Dennis Moschitto: Tatort-Fiesling & -Sweetie
Posted: January 16, 2014 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentWut und Wahnsinn
Als der Bremer Tatort mit Hochzeitsnacht 15. Geburtstag feierte, blieb er wie so oft blass. Wenn er heute im WDR wiederholt wird, kann daran auch der großartige Denis Moschitto als Episodenschurke mit Herz wenig ändern. Ein Porträt mit Interview.
Von Jan Freitag
Können diese Augen hassen? Kaum zu glauben, wenn Denis Moschitto so freundlich vor einem sitzt. Wenn dieser kleine Kerl mit den weichen Zügen ins Hotelpolster sinkt und nervös am Ärmel nestelt. Wenn der Schauspieler sein süßestes Jungslächeln zeigt und arglose Jungssachen sagt wie jene vom „Hallodri mit Fehlern“, den er so oft verkörpern musste, bis, ja bis es endlich ernst wurde. Besser: bis es seine Augen wurden, werden durften. Denn dass die hassen können, beweist Dennis Moschitto Sonntag aufs Neue, diesmal im Bremer Tatort: Hochzeitsnacht. Dort spielt er einen sehr wütenden Mann namens Wolf, der mit seinem noch wütenderen Komplizen (Sascha „Ferris“ Reimann) die Festgesellschaft zweier frisch Vermählter, Hauptkommissar Stedefreund inklusive, in Kollektiv kidnappt, um so herauszufinden, wer seine Exfreundin getötet hat, für deren Mord er unschuldig im Knast saß.
Eine krude Geschichte, ein absurder Stoff – unlogisch, konstruiert, einfach mies. Wäre da nicht Moschitto als Schaf im Wolfspelz, der von den Umständen ins Verbrechen getrieben wird, obwohl er doch eigentlich nur Liebe will. Dieser Mix aus echter Wut und falschem Weg ist seine Paraderolle, seit ihn Fatih Akin 2008 erstmals gegen den Strich besetzte. „Chiko“ hieß das ultrabrutale Kiezdrama, in dem der Mädchenschwarm Denis mit finsterem Blick zum Drogenboss mutierte.
Ein Segen, eine Befreiung, sagt dessen Darsteller heute. Er hat zwar lange Kung-Fu gemacht, was ihm in ruppigen Kölner Problemviertel so viel Selbstbewusstsein verschafft hat, dass der Sohn türkisch-italienischer Eltern nach abgebrochenem Philosophiestudium Schauspieler statt, sagen wir: Gangsterrapper wurde. Aber dass da etwas Hartes in ihm steckt, dass ihm der Bösewicht nun gleich reihenweise zugetraut wird – das zu können war mir lange Zeit nicht klar. Er hat sich trotz seiner Kampfkunst ja nicht mal auf der Straße geprügelt. „Zu klein“, sagt er. Kein Wettbewerbtyp. Auch deshalb bekam er in vielen seiner 35 Jahre die falschen Angebote fürs echte Talent. Sicher, der liebenswert verlotterte Ibo in Kebab Connection, der unfreiwillige Sexhotlinebetreiber Elviz in Süpersex waren charmante Rollen in lustigen Filmen. Aber sie schickten ihn in eine „gefährliche Schublade“, wie er es nennt: Den Sympathieträger fürs Leichte, tauglich für Gastauftritte in Klamauk wie Till Schweigers 1½ Ritter. Da habe Chiko Türen geöffnet. Durch die er nun regelmäßig geht.
Im Kinothriller Brand spielt er den finsteren Bullen mit ebensolcher Hingabe wie den Fußfetischisten einer österreichischen Komödie. Für ambitionierte Projekte lässt er sich trotz aller Abneigung „gegen Klischees und Langeweile“ sogar auf Rollen ein, die seine südländische Optik ausschlachten, als islamischer Terrorist etwa in einer internationalen Produktion neben Eric Bana und Rebecca Hall, als „Bremer Taliban“ Murnat Kurnuz in Tom Tykwers Episodenfilm Deutschland 09.
freitagsmedien: Welche Rolle spielt Ihr südländisches Aussehen?
Als visuelles Medium sortiert Film nun mal nach optischen Kriterien vor. Beunruhigender finde ich etwas anderes: Meine deutschen Rollen werden mir auch wegen meines Namens angeboten. Hieße ich, sagen wir: Murat, würde ich wie viele meiner Freunde meist Brüder in Ehrenmordstorys spielen. Dieses Vorurteil über die Anrede stört mich weit mehr als die Einordnung über mein Aussehen. Dass mir meist Italiener und Türken angeboten werden, liegt doch in der Natur der Sache.
Dabei sind Sie weder das eine noch das andere so richtig.
Ich habe – aus purer Faulheit – die italienische Staatsbürgerschaft. Aber wer wie ich mit drei Nationalitäten aufwächst, hat das Problem, nirgends richtig zugehörig zu sein.
Empfinden Sie die Tatsache, im Tatort einen Wolf Koschwitz zu spielen, als Indiz für die Befreiung des Films von seiner Klischeeverliebtheit?
Eher als kleine Bewegung. Gegen wahre Kreativität wirken da viele Kräfte, die auch zur Frage führen, ob ein Türke als Deutscher funktioniert. Von Befreiung kann man erst reden, wenn Herkunft generell nur nebenbei mitliefe. Türkische Ärzte, Anwälte, Unternehmer sind jedenfalls im Film weit seltener als in der Realität. Und dann reden sie fast immer mit Akzent.
Anders als Sie.
Warum sollte ich auch! Ich bin hier geboren und groß geworden. Da ist es merkwürdig, wenn mir Leute auf die Schulter klopfen, wie super ich Deutsch spreche. Und wenn ich ein Drehbuch kriege, in dem mein erster Satz mit „Digger“ beginnt, hör ich auf zu lesen. Langeweile stößt mich genauso ab wie Klischees um ihrer Selbst Willen.
Dafür ist dann sein Polizist in der Ki.Ka-Serie Allein gegen die Zeit noch deutscher als der Kidnapper im Tatort. Warum sich der wählerische Charaktertyp für dieses dramaturgische Durcheinander hergab? Weil er Kammerspiele möge, sagt Moschitto, „Geschichten auf engstem Raum“. Vor allem aber: Experimente. Und dazu darf man Hochzeitsnacht ruhig zählen, mit ihrer klaustrophobischen Atmosphäre in einem verschlossenen Festsaal, Verbindung zur Außenwelt gekappt. Allein: es ist herzlich missglückt und somit kein schönes Geburtstagsständchen für Sabine Postel. Seit 15 Jahren ermittelt ihre Hauptkommissarin Inga Lürsen in Bremen. Mit nunmehr 26 Fällen zählt sie nicht nur zu den dienstältesten, sondern populärsten Ermittlern der ohnehin beliebten Krimiserie. Das ist insofern bemerkenswert, als Lürsen samt Kollege Stedefreund (Oliver Mommsen) vom Feuilleton gern als bemerkenswert hölzern kritisiert wird. Ihre Fälle mögen mit bis zu 14 schon mal die meisten Toten aufweisen und dank achteinhalb Millionen Zuschauern stabile Quoten aufweisen; filmisch ist das Team der winzigen Sendeanstalt zuweilen doch arg beschränkt.
Daran ändert auch Denis Moschitto wenig, der mit dem Rapper Ferris MC zur Seite eifrig gegen das furchtbare Drehbuch ankämpft. Als Bösewicht, der weit mehr ist als böser Blick. Der all die Wut, den Wahnsinn, „der in jedem von uns steckt“, sehr versiert abruft und dabei stets sympathisch bleibt. Denis Moschitto ist eben gar nicht so, der will nur spielen.
Alexander Duszat – Elton & tja
Posted: January 9, 2014 Filed under: 3 mittwochsporträt 1 CommentMann ohne Eigenschaften
Alexander Duszat kennen nur wenige, sein Pseudonym dagegen schon einige mehr: Elton. Seit einiger Zeit darf der frühere Sidekick von Stefan Raab sogar große Abendshows wie Die Millionärswahl (heute, Pro7, morgen Sat1) moderieren. Chronologie eines seltsamen Aufstiegs
Nun also Münzenflitschen. Alexander Duszat, genannt Elton, hat beim Kinderkanal Pro7 bereits jede Infantilität als Fernsehen verkauft. Er hat sich verprügeln lassen, selbst kasteit und lächerlich gemacht, ausgezogen, abgezogen, zugezogen, er war immer der Mann fürs Grobe ohne Tiefgang. Das ist er auch in Elton zockt, nur ganz allein: Der rundliche Sidekick größerer Namen kriegt bei seinem Haussender die erste eigene Abendshow, macht aber auch dort weiter, wo er scheinbar nie aufhört: Beim Ringelreihen.
Denn wenn er zur besten Sendezeit Geldstücke Richtung Wand schnipst, wird die Ereignislosigkeit erneut zur Essenz privaten Entertainments – mit dem Unterschied, dass seine Kandidaten gegen die Chance auf 100.000 Euro eigenen Besitz von Auto bis Ehering setzen. So viel Geld auf diesem Sendeplatz: Das kann man trotz aller Debilität als Aufstieg des Lilalaunebärs werten, der es von Raabs Praktikanten in zwölf Jahren jetzt einen Buchstaben hinaufgeschafft hat, im Orbit des Star-Rankings.
Und nun also auch noch: Millionärswählen. Erst auf Pro7, ab morgen dann bei Sat1 darf der frühere B-Promi wieder irgendwas Kommerzielles rund um den Kommerz machen, der wie gewohnt im Kommerzfernsehen zugleich gefeiert und verlacht wird. Und weil das immer sein Publikum findet, ist Elton nun noch ein Stück näher am A-Promi, und das wundert ihn selbst am meisten. „Unentwegt sogar“, sagt der Berliner mit Herz in Hamburg und Wohnsitz Köln. Dabei klingt er wie einer, der trotz 18 Jahren Erfahrung mit Kameras noch immer hineinblickt, als sei er zufällig davor geraten. Alexander, pardon: Elton ist nicht so populär, weil ihn irgendwas kennzeichnet wie das PR-Produkt Katzenberger mit ihrer Silikonbräsigkeit; sein Alleinstellungsmerkmal ist dessen vollständiges Fehlen. „Mein Erfolgsgeheimnis heißt Ehrlichkeit“, sagt das Dutzendgesicht mit der Randlosbrille. Ihm ist selbst so eine Plattitüde unbedingt zu glauben.
Denn so sehr er sich auch durch die Raab-Verwertungen von Turmspringen bis Wok-WM hetzen, so viele Pennälerzoten er auch bei Elton vs. Simon über sich ergehen, so peinliche Brachial-Castings à la Die Alm er auch mit sich ausstatten lässt – Duszat ist eines der wenigen Gesichter im Durchlauferhitzer Event-TV, dessen Unbefangenheit glaubhaft wirkt. Als personifizierter Kindergeburtstag für Adoleszenzverweigerer adelte ihn der Wille zur Normalität nicht nur fürs debile Kommerzfernsehen, sondern zum Nachfolger Michael Schanzes, dessen Evergreen 1, 2 oder 3 seit vier Jahren unter Eltons leichter Hand läuft.
Schanze war seinerzeit ein Moderator von internationalem Rang eben weil seine Hingabe für den Nachwuchs kein bloßes Markenzeichen war, sondern echter Leidenschaft entsprang. Wie bei seinem Vorgänger, ist Eltons Beliebtheitsrezept also, sich mit Zuschauern und Kandidaten unbedingt gemein zu machen. Natürlich hätten Typen wie er oder auch Oliver Pocher ein bisschen zur „Verkindlichung“ des Mediums beigetragen, räumt der zweifache Vater freimütig ein. „Aber eigentlich gab’s das schon immer.“ Auch Wetten, dass…? habe ja eine „neue Form der Infantilität ins Abendprogramm gehoben, die sich in den Achtzigern durchgesetzt hat“, Duszat lacht: „Da bin ich nur einer von vielen.“
Und weil er das ist, sorgt seine Präsenz im zappeligen Medienalltag fast für angenehme Beständigkeit: Als einer, der sich trotz aller Mängel an Stimmvolumen, Talent und Handwerk unbeirrt im Fokus dieser Parallelöffentlichkeit zwischen Pro7 und ZDF hält. Der diesem Phänomen in Buchform mit dem Titel „Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen. Zum Glück bin ich keins“ auf den Grund geht. Der wie sein Mentor Raab keinen physischen Schmerz scheut, um dem Publikum die Illusion guter Unterhaltung zu geben. Der durch pure Präsenz auf allen Bühnen televisionärer Selbstentwürdigung Schritt für Schritt „in die Sachlichkeit hochseriösen Fernsehens“ gegangen ist und nun sogar samstagabendtauglich wird.
Selbst eine Episodenrolle im Tatort hält er für denkbar. Zumal in seinem Alter, wo man sich überlegen müsse, „ob man ewig gegen Wände laufen will“. Oder Münzen flitschen. Bei Artgenossen seiner Spezies TV-Kasper würde man jetzt vor Fremdscham zu Boden blicken; Alexander Duszat sieht man da besser fest in die Augen. Einen Elton kriegt so schnell keiner weg vom Bildschirm.
Auf dem Recyclinghof: Das TV-Jahr 2014
Posted: January 2, 2014 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a comment
Das Frischjahr
Fußball & Olympia, Stefan Raab & Dagmar Manzel – das neue Fernsehjahr hält nur dann mehr bereit als das abgelaufene, wenn man genau hinsieht, lange aufbleibt, am besten beides. Wenn die Masse das tut, kann 2014 eigentlich nur einer Marktführer werden, in jeder Zielgruppe: ZDFneo. Theoretisch. Ein Ausblick.
Von Jan Freitag
Es ist aber auch zu blöd für Programmplaner, wie schwer sich Fernsehen planen lässt. Unter all der öffentlich-rechtlichen Harmlosigkeit und kommerziellen Brachialunterhaltung, den peinlichen Wettsofaparaden und gebrauchten Privatshows hatte das abgelaufene TV-Jahr seine besten Momente immer dann, wenn das Weltgeschehen selbst Regie führte. Die Papstwahl etwa, der im März 6000 Reporter vor Ort beiwohnten, viele davon fürs Dutzend deutscher Sender. Oder die des Bundestags, der im TV-Duell Stefan Raabs respektables Debüt als, nun ja, Journalist vorausging. Dazu ein Frühjahrshochwasser, dem die ARD elf Brennpunkte plus sechs mit Herbststürmen widmete. Das war spannendes Fernsehen. Und weil meteorologische Extranachrichten die politischen insgesamt ums Doppelte übertrafen, sei hier noch auf Mariette Slomka und Sigmar Gabriel im heute-journal verwiesen; wie sich die Streithähnchen live zum SPD-Mitgliederentscheid zankten, war noch größeres Entertainment als Katja Riemann beim Rangeln mit dem entnervend schlichten DAS!-Moderator Henning Baumgarten.
Nur schade, wie gesagt, dass so etwas selten in Programmzeitschriften steht. Die vermelden folglich auch 2014 viel Gebrauchtware in neuer Verpackung, dazu die üblichen Verdächtigen und nur gelegentlich ein paar ungewohnte, die allerdings im Land der Drehbuchdichter und Krimidenker notorisch auf Täterjagd gehen. Und es mag zwar bereits 21 Tatort-Teams geben; wenn im Herbst das 22. aus Nürnberg hinzukommt, lässt dessen Besetzung doch aufhorchen: Dagmar Manzel und Fabian Hinrichs. Besser geht’s kaum. Mal gucken, ob es nüchterne Aktenwühler werden wie in Köln, Bremen, Wien. Oder zielgruppentaugliche Witzbolde à la Til „Kawoom“ Schweiger als Nick „Pow“ Tschiller und das Duo Ulmen/Tschirner, die ihre Weimarer Posse nun doch weiterdrehen dürfen. Irgendwo dazwischen jedenfalls könnte Katja Riemann liegen, der ein schwäbisches Tatort-Event angeboten wurde. Noch so eine alte Bekannte.
Womit wir zurück beim Thema Recyclinghof TV-Programm sind. Biopics über Hannelore Kohl, das Würzburger Justizopfer Harry Wörtz oder Bayern Münchens Ehrenpräsident Kurt Landauer belegen ja allein in der ARD ab Frühling, dass Filmporträts mit realem Hintergrund auch 2014 wieder einen gehörigen Teil der Gebühren verbrauchen werden. Zumal es auch im Dokudrama zur Spiegel-Affäre, zum Grundgesetz (mit Iris Berben) und zum 100. Jahrestag des 1. Weltkriegs vor allem berühmte Gesichter sind, die Zeitgeschichte unterhaltsam machen sollen. Diesem Sog der Wirklichkeitsfiktion fügt das ZDF im Februar den Wagner-Clan hinzu und später ein Dokudrama zum Attentat von Sarajewo mit Heino Ferch, während Sat1 den Rücktritt Christian Wulffs adaptiert und RTL, nein – die versenden wie eh und je ihr risikoarmes Plastikentertainment zwischen Cobra 11 (mit dem neuen Sprengmeister Vinzenz Kiefer) und Gottschalks Klassentreffen ab Februar, wo alte (Schul-)Kameraden raten. Innovationen? Wagemut? Gar Scheitern als Chance?
Fehlanzeige!
Dafür sorgen schon die Buchhaltungen jener Sender, deren Führungsetagen entweder dem Parteienproporz gehorchen oder von Management-Units durchsetzt sind. Fernsehbesessenen wie einst einem Helmut Thoma gibt es darin kaum noch, weshalb betriebswirtschaftlich das alte CDU-Credo herrscht: Keine Experimente! Warum sollte es da dramaturgisch anders zugehen als in der Nachkriegszeit, wo sich das kampfesmüde Verlierervolk lieber sedieren als fordern ließ. So gilt bei RTL abseits von Bauersfraudschungelcastings mit oder ohne Rach ein schicker Knastarzt und Henning Baum als Götz von Berlichingen als kreativ. Auf Pro7 gibt es wie gehabt Raab aus allen Rohren und Elton bei der Millionärswahl. Sat1 schickt die Heimatfilmstars Diana Amft und Josefine Preuß in flache Primetimegewässer, durch die nun Sascha Hehn das Traumschiff steuert, was ähnlich anspruchsvoll ist wie der nächste Schmunzelkrimi im Ersten, bald auch aus Bochum.
Sieht man mal vom ARD-Mittwochsfilm ab, der 2014 für viel Güte sorgen wird. Lässt man die tollen Nischenkanäle kurz beiseite, wo ZDFneo endlich eine eigene Serie produziert. Ignoriert man überdies Neues aus der Anstalt, das mit den Kamikern Max Uthoff und Claus von Wagner den satirischen Umbruch wagt. Und vergisst auch, dass etwas Furioses wie Weissensee noch 2014 ins Finale gehen könnte, dass Polizeirufe oft die besseren Tatorte sind und zu Weihnachten sicher wieder ein paar wunderbare Märchenadaptionen entstehen, Till Eulenspiegel als Zweiteiler inklusive, dann bleibt an echter Aufregung vor allem dreierlei: Sport, Sport und Sport.
Allein 240 Stunden davon zeigen ARZDF live aus Sotschi. Die Dauersause aus der Diktatur garnieren sie zwar mit ein paar dokumentarischen Bedenken zu Putins Spielen, senden insgesamt aber eher gesinnungsfrei. Außerdem läuft noch irgendwas richtig Dickes in Brasilien. Was genau wird unter all den Bau- und Korruptionsskandalen der Fifa zwar zusehends egal. Die Sendezeit wird es ab Anfang Juni aber ebenso üppig füllen wie so manches Konto im globalen Spiel der Megaeventvermarktung. Und das Publikum? Wird sich da mit Grausen abwenden. Wird dem banalen Overkill die kalte Schulter zeigen. Wird Dinge ohne Dreck am Stecken, dafür mit Niveau sehen. Deshalb wird die fraglos brillante Echtzeitstudie 24 Stunden Jerusalem im April auf Arte nach den Gesetzen des gesunden Menschenverstands zum Quotenkrösus 2014. Und Marktführer wird weder WM noch Olympia, nicht Germany’s Next Topmodel oder Wetten, dass…?. Nein, ZDFneo. Garantiert.
Tatort: Töten & Lachen
Posted: December 26, 2013 Filed under: 3 mittwochsporträt 1 CommentSchmunzel-Tatort
Im Tatort, einst ein Bollwerk nüchterner Beamten mit kleinen Macken, wird zusehends von Freaks und Komikern jeder Art wie Devid Striesow alias Jens Stellbring oder ab heute Nora Tschirner und Christian Ulmen ermittelt. Wird die erfolgreichste deutsche Krimireihe zur Comedy?
Von Jan Freitag
Wer soll da bloß den Überblick behalten: Wenn nicht noch schwere Erkrankungen, unerwartete Berufswechsel oder ähnliche höhere Gewalt ins Personal der erfolgreichsten Fernsehfilmreihe aus deutschsprachigen Landen einschlagen, ermitteln ab heute 20 Teams im Tatort. In Worten: Zwanzig! Das ist mehr, als diese dicht besiedelte, an Metropolen indes arme Republik an Ländern hat, mehr also, als der ARD-Länderproporz erfordert. Vor allem aber mehr, als geeignete Schauplätze zur Verfügung stehen fürs naturgemäß eher urbane Fernsehkernthema Kapitalverbrechen. Gut, es wird wie stets in vier Dekaden Fluktuationen geben; mit Nina Kunzendorf verlässt das Beste, was je in diesem Format aktiv war, ihr Frankfurter Morddezernat, Ulrich Tukur ist ein Kommissar auf Abruf, Christian Ulmen nebst Nora Tschirner wurden bloß als Weimarer Weihnachtsevent angekündigt und bei Schweizer Inspektoren weiß man auch nie so genau, wie durchhaltefähig sie sind. Doch insgesamt bleibt festzuhalten: wenn knapp ein Viertel aller Morddezernate seit 1971 zugleich auf Mörderjagd gehen, ist der Tatort bei aller Klasse längst Massenkampf.
Da bedarf es einiger Unterscheidungskriterien, besser: eines tragfähiges Ordnungssystems, um im Überfluss die Orientierung zu behalten. Früher, in der ausklingenden Schwarzweißära, da selten mehr als ein Dutzend Teams parallel Dienst taten, reichten zur Differenzierung noch die notorische Bulette von Hansjörg Felmy alias Heinz Haferkamp oder Schimanskis speckige Windjacke samt zugehöriger Sittenverlotterung. Heute dagegen, mit all den Standards zwanghaft bipolarer, vornehmlich geschlechtergemischter Teams, muss man Distinktionselement unterhalb individueller Gewohnheiten suchen. Genauer: beim Humor.
Denn das Erste, dieser quietschfidele Senderverbund, der mit seiner „Schmunzelkrimi“ genannten Vorabendreihe Heiter bis tödlich zeigt, dass Fernsehheiterkeit nun wirklich gar nichts mit Lachen zu tun haben muss, diese ARD also teilt seine Samstagabendbeamten zusehends in ernst und lustig, besser: lustig gemeint ein. Definierte sich bis 2002, dem Debüt der Münsteraner Spaßbrigade hiesiger Todesfallaufklärung, nur das singende Odd-Couple Stoever/Brockmöller als irgendwie drollig, läuft der Quotengarant mittlerweile über vor dem, was im öffentlich-rechtlichen Fernsehen so unter Frohsinn firmiert.
Zum Beispiel Jens Stellbrink. Putzige Sachen trägt der neue Saarbrücker Hauptkommissar seit Sonntag: Gummistiefel zu Bermudashorts, tihi, dazu ein vermschmitztes Dauergrinsen, garniert mit rotem Roller – das ist dem benachbarten TV-Komiker Gerd Dudenhöffer weit näher als Stellbrinks Vorgänger Max Palu, hat also in etwa das Unterhaltungspotenzial der Witze Waldi Hartmanns. Dennoch macht das Stilmittel skurriler Kriminologie längst Schule. Damit arbeitet etwa das Dortmunder Gespann Peter Faber & Martina Bönisch, das Jörg Hartmann und Katja Schudt so bizarr interpretieren, bis Fabers Borderlinesyndrom amüsant daherkommt.
Einen schrulligen Einschlag verzeichnet auch die frivole Kriminalhauptkommissarin Conny Mey (Kunzendorf) an der Seite des lallenden Joachim Król, ganz zu schweigen von Liefers & Prahl oder den Komödianten Nora Tschirner und Christian Ulmen, die ab heute als humoristische Eintagsfliege in die Wohnzimmer surren (auch wenn ihr Weiterleben zwischendurch angekündigt wurde). Und da ist noch nicht mal von Til Schweiger die Rede. Der schauspielerisch limitierte Klamaukveteran mit Kriegsfaible kann schließlich nur als Realsatire verstanden werden, seit er das einst ehrwürdige Format zum dumpfen Schlachtfeld amerikanischer C-Movies in all seiner Chuck-Norris-gestählten Mixtur aus darstellerischer Dillettanz und reichlich Bummbumm erklärt, was ja auch wieder nur irgendwie ulkig gemeint sein kann…
Damit wäre die Richtung vorgegeben: War Schweigers Urahn Manfred Krug an gleicher Stelle bis 2001 der einzige Kommissar mit ausgeprägt heiterem Arbeitsethos, so sind die Schweigers, Striesows, Tschirners, Hartmanns eine Art dritte Welle des Schrulligen im verstaubten Krimifach, nachdem die zweite vor gut zehn Jahren neben einem snobistischen Gerichtsmediziner mit Zwerg auch Charlotte Lindholms hypochondrischen Mitbewohner Martin (Ingo Naujoks) und die bisweilen vergnügten Hauptstadtermittler um den Großstadtcowboy Till Ritter (Domink Raacke) ins Erste gespült hatte. Derlei Kuriositätenkabinette, so scheint es, werden irgendwann die Sachwalter traditioneller Investigation aus München, Leipzig, Bremen, Ludwigshafen, Stuttgart, Wien und Köln mal in Rente schicken. Oder besser: in Rente schmunzeln.
Märchen: Weihnachtsfernsehdauerbrenner
Posted: December 19, 2013 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentGlaube, Liebe, Hoffnung
Mit den vier aufwändigen Verfilmungen voller Topstars des deutschen Fernsehens, erhöht die ARD ihren Kanon alter Märchen im neuen Gewand seit 2008 nun auf stolze 30 frische Filme. Nicht nur die Adventszeit ist voller Klassiker auf fast allen Kanälen, zumindest den öffentlich-rechtlichen. Warum eigentlich? Und warum nie bei den kommerziellen?
Von Jan Freitag
Es war einmal… Ach, eigentlich ist noch immer und gewiss erzählen unsere Enkel noch den ihren von bösen Hexen, guten Feen, Schneiderlein und Stadtmusikanten und was sich noch so alles in den uralten Erzählungen für Kinder tummelt. Märchen sind für die Ewigkeit – selbst im schnelllebigen Fernsehen. Und so füllt es sich dieser festlichen Tage mit allem, was das Genre hergibt. Seit 2008 aktualisiert die ARD das Werk der Brüder Grimm, ergänzt durch populäre Werke Hans Christian Andersens oder wie im vorigen Jahr der opulenten Modernisierung von Nils Holgerssons wunderbare Reise, dargeboten von Topstars wie Hinnerk Schönemann, Bastian Pastewka, Yvonne Catterfeld, solche Kaliber.
Vier brandneue Fassungen kommen unterm Reihentitel 6 auf einen Streich allein am ersten und zweiten Weihnachtstag hinzu: Vom Fischer und seiner Frau, Das Mädchen mit den Schwefelhölzern, dazu Die kleine Meerjungfrau und nach einer Neufassung des ebenfalls aktiven ZDF nun auch im Ersten Der Teufel mit den drei goldenen Haaren. Schon merkwürdig. Denn eigentlich galt der Kanon 2012 als abgeschlossen, was seinerzeit ja schon die frischen Titel belegten: Jorinde und Joringel oder Die Sterntaler durften im Grunde nur noch Kennern echte Begriffe sein. Aber was zählt, ist ja auch das Gesamtpaket.
Denn zu den Debüts gibt es ja noch die Klassiker, gern mal schwarz-weiß, oft aus dem Osten. Um die 50 deutsche wie tschechische Perlen laufen Jahr für Jahr zur Weihnacht, darunter gleich ein knappes Dutzendmal Drei Haselnüsse für Aschenbrödel von 1973. Nur die Privatsender bleiben selbst in ihren Kindersparten komplett Grimmfrei. Seltsam. Fragt sich also: Sind Märchen überhaupt noch zeitgemäß. Die Antwort lautet: jein. Erzählt werden antiquierte Geschichten barocker Charaktere in einer Welt, die der unseren fremd ist, mit konservativem Sippendenken, dass modernen Patchworkfamilien zuwider läuft, in einem Tempo, das jungen Sehgewohnheit hinterherhinkt, mit einer Bildsprache, die allen digitalen Tricks zum Trotz selbst der Dynamik von Bob der Baumeister unterliegt.
Doch dann ist da dieser Zauber, ein „mythischer Kern“, wie ihn Norbert Schneider nennt: „Klare Verhältnisse mit der Überraschung des Wunders“. Dank des Wiederkennungswertes schafft das aus Sicht des Medienkontrolleurs einen Kosmos, „in dem man sich total gehen lassen kann“. Und zwar ethisch grundiert statt haltlos wie im kommerziellen Reizgewitter. Märchen sind deshalb unzerstörbar, schreibt die Literaturkritikerin Evelyn Finger, „weil sie von unseren Träumen und unserer Verzweiflung handeln“. Weil sie Moralbegriffe bebildern, die altbacken sein mögen, aber nicht nutzlos.
Mit ihrer klaren Einteilung in gut und böse, richtig und falsch, ordnen sie die Realität vor. Mit mal despotischen, mal gütigen Herrschern heroischer bis feiger Untertanen, dieser Berechenbarkeit menschlichen Handelns bei konsequenter Verlässlichkeit des positiven Endes unter tierischer Mithilfe, dem Mix fataler Lagen, magischen Beistands und individuellen Eifers, lehren sie uns Fehlbarkeit, Fantasie, Widerstand, Gehorsam und den Glauben, einst vom Prinz aus dem dunklen Wald geholt zu werden. Darum sind Märchen eine Schule des Herzens. Sie nähren in uns Hoffnung und Zweifel zugleich.
Verglichen mit dem Restprogramm ist das ein ziemlich komplexes Vergnügen für die Kernzielgruppe der 3- bis 13-Jährigen. Schließlich sammelten die Grimms vor zwei Jahrhunderten ja eher für Wissenschaftler als deren Sprösslinge, wie Heinz Rölleke herausfand. Mit jeder Auflage aber wurden ihre „Kinder- und Hausmärchen“, die der Germanist 1975 als Anthologie französischen Ursprungs entlarvte, so lange verniedlicht, bis sie zum Vorlesen dieser literarischen Dürrephase für Heranwachsende passten. Umso erstaunlicher, dass ihr Kern subversiv blieb. Jede Figur, so Rölleke, verstoße für den Reifeprozess gegen Gebote. „Auch Rotkäppchen schert sich nicht um Ermahnungen.“
Unangepasst, autoritätskritisch, fast rebellisch, vor allem aber: familiär. Jacob Grimm war lange verärgert, dass bloß für den Verkaufserfolg „Kind“ im Buchtitel stand. Heute versammeln „nur Märchen alle Generationen am Lagerfeuer des Medienzeitalters“, erzählt KiKa-Planer Stephan Rehberg vom festen Sendeplatz am Sonntagmittag mit bis zu zwei Millionen Zuschauern. Den Eltern darunter, glaubt Rehberg, „geht es weniger um Erziehung als Romantik“. Die Moral von der Geschicht’ sei eher ein Zubrot. Auch für die Sender und ihre Darsteller, diesmal von Nina Kunzendorf oder Jörg Hartmann über Ben und Meret Becker bis hin zu Katharina Schüttler. Grimms Werke werden schließlich auch neu verfilmt fast unweigerlich zum Standardwerk in Endlosschleife, deren Wiederholungen sich schon kurz nach der Premiere kaum zählen lassen. Anders als die totale Abstraktion hektischer Comic-Märchen oder die ungewollte der Marke Degeto haben die Originale ewige Halbwertszeiten. Gestrig und aktuell, grausam und schön, real und zauberhaft – wie das Leben.
1. Weihnachtstag, 14.10 Uhr: Vom Fischer und seiner Frau; 15.10 Uhr: Das Mädchen mit den Schwefelhözern
2. Weihnachtstag, 14.10 Uhr: Die kleine Meerjungfrau; 15.10 Uhr: Der Teufel mit den drei goldenen Haaaren
Bryan Cranston: Breaking & Bad
Posted: December 11, 2013 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentOttonormalverbrecher
Seit vorigem Freitag läuft endlich die letzte Staffel von Beaking Bad und klärt die Frage, ob ein sympathischer Schwerverbrecher wie Walter White darin überleben darf. Sein Darsteller Bryan Cranston ist da skeptisch.
Von Jan Freitag
Kinder gehen gar nicht. Seit das Privatfernsehen die Sehgewohnheiten vor fast drei Jahrzehnten nachhaltig radikalisiert hat, lässt sich der gemeine Fernsehzuschauer zwar nur noch mühsam schocken. Pornografie, Gewaltexzesse, Werbeflut, selbst Vergewaltigungen rauschen ja längst durchs Publikum hindurch wie atomare Strahlung – irgendwie giftig, aber kaum merklich. Wenn allerdings Kinder betroffen sind von der Verrohung am Flatscreen, der mal eine Bildröhre war, regt sich doch noch etwas im Gewissen.
Sogar bei Breaking Bad.
Am Freitag, den 13., eine Woche nach dem heutigen Start der letzten Staffel einer TV-Serie, die nicht wenige als beste aller Zeiten betrachten, erwischt es nämlich mal wieder einen Minderjährigen. Gezielter Schuss ins Herz. Von einem Profi, so eiskalt wie berechnend. Denn es geht wie so oft ums Überleben. „Er oder wir“, erklärt der Mörder seinen entsetzten Komplizen, warum es zwingend nötig war, den minderjährigen Zeugen einer ihrer vielen Verbrechen vom Motorrad zu schießen. Und Walter White, jener todkranke Chemielehrer aus New Mexiko, der sich beim Serienstart entscheidet, seine Familie vorm eigenen Exitus durchs Kochen illegaler Drogen zu versorgen, er nennt dazu drei nüchterne Handlungsoptionen: Den Killer zu feuern, zu beseitigen oder zu behalten. „Ich bin für Möglichkeit drei.“
So tickt Breaking Bad seit nunmehr fünf Jahren. Mit dieser Mischung aus bürgerlichen Bedenken und krimineller Energie hat Vince Gilligans Meisterwerk weltweit für Furore gesorgt. Und besonders Bryan Cranston ist in 62 Folgen vom soliden Darsteller gewöhnlicher TV-Formate wie Malcolm Mittendrin oder Diagnose Mord zum Superstar des globalen Serienfernsehens gewachsen. Fast 50 Jahre alt musste der spröde Kalifornier also werden, um mit seinem bieder diabolischen Walter White nicht nur dreimal den Emmy als bester Hauptdarsteller zu gewinnen, sondern nichts weniger als Filmgeschichte zu schreiben.
Beides sieht man ihm allerdings keinesfalls an, als er zur Vermarktung des Serienfinales in ein Londoner Luxushotel bittet. Oberhemd, Jeans, Pullover, akkurater Vollbart, offenes Lächeln, „nice to see you“ – Bryan Cranston ist exakt jener All-American-Guy, der in seinem späten Durchbruch peu à peu zum All-American-Gangster wird. „Der die größtmögliche Entwicklung durchmacht, die unser Land zulässt“, wie es Cranston, der es als Scheidungskind aus armen Verhältnissen selber bis nach oben geschafft hat, fühlbar stolz auf sein Werk ausdrückt. Ein typischer Mittelklassmann mit Mittelfrau, Mittelklassewagen, Mittelklassehaus, der den Wunsch lebt, „aufzusteigen bei gleichzeitiger Erkenntnis, dass letzteres in Amerika zusehends unmöglich ist“. Das mache Breaking Bad so interessant. „Denn Walt steigt tatsächlich auf!“ Und wie! „Aus der Mittel direkt in die Upper Class!“ Klingt wie ein Märchen, aber Cranston Grinsen leitet die entscheidende Frage nach dem Erfolgsgeheimnis der Serie ein: „Ist er darin glücklicher?“
Ist er nicht.
Denn in der letzten Staffel, die der Pay-TV-Kanal AMC betriebswirtschaftlich klug in zwei Teile gesplittet hat, wird Walter White zwar endgültig zum Gangsterboss; seine spießbürgerliche Kleinstadtidylle mit einem Pool, zwei Kindern und einer Menge Hypotheken, das also, wofür er den Weg in die Unterwelt überhaupt gegangen ist: ein Trümmerfeld, blutgetränkt zudem. Da sei es „schwer vorstellbar“, Cranston sucht bei seiner Agentin im Zimmereck nach Zustimmung für so viel Vorschusswissen, „dass sein Leben nach dem Finale einfach normal weitergeht“. Im Produktionsland selbst wollten Ende September sagenhafte zehn Millionen Leute im allerletzten Teil sehen, was genau der Hauptdarsteller damit meint. Es war Rekord für ein kostenpflichtiges Angebot, das gleich mal die sorgsam lancierte Neuigkeit nach sich zog, es würde doch eine Fortsetzung geben – wenngleich ohne Walt, Jessie, Hank, Skyler, den derzeitigen Stars. Stattdessen mit Saul Goodman, dem windigen Anwalt der Bösen.
Das allerdings wäre nicht mehr die brillante Story von Aufstieg und Fall einer ganzen Klasse, die – wie Cranston meint – nicht ganz ohne Zufall im Knall der platzenden Immobilienblase angelaufen ist; es wäre ein schlichtes Spin-Off mit der Chance, alte Fans ein wenig länger an die Geschichte zu binden. Eine Idee wie Breaking Bad selbst dagegen, das gilt sogar im Licht dramaturgischer Überraschungen wie Homeland oder Lilyhammer, wird sich so schnell nicht wiederholen lassen. Das Höchstmaß dessen nämlich, was Cranston „Manipulation“ nennt: Der Gesellschaft so unterhaltsam, so geschickt vor allem den Spiegel vorzuhalten, dass selbst ein väterlicher Verbrecher wie Walter White „bis tief in die 4. Staffel für viele noch als Good Guy“ gilt. Doch keine Sorge: in der 5. denkt das nicht mal mehr der Ottonormalverbrecher selbst.
Dokumentarreihe: Geliebte Feinde
Posted: December 5, 2013 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentZiemlich beste Feinde
Seit Montag zeigt Arte in seiner Dokumentarreihe Geliebte Feinde täglich um 19.30 Uhr (und zu jeder Zeit in der Mediathek http://www.arte.tv) zehn Teile lang, was Deutsche und Franzosen eigentlich gegeneinander haben. Vor allem aber: was daran bloß nationalistisch geprägtes Machtgehabe ist.
Von Jan Freitag
Historische Unwahrheiten haben meist eine ziemlich hohe Halbwertszeit. Das von der Erbfeindschaft zwischen Frankreich und Deutschland zum Beispiel: Schon immer, hieß es lange Zeit, seien sich die zwei Nachbarstaaten spinnefeind gewesen. Selbst jetzt, da aus der alten Rivalität fast innige Freundschaft zu werden scheint, gelten mit dem neuen Kuschelkurs Jahrhunderte, ach Jahrtausende des Zankens, Haderns, Kriegeführens überwunden. Alles Unsinn? Fals alles Unsinn! Das behauptet zumindest eine Dokumentarfilmserie, die dem deutsch-französischen Verhältnis gründlich auf den Zahn fühlt.
Denn siehe da: Viele Gegensätze zwischen den nur vermeintlich so gegensätzlichen Völkern, vermeldet der Zehnteiler Geliebte Feinde auf Arte, sind nichts als sorgsam geschürte Ressentiments, politische Erfindungen mithin. Überwiegend entstanden im anschwellenden Nationalismus des 19. Jahrhunderts, der den Gedanken konsistenter Völker in festen Landesgrenzen erst hoffähig, dann zum guten ton, schließlich zur Staatsdoktrin machte. Genährt von Napoleon Bonaparte, dessen Okkupation überhaupt erst half, aus dem Flickenteppich rivalisierender Fürstentümer im Osten einen leidlich kompakten Verbund namens „Deutsches Reich“ zu formen. Ignorierend, dass Frankreich zuvor eher England grundlegend feindlich gegenüber stand, zumal Deutschland damals – wenn überhaupt – deckungsgleich mit Preußen war, das ohnehin fast nur Gegner kannte.
Trotzdem gedeiht das ewige Gerede vom Erbfeind bis heute prächtig im Kanon wirkmächtiger Klischees. Dass französische Bräuche, Dichter, Denker, Speisen, die gesamte Zivilisation jahrelang prägend waren fürs deutsche Selbstverständnis, dass unser Wortschatz vollgestopft mit Frankismen jeder Art ist, dass der germanische Adel bis zu seiner Entmachtung parlierte, nicht sprach, dass nicht nur Nietzsche alle Literaten außer ein paar Parisern (und ihm selbst, versteht sich) für Idioten hielt und Deutschlands geistige Elite der Eroberer Napoleon für einen ordnungsstiftenden Heilsbringer – alles gern vergessen.
Da ist es erfrischend, von den fünf verschiedenen Autoren der Miniserie mit den üblichen Spielszenen zum verfügbaren Archivmaterial zu erfahren, dass die deutsch-französischen Beziehungen eben nicht erst seit Konrad Adenauer friedlicher wurden und die Pariser Verträge von 1963 weniger Anbahnung, als Aussöhnung waren. Und Annette Frier als Germania sowie Antonia Rendinger als Marianne präsentieren das auch genau mit jener Leichtigkeit, die dem Prozess der Entspannung entspricht. Bei aller weltpolitischen Relevanz zwischen Karl dem Großen und Charles de Gaulle, Revolutionen und Weltkriegen, geht es schließlich auch um die Gegensätze des Alltags: vom Weingraben über die Weißbrotmauer bis hin zur Kinogrenze quasi.
Das wirft die Frage auf, wie weit es mit der franko-germanischen Freundfeindschaft denn kulturell gediehen ist? Was sich die Nachbarn im Kleinen zu geben haben? Am Bildschirm zum Beispiel? Womit man schnell beim ausstrahlenden Sender selbst wäre: Arte. Das Gemeinschaftsprogramm ist ja schon qua Statut und Auftrag beiden Bevölkerungen verpflichtet. Und er hat dabei in den vergangenen 21 Jahren Außergewöhnliches geleistet. Bestand das französische Kulturangebot im deutschen Fernsehen auf den prominenten Sendeplätzen bis dato vornehmlich aus Ulk von Louis de Funès bis Jean Paul Belmondo und eher zu nächtlicher Stunde mal aus anspruchsvollem Film Noir bis Nouveau, so gelangten plötzlich französische Serien wie zuletzt Odysseus oder Seconde Chance zu deutschen Ohren. Dazu Reportagen und Dokumentationen, ja selbst Magazine und Nachrichten. Umgekehrt bekam Romy Schneider, rechts des Rheins einst als „Franzosenflittchen“ verpönt, Kollegen zur Seite, die auch links des Rheins gut ankamen: Daniel Brühl zum Beispiel, in Frankreich hochgeschätzt, Sebastian Koch, Hannelore Elsner, Benjamin Sadler, die Liste ließe sich leicht erweitertn.
Dennoch ist noch eine Menge zu tun. Denn anders als angloamerikanisches Fernsehen führt das französische bei uns ein ebensolches Nischendasein wie umgekehrt das deutsche in Frankreich. Sicher, Ziemlich beste Freunde war auch in hiesigen Kinos ein Renner, für die Mundartkomödie Willkommen bei den Scht’is erdachten sich deutsche Übersetzer sogar ein eigenes Ideom und die Zeichentrickserie Es war einmal… ist seit Langem ein Dauerbrenner im Kinderprogramm. Insgesamt aber stammt jenseits von Arte nur ein Bruchteil des Programms vom jeweiligen Nachbarn. Daran wird auch Geliebte Feinde nichts ändern. Quel dommage.
Claudia Michelsen: Schauspiel & Realität
Posted: November 28, 2013 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentPorzellan und Granit
Ohne Glitzerrollen und eitles Getue hat sich Claudia Michelsen ins erste Glied des deutschen Films gespielt. Warum sie dort hingehört, hat sie erst gestern im famosen Melodram Grenzgang bewiesen, aber auch in der Tellkamp-Verfilmung Der Turm, die der WDR am Samstag wiederholt
Von Jan Freitag
Wahre Schönheit, so sagt man, bedarf ein paar kleinerer Makel. Claudia Michelsen besitzt davon gleich mehrere. Ihre Nase hat diesen kleinen Höcker, der sie für Frauenmagazine im Grunde unabbildbar macht. Auch die Augen sind nicht ganz harmonisch, der Mund scheint ebenfalls leicht schief geraten, das ganze Gesicht weist eine leichte Unwucht auf. Schön ist sie ja, gar bildschön, aber eben nicht titeltauglich. Eigentlich. Dass es sie dennoch gerne mal auf Deckblättern diverser Zeitschriften rund um Fernsehen, Glamour, Pesonality verschlägt, muss also andere Gründe haben.
Gründe wie gestern in Grenzgang, wo die 44-Jährige wie schon im grandiosen Fernsehmelodram Und dennoch lieben wir auf gleichem Kanal oder in der versierten Tellkamp-Verfilmung Der Turm kurz darauf auf atemberaubende Weise zeigt, wie gewisse Schauspielerinnen aus gewiss guten Filmen besondere machen, besser: wie besonders diese hier mit ihrer unnachahmlichen Mischung aus Empathie und Distanz, Leidenschaft und Gelassenheit fernstehtaugliche Rührstücke zu vielschichtigen Dramen adelt, die auch auf der Leinwand bestehen könnten. In allen drei Filmen wie in so manchem zuvor tut sie es als augenscheinlich sprödes, unterschwellig jedoch höchst attraktives Mauergewächs, das Claudia Michelsen auf sehr subtile Weise zwischen Austrocknung und neu Erblühen bewässert.
Wie die Mutter zweier Töchter (vom Schauspielerkollegen Anatol Taubman) der Verzweiflung zwischen Trotz und Abwehr ein Gesicht verleiht; wie sie langsam bricht, ohne durchzubrechen, und aufsteht, ohne sich wirklich grade zu mache; wie sie als nahezu einzige Schauspielerin im fiktionalen Primetimefilm sogar in flachen Schuhen begehrenswert sein darf und ihre strickjackenbewehrte Normalität doch wie eine Monstranz vor sich her trägt – das ist einzigartig, zumal im Fernsehen, diesem Medium, das im Grunde viel zu klein ist für eine wie sie. Das sie allerdings dennoch Jahr für Jahr mit mehreren Beiträgen bereichert.
Seit die Absolventin der Berliner Schauspielschule Ernst Busch 1989 erstmals vor die Kamera trat und parallel „aus politischer Erwägung“, wie sie betont, aufrührerisches Osttheater spielte, seit der Mauerfall den „revolutionären Impuls der Bühne“ in den „Leerlauf banaler Unterhaltung“ riss, Claudia Michelsen legt in solchen Momenten selbst Fremden bekräftigend die Hand aufs Knie, seither spielt sie alles Mögliche: Tatort-Episoden und Historienschinken, TV-Melodramen, US-Produktionen, Kinderfilme, selbst eine Serienkommissarin (Flemming). Auch ein Abstecher in Richtung Hollywood war dabei. Doch je älter, reifer, je besser und bekannter die einstige Max-Ophüls-Preisträgerin wird, desto häufiger sind es eben stille Filme mit Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs. Nicht, dass dies eine bewusste Entscheidung wäre. „Aber dieses Erwachen“, sagt sie dann, „dieses Gegenangehen“, es fasziniere sie schon.
Und so erwachen ihre Figuren regelmäßig aus seltsam wattierten Wohlstandswelten. Als Mutter einer Ausreißerin in Sieben Tage, als Frau eines DDR-kritischen, aber geölt mitlaufenden Schwerenöters in Der Turm, zuletzt als Frau zwischen Nebenbuhlerin und Ehe im ARD-Film Und dennoch lieben wir oder nun eben in der hessischen Provinz-Studie Grenzgang, wo sie mit einem anderen Großstadtflüchtling (Lars Eidinger) verbissen um ein Stück Geborgenheit im räumlich-sozialen Abseits kämpft. Fast ausnahmslos wirken diese Charaktere in Werken zur besten Sendezeit, fast immer öffentlich-rechtlich und zusehends mit Claudia Michelsen auf dem ersten Rang der weiblichen Besetzungsliste.
So selten wie möglich begibt sich die gebürtige Dresdnerin dort allerdings in Zonenrollen. Auch aus Angst vor falschen Bildern. „Es gibt ja nicht die eine Sicht auf die eine DDR“, erklärte sie diese Scheu zum Start vom Turm im vorigen Frühjahr. Zumal ihre „Berührungspunkte“ zum System „eher Freunde und Bekannte, die Stasi-Kontakte hatten“ waren als eigene Kontakte. „Ich bin die Glücksgeneration, knapp 20 als die Mauer fiel“. Und falls sie sich doch mal vom Klischee besetzen lässt, DDR lasse sich am besten DDR-sozialisiert verkörpern, wird daraus garantiert ein preisgekröntes Vorzeigedrama wie 12 heißt: ich liebe dich, wo sie sich als Stasihäftling in ihren Verhörer verliebt. Auch so eine Geschichte vom Zerbrechen und Aufwachen. Claudia Michelsen Paradedisziplin, die sie nicht sucht, aber findet. Auf die man sie geradezu buchen könnte. Aber eigentlich kann sie fast alles.
Gätjen & Co: Hoffnungen & Enttäuschungen
Posted: November 21, 2013 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentAusgestrahlt
Das Fernsehen ist voller Karrierehoffnungen. Auch Steven Gätjen oder Oli Geissen waren mal welche. Heute moderiert der eine leicht ölig Eventshows wie Stefan Raabs Turmspringen (diesen Samstag), der andere gelangweilt Chartshows (fast jeden Freitag). Inhaltlich banal, finanziell erfolgreich, jenseits früherer Träume von Relevanz – damit sind beide nicht allein.
Von Jan Freitag
TV-Karrieren haben was Hybrides. Gerade im Moderatorenfach verläuft zwischen Anspruch und Erfolg, Seriosität und Ruhm ein breiter Graben. Den Spagat drüber hinweg schaffen eigentlich nur die Schmidts, Jauchs, Gottschalks. Auch Anke Engelke und Matthias Opdenhövel kommen durchaus schichten-, geschlechter-, gar altersübergreifend an. Doch schon die Talkonkels von Kerner bis Lanz polarisieren so wie Moderationsfassaden der Marke Marco Schreyl, der vom Castingpöbel vergöttert, keinem Fernsehpleb ins Haus käme. Welcher RTL-Gucker hat andererseits je von Klaus Kleber gehört, welcher GZSZ-Fan von Francis Fulton-Smith?
Gut, auch ohne Visum zur anderen Seite lässt es sich diesseits der Gräben leben. Doch in der Nische zu stecken, geduldet von Millionen, gehasst vom Rest, hat etwa Oliver Geissen, der seit 16 Jahren wegmoderiert, was ihm das Massenmedium übrig lässt, kaum gewollt. Man sieht ihm die geplatzte Illusion einer nachhaltigen Karriere in jeder Ultimativen Chartshow, an. Einst als echter Entertainer gehandelt, langweilt er sich selbst noch mehr als die Zuschauer. Das Gleiche gilt – sogar mehr noch – für Steven Gätjen. Geboren in Phoenix, volontiert in Hamburg, studiert in LA, auf der Liste seriöser Redaktionen – für den 31-Jährigen Doppelsprachler leuchtete was am TV-Himmel. Tief darunter macht er heute nur privates Müllfernsehen à la Sommermädchen, das bei Schlag den Raab immerhin lukratives Müllfernsehen ist. Und so erscheint sein hoffnungsvoller Laufbahnbeginn doch nur ziemlich kurzes Wetterleuchten.
Und damit ist er keineswegs allein:
Pilotin, blond, schlagfertig, Pressdekolletee – im Grunde bringt Sonja Zietlow viel für solide Unterhaltungsbekanntheit mit. Kultiviert aber bloß noch ihren Zynismus im Dschungelcamp und wartet in der Billigshow Die 10… nur noch darauf, sich bei den 10 verschleudersten Moderatorinnen auf Platz 4 nennen zu müssen.
Ehrlich – Birgit Schrowange galt Ende der 80er im WDR als neue Dagmar Berghoff, gilt heute aber eher als neue Marianne von Michael. Glaubt wohl selber, der Promi-Unrat, den sie in Extra oder Life! runterleiert, besäße so was wie Sinn. Weil dem nicht so ist, bleibt ihr relevantester Medienbeitrag: ein Sohn mit Markus Lanz
Schon mit Ende 20 ein gefragter ZDF-Außenpolitiker, kommt Normen Odenthal auch mit Anfang 40 nicht über Nachtjournale, Mittagsmagazine, Frühstücksfernsehen hinaus. Wurde bei letzterem sogar vom unsäglichen Wulf Schmiese ersetzt. So bleibt der Nachwelt vor allem die putzige Schreibweise seines Vornamens erinnerlich.
Mann, war die schön, Mann, war die klug, Mann, war die kühl. 1988 hat sich Dr. Privatfunk eine neue Mrs. Nachrichten kreiert: Maria Gresz. Sah so die Zukunft der Politmagazine aus? Nein, aber die Gresz ist exakt so blond wie damals. Und sie nuschelt auch wie einst, nur von Spiegel TV zu Spiegel TV belangloseres Zeugs.
Noch so ein öffentlich-rechtliches Talent. Steffen Hallaschka war frisch volljährig, als er im HR gutes Radio machte. Mit Mitte 20 machte er bei 3sat gutes Jugendfernsehen. Um die 30 ging er zu Polylux, sogar Arte. Jetzt oberhalb der 40, sieht aus wie immer, leitet das politfreie Politmagazin Stern TV und hofft weiter aufs heute-journal.
Cherno Jobatey kennt man. Ist das nicht der Farbige vom Morgenmag in Turnschuhen? Ja! Er war aber auch Stipendiat, Politologe, Zeit-Autor, Showmaster (Verstehen Sie Spaß), Schauspieler (Isch kandidiere), ein Vorbild vieler Migranten. Nach 20 Jahren ist er immerhin noch: der Farbige vom Morgenmag in Turnschuhen.
Als Susanne Kronzucker ZDF-Auslandskorrespondentin wurde, galt die 20-Jährige als Erbin ihres Vaters Dieter, kam aber über RTL-News nie hinaus. Immerhin machte sie ab 2007 das emanzipierte Magazin Mona Lisa. Mit annähernd 50 ist die Ex-Vorzeigefrau dem Vernehmen nach Mutter, und ihr Mann, ein Anwalt, verdient das Geld.
Kennt noch wer Caroline Beil, Carsten Spengemann, Susan Stahnke? Erstere galt als extrem variabel, bis sie nur noch Soaps machte. Letztere verließ die Tagesschau vergebens für eine Hollywoodkarriere. Mittlerer klaute lieber einen Ring, als weiter DSDS zu moderieren. Was sie alle heute eint? Besuche im Dschungelcamp.
Aktenzeichen XY: Aufklärung & Denunziation
Posted: November 14, 2013 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentUnter Generalverdacht
Zum 12. Mal hat das ZDF gestern mutig Menschen, die sich mutig dem Verbrechen entgegenstellen, mit dem XY-Preis prämiert. Doch was im Kern ein guter Ansatz ist, verfährt wie die Sendung insgesamt nach dem Grundsatz: Besser ein falsch Beschuldigter zuviel als ein freier Täter. Aus Anlass der diesjährigen Verleihung zeigen die freitagsmedien heute ein Porträt der Sendung aus Zeiten, als Wolfgang Schäuble noch für Recht und Ordnung zuständig war.
Von Jan Freitag
Rudi Cerne ist ein gebranntes Kind. Es war im Jahr 1978, als ein Klima der Hysterie den Verbrecherjäger des ZDF ins Fadenkreuz der Ermittler trieb. „Auf einem Flughafen bin ich irrtümlich verhaftet worden“, erinnert sich der heutige Moderator von Aktenzeichen XY … ungelöst. 30 Jahre später auf dem sicheren Terrain des Ludwig-Erhard-Hauses in Berlin. Ein „zappeliger Polizist“, habe den amtierenden deutschen Eiskunstlaufmeister mit Christian Klar verwechselt. Jetzt kann er darüber lachen: „Der hatte doch mehr Angst vor mir als ich vor ihm.“
Tja, so war das eben damals, rund um den Deutschen Herbst. Es herrschte eine Atmosphäre diffuser Phobien vor allem und jedem. Wer Gitanes rauchte, galt als verdächtig, wer BMW fuhr ohnehin, wer irgendwie aus der Rolle erst recht – und sei es durch bloße Ähnlichkeit mit dem Bösen. Bei Rudi Cerne war es die optische Übereinstimmung mit dem Passbild eines gesuchten Terroristen. Kleiner Kollateralschäden, sagen die einen, Pech gehabt. Ergebnis politischer Panikmache, die anderen, ein Vergehen namens Generalverdacht.
Cerne gehört zweifellos zu ersteren, denn der Journalist scheut auch mit 50 Jahren das Feuer falscher Verdächtigungen nicht. „Bei so einem schrecklichen Verbrechen müssen wir keine Statistiken bedienen“, kommentiert er entsprechend die Vergabe des XY-Preises 2008 durch Wolfgang Schäuble. Zum siebten Mal prämierte damit ein Bundesinnenminister zivilcouragierte Bürger, die irgendwie dem Verbrechen trotzen. Fünf davon werden in der heutigen Sendung von Aktenzeichen XY vorgestellt: Ein Sportlerduo, das zwei Kinderschänder überführt, eine 44-Jährige, die in einer Straßenschlägerei interveniert, und eine Spaziergängerin, die ein Mädchen vor ihrem Vergewaltiger gerettet hat.
Diese drei Fälle wählte eine zehnköpfige Jury aus Kriminalisten, Sicherheitsdiensten, Versicherern und dem ZDF unter 100 Vorschlägen aus. Eine seltsame Gewichtung, betrachtet man die deutsche Straflandschaft: zwei pädophile Missbräuche bei einer Körperverletzung – macht 66,66 Prozent der Auszeichnungen, obwohl diese (zweifellos furchtbare Tat) einen kaum messbaren, zumal rückläufigen Anteil an der Kriminalstatistik aufweist. Ob diese Unwucht nicht vor allem Stammtische befriedigt und sich inhaltlich auf dem Niveau der Bild-Zeitung bewegt? „Nein, nein“, antwortet da Rudi Cerne. Es läge an der Medienvielfalt, dass bestimmte Taten stärker in den Fokus der Öffentlichkeit geraten, „ganz sicher nicht am Zweiten Programm“.
Ganz sicher?
Beispiel sexueller Missbrauch. Während seine Zahl in 15 Jahren um 22 Prozent sank, tippten 89 Prozent der Teilnehmer einer Umfrage auf massive Steigerung. Ähnlich sieht es bei Mord aus: statt des Rückgangs um zwei Fünftel, glaubten die Teilnehmer im Schnitt an eine fast ebenso große Zunahme. War sexuelle Nötigung im Spiel, betrug die Verschätzung satte 475 Prozent. Der Kommunikationsforscher George Gerbner erklärte das als „Kultivierungstheologie“: TV-Zuschauer denken nicht nur, die Flut an Fernsehverbrechen sei real; sie halten sogar Berufsgruppen, die im Film häufig morden, für krimineller. Arme Zahnärzte.
Und ob die nun tatverdächtig sind oder doch eher stoppelbärtige Kiezgestalten – mindestens 40 Prozent aller vorgestellten Fälle, rühmt sich die XY-Redaktion, wurden seit 1967 im Anschluss an die sinistren Nachstellungen, schwarzweißen Fahndungsfotos und präsentierten Tatwerkzeuge aufgeklärt. Davon abgesehen, dass der enorme Überhang an Gewalt- und Kapitalverbrechen – vornehmlich in Kombination mit sexueller Gewalt gegen Kinder – den Eindruck erweckt, wir leben in einem Land der Mörder und Vergewaltiger, bleibt offen, wer zu Unrecht verdächtigt wird und wer gezielt denunziert. Schon 1970 druckte Die Zeit eine Liste fälschlich Verhafteter vom vermeintlichen „Hertie- Knacker“ über eine Frau, die mehrmals zu Unrecht des Betrugs bezichtigt wurde, bis hin zu einem Landarbeiter, der sich verdächtig machte, während der Sendung aufgesprungen zu sein. Und dieses Frühjahr ging der Fall zweier Deutscher durch die Presse, deren Foto versehentlich als das eines amerikanischen Serienmörder-Pärchens gezeigt wurde.
Es gibt Suizide in U-Haft, revidierte Urteile, zerstörte Renommees zuhauf, Rudi Cerne aber sagt, es könne schon mal zu Verwechslungen kommen und fragt: „Soll man lieber einen Täter laufen lassen, als ein paar mal daneben zu liegen?“ Genau das ist die Kardinalfrage bürgerlicher Übernahme exekutiver Hoheitsaufgaben und Kern des ausufernden Sicherheitsstaates, den Formate wie XY befeuern. Gesellschaftlich bleibt sie heiß diskutiert, beim ZDF gilt sie als beantwortet: Selbstzweifel kennt man dort nicht, der Vorwurf von Böll bis zur „Vereinigung sozialdemokratischer Juristen“, die Sendung sei Denunziantenfernsehen für Spießer wird mit fast 600 gefassten Mördern und Millionen treuer Fans gekontert. Und die die aktuellen Preisträger belegen ja, dass die Inkaufnahme übler Nachrede mit 10.000 Euro und einem Händedruck von Minister Schäuble honoriert werden kann.
Welche Blüten das treibt, zeigt der Film zur Tat, in dem sich die prämierten Michael Pieper und Peter Dahnke selber spielen. Beim Training in einem Kasseler Badesee fielen den beiden Triathleten zwei Männer an der Seite kleiner Jungen auf, „die deren Großeltern sein konnten“. Ach was… Dass die sich am Ende tatsächlich als Triebtäter herausstellten, ist eine Sache und das Eingreifen aller Ehren Wert. Dass ältere Männer mit potenziellen Enkeln an der Hand per se als dubios gelten eine andere. „Natürlich geht immer mal etwas schief“, sagte Law-and-Order-Mann Schäuble in seiner Laudatio und lobte Eduard Zimmermann, der unsere Gesellschaft lebenswerter gemacht habe. Zumindest für jene, die nicht versehentlich ins falsche Visier geraten.
http://www.zdf.de/ZDFmediathek#/beitrag/video/2027304/XY-Preis-2013