu verraten, bin ich dann ja als Protagonist definitiv raus.