Klinikserie: Code Black & Prof. Brinkmann

codeBlutbad in der Notaufnahme

Die Krankenhausserie Code Black (mittwochs, 22.15 Uhr, Pro Sieben/Foto@Pro7) wirkt von der ersten bis zur letzten Minute viel zu schnell und überdreht, um wirklich wahr zu sein. Es sei denn, man ruft sich den gleichnamigen Dokumentarfilm vor Augen, der diesem sehenswerten US-Format vor drei Jahren vorausging – und die Fiktion nun in der Realität erdet.

Von Jan Freitag

Wie verschieden Deutschland und die USA auch 71 Jahre nach dem kulturellen Eroberungsfeldzug des american way of life noch sind – dafür muss man gar nicht unbedingt den Wahlkampf um Washington betrachten oder die Debatte ums amerikanische Waffenrecht; es reicht ein Blick auf Fernsehen. Wer hierzulande in ein fiktionales Krankenhaus eingeliefert wird, bekommt darin nicht erst seit Professor Brinkmanns blütenweißen Einsatzzeiten individuelle Rundumversorgung mit Chefarztvisiten selbst für basisversicherte Kassenpatienten und kompetente Empathie in sonniger Doppelzimmeridylle. Wer hingegen eine Klinik in – sagen wir: L.A. besucht, kann eigentlich schon froh sein, wenn er sich nicht – sagen wir: beim Ausglitschen auf der Blutlache eines Schießerei-Opfers den Hals bricht.

Mit so einem Objekt brutaler Gewalt startet heute Abend auf Pro7 die neue Mediziner-Serie aus dem Mutterland des Genres, das Anfang der Sechziger im General Hospital seinen Anfang nahm und 30 Jahre später erstmals in der Notaufnahme des Emergency Room gelandet ist. Sie heißt Code Black, womit im kalifornischen Gesundheitssystem ein sehr realer Zustand beschrieben wird, der in Stoßzeiten durchaus auch deutsche Großstadtspitäler, aber keinesfalls deren unterhaltsame Entsprechungen am Bildschirm ereilen kann: Weil die Zahl eingelieferter Notfälle sämtliche Kapazitäten des anwesenden Personals sprengt, droht die Erstversorgung komplett zusammenzubrechen. Alarmstufe Rot. Akute Todesgefahr am Ort des Heilens also. Im Landesschnitt keine fünfmal pro Jahr ausgerufen, tritt dieser Code Black am Angels Memorial nahezu täglich ein.

Ausgerechnet in diesem Inferno schulmedizinischer Grenzerfahrung treten vier frische Assistenzärzte ihren Dienst an, der gleich mal mit dem angesprochenen Verbrechensopfer am Verbrechenshotspot L.A. beginnt, dessen Halsschlagader zur Begrüßung Literweise Kunstblut auf die sauberen Kittel der Neuankömmlinge pumpt. In diesem Takt pulsierender Herzen geht es von der ersten bis zur 45. Minuten fast pausenlos weiter. Immer mehr Bedürftige zwischen Leben und Tod landen in der heillos überfüllten Notaufnahme. Immer rasanter wird geflickt und gepflastert, geheult und gerenkt, gestorben und gerettet, bis nach 25 Minuten, 0:45 Uhr Ortszeit, tatsächlich der Code Black ausgerufen wird und das Tempo nochmals anzieht.

Angesichts dieser überfrachteten Dramaturgie am Limit aller menschlichen, technischen, atmosphärischen Parameter könnte man spätestens hier an der Glaubwürdigkeit von Showrunner Michael Seitzman zweifeln – hätte das CBS-Format nicht ein wahrhaftiges Vorbild: die gleichnamige Dokumentation des absurd hektischen Arbeitsalltags am L.A. County Hospital, dem der New Yorker Notfallmediziner Ryan McGarry als Regisseur vom Fach 2013 ein vielfach preisgekrönt Denkmal gesetzt hat. Es ist keinen Herzschlag langsamer als die ausgedachte Variante.

Sicher: wie George Clooneys legendärer ER gehorcht auch die radikalisierte Fassung von heute den Gesetzen des Fernsehens. Das Regime von Schichtleiterin Dr. Leanne Rorish, mit hinreißend verzweifelter Souveränität gespielt von Oscar-Preisträgerin Marcia Gay Harden, ist spannungsgeladen streng, aber voller Raum für genretypische Gefühlsduseleien. Wie eine gut sortierte Boygroup sind die vier neuen Hilfskräfte, allesamt frisch von der Uni, nach den Erfordernissen fortlaufender Fiktionen besetzt: Der durchtrainiert Rehaugen-Hipster Mario (Benjamin Hollingsworth), die exotisch-kompetente Schönheit Malaya (Melanie Chandra), das blonde Geheimnis Christa (Bonnie Somerville) und ein liebenswerter Wonneproppen namens Angus (Harry Ford) sorgen für Anschlussfähigkeit im Massenpublikum, während der hierarchiesprengende Chefpfleger Jesse „Mama“ Salander (Luis Guzmán) mit Alltagswissen, Maschinengewehrschnauze und einem (verliebten?) Herz für Leanne „Papa“ Rorish sozialen Kitt zwischen Halbgott und Helfer, Genie und Wahnsinn, Theorie und Praxis klebt.

Abseits dieser soziokulturellen Klischees des amerikanischen Fernsehmiteinanders aber entwickelt Code Black eine erstaunliche Sogkraft des Authentischen, die gerade aus dessen Absurdität entspringt. Leidlich anspruchsvolle Zuschauer würden es schließlich mit indigniertem Naserümpfen ins Reich der akademischen Fabel verbannen, wenn die allwissende „Papa“ einem eingelieferten Kind ohne jede Untersuchung „Pneumo-Thorax, genetische Disposition“ diagnostiziert, nur weil es aus Norwegen kommt. Und erfolgreich den Kopf eines gestürzte Skateboarders zu drainieren, während man zugleich am Telefon einen Kaiserschnitt im Notfallwagen souffliert, klänge auch eher nach RTL2 als Arte. Im Wissen um McGarrys Dokumentarfilm aber saugt man die Extreme hier auf wie der Wischmopp das Blut vom Klinikboden.

Der war ja noch nie im Einsatz, wenn die Brinkmanns und Bergdoktoren ihr selbstloses Werk am Guten verrichten. Gerade weil sie so aufgeräumt aseptisch sind, wirken hiesige Kliniken daher um vieles artifizieller als die dauernde Rush Hour am Angels Memorial. Um sie erträglich zu machen, gönnt uns die Serie hin und wieder sogar kurze Momente der Einkehr. Das Büro des Chefarztes zum Beispiel, in dem er auf die Frage, wo denn seine Bedenken angesichts eines unzulässigen, aber erfolgreichen Noteingriffs blieben, entspannt antwortet, „in einem Fläschchen Tavor“. Mit Beruhigungsmitteln wie diesem wären auch all die Einrenkungen offener Brüche und Organspendedebatten nach dem Exitus ein wenig erträglicher. Die Realität hat’s in sich.

Der Text ist mit mehr Bildern und Kommentaren vorab auf ZEIT-Online erschienen


David Kross: Hollywood & Bargteheide

KrossSpielberg? Cool!

So ganz kann es David Kross (Foto: SWR/Brackmann) noch immer nicht glauben, dass er zu den wenigen deutschen Schauspielern zählt, die in den USA mehr als Nazis spielen dürfen. Doch seit der Junge aus Bargteheide bei Hamburg in Detlef Bucks Knallhart ein Bürgerskind im Ghetto gespielt hat, ging es für ihn flugs bis nach Hollywood. Acht Jahre nach Der Vorleser kehrt er als Assistent des Frankfurter Generalstaatsanwalts Fritz Bauer (Ulrich Noethen) im Kampf mit NS-Seilschaften der Nachkriegszeit zurück ins deutsche Fernsehen (heute, 20,15 Uhr). Ein Gespräch über seinen kometenhaften Aufstieg, den General Fritz Bauer und was der Film gegen sein Image als Mr. Nice Guy ausrichten kann.

Interview: Jan Freitag

David Kross, Sie sind tatsächlich erst Mitte 20, stammen aus dem kleinen Bargteheide bei Hamburg.

David Kross: Was man dort höchstens als Autobahnkreuz kennt.

Und sind dennoch einer der international profiliertesten deutschen Schauspieler.

Ach, profiliertesten; sagen wir mal so: Ich arbeite noch (lacht).

Für herausragende Regisseure in wichtigen Produktionen. Wie geht man als Provinzkind Ihres Alters mit diesem Erfolg um?

Instinktiv und spontan. Mein ganzer Werdegang ist mir ja eher passiert, als geplant gewesen zu sein – auch wenn man natürlich nie nur passives Objekt seiner Umstände ist. Nach ein paar kleinen Kindersachen die erste große Rolle gleich mit Detlef Buck zu spielen…

2006 in „Knallhart“, als bürgerliches Kind im rauen Neukölln.

… das war natürlich auch Glück, dessen bin ich mir stets bewusst. Zumal ich damals noch gar kein richtiger Schauspieler war. Einmal die Woche zur Theaterprobe war ja eher wie Fußballtraining; da fühlt man sich in dem Alter doch auch noch nicht wie ein Profi…

Der wurden Sie allerdings seit „Knallhart“ in Windeseile. Kann man sich das als Perpetuum Mobile vorstellen, das einmal in Gang gebracht endlos aufwärts schwingt?

Auf keinen Fall. Gerade am Anfang schwebt man nicht dauernd in einer Wolke der Inspiration toller Regisseure. Die Tatsache, dass mir meine Karriere anfangs eher widerfahren ist, hat zwar eine gewisse Lockerheit gebracht; aber ohne klassische Ausbildung kommt man nur mit Ausdauer, Arbeit, Routine, ein paar Tricks und ständiger Fortbildung weiter. Anders geht es weder schauspielerisch noch stimmlich weiter. Ich war mir meiner Grenzen immer bewusst.

Mussten die besonders solide sein, um als deutscher Teenager mit Welterfolg nicht abzuheben?

Um abzuheben, stelle ich mich selber viel zu oft – manchmal fast ein bisschen viel – infrage; dafür bin ich gar nicht der Typ. Zum anderen ging es nie nur aufwärts; auch ich musste mich mal von Casting zu Casting durchschlagen. Die Realität hat mich am Abheben gehindert.

Wird man nicht wählerisch, wenn gleich am Anfang Hollywood im Portfolio steht?

Vielleicht insofern, als ich noch kein einziges Projekt hatte, für das mir die Motivation gefehlt hätte. Ohne die geht es bei mir nicht; schließlich ist Drehen echte Arbeit.

Zumal Sie oft mehrsprachig drehen, neben Deutsch auch Englisch und Französisch.

Aber nicht, weil ich so ein Sprachtalent hätte, sondern ganz gut Texte lernen und die Aussprache nachahmen kann. Deshalb sind auf dem Filmfest in Cannes viele Franzosen auf mich zugekommen und haben einfach drauflos geplappert, weil sie dachten, ich könne so gut Französisch wie in „Angélique“. Das geht Ulrich Noethen jetzt wohl in Dänemark ähnlich.

Weil er als Titelfigur Fritz Bauer in „Der General“ ein dänisches Interview gibt.

Aber auch kein Wort Dänisch spricht. Zu merken ist das nicht.

Kannten Sie diesen Staatsanwalt im Kampf mit alten Nazi-Seilschaften vorher?

Ja, „Der Vorleser“ handelte ja auch im weitesten Sinne von den Auschwitz-Prozessen, wofür ich mich damals im Jüdischen Museum vorbereitete hatte und auch ein dickes Buch über Fritz Bauer in den Händen hatte. Dennoch bin ich ihm erst jetzt wirklich nahe gekommen; das war ja nicht wirklich meine Zeit.

Und wird es von immer weniger Menschen, je länger sie zurückliegt. Was hat sie heutzutage für eine Relevanz?

Eine große. Der Kampf gegen die Geister der Vergangenheit ist nostalgisch und zugleich aktuell. Mein Opa fand Adenauer toll und hatte vor allem Angst vor Kommunisten. Für den ist es noch heute wichtig und richtig, einen Film zu sehen, der zeigt, wo die Gefahr damals wirklich lag. Und für Spätgeborene wie mich ist es faszinierend, wie dieser Fritz Bauer gegen alle Widerstände durchzieht, wovon er aus tiefster Seele überzeugt ist, selbst wenn es ihn einsam macht. Das hat viele an Whistleblower wie Edward Snowden erinnert und mich schon deshalb so bewegt, weil ich daraufhin in mir selber gesucht, aber nichts gefunden habe, wofür ich mit dieser Konsequenz so komplett einstehen könnte.

Machen Sie Filme, um damit bei sich und anderen etwas zu bewirken?

Zunächst mal gucke ich, ob er mich emotional berührt. Und wenn ich mich daraufhin selbst hinterfrage, kann das durchaus aufs Publikum abstrahlen. Unabhängig davon, dass „Der General“ ein spannender Politthriller ist, zeigt er eben eine Figur, die keinesfalls in Vergessenheit geraten sollte. Was man aber nur in Kontrast zu meiner Figur wirklich versteht, dem vermeintlich mutigen Staatsanwalt an Fritz Bauers Seite, der das Opfer seiner eigenen Ängste vor Kommunisten, Krieg, Unordnung wird.

Also endlich mal nicht so nett ist wie die meisten ihrer sonstigen Figuren.

Ganz genau! Außerdem ist sei ein bisschen älter. Beides eröffnet mir viel bessere Spielmöglichkeiten als Mr. Nice Guy

Kann man so eine Hauptrolle mit einer Nebenrolle in Steven Spielbergs „Die Gefährten“ vergleicht?

Schwer. Schauspielerisch ist „Der Generell“ natürlich anspruchsvoller und erwachsener. Aber wenn Spielberg anruft, sagt man nicht nein. Ich hab zwei Monate Reitunterricht von den besten Lehrern für fünf Sekunden auf dem Pferd gekriegt; das sind einfach andere Dimensionen der Professionalität als bei uns. Dafür muss der Regisseur noch nicht mal Spielberg heißen. Aber wenn er es ist, sagt man als Deutscher dennoch: Spielberg? Cool!

Das scheint Spielberg ja auch von Kross zu denken, sonst hätte er jemand anderen fragen können. Empfinden Sie sich eigentlich als berühmt?

Phasenweise schon. Aber in Berlin kann ich unerkannt durch die Straßen laufen, und wenn mal einer was sagt, dann eher so beiläufig beim Bäcker, wie gut er den letzten Film fand.

Und wie ist es daheim in Bargteheide oder sind Sie da gar nicht mehr?

Doch, doch. Obwohl meine Eltern mich Weihnachten erstmals in Berlin besucht haben, wofür ich sogar einen Baum gekauft hab, bin ich öfter mal zuhause, sind ja nur eineinhalb Stunden mit dem ICE. Und da bin ich dann nicht der Spielberg-Kross, sondern David von früher.

Noch keine Straße nach Ihnen benannt?

Nee, das wird auch nicht kommen (lacht). Da gibt’s vermutlich ein paar berühmtere als mich, die vor mir dran sind.

Na ja – eine Sozialistin namens Zietz, Hamburgs Zweite Bürgermeisterin Fegebank und der Fußballer Matti Steinmann.

Oh, wo spielt der denn?

HSV.

Na, vielleicht wird der ja bekannter als ich.


Das Dienstagsgeheimnis

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Gewiss, es zählt zu den ungeschlagenen Evergreens absurder Film- und Fernsehstandards, aber warum Filmhelden selbst im Kampf mit großen Gruppen skrupelloser Filmhelden-Feinde grundsätzlich abwechselnd, also einzeln angegriffen werden, bedarf doch einer genaueren Erklärung.

Von Jan Freitag

Würden die realen Regeln zünftiger Wirtshauskeilereien oder der dritten Halbzeit im Zeitalter gewaltaffiner Hooligans auch am Bildschirm gelten – das der Filmhelden wäre rasch beendet gewesen: weil sie oft einsame Streiter wider das Böse sind, ihm also gern allein entgegen treten, reichte stets eine Handvoll Gangster, um beim kollektiven Angriff Schluss zu machen mit dem Heroismus. Da Helden aber nun mal den Nährboden fast aller Erzählungen sind, pflegen visuelle Medien seit jeher, Attacken jeder Art gegen sie abwechselnd fahren zu lassen. Man kann das schön in jedem Infight à la Karl May sehen: Während Old Shatterhand einen Cowboy erledigt, stehen die 23 anderen allenfalls zappelnd, aber passiv im Kreis herum und warten brav auf ihre Abreibung. Nur warum genau?

Da wäre zunächst die Fürsorgepflicht der Produktion fürs Happyend. Dem würden Ganoven, die zwar jedem Kleinkind im Notfall hinterrücks in den Rücken schössen, aber im Nahkampf plötzlich Sittenstrenge bewiesen, ja beim ersten Heldenkontakt den Garaus machen. Zumal, Grund 2, die Heldentauglichkeit wahrer Helden im Repertoire wirksamer Methoden vom fatalen Leberhaken bis zum spiralförmig eingesprungenen Double-Foot-Side-Kick besteht, Schurken möglichst variabel (man frage da nur mal Terrence Hill und Bud Spencer) unschädlich zu machen. Hinzu käme ein Gebot filmischer Übersichtlichkeit, das die Verantwortlichen (auch aus Kostengründen) von Massenszenen Abstand nehmen lässt. Und da war vom Postulat der Handlungsökonomie, in deren Sinne es sinnvoll ist, das Wesen gewöhnlicher Heldenstoffe (also den Heldenkampf) nicht in zwei, drei Minuten durch frühzeitigen K.O. abzuschöpfen, noch gar nicht die Rede. Also, liebe Gegenspieler: bitte anstellen! Ihr kommt schon noch dran…


Mittelpunkt & Mockumentary

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

15. – 21. Februar

In umwälzenden Zeiten wie diesen freut man sich ja manchmal selbst über Nichtigkeiten, sofern sie kurz mal die Erinnerung an beständigere Zeiten wachrufen. Claus Theo Gärtner nämlich, so war gerade zu lesen, dreht an einem neuen Fall für zwei, wenngleich ohne Anwalt, weshalb es doch ein Fall für einen ist, der den greisen Privatdetektiv Matula in eine Seniorenresidenz führt und damit direkt ins Stammpublikum des ZDF. Das lenkt dann allerdings doch nur für Sekunden von der Realität da draußen ab.

In der gewöhnt man sich nämlich an vieles, was eigentlich alles andere als gewöhnlich ist. Die raumgreifende Flüchtlingsdebatte? Nimmt nun mindestens zwei Drittel jeder Tagesschau in Beschlag, Abend für Abend für Abend! 28 Tote beim jüngsten Anschlag in Ankara? Da reichen den heute-Nachrichten hingegen kaum zwei Minuten zum Einstieg! Sondersendungen, Brennpunkte , Hysterie? Dafür müsste schon was an geografisch und atmosphärisch benachbarten Orten passieren, Paris zu Beispiel! Dass die gar nicht so diabolische Popband Eagles of Death Metal dort vorige Woche ihr zerschossenes Konzert vom 13. November beendet hat, war demnach zwar keine Spitzenmeldung, aber immerhin der Frontberichterstattung auf sämtlichen Kanälen wert. Wir leben in einer bizarren Zeit. Fachleute sprechen bereits von einer Epochenwende. Sie verändert alles. Auch die Medien. Besonders die.

Um verbreitet zu werden, bedürfen Informationen jeder Art ja längst keines ordnenden „Mittelpunktes“ mehr, wie „Medium“ im Lateinischen heißt. Jede Botschaft, jeder Bericht jedes noch so dubiose Gerücht wird zusehends ungefiltert aus allen Rohren ins Hirn geschossen. Wer diesen Strom der Mitteilungen kanalisiert, am besten noch auf Papier, gilt da im besten Fall schnell mal als überflüssig, im schlechtesten als verlogen. Alles muss raus! Das findet auch Michelle Spark.

0-FrischwocheDie Frischwoche

22. – 28. Februar

Sie vertreibt eine Brille, die ihr Umfeld scannt, mit dem digitalen Wissen darüber abgleicht und somit für maximale Transparenz sorgt. Claus Kleber berichtet, Markus Lanz diskutiert, Dunja Hayali lädt zum Praxistest, das außer Kontrolle gerät, als Daten eines Lehrers vorm Schwulenclub im ZDF-Bild erscheinen und seine Existenz vernichten, was den Auftakt einer Eskalationsspirale bis hin zum offenen Terror bildet. Zu futuristisch? In der Tat! Dank der Protagonisten aus 15 echten Formaten wirkt die Story zwar real, ist aber eine Mockumentary namens Operation Naked von Mario Sixtus, die den Teufel vom gläsernen Bürger heute (23.55 Uhr, ZDF) nur scheinbar dokumentarisch an die Wand malt.

Zwei Tage später sprengt dann auch Pro7 (22.15 Uhr) die fiktionale Grenze zur Wirklichkeit. In der Serienadaption des gleichnamigen Dokumentarfilms von Ryan McGarry wird an einem Krankenhaus in L.A. der Code Black ausgerufen: Ärztemangel, Notfallplan, selbst halbfertige Mediziner müssen in den OP. Das Ergebnis ist eine Art radikalisierter Emergency Room, der in den USA für Furore sorgt und das weiße Fernsehballett wohltuend auffrischen könnte. Ein eher graumeliertes Genre wird Mittwoch im Ersten nicht aufgefrischt, aber bereichert: Das Zeitgeschichtsepos. Mit einem entfesselt glaubhaften Ulrich Noethen als Der General porträtiert die Königsdisziplin hiesiger Hauptabendunterhaltung den Frankfurter Staatsanwalt Fritz Bauer, der sich fast als einziger Juristen den braunen Seilschaften in der jungen BRD entgegenstellte. Ein fabelhafter Film übers Scheitern der Entnazifizierung, für die sich die schuldhaft verstrickte CDU ruhig mal entschuldigen könnte.

Aber mit der Entschuldigungskultur ist es in der repräsentativen Demokratie nicht allzu weit her. Oder erwartet irgendwer, dass die Fifa Abbitte fürs kriminelle System leistet, das diese Woche mal wieder drei Dokus entlarven? Heute Die Fußball-Mafia im Ersten (22.45 Uhr), morgen Die große Fifa-Story auf Arte (20.15 Uhr), Mittwoch Fifa: Das Foulspiel der Mächtigen im ZDF (23.05 Uhr). Letzteres natürlich nach Übertragung der Champions League, die das ZDF im vollumfänglichen Wissen all der Schweinereien darin nie infrage stellt. The Show must go blablabla.

Aus dem Grund folgt auf Unser Lied für die dicke Bratensoße ESC in Stockholm am Donnerstag (ARD) am Sonntag die Übertragung der Oscars nebst Vorberichten ab 23 Uhr auf Pro7 – diesmal allerdings nicht präsentiert von Steven Gätjen, der drei Tage zuvor mit I can do that seinen nächsten Auftritt im ZDF hat und auf Hollywoods rotem Teppich von keiner geringeren als Annemarie Carpendale ersetzt wird, die sich gewiss etwas weniger für die Filme als die Kleider der Stars interessieren dürfte, aber egal. Die schwarzweiße Wiederholung der Woche stammt da entsprechend aus einer Zeit, als Kostüme noch bedeutsamer waren: Der Herr der sieben Meere (Mittwoch, 14 Uhr Arte), Ursuppe des Freibeuter-Films von 1940 mit Errol Flynn als edler Freibeuter. Der Farbwiederholung hingegen fehlt es völlig an Glamour, aber nicht an Brillanz: Waltz With Bashir (Samstag, 23.05 Uhr, RBB), Ari Folmans hypnotische Comic-Adapton aus dem Nahost-Konflikt von 2008.


Club-Mausoleum: Golden Pudel (1995-2016)

Burning Bretterbude

Ein liebevoll verwahrlostes Heim, so widerständig wie stilbildend: Der Golden Pudel Club (Foto: JOTO) ist abgebrannt – und mit ihm ein Stück Hamburg, das im Grunde nie eines war. Ein Club-Mausoleum aus gegebenem, todtraurigem, womöglich endgültigem Anlass.

Von Jan Freitag

Worum es sich in unserem Kulturkreis aufrichtig zu trauern lohnt, dafür gibt es gesellschaftlich definierte Regeln. Menschen verdienen selbst dann ein Höchstmaß an Hochachtung und Pietät, wenn ihr Leben kein ganz so vorbildliches war. Bis auf ein paar Tote der Sorte Hitler habe man demnach nur Gutes über sie zu berichten – oder eben nichts. Danach wird es komplizierter: Der abgehauenen Freundin nachtrauern, drei Punkten beim Heimspiel, gar einer verpassten Folge Game of Thrones? Schwierig, als Außenstehender da ordentlich Anteil zu nehmen. Das ist mit Gebäuden seltsam ähnlich.

Das gilt besonders für jene Stadt, die heute womöglich eine Abrissbirne zum Wahrzeichen hätte, wenn es es nochmal neu vergeben werden würde: Hamburg. Hier fallen Verluste an Bausubstanz weniger ins Gewicht. Diese Stadt gönnt sich ein Denkmalschutzamt, dessen vornehmste Aufgabe darin besteht, den rasanten Abriss des steinernen Gedächtnisses lieber larmoyant zu beklagen als zu verhindern. Was weg muss, muss weg, lautet seit dem Stadtbrand anno 1842 die Devise der Pfeffersäcke.

Zwischen Eppendorf, St. Pauli und Barmbek werden noch die schönsten, solidesten Altbauquartiere für seelenlose aufgereihte Rauputzquader geopfert, ohne dass Widerstand lautstark vernehmbar wäre. Was soll da schon der Ausfall einer kleinen Holzbaracke mit Elbblick auslösen. Doch genau um die trauert zurzeit nicht gerade ganz Hamburg, aber doch ein weithin hörbarer Teil. Der Golden Pudel Club ist abgebrannt, eine Immobilie, dessen pittoreske Pracht rein architektonisch allenfalls zwischen Fachwerkimitat und Fahrradhäuschen zu verorten ist. Für den Musikstandort Hamburg jedoch ist seine Bedeutung größer als die hier zelebrierte Beatles-Nostalgie oder ein neues Opernhaus.

Samstagnacht, davon waren die digitalen Netzwerke, aber auch analoge Medien bis weit über die Landesgrenzen hinaus in Echtzeit voll, fing der Dachstuhl Feuer. Die Polizei spricht von Brandstiftung. Bei einer derart morschen Bausubstanz kommt das bei allem gebotenen Optimismus der Vorstufe eines Planierungsauftrags gleich. Nach gut zwei Jahrzehnten am selben, kapitalumtosten Standort ist somit eine Legende zerstört, die so eigentlich nie hätte entstehen dürfen und gerade deshalb so wunderbar ist, war, puhh. Dass ihr materielles Ende zum Heulen ist, wäre mit “untertrieben” demnach geradezu fröhlich umschrieben.

Nirgends sonst in der zusehends durcheventisierten Musical-Metropole voller Beatles-Memorabilien hatte der independente Eigensinn ein liebevoller verwahrlostes Heim mit liebevoller verlotterten Sitten und liebevoller hochmütigem Selbstbewusstsein. Als elektropunkiger Resonanzkörper für die hedonistische Bohème links der Verwertungsmechanik entstanden, war der frühere Schmugglerknast aus dem 19. Jahrhundert Sub- und Leitkultur in einem.

Kultureller Underground und Mainstream, so widerständig wie stilbildend, irgendwie Rot-Grün im Idealzustand. Alles mit den Overground-Anarchisten Rocko Schamoni und Schorsch Kamerun in prominenter Herbergsvaterfunktion, als befänden plötzlich Asylbewerber in der Ausländerbehörde über Aufenthalt oder Abschiebung.

Zum zukunftsfähigen Sound elaborierter Trash

Pudel, das war die Verkehrung der freien Marktwirtschaft. Bier unter zwei Euro. Auf dem Klo besser nicht hinsetzen. Und morgens nach dem Rauswanken noch mal mit der Bürste unter die Fingernägel. So roch, klang, wirkte ein Ambiente entspannter Arroganz im lebenden Denkmal alternativer Freizeitgestaltung, das in der Geschichtsschreibung bekanntlich gern etwas wunderbarer verklärt wird, als die Wirklichkeit gestattet. So hob es sich ab aus der Masse selbst erklärter Clubs mit mehr Substanz als einem Link auf Hamburgs Marketing-Seiten.

Die synchron übereinandergeschlagenen Beine angemessen affektierter Stammgäste auf der Bank am Eingang, das demütige Abwarten des Bedienungsgesprächs an gähnend leerer Theke, der unvergleichliche Mix zeitgenössischer mit rückwärtsgewandter Popkultur zum zukunftsfähigen Sound elaborierten Trashs – all dies wird es so nicht mehr geben, weil dem Wachsen allerorten längst ebenso wenig Zeit gelassen wird wie in den PR-Kulissen von Berlin und München.

Ob Freizeitpark mit Dino oder verklärte Clubkultur: Das Leben, lehren uns Realität und Fiktion, findet seinen Weg. Es wird also auch diesmal ersatzweise irgendwo etwas Unbequemes, Ungeputztes, Unformatiertes entstehen. Ein Refugium auf Zeit, das die Rendite auf Dauer eine Weile bestehen lässt, um es dann aufzufressen wie einen drögen Keks. Und auch wenn der Verdacht handelsüblicher Warmsanierung angesichts der Rechts-, Besitz- und Logiklage hier nicht greift – die Investorenschlange bei der Zwangsveranstaltung im April dürfte angesichts der erledigten Bretterbude auf dem Filetstück nicht kürzer sein. Dann, so war es bislang zumindest angekündigt, soll der Pudel verkauft werden, weil sich die zwei Besitzer Rocko Schamoni und Wolf Richter zu sehr zerstritten haben, als dass sie ihn zusammen betreiben können.

Egal, was aus dem Gelände wird: Es werden viele davor stehen und um ein Stück Hamburg trauern, das im Grunde nie und gerade deshalb eines war. Tschüss, Pudel. Im Herzen bürsten wir weiter.

Der Text ist vorab auf ZEIT-Online erschienen


Erotiknahkampf & Millionärsmilliarden

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

7. – 13. Februar

Roger Willemsen ist tot, mit gerade mal 60 Jahren. Das klingt zunächst nach einem unerfreulichen Einstieg in einen Text, der die Medienlandschaft mit gewisser Leichtigkeit durchreisen möchte. Deshalb sollten wir es an dieser Stelle mit der Fröhlichkeit südstaatlicher Trauerzüge halten, die den Hinterbliebenen das Leben nicht schwerer machen, als es ohne die Verstorbenen bereits ist, sondern frohgemut dafür danken, was sie hinterlassen. In diesem Fall: Fernsehen mit Niveau, Publizistik zum Niederknien, eine Debattenkultur, die unsere Gesellschaft mit etwas bereichert hat, was selten geworden ist in Zeiten des Hasses: Nonchalance, Witz, Charme, auch Selbstgerechtigkeit, gewiss, aber eine, die auf Neugierde und Klugheit beruht.

Was also hätte Willemsen zu Medienthemen der Vorwoche gesagt: Die Tagesschau zeigt einen zehnsekündigen Handyfilm aus dem Unglückszug von Bad Aibling, in dem viel wackelt, aber wenig zu sehen ist, weshalb der Nachrichtenwert gegen Null tendiert? Womöglich: Blickt durch die Augen des Zuschauers, aber denkt mit eigenem Verstand, ergo: nix gegen Amateurvideos, aber nur, weil es sie eben gibt. Zweites Beispiel: Matthias Schweighöfer produziert, dreht, spielt ab Mai die erste Amazon-Serie in deutscher Sprache, in der es um irgendwas mit Hackern geht? Antwort: Ein Glücksfall fürs Fernsehen, dieser Junge – fröhlich, attraktiv, mitreißend, massenkompatibel, also ideal für den Instantabruf, weshalb sich dann halt andere für nachhaltigere Formate engagieren können! Zuletzt: Pro7 zeigt eine Dating-Show mit weiblichem Single im erotischen Nahkampf mit zwölf rolligen Kerls und nennt sie kopulationsheischend Kiss Bang Love? Vielleicht müsste man den Titel der Vollständigkeit halber um Dschungelcamp erweitern! Das wäre so eine Replik in Willemsen-Manier gewesen.

0-FrischwocheDie Frischwoche

14. – 20. Februar

Der Hodscha und die Piepenkötter allerdings hätte wohl selbst den Gefühlsintellektuellen aus Bonn sprachlos gemacht. Im Schwall multikultureller Clash-Komödien, der sich auf deutsche Flatscreens ergießt, ist diese am sozialkritischen ARD-Mittwoch von grotesker Schlichtheit. „Handlung“ in Kürze: Stadt am Rhein soll große Moschee kriegen. Wutbürger treiben die Politik zur Gegenwehr. Christliche Bürgermeisterin mit putzigem gerät mit muslimischem Bauherr mit sprechendem Namen aneinander. Am Ende werden Unbelehrbare kleinlaut, Wankelmütige weise and all live happily ever after. Öffentlich-rechtliches Belehrungsentertainment der einfachen Art.

Da könnte es sein, dass Sido in the Box heute (23.10 Uhr, Pro7) der Integrationsdebatte klügere Aspekte entlockt, wenn der zusehends bürgerliche Hass-Rapper als Nachfolger von Oli Schulz an einem unbekannten Ort ausgesetzt wird. Dem Vernehmen nach dürfte es da rustikaler zugehen als dort, wo 25 Minuten zuvor eine hochinteressante Dokumentation spielt. In Milliarden für Millionäre widmet sich die ARD den Reichsten des Landes und wie sie mit staatlicher Unterstützung immer nur noch reicher werden. Das klingt noch bitterer, wenn sich Eva Schöttelndreier anschließend unterm Titel Wie solidarisch ist Deutschland in die soziale Kluft stürzt.

Doch so sehr die derzeit wachsen mag: So tief wie vor 200 Jahren dürfte sie sobald nicht mehr werden. Damals blieb, wer von ganz unten war, für immer ganz unten, während sich die, die ganz oben waren, schon ganz schön ungeschickt anstellen mussten, um abzustürzen. Umso absurder ist „Die Hebamme, mit der Sat1 am Dienstag den Groschenroman um Josephine Preuß als emanzipiertes Wondergirl fortsetzt, das sich in frauenfeindlicherer Zeit gegen männlichen Widerstand behauptet. Warum der renommierte Regiseur Hannu Salonen so einen Müll dreht? Vielleicht aus demselben Grund, warum Roland Suso Richter das gleiche Thema für die ARD ähnlich klischeehaft ins Mittelalter versetzt: Och, warum nicht…

Also besser doch auf Sixx umschalten. Hier läuft Mark Christophers furiose Partykulturstudie Studio 54 über die legendäre New Yorker Disco der Siebziger erstmals als Director’s Cut, den die US-Zensur 1998 gnadenlos zusammengeschnitten hatte. Auch musikalisch, aber weniger exzessiv geht es tags drauf zur gleichen Zeit bei EinsFestival zu, wenn einem Porträt des Multioptionskünstlers Heinz Strunk die Verfilmung seiner Dorfkapellenbiografie Fleisch ist mein Gemüse folgt. Obwohl – das ist ja eigentlich eher eine Wiederholung der Woche, die parallel dazu schwarzweiß auf ZDFkultur zu sehen ist: Katz und Maus, Hans-Jürgen Pohlands satirische Gesellschaftskritik von 1967 nach Günther Grass mit zwei Brandt-Söhnen als merkwürdige Rekruten. In Farbe (Montag, 23.30 Uhr, ServusTV): Dustin Hoffman als Marathon-Mann von 1976 auf der Flucht vor Lawrence Olivier als KZ-Arzt Szell alias Mengele. Und der dokumentarische Wochentipp: Ausgeschlachtet (Donnerstag, 20.15 Uhr, 3sat) über das bizarre System der Organe auf Bestellung für zahlungskräftige Kunden, gefolgt von einer Folge scobel zum Thema.


Wahnsinnsstadt: Hamburgs Innensenatoren

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Mit Andy Grote wird sowas wie das geistig-moralische Gewissen der hanseatischen SPD zum Innensenator. Einer, nach dem man sich nach der nächsten Wahl im und vorm Rathaus (Foto: Mariano Mantel) womöglich noch zurücksehnen könnte.

Von Jan Freitag

Die Innenpolitik, man wagt es seit der rechtspopulistischen Koksnase Ronald B. Schill kaum zu schreiben, war mal liberal besetztes Terrain. Als die FDP Freiheit nicht vornehmlich zur Gewinnmaximierung ihrer Klientel genutzt hat, stellte sie drei Bundesminister in Folge, die sich als Verfechter von Bürger- statt Millionärsrechten sahen. Seit der Ära Kohl jedoch waren Innenpolitiker oft reaktionäre Haudraufs wie das altrechte NSDAP-Mitglied Zimmermann oder der neurechte Burschenschaftler Kanther. Da ist man schnell geneigt, aktuelle Amtsinhaber mit ihren rabiaten Vorgängern gleichzusetzen.

Auch Michael Neumann.

Das aber ist differenzierungsbedürftig. Die Amtszeit des alten Innensenators mag im öffentlichen Bewusstsein von bürokratischer Halsstarrigkeit (Lampedusa-Flüchtlinge), Kommunikationsdesastern (Olympia-Bewerbung) und konservativen Erbstücken (Gefahrenzone) geprägt sein. Und dass unter seiner Ägide „polizeiliche Informationskarteien“ angelegt wurden, in denen offenbar massenhaft unbescholtene Fußballfans auch ohne Tatverdacht als potenziell gewalttätig aktenkundig sind, trübt die Bilanz des Sozialdemokraten aus sozialer wie demokratischer Sicht nachhaltig. Dennoch fällt sie schon deshalb nicht durchweg negativ aus, weil zuletzt eher selten von ihm zu hören war. Für Innenpolitiker gilt das als ebenso wichtiges Gütekriterium wie das Sicherheitsempfinden der Leute. Von denen fühlt sich statistisch nur jeder 20. durch Kriminalität bedroht, wie die Zeit lobt. Unter Neumanns paranoidem CDU-Amtsvorgänger waren es dreimal so viele.

Konstruktives Krisenmanagement

Der Wert zieht seit den „Ereignissen von Köln“, die längs der Reeeperbahn herkunftsbergreifend seit jeher Wochenendalltag sind, nun wieder anziehen; doch in der populistisch vergifteten Flüchtlingsdebatte etwa attestieren Neumann selbst Kritiker des neoliberalen SPD-Kurses ein recht konstruktives Krisenmanagement. Wenn sich Hamburgs CDU, seit vier Jahren schwer auf Machtentzug, bei der nächsten Wahl mit AfD und FDP zum hartrechtsbürgerlichen Block vereinigt, dürfte sich der linke Mainstream daher durchaus nach einem Neumann zurücksehnen.

Mehr aber noch nach einem wie Andy Grote. Der neue Innensenator ist schließlich so etwas wie das geistig-moralische Gewissen der hanseatischen SPD, die im Bundesvergleich naturgemäß eher rechts der FDP steht als links von Gabriel. Schon als Lokalpolitiker im Bezirk Mitte, aber auch noch in staatstragenderer Rolle als dessen Amtsleiter, eilte ihm der Ruf Richtung Rathaus voraus, lieber Politik für Bewohner als Investoren zu machen. Im geldroten Hamburg gilt das eigentlich schon als Kommunismus. In seiner Wahlheimat St. Pauli hingegen, bei dessen FC er selbstredend Mitglied ist, hält man seinen Hang zu Präsenz und Empathie für ein verloren geglaubtes Stück Ethos, mit dem man sonst nicht weit kommt im Ellenbogenzirkus Politik.

Mit sozialdemokratischer Attitüde vom Kiez

Bleibt abzuwarten, wie weit es der Volljurist aus dem Teutoburger Wald, wo ein anderer Germane vor 2000 Jahren massenhaft Römer besiegt haben soll, darin mit seiner geradezu – Achtung! – sozialdemokratischen Attitüde bringt. Das hängt auch davon ab, ob der Bürgermeister weiterhin effektiv vermeidet, dass ihn einer, wenn schon an Wuchs, so doch wenigstens nicht an Strahlkraft überragt. Vielleicht hat Olaf Scholz dafür ja seine Finger in der Pleite vom HSV Hamburg, dessen einst aus Lübeck eingemeindetes Retortenteam exakt fünf Tage nach Grotes Amtsantritt seinen Rückzug aus der Handballbundesliga verkündete. Als Sportsenator kann man ihm das im Zweifel ja anlasten, falls er zu Höherem strebt. Dorthin also, wo an der Elbe leichter kommt, wer in Alsternähe residiert. Andy Grote lebt auf dem Kiez.


Distelmeyer, GoGo Penguin, EstA

songs300Jochen Distelmeyer

Songs from the Bottom? Pop so zu beschreiben, als käme er glaubhaft von Herzen, klingt zunächst mal nach einem Widerspruch. Schließlich ist es die Quintessenz musikalischer Verwertungskultur, Versatzstücke diverser Stile und Emotionen so zu kombinieren, dass sie genreübergreifend wirken, geschmacksneutral und leicht zugänglich. Wenn ausgerechnet Jochen Distelmeyer, der Großintellektuelle des hiesigen Diskurspops, ein Album mit Coversongs kompiliert, die aus seiner Sicht vom Boden der Gefühlswelten ihrer Verfasser stammen, muss man aber doch mal aufmerken. Immerhin kopiert er ja nicht nur The Verves außergewöhnlichen Britpopklassiker Bitter Sweet Symphony oder dessen atmosphärischen Urahnen On The Avenue der Aztec Cameras, sondern auch Lana Del Rey, Britney Spears, sogar den Aprés-Ski-DJ Avicii. Gefühlsböden? Wohl doch eher kalte Kellerlöche.

Nur, was Distelmeyer, inspiriert von seinem herzlich missratenen Romandebüt Otis, daraus macht, ist mehr als bloß Nachsingen. Mit angenehm präziser Gitarre und seinem akklamatorischem Schmusegesang formt er daraus kleine Kunstwerke am oberen Rand des Machbaren im Kosmos des repitiven Pop. Wie zuvor seine (Wahl-)Hamburger Schulkameraden Kristof Schreuf und Rocko Schamoni, strahlt Distelmeyers Plagiatesammlung neben großer Virtuosität eben wunderbaren Eigensinn aus, ohne die Originale zu verunstalten. Das klingt manchmal altersmilde und gefällig, aber immer wunderbar elegant.

Jochen Distelmeyer – Songs from the Bottom, Vol. 1 (Four Music)

album-coverGoGo Penguin

Vor Eleganz ganz zappelig ist hingegen die neue Platte von GoGo Penguin aus Manchester. Auf ihrem dritten Album, mit dem sie zum legendären Blue Note Label gewechselt sind, zelebriert das Trio seine akustische Electronica mit teils analogen, teils programmierten Breakbeats, die den Jazz auf eine höhere, zeitgenössische Stufe heben. Man Made Object klingt trotz der klassischen Wurzeln zehn Stücke lang viril und lebendig. Chris Illingworths Piano flattert am Rande des Synthesizers, angetrieben von Nick Blackas Bass. Das ist natürlich nichts für Puristen – weder von der technoiden noch der jazzigen Seite.

Aber es verfeinert die Fertigkeiten der ersten zwei Platten, sich aus dem unerschöpflichen Fundus globaler Musikeinflüsse beinahe alles zusammen zu sammeln, was im verrauchten Kellerclub ebenso funktioniert wie auf einschlägigen Festivals von London über Paris bis Hamburg. Dafür gab’s bislang zu Recht Preise und Huldigungen zuhauf. Blue Note hat dem Vernehmen nach noch zwei weitere Alben bei GoGo Penguin bestellt. Man darf höchst gespannt sein.

GoGo Penguin – Man Made Object (Blue Note)

Hype der Woche

BD_EstA_album_cover_2016_high_resEstA

Battle-Rap ohne Gegner, Gangsta-Rap ohne Gewalt, Mainstream-Rap im Seitenarm des großen Stroms? Der Saarbrücker HipHop-Exnewcomer EstA ist auf seinem zweiten Album ohne die bisweilen bisschen aufdringlichen Halunkenbande um Baba Saad zu hören und dadurch viel, viel unaufgeregter, spannender, abwechslungsreicher, spannender. BestA ist gewiss nichts für Sprechgesangsfeingeister, aber – trotz oder wegen einer gewissen Zotigkeit im – stets unterhaltsam und somit dieswöchiger Spitzenkandidat für den Hype der Woche


Henry Hübchen: Charakterkopf & Quote

3153551_dbbe8183d35a8ce0eff7664e710fe902_610x340re0Immer ein Stück von mir selbst

Henry Hübchen (Foto@ARD-Degeto) gehört zu den letzten echten Charakterköpfen des deutschen Films, der sich trotz Kinolegenden wie Alles auf Zucker auch für leichte Unterhaltung von Commissario Laurenti bis zum durchschaubaren Familienmelodram Unterm Eis (Freitag bis Montag zu wechselnden Zeiten auf EinsFestival) nie zu schade war. Zu seinem 69. Geburtstag in der nächsten Woche gratuliert freitagsmedien dem streitbaren Berliner mit einem streitbaren Interview zum Start als italienischer Kommissar vor zehn Jahren.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Hübchen, Sie beklagen, das Fernsehen leide unter Niveaulosigkeit. Gleichwohl sind Sie recht präsent auf dem Bildschirm. Ist das Ausdruck einer Art Hassliebe?

Henry Hübchen: Nee. Das ist subjektiv, ich habe gar nicht das Gefühl, viel zu sehen zu sein. Soviel mache ich gar nicht, höchstens zwei Filme im Jahr.

Dazu mehrere Serien.

Ja schon, aber das sind dann genau sechs Drehtage. Da braucht man dann ein bisschen Geld und dreht eben. Sechs von 365 – wat is’n det? Andere arbeiten dafür 200 Tage im Jahr.

Ihr Verhältnis zum Fernsehen ist also nicht gestört?

Ach, ich hab eine positive Beziehung dazu. Das Problem ist natürlich, dass die Produktionsbedingungen immer schlechter werden, aber vom Prinzip her ist es doch klasse, dass man Filme im Fernsehen ausstrahlen kann, die sich alle Leute ansehen können. Besser als Theater, dass man drei Straßen weiter schon nicht mehr wirklich wahrnimmt.

Im Herzen sind Sie aber dennoch Theaterschauspieler geblieben.

Im Herzen bin ich eigentlich (überlegt lange)… Was bin ich eigentlich im Herzen? Jemand, der Sachen machen will, die die Leute überraschen. Das kann man mit Theater genauso wie mit Film und vielleicht auch mit Events oder Performance-Geschichten. Da will ich mich nicht festlegen, das bin ich nicht. Ich bin jemand, der immer Theater gemacht hat, es hatte in meinem Leben eine größere Kontinuität als Fernsehen, aber Fernsehen und Film hab ich auch immer gemacht nach der Schauspielschule.

Spielen Sie lieber Rollen, die Ihnen charakterlich nahe kommen oder in denen Sie sich stark verstellen müssen?

Tja.

Ein Beispiel ist Alles auf Zucker, von der es hieß, Sie spielten darin sich selbst.

Ich spiele immer ein Stück von mir selbst. Manchmal weniger, manchmal mehr. Sie können gar nichts spielen, das nichts mit Ihnen zu tun hat, Sie müssen es immer für sich übersetzen, auch wenn es eine fürchterliche Figur ist, die sich nur mit Morden beschäftigt. Ich bin noch nie in die Tiefe gegangen, könnte aber einen Tiefseetaucher spielen. Überall sind es auch bloß Menschen, die noch ein anderes Leben haben als Mörder oder Tiefseetaucher und das interessiert mich, wenn Bücher so geschrieben werden, dass dieses Andere zu sehen ist, statt nur eine Dimension – nicht nur Kanzler sein, sondern ihn auch in anderen widersprüchlichen Facetten erzählen. Die haben ja dieselben Probleme wie Sie und ich, das finde ich unterhaltsam und spannend. Ein Stasimajor ist nicht nur ein Arschloch, er kann auch ein guter Mensch sein. (lacht) Nur so als Beispiel.

Versuchen Sie das Positive in negative Charaktere hineinzulegen, um das aufzuzeigen?

Na ja sicher, eine Dimension ist langweilig, die gibt es nicht, die wird nur suggeriert. Das wird gerade in dieser Gesellschaft durch ständige Verkürzung so dargestellt und am Ende glauben wir nur noch, der ist nur gut und der nur schlecht, der eine ist nur schön und der andere nur schlecht.

Hat dieses Schwarzweißdenken etwas mit dem Aufkommen der Privatsender zu tun?

Das war schon immer da. Comics gibt es ja auch schon immer. Wann sind Tarzan und Dagobert Duck erfunden worden? In Grimms Märchen gibt es auch nur einfach geschnittene Figuren. Ich mag eben Geschichten erzählen, die mehrdimensional und komplex sind. Das macht mir mehr Spaß.

Sie mussten sich entscheiden, ob Sie Commissario Laurenti oder Polizeiruf-Kommissar Törner spielen. Warum haben Sie ersteren gewählt?

Weil ich den anderen schon kannte und den neuen erst noch kennen lernen wollte. Das eine ist eine Figur in Mecklenburg-Vorpommern, das andere eine in Italien, anders sozialisiert, mit anderen Möglichkeiten.

Hatte das auch etwas mit dem Schauplatz im sonnigen Italien zu tun?

Auch, aber in erster Linie etwas mit den Büchern. Veit Heinichens sind besser, zumindest für mich und was ich dafür zu tun habe. Eine andere Figur hätte ich darin vielleicht nicht gespielt, aber den Haupthelden in dieser Konstellation zu spielen war für mich interessanter als den im Polizeiruf. Die Landschaft spielt natürlich auch eine Rolle, auf der anderen Seit ist der Polizeiruf eine tradierte Serie, die ich im Zweifel bis an mein Lebensende machen kann. Aber das ist doch langweilig.

Man kann die Figur ja auch verändern.

Trotzdem ist das doch wie eine Ehe. Natürlich gibt es die wunderbare, lang anhaltende, sich immer wieder erneuernde Ehe, aber ich habe mich eben für die neue Frau entschieden.

War es für Sie okay, sich entscheiden zu müssen?

Nee, war es nicht. Aber ich bin hier ja auch nicht der Entscheidungsträger. Es gab ein Entweder-Oder und ich habe mich eben so entschieden.

Was unterscheidet Commissario Laurenti von seinen Vorgängern im deutschen Fernsehen Brunetti und Cattani.

Da fragen Sie den falschen. Ich kenne beide nicht und Laurenti ist auch kein Nachfolger. Es gibt jemand, der hat vier Romane über Menschen geschrieben und daraus Kriminalgeschichten gemacht, die in einer konkreten Stadt spielen und mit den anderen Kommissaren gar nichts zu tun haben. Das ist, als wenn Sie einen Schriftsteller fragen, warum schreiben Sie dieses Buch, es gibt doch schon Bücher.

Sie haben nie einen Donna Leon-Krimi gesehen?

Na ja, ich hab sicher mal reingeschaut, aber kann dazu nüscht sagen, weil ich ein Zapper bin. Und ich kann die beiden Figuren jetzt auch nicht wie ein Soziologe vergleichen, dafür sind andere zuständig.

Wie authentisch können deutsche Schauspieler Italiener spielen?

Das ist doch ganz normal. Ich habe schon mehrere Italiener gespielt. Zum Beispiel Don Jujan, oder in Magdeburg den Romeo, ein klassischer Italiener; da hat ein ganzes deutsches Ensemble Italiener gespielt.

Die Degeto möchte das auch auf dem italienischen Markt verkaufen. Funktionieren deutsche Italiener dort?

Ich bin kein Marketingstratege und es ist mir auch scheißegal. Ich hab meine Gage bekommen und jetzt sollen sie es verkaufen, wo sie wollen. Mir geht’s um die Arbeit, dass sie mir Spaß macht.

Haben Sie ein Faible für Krimis?

Nein, das hat nur was mit Angeboten zu tun. Da in Deutschland neben Talk- und Spielshows überdimensional viele Krimis gemacht werden, fallen Sie zwangsläufig wie durch einen Zufallsgenerator immer wieder auf einen Krimi, wenn Ihnen Rollen angeboten werden. Jetzt fehlt eigentlich noch eine Arztserie, aber die gefallen mir nun wirklich gar nicht.

Wie erklären Sie sich das Faszinierende an Krimi?

Keine Ahnung, ich bin selbst kein Krimigucker. Mir gefallen eher Filme, die gesellschaftliche Wirklichkeit zeigen, über die man auch lachen kann.

Den Anspruch haben viele Krimis auch.

Aber ich weiß nicht, ob sie das dann wirklich sind. Tatorte, Polizeirufe, Rosa Roth, Die Kommissarin – ich glaube es nicht. Die Realität des Polizeialltags sieht jedenfalls anders aus. Die würde ich gern mal dargestellt sehen. Wird ja versucht, Reality-TV, wo zwei durch die Gegend rennen.

Nicht sehr real.

Aber zwei richtige Polizisten. Das ist auch nicht unsere Aufgabe, es bleibt immer eine Fiktion, aber vielleicht doch eine, die einen Finger auf die Seltsamkeit der Realität lenkt. Das finden sie in den meisten Krimis nicht.

Real kann auch dies sein: Commissario Laurenti schwitzt sehr viel.

(lacht) Und ich bin leider der einzige, der das tut. Unabhängig von Ausstattung und Requisite bin ich scheinbar derjenige, der da den Sommer darstellen soll. Das macht ein Schauspieler dann auch noch.

Da kam dir Frage auf, was das für einen Grund haben könnte.

Das sind so Sachen, die man interpretieren kann. Ist aber nicht so gewollt. Das sind Vorgänge, die man gar nicht ausrechnen kann. Es zeigt diesen Sommerteil im Roman, wie in amerikanischen Filmen, wo immer alles so schwitzt. Man merkt beim Zuschauen, mannometer, ist das heiß. Da haben mich die Verantwortlichen im Stich gelassen.

Der erste Teil ist verregneter.

Stürmischer, nasskalter Winter. Vereist. Was anderes haben wir da nicht vorgefunden, sonst hätten wir noch später drehen müssen. Wir haben schon versucht, den ersten in der warmen Zeit zu machen und den zweiten, wenn es nur etwas kälter wird. So was wird zusammen gemacht, weil es billiger ist. So entstehen Filme.

Einer Ihrer Kollegen ist nach den Dreharbeiten gleich in Triest geblieben. Wäre das was für Sie?

Es ist ganz schön, mal zwei Monate da zu sein, aber dann reicht es auch wieder. Was soll ich da, das ist nicht meine Kultur und nicht meine Sprache. Ich bin keine 18 mehr, wo ich sage, jetzt werd ich mal Italiener.

Sie werden im Gegenteil nächstes Jahr 60. Ist das für Sie ein Thema?

Möglichst nicht. Es geht immer schneller, ja, und 60 ist eine Scheißzahl. Damit beschäftige ich mich natürlich. Ich werde immer gelassener. Und mir ist vieles egal; nicht im Sinne von Gleichgültigkeit. Man hat keine Lust mehr, sich so anzustrengen.

Kriegt man mit dem Alter eine andere Position am Set?

Die kriegt man nicht durchs Alter, sondern durch Erfahrung, die eine gewisse Wertschätzung erfährt, durch Arbeit. Wenn Sie alt sind und immer Mist gemacht haben, nützt Ihnen das Alter nicht viel. Dann altern Sie höchstens jemanden beiseite. Ich würde mich nicht darauf verlassen, Hochachtung dadurch zu erhalten.

Sie gelten als äußerst leidenschaftlich.

Natürlich kann ich leidenschaftlich werden, aber das ist kein Widerspruch zum Alter. Ich habe mich früher mehr verstellt. Wenn ich heute nicht pünktlich bin, dann ist das auch nicht so schlimm, und wenn ich heute keine gute Laune habe, dann tue ich nicht so, als wäre ich bester Laune und verheimliche das nicht. Dann ist das eben so. Man kennt das doch: man ist nicht gut drauf, aber der Chef kommt… Das meine ich damit, dass es mir egal ist. Dass man sich nicht verstellt und sich mehr gehen lässt.

Freuen Sie sich schon auf die Geschenke zum 60.?

Machen Sie mich nicht wahnsinnig. Ist ja auch nur eine Zahl, aber ich kann mir schon etwas anderes vorstellen als 60 zu werden. Schlimm ist es, weil man dann weiß, in zehn Jahren bin ich 70. das geht ganz schnell. Wenn ich daran denke wie schnell die Zeit nach dem Mauerfall vergangen ist. Nochmal die gleiche Zeit, dann bin ich 75. Das ist ja schrecklich. Das ist kurz. Deshalb möchte ich mich während dieser Zeit nicht mehr mit so vielen Idioten umgeben. Da überlegt man schon, ob es sich immer lohnt, überall viel zu investieren.

Momentan sehr erfolgreich. Nimmt man das auch gelassen hin oder genießen Sie das anders als früher?

Ich genieße das nicht wirklich richtig. Das habe ich immer noch nicht gelernt. Weil ich mein größter Kritiker bin. Habe immer noch nicht gelernt, Erfolg oder Lob einfach hinzunehmen. Weil ich natürlich immer weiß: du kannst noch viel besser sein. Viel richtiger. Bin oft unzufrieden. Das ist schrecklich.  Aber man ist eben so, man kann nicht so einfach aus seiner Haut. Und dann muss man es auch mal so lassen. Und nicht immer versuchen, ein anderer zu sein.


Akte X: Verschwörungen & Monster der Woche

aktexConspiracy Sells

Am Montag öffnen Fox Mulder und Dana Scully (Foto@Fox) nach 14 Jahren wieder für sechs Folgen die Akte X. Schockierender und schlechter synchronisiert als von 1993 bis 2002, aber ebenso verschwörungstheoretisch – nur dass gut und böse die Seiten tauschen, was auch an den kommenden fünf Montagen um 21.10 Uhr ein bisschen nach Tea Party klingt.

Von Jan Freitag

Fernsehserien sind häufig Kinder ihrer Zeit. Twilight Zone oder Star TrekDallas oder Diese Drombuschs – vom bürgerlichen Werteverfall über den Weltraumboom bis zu Thatcherism & Reaganomics verarbeiten sie die Gesellschaft ringsum so unterhaltsam, als wären es Glossars ihrer Ära. Auch Akte X war so ein Epochen-Produkt. Als die Mauer fiel, fehlte Hollywood ein klar definierter Feind. Die Russen standen vorm Exitus, die Chinesen erst in den Startlöchern, die Islamisten auf Washingtons Gehaltliste und selbst deutsche Nazis allenfalls als Komparsen am Set herum. Die Traumfabrik brauchte Ersatz. Da bot sich etwas verschwörungstheoretisch Verwertbares an: Aliens. Unbegreiflich, amorph, furchterregend und frei gestaltbar taugten sie perfekt für die unterversorgte Paranoia der diffusen Gegenwart anno 1993.

Neun Jahre später endete der globale Straßenfeger nach 202 Folgen, wenngleich weniger mangels Erfolg als mangels Bedarf. Seit 9/11 hatte sich die Stimmung am Standort USA radikal gewandelt. Verschwörungen richteten sich nun nicht mehr wie neun Staffeln lang insinuiert von übersinnlicher Seite gegen den Staat, sondern vom eigenen Staat gegen alle, Bevölkerung inklusive. Das ganze Ausmaß der realen X Files wurde zwar erst im NSA-Skandal bekannt. Doch bald nach dem Sturz der Twin Towers waren Außerirdische nicht mehr zwingend extraterrestrischen Ursprungs. Fast schien es, als sei die FBI-Abteilung für mysteriöse Fälle nahtlos in der CIA aufgegangen. Fox Mulder und Dana Scully waren arbeitslos.

Bis heute. Um 21.10 Uhr treten sie auf ihrem Hauskanal Pro7 abermals in Erscheinung und haben gleich selber eine: Aliens sind mal wieder auf der Erde gelandet, Auftrag rätselhaft, Verbleib ebenfalls, Alarmstufe Rot. Alles wie in nahezu jeder vorherigen Episode und zwei Kinofilmen zuvor also? Nein, denn 2016 werden die special agents nicht staatlicherseits aus der Versenkung geholt, sondern vom TV-Moderator Dan O’Malley (Joel McHale), ein reaktionärer Hardliner im Stile des Fox-News-Demagogen Glen Beck, der 24 Stunden lang wirres, aber wirkmächtiges Komplottgefasel verkauft. Diesmal: Vor 60 Jahren hat Washington die Landung eines UFO verschwiegen, um daraus heimlich Massenvernichtungswaffen für die Weltherrschaft zu basteln. Sein wichtigster Beweis ist eine Frau, die angeblich als Gebärmaschine eingepflanzter Alien-Föten missbraucht wurde.

Anders als früher, wo die „Monster der Woche“ – das es natürlich auch wieder geben wird – allenfalls lose zu einer episodenübergreifenden Invasionsgefahr im Land der Freiheit verknüpft waren, geht es damit um ein und denselben Feind, der zudem die Seiten gewechselt hat. Konsumgesellschaft, Klimawandel, Werteverfall, Sicherheitswahn, Überwachungsstaat – alles gerät im anschwellenden Hirngespinst des Fernsehpopulisten zum Teil einer groß angelegten Regierungsintrige. Das ist gewissermaßen Science Fiction für die Tea Party, produziert von deren Propagandakanal Fox, mit dem einst eher linksliberal staatsgläubigen Verschwörungstheoretiker Mulder vorneweg, der sich nach vielen Jahren Sendepause an der Seite seiner rationalen, also irgendwie auch eher demokratisch gesinnten Partnerin Scully erneut ins Getümmel konkreter Bedrohung und wirrer Mutmaßungen stürzt. Nur diesmal eben irgendwie von Rechtsaußen in die Mitte grätschend.

Während ihre Dramaturgie eher konservativ wirkt, ist die Miniserie ästhetisch hingegen recht progressiv. Von der VFX-Technik, die das Raumschiff der Aliens landen oder verschwinden lässt, konnte Showrunner Chris Carter selbst zum Ende der alten Serie hin höchstens träumen. Hauptdarstellerin Gillian Anderson, Mitte der Neunziger ein Rolemodel seriöser Attraktivität, hat durch ein paar Jahre nachträglicher Reifung ihre Maskenhaftigkeit verloren. Und Kollege David Duchovny ist seit seiner zweiten Luft als hinreißender Filou in „Californication“ noch reizender geworden. Umso weniger kann man sich gelegentlich ein Fremdeln mit dem Sequel verkneifen.

Zu aufdringlich ist die Musik, deren dräuender Sound anders als im angenehm reduzierten Original nicht eine Sekunde aussetzt. Zu effekthaschend ist auch die Ausstattung, deren Schockmomente allzu bemüht mit dem zeitgenössischen Horror-Porn des Mainstreams konkurrieren. Zu anstrengend ist vor allem Mulders neue Synchronstimme Sven Gerhardt, die nach dem (geldbedingten) Abgang des angenehm rauchigen Benjamin Völz nun schwer nach Rasierwasserwerbung klingt. Das dürfte hart gesottene Fans, die ihre Vorfreude seit langem lautstark ins Netz zwitschern, allerdings nicht abschrecken. Ihre Sehnsucht nach Scully und Mulder wird ja nebenbei auch noch mit anderem Urgestein wie Chief Skinner (Mitch Pileggi) oder dem sinistren „Raucher“ (William P. Davis) befriedigt, dessen furioser Auftritt im heutigen Cliffhanger alle alten Ängste hervorholt.

„Conspiracy sells“, sagt der sorgsam verlotterte Fox Mulder zum Verschwörungsdealer O’Malley, bevor er im zweiten Teil wieder Anzug trägt. Damit kommentiert er irgendwie auch ein bisschen die Serie selbst. War sie vor 22 Jahren diesbezüglich ein Vorreiter des Mystery-Genres, reitet sie dessen Welle jetzt eher aus, als ihm Innovationen hinzuzufügen. In den USA haben dabei zu Beginn dennoch 16 Millionen Menschen zugesehen. Das mag dem NFL-Halbfinale zuvor geschuldet gewesen sein. Ohne Zweifel hatte es aber auch mit dem Mythos einer Legende zu tun, an der weder Rasierwassertimbre noch neue Verschwörungstheorien je was ändern können.

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