Wolfgang Niedecken: Familie & Dialekt

Kölsch saved my life

Seit 40 Jahren ist Wolfgang Niedecken das gute Kölner Gewissen der deutschen Rockmusik. Auf dem Solo-Album Reinrassije Strooßenköter erzählt er uns nun seine Familiengeschichte und damit auch viel übers Land insgesamt. Ein Gespräch mit dem 66-Jährigen über die Liebe zu Köln, BAP, Gassenhauer und wie ihm sein Heimatdialekt 2011 das Leben gerettet hat.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Wolfgang Niedecken, sind es eigentlich grad gute oder schlechte Zeiten für sozialkritische Liedermacher wie Sie, wenn die Stimmung populistischer wird und nach rechts schwenkt?

Wolfgang Niedecken: Also die Platte hätte ich zu jeder Zeit machen können. Ich will niemanden krampfhaft auf irgendeinen Pfad bringen, sondern singe über Sachen, die mich umtreiben – ob sie mir nun schlaflose Nächte machen oder Glücksgefühle. Politrock war mir immer zutiefst suspekt.

Trotzdem kommentieren Sie mit Ihrer Musik gern die Verhältnisse da draußen. Freut man sich da, wenn die so radikal sind, dass es viel zu kommentieren gibt?

Darüber mache ich mir gar nicht so viele Gedanken. Mir ist nicht wichtig, ob ein Album in seine Zeit passt. Wenn es das aber dennoch tut, wie dieses hier, freut es mich. Denn das, was ich darauf tue, kann man allen, die da draußen rumkrakeelen, auch nur empfehlen: Mal innezuhalten, zurückzublicken und sich zu fragen, was tun wir hier eigentlich, um was geht es?

Und die Antwort?

In meinem Fall: Wohl dem, der einen Verbund hat, in dem er sich aufgehoben fühlt. Das kann die Nachbarschaft sein, eine Clique. Bei mir ist es jetzt die Familie – die, aus der ich komme, aber auch die, die ich selber gegründet hab. An deren Beispiel versuche ich rauszufinden, was mir im Leben wirklich wichtig ist. Familie besteht ja aus Individuen, die trotz aller Verschiedenheit miteinander klarkommen müssen; das darf sich die Gesellschaft gern zum Vorbild nehmen. Davon erzählt am Ende auch mein Album.

Dummerweise versteht man davon als Nicht-Kölner nur Bahnhof.

Wissen Sie was? Ich übersetze Ihnen mal das Titelstück, dann versteht man auch den Rest. Meine Tochter hat mir erklärt, dass Reinrassije Strooßeköter ein Oxymoron ist, also ein Begriffspaar, das sich gegenseitig ausschließt. Was man von den Kindern alles lernen kann! Reinrassige Straßenköter gibt’s ja nicht. [setzt seine Brille auf und übersetzt]

 

Der Pappkarton oben im Regal

seit Jahren unberührt, verstaubt

Erst war Margarine drin, dann eine Eisenbahn

und immer noch steht Rama drauf

 

Ohne Leiter kommt da keiner ran

Jedenfalls ist es nicht leicht

Unfallfrei die Kiste runterzuholen

Weil sie links eingerissen ist

 

Fotos mit gewelltem Rand

Und je nachdem abgeknickt, vergilbt, verblasst

Heiligabend, Camping, Karneval

Heinz und ich aufm Chlodwig-Platz

 

Vater, Mutter, Foxtrott wird getanzt

Kätie, Annelie, mit Zöpfen.

Tante Netta kannte ich nur in schwarz

Pollawiese und Severenzbrücke

 

Dieses Lied ist für meine Ahnen, meinen Stamm

Kölsche Seelen allesamt

Für meine Leute, für meine Vertrauten

Blutsverwandt

 

Für meine Familie, meinen Clan

Wir sind reinrassige Straßenköter

Und Südstadt-Adel sowieso

Und auch wenn’s keiner ausspricht –

Insgeheim steht’s fest

Dass Blut dicker als Wasser ist.

Da wird gleich zu Beginn das ganze Personal am Beispiel eines imaginären Fotoalbums vorgestellt. Ich hab ja weder väter- noch mütterlicherseits meine Großeltern je kennengelernt. Mein Opa Hermann, der Kirchenmaler, ist eine Woche vor meiner Geburt im selben Krankenhaus gestorben. Die lerne ich so erst kennen.

Hat es auch mit Ihrem Alter zu tun, dass Sie die Vergangenheit Revue passieren lassen?

Na ja, ich bin 66. Wäre ich Beamter, läge ich schon das erste Jahr mit meiner Pension in der Hängematte. Natürlich denkst du da eher mal über dein zurückliegendes Leben nach als mit 30. Ich wusste auch damals schon, dass es hinterm Horizont weitergeht, wollte aber gar nicht so genau wissen, wie es da aussieht. Aber wenn ihm wie ich jetzt so nahe kommt, macht man sich darüber eher Gedanken.

Wobei Sie kein drastisches Rock’n’Roller-Leben geführt haben oder?

Nicht mit allem Drum und Dran. Ich finde Keith Richards großartig, aber sein Leben war von meinem Lichtjahre entfernt. Wir haben natürlich schon mal mehr Party gemacht als viele in bürgerlichen Berufen, und auf Tournee wurden die Nächte schon mal feuchter, aber das ist echt ewig her.

Vor Ihrer Familiengründung?

Sagen wir: am Ende der ersten, die ja ein bisschen in die Hose gegangen ist. Also vor der zweiten mit dieser netten Dame hier [zeigt auf seine Frau, die nebenan am Computer sitzt]. Wir sind jetzt seit 30 Jahren zusammen, haben zwei erwachsene Kinder, also super.

Kommen die auch vor auf der Platte?

Natürlich, am Ende. Das Album ist ja chronologisch aufgebaut, weshalb ein Stück sogar vor meiner Geburt spielt, als meine Großeltern mit Kindern nach Gera evakuiert waren, weil Köln nach der Zerbombung auch noch der Häuserkampf drohte.

Wenn das Album einem Erzählband gleicht – ist die Musik dazu die, die Sie halt auch mit BAP schon immer machen, oder exakt auf die Texte abgestimmt?

Beides. Es ist halt die Musik, die ich mag. Ich würde ja nie etwas anderes machen als das, was ich mir beim Autofahren ins Fach schiebe und mich freue, am Leben zu sein. Da darf dann auch mal die Steel-Guitar vorkommen, Country, Americana. Sofern es nicht kitschig klingt.

Haben Sie je erwogen, anders als in Kölsch zu singen?

Es war schon vor 25 Jahren immer mal ein Streitpunkt in der Band, ob wir nicht hochdeutscher werden sollten, womöglich gar Englisch. Meine Meinung dazu war immer, dass wir uns damit das Einmalige, Unverwechselbare nähmen, nur um aus Deutschland rauszukommen. Dafür hätte ich mich verstellen müssen. Und wäre auch nicht so gut gewesen.

Entsprang die Entscheidung im Heimatidiom zu singen, damals einem Bauchgefühl oder Lokalpatriotismus?

Ach, es ist viel einfacher. Wenn du wie ich mit dieser Sprache aufgewachsen bist und auf der Volksschule erstmal Deutsch lernen musst, dann steckt das so tief drin, dass es raus will. Als ich vor sechs Jahren einen Schlaganfall hatte…

[Seine Frau ruft rein] 2. November 2011.

… hab ich meinen Schutzengel da drüben später ein Album voller Liebeslieder gewidmet. Die räumen zwar keine Spülmaschinen aus, aber so konnte ich meine Dankbarkeit am besten zeigen. Vorher aber war folgendes passiert: Ich habe in Köln noch ein paar Leute, mit denen ich gar nicht Hochdeutsch sprechen könnte, das klappt nicht. Einer davon ist der vielleicht größte Karnevalist, ohne ein Spießer zu sein. Hans Süper. Kennen Sie den?

Als Kölner würde ich sicher ja sagen.

Garantiert. Das ist die eine Hälfte vom „Colonia Duett“, immer mit Mandoline. Gibt’s leider nicht mehr. Der Hans also war total besorgt, dass ich mich vom Schlaganfall nicht mehr erholen würde. Ich hatte ja damals große Wortfindungsprobleme. Du bist klar im Kopf, aber die Sprache ist weg, furchtbar. Dann aber ruft mich der Hans in der Klinik an und meinte, „wie isset Jung, wat mässte?“ Und ich habe auf Kölsch geantwortet, als wäre nichts geschehen. Die Muttersprache ist halt tiefer eingelagert als alles andere.

Sie haben übers Kölsch wieder sprechen gelernt?

Die Reha hat schon auch geholfen, aber Kölsch saved my life.

Wo wäre Wolfgang Niedecken denn vor 40 Jahren gelandet, wenn BAP von Beginn an in einer anderen Sprache gesungen hätte?

Wir wären gar nix gewesen. Als BAP 1976 gegründet wurde, haben Leute mitgespielt, die in den Sechzigern Beat gemacht hatten. Damals war jeder in irgendeinem Dunstkreis irgendeiner Band, so wie sich heute alles über Fußball definiert. Man traf überall Kollegen, und je mehr das geschah, desto mehr wurde gejammt. Das war das erste Jahr BAP: alle zusammen ins Kalksandsteinwerk Hersel an der Autobahn Köln-Bonn, das gehörte dem Vater eines der Gitarristen. Immer wenn wir einen Kasten Bier leergeprobt hatten, sind wir in die Stammkneipe gefahren und haben weitergefeiert.

Oha.

Klingt jetzt versoffener als es war. Wir waren ja mindestens ein Dutzend Leute, das sind zwei Flaschen pro Person. Jedenfalls hatten wir damals überhaupt keinen Karriereplan. Aber als ich den ersten Song auf Kölsch mitgebracht habe, schwer auf Liebeskummer geschrieben, waren alle irgendwie begeistert. So ging’s los – und hat sich bis heute nicht wirklich geändert.

Was ist denn der grundlegende Unterschied zwischen BAP und Solo-Alben?

BAP ist die Tour-Band, aber wir hießen auch auf unseren ersten drei Alben Niedeckens BAP. Ich hätte das also auch mit denen einspielen können, der Sound wäre dann allerdings etwas anders gewesen, ohne die Americana-Elemente wahrscheinlich. Bei BAP nimmt mir niemand übel, Sachen solo zu machen. Die profitieren da immer auch von. Ich geh mit BAP auf Tour, keine Sorge.

Und spielen die alten Gassenhauer?

Ich will jedenfalls auf keinen Fall Stücke spielen, die die Leute nicht kennen. So ticke ich ja selber auch als Konzert-Zuschauer. Ich hab gerade die Stones in München gesehen, da hab ich mich zwar total gefreut, als die nach Ewigkeiten mal ein Stück wie Dancing with Mr. D gespielt haben, und Satisfaction muss ich gar nicht noch mal hören. Trotzdem sind mir die bekannten Stücke wichtig. Was außer Musik schafft es denn schon, die eigene Jugend so zurück ins Herz zu holen?

Ihre Prognose zum Schluss: Stehen Sie im Alter von Mick & Keith noch auf der Bühne?

Wenn ich mir das gesundheitlich noch schaffe, gern. Und so wahnsinnig lang ist das ja nicht mehr hin. Aber nur, weil ich jetzt im Pensionsalter bin, gucke ich mir keine Louis-Trenker-Filme an. Rock’n’Roll hat nichts mit Jugend zu tun, Rock’n’Roll ist für alle da.


Gelassenheiten & Totentänze

Die Gebrauchtwoche

30. Oktober – 5. November

Klassische Medien, das ist eine der wichtigsten Erkenntnisse einer neuen Woche mit terroristischem Ereignis, haben aus ihren Fehlern gelernt. Die Berichterstattung über den Anschlag von New York war vorwiegend angemessen, also eher nachrichtlich als reißerisch. Selbst kommerzielle News-Redaktionen von Pro7 bis in die Aufmerksamkeitsstaubsauger des Internets ordneten die Attacke da ein, wo sie hingehört: In den Alltag, zu dem ein Islamist, der wahllos Menschen aus dem Leben radiert, mittlerweile nun mal gehört wie herbstliche Sturmfluten und Donald Trumps Twitter-Exzesse. Was unbedingt berichtenswert ist, muss schließlich keinesfalls sensationslüstern aufgeblasen werden.

Die Tagesschau hat sich den üblichen Brennpunkt also verkniffen. Auch seriöse Tageszeitungen sahen von seitenlangen Analysen dessen ab, was sich zusehends von allein erklärt und überdies kaum zu verhindern ist. So blieb genügend Zeit und Muße, eine andere Art von Horror zu debattieren: Den Grusel-Tatort vom vorvergangenen Sonntag. Dramaturgisch, ästhetisch, künstlerisch war der hessische Extremfall Fürchte dich zwar ungewöhnlich mysteriös, aber alles andere als außergewöhnlich gut. Deshalb fühlte sich die ARD womöglich bemüßigt, derlei Experimente fortan streng zu limitieren.

„Grenzüberschreitende“ Produktionen sollen künftig vorab gemeldet werden, damit sich ein Desaster wie der saftig missratene Improvisationsfall Babbeldasch vom Februar nicht wiederholt und lieb gewonnene Sehgewohnheiten unangetastet bleiben. Der Reihenkoordinator Gebhard Henke vom WDR erklärte das klassische Ermittler-Szenario jedenfalls zur „DNA des Tatorts“. Es wird also auch weiterhin fleißig gefragt, wo Tatverdächtige denn vorgestern Abend gegen halb zehn gewesen sind. Für Ausbrüche bleibt also auch weiterhin vor allem Felix Murot zuständig.

Die Frischwoche

6. – 12. November

Ab heute kriegt er allerdings Unterstützung im Internet. Dort liefert Tatort-Plus sechs Kurzfilme, in denen ein biederer Pathologe mit Schnauz (Peter Trabert) im Dialog mit den Toten auf dem Seziertisch die Abgründe des Lebens erörtert. Dank Ralf Husmann (Buch und Regie) gerät Lammerts Leichen dabei allerdings nicht bloß zum digitalen Spin-off der Dresdner Kommissarinnen, sondern entwickelt in aller Kürze große Wahrhaftigkeit mit viel Aberwitz. Unbedingt mal ansehen!

So wie den aberwitzig wahrhaftigsten Film dieser Woche. In Einer nach dem anderen (Montag, 22.15 Uhr, ZDF) übt ein norwegischer Schneepflug-Pilot (Stellan Skarsgård) erstaunlich kreativ und sehr effektiv Rache an jenem Drogenclan, der seinen Sohn auf dem Gewissen hat. Irgendwie kein Wunder, dass so etwas aus Skandinavien stammt. Wobei man diesbezüglich die Kirche schon auch mal im Fjord lassen muss. Denn der schwedische Fünfteiler Springflut mag ab Sonntag im ZDF atmosphärisch so dicht sein, wie man es auf diesem Sendeplatz aus Nordeuropa kennt. Die Aufklärung eines uralten Mordes, der sich zu einer gewaltigen Verschwörung entwickelt, ist im Kern unglaublich berechenbar und damit leicht öde. Na ja, vielleicht liegt es auch daran, dass er vom ZDF koproduziert wurde…

So richtig rasend toll sind demgegenüber zwar auch die zwei Serienempfehlungen aus der Welt des Streamings nicht; sowohl White Famous als auch The Sinner stechen allerdings schon deshalb aus den Importen heraus, weil man sie gut im Original sehen kann, statt in der grauslichen Synchronisation von Springflut. Im Sky-Format geht es ab Dienstag um den schwarzen Comedian Floyd (Jay Pharoah), dessen Erfolg beim weißen Publikum ein sehr interessantes Panoptikum sämtlicher Rassismen der amerikanischen Gesellschaft entfaltet. Im Netflix-Pendent geht es zeitgleich um eine junge Mutter, die ohne ersichtlichen Grund einen Fremden ersticht, was von einem ungewöhnlich mitfühlenden Detective bearbeitet wird.

Wem all dies zu fiktional ist, der hat zwei wirklich seltsame Alternativen aus der Welt des Live-Ereignisses zur Auswahl: Am Montag zeigt Eurosport ab 18.30 Uhr die Polo-WM, bei der man sich mal nach Herzenslust über den Jet Set amüsieren darf. Und tags drauf läuft um 23.20 Uhr MTV unplugged nicht nur bei Kabel1, sondern auch noch mit einem Künstler, den man auf dieser einst lässigen Plattform wohl weniger erwartet hätte: Peter Maffay. Das Showbiz ist schon ein merkwürdiger Zirkus. Den man am besten ein paar erlesene Wiederholungen der Woche entgegensetzt: Am Montag etwa um 20.15 Uhr auf One: Christian Petzolds episches Frühwerk Die innere Sicherheit von 2000 mit Julia Hummer als Teenager-Tochter, die ausgerechnet auf der Flucht mit ihren RAF-Eltern erwachsen werden muss.

Zehn Jahre jünger, thematisch ganz woanders, ebenso gelungen: The Social Network (Mittwoch, 22.55 Uhr, Pro7) von David Fincher mit Jesse Eisenberg als Mark Zuckerberg. Bisschen älter (1966), inhaltlich noch weiter weg und mal wirklich auf unvergleichliche Art, nun ja, besonders: Die toten Augen des Dr. Dracula von Quentin Tarantinos großem Vorbild Mario Bava (Donnerstag, 23.25 Uhr, Arte). An gleicher Stelle dreht sich der schwarzweiße Hinweis um einen der größten Regisseure dieser Epoche: Sergei M. Eisenstein. Sein Durchhalteklassiker Panzerkreuzer Potemkin von 1925 läuft am Mittwoch im Anschluss an den Dokumentarfilm Die Russische Revolution und ihr Kino (21.45 Uhr). 64 Jahre älter ist der Tatort-Tipp mit Horst Schimanksi (Dienstag, 23.40 Uhr, WDR) und dem passenden Titel Der Pott.


We Are Aust, Bootsy Collins, Baxter Dury

We Are Aust

Wer hinter Masken steckt, hat gemeinhin was zu verbergen oder macht furchtbar einen auf dicke Hose. Drei Viertel der Berliner Band Aust, die vor ihren Namen offenbar kürzlich We Are gesetzt haben, um sich von ein paar Schweizer Kollegen zu unterscheiden, treten nur seltsam vermummt auf. Ob das nun mit Geheimnistuerei zu tun hat oder doch eher mit dem Drang zur Effekthascherei sei mal dahingestellt. Aber was die Hauptstadtkarnevalisten im Hintergrund der unverkleideten Sängerin Olivia Gruschczyk musikalisch veranstalten, ist zugleich mysteriös und aufdringlich, aber sehr sehr unterhaltsam. Masken hin, Masken her. Wobei schwer zu sagen ist, was genau auf dem selbstbetitelten Debütalbum eigentlich genau zu hören ist.

Im Kern ist We Are Aust waviger TripHop, der allerdings anders als im Genre üblich mit diversen, oft funkensprühenden Spielereien aufgepumpt wird, bis es fast platzt. Bläser und Grandezza, Technoflächen und Popgedaddel, viel Bass, noch mehr Synthieraunen und im grandiosen Titelstück sogar mal eine Sechzigerjahre-Hammondorgel – andauernd passiert irgendwas Unerwartetes im Downbeat. Gut, manchmal passiert sogar ein bisschen viel und das dunkle Timbre von Olivia klingt nach Shakira. Oft aber ist es einfach so angemessen überfüllt, dass We Are Aust zu einer der tanzbarsten Erscheinungen zeitgenössischen Wave-Sounds werden.

We Are Aust – We Are Aust (RAR)

Bootsy Collins

Es gibt drei Sorten Popstar, die auch im Rentenalter noch den Fummel ihrer wilden Jahre tragen dürfen, ohne dass es peinlich wird. Kompromisslose Freaks, stilsichere Nostalgiker und beider Quintessenz: Bootsy Collins. Der markenbewusste Exzentriker aus Ohio hat den Soul schließlich schon als Bassist von James Brown mit schrillem Glamour zum Funk veredelt und in seiner Formation Funkadelic sodann zum Durchdrehen gebracht. Heute ist der Plateausohlenträger mit dem Sonnenbrillentick weiter dort, wo er vor gut vier Jahrzehnten begann. Und so viril, virtuos, so hingebungsvoll irre wie er seinen Funk mit – Happy Birthday! – exakt 66 noch zubereitet, sei ihm die überdrehte Aufmachung verziehen.

Auf seiner mittlerweile zwölften Soloplatte schafft es dieser Bootsy Collins mit zwei Dutzend Kollaborateuren verschieden großer Prominenz, eine Art Glossar sämtlicher Spielarten des Word Wide Funk – so lautet der Titel – zusammenzustellen. Und da bleibt definitiv kein Auge trocken, kein Bass ungeslappt, kein Genre unkommentiert. Alles für alle und zwar auf einmal. Allein das mitreißende Hot Saucer vereint HipHop feat. Big Daddy Kane mit Zackengitarrensoli und saftigem R’n’B zu einer kleinen Zeitrafferreise durchs halbe Metier. Ein Album wie der Funk selbst – tosend, fröhlich, grell, Bootsy.

Bootsy Collins – World Wide Funk (Mascot Records)

Baxter Dury

Wenn hingegen Baxter Dury eines nicht ist, dann tosend, fröhlich, grell oder sonst irgendetwas in Richtung funky. Daran ändert auch herzlich wenig, dass er seine verstiegen schönen Cockney-Erzählungen auf der neuesten Platte erstmals in ein unverhofft orchestrales Gewand hüllt. Hatte sich der Songwriter zuvor meist mit relativ wenig Brimborium umgeben, entfaltet Prince of Tears daher manchmal fast sinfonische Wucht. Dichte Schwaden windschiefer Geigen wehen durch viele der zehn Spoken-Word-Konstrukte. Geisterhafte Orgeln umnebeln die getragene Langsamkeit. Und so geht es immer und immer weiter auf diesem erstaunlichen Album.

Ständig durchstechen flatterhafte Gitarren den Backgroundgesang von Madelaine Hart. Und wenn der Sleaford Mod Jason Williamson dem Sohn der Siebziger-Ikone Ian Dury in Almond Milk mit ein paar Brocken Entrüstung seine Referenz erweist, wird der Freakpop des 45-Jährigen  noch ein bisschen reicher an Aberwitz. Er übersättigt das Album jedoch nicht mit Selbstgefälligkeit, gar Redundanz, sondern sorgt für große Spannung mit ein bisschen Spaß. Trotz der todessehnsüchtigen Stimme lungert Baxter Dury also wieder sehr lässig zwischen den Stühlen von Post Punk und New Wave herum.

Baxter Dury – Prince of Tears (PIAS)

 


Clemens Schick: bondböse & barcelonacool

Ich liebe es radikal

Zehn Jahre schwamm Clemens Schick (Foto: ARD/Lucia Faraig) sehr sicher durchs Fahrwasser des deutschen Theaters. Dann war er Bonds Gegenspieler und alles plötzlich anders. Zur Weltkarriere reichte es zwar nicht, aber für den Barcelona-Krimi (2. November, 20.15 Uhr, ARD) allemal. Der Mittvierziger über Städtekrimis im Ersten, den katalanischen Nationalismus am Drehort und was 007 so grandios macht.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Clemens Schick, Sie sind ein politischer Künstler, der sich über seine Arbeit hinaus gesellschaftspolitisch engagiert und voriges Jahr gar in die SPD eingetreten ist. Welchen Einfluss hat das auf die Auswahl Ihrer Rollen?

Clemens Schick: Wenn Sie jetzt hören wollen, dass ich nur Filme machen will, die diesem Engagement auch inhaltlich entsprechen, muss ich Sie enttäuschen. Solange darin nicht gerade zu Gewalt, Hass oder Rassismus aufgerufen wird, mache ich, was mir Spaß macht, mich fordert oder eben Geld einbringt. Ich muss ja auch leben von dem Beruf. Deshalb drehe ich vom kleinen Debütfilm über internationale Blockbuster bis hin zum Fernsehen eigentlich alles, sofern mir die Geschichte und meine Rolle darin gefällt. Und was im Grunde an erster Stelle kommt sind die Kollegen und die Regie. Bestimmte Botschaften sind dafür nicht vonnöten.

Gibt es trotzdem welche, die den Barcelona-Krimi für Sie interessant machen?

Schon. Wir thematisieren darin zum Beispiel das, was auch meinen eigenen Wohnort Berlin zurzeit auf schmerzhafte Art prägt: diesen komplett ausufernden Massentourismus, der alles überflutet. In Barcelona kommt allerdings, wie man grad sieht, dieser grassierende Nationalismus hinzu. Dass sich eine Region wie die katalanische im 21. Jahrhundert von Spanien abspalten will, finde ich schlicht unfassbar. Denn wenn etwas im Verlauf der Geschichte zielsicher zu Krieg und anderen Katastrophen geführt hat, dann war es schließlich zum Nationalismus gesteigerte Heimatliebe. Dieses Thema kommt allerdings erst im dritten und vierten Teil zur Sprache.

Bis dahin firmiert Barcelona indes vor allem als etwas, das den ARD-Krimis auf diesem Sendeplatz häufiger mal vorgeworfen wird: vor allem ein touristisch verwertbares Postkartenambiente zu zeigen.

Finden Sie? Barcelona ist wirklich traumhaft schön. Und ich weiß da, wovon ich rede; ein Teil meiner eigenen Familie lebt dort. Anderseits zeigen wir von der Stadt ja keineswegs nur die schönen, also die Postkarten-Seiten, im Gegenteil. Es kommen auch viele der schmutzigen Ecken vor. Andererseits finde ich es überhaupt nicht verwerflich, Filme als Angebote ans Publikum zu inszenieren, etwas zu tun, das vielen im Alltag unmöglich ist: um die Welt zu reisen, andere Länder zu sehen, fremde Kulturen. Das macht Fernsehen im Übrigen ebenso wie das Kino schon immer so; auch James-Bond-Filme sind seit jeher Hochglanzprospekte der jeweiligen Drehorte.

Hat sich für Ihre Arbeit als Schauspieler eigentlich grundlegend etwas geändert, nachdem Sie im ersten Einsatz von Daniel Craig als 007 einen Bösewicht spielen durften?

Das war damals ja eine ziemlich kleine Rolle. Die Aufmerksamkeit dafür war in Deutschland zwar groß. Schauspielerisch allerdings war mein Einsatz darin schlicht zu unbedeutend, um mir international einen Namen zu machen. Trotzdem war es eine unglaubliche Erfahrung, in diesen riesigen Produktionsprozess geraten zu sein. Handwerklich geschieht dort alles, wirklich alles am oberen Limit dessen, was möglich und machbar ist. Die kriegen für jede Arbeit die allerbesten Leute der gesamten Branche weltweit. Und das spürt man nicht nur beim Drehen, sondern im Ergebnis. Man darf auch nicht vergessen, dass ich zuvor zehn Jahre fast nur Theater gemacht hatte. Diese Welt zu verlassen und plötzlich sechs Monate mit einer solchen Produktion unterwegs zu sein, war ein großes Abenteuer.

Haben sie damals Blut geleckt, mehr solcher Großproduktionen zu drehen?

Was heißt Blut geleckt – es hat in mir den Wunsch entfacht, mobiler zu werden, mich nicht mehr an einen Ort zu binden. Deshalb hab ich damals auch mein Engagement am Schauspielhaus Hannover gekündigt, so gerne ich dort gearbeitet habe. Ich wollte freier sein in meinen Entscheidungen.

Fällt es nach so einem Schnupperkurs im ganz großen Kino, den Sie da 2006 absolviert haben, nicht ein bisschen schwer, dann wieder für den kleinen deutschsprachigen Markt zu arbeiten, also sich gewissermaßen zu erden?

Überhaupt nicht. Ich habe gleich danach einen kleinen deutschen Debütfilm gemacht, verglichen mit Bond ein fast lächerliches Budget, umgesetzt von Neulingen im Fach. Aber er war mir zu dem Zeitpunkt genauso wichtig wie der Bond-Film oder so wie jetzt mein Kommissar Xavi Bonet.

Was unterscheidet den eigentlich von all den Kommissaren, die jetzt bereits im Fernsehen ermitteln?

Das kann ich nicht sagen, weil ich nicht alle Kommissare im Fernsehen kenne. Aber mir gefällt es sehr, wie ruhig und zurückhaltend, fast ein bisschen eigenbrötlerisch er ist. Außerdem finde ich seine Bisexualität spannend. Xavi Bonet ist schweigend, beobachtend aber eben auch lebenshungrig und angetrieben von einer Wut die Welt gerechter zu machen.

Haben Sie die Figur unter diesem Gesichtspunkt mitentwickelt?

Auch. Ich war schon sehr früh im Entwicklungsprozess mit eingebunden. Was ein Geschenk ist, aber auch eine Herausforderung. Fernsehen zu machen bedeutet sich mit sehr viel mehr Mitwirkenden auseinander zusetzen als beim Kino oder Theater. Solange die Kinoproduktion nicht zu groß ist. Ich liebe es radikal. Andere weniger. Da gilt es dann sich irgendwo zu treffen. Was ein absolut normaler Prozess ist.

Sie haben vor ein paar Jahren öffentlich gemacht, selber schwul zu sein. Ohne jetzt über Privates reden zu wollen…

Danke!

… glauben Sie, dass man das Thema Homosexualität durch die Präsenz massentauglicher Charaktere wie diesen Fernsehkommissar so weit normalisieren kann, dass es irgendwann keiner Erwähnung mehr wert ist?

Meine Erfahrung ist so.


Julia Jentsch: Glücksset & Das Verschwinden

Ich hab auch keine 27 Katzen

Julia Jentsch ist der unscheinbarste Superstar des deutschen Films. Seit ihrem Durchbruch in Die fetten Jahre sind vorbei vor 13 Jahren steigt die Berlinerin selten von der Bühne vor die Kamera. Falls doch, kommt dabei allerdings großes Kino wie Sophie Scholl, Hannah Arendt oder 24 Wochen heraus. Nur Fernsehen macht die 39-Jährige kaum. Was ihm dadurch entgeht, zeigte sie gerade in Andreas Schmids erster TV-Arbeit Das Verschwinden (noch in der Mediathek). Jentsch spielt darin eine Mutter, die ihre verschwundene Tochter im Drogensumpf des bayerisch-tschechischen Grenzgebiets sucht. Ein Gespräch über deprimierende Rollen, Spaß am Set und was ein Stadtmensch wie sie auf dem Land zu suchen hat.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Jentsch, haben Sie in fast 20 Jahren vor der Kamera je eine so deprimierende Filmfigur gespielt?

Julia Jentsch: In Einzelfällen schon, aber nicht auf einer Strecke von sechs Stunden Laufzeit. Die Aussicht, über so viele Drehtage eine derart emotionale Anspannung aufrechtzuerhalten, hat mir schon im Vorfeld ungeheuren Respekt eingeflößt.

Und während des Drehens?

Da arbeitet man detailliert an jeder Szene und da gibt es auch viel starke, hoffnungsvolle oder auch sehr erschöpfende Momente, die zu spielen sind. Es gibt also gar nicht diese eine lange Anspannung sondern sehr viel mehr Abwechslung. Außerdem hat die Zusammenarbeit mit dem Team viele schöne Momente hervorgebracht. Ich fühlte mich von der  positiven Grundstimmung und der Lust am Filmen selbst durch schwerste Stoffe getragen. Zumal ich viele frühere Kollegen der Münchner Kammerspiele getroffen habe und schon immer mal mit Hans-Christian Schmid arbeiten wollte, dessen Filme mich seit langem begleiten.

Wenn schon vor der Kamera nie gelacht wird, dann wenigstens daneben…

Ach, es gab auch in der Serie abgesehen von den Partys meiner Filmtochter und ihrer Freundinnen ja schon auch ein paar fröhliche Momente, etwa mit Michelles kleiner Tochter. Aber stimmt schon – die Stimmung am Set war deutlich besser als in der Handlung.

Färbt diese Tristesse des Charakters eigentlich auch mal auf die Darstellerin ab?

Überhaupt nicht. Schon, weil ich in jeder noch so traurigen Figur immer auf der Suche nach Kraft und Hoffnung bin, die das überlagern könnte.

Ist es leichter für eine Schauspielerin, aus einer traurigen Grundstimmung heraus etwas Heiteres zu spielen oder aus einer heiteren Grundstimmung etwas Trauriges?

Inwiefern meine Emotionen auf die der Rolle abfärben? Es ist meine Aufgabe, dagegen an zu arbeiten, wenn ich vor einer Szene was Blödes oder Schönes erlebt habe; auf die Rolle darf weder das eine noch das andere abfärben. Umso besser ist es, wenn ich so offen und aufnahmefähig bin, dass die Emotionen einer aufgewühlten Figur wie Michelle ebenso wenig auf mich abfärben wie umgekehrt meine auf sie.

Ist diese Frau, deren drogensüchtiges Kind spurlos verschwindet, eine reine Kunstfigur oder stecken darin auch Bezüge von Ihnen?

Es ist eine Kunstfigur, aber keine reine. Dafür ist sie zu realistisch. Als Schauspielerin interessiert mich aber grundsätzlich das andere, in diesem Fall: alleinerziehend, Altenpflegerin, Drogenumfeld; darauf habe ich schon in der Vorbereitung den Fokus gerichtet. Was dann von mir persönlich einfließt, kommt ganz automatisch.

Wenn das interessante Andere so radikal und krass ist wie in diesem Fall – denkt ein Großstadtgewächs wie Sie da, das könne ja gar nicht sein, in der heilen Provinzwelt?

Nein, das habe ich nicht gedacht, weil Kleinstädte oder Dörfer im Film so oft als radikale, krasse Lebensräume beschrieben werden und natürlich auch ihre Probleme haben. Aber in Großstädten gibt es diese Geschichten genauso.

Womöglich auch, weil Sie zurzeit selbst auf dem Land leben?

Na ja, verglichen mit Berlin mag das ländlich sein, aber es ist doch eher ein kleinstädtisches Umfeld nahe Zürich. Und ich habe auch keine 27 Katzen, wie eine Kollegin von Ihnen offenbar auf Wikipedia gelesen hat (lacht).

Ist es dennoch womöglich doch noch ein bisschen heiler als in der Großstadt?

Mein Eindruck ist, dass es dort genauso viele gebrochene und glückliche Seelen wie in Berlin.

Haben Sie trotzdem ein bisschen Frieden und Ruhe gesucht?

Als absoluter Stadtmensch und Berlin-Fan bin ich eher hineingestolpert, weil ich mich in einen Schweizer verliebt habe. Zu der Zeit war es einfach leichter für mich in die Schweiz zu ziehen als er umgekehrt er nach Deutschland. Da steckte also kein Plan hinter.

Und stört nicht weiter bei der Arbeit?

Wenn ich ein festes Theater-Engagement in Deutschland hätte, womöglich schon. So aber muss ich gegebenenfalls einfach ein bisschen weiter zu den üblichen Drehorten reisen. Es ist also höchstens ein Zeit-Faktor.

Hatten Sie vor Das Verschwinden je so viel Zeit während eines Drehs, eine Figur zu entwickeln?

Nein. Ich hatte einmal eine Serienerfahrung als Kirsten Höpfner im Kommissar Marthaler aber das waren wenige Folgen und keine so große Rolle. Hans-Christian Schmid bindet seine Darsteller mehr noch als viele andere Regisseure intensiv mit ein, um die Figuren auszugestalten – auch während des Drehens.

Führt das dazu, dass Sie dieser Rolle auch persönlich näher sind als denen zuvor?

(überlegt lange) Wie nahe mir eine Figur kommt, ist von weit mehr Faktoren als Zeit und Einfluss abhängig. Aber ich würde es so oder so eher Gewöhnung als Nähe nennen. Und die hat auch viel mit den Menschen am Set zu tun hat, mit denen ich über Monate beisammen bin. Da fiel der Abschied schwerer als sonst.

Nehmen Sie Ihre Rollen nach Drehschluss mit nach Hause oder bleiben die vor Ort?

Nach Hause nicht, ins Hotel schon mal. Wenn ich heimkehre, muss ich sofort umschalten. Das klappt aber ganz gut und bin es auch der Familie, vor allem meiner Tochter schuldig.

Wie alt ist die?

Sechs.

Obwohl sie damit viel zu jung für den Drogensumpf ist, in dem Michelles Tochter Janine landet – nehmen Sie aus dieser Serie etwas für die Erziehung Ihrer eigene Tochter mit, um sie vor solch einem Schicksal zu bewahren?

Die Verantwortung, welche Auswirkungen das eigene Verhalten und Handeln auf mein Kind haben, war mir schon vorher bewusst. Gerade in dem Alter saugen die ja alles von den Eltern auf und spiegeln einem ständig das eigene Verhalten. Das wird einem durch solch einen Film – in dem ja auch alle Eltern nur das Beste für ihre Kinder wollen und dennoch überhaupt nicht erreichen – aber schon nochmals bewusster. Was in der Serie zum Beispiel allen Eltern klar wird, ist der Irrglaube, man könne seinem Kind irgendetwas Gravierendes verheimlichen.

Am Ende fällt einem jedes Geheimnis auf die Füße.

Jedes! Was in der Erziehung wirklich zählt, sind Offenheit und Kommunikation. Das war mir auch vor diesem Film schon klar, aber er hat mich noch mal neu dafür sensibilisiert.


Seltsame Sachen & viermal Luther

Die Gebrauchtwoche

23. – 29. Oktober

Der Tatort, kaum zu glauben, expandiert. Nicht nur, dass die ARD-Reihe einen Großteil der positiven Kritik auf sich zieht; jetzt wächst er auch noch vom Fernsehen übers Radio ins Internet hinein, wo das Dresdner Team demnächst ein pathologisches Online-Spin-Off erhält. Star der kleinen Web-Serie ist der Gerichtsmediziner ist Falko Lammert (Peter Trabner). Und dass sein psychoaktives Wandeln zwischen Dies- und Jenseits in sechs fünfminütigen Folgen witzig wird, dafür sorgt ab 6. November allein schon der Autor: Ralf Husmann, bekannt durch Film, Funk und Stromberg.

Bekannt durch Film, Serie und Dokumentation von Stromlinie bis Weltniveau ist mittlerweile Netflix. Der Streamingdienst beweist der linearen Konkurrenz mit der zweiten Staffel von Stranger Things ja gerade, dass Fortsetzungen sogar noch besser sein können als Anfänge. Und um das auch weiterhin finanzieren zu können, nimmt er weitere 1,6 Milliarden Euro Schulden auf, die – Achtung, Platzhirsche! – vor allem ins Programm, statt die Pensionskasse fließen. Und während Netflix längst erwägt, mit all dem Geld auch News anzubieten, verbannt sie Facebook aus dem regulären Feed. Zumindest probeweise, in Ländern wie Bolivien und Kambodscha. Um mal zu sehen, ist aus dem Valley zu hören, ob dem Publikum Freundschaftsposts und Werbung nicht dicke ausreichen.

So arbeitet der Medienmonopolist fleißig am Ziel, die Aufmerksamkeit der Menschen so zu perforieren, bis alles Entertainment geworden und Kommunikation den Fake News zusehends hilflos ausgeliefert ist. Woran allerdings auch seriöse Anbieter gehörigen Anteil haben. Als Klaas Heufer-Umlauf Philipp Welte kürzlich auf dem Podium der Münchner Medientage fragte, ob er wegen seiner „Erfahrungen mit der Yellow Press einen Wettbewerbsvorteil beim Thema alternative Fakten“ habe, da reagierte der Burda-Chef so patzig, („Sie kommen vom Fernsehen, Sie kennen sich mit Journalismus nicht so gut aus“), dass klar war: Der Pro7-Frechdachs hat verdammt recht.

Die Frischwoche

30. Oktober – 6. November

Was Fernsehen abseits ernst gemeinter Nachrichtenredaktionen mit Journalismus zu tun hat, wäre allerdings wirklich mal einer Debatte wert. Ist zum Beispiel der aktuelle ZDF-Schwerpunkt zum 500. Geburtstag der Reformation Unterhaltung, Information, beides? Allein vier historisierende Fiktionen legen jedenfalls den Fokus schwer auf Historytainment. Gleich vier Schauspieler schlüpfen ab heute ins Gewand von Martin Luther: Maximilian Brückner als eifernder Überzeugungstäter im 160-minütigen Drama Zwischen Himmel und Hölle (Montag, 20.15 Uhr, ZDF), Martin Knizka 24 Stunden später an selber Stelle als süßer Klassenkämpfer im Dokudrama Das Luther-Tribunal, parallel auf 3sat Devid Striesow als feister PR-Stratege in Katharina Luther, außerdem Joseph Fiennes als sexy Glaubensgrübler aus dem Jahr 2003 (ARD, 23.45 Uhr).

Es wird natürlich generell viel geluthert dieser Tage, doch das Herz des Gedenkens ist fiktionaler Natur. Womit hier nochmals auf das Beste verwiesen sei, was diese Art des Zeitvertreibs gerade zu bieten hat: Hans-Christian Schmids Vierteiler Das Verschwinden, dessen zwei Abschlussfolgen heute und morgen zur seltsamen Sendezeit um 21.45 Uhr im Ersten laufen und hoffentlich die 3,66 Millionen Zuschauer vom Auftakt halten. Mindestens. Ebenso lieblos programmiert ist Wim Wenders vielfach prämiertes Filmporträt des Fotografie-Genies Sebastiao Salgado von 2014. Die ARD zeigt Das Salz der Erde am Mittwoch, 22.45 Uhr.

Und David C. Diaz‘ hervorragendes Regiedebüt Agonie um zwei völlig verschiedene Tatverdächtige eines Frauenmordes, muss sich heute Nacht mit der Geisterstunde abfinden. Dafür räumt das Erste jede Primetime frei, um den 186. Abstecher eines deutschen Ermittlers an touristisch verwertbare Drehorte zu feiern. Ab Donnerstag ist der Gelegenheitsweltstar Clemens Schick als Exilkommissar Xavi Bonet im Barcelona-Krimi auf Mörderjagd. Das ist zwar nicht halb so berechnend wie viele der anderen Auslandseinsätze unter Eingeborenen mit fließend deutschem Idiom zwischen Adios, Signore und Yamas, aber doch ein ziemlich stereotyp.

Im Kern ist das auch der Tatort mit Maria Furtwängler. Ihr 25. Einsatz, Der Fall Holdt genannt, weicht jedoch sehr vom ohnehin oft höherklassigen Plot ihrer niedersächsischen Kommissarin ab. Unfreiwillig passend zur #MeToo-Debatte kriegt Charlotte Lindholm es darin mit einem Fall männlicher Gewalt zu tun und dreht im Bann dieser Erfahrung 90 Minuten zusehends durch. Ein hervorragender Jubiläumsfilm. Der er es spielend mit zwei älteren Ausgaben der Reihe aufnehmen kann, die jeweils im WDR die Wiederholungen der Woche einleiten: Grenzgänger von 1981 mit dem damals noch taufrischen Horst Schimanski an der Seit von Günther Maria Halmer als enttarnter V-Mann (Dienstag, 22.10 Uhr). Und zwei Tage später Ulrich Tukurs legendäres Fernsehtheater Im Schmerz geboren von 2014 (20.15 Uhr).

Dahinter braucht sich Steven Spielbergs Frühwerkt Das Duell (Montag, 20.15 Uhr Arte) von 1971, in dem ein Durchschnittsamerikaner von einem Trucker über menschenleere Highways gejagt wird, nicht zu verstecken. Überraschend war 2003 auch ein Film, mit dem sowohl Jim Carrey als auch Kate Winslet gezeigt haben, dass sie mehr als Grimasse und Romanze können: Vergiss mein nicht (Dienstag, 20.15 Uhr, Servus), die ergreifendste, traurigste, aber auch schönste Lovestory ihrer Zeit.


Hans-Chr. Schmid: Verschwinden & Kino-TV

… wenn man es anständig nutzt

Mit Filmen von Nach fünf im Urwald über Requiem und 23 bis hin zu Was bleibt hat sich Hans-Christian Schmidt (Foto: picture alliance) zu einem der Regie-Stars im Land gemacht. Nur das Fernsehen war ihm stets zu begrenzt. Jetzt aber hat er es doch ausprobiert – und mit dem ARD-Vierteiler Das Verschwinden (Teil 2-4 von Sonntag bis Dienstag, 21.45 Uhr) mal eben das Beste erschaffen, was dieses Medium in deutscher Sprache je hervorgebracht hat. Ein Gespräch über Kino am Bildschirm, die Drogenszene seiner bayerischen Heimat und ob er als Jugendlicher von dort fliehen wollte.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Schmid, haben Sie Julie Jentsch einen kleinen Schrein gebaut, vor dem Sie abends darum beten, der Herr möge mehr solcher Schauspielerinnen vom Himmel regnen lassen?

Hans-Christian Schmid: Genau so, mit Foto und Rosenkranz. Nee, ernsthaft – Julia ist wirklich toll in dieser Rolle. Aber interessanterweise wurde erst im Verlaufe der Arbeit deutlich, wie sehr sie in ihre Figur hineinwächst. Denn die kommt ja keineswegs nur von mir und dem Drehbuch, sondern ebenso sehr aus ihr selbst heraus.

Macht es Das Verschwinden zu einem Julia-Jentsch-Film?

Sie ist die Hauptfigur der Geschichte, ihr Motor, das emotionale Zentrum, keine Frage. Zugleich aber ist ihre Rolle anfangs gar nicht so dankbar. Seine Tochter zu suchen und immer die gleichen Fragen zu stellen – da gibt es echt spannenderes Spielmaterial. Was im zweiten Teil zwischen den Esslingers Sebastian Blomberg, Nina Kunzendorf und Johanna Ingelfinger abgeht ist daher viel dramatischer. Trotz ihrer permanenten Interaktion mit aller Welt fehlt Julias Michelle nämlich das Gegenüber. Sie agiert oft allein, hat aber sechs Stunden Zeit, daraus etwas zu formen. Und wird im Verlaufe der acht Folgen immer mehr zur Hauptfigur.

Wobei es noch eine andere, ebenso zentrale gibt, oder?

Welche denn?

Den Drehort, dieses diffuse, keinesfalls idyllische Ostbayern am Rande Tschechiens.

Das haben Sie gut beobachtet. Im Kino, wo ich herkomme, spielt die Umgebung dank der großen Leinwand eine ungleich größere Rolle als am kleinen Bildschirm. Umso mehr haben wir uns bemüht, das Gefühl für den Ort des Geschehens ins Fernsehen zu holen.

In diesem Fall eine seltsam düstere Provinz, die nichts mit dem gängiger Fernsehbild davon gemein hat.

Dabei ist sie aber dennoch vielschichtig. Man versucht beim Schreiben zwar nicht alles genau so auszuzirkeln, dass die gesamte Breite der Gesellschaft vorkommt. Aber es entsteht automatisch ein Bewusstsein dafür, Differenz zu erzeugen. Und dafür habe ich gemeinsam mit Bernd Lange vom ersten Treatment bis zur letzten Fassung permanent am Inhalt gefeilt.

Wie zum Beispiel?

Eine Figur wie Laura Wagner kam ursprünglich erst im vierten Teil und ohne Verwandtschaft vor. Jetzt ist sie von Anfang an mitsamt ihrer Familie präsent. Aber nicht, weil da die spießige Vorstadtsippe noch gefehlt hätte, sondern weil es die Figur voranbringt. Sie holt sich von mir, was sie braucht, nicht umgekehrt. Gleiches gilt für den Drehort, also die Provinz. Auch in der gibt es von total runtergerockt bis blitzeblank alles, aber nichts davon erstarrt zum Konzept.

Sie stammen ja selbst aus einer Ecke von Bayern, die dieser nicht unähnlich ist. Rechnet die trostlose Darstellung dieser Gegend auch ein wenig mit Ihrer Vergangenheit ab?

Abrechnen, ich weiß nicht… Da gab es in Was bleibt und Requiem oder auch 23 sicher mehr Bezüge zu meiner Biografie. Andererseits hilft es natürlich beim Verständnis, dass ich 100 Kilometer von dort entfernt aufgewachsen bin. Drogen haben auch im Grenzgebiet zu Österreich eine Rolle gespielt, obwohl es in den Achtzigern nicht Chrystal Meth war. Und ich kenne das Wechselbad der Gefühle – Bleiben oder Gehen, Flucht oder Heimat – nur zu gut.

Wollten Sie denn damals eher flüchten oder bleiben?

Ich fand es in der Kleinstadt nie so ganz dramatisch schlimm, wollte aber unbedingt weg aus Altötting und war auch gleich nach dem Abitur ein Jahr in England. Als ich mit einer Klasse im tschechischen Grenzgebiet gesprochen habe, wollte die eine Hälfte schon woanders studieren, aber irgendwann zurückkehren, während die andere echte Fluchtimpulse hatte. Jugendliche hält erstmal wenig in der Provinz.

Hat der Titel Das Verschwinden so gesehen nicht nur mit dem eines Mädchens zu tun, sondern auch vom Mythos einer heilen Welt jenseits der hektischen Städte?

Das darf man sich gern so vorstellen, aber ehrlich – wie unheil die Welt da draußen ist, vermittelt das Fernsehen doch schon seit Twin Peaks. Wenn man diesen Achtteiler genau dort zeigen würde, wo er entstanden ist, wie wir damals Lichter in Frankfurt an der Oder gezeigt haben, würden viele ihre Heimat vermutlich als viel zu düster kritisieren. Aber der Dienststellenleiter vor Ort, den wir zur Drogenproblematik interviewt haben, würde unserer Interpretation zustimmen. Alles eine Frage der Perspektive – weshalb wir die Geschichte in etwas anderer Konstellation auch in der Großstadt erzählen könnten. Es mag ein pessimistischer Blick sein, aber weniger auf den Ort des Geschehens, als den Bund der Familie.

Wie tief mussten Sie dafür in die reale Meth-Szene eintauchen?

Zum Glück nicht so tief, dass ich es selber nehmen musste (lacht). Aber im Gegensatz zu historischen Filmen wie Sturm, wo es um den Internationalen Strafgerichtshof fürs ehemalige Jugoslawien geht, fühlte sich die Recherche hier fast ein bisschen nebensächlich an. Wir haben alles getan, um Figuren lebendig werden zu lassen. Deshalb waren wir in einer Entzugsklinik, haben mit Drogenfahndern geredet, uns juristisch schlau gemacht. Aber all dies hat in den drei Jahren Vorbereitung keine Entscheidung so beeinflusst, dass wir den Inhalt geändert hätten.

Verfolgen Sie denn generell einen eher lässigen oder akribischen Rechercheansatz?

Weil ich es als Zuschauer überhaupt nicht mag, wenn das, was im Kino oder Fernsehen passiert, unglaubwürdig ist, versuche ich auch als Regisseur so realitätsnah wie möglich zu sein. Schon weil ich vom Dokumentarfilm komme. Ich mag Genauigkeit.

Haben Sie als Filmemacher dabei auch den Impuls, die Menschen irgendwie zu bilden, indem Sie ihnen Dinge zeigen, von denen sie bis dahin nichts oder das Falsche wussten?

Ich hatte einfach immer das Bedürfnis, den Leuten keinen Quatsch zu erzählen. Aber es ist gewiss nicht der Impuls meiner Geschichten, sie pädagogisch zu erziehen. Das wird sich durch das Medium Fernsehen nicht ändern.

Warum hatten Sie bislang eigentlich nur Kino gemacht?

Weil mir nie klar geworden ist, warum ich Fernsehen machen sollte, solange ich Kino finanziert bekomme. Die Freiheiten sind dort ungleich größer und das Seherlebnis sowieso.

Und wieso jetzt doch Fernsehen?

Weil in Bernd Lange und mir über Jahre hinweg der Wunsch gewachsen ist, mal dieses epische Format über sechs Stunden zu probieren. Dank Serien wie Twin Peaks, den Sopranos, aber auch Dominik Grafs Im Angesicht des Verbrechens war uns 2012 klar, wie spannend dieses Medium sein kann, wenn man es anständig nutzt. Kann sein, dass Bernds Erinnerung eine andere ist, aber ich glaube, wir hatten schon vor dem Stoff Lust aufs Fernsehen.

Jetzt wo es fertig ist – waren Sie fürs Fernsehen unfreier? Ist das Seherlebnis geringer?

Nö. Mir hat aber auch niemand je was vorgeschrieben. Es war ein gutes Arbeiten mit gutem Ergebnis.

Und haben Sie jetzt Blut geleckt, ist die Scheu vorm Medium verflogen?

Ach, Scheu hatte ich nie. Und so wie sich das Fernsehen diversifiziert hat, schon gar nicht. Zumal sich dieses Eintauchen in eine Serie wie zuletzt bei Top of the Lake fast so anfühlt wie im Kino, wo man nach anderthalb Stunden ja oft denkt: Was, schon vorbei?! Es mag ein Unterschied sein, ob man für einen Streamingdienst arbeitet oder das Öffentlich-Rechtliche, aber wir haben es so gemacht, wie wir es wollten.

Und das Ergebnis?

Sechs Stunden Kino fürs Fernsehen. Hoffe ich.


Siinai, Sequoyah Tiger, Jonas Alaska

Siinai

Der ganz hohe Norden erstart die meiste Zeit des Jahres im Anmut einer Kälte, die so trocken ist, so beharrlich und streng, dass sie Einfluss auf praktisch alles nimmt, was Menschen dort tun. Man muss sich nur mal einen Großteil isländischer Musik anhören, um die karstige Aura zu verstehen, der sie entspringt. Auch in Finnland gebiert das raue Klima seltsame Soundmuster, von denen Dark Metal besonders eindrucksvoll ist. Ein anderes klingt wie Siinai. Das Quartett aus Helsinki macht instrumentelle Sinfonien von epischer Breite, und ihr neues Album Sykli klingt nicht ohne Grund wie die Quintessenz der beiden Bands, aus denen die Mitglieder stammen: Zebra and Snake und Jonsuu 1685, Synthiewave und Krautrock, nur noch sehr viel flächiger.

Nachdem Siinai bereits zwei Konzeptalben zum Thema Olympische Spiele in Leni-Riefenstahl-Ästhetik und einer hypnotischen Reise durch die Gänge eines fiktiven Supermarktes kreiert hatte, erkunden Sykli nun vorgeblich den Zyklus des Lebens. Und es wirkt dabei ein bisschen, wie Godfrey Reggios berühmte Parabel vom Wechselspiel zwischen Mensch und Natur in Koyaanisqatsi. Fünf dicht gewobene Ambient-Teppiche begeben sich auf die Reise durch unser Innerstes und landen dabei im Geräuschstaubsauger des finnischen Winters. Das Ergebnis ist eine oft fiebrige, meist geruhsame, stets ergreifende Synthie-Epik mit analogen Mitteln, der man sich unmöglich entziehen kann. Der perfekte Soundtrack zur kalten Jahreszeit.

Siinai – Sykli (Svart)

Sequoyah Tiger

Kennt irgendjemand noch die Goombay Dance Band? Das karibisch angehauchte Poporchester aus Hamburg blies Anfang der Achtziger eine schwül warme Urlaubsbrise durchs Traumschiff-Land. Verglichen damit war Easy Listening hart wie Heavy Metal. Warum das an dieser Stelle der Rede wert ist? Weil es ausgeschlossen sein sollte, die Verantwortlichen von Sun of Jamaica zur Referenzgröße einer Tonträger-Empfehlung zu machen. Eigentlich. Denn Sequoyah Tiger mögen nach dem westdeutschen Wohlfühlsound klingen, wenn Steeldrum und Marimba durchs Debütalbum von Leila Gharib aus Verona hallen; und dann schwingen auch noch ihre Landsleute Oliver Onions mit, die einst den Haudrauf-Quatsch von Bud Spencer vertont haben.

Aber natürlich ist da noch viel, viel mehr am fluffig verspielten, großkotzig minimalistischen Parabolabandit, das all dies auf hochinteressante Art und Weise kontrastiert. Ein zappeliger Teppich aus Breakbeats und Kinderzimmerpercussion zum Beispiel, der sich über den vollsynthetischen LoFi-Pop legt wie ein Drumpad auf Speed. Und weil Leila Gharibs verhuschter nachhalllender Gesang einer weiblichen Version von Beck gleicht, wirken die zehn Stücke trotz der fiesen Alleinunterhalteraura oft seltsam ergreifend. Schlechter Geschmack kann so unterhaltsam sein.

Sequoyah Tiger – Parabolabandit (Morr Music)

Jonas Alaska

Ach, wenn Angst doch immer so optimistisch klingen würde wie bei Jonas Alaska, dann hätten wir vielleicht ein paar Sorgen weniger, die der wachsende Freihandel mit diesem Gefühl erzeugt. Auf seinem dritten Album, so haben findige Hörer herausgefunden, enthält jeder der zehn Songs mindestens einmal das Wort “Fear”, was durchaus mit dem depressiven Tonfall zu tun hat, dessen sich der Norweger für sein Singer/Songwriting bedient, das er nicht nur selbst produziert, sondern auch nahezu alleine einspielt. Und ein Stück wie All Coming Down Today verströmt dann auch musikalisch schon mal Trübsinn. Aber ansonsten? Ist Fear Is A Deamon weit weniger verängstigt als der leicht depressive Titel nahelegt. Im Gegenteil.

Jonas Alaska mag die ein oder andere Geige wimmern lassen. Und das Klavier sorgt derart getupft ebenso wenig für Frohsinn wie die Mundharmonika ganz am Ende. Darüber hinaus aber sind seine dahingehauchten Kurzbeschreibungen der Schwierigkeit, unfallfrei durch dieses Arschloch namens Alltag zu kommen, vielfach von schlichtem Glanz mit Hang zum trotzigen Scheißegal. Kiss Me In The Backseat zum Beispiel erinnert eher an eine Powerpop-Therapie als den die nostalgische Wehmut des Textes. Und wenn das vielschichtige Diamond In The Shadow David Bowie seine Referenz erweist, sprüht der getragene Folkpop fast schon Funken. Ein fantastisches Album für den Übergang zwischen Sommer und Winter, bei dem das Herz festen Halt sucht. Hier wird es fündig.

Jonas Alaska – Fear Is A Deamon (Braveheart Records)


Pragmanoia & Inderherz

Die Gebrauchtwoche

16. – 22. Oktober

Das neue Kino horizontaler Serienerzählung ist offenbar nicht nur ein Medium unbegrenzter Möglichkeiten, sondern auch der Angst. Weil zuletzt einige Folgen geleakt wurden, lässt HBO die achte und letzte Staffeln von Game of Thrones gerade drehen, als handele es sich bei den Drehbüchern um die Rezepte gegen Krebs und Krieg in einem. Die Darsteller kriegen daher kein Skript, sondern ihren Text vor der Kamera erstmals ins Ohr geflüstert. Ist das nun Pragmatismus, Paranoia oder so eine Art Mischform namens Pragmanoia?

In jedem Fall ist es Ausdruck eines neuen Argwohns, der längst alle Bereiche der multimedialen Gegenwart ergriffen hat und von Sender zu Empfänger und wieder zurück flattert, bis niemand niemandem mehr traut und alles in einem Vorwurfsknäuel verknotet ist. Dazu passt zum Beispiel die sonderbare Begebenheit aus Niedersachsen vorige Woche. Am Abend der Landtagswahl, so wurde vielfach verbreitet, habe der ZDF-Reporter Wulf Schmiese versucht, die abtrünnige Ex-Grüne Elke Twesten zu interviewen, was die CDU-Überläuferin allerdings wortlos verweigert haben soll. Eine ziemlich fehlerhafte Sicht der Dinge, wie der Original-Mitschnitt dieser Situation nahelegt, auf dem der Journalist im Gegenteil die Politikerin wortlos stehenlässt.

Gut, verglichen mit dem Tonfall, der Lügenpresse-Debatten sonst dominiert und gerade auch die überaus sinnvolle Anti-Sexismus-Kampagne #MeToo ergreift, klingt das harmlos. Es zeigt allerdings auch, wie angespannt die Situation zwischen Wahrheit und Dichtung, Propaganda und Fakten ist.

Die Frischwoche

23. -29. Oktober

Angespannter war sie jedenfalls vor genau 60 Jahren im Kalten Krieg auch nicht, als er von der Erde ins All expandierte und kurz echt heiß zu werden drohte. Die ARD gedenkt daher heute um 23.30 Uhr dem Sputnik-Schock, als die Sowjetunion erstmals einen Satelliten in den Orbit geschickt hatte und den Westen damit gehörig unter Zugzwang. Weit entfernt von allem, was der Wahrheitsfindung dient, war in der heißesten Phase des Nahostkonflikts vor fast 50 Jahren auch die Berichterstattung über den palästinensischen Widerstand. Um 0.20 Uhr kompiliert die bemerkenswerte Arte-Dokumentation Off Frame aka Revolution bis zum Sieg heute Filmmaterial von 1968 bis 1982 zu einer äußerst erhellenden Collage dieses vielleicht vertracktesten Konflikts unserer Zeit.

Um dessen ebenso düstere Rückseite geht es gewissermaßen drei Tage, wenn die ungeheuer bedeutsame Reportage Re: Weil du Jude bist den Fall einer Familie in Berlin nachzeichnet, deren Sohn Opfer antisemitischen Mobbings wurde und somit abermals zeigt: Im schier endlosen Kampf ums gelobte Land gibt es allerorten nur Opfer. Mit dem Hinweis auf die konstituierende Sitzung des neuen Bundestags, die das Erste Dienstag um 10.50 Uhr überträgt, kommen wir jetzt aber endlich zu leichterer Unterhaltung. Wie der furiose Tatort: Fürchte dich!, in dem uns die Kommissare Brix und Janeke allen Ernstes in ein Spukhaus entführen. Natürlich auch wie die 2. Staffel der genialen Mystery-Serie Stranger Things, aber Freitag auf Netflix. Aber auch wie der ARD-Film Kein Herz für Inder, der einen weniger debilen Titel verdient hätte. Die Culture-Clash-Komödie um einen neunmalklugen Austauschschüler, den die Gastfamilie um Martin Brambach am Freitag (20.15 Uhr) wieder loswerden will, verbrät zwar jedes erdenkliche Klischee, tut es aber mit viel Feingefühl und herausragendem Schauspiel.

Genau das fehlte einst der monatlichen Verbrecherjagd Aktenzeichen XY, die trotz oder wegen der laienhaften Nachstellung kapitaler Verbrechen dieser Tage 50 wird. Mittwoch folgt auf den XY-Preis eine Doku darüber, wie sich das Format seit seiner Premiere verändert hat – oder eben nicht. Einen gänzlich anderen Fokus hat die Arte-Doku Rock’n’Religion (Freitag, 23.25 Uhr). Es geht darin ums Spannungsfeld von Musik und Glauben im Pop – alles im Anschluss ans legendäre Live-Konzert einer fürwahr diabolischen Band: Rammstein in Paris (21.45 Uhr) von 2011. 47 Jahre älter ist ein anderer Film, der Musikgeschichte geschrieben hat: Alexis Sorbas (Montag, 23.05 Uhr, MDR). Die Legende mit Anthony Quinn als hedonistischer Grieche, der dem verstockten Briten Basil (Alan Bates) zeigt, wie das Leben lebenswert wird, machte aus dem unbedeutenden Volkstanz „Sirtaki“ den Soundtrack einer ganzen Nation.

Womit wir mitten in den Wiederholungen der Woche sind. Nach dieser schwarzweißen von 1964 gibt es am Donnerstag um 14 Uhr auf Arte den nachkolorierten Dieb von Bagdad aus 1001 Nacht, 1940 das Maximum dessen, was an Kostüm- und Trickdichte denkbar war. Dem Tatort-Tipp dieser Woche Mord in der Ersten Liga gelang vor sechs Jahren übrigens auch etwas vergleichsweise Innovatives: Bei den Ermittlungen von Maria Furtwängler im niedersächsischen Milieu der Fußball-Hooligans tritt ein schwuler Bundesliga-Profi auf (Freitag, 22 Uhr, ARD). Davon ist die Realität des deutschen Leib- und Magensports noch enorm viel weiter entfernt als das Fernsehen.


Bully, Högni, ASIWYFA

Bully

Wer einen Blick zurück in die Zeiten des Rrriot-Rock wirft, fragt sich zu recht, ob da nicht noch was kommen sollte, ob etwas fehlt, ob die Wut von damals wirklich heilsam rausgebrüllt wurde oder nach einer Weile medialer Aufmerksamkeit nur doch wieder geschluckt wird, was die unerlässliche #MeToo-Kampagne ja gerade mal wieder bitterböse ans Tageslicht bringt. Anschlussfrage: hat die weibliche Eroberung des räudigen Gitarrensounds durch stinksaure Bands von Team Dresch über Sleater Kinney bis hin zur ikonografisch verklärten Courtney Love nebst Hole ihre Zeit und ist somit ein wenig von gestern? Ist es nicht. Niemals. Zumal es auch weiter Nachwuchs gibt im Segment aufgewühlt versierter Frauen an der Bühnenkante.

Eine davon nennt sich passenderweise Bully, was sich am ehesten mit “Schulhof-Raudi” übersetzen ließe. Gemeint ist damit vor allem Alicia Bognanno, die Frontfrau mit der wilden Mähne, die nur oberflächliche Beobachter mehr in den Bann zieht als der Sound. Mit ihren Kumpels Clayton Parker,  Reece Lazarus und (nein, nicht dem Police-Drummer) Stewart Copeland erobert die Shouterin aus Nashville das Podium nicht nur mit ihrem wilden Gesang von allem, was Frauen innerlich und äußerlich so durchmachen; sie hat die zwölf Tracks im Grunge-Gewand auch kreiert und verpasst ihnen manch verstörendes Noise-Riff. Das zweite Album Losing klingt daher noch ein bisschen mehr nach Hole. Zugleich aber klingt es sehr nach sich selbst. Und es klingt fantastisch.

Bully – Losing (Sub Pop)

Högni

Es ist das Herausragende an isländischer Popkultur, dass sie unsere Erwartungen seit geraumer Zeit immer weiter in die Höhe schraubt und dort nicht etwa unterläuft, sondern die Messlatte nur noch höher und höher und höher legt, sie durchaus mal reißt, in der Regel aber mit viel Aberwitz und Eigensinn und Chuzpe nimmt. Auch Högni Egilsson tut alles in einem und das oft zugleich. Schon als aktuelles Mitglied des legendären Electronica-Ensembles GusGus hat der Komponist und Sänger zuletzt Maßstäbe der Popkultur gesetzt. Jetzt legt er seine erste Solo-Platte vor und was soll man sagen: Die Steigerung von durchgeknallt mit Stil und Eleganz  heißt Högni.

Inhaltlich handelt das Konzeptalbum Two Trains von eben zwei Lokomotiven namens Minør und Pionér, die vor 100 Jahren das Baumaterial für den Hafen von Reykjavik in die Hauptstadt gekarrt haben. Dramaturgisch macht der Komponist mit der absurden Haarpracht daraus ein Kompendium grundsätzlich widersprüchlicher Soundfragmente, die in Anadu zum Auftakt klingen wie Mönchsgesänge, im anschließenden Shed Your Skin TripHop-Avancen machen und im wavigen Crash kurze Zeit später digitalen Noisepop variieren. Alles in einem und zwar sofort – Högnis Einzelkampf für den Beweis isländischer Variabilität ist ein grandioser Ausflug in die Welt der Möglichkeiten des Pop, denen man nirgends weniger Grenzen setzt als auf der Feuerinsel.

Högni – Two Trains (Erased Tapes)

ASIWYFA

Kryptisches Kürzel, wenig zugängliche Klarschrift, vertrackter Sound: Auch auf ihrem mittlerweile fünften Album versucht die nordirische Alternative-Band And So I Watched You From Afar noch nicht mal ansatzweise, Verständnis hervorzurufen mit dem, was sie uns da neun teils episch lange Tracks auswalzen. The Endless Shimmering heißt ihr neues Kompendium breiter Klangteppiche und es fällt wie immer schwer, daraus ein echtes Genre zu destillieren. Im Angebot wären Mathcore, Krautwave, Emo, Noise, Jazzrock oder wer weiß was noch alles. Alles egal. Denn auch dieses Album schafft es, völlig ohne Gesang so viel Inhalt zu erzeugen, als wäre der Schwall an Worten ebenso groß wie der an Riffs.

Mit Johnathan Adger am Bass, vor allem aber dem wissenschaftlich getriebenen Drummer Chris Wee weben Rory Friers und Niall Kennedy  Gitarrengespinste von derart grandioser Opulenz, dass jeder Satz einer zuviel wäre. Ob das Quartett seine Kaskaden dabei eigentlich mitzählt oder alles reinem Instinkt entstammt? Eine Antwort und zugleich keine liefert Rory Friers, wenn er von einem Schneesturm während der Produktionsphase berichtet: „Wir haben geprobt, gegessen, gewaschen, im Studio geschlafen und neun Tage später hatten wir das ganze Album aufgenommen und gemischt, gerade als der Schnee zu schmelzen begann.” Auch wenn es schwer zu verstehen ist: Das Ergebnis kann sich hören lassen.

ASIWYFA – The Endless Shimmering (Cargo)