Das Molotow & Hamburgs Clubsterben
Posted: February 1, 2014 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a commentClubkulturkampf
Am Popstandort Hamburg wird noch jeder kleine Kellerclub planiert, sobald die große Eventkultur mehr Rendite verheißt. Das Ende des Molotow ist da nur die nächste Etappe zur Ballermannisierung der einst wichtigsten deutschen Musikstadt. Ein Abgesang.
Von Jan Freitag
Vielleicht ist es ja hier, das Epizentrum eines Bebens, das die Subkulturen ganzer Stadtlandflussgebiete hinwegfegt. Vielleicht dreht sich das Auge eines Sturms, der das trübe Sein des Undergrounds unterm Schein glitzernder Massenevents begräbt, hinter dieser Hauswand. Sie steht zwischen zwei Institutionen der Reeperbahn und somit für vieles, was die Stadt so toll, so furchtbar macht. Zwischen zwei Häusern des Schmidt-Theater ragt die pinkweiße Fassade empor. Hamburger Gründerzeit, stolze Architektur. Doch statt des Etagenclubs Cocoon, der im umliegenden Aberwitz für etwas Off-Art gesorgt hatte, ist dahinter nun – nichts. Nur Wiese, Abfall, Ödnis. Wie in der frischen Baulücke am benachbarten Rockschuppen Docks, der vor allem Flatrate-Partys veranstaltet. Symbolischer geht’s kaum.
Denn Hamburg – die Pop- und Beatles-Stadt, die Rock-, Punk- und Schul-, die Brotedelayblumfeldzitronenschamonibegemann-Stadt der 1000 Läden, Schuppen, Kaschemmen, wie sie Christoph Twickels gleichnamiger Interviewband rühmt – dieses Hamburg ist mindestens hinfällig, zusehends hirntot, demnächst verblichen? Es mag Zweckpessimismus sein, den subkulturellen Untergang am Elbestrand nur laut genug beklagen, damit er doch nicht erfolgt. Aber nun wurde gleich neben der trügerischen Hausattrappe ein weiterer Grabstein der lokalen Independentkultur gesetzt: Dort wo das berühmte Molotowjungen Bands von Vampire Weekend über die White Stripes bis zu The Hives eine erste Bühne bot, entsteht die nächste Edelimmobilie fürs ortsübliche Plastikentertainment. Kurz vor Weihnachten wurden die umkämpften Esso-Häuser wegen angeblicher Einsturzgefahr geräumt und das Molotow gleich mit. In einer Nacht- und Nebelaktion. Nach 25 Jahren.
Das könnte man so hinnehmen. Clubs kommen, Clubs gehen wie die Gäste darin, und bevor eine Band namens Metallica das Docks vor 20 Jahren den „verdammt besten Klub der Welt“ nannte, befand sich darin das verdammt älteste Kino im Land. Städte sind Orte dauernder Veränderung. Wie Bodenversiegelung und Frühstau ist ihr Umbau ein urbanes Strukturmerkmal. Doch Hamburg macht keinen Wandel durch, „Hamburg ist hermetisch“, wie es Tino Hanekamp ausdrückt. „Eine verkaufte Stadt, wo nichts Wildes mehr wachsen kann“. Er muss es wissen.
Mitte des vorigen Jahrzehnts, als es noch Restluft, Raum und Mietpreise gab, um im Strasscollier der Massenbespaßung echte Perlen zu fischen, hat der Mittdreißiger Kiezinstitutionen wie das famose Uebel & Gefährlich eröffnet. Doch wo Hanekamp das elektroalternative Clubtriumvirat aus Phonodrome, Click und Echochamber noch ohne größeren Widerstand um die plüschig-illegale Weltbühne erweitern konnte, steht nun eine Privatklinik. Die Liste der Streichungen ließe sich fortführen. Das Kir, in dem die Sisters of Mercy ihre Weltkarriere starteten: Wohnblock. Onkel Pö, wo der deutsche Jazzrock bis in die Achtziger Selbstbewusstsein tankte: Kettenrestaurant. Powerhouse, Spielfeld berühmter DJs: Luxushotel. Madhouse, das Disco-Denkmal in Citynähe: Edelkaufhaus. Hafenklang-Exil, Off-Art-Eldorado auf Zeit: IKEA. Und die nächsten auf der Abschussliste: Astrastube, Fundbureau, Hasenschaukel, die gerade auf einer trotzigen Verleihungsparty den Hamburger Clubaward gewann. Ja selbst das gute alte Logo scheint in Gefahr. Das Siechtum, wie Hanekamp es nennt, geht weiter. Doch das größte Loch, meint Sven Herwig, „reißt das Molotow“.
Und auch er muss es wissen. Wenn aufstrebende wie etablierte Bands mittlerer Kategorie einen Ort für 300 Gäste suchten, war der Club erste Adresse. „Das fehlt jetzt“, sagt Herwig in seiner Dependance des britischen Beggars-Labels, an dessen Wänden goldene Schallplatten von Adele zeigen, wie Indie funktioniert: Masse finanziert Klasse. Das war in Hamburg nicht anders, früher. Durch die Planierung mittelkleiner Hallen à la Molotow und mittelgroßer wie der Ernst-Merck-Halle fehlen jedoch die Kapazitäten knapp über Punkrock im Störtebeker für 100 Leute und klar unter der O2World.
Einst war die Clubszene stolz, dass Blockbuster von Turner bis Cocker mangels Großhalle einen Bogen um Hamburg machten; jetzt, erklärt Hanekamp, gehen coole Band „notgedrungen nach Leipzig oder Berlin, weil es hier keine neuen Räume für Clubs mit experimentellerem Ansatz gibt“. War Hamburg früher oft Pflichttermin, belegen viele Booker die Stadt heute nur, wenn sie günstig auf der Route liegt. Das ist längst nicht immer der Fall. Offenbar pfeift da also einer etwas im Wald, wenn Andi Schmidt tapfer verkündet, sein Club mache auf der Suche nach Alternativen „nur Pause“. Die tapfere Mischung aus Idealismus und Zuversicht, mit der der ergraute Idealist das chronisch klamme Molotow seit 20 Jahren leitet, könnte allerdings an Grenzen stoßen. Bislang galt für maximal 350 Gäste eine Konzession mit dem lässigen Brandschutz aus Eröffnungszeiten; für diese Zahl bräuchte er 2014 gleichwohl weit mehr Platz – ohne auch nur einen Cent mehr Miete zahlen zu können. Da hilft eigentlich nur noch, was Kollege Hanekamp fordert: Hausbesetzungen. „Am besten in all die leeren Bürogebäude.“ Da müsse man rein. Wie einst seine Weltbühne in ein altes Kaufhaus.
Doch auch das wäre derzeit luxussaniert, bevor das erste Transparent aus dem Fenster hängt. Und ein Ausweichen in andere Viertel scheitert entweder an den Anwohnern, die selbst zwischen Kiez und Schanze den Radical Chic mögen, aber abends in Ruhe fernsehen wollen. Oder am Publikum, das in Hamburg scheinbar bequemer ist als andernorts. Wer aus Sicht von Sven Herwig in den angesagten Vierteln wohnt, „sieht schon die Markthalle als Provinzclub“. Weil vielen also schon der Weg zum früheren Hardrocktempel am Hauptbahnhof zu weit ist, sterben mit den Kiezbühnen die der ganzen Stadt.
Hamburg hatte nie den Schwabinger Glamour, nie die Kreuzberger Strahlkraft, keinen Bowie, Moroder, Mercury. Hamburg war stets alternative Wühlarbeit zwischen Hanseatenstolz und Nischenkultur. Bis in die Neunziger öffnete sich schon irgendein Fenster, falls mal ein altes verrammelt wurde. Es war „wie in Ost-Berlin“, schwelgt der Pudel-Club Betreiber Schorsch Kamerun in Erinnerungen, „nur mit mehr Puffs“. Doch so sehr das offizielle, blankgeputzte, gefahrengebietsichere Pfeffersäckehamburg auch mit Rotlicht und Blaulicht, Kiez und Party, Reeperbahnfestival und Gängeviertel wirbt, so wenig versteht es das Wesen der Clubkultur. Seit jeher. Schon der berühmte Starclub wurde „mit allen Mitteln bekämpft“, wie Andi Schmidt weiß. Und heute? Liegt die Wahrheit bei Wikipedia. Musicals füllen da unterm Stichwort Hamburg ein eigenes Kapitel. Clubs finden sich dort keine.
Der Text ist bei ZEIT-Online erschienen unter http://www.zeit.de/kultur/musik/2014-01/hamburg-clubsterben-gentrifizierung
Fernsehhotels: bodenständig & nobel
Posted: January 30, 2014 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentLuxus für alle
Wenn Hotels in Film und Fernsehen zu Hauptdarstellern werden, sind es meist Nobelherbergen wie in der spanischen Hochglanzserie Grand Hotel, die ab Dienstag im Disney Channel läuft. Oder aber sie sind schwer sanierungsbedürftig. Dazwischen gibt es fast nichts. Eine kleine Reise durch die Fernsehgastronomie.
Von Jan Freitag
Die Welt der Wirtschaft, sagen zugehörige Wissenschaftler, verläuft in Wellen. Aufschwünge folgen stets Abschwüngen und umgekehrt, es ist ein einziges Wogen wie er Ozean im Herbststurm. Nachdem die Kurve zuletzt in kurzer Folge heftig bergab ging, weist sie nun wieder sachte aufwärts. Schuld am Sturzflug waren Spekulanten, Heuschrecken, Banken, Finanzminister, die Bösen also. Man zählt sie zur New Economy, die im Gegensatz zur Ökonomie alter Prägung angeblich weniger Werte kennt, weder Ethik noch Moral. Doch ganz gleich ober Auf- oder Abschwung, Boom oder Baisse, Millionenboni oder jump you sucker – offenbar nächtigen ihre Geschäftsreisenden ausnahmslos in Designausgaben edler Hotelketten, nicht in traditionellen Kästen wie dem Lindbergh in Berlin.
Was auch daran liegt, dass es der Phantasie des ZDF entstammt und 2006 unterm Titel Fünf Sterne für Quote sorgte. Über mehrere Jahre kennzeichnete dieser Luxusklotz einen Stil, der die Kritik am rüden Kapitalismus von heute gewissermaßen gastronomisch flankiert: wann immer Hotels im Fernsehen Hauptrollen spielen, um mit einem „Grand“ vorweg Nostalgie und Würde zu verkörpern, werden sie zu Nischen einer Marktwirtschaft, die noch für Wärme sorgt. Das ist im fiktiven Grand Hotel der fiktiven Beherbergungsdynastie Alarcón in einer fiktiven Stadt namens Cantaloa nicht anders. Nächsten Dienstag startet die träumerische Serie aus dem krisengeplagten Spanien zur besten Sendezeit beim krisenfest traumwedelnden Disney Channel und es geht dabei um ein Fin de Siècle, das vor allem glitzert. Das schön ist. Prunkvoll ist. Telegen ist. Und voller Hoteliers, die es gut meinen mit dem Gast und der Welt ringsum.
Denn so wie Familienunternehmen gegenüber Vorstandskonzernen gütig, fürsorglich, ja: selbstlos daherkommen, stehen TV-Hotels im gediegenen Beherbergungswesen stets für Kundennähe und Liebreiz. „Europas alte Residenzen sind keine anonymen Glas- und Glitzerpaläste, sondern bieten die feinste Kulisse für Leidenschaften, Politik und Kunst“ – so kündigte die ARD mal ihre anbiedernde Dokumentarreihe Menschen und Hotels an und schilderte elitistische Häuser vom Brenners Park in Baden Baden bis zum Londoner Savoy als solche „mit Tradition und Geschichte“, in denen „Könige und Präsidenten, Musiker, Maler, Stars oder Sternchen“ übernachtet hätten.
Macht und Ruhm, Tradition und Geschichte – schöne alte Welt. Im Lindbergh verteidigt sie der Namensgeber gegen den skrupellosen Investor: erst bei einem edlen Tropfen im burgartigen Weinkeller und schließlich per Faustkampf. Aug in Aug mit bloßen Renditeerwartungen erscheint die Hemdsärmeligkeit echter Kerle plötzlich als ebenso seriös und praktikabel wie überbordender Luxus. Das durfte zuletzt Heinz Hoenig als Chef eines Hamburger Spitzenhotels im ARD-Zweiteiler Rose unter Dornen belegen, das findet sich im spanischen Grand Hotel, wo sich edle Betreiber unablässig finsterer Intriganten erwehren müssen, die das behagliche Haus auf Rendite trimmen wollen. Kein Wunder, dass Hotelserien Produkte der krisenhaften Siebzigerjahre sind. Zwischen Ölkrise und Massenarbeitslosigkeit entstand Hallo, Hotel Sacher, Portier und setzte der realen Hektik 1973 das plüschige Wiener Denkmal entgegen, dessen Standestreue so arglos war wie im Haus am Eaton Place zur gleichen Zeit. Auf einmal wirkte die Klassengesellschaft so behaglich, dass unter Vernachlässigung exorbitanter Zimmerpreise, elitärer Atmosphäre und sozialer Hackordnungen eine Reihe fürstlicher Gasthöfe zu Drehorten wurden. Vom britischen Hotel in der Duke Street ab 1978 über Arthur Haileys 105-teiliges Hotel der Achtziger bis hin zum exotischen Hotel Paradies, Roy Blacks Schloss am Wörthersee oder girl friends im Folgejahrzehnt. Stets waren die Häuser Projektionsflächen einer telegenen Mischung aus Glamour und Arbeit, Hierarchie und Luxus, Dienstbarkeit und Muße, Alltag und Urlaub.
Die Zuschauer sehnen sich nach Bodenständigkeit und Überfluss in einem. Sie möchten nur kurz am Jet Set der Klatschpresse schnuppern wie all jene Touristen, die von livrierten Portiers freundlich am Betreten des Adlon gehindert werden. Aber wer dank exorbitanter Preise leider draußen bleiben muss, dem bleibt ja als Ersatz noch die Vielzahl an Dokumentationen über Berlins teuerste Adresse oder jenes opulente Melodram in Starbesetzung, mit dem das ZDF Deutschlands berühmtester Herberge Anfang vorigen Jahres einen werbewirksamen Dreiteiler schenkte, der Das Adlon samt seiner Inhaber in weichgezeichnetes Wohnstubenlicht tauchte.
Was beweist: Das Thema reizt. Und damit es nicht zu sehr abhebt, checkt manch Ottonormalverbraucher in vielen Formaten zwar ein paar Sterne über seinem Kreditrahmen ein. Doch wenn der schwäbische Angestellte bei einer mühsam ersparten Silberhochzeitsreise auf dem Traumschiff die Augen aufreißt vor Glanz und Gloria und Wunderkerzen beim Captain’s Dinner, ist er sich seiner Wurzeln eben doch stets bewusst. Und um auch seinem Geldbeutel gerecht zu werden, begab sich der NDR mal in die Tiefen der Mittelklassehotellerie und möbelte im Coaching-Format Retten Sie unser Hotel Familienbetriebe mit Namen wie Tannengrund auf. Am Ende träumt der gemeine Gastronom ja doch vom eigenen Haus für die Schönen und Reichen. Der Kunde will es so. Und der Zuschauer erst recht.
Kitzbühel: Die Königin der Streif
Posted: January 25, 2014 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a comment
Miss Kitz
Kitzbühel ist Signe Reisch! Ohne deren Familie wäre das Herz des alpinen Sports noch heute ein Dorf, der Zielhang des weltgrößten Skirennens gehört zu ihrem Hotel, nun ist sie sogar Tourismuschefin. Eine Begegnung mit der mächtigsten Frau des Tiroler Winters.
Von Jan Freitag
Mausefalle, Hausbergkante, Lärchenschuss – es gibt Worte, die lösen selbst in Wintersportmuffeln etwas aus. Und dann erst diese: Kitzbühel, Hahnenkamm, Streif. Wen das kalt lässt, stammt offenbar aus Wüstenregionen. Wobei selbst dort noch viele kennen dürften, wohin Signe Reisch mit großer Geste zeigt. „Da oben kommen sie ums Eck“. Traverse, Rechtsschwung, Zielschuss, „direkt auf uns zu“. Es braucht zwar noch etwas Phantasie, um sich hier, auf sattgrünem Gras, das weltwichtigste Skirennen vorzustellen. Doch es endet jedes Jahr vor Signe Reischs Füßen, an ihrem Hotel, dem Rasmushof. Mit 120 Sachen! Die kleine Frau mit den strammen Waden lacht durch den ganzen Körper. „So schnell bin nicht mal ich.“
Dabei fährt wohl keiner sonst die Strecke so oft wie sie. Mit 57 Jahren fällt ihr das Gehen zwar zusehends schwer, das sagt sie selber. Doch auf den Brettern, die auch ihre Welt bedeuten, rast die Anwohnerin auch Steilpassagen rasant zu Tal. Und das jeden Morgen, sobald die Schneekanonen feuern. Mit dem ersten Lift geht’s rauf und in vier Minuten Fahrt hinunter, zweimal sogar. Frühsport vor der eigenen Haustür. Schließlich ist es ihre Streif, irgendwie. Auch, wenn sie das so nicht sagt. Na ja, so sagt sie es, „uns gehört ein Teil des Zielhangs“. Wenn Signe Reisch wollte, wär’s rasch vorbei mit der Streif. Nur: warum sollte sie wollen? So wie das Rennen vom Rasmushof profitiert, profitiert der vom Rennen. „Eine win-win-Situation“. Wieder zeigt ihr Arm bergan, zur stilisierten Gams rechts der Piste, dem Logo Kitzbühels, jenem Ort, der ohne ihre Familie ein anderer wäre. Für diese These braucht man nur durch den Ort zu gehen, vom Rasmushof an Hermann-Reisch-Saal und Reischfeld vorbei zum Hermann-Reisch-Weg, rechts auf die Franz-Reisch-Straße zur Altstadt, wo man Reisch Bar und Sporthotel Reisch zur Linken auf die Kanzleien von Klaus und Roland Reischs stößt. Kitzbühel ist Reisch-Reich, das spürt man überall.
Und gegründet hat es, wenn man so will, Signe Reischs Urgroßvater Franz. Vor 120 Jahren importierte der spätere Bürgermeister das erste paar Skier ins Dorf. Es war die Geburt der größten Manege im Schneezirkus. All die Helden-, Reise-, die Promigeschichten – ohne ihn und seine Nachfahren gäbe es keinen Skisport, ohne Skisport keine Streif, ohne Streif kein „Kitz“, nicht in dieser Form. So lautet hier die Gleichung. „Ach Gott“, winkt Signe Reisch ab, doch was sie dann sagt, sagt viel aus über ihr Selbstbild: „Hätte Steve Jobs das iPhone nicht erfunden, hätt’s irgendwann ein andrer getan“. Klingt bescheiden. Doch ein Vergleich zum Apple-Gründer, das bedarf einiger Chuzpe, mancher würde sagen: Arroganz. Hinter vorgehaltener Hand gar: Größenwahn. Und vorgehaltene Hände gibt es viele in Kitzbühel. Aber dass sie kritische Worte dämpfen, spricht ja bereits für die Größe des Namens. Reisch wird ja im selben Atemzug mit den Sailers genannt, den Hinterseers, den Ortsgranden eines grandiosen Orts.
Kein Wunder, dass die Attribute anschwellen, fragt man, wer für Kitzbühel besonders wichtig sei. „Die Familie hat enorme Bedeutung“, sagt der Bürgermeister und lächelt fein in seiner Kanzlei am Rande der Altstadt. „Ganz ernorm“, steigert der Schumacher die Relevanz der Sippe. Auch der junge Buchhändler, die wichtige Skiclubsprecherin, der rührige Tourismusobmann, die kritische Lokalblattchefin – alle stimmen ein: Was „die Signe“ am Rande Tirols darstellt, was sie bewegt, sei schon, genau: enorm. Das weiß sie selber. Sie spricht es sogar aus. Offen, laut, oft hart, aber herzlich. Eine Stunde Abendessen in ihrem urigen Viersternehaus gleicht einem Schnellkurs in touristischer Durchschlagskraft. Wo sonst der Stammtisch tagt, wechseln sich Businessprech und Heimatbegriffe, „Alleinstellungsmerkmale“ und „unser aller Erbe“ ab. Das heißt Kitzbühel. Vor allem aber heißt es Reisch: Uropa Franz – „Imker, Kaufmann, ein Visionär“, Sohn Hermann – „was der für den Fremdenverkehr bewegt hat!“, Klaus Reisch – „der Papa“, wie sie den Anwalt von 84 Jahren nennt, „Kitzbühels Doyen“: von all denen habe sie das Gen geerbt, sich stets grade zu machen. Als eins von sieben Geschwistern mit nur einer Zahnbürste ebenso wie als Gastronomin in einer Männerdomäne. In einem Männerland. In Tirol.
„Darauf bin ich schon stolz“, sagt sie bei Tofugeschnetzeltem und erzählt vom elterlichen Gasthof, den sie seit 1974 zur noblen Ganzjahresdestination mir 59 Zimmern gemacht hat. Sie erzählt vom Museum, das sie 2001 nach zehn Jahren neu eröffnen ließ, von Hausaufgaben, die sie fürs Unternehmerdiplom der Hoteliersvereinigung kriegt, vom Newsletter, den sie pflegt, von Gremien, Präsidien, Vereinen, denen sie vorsitzt. Und wie sie beim Aufzählen eine Angestellte bittet, „den Vorhang da, Gesine, den machst noch mal“, und das „Bitte“ bei allem Wohlwollen schwer nach „Zackzack“ klingt, da fragt sich: Geht es Signe Reisch um Macht oder Einfluss? Letzteres, betont sie ernst. „Weil man ersteres erzwingen muss.“ Einfluss könne man sich nehmen. Jetzt hat sie wieder zugegriffen. Der Tourismusverband wählte seinen Obmann, Signe Reisch wollte, dass es eine Obfrau wird, dass es also nicht Christian Harisch bleibt, dass eine gewinnt, die anders als ihr Hotelierkollege beide Seiten des Fremdenverkehrs „a bissl zusammenführt“: Platzhirsche und Neulinge, Familienbetriebe und Kettenhäuser. Die Rasmushöfe und Kempinskis oder Arosas mit ihren Luxussuiten. In denen sieht Signe Reisch zwar heute durchaus eine Chance für Kitzbühel. Eins davon nennt sie jedoch beharrlich „Russenhotel“.
Das kommt an: Weil ihr das Herz auf der Zunge liegt und die Zukunft am Herzen, weil sie konservativ ist und kosmopolitisch, weil Signe Reisch das handbemalte Barockfassaden-Kitzbühel von einst, als Weihnachten einige Hundert Gäste kamen, ebenso vertritt wie jenes Glas-Stahl-Kitzbühel von heute, das ganzjährig Hochsaison feiert, wird Tirols Touristenmagnet nun von ihr repräsentiert, der neuen Obrau, Signe Reisch. Bevor dieses Hybrid zwischen Jetset und Bauernstolz vom streng frisierten Kraftpaket im Businessdirndl repräsentiert wurde, hatte es allerdings „den Papa in Kenntnis gesetzt“. Natürlich. „Aber der fand’s gut“. Sagt die Signe. Und die Leute? Vermitteln die übliche Mixtur aus Nähe und Distanz zur einflussreichsten Frau weit und breit. Barbara Thaler, Sprecherin des Streif-Veranstalters, schiebt statt zu sprechen den Bildband „100 Jahre Kitzbüheler Ski Club“ über den Schreibtisch. „Das ist ein anderes Kapitel“, sagt der alteingesessene Schumacher Herbert Haderer in seiner rustikalen Werkstatt. „Na ja…also…werd’n ma seh’n“, sagt der älter eingesessene Schneider Franz Prader zwischen Fotos mit Weltstarwidmung und Windjacken für 8700 Euro. „An der Verdrängung kleiner Läden wie unserem kann auch sie nix ändern“, sagt Alteingesessenenenkel Oliver Haertel im letzten Buchladen am Platze und nennt als Beispiel die Schließung der Metzgerei Fuchs, wo sich das Dorf morgens zum Schwatz traf und mittags zur Vesper. „Signe ist schon recht“, sagt Elisabeth Pöll vom Kitzbüheler Anzeiger, „die ist qualifiziert und stets im Hotel anzutreffen“.
Aber ob sie vermittelt, dass Kitzbühel für alle da ist? Ausgerechnet Signe Reisch, die im Zielhang sommers einen Golfplatz betreibt und den fünften Stern nur aus Trotz nicht mehr will? Die ihre Balkone mit Zielblick auch beim 73. Hahnenkammrennen für Leute à la Bernie Ecclestone reserviert und kulinarisch mit dem „Red Bull“ versorgt, das dem früheren Skilehrer der Reischs Dietrich Mateschitz angeblich den Namen seiner Brause lieferte? Die einen Mangel an Diplomatie einräumt und so dynastisch denkt, dass ihre Ehe, wie sie freimütig erzählt, auch an mangelnder Hingabe ihres Manns für die Hotelkarriere der drei Kinder gescheitert sein soll? Meistens herrscht da Ratlosigkeit. Ein Zustand, den Signe Reisch meidet. Der Sonntag erwacht, ein herrlicher Morgen, für sie ist es einer wie immer. „I bin scho mit dem Papa ummi ganga“, ruft sie vom 9. Loch, wo nun das VIP-Zelt steht, zum Hotel. Die Außendeko brauche noch Feinschliff, trägt sie zwei Schülern auf. Den Bäumen fehle Farbe, dem Boden Licht. „Macht’s ihr des?“ Klingt fast wie eine Bitte.
Blacklist: Oberfläche & Anspruch auf RTL
Posted: January 23, 2014 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentDr. Brody und Mr. Lecter
Mit The Blacklist läuft seit dieser Woche dienstags um 21.15 Uhr bei RTL eine Agentenserie, die wie so oft das Schlechteste an RTL zum Ausdruck bringt, aber auch eine Art Hoffnungsschimmer, der Sender könnte unterm neuen Geschäftsführer doch so was wie seriös werden.
Von Jan Freitag
Diego Klattenhoff kann nichts dafür. Er macht seine Sache hervorragend, wie immer eigentlich. Sein FBI-Agent Donald Ressler steht seinem US-Army-Captain Mike Faber in kaum einer Weise nach. Der kanadische Schauspieler kann also Geheimdienstler ebenso wie Soldaten, weil er die fein justierte Männlichkeit anspruchsvoller Action-Charaktere mit einem wunderbar empathischen Gesicht verfeinert, das je nach Bedarf steinhart oder butterweich werden kann. An Diego Klattenhoff liegt es also nicht, dass die neue RTL-Serie The Blacklist trotz vergleichbarer Herkunft, Dramaturgie, Ausstattung und Mittel irgendwie nicht an die grandiose Sat1-Serie Homeland heranreicht. Das hat andere Ursachen. Sie sind vor allem äußerlicher Natur.
Denn die Geschichte vom gesuchten Terroristen Ray Reddington (James Spader), der sich freiwillig stellt, um aus Gründen, die das Drehbuch erst nach und nach preisgibt, mit der Nachwuchsprofilerin Liz Keen (Megan Boone) eine schwarze Liste anderer Terroristen abzuarbeiten, ist eigentlich so klug wie spannend – wäre da nicht diese dauernde Effekthascherei. Schon die heutige Pilotfolge steigt gleich zu Beginn mit jenem dräuenden Da-passiert-gleich-was-Sound ein, der auch die restlichen 21 Episoden keine Sekunde verhallt. Visuell wird alles ebenfalls unablässig überdreht. Kein Licht wirkt natürlich, FBI-Knäste sind düstere Zukunftsvisionen des Überwachungsstaats, Festnahmen grundsätzlich Aufmärsche seines gesamten Geräteparks und die blutjunge Hauptdarstellerin hatte auf dem rasanten Weg zur perfekten Spionin stets genug Zeit für ihre Nebenkarriere als Model. Kurzum: die guten Anlagen der Story um Doppel- und Dreifachagenten, um vermeintlich Unverdächtige rings um den instinktbösen Serienfiesling Reddington, der für so viel dramaturgische Oberflächlichkeit eine erstaunliche Tiefgründigkeit an den Tag legt, all dies ist irgendwie typisch RTL.
Auch Deutschlands abgelöster Marktführer vollzieht ja seit dem Intendantenwechsel vom vorigen Jahr inhaltlich eine sachte Wandlung zum Positiven, die nur ästhetisch noch nicht Schritt hält. Regierte in den acht Jahren unter Geschäftsführerin Anke Schäferkordt ein dramaturgischer Aberwitz, der die Wirklichkeit konsequent durch gefälschte Realitäten ersetzte und Unterhaltung durch Publikumsverachtung, so scheint sich RTL unter ihrem Nachfolger Frank Hoffmann langsam darauf zu besinnen, dass Fernsehen vielleicht doch kein Ballerspiel ist und ein Vollprogramm etwas anderes als ein Bahnhofsklo. Die unsägliche Scripted Reality etwa befindet sich anders als bei der Ballermannprinzessin Anke S. nicht zügig auf dem Weg in die Primetime, sondern peu à peu auf dem Rückzug. Das Jenke-Experiment betont beim vielfach missbrauchten Begriff „Infotainment“ seit Ewigkeiten wieder die erste statt bloß der letzten Silbe. Mit Wie tickt Deutschland wagte sich Steffen Hallaschka zur Bundestagswahl sogar mal an echte politische Berichterstattung. Günther Jauch und Thomas Gottschalk tragen als Die 2 gegen ALLE fast einen Hauch öffentlich-rechtlicher Unterhaltungsbetulichkeit ins Private. Und im aufdringlichen Testosteronstahlbad der handelsüblichen RTL-Formate von Cobra 11 bis Transporter setzt auch The Blacklist auf ein gewisses Understatement zur besten Sendezeit.
Trotz aller Oberflächlichkeit, so scheint es zum Auftakt und so legt es auch der zweite Teil nahe, zieht Jon Bokenkamps Drehbuch seine furiosen Spannungsbögen nämlich doch nicht ausschließlich aus billigen Effekten. Unablässig gibt es erstaunliche Wendungen, überraschende Charakterzüge und, ja, grandiose Actionszenen. Und James Spader gibt den Bösewicht in Staatsdiensten dabei so versiert abgründig zwischen Hannival Lecter und Nicolas Brody, zwischen Schweigen der Lämmer und Homeland, dass es einem wie in den beiden Formaten oft schwer fällt, seine Sympathien zweifelsfrei zu verteilen. Das hilft dem Zuschauer beim Dranbleiben und RTL bei der Positionierung als Abenteuersender mit etwas mehr Hirn, als es die ersten 30 Jahre des Senderbestehens der Fall war. Die Hoffnung stirbt ja auch im Actionfilm zuletzt.
Reisereportage: Thaipusam/Malaysia
Posted: January 18, 2014 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a comment
Entspanntes Schmerzensfest
Dieser Tage ereignet sich im südasiatischen Raum wie jedes Jahr Erstaunliches: Millionen Hindus danken ihren Göttern am Thaipusam mit einem blutigen Ritual. Und nirgends lässt sich das wichtigste Fest der Weltreligion unverfälschter erleben als auf Penang, Malaysias Wellnessoase.
Von Jan Freitag
Normalerweise kennt Malaysia keine Jahreszeiten. 365 Tage im Jahr herrscht die gleiche drückende Hitze, nicht mal Regenzeiten verändern das Klima in Äquatornähe. An diesem Tag aber ist die Luft über der kleinen Insel Penang hoch oben im Norden noch ein wenig schwüler, ihre Hauptstadt scheint förmlich zu dampfen und das hat einen Grund. Besser Tausende: Räucherstäbchen. Inmitten einer endlosen Prozession entzündet Raja eine Handvoll davon und streckt sie hinauf zur Statue Subras auf dem geschmückten Festwagen. Der Sohn von Gott Shiva thront über allen, von bunt behängten Ochsen gezogen, die breite Jalan Utama hinunter zum Regierungssitz. Es ist Subras Ehrentag und Hindus wie Raja danken es ihm mit Früchten, Qualm und Kokosnüssen. Zwei Millionen, so heißt es, werden dieser Tage im ganzen Land zu Boden geschleudert, um sich symbolisch vom Schlechten des Jahres zu lösen. Auch Raja hat eine geknackt, wenngleich nicht für sich. „Ich habe für meinen kranken Vater gebeten, jetzt geht es ihm besser“, sagt der junge Hindu. Dann tanzt er barfuss über den kochenden Asphalt, die Hände stets am Kavadi. Das trutzige Gestell aus Holz, Stahl und Farben lastet schwer auf den Schultern, doch das ist gut so. Der Schmerz ist sein Opfer.
Und das größte steht Raja erst bevor. Morgen, beim Thaipusam, dem Geburtstag von Murugam, Gott der Wünsche und des Dankes. Jedes Frühjahr versammeln sich unzählige Hindus in den Straßen Südasiens, um das Wertvollste darzubringen, was sie geben können: ihr Leid. Dass es vor allem Einheimische sind, Pilger, deren Verwandte, die auf vor Malaysias Westküste feiern, ist für die wenigen Touristen vor Ort ein wahrer Segen. Nirgends erlebt man das wichtigste Fest des Hinduismus unverfälschter als hier. In den Metropolen ist es ein Event, zigtausendfach durchlitten und millionenfach bestaunt. Doch nur auf Penang ist das Sehenswürdige am qualvollen Ritual die Würde selbst, nicht ihre bloße Optik.
Wie gut, dass man sich als Außenstehender so überaus angenehm darauf einstimmen kann. Denn Penang ist nicht nur eine Hochburg des Thaipusam, sondern auch der Entspannung. Nirgends liegen Wohl und Wehe näher beieinander als hier und jetzt. Jede Herberge in der brodelnden Vielvölkerstadt Georgetown hat einen eigenen Spa-Bereich, auch niedrigklassige Häuser bieten Beautysalons und chinesische Heilmedizin an. Und die ganz großen wie das edle Rasa Sayang vor den Toren Georgetowns, in diesem Jahr trotz einer Speisekarte aus aller Herren Länder, verschwenderischem Wasserverbrauch und fast absurdem Überfluss zum nachhaltigsten Hotel Asiens gewählt, kommen wie ein einziger Wellnessbereich daher – gediegene Poolwelten, mobile Masseure und Gratisschampus inklusive.
Was für eine Entwicklung am „Ende der Welt“, wie Einheimische die Grenzregion zu Thailand lange nannten. Denn früher, erzählt Shamsul, „gab es hier im Sumpf Krokodile, an Land Kopfjäger, auf dem Meer Piraten und in der Luft Malaria“. Wie die meisten Reiseleiter der Gegend beherrscht auch Shamsul viele Sprachen und erklärt damit die Gegenwart seiner Heimat voller Stolz. Schließlich war die Vergangenheit keineswegs lebens-, geschweige denn sehenswert. Als der Fremdenverkehr Einzug hielt, in den Siebzigerjahren, regierte der Beton, ein Hochhausinferno des Billigtourismus für Malaysier. Erst vor einigen Jahren, erzählt Shamsul, während sich am Straßenrand die Affen tummeln, habe sich Penang zum First-Class-Ziel Malaysias gemausert. Ein kostspieliges zwar, aber für derart lückenlosen Fünfsterneservice und westliche Geldbeutel sogar erschwinglich. Und wie bereitet man sich wohl besser auf ein Schmerzensfest wie Thaipusam vor als faul und verwöhnt am indischen Ozean zu dösen. Was morgen kommt, wird selbst für Zuschauer hart genug. Es ist ein Feuerwerk für die Sinne.
Am Tag der Tage zieht ein Brodem aus Schweiß, Rauch, Gewürzen und warmer Milch durch Georgetown, doch Raja riecht nichts. Überall wird gefeiert, gesungen, gebetet, doch er hört nichts. Dass Merkwürdigste aber ist, dass er auch nichts zu spüren scheint. Rund 50 Kilo wiegt sein Kavadi, ein quietschbuntes Pfauennest mit Diskokugeln im Schnabel und Subra in Alu, zwei Meter hoch, gehalten von dürren Metallspießen – in Rajas Haut! Es schmerzt schon beim Anblick, doch Raja schweigt. „Ich habe keine Angst“, sagt er leise, bevor ihm eine bleistiftdicke Lanze durch die Wangen gestoßen wird, „der Schmerz gibt mir Kraft“. Ein Helfer will ihmWasser über die blutende Zunge gießen. Raja winkt ab: Keine Linderung auf diesem, seinem Weg.
Im Zug Tausender Pilger läuft er die 5000 Meter hoch zum Wasserfalltempel, dem Ziel der endlosen Prozession, um dort für seine Götter zu tanzen und ihnen Milch aus silbernen Krügen zu spenden. Doch zunächst mal muss er mal hinkommen, gebremst von einem Dutzend Haken in seinem Rücken mit Seilen, an denen sein Bruder wie wild zieht. „Vel Vel“, so schreit ihn die Menge in Trance. Vel ist Tamilisch für jene Lanze, die Murugan der Legende nach im Kampf gegen das Böse erhielt. Eine Ewigkeit später ragt sie nun aus Rajas Gesicht und erhöht seine Qualen. Vel Vel, immer wieder die aufmunternde Liturgie – anders ist die steile Treppe nicht zu ertragen, nicht für die zähesten Männer, nicht für die wenigen Frauen. In Kuala Lumpur mag das Fest prächtiger sein und damit der Andrang größer; auf Penang ist es am härtesten. So hart, dass die Selbstkasteiung im hinduistischen Kernland Indien längst verboten ist. Auch das lockt Hindus aus aller Welt nach Penang. Je stärker der Schmerz, desto größer der Dank.
Es ist ein faszinierendes Erlebnis. Die Wunden der Teilnehmer bluten nur selten und kaum, dass sie von den Kavadis, Haken, Spießen befreit wurden, kehrt das Leben zurück in die geschundenen Körper. Raja ist fort, untergetaucht im Menschenmeer, einem elektrisierenden Volksfest. Er hat es geschafft, bis zum nächsten Thaipusam, seinem sechsten. Nun darf er entspannen, all die Schmerzen und 40 Tage Askese in den Gliedern. Nach vielen Stunden der Hitze ist das auch für Zaungäste nötig. Die Eindrücke eines Jahres an nur einem Tag im Kopf verarbeiten sich bei einer Strandmassage für den Gegenwert einer Schachtel Zigaretten am besten. Manchmal muss man sich auch von den Strapazen anderer erholen.
Am nächsten Morgen zum Beispiel, beim gemeinsamen Thai Chi im Rasa Sayang mit Master Hue. Um diese Zeit misst die Luft noch beinah frische 24 Grad, weniger als das quallenreiche Meer in Wurfweite, und der chinesische Lehrer zeigt, was die fernöstliche Kampfkunst aus Menschen machen kann. Trotz seiner 72 Jahre stößt der kleine Chinese einen stämmigen Engländer mit zwei Fingern fort, immer wieder, so sehr sich der Schüler auch wehrt. Nur umgekehrt bewegt sich nichts. Es ist der Frühsport des New Age und Master Hue erzählt von Wilma aus Deutschland, die es jedes Jahr für Monate nach der Stoppuhr zelebriert: halb acht Schwimmen, danach Frühstück, um zehn Liege reservieren, zwei Stunden später Mittag, vor dem Kaffee eine Runde Golf auf dem Hoteleigenen Neun-Loch-Platz, Strand, Abendessen, Cocktails, Nachtruhe und alles wieder von vorn.
Mehr als die Hälfte der Gäste aus Europa, Amerika, Australien verlassen ihre Hotels nur selten, klagt Suleiman Abdul Rahman, der Manager des Rasa Sayang. Selbst in die zahllosen Food-Center der Stadt mit ihren vielen Restaurants aller Geschmacksrichtungen verliert sich kaum mal ein Tourist, um die vielfältigen Spezialitäten zu probieren oder einfach ein bisschen am Leben der Einheimischen teilzuhaben. All-inclusive kann auch ein Hindernis der Begegnung sein. Deshalb nimmt sich Mr. Suleiman fürs nächste Jahr vor, „unsere Feste viel besser zu vermarkten“. Thaipusam am 8. Februar ebenso wie das chinesische Neujahr zwei Wochen zuvor. Die mehrtägige Party der größten Minderheit stellt mit seinen Myriaden von Girlanden, Feuerwerken und Straßenumzügen sogar das Schmerzensfest der Hindus in den Schatten. Penang versteht es eben nicht nur zu leiden, sondern auch zu feiern.

