Posted: March 19, 2015 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch |
Dagobert Jäger ist ein skurriles Phänomen. Der autodidaktische Singer/Songwriter aus den Alpen macht Schlager, der sich an Vorbildern von Die Flippers bis zu den Scorpions orientiert. Sein Habitus wirkt dabei frei von jeder Ironie. Und dann erscheint der bestgekleidete Schweizer 2014 auch noch in einer Mischung aus Nosferatu, Hipster und Metalhead zum Interview. Da fällt es schwer, den 32-Jährigen mit Wohnsitz Berlin ernst zu nehmen, weshalb offen bleibt, ob er einen beim Gespräch über sein zweites Album Afrika konstant auf den Arm nimmt oder wirklich so hinter seinem absurden Sound steht, wie er es mit bierernster Miene betont.
Interview: Jan Freitag
freitagsmedien: Dagobert, wenn von dir und deiner Musik die Rede ist, geht es häufig schnell um das Thema Ironie…
Dagobert: Da hab ich auch schon von gehört.
Wie definierst du den Begriff?
Also wenn ich es definieren müsste, wäre es eine Art, sich mit Worten auszudrücken, die man im Grunde gar nicht so meint, um eine zweite Ebene zu eröffnen, die sachlich klingt, aber am Ende doch Ernst durch Humor ersetzt, um sich dabei selbst besser zu fühlen. Wie würdest du’s denn definieren?
Mit bewusster Überzeichnung, um den wahren Charakter einer Sache zu brechen und gegebenenfalls ad absurdum zu führen.
Umso mehr finde ich nicht, dass der Begriff auf mich und meine Musik nicht anwendbar ist.
In deinen Schlagern steckt kein Funke Ironie?
Ach, ich mache doch gar keinen Schlager. Aber es gibt ein paar Dinge, die ich mitteilen möchte und meine es dann auch so, wie ich es singe. Gleichzeitig habe ich aber immer den Anspruch, gut zu unterhalten. Das verwechseln manche dann offenbar mit Ironie. Dabei orientiere ich mich eher Hank Williams.
Den Country-Sänger.
Der hat auch über schwierige, oft schlimme Erlebnisse gesungen, allerdings so vertont, dass man beim Hören Spaß empfindet. Für ihn war das eine Art Therapie. Wie er versuche auch ich mich möglichst einfach auszudrücken, damit man die Worte trotz ernster Inhalte auch genießen kann. Wenn es sich dann auch noch reimen soll, steckt dahinter natürlich mehr als die reine Wahrheit und nichts als die Wahrheit; dennoch benenne ich Dinge so, wie sie sich in mir zeigen. Ich will nichts verfälschen.
Und sich über niemanden lustig machen?
Ganz genau. Dennoch ist mir wichtig, dass man mich – egal, wie ernst es mir ist – auch nicht zu ernst nehmen sollte. Es gibt keinen Ernst in der Welt; deshalb ist die einzige Wahrheit, an die ich glaube, die absolute Sinnlosigkeit von allem, von der man sich bloß bestmöglich abzulenken versucht. Wenn man sie nämlich allzu sehr an sich heranlässt, dreht man unweigerlich durch. So seriös ich meine Musik also betreibe, so sehr weiß ich doch, dass sie wie alles andere auch nicht wirklich wichtig ist.
Ist das nun fatalistisch oder philosophisch?
Gibt’s da einen Unterschied? Ich glaube, beides kann parallel bestehen, ohne sich gegenseitig auszuschließen.
Wie gehst du denn damit um, dass die Menschen den Ernst, der deinen Liedern innewohnt, so häufig als ironisch oder mindestens irgendwie ulkig missverstehen?
Ich habe da große Geduld mit den Menschen, dass sie es mit der Zeit immer besser verstehen, wie sehr ich meine, was ich singe. Selbst wenn meine Zuhörer nur eine Art Belustigung aus meiner Musik ziehen, ist dafür ein Anfang gemacht.
Aber besteht nicht die Gefahr, dass deine Musik ihre Attraktion verliert, wenn die Leute den Ernst dahinter begreifen? Dass sie womöglich bloß die Absurdität mögen und nicht den Hintersinn?
Ganz im Gegenteil. Erst in dem Moment erleben sie meine Musik, wie ich sie erlebe. Schon jetzt kapieren einige Leute, was ich ihnen wirklich vermitteln möchte. Da habe ich ihnen noch einiges zu geben.
Wie wirst du denn überhaupt in der echten Schlagerszene aufgenommen, die ein völlig ironiefreies Verhältnis dazu haben, was andere zum Prusten bringt?
So weit ich weiß überhaupt keins. Vielleicht liegt es daran, dass ich bei einem Indie-Label wie Buback erscheine, aber irgendwie bin ich da schlicht noch nicht angekommen.
Wie bist du denn umgekehrt zum Schlager gekommen – durch familiäre Prägung?
Nein, ich habe vorher keinen Schlager gehört und war auch nie sonderlich musikalisch. Als ich angefangen habe, Musik zu machen, war ich 100 Prozent talentfrei und schon froh, drei zusammenhängende Töne hinzukriegen. Komplexität klang bei mir primitiv oder umgekehrt. Irgendwann hab ich aber gecheckt, es gibt funktionierende Songstrukturen, die dennoch simpel bleiben. Besonders, wenn ich etwas über Mädchen geschrieben habe, die ich gut finde. Vorher dienten meine Texte nur dazu, die Musik zu begleiten, plötzlich drückten sie echte Gefühle aus und ergaben einen Sinn.
Welchen Sinn ergibt denn eine Textzeile wie ich verschwinde aus der Zivilisation auf der neuen Platte?
Die stammt von 2008, als ich völlig allein in einem Bergdorf gelebt habe. Da bin ich ein bisschen vereinsamt, ohne Kohle oder soziale Kontakte, nur Musik. Ich musste also eine Lösung suchen. Eine war, komplett aus der Zivilisation auszusteigen, worauf ich mich einigermaßen seriös in einer Art Selbstmord auf Raten vorbereitet habe: allein in der Wildnis, Wasser aus dem Bach, Pilze essen.
Und die zweite?
Karriere zu machen.
Pendelt deine zweite Platte Afrika dann so ein bisschen zwischen beiden Alternativen, also Flucht und Karriere?
Vielleicht. Wobei das erste Album eher eine Verschönerung meiner Demos war, während dieses hier viel aufwändiger produziert ist. Es wird abenteuerlicher, interessanter, inhaltlich vielfältiger. Es gibt neue Optionen.
Mit dem Sehnsuchtsort Afrika im Titel, der sich realpolitisch grad ja gerade nicht als Fluchtpunkt eignet, angesichts der Kriegen und Seuchen dort. Wie kam es zu diesem Namen?
Die Idee dazu ist viel älter als die aktuellen Diskussionen. Sie mag einem verklärten Bild von Afrika folgen, aber ich ziehe mir auch keine Nachrichten rein, sondern stelle es mir einfach schön vor dort. Das ist wahrscheinlich ein bisschen naiv.
Typisch Schlager oder?
Kann schon sein. Ich gebe mir echt Mühe, mich von Informationen fernzuhalten und lebe ein bisschen in meiner eigenen Welt. Ich glaube aber auch nicht, dass ich dazu verpflichtet bin, alle Zusammenhänge zu verstehen. Jeder hat seine eigene Aufgabe im Leben, und meine ist diese Musik.
Für die du allen Ernstes David Hasselhoff oder Die Flippers als Vorbilder nennst.
Das beruht auf einem kleinen Missverständnis. Als ich Die Flippers für mich entdeckt habe, hatte ich schon 120 Songs geschrieben, und danach hat sich gar nicht viel geändert, obwohl ich sie sehr gern mag. Meine Musik wurde entwickelt, ohne dass ich zuvor irgendwas Deutsches gehört hatte.
Aber wie bitte kommt man als Thirtysomething mit Wohnsitz Berlin auf eine Musikantenstadl-Band wie Die Flippers?
Ich habe das Abschiedskonzert dieser drei extrem schrägen Typen in der ARD gesehen, mit einer Bühnenshow, die ich noch nie gesehen hatte, fast psychedelisch. Bis dahin fand ich deutsche Musik meist viel zu verkopft und dachte, unsere Sprache ergäbe zusammen mit Sound keinen Sinn. Dank der Flippers habe ich gecheckt, dass es doch noch mehr gibt.
Der Text ist vorab auf http://www.musikblog.eu erschienen
Posted: March 18, 2015 | Author: Jan Freitag | Filed under: 3 mittwochsporträt |
Waidwund in der Restidylle
Das Fernsehdrama Mein Mann, ein Mörder (Donnerstag, i(Donnerstag, 20.15 Uhr, ZDFneo) ist vieles, aber zu keiner Zeit berechenbar – trotz und wegen Veronica Ferres als kämpferisches Muttertier im Kampf ums traute Familienglück. Das spielt sie nun weißgott nicht zum ersten Mal spielt, aber besser denn je, also immerhin akzeptabel. Allerdings vor allem dank ihres Filmmanns Ulrich Noethen.
Von Jan Freitag
Augen, so heißt es, sagen manchmal mehr als Worte. Mit einem Wimpernschlag können sie Verzagtheit ausdrücken und Hoffnung, Hilflosigkeit, Freude, Trauer, Wut, oft in so rascher Folge, dass ein einziger Blick alles vereinigt, was gelungene Melodramen ausmacht. Veronica Ferres beherrscht diesen Blick, sie hat ihn perfektioniert, er ist ihr Markenzeichen.
Wenn sie ihn also in Mein Mann, ein Mörder vor der besten Freundin ausbreitet, wenn sie Vera (Ulrike Kriener) das stetig brechende Herz ausschüttet, dabei zugleich weint und lächelt, wenn ihre vor Wut und Trotz ganz kleinen Augen den Raum doch füllen – dann zeigt Veronica Ferres ihre Kernkompetenz, mit der sie auch hier 90 Minuten in wenigen Sekunden erklären kann. So ist auch dieser Film ein Paradebeispiel dessen, was so viele an Veronica Ferres ablehnen, was aber noch viel mehr an ihr mögen. Was ihr jüngeres Werk von Marco W. über die Patin bis zur Frau vom Checkpoint Charlie, mehr aber noch die echte Frau dahinter zur innigsten Hassliebe vor den Flachbildschirmen der Nation macht.
Denn die Ferres, wie man Stars mit dem Attribut „Diva“ gern umschreibt, spielt was sie immer spielt, aber sie spielt es grandios. Die außergewöhnliche Ferres nämlich ist die eher gewöhnliche Minette Frei, deren Nachname täuscht. Eine attraktive, sanft alternde Übersetzerin und Mutter zweier wohlgeratener Kinder, schönes Heim, viel Kultur, finanziell sorglos, alles in Ordnung – würde ihr Mann sie nicht betrügen. Mit einer Jüngeren, versteht sich. Und nicht zum ersten Mal, Minette weiß das. Also spioniert sie Paul nach bis ins billige Hotelzimmer nach, kontrolliert sein Handy, folgt ihm sogar ins Liebesnest nach Prag, stets auf der Suche nach einer Wahrheit, die peu à peu in eines der vielleicht bizarrsten Happyends der Fernsehgeschichte mündet.
Bis dahin aber bebildert der Nachwuchsregisseur Lancelot von Naso das uralte Drama um Liebe, Eifersucht, Leidenschaft, Trotz und Trost in so ruhigen Kamerafahrten durchs Innenleben der deutschen Mittelstandsehe, dass Mein Mann, ein Mörder in aller Zurückgenommenheit fast in Gefahr zu geraten droht, ein eher betuliches Sittengemälde bürgerlicher Befindlichkeiten zu werden. Es wird geredet und geschwiegen. Pausenlos. Und Oliver Thiedes unaufdringliche, fast lautlose Musik aus dem Hintergrund trägt ihr übriges zur reduzierten Aura bei. Doch immer dann, wenn das fragile Gefüge wachsender Kinder und schwindender Hingabe allzu leise implodiert, sorgt der zweite Hauptdarsteller für Schwung: Ulrich Noethen.
Das jüngste von fünf Kindern einer schwäbisch-bayerischen Pfarrersfamilie kann vom Grimmschen Märchenkönig über Kästners Nonkonformist Justus Bökh bis Heinrich Himmler fast alles so glaubhaft spielen, dass es gelegentlich schmerzt. Seit er vor 18 Jahren als Arzt mit asiatischer Katalogfrau in Dominik Grafs Tatort: Frau Bu lacht brillierte, ist seine Paraderolle allerdings eine andere: der Saubermann mit fleckiger Weste. Kein Wunder also, dass der Schauspieler mit dem unscheinbaren Dutzendgesicht sogar die emotionale Tristesse der Familie Frei zum Glänzen bringt, seinen Paul besonders, dieser promiske Familienmensch um die 50, beruflich erfolgreich, leidlich attraktiv, aber unbeirrbar selbstsicher. Ein guter Mann fürs anspruchsreduzierte Wechseljahredasein mit Opern-Abo und getrennter Kasse. Kein Traumprinz, aber bei allen Schwächen im Zweifel verlässlich. So scheint es. Bis ihm seine neueste Affäre, lolitahaft gespielt von Esther Zimmerling, einen Strich durch die Rechnung macht und verschwindet. Spurlos. Dass ein Mord im Raum steht, suggeriert schließlich schon der Filmtitel. In der Eingangsszene wird er dann schnell konkret, als eine Frau schreiend vom Fenstersims in die Tiefe stürzt.
Was sich daraus entspinnt, ist jedoch kein Krimi, die Polizei tritt nicht auf, selbst das Opfer fehlt. Keine Spur von Tatort also, auch wenn bald Erpressung, Schwarzgeldkonten, gar etwas Verfolgungsaction ins Spiel geraten. Nein, wenn etwas gejagt wird, sind es nicht Mörder, sondern Ängste, statt Tätern also höchstens Geborgenheit im drohenden Verfall einer Institution namens Familie. Auf die Frage ihrer Freundin, ob sie ihn behalten will, zuckt das Opfer Minette nur mit den Schultern und nimmt die Witterung des Täters auf, der so vom Jäger zur Beute wird, was er später, als ihm die Handlung entgleitet, ins Gegenteil umdreht.
Es ist ein ständiges Wechselspiel des Nachstellens. Und es bringt immer neue Vexierbilder vermeintlicher Schuld wie Unschuld hervor. Dass darin freilich immer ein tieferer Sinn steckt, liegt auch in Lancelot von Nasos dritter gemeinsamer Arbeit mit seinem Stammautoren, mit dem er vor vier Jahren bereits das preisgekrönte Langfilmdebüt Waffenstillstand gemacht hat. Nicht zuletzt Kai-Uwe Hasenheits versiertes Drehbuch nämlich liefert dem Film jene Fallstricke menschlicher Beziehungen, die Oliver Hoese dann so ausstattet, dass darin die bürgerliche Mitte in ihrer ganzen Verletzlichkeit sichtbar wird. Der verbissene Kampf um Harmonie und Restidylle beim gemeinsamen Abendessen mit Rotwein, Schultagberichten und Geplauder wirkt vor allem deshalb so authentisch, weil Produzent Hubertus Meyer-Burckhardt das Ambiente bewusst Geld und Geist atmen lässt, ohne wie in vergleichbaren Melodramen permanent Luxus auszustellen. Mein Mann, der Mörder spielt nicht in einer Designervilla von Rem Kolhaas, sondern im gediegenen Chaos eines teilsanierten Münchner Altbaus. Reichtum light, aber real.
In ihm könnten die Charaktere tun, was ihnen das hiesige Fernsehen oft versagt: agieren, spielen, sich entwickeln, statt bloß tolle Kulissen zu dekorieren. So wird dieser Film am Ende zu dem, was er sein soll: Ein Ferres-Film, so wie jeder Film mit Veronica Ferres einer ist. Ein Noethen-Film, so wie jeder Film mit ihm einer wird. Vor allem aber ein Ensemblestück, das den Beteiligten die bekannten Stärken abverlangt, ohne ins Klischee tradierter Rollenprofile abzugleiten. Die Ferres mag dabei ihr gewohntes Habitat des waidwunden Muttertiers mit Courage beackern; sie tat es selten besser als in Mein Mann, ein Mörder. Dafür reicht ihr oft nur ein Augenblick.
Posted: March 16, 2015 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen |
Die Gebrauchtwoche
9. – 15. März
Der Papst, People und Panini – mit dieser billigen Alliteration ließe sich das, was die Medienrepublik seit voriger Woche mehr bewegt als Kriege, Krisen, Kriechenland, gut umschreiben. Der Bauer-Verlag, bekannt für Qualitätsjournalismus à la inTouch, bringt ein Magazin namens People heraus, das jede Woche in 300.000facher Auflage Sensationelles, Unglaubliches, Niedagewesenes publiziert: Stars. Dazu Stars. Und Stars, denen das Magazin in alle Unterhosen, Kleiderschränke, Portemonnaies starrt. Das aber wäre keiner Erwähnung wert, würde der Panini-Verlag, bekannt für Qualitätskonsum à la Klebebildchen, nicht seit Donnerstag exakt das Gleiche tun, nur eben mit einem einzelnen Star: Mein Papst. Franziskus genannt, dem 72 Seiten lang in allen Regenbogenfarben gehuldigt wird. Wobei man auch ihm überall hinstarrt, aber wenigstens nicht in die Unterwäsche. Danke, Panini.
Danke ZDF zu sagen, fiele da schon schwerer dieser Tage. Weil ein Sportreporter des Senders wegen unliebsamer Berichterstattung über Dynamo Dresden die Akkreditierung verlor, nahm das Zweite den Artikel kurzerhand von seiner Seite, woraufhin der Journalist wieder ins Stadion darf. Dass die Löschung des inkriminierten Textes irgendwas damit zu tun haben könnte, wurde aus Mainz natürlich heftig dementiert. Einflussnahme auf journalistische Inhalte? Doch nicht bei uns… Never.
So ein zünftiges „Niemals“ hätte man bis voriger Woche auch auf Jürgen Domian angewendet, der seit fast 20 Jahren nachts im WDR die Probleme Wildfremder löst, was schon Mitte der Neunziger irgendwie Fernsehen von gestern war, aber so zeitlos und haltbar, dass niemand je an eine Ende geglaubt hatte. Doch das kommt, nächstes Jahr, irgendwann ist halt für jeden Mal Schluss – wie für Sam Simon. Sam wer? Man füge ein kurzes „ps“ in die Mitte des Nachnamens und jeder ahnt, was der Amerikaner zwei Jahre vor Domians Wechsel vom Radio an den Bildschirm 1991 erfunden hatte. Richtig – Die Simpsons. Zu dumm, dass er die Serie schon kurz darauf wieder verließ. Mangels Erfolgsaussichten, wie er damals glaubte.
Die Frischwoche
15. – 22. März
Aber das dachte man ja schon von vielen TV-Produkten, die sodann unsterblich wurden. Vielleicht sogar vom Tatort, der Sonntag sein neuestes Team begrüßt: Mark Waschke als reservierter Kommissar Karow, der meist übellaunig und sachlich ist. Begleitet von der heißblütigen Meret Becker als Kollegin Rubin, die gleich zu Beginn ihres ersten Falles um einen toten Drogenkurier Sex vor einer Disco hat. Zwei Ermittler wie Feuer und Wasser – das klingt fast so fad wie ein Tatort am Bodensee. Aber warten wir mal ab, wie die Neuen harmonieren.
Vermutlich schlechter als die ARD und die Warenwirtschaft. Wenn das Erste Montag zur besten Sendezeit zum Werbe-Check bittet, mag das nämlich löblich klingen; dummerweise wird nicht die Spitzen der chronisch verlogenen PR-Branche ins Visier genommen, sondern nur deren Ränder wie italienische Kleinwagen oder Koffeinshampoos. Man will es sich mit der Kundschaft ja nicht ganz verderben. Dass der weit wichtigere Sachfilm vom „Schweigen der Männer“ erst lang danach an gleicher Stelle läuft, hat dagegen wohl nichts mit Zurückhaltung gegenüber der katholischen Kirche zu tun. Dennoch verstört es, dass Sebastian Bellwinkels und Birgit Wärnkes sehenswerter, teilweise animierter Test, ob die Kurie ihr Versprechen vom März 2014 einhält, den Sumpf pädophiler Gewalt lückenlos aufzuklären, erst kurz vor Mitternacht läuft.
Exakt zur gleichen Zeit, eine halbe Stunde vor Mitternacht, wechselt drei Tage darauf Michael Hatzius vom RBB ins Erste. In Weltall.Echse.Mensch lässt der Bauchredner sein Zigarre rauchendes Puppenreptil also später, aber prominenter platziert übers Weltgeschehen sinnieren – was allemal besser ist als das brachiale Gebrüll von Carolin Kebekus, die Samstag um 21.45 Uhr im WDR ihr Soloprogramm PussyTerrorTV präsentiert. Komischer ist da am Dienstag (22.05 Uhr) die hinreißende MDR-Doku Wie der Kudamm nach Karl-Marx-Stadt kam, wo die aberwitzigen Mühen gezeigt werden, mit denen die klamme DDR versuchte, für ihre Filme Westrequisiten zu akquirieren.
Und damit auch noch etwas frische Fiktion auf der Empfehlungsliste ist: Brighton Rock, ein nahezu zweistündiges Musik-Video über Gangkriege der 60er Jahre an Englands Südküste, das am Dienstag (22 Uhr, ServusTV) wunderbar an das Meisterwerk Quadrophenia erinnert. Kein schlechter Übergang zu den Wiederholungen der Woche. In Schwarzweiß: Die blaue Dahlie, ein Liebesthriller im Stile des Film Noir, 1946 geschrieben vom Krimikönig Raymond Chandler (Montag, 20.15 Uhr, Arte). Und ab Samstag (23.45 Uhr, NDR) in Farbe: Der König von St. Pauli. Dieter Wedels Sechsteiler zeigt den Kiez zwar nicht grad so, wie er 1998 war, schafft aber gerade damit ein schönes Artefakt jener Fernsehfantasien, die aus der Realität Museen machen.
Posted: March 13, 2015 | Author: Jan Freitag | Filed under: 5 freitagsmusik |
Matthew E. White
Mellow ist wohl das, was Matthew E. White am allernächsten kommt. Ein Attribut, das mit sanft nur unzureichend übersetzt ist. Wie in wohligem Fruchtwasser gesungen, warm und behaglich, selbstzufrieden, tiefenentspannt, um nicht von irgendwas mit Honig, Samt und so Sachen zu sprechen: Wenn der Südstaatenjunge zwischen seinem Namensvetter Barry und den Fun Lovin‘ Criminals von Glaubensdingen wie der Liebe erzählt, fühlt man sich in den Mutterleib zurückversetzt – wenn auch einer, der morgens zur Arbeit in die Fabrik muss, wo es rauscht und scheppert und zischt. Zehn Tracks lang legt sich sein zweites Album Fresh Blood wie eine Lichttherapie aufs Gemüt, bei der gelegentlich die Glühbirnen flackern. Immer wieder rasseln nervöse Saitenwinde durch klavierbetupfte Harmonien, als vertone Hitchcock einen Duschkabinenmord. Der Aberwitz von Whites visionärem Southern Rock Souls war beim Debüt Big Inner vor zwei Jahren zwar noch größer; doch mit 32 Jahren hat der buddhistisch anmutende Zausel die Ruhe gefunden, das Publikum gleichermaßen einzulullen und aufzuwühlen, oft innerhalb weniger Takte eines Albums, das dem dräuenden Krisenjahr 2015 gleich zu Beginn eine wunderbar sanfte Note verpasst.
Matthew E. White – Fresh Blood (Domino)
Fantasma
Süffig dagegen wird es dank Fantasma, einer Band aus Südafrika, die sich nicht erst mühsam auf die Suche nach passenden Attributen macht, sondern ihrem Fusionsound ein Etikett erfindet: Guzu. Das kann man übernehmen. Man kann es auch lassen. Die hitzige, fast virile Mixtur aus heimatlichem Kwaito, amerikanischem HipHop und staatenlosem Techpop wirkt derart mitreißend, dass sich jede Art Branding als Gefasel erweist wie der Versuch, den Kontinent im Ganzen greifbar zu machen. Fantasmas Debütalbum Free Love ist nicht mehr, nicht weniger als das ortübliche Mashup klanglicher Mikrokosmen, denen die musikalischen Produktionsressourcen fehlen und daher zusammenpacken, was eben verfügbar ist. In den lebenssatten Slums von Accra über Nairobi bis Johannesburg wird der Pop daher gern erst de-, dann rekonstruiert, bis die Welt afrikanisch klingt und Afrika global. Das Quartett um den Percussionisten DJ Spoko tut das jedoch mit einer Grandezza wie weiter nördlich allenfalls Culture-Clash-Remixer wie M.I.A. oder Mano Negra, zutiefst eigenartig, doch hinlänglich bekannt, Tanzmusik für den kosmopolitischen Geschmack. Als läge die Westbronx in Kapstadt.
Fantasma – Free Love (Soundway Records)
Mars Need Woman
Nun lässt sich drüber streiten, ob es ständig rekonstruierter Dekonstruktionen bedarf, statt der Welt des Pop mal wieder genuine Neuigkeiten zu schenken. Etwas, bei dem sich die Versatzstücke nicht nur möglichst abstrus ergänzen, sondern so befruchten, dass Unerhörtes entsteht. Brauchen wir also eine weitere Band, die alten Psychobeat mit uraltem Country zu urälterem Rock’n’Roll vermengt, als wäre „Chuck Berry ein Riot Grrrl“, wie es in der Selbstbeschreibung heißt? Antwort: Wo man das, was diese Band macht, noch nie gehört hat, schon. Von daher war es aus PR-Sicht klug, dass sich Peta Devlin, Barbara Hass und Susie Reinhardt nach jahrelanger Praxis von Die Braut haut ins Auge bis DM Bob nun zu Mars Needs Woman vereint haben. Würde man den Sound des weiblichen Supertrios ohne Kenntnis der verwendeten Stile hören, wäre ihr selbstbetiteltes Debütalbum schlichtweg grandios. Doch auch wenn die Platte dem Genre nichts Wesentliches hinzufügt, macht sie vom 1. bis zum 13. Stück pausenlos Spaß. Das liegt allerdings auch am schrillen Auftritt in silbernen Ganzkörperanzügen mit wirren Künstlerinnennamen. That’s Entertainment.
Mars Need Woman – Mars Need Woman (B-Sploitation)
Life In Film
Mit dem sich Life In Film nicht über Gebühr herumplagen müssen. Die vier Londoner machen schließlich das, wofür es noch immer nur eines Minimums an extraordinärer Selbstdarstellung braucht, um auskömmlich wahrgenommen zu werden. Es nennt sich Britrock, auf dem Debütalbum Here It Comes klar beeinflusst von Garagensound der The Strokes, Uptempo-Alternative mit getexteten Selbsterfahrungsberichten zu fluffigen Gitarrenriffs voller Soli, die diesseits der feinen Grenze zum Hardcore verlaufen. Und dann sehen die Verantwortlichen noch nicht mal allzu postertauglich aus. Gut, mal abgesehen von Samuel Fry, der dafür jedoch ebenso wenig kann wie für seine einprägsame Stimme, die das Indie-Konstrukt branchenüblich trägt. Der Name Life In Film steht also bislang nicht für etwaiges Celebrity-Gehabe, auch wenn die erste Singleauskopplung Get Closer gefällig ins Langzeitgedächtnis hüpft. Entertainment wird hier eben weit kleiner geschrieben als Unterhaltung. Keine für den Rockolymp, aber durchaus für den großen Spaß im verschwitzten Kellerclub.
Life In Film – Here It Comes (Embassy Of Music)
Mehr Text’n’Sound’n’Kommentare unter http://www.zeit.de/kultur/musik/2015-02/jimmy-somerville-matthew-white-life-in-film-fantasma
Posted: March 11, 2015 | Author: Jan Freitag | Filed under: 3 mittwochsporträt |
Improvisierter Grimmepreis
Mit Altersglühen (Foto: Georges Pauly/WDR) kriegt in diesem Jahr ein Film den bedeutsamen Grimme-Preis, der abgesehen von einigen Stars von vielen Sehgewohnheiten abweicht. Das könnte glatt Hoffnung machen, dass dem Genre etwas frischer Wind durchs öffentlich-rechtliche Gemüt bläst.
Von Jan Freitag
Die hypersupermegaindividualisierte Mediengesellschaft wagt sich nur selten noch an den alten Luftikus Spontaneität. Vermeintlich authentische Dokumentarformate sind zusehends gescriptet, vermeintlich humorindizierte Lacher kommen vom Band, vermeintliche Hingabe ist oft nichts als Angabe. Stand-up wird bis ins letzte Hüsteln durchdekliniert, geflirtet nur noch nach Rundumcheck des Beziehungspartners in spe und Lifeshows (wenn sie nicht sicherheitshalber zeitversetzt laufen) jede Unwägbarkeit weginszeniert. Kurzum: das hinreißende Handwerk der Improvisation – es stirbt bei aller Leichtigkeit des Seins langsam aus.
Genauer: Es starb.
Denn vorigen November ereignete sich Ungewöhnliches im intuitionsbereinigten Regelprogramm des öffentlich-rechtlichen Fernsehens: Die ARD zeigte einen Spielfilm zur besten Sendezeit, der keines Drehbuches bedurfte, um seine erlesenen Protagonisten zur Höchstform zu treiben. Altersglühen heißt das famose Gespinst speeddatender Senioren von Senta Berger über Mario Adorf bis Michael Gwisdek und Hildegard Schmahl, die der vielfach spontaneitätserprobte Regisseur Jan Georg Schütte und sein gleichberechtigter Cutter Ulf Albert mit nicht mehr als Kurzbiografien ihrer Charaktere, einer adretten Stadtvilla in Hamburg und zwei knappen Drehtagen ausstattete, um sogleich die zweite Sensation des abgelaufenen TV-Jahres einzuleiten: Altersglühen bekam heute in Essen den Grimme-Preis verliehen.
Womit wir bei Ausnahmezustand Nummer drei wären, von allen erwartet, dennoch sensationell: In der Kategorie „Fiktion“ bekam nämlich auch der gefilmte Aberwitz schlechthin Deutschlands bedeutsamste Fernsehtrophäe: Ulrich Tukurs rauschhafter Tatort: Im Schmerz geboren, dessen heillos überdrehte Theatralik so mitreißend war, dass ein Leichenrekord jenseits der 50 beinahe zum Randaspekt geriet.
Nun muss das gehobene Feuilleton vor Entzücken nicht gleich beide Augenbrauen auf einmal hochziehen, nur weil da zwei komplette Konventionsverweigerungen zu höchsten Ehren kommen; die drei parallel gekürten Spielfilme Bornholmer Straße, Der Fall Bruckner und Männertreu sind zwar überaus ansehnlich, stilistisch aber doch eher gewöhnlich. Und doch ist es mehr als bloß der Erwähnung wert, wie viel Irrsinn den Juroren hier einer Belobigung wert war: Unverstellt faltige Menschen zur formatierten Primetime ohne schwedischen Sonnenuntergang im Rücken einfach mal so frei nach Schnauze quatschen zu lassen, statt nach Quotenkalkulation, ist ja ebenso waghalsig, wie Michael Proehls Shakespeare’sche Dramaturgie in Versform zur Grundlage eines tarantinoesken Gemetzels zu machen, das Regisseur Florian Schwarz im Opernambiente zelebriert.
Zumal diese Freiheit von Kunst und Kreativität langsam aber sicher – wenn schon nicht zur Regel, so doch zur regelmäßigen Abweichung davon wird. Schon im Vorjahr hatte das Marler Institut mit der verstörend realistischen SWR-Echtzeitfiktion Zeit der Helden ein Stück vorstädtischer Lebenswirklichkeit gekürt, das jeder kolportierten Sehgewohnheit von Programmdirektor Volker Herres’ Gnaden streng zuwider lief. Ein Trend, der mit Markus Imbodens Krimigroteske Mörder auf Amrum vor fünf Jahren gewissermaßen seinen Anfang nahm. Jeder Ausbruch vom Erwartbaren stellt sich darin ja nur als Vorbereitung des Nächsten dar.
Dieses Alleinstellungsmerkmal im seicht plätschernden Wellengang heiter bis wolkiger Stromlinienunterhaltung teilen solche Filme im Übrigen mit dem Tatort, der gestern nebenbei auch noch mit dem Grimme-Preis fürs Format im Ganzen gekürt wurde. Weil es zusehends vom Normierten abweicht. Weil es Regelbrüche nicht um seiner selbst willen einsetzt. Weil es einfach gut ist, wenn es denn gut ist. Weil selten gut ist, was noch nicht mal gut gemeint ist, ist es daher kein Wunder, dass von den zwölf vergebenen Grimme-Preisen diesmal exakt Nullkommanull an private Sender gingen. Deren Innovationspotenzial erreicht ja abseits vom Versuch, Inhalt irgendwann vollends durch Effekt zu ersetzen, in etwa die Zahl ihrer Auszeichnungen 2015. So gesehen war das abgelaufene ein gutes Jahr für den deutschen TV-Film. Vor allem aber ein gutes für uns. Die Zuschauer.
Posted: March 9, 2015 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen |
Die Gebrauchtwoche
2. – 8. März
Jedes Jahr im März, wenn das Land unterm finalen Eispanzer erstarrt oder die ersten Krokusse hindurchblicken, zeigt unser Fernsehen, was es kann, wenn es mal können darf. Dann werden jene Preise verkündet, wofür eine Schar Medienkritiker wochenlang in den resopalgrauen Räumen des Grimme-Instituts kaserniert wurde. Das Ergebnis ist nicht nur die bedeutsamste, sondern womöglich einzig verbliebene TV-Trophäe von Strahlkraft. Am Mittwoch war es wieder so weit und doch irgendwie anders. Die 51. Auflage hat eine Renaissance jener Kunstform prämiert, die lange Zeit bisher konsequent unterschätzt wurde: Improvisation.
Gewonnen hat – neben dem erwarteten Sieg für den Tukur-Tatort: Im Schmerz geboren – Jan Georg Schüttes furioses ARD-Experiment Altersglühen, wo alternde Schauspieler von Senta Berger bis Mario Adorf so überzeugend ohne Drehbuch Speeddating für Senioren darstellten, als wären sie alle echt einsame Herzen auf der Suche nach Geborgenheit. Aber auch die anderen Gewinner – Bornholmer Straße im Bereich Fiktion etwa, Die Anstalt als Unterhaltungsformat oder der verstörende Kriegsbericht Die Kinder von Aleppo – waren jede Sendesekunde wert. Schade nur, dass Alexander Gentelevs Dokumentation Putins Spiele leer ausging, die den Irrsinn von Sotschi beispielhaft beleuchtet und nun unterm Zusatz Ein Jahr danach fortgesetzt wird, dem das IOC allerdings alle Originalfilmaufnahmen nebst die Benutzung des Wortes „Olympia“ verweigerte, weil das ja nun wirklich nicht geht – die Olympischen Spiele zu kritisieren…
Ein Jahr vor der Adaption fürs Fernsehen sind wir hingegen mittlerweile bei jedem realen Ereignis, das nur ansatzweise Stoff für ein saftiges Melodram liefert. Es hat daher nur Monate gedauert, bis sich Nico Hofmann die Rechte am Skandal um Gustl Mollath gesichert hat, dessen Fall bayerischer Behördenwillkür von Raymond Ley (Anne Frank) mit Axel Milberg als Justizopfer verfilmt wird. Der zweite Megatrend des Fernsehens ist und bleibt allerdings die Neuauflage alter Stoffe, wie man derzeit am Remake von Heidi erleben muss, die nun digitalisiert über die Alm zappelt. Fehlt nur noch, dass die Barbapapas reanimiert werden, jetzt, wo mit Talus Taylor auch der letzte Erfinder des Gegenentwurfs zur betonierten Moderne gestorben ist. Witzigerweise fasziniert er auch in der epileptischen RTL2-Gegenwart noch immer mehr Kinder als das neumodische Zeugs der Marke Wickie 2.0.
Die Frischwoche
9. – 15. März
Fernsehen 1.0 auf dem Medium 3.0 ist hingegen, was der Streaming-Dienst Netflix freischaltet: Unbreakable Kimmy Schmidt von der famosen US-Komikerin Tina Fey über eine Frau (Ellie Kemper), die nach 15 Jahren in einem Sektenkeller die reale Welt entdeckt Die Serie wurde übrigens für den Kabelsender NBC produziert, läuft aber im Netz, was die Verhältnisse wandelt, Qualität entsteht analog und wird digital verbreitet oder umgekehrt. Bei Block B scheint es andersrum zu laufen. Die Frauenknast-Variation geht Donnerstag (21.15 Uhr) auf RTL in Serie, ist aber so mies, als sei es von drittklassigen Bloggern gedreht. Jeder Vergleich zum fabelhaften Netflix-Vorbild Orange is the new black verbietet sich da ebenso von alleine wie einer zur australischen Vorlage Wentworth.
Das wäre ja fast so, als würde man Florian Lukas als ulkigen Provinzbullen der ZDF-Reihe Friesland, deren zweiter Teil Mittwoch vorab auf dem Ableger Neo läuft, mit einem Vergleich zur famosen Nordseekrimireihe mit Hinnerk Schönemann als Finn Zehender adeln. Dann doch lieber traditionelle Krimis ohne Schmunzeleffekt, dafür mit Senta Berger als Eva-Maria Prohacek, die Freitag auf Arte (20.15 Uhr) erneut Unter Verdacht verdeutlicht, dass vergleichbar konventionelle Verbrechensfälle wie dieser um dubiose Machenschaften im Pflegebereich ungeheuer sehenswert sein können, sofern das Drehbuch mit Hingabe geschrieben ist. So gesehen hätte auch die Autobiografie von Heike Dorsch, deren Mann vor ein paar Jahren während einer Weltreise verschollen ist, durchaus Anlass für einen guten Film abgeben können. Blauwasserleben jedoch (Samstag, 20.15 Uhr, ZDF) ist von so einschläfernder Süffigkeit, dass ein Standbild vom Wellengang in der Südsee aufregender wäre.
Es gibt also nicht viel zu empfehlen diese Woche. Na, vielleicht Futebol e vida, Daniel Cohn-Bendits Roadmovie, in dem der Altlinke am Dienstag (20.15 Uhr, Arte) auf die Suche nach dem wahren Geist des brasilianischen Fußballs geht, was man sich vor einem Jahr gewünscht hatte, als alle nur dessen Oberfläche ankratzen wollten. Also geht’s direkt zu den Wiederholungen der Woche. In Schwarzweiß und immer wieder grandios: Wolfang Staudtes Der Untertan mit Werner Peters als Heinrich Manns Patriot Heßling von 1951 (Montag, 23.40 Uhr, MDR). Und in Farbe: Serpico, zweieinhalb Stunden früher auf Arte, mit Al Pacino als ehrlichem Bullen unter korrupten Kollegen anno 1973.
Posted: March 7, 2015 | Author: Jan Freitag | Filed under: 6 wochenendreportage |
Hamdorf in der Hauptstadt
Hamburgs sündteurer Stand auf der Berliner Reisemesse ITB soll die Vielfalt der hansestädtischen Kultur präsentiern – zeigt aber vor allem Musicals und Kreuzfahrtschiffe. Ein Besuch.
Von Jan Freitag
Irgendwie scheint Hamburg ein Ort zum Abhauen zu sein. Einer, der Fluchtimpulse auslöst, kurzer Aufenthalt, dann weg hier, bloß weg hier. Den Eindruck könnten zumindest all jene kriegen, die der Hansestadt zurzeit einen Besuch in Berlin abstatten, auf der weltgrößten Reisemesse. Auf der ITB, in Halle 6.1, schlägt auch Hamburg seit jeher eigene Zelte auf. Gewaltige Zelte. Repräsentable Zelte. Glitzernde Zelte. Teure Zelte. Wobei – eigentlich müsste es Festzelte heißen.
Denn wer den Planeten im Miniaturmaßstab am Westrand der Hauptstadt durchmisst, wo nahezu jeder nennenswerte Staat der Erde bis auf Ausnahmen wie Nord-Korea den jeweiligen Standort lobpreist, kriegt gleich gegenüber von Schleswig-Holstein vor allem zweierlei gepriesen: Kreuzfahrtschiffe plus Flughafen, beides – wie eingangs erwähnt – besonders fürs Fernweh geeignet. Hinzu kommen Musicals, viele Musicals, eins am anderen. Selbst der stilisierte Stahlhelm des 54er-WM-Singspiels wurde im Bastelmaßstab nachgebaut, 1:72 unter Glas. Etwa fürs Heimweh? Mitnichten! Das hat schließlich, schenkt man Dietrich von Albedyll Glauben, auf einer Reisemesse wie dieser wenig Bedeutung.
Deshalb geht es dem geschäftsführenden Vorstand der Hamburg Tourismus GmbH, kurz HHT, auch gar nicht so sehr um potenzielle Feriengäste, die ab heute die 20 Hallen von Berlin fluten, „sondern um mehr als 6000 Fachbesucher und 1000 Gäste unseres großen Empfangs“, die seine schicken Verkaufsflächen in den Insidertagen zuvor besuchen. Deshalb geht es ihm mehr um jene Besucher, die Hamburgs Tourismusumsatz von sechs Milliarden Euro, an dem gut 100.000 Menschen mitarbeiten, im Hintergrund mehren sollen. Deshalb heißt der aristokratische anmutende Wirtschaftsvertreter mit den Messingknöpfen am blauen Zweiteiler auf der Visitenkarte auch CEO und sein Kerngeschäft Business to Business, also Geschäftsleute für Geschäftsleute. Deshalb lässt sich der Chief Executive Officer fremdenverkehrsbezogenen Stadtmarketings sein B2B an sechs Tagen Messepräsenz auch an die 600.000 Euro kosten. Und deshalb ist das Angebot an Hamburg, mit dem Reisende wie Reiseanbieter hier beglückt werden, auch so, sagen wir mal vorsichtig: inhaltsreduziert.
Während nämlich gleich neun Reedereien den Mietanteil von 500 Euro fürs Stehpult am Rande bis hin zur eleganten Business-Lounge für 20.000 Euro hinblättern, dazu ein Dutzend großer Kulturinstitutionen von Schauspielhaus bis Stage-Entertainment und der Airport mit seiner gediegenen Weißpolsterwelt hinter Milchglas, findet man das, was die Metropole weit nachhaltiger prägt, allenfalls mit etwas Forschertrieb. St. Pauli zum Beispiel.
Dessen subkultureller Charme – ob es die offizielle PR hören mag oder nicht – hat international zwar weniger lukrative, aber weit anspruchsvollere Strahlkraft als alle Cruisecenter und Löwenkönige zusammen. Auf der ITB aber? Reduziert sich die Existenz des Viertels auf ein Faltblatt zwischen, klar, einem Folder zum Thema Kreuzfahrt und einem über homosexuelles Entertainment. Immerhin. Denn die betörenden Gründerzeitquartiere westlich der Alster, weltberühmte Off-Art von Gänge-Viertel bis Park Fiction, zwei zugkräftige Fußballclubs und ein paar mehr der schönsten Großstadtgrünflächen im Land, dazu Reeperbahnfestival, Dockville, der legendäre Mojo-Club – all dies sucht man vergeblich unter einer gigantischen LED-Wand, die Stunde um Stunde ein hochglänzendes Phantom aus gefühlt 2000 Perspektiven zeigt, rauf und runter, mal animiert, mal real.
Gut, so dauersonnig wie auf den quietschbunten Panoramabildern der merkelorangenen Ausstellungsfläche nebenan ist es zwar nicht mal im wetterverwöhnten Mecklenburg-Vorpommern. Und das bettelarme Bremen verdient mittlerweile doch etwas weniger Geld mit der christlichen Seefahrt als die schicken Installationen am Stand gegenüber suggerieren. Aber die konkurrierenden Nordländer werben wenigstens mit etwas, das existiert. Und Hamburg?
Wirbt mit der Elbphilharmonie.
Einer Konzerthalle, die mit viel Glück in zwei Jahren jene Symphoniekonzerte erleben darf, die derzeit in Berlin über all Flatscreens flimmern. Na, vielleicht hilft ja der viele Gratis-Schampus gestärkt beschürzter Kellnerinnen, um den Adressaten so die Sinne zu vernebeln, dass sie schon mal vorab ein paar Tickets ordern. Aber vielleicht hätte man auch einfach mal konsequent sein sollen und den kollektiven Rausch des Wochenendkiezes auf den vereinzelten aberwitziger 789-Millionen-Euro-Projeke übertragen. Kleiner Vorschlag für die ITB 2016: Elbphilharmonie im Maßstab 72:1 für sechs Milliarden Euro Kostenvoranschlag aufs Berliner Messegelände bauen und eine Ladung Punkrockbands aus der Roten Flora über den Cruise Terminal in der Hafencity einschiffen, die sechs Tage lang Musicaltexte mit Kettensägen interpretieren. Die Bundesländer ringsum dürften sich dann darüber beschweren, dass der Hamburger Stand zu laut sei, aber das, erklärt ein HHT-Sprecher lachend, „machen die ohnehin jedes Jahr.“ Hamburg ist schließlich eine große Stadt mit großer Kultur und eindrucksvoller Architektur. Recht hat der Mann. Fragt sich nur, warum er sie dann als kleines Dorf mit angeschlossenem Yachthafen und Kirmeszelt präsentiert.
vorab erschienen unter http://www.zeit.de/hamburg/2015-03/itb-tourismus-hamburg
Posted: March 5, 2015 | Author: Jan Freitag | Filed under: 5 freitagsmusik |
Der Kampf geht weiter!
Jimmy Somerville auf dieser winzigen Bühne in einer Seitenstraße von St. Pauli zu hören, ist schon gewöhnungsbedürftig. Die meiste Zeit seiner langen Karriere hat der Countertenor aus Schottland mit Bronski Beat und The Communards in den angesagtesten Clubs und größten Hallen gespielt – für sein Comeback reicht ihm ein burlesker Stripclub am Rande des Kiezes. Mit Homage (Membran Records) bringt der 53-Jährige am 6. März allerdings nicht nur seine erste Platte seit 2005 raus; er wagt damit auch eine Zeitreise zu seinen musikalischen Wurzeln in der Disco. Begegnung mit einem Weltstar früherer Tage, der seine Zukunft in der Vergangenheit sucht und doch nach vorne schaut.
Interview: Jan Freitag
freitagsmedien: Jimmy Somerville, selbst ausgewiesene Musikfans haben vermutlich jahrelang nichts von dir gehört.
Jimmy Somerville: Ach, vermutlich sind es bei manchen sogar Jahrzehnte.
Ist dein markenbildendes Falsett denn noch immer in Form?
Schon, aber es ist nicht mehr auf dem gleichen Countertenor-Niveau der Achtzigerjahre. Wie jede Stimme ist auch meine älter geworden und kratzt in einigen Oktaven, aber ich komme noch immer überall dorthin, wo ich will. Und das Alter verleiht ihr auch ein bisschen Reife, wie ich finde.
Nur der Stimme oder auch der ganzen Persönlichkeit?
In jedem Fall auch der. Persönlichkeit und Stimme gehören untrennbar zusammen, deshalb mögen diese ganzen Castingshow-Gewächse auch die wunderbarsten Gesangsstimmen haben; Persönlichkeit kommt von ganz wo anders her, unter anderem von Erfahrung und Alter.
Hätte diese Stimme, die ja die Androgynität einer ganzen Kulturepoche mitgeprägt hat, auch in anderen Jahrzehnten, heute etwa funktioniert?
Das ist schwer zu sagen, aber nicht ausgeschlossen. Vor den Achtzigern wäre es wohl schwieriger geworden, da herrschte trotz aller Disco noch weit mehr Machismo in der Musik. Und zum Glück hat die Wirkung einer Stimme nicht immer nur mit ihrem Klang zu tun. Ganz ehrlich: Der hat mir selbst schon immer weniger bedeutet als dem Marketing und vielen Fans. Am Ende ist es bloß die Vibration der Bänder im Hals, mit denen man einen bestimmten Sound begleiten möchte.
Auf Homage erinnert er nun ganz schön an Disco.
Das sind meine musikalischen Wurzeln. Mein neues Album ist daher auch eine Hommage an diese wunderbare Zeit, weit mehr als bei den Communards. Mit denen hatten wir damals auch zurück geblickt in die Musikgeschichte, allerdings in eine Zeit, die mir zwar eine Menge bedeutet hat, mit der ich aber nicht aufgewachsen bin. Soul und Motown haben mich eher aus der Ferne inspiriert, Disco ist Teil meiner Jugend.
Mit 53 Jahren landest du also quasi zwischen Communards und Bronski Beat?
Zeitlich auf jeden Fall. Obwohl sich die Disco heute näher anfühlt als es der Soul der Communards in den späten Achtzigern getan hat.
Hast du deshalb damals so viel gecovert?
Nein, eher gefeiert. Deshalb würde ich es auch gar nicht covern nennen. Ich wollte die fantastischen Lieder dieser Ära eher für die Gegenwart tauglich machen.
Auch verbessern?
Thelma Houston verbessern? Unmöglich! Nein, das kann man nur interpretieren.
Interpretierst du auch auf dem neuen Album so viel wie früher?
Nein, es widmet sich zwar einer anderen Zeit, kommt aber ausschließlich von mir und aus mir heraus. Purer Jimmy. So gesehen ist es neu und alt zugleich.
Kannst du damit denn nochmals den gleichen Einfluss auf die zeitgenössische Popmusik ausüben, wie in den Achtzigern?
Die Frage ist da eher, ob ich das noch will. Damals wollte ich noch viel mehr zum Ausdruck bringen, was mir auf dem Herzen lag. Jetzt ist da viel mehr Spaß drin. Ich will mich wohl fühlen mit dem, was ich tue, und dass andere sich wohl fühlen. Trotzdem hatte alles natürlich auch eine politische Komponente, da kann ich nicht aus meiner Haut.
Politisch besonders im Sinne von Gleichberechtigung und Gay-Rights, nehme ich an?
So ganz frei davon ist nichts, was ein Homosexueller mit meinem Sendungsbewusstsein von sich gibt. Aber auch das war damals natürlich drängender, als große Teile der Gesellschaft uns weit mehr als heute förmlich das Existenzrecht absprachen. Wenn dir so viel Hass entgegenschlägt wie es mir in meinem Leben nur für das widerfahren ist, was ich bin, wenn du also jemandes Feind bist und angegriffen wirst, musst du dich wehren, sonst geht man unter. Das macht den Alltag von so vielen ungewollt politisch, ob sie nun schwarz, schwul, sonst wie anders oder auch nur weiblich sind, also der Hälfte der Weltbevölkerung angehören, die von der anderen Hälfte noch immer benachteiligt wird.
Hat das neue Album eine ähnlich emanzipatorische Stoßrichtung wie die vorherigen?
Schon, aber es ist weit weniger abstrakt als persönlich und handelt vor allem von mir als Mann und Mensch mit all meinen Gefühlen, Ängsten, Wünschen, die immer auch von Gleichberechtigung handeln, aber nicht mehr so verbissen.
Hat sich die Situation für Homosexuelle denn signifikant verbessert?
Absolut. Umgangsformen, Meinungen, die Rechtsprechung vor allem hat sich zum Positiven verändert. Aber da sprechen wir von Großbritannien und dem westlichen Europa. Direkt vor unserer Haustür dagegen, in Polen, Bulgarien, Russland zum Beispiel, ist es nicht nur extrem gefährlich schwul zu sein; die Uhr der Emanzipation wird da auch immer weiter zurückgedreht.
Der Kampf geht also weiter?
Immer. Wenn du anders bist als die Masse, wirst du dein Leben lang kämpfen müssen. Bis in alle Ewigkeit, so leid es mit tut.
Das Interview ist vorab bei http://www.musikblog.eu erschienen
Posted: March 5, 2015 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch |
Wir sind keine Konkurrenten
Bei Mikkelsen denken viele schnell an Mads, der es vom Bond-Bösewicht in die erste Riege des internationalen Films geschafft hat. Dass sein Bruder Lars ähnlich erfolgreich ist, wird da rasch vergessen. Daheim ist der 50-Jährige ein Superstar und dank Serien wie Borgen oder Sherlock auch weltweit geschätzt. Jetzt spielt der Familienvater aus Kopenhagen die Hauptrolle in der europäischen Koproduktion The Team (ab 8. März, ZDF) und ist darin das, was seine Landsleute oft verkörpern: der melancholische Ermittler einer krassen Mordserie. Lars Mikkelsen nennt seine Figur lieber kontemplativ. Ein Interview über Höhenangst, Bruderliebe, deutsche Kollegen und warum er so selten auf Familienfotos zu sehen ist.
Interview: Jan Freitag
freitagsmedien: Lars Mikkelsen, stellen Sie sich vor, Sie wären Harald aus The Team und machen mit Ihrer schwangeren Frau kurz vor der Geburt Urlaub im Traumhotel – würden Sie da kurzfristig für einen Job abreisen?
Lars Mikkelsen: Ich würde mir die Entscheidung wohl etwas schwerer machen als er. Aber in meinem Job sollte man sich jede Absage gut überlegen. Man weiß nie, wann ein neues Angebot kommt.
Haben Sie deshalb schon wichtige Ereignisse wie eine Geburt verpasst?
Das nicht. Aber als ich kürzlich ein altes Familienfotoalbum in der Hand hatte, wurde mir schmerzhaft bewusst, auf wie vielen Bildern ich nicht zu sehen bin, weil ich so viele Geburtstage oder Ausflüge verpasst habe. Immerhin – meinen 50. Geburtstag haben wir voriges Jahr zusammen gefeiert. Aber so ein Beruf lässt sich leider nicht sonderlich gut mit lückenlosem Familienleben koordinieren und wie Harald bin ich Feuer und Flamme für meine Arbeit, was es zumindest bei wirklich wichtigen Filmen schwierig macht, nein zu sagen. Zum Glück ist meine Frau da tolerant.
Würde die Sie wie Ihre Film-Frau womöglich gar bestärken, einen spannenden Auftrag anzunehmen?
Käme auf den Auftrag an. Aber dieses Zuraten ist im Vierteiler ja auch als Zeichen einer erwachsenen, gleichberechtigen, liberalen Beziehung gemeint, die wir führen. Und wenn man wie wir 25 Jahre zusammen ist, scheinen wir ja einiges richtig gemacht zu haben. In so einer langen Zeit bringen beide naturgemäß auch Opfer.
Für The Team mussten Sie noch ganz andere Opfer bringen, zum Beispiel Ihre Höhenangst überwinden.
Oh, in der Tat. Als im Drehbuch stand, dass meine Rolle Bergsteiger ist, dachte ich zuerst, die spinnen. Andererseits hat mich die Vorstellung, so eine konkrete Angst zu überwinden, ungeheuer gereizt. Deshalb kann ich nun dank meines Trainers Leo fast problemlos an einer Felskante stehen. Ich nehme jedoch noch einiges mehr mit vom Set. Mein Deutsch zum Beispiel ist wieder fast so gut wie zu der Zeit, als ich es in der Schule gelernt habe.
Wie war es denn, mit Deutschen, Dänen, Belgiern gemeinsam zu drehen?
Spannend. Ich habe viel über verschiedene Mentalitäten und Arbeitsweisen gelernt. Deutsche zum Beispiel arbeiten hierarchischer als wir Dänen, die besser im Dialog funktionieren, während Belgier eine Art konstruktives Chaos pflegen, das ich selten zuvor erlebt habe. Zusammengenommen haben mir all diese Faktoren ermöglicht, meine Figur mit zu entwickeln, ohne damit alleine gelassen zu werden.
Sind Sie eher diskussionsfreudig oder folgsam, was Ihre Charaktere betrifft?
Beides. Ein Drehbuch ist ein Drehbuch, aber immer auch Ergebnis eines Entwicklungsprozesses. Die Arbeit an einem guten Film endet mit der letzten Seite, nicht der ersten Klappe. In Skandinavien ist das eins der Grundprinzipien jedes Films.
Ist es auch das Geheimnis seines Erfolgs in der ganzen Welt, vor allem in Deutschland?
Es ist ein Geheimnis unter vielen. Sie reichen von den filmtauglichen Romanvorlagen skandinavischer Autoren wie Sjöwall/Wahlöö oder Mankell über das Bedürfnis, realistische Figuren in politisch relevanten Geschichten zu erzählen bis hin zum Dogma, das extrem aufs Schauspiel und seine Botschaft ausgerichtet ist und weniger auf Effekte. Gemeinsam schafft all dies offenbar gute Grundlagen für Dramen, die auch international Interesse wachrufen. Und wenn sich das wie in diesem Fall mit den Fähigkeiten anderer Kulturkreise vereint, kommt schnell etwas Großes heraus.
Welche Fähigkeiten wären das?
Deutsche Schauspieler zum Beispiel sind stärker vom Theater geprägt, dessen Sprache wohl besser zur Bühne passt als jede andere. [Auf Deutsch:] „Sein oder Nichtsein“ – das lässt sich nirgends so eindrücklich aussprechen wie bei euch! Man sollte derlei Stereotype nicht verallgemeinern, aber das Theatralische der Deutschen mit der Liberalität der Dänen und dem belgischen Laissez Faire – das war schon eine besondere Art zu arbeiten…
Und ein Stück gelebter europäischer Gedanke.
Absolut. Weil die Macher von Anfang akzeptiert haben, dass sich die verschiedenen Temperamente auch aneinander reiben werden und somit ein gutes Bild von Europa zeichnen, dessen Länder auch zueinander gehören, ohne gleich zu sein. Deshalb finden die drei Hauptfiguren zueinander, so verschieden Sie auch sein mögen.
Ihrer ist dabei der Typus Melancholiker, den man von vielen skandinavischen Figuren kennt und erwartet.
Ich würde ihn nicht melancholisch nennen, sondern kontemplativ. Darin ist er sogar richtig dänisch: Einer, der anpackt, aber nicht unbedingt die Führungsrolle beansprucht, ein bisschen in sich gekehrt, aber keinesfalls verschlossen.
Ähnelt er darin auch ein wenig Ihnen?
Nicht nur ein wenig. In fast jeder meiner Rollen finden sich Aspekte meiner eigenen Persönlichkeit, aber hier sind sie schon sehr ausgeprägt. Besonders die Ruhe, mit der wir beide an Dinge herangehen, ohne sie schleifen zu lassen – das haben Harald und ich gemeinsam. Wir sind beide Anpacker.
Was sind Sie sonst noch für ein Typ – neidisch womöglich oder eifersüchtig?
Nein, bis auf die Tatsache, dass ich zu viel rauche bin ich eigentlich ganz umgänglich. Warum fragen … ah, ich weiß, worauf Sie hinauswollen. Nein, ich bin weder neidisch noch eifersüchtig auf meinen Bruder (lacht), auch wenn mir das alle Welt immer unterstellt, weil er mal der Bond-Bösewicht war. Ernsthaft: ich wünsche Mads alles erdenklich Gute im Beruf und bin mir sicher, er wünscht es mir ebenfalls. Auch wenn viele da gern was Aufregenderes hören wollen: Wir sind keine Konkurrenten, sondern Brüder, die sich bei jeder Gelegenheit helfen.
Wie beim allerersten Film, den Sie gemeinsam gedreht haben?
Sie meinen die Serie The Unit?
Eher Café Hector vor fast 20 Jahren.
Ein Kurzfilm, stimmt, über das ausschweifende Leben reicher Leute.
Haben Sie darin Brüder gespielt?
Nein. Und wir hatten auch in Unit One nur eine gemeinsame Szene. Das war’s. Schade eigentlich. Wir beide suchen nach einem guten Drehbuch, in dem wir miteinander spielen könnten. Einmal gab es eins, doch das haben wir terminlich nicht hingekriegt. Aber ehrlich: Ich bin nicht neidisch auf seinen Erfolg.
Was bedeutet Ihnen Erfolg, den Sie beruflich dank Serien wie Sherlock oder Kommissarin Lund ja längst auch international haben?
Materiell bedeutet er mir so wenig wie Popularität. Aber Erfolg heißt ja auch, die Chance zum Arbeiten an spannenden Projekten zu kriegen. Nur dank neuer Aufträge kann man auch besser werden als bei den alten, und da ist ein guter Name überaus hilfreich. Dafür musst du immer in Bewegung bleiben und in alle Richtungen denken.
Denken Sie da eher in Richtung Serie oder Film?
Das ist eine ziemlich deutsche Frage (lacht). Fiktion aus Dänemark ist unter anderen auch deshalb so erfolgreich, weil wir da keinen Unterschied machen.
Und wann kehren Sie auf die Bühne, wo Ihre Karriere einst begann, zurück?
Hoffentlich bald. In den letzten Jahren hatte ich dafür keine Zeit. Aber ebenso gern würde ich mehr in anderen Sprachen drehen. Da ist ein Projekt wie The Team toll, aber ich zähle nicht zu den Schauspielern, die alles im Voraus planen. Ich lasse Dinge gern auf mich zukommen.
Posted: March 3, 2015 | Author: Jan Freitag | Filed under: 3 mittwochsporträt |
Familienbanden
Til Schweigers Töchter brauchen weder Talent noch Handwerk, um im deutschen Film zu Stars zu reifen. Seine jüngste Emma schafft es dank Vatis Protektion nun sogar an die Seite von Johannes B. Kerner in die Samstagabendshow Das Spiel beginnt! Doch nicht nur bei den Schweigers überwiegt der klingende Namen sonstige Qualitäten.
Von Jan Freitag
Vitamin B. ist ein diskreter Wirkstoff. Wer es dank guter Beziehungen aufwärts bringen will, schluckt die karrierefördernde Pille und schweigt. In Film und Fernsehen stößt die heimliche Verabreichung indes an natürliche Grenzen: Name, Aussehen, Gestus, Stimme – Schauspielerkinder berühmter Schauspielereltern können ihre Herkunft oft schwer verbergen. Wenn sie es denn wollen. Emma Schweiger will nicht.
Wenn sie es denn könnte.
Schon bei der Anrede rauscht es ja in den Ohren der Medienwelt. Schweiger: Superstar, Superregisseur, Superproduzent, Superselbstvermarkter. Superfremdvermarkter. Vor allem seiner Töchter. Alle drei sind ja fett im Geschäft, besonders Emma, die jüngste, noch keine 13, schon zehn Jahre vor Kameras, gern im Dienste von Papas eigenem Filmimperium Mr. Brown Entertainment, das sie mit Luna und Lilli Richtung Ruhm päppelt.
Noch im Brabbelalter hat das Nesthäkchen Schweigers Barfuß geziert, bis zwei Jahre drauf die erste Sprechrolle (Keinohrhasen) hinzukam und seither in keinem Blockbuster des Patriarchen verstummte. Zweimal durfte sie sogar schon ohne väterliche Patronage mitspielen. Doch nur wenige Monate vorm Sprung zum Teenager, der die Verwertungslogik empfindlich stören könnte, wird das väterliche Einflussgebiet um die Hauptklimazone deutscher Massenbespaßung erweitert: Emma Schweiger moderiert eine TV-Show.
Und zwar nicht irgendeine: Das Spiel beginnt!, Samstagabend, ZDF, Gottschalkzone, nur an der Seite von Johannes B. Kerner, dem letzten großen Stammeshäuptling am erlöschenden Lagerfeuer der Fernsehnation, und beim Zusatz Große Show von 3 bis 99 dürften selbst Waldmeistergummibärchen erblassen. Vor Neid, vor Scham. Emma S. mag hier ja vier Stufen die Lebenslaufleiter auf einmal nehmen – noch vorm sichtbaren Einsetzen der Pubertät eine so profane wie aufgeblasene Kulleraugensause um mehrzweckhallengroße Brettspiele zu präsentieren – mit Verlaub: das muss den Fratz fürs Leben versauen wie so viele ihrer Altersgenossen unterm Brennglas des Rampenlichts, hießen sie nun Macauley Culkin, River Phoenix oder Tatum O’Neal. Aber wir wollen es nicht beschreien, was dem Spross des larmoyanten Spaßfabrikanten neben den üblichen Panelpromis von Veronica Ferres bis Bülent Ceylan widerfahren könnte. Wir wollen uns stattdessen der Mechanik einer Branche widmen, in der Til Schweigers Vetternwirtschaft nicht Ausnahme ist, sondern Regel.
Denn so wie der erfolgreichste Vetternwirt drei seiner vier Abkömmlinge siebzehnmal in Eigenprodukte geschleust hat und mehrfach in fremde, so halten es auch viele seiner Kollegen. Der Ex-Kinderstar Fritz Wepper zum Beispiel hat Tochter Sophie 1991 bereits als Zehnjährige zwischen die Kommissaren Klein und Derrick geklemmt, ein Schraubstock, dem sie auch mit 33 kaum je entkommen ist. Ähnliches gilt für Wolfgang Stumphs Stephanie, Robert Atzorns Jens, Martin Semmelrogges Justin. Und da ist noch nicht mal von Familie Ochsenknecht die Rede, der es geschafft hat, zwei optisch, nun ja, ungewöhnliche Jungs mit realsatirischen Echtkünstlernamen Jimi Blue und Wilson Gonzales bar jeden schauspielerischen Geschicks, gar Handwerks zu lukrativen Stars des Kinderkinos zu machen, mit ersten Ausflügen in das der Altvorderen.
Hierin ruht allerdings – abgesehen von ehrbaren Dynastien à la Millowitsch, Hörbiger, Thalbach oder erblich belasteter Ausnahmetalente wie Hannah Herzsprung – auch das einende Element vieler Steigbügelgören des heimischen Films: Es sind keine Schauspieler! Und falls praktische Beharrlichkeit etwas in diese Richtung bewirkt, sind es allenfalls schlechte, Tendenz miserable. Der beste Beweis heißt Luna. Wie im richtigen Leben spielt sie am Hamburger Tatort Til Schweigers Älteste und ist damit trotz des Realitätsbezugs so heillos überfordert wie zuletzt Berti Vogts als Kommissar Stoevers Zeuge 1999 am gleichen Drehort.
Dass sie und ihre namensprivilegierten Kollegen am Rande der Kompetenzverweigerung dennoch reihenweise gut dotierte Kameraeinsätze haben, folgt demnach einer Mixtur aus Nepotismus, Niedlichkeitsfaktor und Hamsterradmentalität. Emma Schweiger – seien wir fair! – ist in all ihren wahrnehmbaren Einsätzen seit Keinohrhasen so süß wie der Honig im Namen ihrer aktuellen Komödie. Sie kann, beteuern sämtliche ausgebildeten Begleiter dieser lebenslangen Karriere pflichtschuldig, ganze Sets mit ihrer Herzlichkeit bereichern. Und fraglos wird sie das nächsten Samstag auch an der Seite des Vaters von vier leiblichen und Millionen zuschauenden Kindern (JBK) tun. Ein echter Sonnenschein eben. Nur würde ihn niemand außerhalb ihres Sichtfeldes je spüren, hätte sie die handelsübliche Prozedur aus Castings, Vorsprechen, Agentureintrag über sich ergehen lassen.
Doch eine Schweiger braucht kein Management; es reicht die Marktmacht des Vaters, der schon mal vom eigenen Filmpreis faselte, weil ihm außer banalen Bambis partout kein anständiger in die Hände gerät, dank gewaltiger Zuschauerzahlen all seiner Filme aber derart einflussreich ist, dass er für den plumpen Slapstick unter eigener Regie reihenweise Charakterdarsteller gewinnt. So einer darf alles. Sogar seine radebrechenden Kids mit Drehzeit versorgen, von der begabte Darsteller nur träumen können. Ihm nachzuweisen, dass er auch bei Kerners Brettspielshow die Finger im Spiel hatte, bedarf da gar keines Beweises. Til Schweiger hat das nicht mehr nötig. Die nehmen Lunalilliemma auch so.