Bryan Cranston: White & Heisenberg

Umsonst ist der Tod

Weil ein gelungener Tatort selbst mit Wiederholungen noch super Einschaltquoten erzielt, machen es die freitagsmedien heute mal wie das Erste Programm und wiederholen ein Interview vom Frühjahr: Mit Bryan Cranston, der zurzeit freitags auf Arte als Walter White Richtung Finale der besten Serie aller Zeiten zusteuert: Breaking Bad

Von Jan Freitag

Ja das ist er! Nein, das kann er nicht sein! Doch, er ist es: Bryan Cranston, das Gesicht von Walter White, dem Hauptdarsteller von Breaking Bad, der vielleicht besten Fernsehserie unserer Tage. Die Geschichte eines krebskranken Chemielehrers, der aus Sorge um seine Familie vom Superspießer zum Drogenbaron wird, läuft mittlerweile in mehr als 30 Ländern der Erde. Die vierte Staffel läuft jetzt endlich auch in Deutschland. Bryan Cranston aus dem sonnigen Kalifornien hat zwar denselben Vollbart wie sein Walter White aus dem heißen New Mexiko, aber er lacht in den ersten vier Minuten Interview mehr als seine Alter Ego in vier Staffeln.

freitagsmedien: Mr. Cranston, hatten Sie zwischen den Dreharbeiten zu Breaking Bad die Zeit, sich das Fernsehduell Ihrer Präsidentschaftskandidaten anzusehen?

Bryan Cranston: Natürlich! Und wenn ich es einrichten kann, sehe ich morgen auch die nächste.

Weil es eine Bürgerpflicht ist, sich zu informieren, oder weil es gutes politisches Entertainment ist?

Sowohl als auch. Ich bin wie die meisten Amerikaner eben neugierig, wie sich die Bewerber auf dem Weg ins Amt präsentieren. Auf uns als Wähler des Führers der freien Welt lastet zu viel Verantwortung, um da den Überblick zu verlieren.

Beeinflusst das auch Ihre Wahlentscheidung?

Nicht wirklich. Ich habe, wie die meisten Zuschauer, meine Wahl längst getroffen.

Nämlich?

Für den amtierenden und nächsten Präsidenten der Vereinigten Staaten.

Der sich – wie sein Kontrahent Romney – permanent an die Mittelschicht wendet. Wenn man den beiden so zuhört, scheint die kurz vorm Untergang zu stehen.

Das passt eben zur allgemeinen Stimmung im Land. Es gibt da in der Tat große Herausforderungen, denn seit dem Crash von 2007 drehen sich die Räder des Fortschritts langsamer und es herrscht in Amerika wie fast überall in der Welt große Apathie. Dennoch gibt es nicht nur bei uns so viel Uneinigkeit und Spaltung, vor allem aber so viele falsche Schuldzuweisungen, dass ein guter Ausgang zunehmend unwahrscheinlich wirkt.

Aber das betrifft doch keinesfalls nur die bürgerliche Mitte.

In der Tat. Die ganze Mystifizierung der größten gesellschaftlichen Gruppe scheint mir doch eher taktischer Natur zu sein. Sie ist ja in erster Linie eine ökonomische Größenordnung, eine Art neuer Arbeiterklasse, die früher stärker im Fokus stand. Heute dreht sich alles um die bürgerliche Mitte.

Die andererseits oft abschätzig betrachtet wird, als etwas Mediokres.

Das ist bei uns etwas anderes als vielleicht in Europa. Die Mittelklasse bildet schon wegen ihrer Größe das Rückrat jeder Nation, aber hierzulande entsteht darin noch der Stolz darauf, sein Leben aufrecht mit ehrlicher Arbeit zu bestreiten. Deshalb, so heißt es, müsse sie unterstützt werden, statt ihr immer neue Steuern aufzubürden. Deshalb muss sie sich aber auch um schwächere Schichten kümmern, was Barack Obama mit der allgemeinen Gesundheitsversicherung ja versucht. Jede fortschrittliche Nation, die ich respektiere, hat eine. Auch Deutschland besitzt ein System, dass nicht nur einigen, sondern allen Bürgern eine solide Grundversorgung gewährleistet. Diese Solidarität sollte auch unsere Mittelschicht zeigen.

Da wäre Walter White sicher Ihrer Meinung!

Wenigstens zu Beginn der Serie. Denn was ihn überhaupt in den späteren Abwärtsstrudel gezogen hat, ist ja der Bedarf nach einem Zweitjob, um seinem behinderten Sohn eine Behandlung zukommen zu lassen, die von der Versicherung nicht gezahlt wird. Dass die erste Staffel auf dem Höhepunkt der ersten Finanzkrise angelaufen ist, mag ein Zufall sein, aber dass die Sorge um seine Familie, später auch die Kosten seiner eigenen Krebstherapie Walter White immer tiefer in die Kriminalität zieht, macht Breaking Bad fraglos zum Sinnbild des Abstiegs der Klasse, aus der er stammt.

Was macht ihn noch zu einem ihrer typischen Vertreter – seine Herkunft, sein Leben, seine Gewohnheiten?

Sein Auto (lacht!). Nein im Ernst – ich glaube, es ist diese Mischung aus dem Wunsch aufzusteigen und drin zu bleiben bei der gleichzeitigen Erkenntnis, dass letzteres in Amerika zusehends unmöglich ist. Egal, in welcher Schicht du steckst – in der Regel bleibst du dort den Rest deines Lebens. Anders gesagt: wer arm geboren wird, bleibt arm, wer reich geboren wird, bleibt reich. Genau das macht Breaking Bad so interessant, denn Walt steigt tatsächlich auf! Und wie! Aus der Mittelschicht direkt in die Upper Class! Aber mal ehrlich: ist er darin glücklicher?

Immerhin ist er einflussreicher, reicher, mächtiger.

Trotzdem will er tief im Innern sein altes Dasein zurück. Er will wieder anderen Wissen vermitteln statt Drogen, er will seine Familie wie sie mal war. Unterbewusst wird ihm klar, dass Einfluss, Reichtum, Erfolg keinesfalls glücklicher machen. Das ist womöglich seine sehr bürgerliche Sicht der Dinge.

Immerhin beruhigt Geld ungemein.

Schon. Aber um nur zu beruhigen und nicht übermütig zu machen, ist ganz wichtig, dass man langsam zu Geld kommt, dass es ein Prozess ist. Sprechen Sie mal mit Leuten, die aus dem Nichts nach ganz oben kommen, Lotto-Millionäre zum Beispiel. Ich habe gelesen, dass 85 Prozent von denen nach dem Jackpot ärmer sind als zuvor.

Sind Sie selbst dank Ihrer Karriere aufgestiegen?

Ökonomisch auf jedem Fall. Ich war ja nicht mal Mittelklasse, sondern Unterschicht. Meine Eltern haben sich getrennt als ich zwölf war, woraufhin sie ihr Haus verloren haben. Wir hatten so wenig Geld, dass ich ein Jahr bei meinen Großeltern leben musste. Eine harte Zeit, aber ich sehe sie jetzt mit anderen Augen. Denn sie hat mir ein Arbeitsethos vermittelt, von dem ich noch heute zehre: umsonst ist der Tod! Die Welt schuldet dir gar nichts! Wenn du was willst, arbeite dafür! All dies gelernt zu haben, macht mich dankbar.

Dann sind Walt und Sie beide Aufsteiger, nur von verschiedenen Ausgangspunkten.

So gesehen schon. Ich gehöre heute zur Oberschicht, da mache ich mir nichts vor. Aber ich bin behutsam dorthin aufgestiegen. Deshalb – hoffe ich zumindest – macht mich mein Geld nicht wie Walt gieriger, sondern klüger. Denn das Beste, was man sich in unserer Zeit mit Geld kaufen kann, sind ja nicht Dinge des Überflusses, sondern Zeit. Sie, vor allem aber ihr Mangel, sind die Beherrscher unserer aller Leben.

Zeit gilt als wertvollste Ressource unserer Epoche.

Und zwar ganz egal, ob in der Unter-, Mittel- oder Oberschicht: Wer keinen Job hat, entwertet Zeit durch Nichtstun, wer doch einen hat, arbeitet überwiegend so viel, dass er ständig mit seiner Zeit jonglieren muss. Von der will schließlich jeder ein Stück: Dein Boss, deine Familie, die Gemeinde, du selbst. Da ist es eine gewaltige Aufgabe, Zeit eigenständig und unabhängig zu verwalten. Diese Möglichkeit bezeichne ich als meinen größten Reichtum. Und das auch wertschätzen zu können, ist vielleicht ein bürgerliches Element in mir.

Sprechen Sie eigentlich Deutsch.

Nur eins: (auf Deutsch) Nein.

Dann kennen Sie das Wort Spießer nicht?

Leider nicht, aber es klingt interessant.

Es ist die Steigerung des Bürgerlichen zur Mittelmäßigkeit, Angepassten, Ängstlichen und Konformen.

Dann war ich nie ein Spießer.

Und Walter?

Schwer zu sagen. Er war deprimiert von den vergebenen Chancen im Leben, seiner Furcht zu scheitern, von seinem unterdrückten Potenzial. Deshalb ist es ein so interessanter Aspekt der Geschichte, dass er ausgerechnet Lehrer wurde, denn die sind bei uns zuhause zutiefst respektiert. Das mag sich nicht unbedingt in den Gehältern ausdrücken, aber in ihrem guten Ruf. In den USA gelten Lehrer förmlich als unkritisierbar. Diese Mischung aus Selbstzweifel und Anerkennung, verpassten Chancen, einem guten Leben und der Art, wie das alles in kürzester Zeit auf den Kopf gestellt wird, macht Breaking Bad womöglich so erfolgreich.

Das erklärt vielleicht den Erfolg in den USA, aber nicht unbedingt in mehr als 30 Ländern, in denen die Serie nicht selten als beste Fernsehserie aller Zeiten gilt.

Das hat mit Identifikation und Fallhöhe zu tun. Breaking Bad ist die Geschichte Mannes aus der Mitte der Gesellschaft, der fürs Auskommen seiner Familie hart arbeitet, bis sein Leben durch eine Krankheit, die alle treffen kann, ins Wanken gerät. Nennen Sie mir einen Erwachsenen in ihrem Umfeld, der keinen Angehörigen oder Bekannten durch Krebs verloren hat! Diesen unvermittelten Sturz aus der Normalität können die Zuschauer so gut nachempfinden, dass ihn selbst sein Ausweg ins Verbrechen kaum Sympathien kostet.

Zumindest anfangs.

Fast bis zum Schluss sogar! Seine Methoden mag nicht jeder nachempfinden, seine Verzweiflung schon. Deshalb gilt er bis tief in die 4. Staffel hinein für viele noch als Good Guy. Das ist die perfekte Voraussetzung einer guten Serie.

Was macht sie dann brillant?

Dass der Sympathieträger radikaler auf die andere Seite wechselt als in jeder anderen Serie. Walter macht nämlich etwas viel zu Kühnes für einen, wie sagten Sie – Spießer: er riskiert etwas, sogar alles. Er nimmt zum ersten Mal sein Schicksal in die eigene Hand.

Würden Sie das auch tun?

Selbstverständlich, darin ähneln wir uns. Ich würde alles tun, um meine Familie zu retten.

Auch Drogen verkaufen?

Gott, nein! (lacht) Ich würde aktiv werden, sozusagen vom Subjekt zum Objekt, aber doch nicht meine Seele verkaufen wie Walter. Andererseits zeigt Breaking Bad eindrucksvoll, was geschehen kann, wenn sich die Dinge verselbständigen. Vielleicht kann das, was Walter passiert, also doch jedem passieren. Da schlummert etwas in jedem von uns. Jeder hat das Potenzial, um gefährlich zu werden.

Also auch zum Mörder?

Jedenfalls um zu töten. Sofern es die Umstände erlauben. Immer wenn die eigene Existenz umzustürzen droht, wenn alles um einen zusammenbricht, manchmal auch nur, wenn sich etwas Grundlegendes sehr plötzlich ändert, kann dieses Potenzial wachgerufen werden. Denken Sie an Ruanda, Serbien, an all die Amokläufe ganz normaler Menschen; wenn sich Faktoren, die einzeln folgenlos bleiben, zu einer einzigen Katastrophe bündeln, ist selbst inmitten der Zivilisation fast alles möglich. Entscheidend ist nur, was man als Einzelner zu tun bereit ist, was man noch zu verlieren hat. Nehmen Sie eine simple Kneipenschlägerei: Wer die gewinnt, hängt selten von den Muskeln ab, sondern Willensstärke und Verzweiflung. Darum würde ich bei solchen Streitereien eher auf den Kleinsten wetten, sonst hätte er sich doch gar nicht drauf eingelassen.

Sie würden also im Zweifel auf sich wetten.

Wenn ich ausreichend wütend und hoffnungslos bin, allemal. Das alles steckt ja auch in mir. Meine Umstände sind derzeit nur zu gefestigt, aber wenn alles zusammenkäme, könnte auch ich ausbrechen aus meiner Normalität. Ich könnte töten.

Ist das die Grundvoraussetzung, um einen Charakter wie Walter White zu spielen?

Ich glaube, die wichtigste Voraussetzung, um so etwas glaubhaft verkörpern zu können, ist, zu sich und anderen ehrlich zu sein. Die meisten halten Walts Situation für hypothetisch. Nur – das ist sie nur bis zu dem Punkt, wo der nötige Anstoß daraus Realität macht. Wenn ich Sie beim Abendessen frage, was Sie für eine Million Dollar tun würden, kämen sehr theoretische Antworten dabei heraus, vielleicht lustige, aber kaum ultimative. Wenn ich das Geld aber vor Ihnen auf den Tisch lege, kriegt das Spiel sofort eine neue Wendung. Oder nehmen wir’s etwas kleiner: Wenn ich frage, ob ich Ihnen eins in die Fresse hauen darf?

Lehne ich dankend ab.

Und wenn ich dafür, sagen wir: 25.000 Dollar auf den Tisch lege.

Sie würden hart zuschlagen?

Normal hart.

Nur mit der Faust?

Ohne Hilfsmittel.

Dann los!

Sehen Sie! Solche Debatten sind nicht moralischer Natur; es geht darin immer um Aushandlungen zu einer bestimmten Währung.

Sie meinen Geld?

Nicht immer, aber sobald es ins Spiel kommt, verändert sich unser Verhalten. Wir alle sind fähig zur Bescheidenheit, Größenwahn plus alles, was dazwischen liegt. Und in unserer Gesellschaft kann einen Stapel Banknoten nun mal jede Überzeugung mit einem Fingerschnipsen umwerfen.

Es passt zu Breaking Bad, dass Sie ausnahmslos Beispiele wählen, die von Gewalt handeln. Ist die neben der Fallhöhe des Hauptdarstellers das Kernthema der Serie?

Nein, das wäre zu eindimensional. Gewalt ist ein dramaturgisches Mittel der Serie, um das wichtigere Kernthema zu visualisieren: Verführung. Wenn ich sage, der Ort, an dem Sie geboren sind, ist einer der schönsten Plätze, an dem ich je war, fühlen Sie sich geschmeichelt und kaufen mir danach vielleicht die größte Lüge ab. Man kann Menschen mit den einfachsten Mitteln manipulieren. Menschen sind Manipulatoren. Menschen im Fernsehen besonders. Das ganze Fernsehen ist Manipulation.

Sie sehen sich als Manipulator?

Das ist mein Job! Wenn ich Walter White spiele, wie ich ihn spiele, manipuliere ich das Publikum, indem ich es einfach gut unterhalte, indem ich es vielleicht zum nachdenken bringe, indem ich, wie eingangs erwähnt, der Gesellschaft durch Walt einen Spiegel vorhalte.

Haben Sie überhaupt irgendwas mit ihm gemeinsam?

Nichts, was für die Serie von Bedeutung ist. Was ich bloß spielerisch tue, macht er mit seiner gesamten Existenz: Walter versucht jemand zu sein, der er nicht sein kann. Dabei geht ihm mit jedem Schritt in diese Arena, für die ihm eigentlich das Rüstzeug fehlt, ein weiteres Stück seiner Seele verloren, bis sie im Laufe der Serie so gealtert ist, dass sie ihn langsam von innen zersetzt.

Deshalb sieht er in der Serie so viel älter aus als Sie in Natura.

Oh, danke! Gut, das zu hören. Meine Seele ist offenbar jünger geblieben, obwohl ich äußerlich ebenso altere wie er. Und falls doch einige seiner Abgründe in mir stecken, tue ich alles, um sie nicht herauszulassen; ich will weder verhaftet noch getötet werden oder auch nur gefürchtet. Dafür lernt man ja von klein auf: Sei nett! Sei freundlich! Teil dein Spielzeug! Senk deine Stimme! Warte, bis du dran bist! Solche Selbstkontrollen zählen zur Grundausstattung unserer Erziehung, weil wir eben nicht als soziale Wesen auf die Welt kommen, sondern als komplette Egoisten. Für Babys dreht sich die ganze Welt nur um sie selbst. Von daher glaube ich, Menschen, die eine Wendung wie Walt machen, entwickeln sich ein Stück weit zurück.

Wenn man Ihrem Produzenten Vince Gilligan glaubt, dann entwickelt sich Walter White sogar so weit zurück, dass er nicht überleben darf. Mr. Cranston, sterben Sie im Finale?

Das könnte ich Ihnen nicht mal sagen, wenn ich wollte; selbst wir Schauspieler erfahren erst kurz vorn Drehen jeder Folge, wie sie genau aussieht. Ehrlich! Aber es ist schwer vorstellbar, dass sein Leben nach dem Finale einfach normal weitergeht.

Ihr eigenes wird sogar besser weitergehen als bisher. Nachdem Sie bis Breaking Bad vor allem in TV-Serien wie Malcom Mittendrin gewirkt haben, ist das Kino auf Sie aufmerksam geworden.

Das ist richtig. Ich mache aber auch weiter mit Leidenschaft gutes Fernsehen.

Viele behaupten ohnehin, die großen Erzählungen von HBO bis AMC übertreffen längst die des Kinos.

Stimmt, TV ist das neue Kino. Dort laufen mittlerweile mehr umfassende, befriedigende Dramen als auf der Leinwand. Nehmen Sie nur Mad Men, Justified, Damages, Dexter, brillant! Aber es gab schon immer gutes Fernsehen, das wird heute oft vergessen.

Was war die Serie Ihrer Kindheit?

Zum Beispiel die Andy Griffith Show. Was hab ich die geliebt! Das war schon damals großes Fernsehen. Fast so groß wie Breaking Bad.


Tote Raser und zänkische Schwestern

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

2. – 8. Dezember

Drei Namen, drei Tote, drei Verluste: dem Bildschirm kamen vorige Woche drei sehr verschiedene Protagonisten abhanden, die auf ihre Weise zeigen, wie im flüchtigen Fernsehen Relevanz entsteht: Mit 85 etwa starb die Legende des erblühenden Nachkriegsmedieums Chris Howland, reißt jedoch mangels zeitgenössischer Beiträge bestenfalls ein Loch ins TV-Gedächtnis Gleichaltriger; zehn Jahre jünger ging Peter Graf von uns, dessen mediale Dauerpräsenz Ende der 80er allei durch Tochter Steffis tolle Rückhand gerechtfertigt war. Völlig rechtfertigungsfrei indes tunkte Paul Walker (40) erst die Leinwand, dann RTL in Testosteron und trat nach sechs Folgen The Fast And The Furious völlig folgerichtig bei einem Autounfall geschwindigkeitsüberhöht endgültig vom Gaspedal.

Tragisch, zugegeben. Zugleich aber nichts, was vernunftbegabte Wesen tiefer bewegen dürfte als zwei Sekunden DMAX. Dass man aber auch mit modernen Methoden für Teilnahmslosigkeit sorgen kann, beweist die ARD. Deren Ankündigung, noch ein Tatort-Event zu planen, diesmal mit Heike Makatsch in Freiburg, ist nach dem Weimarer Ausflug ihrer Kollegin Tschirner ähnlich überraschend wie eine andere Meldung vom Hochamt des Krimis: Von den 73 Leichen, die in 43 Erstausstrahlungen 2013 ums Leben kamen, pflasterten stolze sechs den Weg von Til Bang Schweiger alias Nick Boom Tschiller bei seinem Debüt in Hamburg. Errechnet hat das die Fanpage www.tatort-fundus.de, der jene Zehntklässlerin offenbar nicht angehört, die sich auf einer Online-Plattform (http://www.out-takes.de/index.php/2012/offener-brief-einer-schulerin-an-ard-und-zdf/) mal so richtig über öffentlich-rechtliche Biederkeit ausgekotzt hat.

Aber vielleicht sollte sie statt fernsehen ohnehin lieber lesen. Den Spiegel zum Beispiel. Das hält geistig rege, fördert echten Journalismus und ist ab 2015 an einem neuen, alten Erscheinungstag möglich. Dann erscheint das Magazin nach fast 50 Jahren auf dem Montag wieder wie zu Beginn samstags. Wahnsinns-News von Chefredakteur Wolfgang Büchner also, mit der er seine Vorgänger vergessen machen möchte. Die übrigens nun geschlossen das ideologische Lager gewechselt haben. Denn nach dem Wechsel Mathias Müller von Blumencrons zur FAZ, scheint sein alter Mitchef Georg Mascolo nun zu Springer zu gehen. Also zurück zu etwas mit mehr Haltung und Charakter: Der ARD, die für den Brennpunkt längst alle Sehgewohnheiten sprengt wie Donnerstag, als die Sondersendung zum Sturm Xaver mehr als sieben Millionen Zuschauer fand.

TV-neuFrischwoche

9. – 15. Dezember

Und damit mehr als Wetten, dass…? am Samstag erwarten darf. Mehr auch als tags drauf der Polizeiruf mit Horst Krause und Maria Simon. Ja sogar mehr als Günther Jauch zum SPD-Mitgliederentscheid, für den der zuvor bereits wegen angeblicher Jugendgefährdung auf 22 Uhr verschobene Tatort: Franziska gen Januar verrückt wurde. Und ganz gewiss ein Vielfaches dessen, was sich vor der ansehnlichen Doku Auschwitz vor Gericht, heute um 23.30, zum 50. Jubiläum der Auschwitzprozesse auf gleichem Kanal versammeln dürfte.

So ist es halt, mit Relevanz und Resonanz, diesen zwei zänkischen Schwestern der Aufmerksamkeitsgesellschaft. Da findet ein tolles Politdrama wie Der Staat schweigt am Freitag auf Arte tendenziell unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, während sich Oliver Pocher Dienstag zuvor ohne Esprit, Talent, ohne Sinn und Verstand vor mehreren Millionen durch den pappeflachen Sat1-Ulk Der Weihnachtskrieg stümpert. Da wird es andererseits der unschlüssige Stromlinienthriller Das Jerusalem-Syndrom über irgendwas Dan-Brown-artig Religiös-Mystisches im Gelobten Land dank seines prädestinierten Sendeplatzes am ARD-Mittwoch zu anständiger Quote bringen; die famose Dokumentation Made in Germany dagegen, in der sich die Politpunk-Legende Jello Biafra Samstagabend bei Arte allen Ernstes als Fan des porträtierten Heino outet, sieht sicher wieder keine Sau.

Aber wenigstens halten sich bei der heute-show sich Renommee und Reichweite voraussichtlich die Waage, wenn das ZDF dort Freitag um 22.30 Uhr gewohnt witzig aufs scheidende Jahr zurückblickt. Noch was? Ach ja: Das Zweite wiederholt auf seinem Ableger Neo ab morgen die fiktive Selbstironie Lerchenberg. Sat1 widmet sich beim letzten Kampf der schönen Kickboxerin Christine Theiss am Freitag (23.15 Uhr) wohl zum letzten einer Randsportart. Und der Tipp der Woche schwenkt wie so oft Richtung Vergangenheit: ins Paris des Jahres 1972, wo Der letzte Tango Marlon Brando zum gefeierten, beschimpften Softpornodarsteller machte.


Dokumentarreihe: Geliebte Feinde

Ziemlich beste Feinde

Seit Montag zeigt Arte in seiner Dokumentarreihe Geliebte Feinde täglich um 19.30 Uhr (und zu jeder Zeit in der Mediathek http://www.arte.tv) zehn Teile lang, was Deutsche und Franzosen eigentlich gegeneinander haben. Vor allem aber: was daran bloß nationalistisch geprägtes Machtgehabe ist.

Von Jan Freitag

Historische Unwahrheiten haben meist eine ziemlich hohe Halbwertszeit. Das von der Erbfeindschaft zwischen Frankreich und Deutschland zum Beispiel: Schon immer, hieß es lange Zeit, seien sich die zwei Nachbarstaaten spinnefeind gewesen. Selbst jetzt, da aus der alten Rivalität fast innige Freundschaft zu werden scheint, gelten mit dem neuen Kuschelkurs Jahrhunderte, ach Jahrtausende des Zankens, Haderns, Kriegeführens überwunden. Alles Unsinn? Fals alles Unsinn! Das behauptet zumindest eine Dokumentarfilmserie, die dem deutsch-französischen Verhältnis gründlich auf den Zahn fühlt.

Denn siehe da: Viele Gegensätze zwischen den nur vermeintlich so gegensätzlichen Völkern, vermeldet der Zehnteiler Geliebte Feinde auf Arte, sind nichts als sorgsam geschürte Ressentiments, politische Erfindungen mithin. Überwiegend entstanden im anschwellenden Nationalismus des 19. Jahrhunderts, der den Gedanken konsistenter Völker in festen Landesgrenzen erst hoffähig, dann zum guten ton, schließlich zur Staatsdoktrin machte. Genährt von Napoleon Bonaparte, dessen Okkupation überhaupt erst half, aus dem Flickenteppich rivalisierender Fürstentümer im Osten einen leidlich kompakten Verbund namens „Deutsches Reich“ zu formen. Ignorierend, dass Frankreich zuvor eher England grundlegend feindlich gegenüber stand, zumal Deutschland damals – wenn überhaupt – deckungsgleich mit Preußen war, das ohnehin fast nur Gegner kannte.

Trotzdem gedeiht das ewige Gerede vom Erbfeind bis heute prächtig im Kanon wirkmächtiger Klischees. Dass französische Bräuche, Dichter, Denker, Speisen, die gesamte Zivilisation jahrelang prägend waren fürs deutsche Selbstverständnis, dass unser Wortschatz vollgestopft mit Frankismen jeder Art ist, dass der germanische Adel bis zu seiner Entmachtung parlierte, nicht sprach, dass nicht nur Nietzsche alle Literaten außer ein paar Parisern (und ihm selbst, versteht sich) für Idioten hielt und Deutschlands geistige Elite der Eroberer Napoleon für einen ordnungsstiftenden Heilsbringer – alles gern vergessen.

Da ist es erfrischend, von den fünf verschiedenen Autoren der Miniserie mit den üblichen Spielszenen zum verfügbaren Archivmaterial zu erfahren, dass die deutsch-französischen Beziehungen eben nicht erst seit Konrad Adenauer friedlicher wurden und die Pariser Verträge von 1963 weniger Anbahnung, als Aussöhnung waren. Und Annette Frier als Germania sowie Antonia Rendinger als Marianne präsentieren das auch genau mit jener Leichtigkeit, die dem Prozess der Entspannung entspricht. Bei aller weltpolitischen Relevanz zwischen Karl dem Großen und Charles de Gaulle, Revolutionen und Weltkriegen, geht es schließlich auch um die Gegensätze des Alltags: vom Weingraben über die Weißbrotmauer bis hin zur Kinogrenze quasi.

Das wirft die Frage auf, wie weit es mit der franko-germanischen Freundfeindschaft denn kulturell gediehen ist? Was sich die Nachbarn im Kleinen zu geben haben? Am Bildschirm zum Beispiel? Womit man schnell beim ausstrahlenden Sender selbst wäre: Arte. Das Gemeinschaftsprogramm ist ja schon qua Statut und Auftrag beiden Bevölkerungen verpflichtet. Und er hat dabei in den vergangenen 21 Jahren Außergewöhnliches geleistet. Bestand das französische Kulturangebot im deutschen Fernsehen auf den prominenten Sendeplätzen bis dato vornehmlich aus Ulk von Louis de Funès bis Jean Paul Belmondo und eher zu nächtlicher Stunde mal aus anspruchsvollem Film Noir bis Nouveau, so gelangten plötzlich französische Serien wie zuletzt Odysseus oder Seconde Chance zu deutschen Ohren. Dazu Reportagen und Dokumentationen, ja selbst Magazine und Nachrichten. Umgekehrt bekam Romy Schneider, rechts des Rheins einst als „Franzosenflittchen“ verpönt, Kollegen zur Seite, die auch links des Rheins gut ankamen: Daniel Brühl zum Beispiel, in Frankreich hochgeschätzt, Sebastian Koch, Hannelore Elsner, Benjamin Sadler, die Liste ließe sich leicht erweitertn.

Dennoch ist noch eine Menge zu tun. Denn anders als angloamerikanisches Fernsehen führt das französische bei uns ein ebensolches Nischendasein wie umgekehrt das deutsche in Frankreich. Sicher, Ziemlich beste Freunde war auch in hiesigen Kinos ein Renner, für die Mundartkomödie Willkommen bei den Scht’is erdachten sich deutsche Übersetzer sogar ein eigenes Ideom und die Zeichentrickserie Es war einmal… ist seit Langem ein Dauerbrenner im Kinderprogramm. Insgesamt aber stammt jenseits von Arte nur ein Bruchteil des Programms vom jeweiligen Nachbarn. Daran wird auch Geliebte Feinde nichts ändern. Quel dommage.


Marietta Slomka – beharrliche Moderatorin

Nicht per se auf Krawall gebürstet

Wie fest Marietta Slomka zubeißen kann, hat die Moderatorin vorige Woche im heute journal bewiesen, als sie Sigmar Gabriel zwischen den Zähnen hatte. Grund genug, ein Interview aus dem Jahr 2010 zu dokumentieren, als sie über ihre Reportagereise in den WM-Kontinent Afrika, Klischees in der Berichterstattung oder Frauen in den Medien gesprochen hat – und auch dabei irgendwie alles andere als handzahm war. Zum Glück!

Interview Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Slomka, wie beginnt man ein spannendes, gehaltvolles, kontroverses Interview – eher diplomatisch oder eher konfrontativ?

Marietta Slomka: Das hängt ganz davon ab, mit wem man spricht und worüber. Wichtig ist vor allem, ob eine Konfrontation zielführend ist, ob man mit ihr herauskriegt was man herauskriegen will. Wenn Sie zum Beispiel mit Augenzeugen einer Katastrophe sprechen, ist der konfrontative Ansatz ganz sicher fehl am Platze. Mit einem medienerfahrenen Politikprofi hingegen kann er durchaus sinnvoll sein.

Der kann das ab.

Und der ist als Funktionsträger durch die harte innerparteiliche Schule gegangen und entsprechend gecoacht.

Macht es mehr Spaß, zu attackieren als zu tasten?

Also ich bin nicht per se auf Krawall gebürstet, sondern suche Antworten. Das hört man meinen Interviews wahrscheinlich auch an. Aber wenn das Thema geeignet ist und der Gesprächspartner nur mit Floskeln antwortet, muss man als Journalistin auch mal härter zupacken.

Kann es sein, dass Sie mit Ihrer Reportage „Afrikas Schätze“ journalistischen Populismus betreiben?

Wie kommen Sie denn darauf?

Weil Sie wie bereits zu den Olympischen Spielen in China diesmal mit der gesamten Karawane Richtung WM in Afrika reisen, um ihn für ein halbes Jahr ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken und danach wieder mit seinen Problemen alleine lassen.

Na da müssten Sie sich selbst fragen, warum wir jetzt ein Interview dazu führen. Oder sollen wir im WM-Jahr gar nicht über Afrika berichten? Das ist ja Quatsch. Ich habe auch vor der EU-Osterweiterung Reportagen aus Osteuropa gedreht oder vor der Bundestagswahl aus Deutschland. Anlässe wie eine WM bieten den Medien die Möglichkeit, andere Blickwinkel auszuprobieren. Das tun wir in Afrika. Und wenn Sie mutmaßen, wir würden den Kontinent nach der WM wieder „alleinlassen“, ist das im übrigen auch eine etwas paternalistische Formulierung – als handele es sich bei den Afrikanern um kleine Kinder.

Eher Ausdruck der Befürchtung, dass die Medien ein paar Monate die Vielschichtigkeit Afrikas beleuchten und dann wie gewohnt die Extreme: Elend und Krieg auf der einen Seite, Urlaub und Natur auf der anderen.

Afrika war schon lange vor der WM ein bedeutender Berichtsgegenstand fürs ZDF. Nicht umsonst haben wir dort zwei ständige Korrespondenten. Insofern haben Sie recht: Afrika hat es nicht verdient, kurz im Fokus zu stehen, und nach dem letzten Pfiff verabschieden wir uns wieder. Aber so ist es auch nicht. In unserer Reportage zeigen wir, wie reich Afrika an Natur- und Bodenschätzen ist, fragen aber nach, wer davon profitiert.

Natur und Ausbeutung – da ist doch wieder.

Nein, denn wir zeigen nicht 90 Minuten lang, dass Afrika ein Armutsproblem in schöner Kulisse hat, sondern was für Potenziale darin stecken. Man kann Armut nicht ausklammern oder relativieren, aber es gibt jenseits von Elend oder der Fotokulisse für Fernsehromanzen viel  Berichtenswertes. Weil so viel über die Entrechteten oder Korrupten und Reichen berichtet wird, fällt zum Beispiel die Mittelklasse oft unter den Tisch. Auch da wollen wir Aha-Effekte erzielen. Und: Afrika sieht oft anders aus als viele es sich vorstellen, die nie dort waren. Wir haben zum Beispiel mit einem indischen Farmmanager in Äthiopien gesprochen, der sagte, er kannte das Land aus dem Fernsehen nur als einzige braune Wüste und sei nun total baff, wie grün es dort ist. Das zeigen wir und ändern damit vielleicht auch ein paar tradierte Bilder.

Auch die eigenen?

Ich habe eine äthiopische Freundin, deshalb wusste ich schon vorher einiges über Äthiopien. Und es war auch nicht meine erste Afrika-Reise. Aber auch ich war vor Ort immer wieder erstaunt.

Kann Fernsehen das Denken der Zuschauer beeinflussen?

Wenn sie sich von mir mitnehmen lassen als jemand, der ihnen vertraut ist, vielleicht. Ein guter Seismograph dafür sind vielleicht die Reaktionen auf  das Land Ruanda. Als ich von meiner Reise dorthin erzählte, meinten viele: Ruanda, ist das nicht gefährlich? Da denkt jeder an Völkermord.

Nicht an die letzten Gorillas.

Daran dachte nur ein Freund von mir, der schon mal dort war. Interessanterweise ist Ruanda für Ausländer eines der sichersten afrikanischen Länder überhaupt. Da kann man als Tourist wirklich entspannt durchreisen. Natürlich nicht als Oppositionelle oder kritische Journalisten aus Ruanda selbst, für die ist es dort alles andere als sicher. Davon abgesehen ist Ruanda auch unglaublich sauber, Plastiktüten sind verboten. Eine ökologische Entwicklungsdiktatur, die so aufgeräumt ist, dass es kaum noch, pardon: afrikanisch aussieht. Die Mittelklasseviertel in Kigali sehen aus wie in einer englischen Kleinstadt. Ich denke, das wird viele Zuschauer überraschen.

Und deren Sicht auf die Dinge verändern?

Das ist mir ein echtes Anliegen. Und ich versuche es, indem ich das Afrika zwischen den Extremen zeige, mehr aber noch die Menschen darin. Deshalb möchte ich weniger über Afrika reden, sondern mehr mit Afrikanern. Einfach mal zuhören, statt unsere europäischen Afrikaexperten zu befragen. Wir haben in der Doku nur einen Deutschen befragt, einen Völkerrechtler in Ruanda, weil der sich politisch kritischer äußern kann als die Ruander selbst. Ansonsten waren wir immer mittendrin.

Wenn Sie also aus den Diamantminen Sierra Leones oder Ruandas Urwald, von den Fischern auf Sansibar oder Immobilienspekulanten in Angola zurückkehren, erholen Sie sich in Ihrem komfortablen Devisenhotel von der Arbeit.

(lacht) Ich musste mich nicht „erholen“, weil ich eine solche Arbeit als spannend und nicht als erschöpfend empfinde. Übrigens leben auch nicht alle Afrikaner in Lehmhütten. Man übernachtet als Journalistin weder in Fünfsternehotels noch unter Brücken, aber wenn man in großen Städten Zwischenstation macht, versucht man natürlich in ein Hotel zu gehen, das nicht nur fließend Wasser sondern auch Internetanschluss hat. Ich muss mich wohl auch nicht dafür rechtfertigen, auf einer Drehreise nicht ständig nur auf Luftmatratzen zu schlafen. Was wir aber auch hatten.

Gibt es den Anspruch an sich selbst, bei einer Reportage im Dschungel dort zu übernachten, statt in der Lodge außerhalb, um tiefer in die Materie einzutauchen?

Die Logistik richtet sich nach Terminplan und Reiseroute, nicht nach den eigenen Ansprüchen.

Sind Sie privat eher eine Trekking-Touristin, die auch mal ein paar Tage ohne warme Dusche auskommt?

Wenn’s sein muss, sogar ohne fließend Wasser. Aber ich finde es gar nicht so gut, wenn Journalisten da ihre Belastbarkeit bezeugen; es ist eine Selbstverständlichkeit, auch Entbehrungen hinzunehmen. Privat mögen mein Mann und ich nun so gar nicht die Abteilung Strandurlaub. Wenn wir durch Indien fahren oder in Südamerika tauchen, geht es eher mal mit Bussen übers Land. Ich will Dinge von der Welt sehen, nicht nur Hotelresorts.

Und kein Cluburlaub.

Genau. Aber das soll jeder machen wie er mag. Ich persönlich finde es nur spannender, in Afrika bergzusteigen als in Kenia am Strand zu liegen. Wenn ich ständig über die Welt berichte, kann es nicht schaden, viel davon gesehen zu haben, und zwar auch die hässlichen Seiten.

Ist so eine mehrwöchige Arbeit in Afrika, hässliche Seiten inklusive, auch Urlaub vom Schreibtisch?

Absolut, und ich empfinde so eine Reportage auch gar nicht als Arbeit. Man kriegt zwar wenig Schlaf und ackert wie irre, aber das merkt man in diesem Rausch der Eindrücke kaum. Ich empfinde es als großes Privileg, solche Reisen beruflich machen zu dürfen. Davon habe ich geträumt, als ich zum Fernsehen gekommen bin. Von solchen Reisen wie nach Afrika.

Wie ist man Ihnen dort als Frau begegnet? Afrika gilt noch immer als äußerst patriarchal.

Noch so ein Klischee. Ich hatte, zumindest in schwarzafrikanischen Ländern, durchaus nicht das Gefühl, Frauen würden überall nur unterdrückt. In Ruanda etwa ist die Hälfte des Kabinetts weiblich. Es gibt kaum irgendwo ein Land mit so vielen Frauen in Spitzenpositionen von Politik und Wirtschaft. Und in Äthiopien haben wir eine Frau getroffen, die hat ihren Mann rausgeschmissen, der soff und sie schlug, dann an einem landwirtschaftlichen Ausbildungsprogramm teilgenommen und für ihre kleinen Felder völlig neue Bewirtschaftungsmethoden entwickelt. Jetzt ist sie als Alleinerziehende die reichste Frau des Dorfes. Und in Ruanda habe ich mich bei einem Abend mit hochgebildeten, selbstbewußten und sehr humorvollen Businessfrauen in einer Bar nicht anders gefühlt als mit meinen deutschen Freundinnen.

Keine strukturelle Benachteiligung mehr in Afrika?

Doch, natürlich. Es gibt zum Beispiel nach wie vor Beschneidungen, auch wenn wir das in unserem Film nicht thematisieren. Oder das große Aids-Problem haben wir auch ausgeklammert, man kann in einem Film nicht immer alle Aspekte berücksichtigen. Es ist keine Frage, dass Afrika gewaltige Probleme im Umgang mit Frauen hat, aber es ist auch nicht so, daß in allen 53 afrikanischen Staaten überall die Frauen zuhause sitzen und unterdrückt werden. Ich habe auf dieser Reise jedenfalls viele hart arbeitende selbstbewußte Frauen gesehen.

Empfinden Sie sich durch Ihre Rolle vor Kamera berufen, etwas für Gleichberechtigung in Deutschland zu tun?

Ich hoffe, dass ich das lebe und äußere mich ja auch zu dem Thema. Aber ich muß nicht Aktivistin einer Frauenorganisation sein.

Wie weit sind wir denn in den Medien mit der Gleichberechtigung?

Ich kenne jetzt nicht so viele Intendantinnen und Chefredakteurinnen. Da könnten es ruhig noch mehr werden.

Vor der Kamera sieht es besser aus.

All die Talkshowmoderatorinnen oder Nachrichtenmoderatorinnen haben doch auch noch genügend starke Mann an ihrer Seite. Neben mir moderiert auch noch Claus Kleber. Und außer Anne Will und Maybritt Illner gibt es ja auch noch die Plasbergs und Beckmanns. Aber ich glaube, wir wären schon einen Schritt weiter, wenn ich zu einer Afrika-Reportage nicht über Frauenbelange im deutschen Fernsehen sprechen müsste.

Fahren Sie wieder hin?

Ganz sicher, vor allem in Länder, in denen ich noch nicht war.

Und zur WM?

Leider nicht. Das sende ich schön unser heute journal aus Deutschland.


Briefehinhaltslautverleser

fragezeichen_1_Wer in Film und Fernsehen einen Brief erhält, liest ihn nicht einfach durch, sondern stets laut vor. Auch, wenn niemand dort ist, wer zuhören könnte

Oha: Post mit Behördenstempel, ein dickes Einschreiben vom Arbeitgeber, die Schrift der Geliebten auf dem Umschlag, irgendwas Bedeutsames also und ausgerechnet jetzt ist niemand da, mit dem man solch spannende Neuigkeiten teilen könnte. Was tun also – lesen, verarbeiten, schweigen? In Film und Fernsehen haben Adressaten da eine alternative Vorgehensweise parat: Rezitieren. Leicht nuschelnd, aber hörbar. Auch wenn keiner zuhört. Seltsam. Denn laut lesen tun in der Regel eigentlich nur Menschen mit starker Leseschwäche, um die es sich in der Regel allerdings nicht handelt, wenn am Bildschirm mal wieder ein postalischer Inhalt zum Mithören für alle erfasst wird.

Das ist natürlich zunächst mal der unmittelbaren Erlebbarkeit fürs Publikum geschuldet, dem das Leitmedium am liebsten praktisch nichts vorenthalten möchte, um nur ja nicht für Abschaltimpulse zu sorgen; allzu offene Fragen sind schließlich anspruchsvoll und somit quotenfeindlich. Die scheinbar sinnlose Mitteilsamkeit könnte aber noch einen anderen Grund haben: Die grundlegende Tendenz, Privatsphäre als etwas Verdächtiges zu präsentieren. Wer aufs Briefgeheimnis beharrt, hat ja wohl offenbar ebenso wie jeder, der einen Speicheltest verweigert, irgendwas zu verheimlichen. Und so weit kommt’s noch, im Quasselmedium Fernsehen. Sonst gibt’s bald Post vom Geheimdienst. Wird dann laut verlesen.


Stoische Sozen und finnische Weihnacht

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

25. November – 1. Dezember

Es war ein, wenn nicht der Paukenschlag des ausklingenden Medienjahres: Ab März, so wurde vorige Woche bekannt, hat es sich fürs Deutsche Fernsehballett ausgetanzt. Das ist zwar nicht ganz so furchtbar, als müsste die Glotze fortan ohne Ansagerinnen, Testbild oder Flipper auskommen. Doch für den Supersausesender MDR, in dessen Sendegebiet das Betongrinsen vor 51 Jahren in die flitternden Showgirlgesichter gegossen wurde, stellt das einen ähnlichen Verlust dar, als entzöge man Carmen Nebel das Haarspray.

Wie gut, dass Marietta Slomka und Sigmar Gabriel im heute journal vom Donnerstag bewiesen, dass es sich auch ohne überschminkte Hupfdohlen überdreht hampeln lässt. Wobei – schöner als Gabriels bockige Reaktion auf Slomkas absurde These, innerparteiliche Demokratie schade der gesamten, war ja ein Häuflein hessischer SPD-Mitglieder im Rücken ihres Parteichefs. Von dort blickten die nämlich gute sieben Minuten so stoisch Richtung Kamera, als böten die Nachrichten hier kein großes Kasperletheater, sondern – sagen wir: eine Nischendebatte um Geschlechterparität in medialen Spitzenpositionen.

Wobei die durchaus humoristisch sein kann: Welche Redaktionen endlich weiblicher werden, misst die Vereinigung ProQuote zurzeit mit der putzigen Maßeinheit Kleiner Kai, die absolute Zahlen weiblicher Führungskräfte ins Verhältnis zur Positionshöhe setzt. Weil es bei der, nun ja, vorbildlichen Zeit sogar echte Ressortleiterinnen, statt nur deren Vizes gibt, landet sie mit 37% deutlich vor der Welt oder auch der Süddeutschen Zeitung, die es auf ein gutes Zehntel bringen. Dass es voran geht, wäre da also noch immer leicht geprahlt.

Einen Schritt vorwärts hat hingegen die lange Suche nach dem neuesten Tatort-Team gemacht. Mit Fabian Hinrichs, der voriges Jahr für seinen Kurzauftritt als Assistent der Münchner Kommissare gefeiert wurde, und Dagmar Manzel, die zu den großen Theatermimen im Land zählt, dürfte das Duo ab 2014 mit Sitz im Frankenland für Furore sorgen. Zu schade, dass Frank-Markus „Pelzig“ Barwasser nebenbei jene Art Dialekthumor liefert, der den Tatort zusehends zur Comedy macht. Dabei liefert das echte Leben doch genug Stoff für Gelächter. RTL-Chefin Anke Schäferkordt zum Beispiel vorigen Montag in New York für ihre Verdienste ums Privatfernsehen mit dem TV-Preis Emmy auszuzeichnen, klingt ähnlich lustig, als erhielte ihr Quotenhengst Mario Barth eine Trophäe für seinen Kampf gegen Sexismus. Ernst gemeint war dagegen die Auszeichnung von Andreas Prochaskas grandiosem ZDF-Drama Das Wunder von Kärnten als bester Fernsehfilm.

TV-neuDie Frischwoche

2. – 8. Dezember

Mit Julia Koschitz übrigens, die all den Anke Schäferkordts der Welt auch heute Abend im Zweiten beweist, dass Fernsehen ohne Zoten, Gewalt und Fremdscham unterhalten kann. In Pass gut auf ihn auf! will Koschitz als todkranke Mutter ihren Mann samt Kindern bei dessen Ex (Barbara Auer) unterbringen. Spannende Idee, versiert verfilmt, ähnlich wie Kleine Schiffe. Am ARD-Freitag zeigt die gewohnt tolle Katja Riemann als Frau, die statt der erwarteten Wechseljahre überraschend ein Kind kriegt, dass nicht alles, was auf diesem Sendeplatz läuft, seifig ist. Selbst ein handwerklich argloser „Mundartkrimi“ wie Dampfnudelblues ist Donnerstag im Ersten gediegener, als das anspruchsvollste Privatformat.

Eingeleitet wird all dies fortan heiter, aber sachlich durch Geliebte Feinde. Ein Zehnteiler, mit dem Arte ab heute werktäglich um 19.30 Uhr die viel beschworene „Erbfeindschaft“ zwischen Deutschen und Franzosen auf den Prüfstand stellt. Ohne dieses Vorprogramm müssen am Wochenende zwei Filme auskommen, die zeigen, von wie grundverschiedener Güte öffentlich-rechtliche Fiktion sein kann: Samstag nämlich kriegt es Veronica Ferres im ARD-Melodram Hafen der Düfte erneut mit Einheimischen exotischer Drehorte (Hongkong) zu tun, die akzentfrei deutsch reden und auch sonst bloß laufende Klischees sind. Tags drauf kommt Ulrich Tukur als frisch von seinem Tumor geheilter LKA-Beamter Murot zu seinem dritten Tatort und es verspricht, abermals großartig zu werden.

Großartiger zumindest als parallel dazu Menschen 2013 mit Markus Lanz (ZDF). Nicht ganz so großartig wie Breaking Bad, das Freitag (Arte, 21.45 Uhr) in die finale Staffel geht. Gefolgt von der sehenswerten Doku It’s more than TV! über die Faszination amerikanischen Serienfernsehens. Den Rest des Besten vom Besten gibt’s dann an den nächsten Freitagen, während auf gleichem Kanal an den Donnerstagen zur besten Sendezeit das russische Serienporträt Dostojewski läuft. Auch gut. Und allemal abwechslungsreicher als jenes Schauspiel, dass sich Runde für Runde im DFB-Pokal bietet: Gibt es ein Live-Spiel, ist garantiert Bayern dabei, diesen Mittwoch in Augsburg. Als gäbe es nicht schon genug Münchner Fußball am Bildschirm.

Und weil es nicht genug radikales Fernsehen gibt, bündelt der Tipp der Woche diesmal am Donnerstag (20.15 Uhr, Tele 5) eine Reihe finnischer Anti-Weihnachts-Kurzfilme namens Rare Exports.


Reportageinterview: Karl Ludwig Schweisfurth

Schmecken, fühlen, riechen

Bis Karl Ludwig Schweisfurth vor 30 Jahren nach einem Fasterlebnis über Nacht zum Biobauern wurde, war er Europas größter Fleischfabrikant. Sein „reformiertes Handwerk“ will seither nicht nur Nutztieren ihre Würde zurückgeben, sondern auch den Menschen, die sie verarbeiten. Eine Begegnung mit einem Bekehrten

Von Jan Freitag

Wer Karl Ludwig Schweisfurth daheim trifft, kann kaum glauben, dass hier ein Pionier deutschen Industriefleischs lebt. Wie aus der Zeit gefallen wirkt sein sanierter Katen im oberbayrischen Glonn. Der Weg dorthin führt über einen Hof, wie er auf Milchtüten kaum schöner sein könnte: Bienen surren übers Blumenbeet, eine Katzen streunt hindurch, Efeu umrankt das Haus, aus dem der weißhaarige Mann mit Strickpulli und Filzhut tritt, ein Miniaturkotelett über der Krempe. Wäre es keine Anstecknadel, das Fleisch stammte fraglos von seligen Schweinen, denn Karl Ludwig Schweisfurth hat seiner Vergangenheit schon 1984 abgeschworen. Damals wird aus dem Fabrikanten ein Bauer und aus dem Milliardär ein Missionar, aus Massenproduktion „reformiertes Handwerk“ und aus Herta-Wurst Öko-Ware. Karl Ludwig Schweisfurth stellt grünen Tee auf den rustikalen Küchentisch, gleich neben ein paar historische Schlachtmesser. „Ich liebe Fleisch“, er lacht, „sofern ich weiß, wo es herkommt“. Und hier, wo Schweisfurth vor 27 Jahren die „Herrmannsdorfer Landwerkstätten“ voll artgerechter Tiere, klarer Prinzipien und guter Vorsätze gründete, weiß er es genau.

freitagsmedien: Herr Schweisfurth, Sie sind vom Saulus der Fleischindustrie zum Paulus des „reformierten Handwerks“ geworden. Was genau ist da passiert?

Karl Ludwig Schweisfurth: Eine Rückbesinnung auf bewährte Handwerkskunst mit moderner Technik. Das Wissen des Meisters, überliefert von Generation zu Generation, statt bloß Erkenntnisse einer Lebensmittelwissenschaft, die vor meiner Zeit noch gar nicht existiert hat. Ich will weg von der automatisierten Tötungsindustrie, in der Hackfleisch eine Woche haltbar gemacht wird. Das hätte ich noch vor zehn Jahren für Utopie gehalten.

Halten Sie es heute für umkehrbar?

Ich will das Rad der Geschichte nicht zurückdrehen. Aber während Hühner von Bauernhöfen verschwinden und sich die Zahl der Schweine in den letzen zehn Jahren halbiert hat, schlachten große Fleischfabriken 25.000 Schweine täglich und 25.000 Hühner pro Stunde. Aber nicht durch Schlachter, sondern verlängerte Werkbänke, die bloß einen Handgriff ausüben. Ich gebe ihm sein Handwerk zurück, um zum Wesentlichen, zu Ethik, Moral, sich selbst zurückzukehren. Die Würde des Tieres bedingt die des Menschen und umgekehrt, da setze ich Handwerk gegen die Lidlisierung des Konsums und seiner Befriedigung.

An der Sie ja nicht unschuldig sind.

In den ersten 30 Jahren meines Berufslebens habe ich die Automation der Fleischverarbeitung an vorderster Front gefördert und dem technischen Fortschritt mit Begeisterung gehuldigt.

Hätte es ohne Sie überhaupt eine deutsche Fleischindustrie gegeben?

Ganz sicher, ich war nur wie in so vielem der erste. Auch ohne mein Zutun wäre handwerkliches Wissen verschüttet worden. Von Warmfleischschlachtung übers Abhängen bis hin zum dörflichen Schlachtfest als soziales Ereignis. Damit ging der Schlachter als Experte verloren. Er wurde vom eigenen Beruf entmündigt. Und zwar im Kampf gegen den einen Feind.

Den Mangel.

Genau. Es gab nach 1945 zwei Sorgen: Nie wieder Krieg, nie wieder Hunger! Das waren auch die Maxime meines Handelns.

Das Land liegt in Trümmern, als der Metzgerlehrling vom westfälischen Herten aus erst den elterlichen Betrieb, bald die ganze Branche umwälzt. Voll Elan besucht er die Schlachthöfe in Chicago, doch was Upton Sinclair 1903 angeekelt zum Buch Der Dschungel trieb, treibt den jungen Schweisfurth zum Fortschrittsgläubigen. Aus dem Inferno von sozialem Elend, hygienischem Desaster und verachtetem Tier importiert er das Fließband ins Wirtschaftswunderland. Schweifurth macht aus der Metzgerkette einen Konzern, er führt die Vakuumverpackung ein, das Mindesthaltbarkeitsdatum, die Inhaltskennzeichnung. Herta wächst, Herta expandiert, 1964 auch ins Ausland. Schweisfurth ist ganz oben. Erst Anfang der Achtziger, als seine drei Kinder ergrünen, kommen ihm Zweifel. „Papa, wie lebst du eigentlich?“, fragen sie. Ja wie? „Ich habe keine Schuldgefühle“, sagt Schweisfurth als alter Biobauer und haut bei jeder Silbe auf den Tisch. „Menschen machen Fehler“. Bambam. „Es war eine Pionierzeit“. Bambambambam. Und sie hat nicht nur die Lebensmittelherstellung verändert, sondern auch die Arbeitsbedingungen.

Was kann der Biobauer Schweisfurth seinen Fließbändern von einst heute abgewinnen?

Herta war qualitativ absolut Spitze. Nicht nur, weil wir die neueste Technik hatten, auch wegen des sozialen Klimas. Während die Branche immer steriler wurde und die Fabriken lebloser, habe ich Kunst in die Fabrikhallen gehängt und Fenster mit Blick ins Grüne eingebaut.

War das nicht bloß ein Feigenblatt?

Nein, anständige Arbeitsbedingungen liegen mir seit jeher am Herzen. Deshalb tu ich was für meine Leute und sorge dafür, dass die Fabriken nicht nur zweckmäßig, sondern schön sind.

Ist das Ihre Form der Corporate Social Responsibility?

Den Gedanken hatte schon mein Vater lange, bevor der Begriff entstand. Trotz der automatisierten Abläufe lag Herta ein guter Umgang mit dem Personal am Herzen, das Wort der Meister wurde hoch gehalten; es waren Respektspersonen und ich kannte jede mit Namen. Aber sie haben eben arme Schweine aus intensiver Haltung am Fließband verarbeitet.

Hat ihre Technologiegläubigkeit seither gelitten?

Die Maschine sollte dem Menschen dienen, aber es ist längst umgekehrt. Und wo einmal eine Maschine steht, kommt nie wieder ein Mensch hin. Nur in meinem Metier gelingt es manchmal, Bauern mit Handwerkern zu regionalen Gemeinschaften zusammenzubringen, in denen noch keine industrielle Automation herrscht.

Für andere Branchen gilt das nicht?

Autos und Handys werden doch besser maschinell produziert, aber in Teilen der Wirtschaft halte ich die Rückkehr zu verstehbarer, humaner Tätigkeit für möglich. Unsere 25 Metzger töten auch stundenlang Tiere, sind aber keine Räder einer Maschine, sondern Herz und Hirn. Spezialisierungen finden auch hier statt, aber jeder, ob Geselle oder Meister, kann im Prinzip alles. Wir beschäftigen 140 Leute, alles stolze Handwerker, ihrer fünf Sinne gewahr. Das nenne ich CSR.

Welchen Einfluss nehmen Sie noch?

Da mein Sohn Karl das Unternehmen leitet, rede ich zwar nicht ins Tagesgeschäft rein, setze aber noch immer all meine Kraft daran, dass es in 20 Jahren weiter Bauern, Metzger, Bäcker, Käser gibt. Dass unser Weg gezielt übers Bewusstsein der Lebensmittelhandwerker führt, ist heutzutage geradezu innovativ.

Was sie innovativ nennen, gilt am Markt als Standortnachteil, vor allem überteuert.

Im agroindustriellen System ist mit Innovation stets technische Innovation gemeint, zu selten soziale und kulturelle. Wie wir Landwirtschaft betreiben, das hat mit dem lateinischen Wortursprung colere, also wohnen, pflegen, verehren, nichts mehr zu tun. Da hilft ein Buch wie Tiere essen von Jonathan Safran Foer, das sogar einen Fleischesser wie mich zum Nachdenken bringt. Ich bin Vegetarier, sobald ich nicht weiß, wo mein Essen herkommt.

Wer Visionen hat, empfahl einst Bundeskanzler Schmidt Schmidt, soll zum Arzt gehen. Karl Ludwig Schweisfurth hat eine Vision, als er während des jährlichen Fastens erwacht und seiner zweiten Frau Dorothee sagt, „wir fangen noch mal ganz von vorn an“. Männer um die 50 spüren manchmal diesen Drang nach Brüchen: Neue Liebe, alte Zöpfe – Wege aus der Midlifecrisis sind vielfältig. Doch mit so großer Klinge wie Schweisfurth kann wohl nur ein Metzger ins Leben schneiden. Mit 54, kaum zwölf Monate nach dem Fastenerlebnis, verkauft er sein Wurstimperium, mit 5000 Mitarbeitern und 1,6 Milliarden Mark Umsatz Europas größtes, an Nestlé. Vom Erlös erwirbt er 1984 ein altes Gut, 40 Kilometer östlich von München, wo bald darauf die Schweisfurth-Stiftung zur Förderung seiner Ideale entsteht. Ein Vierteljahrhundert später führt ihr Gründer seelenruhig Gäste durch die Stallungen, begrüßt die Verkäuferin im quirligen Hofladen mit Vornamen, lädt zum Kotelett ins gutseigene Restaurant, stapft durch knöcheltiefen Morast. „Dreck ist Leben“, ruft er und schildert den Traum der symbiotischen Landwirtschaft, wo Mensch und Tier eine Einheit bilden, kein Wirtsverhältnis. 1000 neue Herrmannsdörfer – das ist seine neue Vision.

Im Rahmen der Expo 2000 ist schon das zweite Herrmannsdorf gescheitert.

Das hat wehgetan. Ich wollte zu perfekt sein, aber man muss scheitern können, um zu lernen. Fang ruhig mal klein an, bescheiden. Wachsen kann man immer noch.

Ihr Sohn Georg, Gründer der Bioladen-Kette Basic, hat es mit dem Wachstum übertrieben und eine Kooperation mit Lidl vereinbart.

Und da hat Karl gesagt, wenn dieser Geist bei Basic einzieht, liefere ich nicht mehr. Das war richtig, weil Lidl seine Lebensmittel zwar wie andere Discounter produzieren lässt, aber wie Schlecker auf dem Drogeriemarkt zudem eine extrem aggressive Preispolitik auf dem Rücken der Mitarbeiter betreibt. Der Druck bei Lidl gehört zu den härtesten. Lebensmittelchemisch ist da alles in Ordnung, sozial weniger.

Trotzdem hat auch Lidl Ökoprodukte im Regal.

Schon. Aber Industriebio mag ökologische Mindeststandards einhalten – die Methoden sind geprägt vom agroindustriellen System: Arbeitsteilung, Automation, Masse. Da finde ich die Hofladenecken bei Edeka nachhaltiger, auch wenn die Waren nicht biologisch entstehen.

Regionale sind wie biologische Waren weiter Nischenprodukte. Macht es einen Überzeugungstäter wie Sie nicht verrückt, dass die Masse wieder besseren Wissens isst?

Den Spruch, Herr vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun, müsste man heute umdrehen: Herr vergib ihnen, denn sie tun nicht, was sie wissen.

Das klingt missionarisch.

Wer was verändern will, kommt zum Missionieren, ob er will oder nicht. Aber ich verkünde keinen Glauben, das ist der Unterschied. Ich verkünde den gesunden Menschenverstand.

Kurz nach der Fleischindustrie verlässt Karl Ludwig Schweisfurth auch die Kirche. Weil sie ihm zu anthropozentristisch sei. Vom Katholizismus zum Buddhismus bekehrt, geht er nach erstmal in den Himalaya. Abschalten, Loslassen. Schon immer war der 83-Jährige ein Mann großer Schritte und tiefer Schnitte. Sein reformiertes Handwerk ist wohl nicht sein letzter.


Claudia Michelsen: Schauspiel & Realität

Porzellan und Granit

Ohne Glitzerrollen und eitles Getue hat sich Claudia Michelsen ins erste Glied des deutschen Films gespielt. Warum sie dort hingehört, hat sie erst gestern im famosen Melodram Grenzgang bewiesen, aber auch in der Tellkamp-Verfilmung Der Turm, die der WDR am Samstag wiederholt

Von Jan Freitag

Wahre Schönheit, so sagt man, bedarf ein paar kleinerer Makel. Claudia Michelsen besitzt davon gleich mehrere. Ihre Nase hat diesen kleinen Höcker, der sie für Frauenmagazine im Grunde unabbildbar macht. Auch die Augen sind nicht ganz harmonisch, der Mund scheint ebenfalls leicht schief geraten, das ganze Gesicht weist eine leichte Unwucht auf. Schön ist sie ja, gar bildschön, aber eben nicht titeltauglich. Eigentlich. Dass es sie dennoch gerne mal auf Deckblättern diverser Zeitschriften rund um Fernsehen, Glamour, Pesonality verschlägt, muss also andere Gründe haben.

Gründe wie gestern in Grenzgang, wo die 44-Jährige wie schon im grandiosen Fernsehmelodram Und dennoch lieben wir auf gleichem Kanal oder in der versierten Tellkamp-Verfilmung Der Turm kurz darauf auf atemberaubende Weise zeigt, wie gewisse Schauspielerinnen aus gewiss guten Filmen besondere machen, besser: wie besonders diese hier mit ihrer unnachahmlichen Mischung aus Empathie und Distanz, Leidenschaft und Gelassenheit fernstehtaugliche Rührstücke zu vielschichtigen Dramen adelt, die auch auf der Leinwand bestehen könnten. In allen drei Filmen wie in so manchem zuvor tut sie es als augenscheinlich sprödes, unterschwellig jedoch höchst attraktives Mauergewächs, das Claudia Michelsen auf sehr subtile Weise zwischen Austrocknung und neu Erblühen bewässert.

Wie die Mutter zweier Töchter (vom Schauspielerkollegen Anatol Taubman) der Verzweiflung zwischen Trotz und Abwehr ein Gesicht verleiht; wie sie langsam bricht, ohne durchzubrechen, und aufsteht, ohne sich wirklich grade zu mache; wie sie als nahezu einzige Schauspielerin im fiktionalen Primetimefilm sogar in flachen Schuhen begehrenswert sein darf und ihre strickjackenbewehrte Normalität doch wie eine Monstranz vor sich her trägt – das ist einzigartig, zumal im Fernsehen, diesem Medium, das im Grunde viel zu klein ist für eine wie sie. Das sie allerdings dennoch Jahr für Jahr mit mehreren Beiträgen bereichert.

Seit die Absolventin der Berliner Schauspielschule Ernst Busch 1989 erstmals vor die Kamera trat und parallel „aus politischer Erwägung“, wie sie betont, aufrührerisches Osttheater spielte, seit der Mauerfall den „revolutionären Impuls der Bühne“ in den „Leerlauf banaler Unterhaltung“ riss, Claudia Michelsen legt in solchen Momenten selbst Fremden bekräftigend die Hand aufs Knie, seither spielt sie alles Mögliche: Tatort-Episoden und Historienschinken, TV-Melodramen, US-Produktionen, Kinderfilme, selbst eine Serienkommissarin (Flemming). Auch ein Abstecher in Richtung Hollywood war dabei. Doch je älter, reifer, je besser und bekannter die einstige Max-Ophüls-Preisträgerin wird, desto häufiger sind es eben stille Filme mit Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs. Nicht, dass dies eine bewusste Entscheidung wäre. „Aber dieses Erwachen“, sagt sie dann, „dieses Gegenangehen“, es fasziniere sie schon.

Und so erwachen ihre Figuren regelmäßig aus seltsam wattierten Wohlstandswelten. Als Mutter einer Ausreißerin in Sieben Tage, als Frau eines DDR-kritischen, aber geölt mitlaufenden Schwerenöters in Der Turm, zuletzt als Frau zwischen Nebenbuhlerin und Ehe im ARD-Film Und dennoch lieben wir oder nun eben in der hessischen Provinz-Studie Grenzgang, wo sie mit einem anderen Großstadtflüchtling (Lars Eidinger) verbissen um ein Stück Geborgenheit im räumlich-sozialen Abseits kämpft. Fast ausnahmslos wirken diese Charaktere in Werken zur besten Sendezeit, fast immer öffentlich-rechtlich und zusehends mit Claudia Michelsen auf dem ersten Rang der weiblichen Besetzungsliste.

So selten wie möglich begibt sich die gebürtige Dresdnerin dort allerdings in Zonenrollen. Auch aus Angst vor falschen Bildern. „Es gibt ja nicht die eine Sicht auf die eine DDR“, erklärte sie diese Scheu zum Start vom Turm im vorigen Frühjahr. Zumal ihre „Berührungspunkte“ zum System „eher Freunde und Bekannte, die Stasi-Kontakte hatten“ waren als eigene Kontakte. „Ich bin die Glücksgeneration, knapp 20 als die Mauer fiel“. Und falls sie sich doch mal vom Klischee besetzen lässt, DDR lasse sich am besten DDR-sozialisiert verkörpern, wird daraus garantiert ein preisgekröntes Vorzeigedrama wie 12 heißt: ich liebe dich, wo sie sich als Stasihäftling in ihren Verhörer verliebt. Auch so eine Geschichte vom Zerbrechen und Aufwachen. Claudia Michelsen Paradedisziplin, die sie nicht sucht, aber findet. Auf die man sie geradezu buchen könnte. Aber eigentlich kann sie fast alles.


Herbert & Karl Knaup: Film- & Realitätsbrüder

So a bleder Hund

Geboren tief im Allgäu, leben Karl und Herbert Knaup längst als gut gebuchte Schauspieler in Berlin. Im so genannten Kluftingerkrimi: Milchgeld standen die zwei Brüder voriges Jahr zum ersten mal gemeinsam vor der Kamera. Zum nächsten Heimatmordfall dieser Art (Seegrund, Donnerstag, 20.15 Uhr, ARD) zeigen die freitagsmedien dasn Doppelinterview mit beiden über damals und heute

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Karl und Herbert Knaup, im Kluftingerkrimi geraten Sie mehrfach aneinander. Wie im richtigen Leben?

Karl Knaup: Ach, Herbert war unter meiner Knute (der lacht), aber wir sind sechs Jahre auseinander, da prügelt man sich doch nicht mit dem Jüngeren. Als er sechs war, kam ich in die Pubertät; da hat man nichts miteinander zu tun.

Herbert Knaup: Keine Ahnung, ob du mich da nicht doch auch mal verprügelt hast.

Karl: Aber selbst wenn, war und ist unsere Familie bis heute so konzipiert, dass sich alle unterstützen. Neid gibt es zum Beispiel nicht.

Auch nicht darauf, dass Ihr Bruder die weitaus größeren Rollen kriegt?

Karl: Es ist mühselig, darüber nachzudenken. 80.000 Schauspieler, die grad keinen Job haben wünschen sich eine Chance auf Größeres. Auch ich. Das ist halt so in dem Job. Jeder will zeigen, was er kann, aber nur eine Handvoll schafft es auch. Aber ich habe meine Karriere, er hat seine, die hatte nur andere Glücksmomente.

Herbert: Und Karl kann es mindestens genauso wie ich, das ist das Ärgerliche, dass er nie meine Chancen gekriegt hat, es auch zu zeigen. Man muss manchmal nur in den richtigen Momenten am richtigen Ort sein wie ich 1993.

Karl: Du meinst Die Sieger von Dominik Graf.

Herbert: Als der Hauptdarsteller an Hirnhautentzündung starb, wurde ich nachbesetzt. Das war der Einstieg. Dann braucht’s halt zwei, drei repräsentative Chancen als Motor. Mein Bruder bekam die leider nicht. Dabei war Karl lange mein Vorbild. Wir haben zusammen musiziert, acht Jahre zeitgleich in Hamburg gelebt, sind zusammen um die Alster gejoggt, wir haben uns im Laufe der Zeit immer besser verstanden.

Verstünde es ein Außenstehender, wenn Sie jetzt wie daheim miteinander reden?

Herbert: Sie meinen den Dialekt? Wir können auch anders: So a bleder Hund, diesa Repoata, Karl. Aber nein, wir reden so, wie wir jetzt miteinander reden. Das macht der Beruf.

Karl: Da ist kein Rest-Allgäuerisch mehr. Ausgetrieben. Schon auf der Schauspielschule wurde den kleinen Haien die klare Aussprache eingetrichtert.

Herbert: Andererseits steckt das Idiom tief in einem. Fragen Sie mal Jan Josef Liefers, wie die ihm das Sächsische abgewöhnt haben. Trotzdem wird er zuhause ins Dresdnerische zurückfallen. Die Heimat kriegt man nie ganz aus einem raus.

Das macht Filme wie Milchgeld so erfolgreich – diese Sehnsucht nach Heimat.

Karl: Zum Glück. Denn regionale Farben wie den Dialekt zu erhalten, ist ungeheuer wichtig, sonst verschwinden sie irgendwann.

Herbert: Das schafft auch Selbstbewusstsein, weil man eher lernt, zu seinen Eigenheiten zu stehen, wenn sie in der Öffentlichkeit kultiviert werden. Ohne die Pflege des Idioms zum Beispiel, könnten Leute, die Fränkisch sprechen, sonst den eher dialektfreien Hamburgern nicht mehr auf Augenhöhe begegnen, weil es als vorsintflutlich gelten würde.

Karl: Die Medien, vor allem das Internet, schleift da alles ab. Unter Jugendlichen ist Dialekt doch oberuncool.

Herbert: Durch unseren Beruf haben wir dagegen die Chance, den Schalter umzulegen und von Hochdeutsch auf Dialekt und zurück zu schalten, ganz nach Bedarf. Sehr komfortabel. Aber dass der Bedarf auch über den Sprachraum hinaus groß ist, zeigt ja der Kluftingerkrimi. Der erste Teil war 2009 das erfolgreichste Fernsehspiel Europas. Deshalb hat ihn die ARD aus seinem bayerischen Exil erlöst und über die Weißwurstgrenze exportiert. Dialekt lohnt sich.

Wobei es darüber hinaus auch um Charakterzeichnungen geht. Dabei kommen die meisten Figuren ziemlich verschroben weg, Ihre besonders, ein echtes Landei.

Karl: Das stimmt, und es erfolgt sehr bewusst. Das Lustige war: Bei der Überlegung, was ich in der Rolle anziehe, hab ich mir Kleidung ausgesucht und draußen am Drehort gemerkt: Der echte Bauer sah genau aus wie ich, Blaumann, Cordhut. Wenn die Realität sich so mit der Darstellung deckt, ist da keine Verächtlichkeit versteckt.

Herbert: Die Autoren und Kostümbildner suchen sich bei der Ausstattung der Charaktere quasi ihre eigenen Mütter und Väter aus. Das schafft bei aller Merkwürdigkeit aus städtischer Sicht eine besondere Art von Respekt, die sich etwa in beruflicher Kompetenz hinter der bäuerlichen Fassade äußert. Die ist bei mir ja durch eine stattliche Leibesfülle gekennzeichnet, für die ich mir nicht nur ein paar Pfunde anfuttern musste, sondern auch so einen Bauchgürtel trug. Andererseits sind dicke Menschen oft schwungvolle Tänzer, und auch Kluftinger nimmt ja manchmal beachtlich Fahrt auf. Was ich sagen will: es liegt im Auge des Betrachters.

Karl: Die Allgäuer selbst lieben die Darstellung ihres Schlags sogar, das wissen wir.

Herbert: Die sind das komplett uneitel, weil sie sich ohnehin permanent gegenseitig mit so einer bauernschlau-schlagfertigen Art, sich freundschaftlich zu beleidigen, wachrütteln.

Ist das hinterfotzig?

Karl: Nein, hinterfotzig ist eher so leicht verschlagen, hinterm Rücken. Aber wir sind ja auch keine Bayern. Nicht so eigenständig wie die Franken, aber der Allgäuer gehört seit 1802 zu Bayern.

Herbert: Was du alles weißt.

Karl: … und wir haben auch keine Hauptstadt wie Nürnberg.

Herbert: Unser Dialekt ist viel vermischter, mit Schweizerischem, Alemannisch.

Sind Sie noch in Ihrer Heimat verwurzelt?

Karl: Ach, so richtig nur noch durch Gräber.

Herbert: Obwohl es unsere Mama, die mit 92 immer noch sehr rüstig ist, wie einen Lachs dorthin zurückzieht. Aber keine Frage: Wir lieben das Allgäu beide, kriegen nur unseren Arsch nicht hoch von Berlin aus in diesen Winkel, noch mal 170 Kilometer von München aus. Wie eine steinerne Gebärmutter, rechts und links diese Berge…

Karl: Ich kenn das ja auch schon.

Ist der Kluftingerkrimi das Allgäu Ihrer Kindheit oder der Gegenwart?

Herbert: Schon der Gegenwart. Die Kindheit war idyllischer, zumindest oberflächlich. Wir sind barfuss gelaufen, alles war so gastfreundlich. Die Dampflokomotive fuhr, es gab kaum Tourismus.

Karl: Man hat direkt beim Bauern seinen Käse gekauft, die Milch kam frisch aus dem Euter und wir waren mit aufgeblasenen Lkw-Reifen rodeln.

Sie waren also, obwohl Ihr Elternhaus ein musisch-kultiviertes war, echte Landkinder?

Herbert: Nein, wir stammen ja aus einer echten Arbeitersiedlung. Mein Vater war Schlosser und Musiker, meine Mutter hat trotz ihrer bäuerlichen Herkunft extrem auf Ordentlichkeit geachtet, auf saubere Kleidung. Das war fast bürgerlich; wir waren Arbeiterkinder mit Kultur.

Karl: Das Kultivierte haben wir uns eher selber angeeignet, so wie mit Messer und Gabel zu essen (lacht). Aber das Fluchen haben wir ganz proletarisch gelernt – und beibehalten.

Herbert: Da gibt es noch so einen Arbeiterstolz in uns. Vielleicht wähle ich deshalb noch immer SPD (lacht). Die Herkunft ist einem halt wichtig. Aber so diesen Pfeffer meines Vaters, in dessen Umfeld sofort mit der Faust gesprochen wurde, dieses Derbe, das haben wir beide nicht. Da gab es eine Weiterbewegung, einen Ausbruch.

Wer ist zuerst ausgebrochen?

Herbert: Mein Bruder. Ohne ihn als Vorbild wäre ich kein Schauspieler geworden. Als ich so alt war wie er damals kam die Kommune-Zeit, ich wusste nicht, was ich werden wollte und schob die Entscheidung immer weiter raus. Musikalisch sollte was passieren; eine  Band hatte ich, meine Schwester sang bei Amon Düül. Da ging mein Bruder auf die Schauspielschule und sagte: mach das doch auch.

Karl: Ich machte damals als Regieassistent gerade was über den Mortimer aus Schillers „Maria Stuart“; das hab ich ihm zum Vorsprechen an der Falckenberg-Schule mitgegeben und ein Stück aus Tennessee Williams’ Glasmenagerie. Aber was heißt sprechen…

Herbert: Ich mach’s mal eben vor (kniet sich mit dem Rücken zu Karl vor einen Stuhl und murmelt Maria Stuart vor sich hin). Da sagten die Lehrer: Herr Knaup, jetzt drehen Sie sich doch mal um. Und ich meinte in meiner Naivität: Wieso, die Hauptfigur sitzt doch auf dem Stuhl. Das war schon mal ein Lacher. Und es hat geklappt. Dank meines Bruders.

Gibt es eine Rolle Ihres Bruders, die Sie zu gern gespielt hätten?

Karl: So einen Adolf Eichmann meinen Sie? Klar, große Rolle, brillant umgesetzt. Nur zu!

Oder würden Sie gern wie Ihr Bruder malen können und fünf Sprachen sprechen?

Herbert: Sehr gerne sogar. Sprachen kann ich nicht so. Spanisch kann meine Frau, Französisch war schon in der Schule nicht so dolle. Ich kann auch ein bisschen zeichnen, aber fotorealistisch zu malen wie mein Bruder, die Gerhard-Richter-Richtung, das würde ich natürlich gern können. Selbst Götz George hat ihm eins abgekauft, ein echter Kunstkenner. Karl ist ein guter Maler.

Karl: Aber mein Herz brennt schon für die Schauspielerei. Malen tue ich eher, wenn die Zeit dazu ist. Jetzt gerade ein Familienporträt mit fünf Personen, das ist sehr zeitintensiv. Da muss ich mich wirklich zwischen Theater und Staffelei entscheiden.

Herbert: Und es ist ja auch nicht immer leicht, seine Talente gegeneinander zu gewichten. Da bin ich froh, dass ich nur eins so richtig habe. Obwohl ich jetzt gerade das erste Mal inszeniert habe, eine neue Erfahrung und durchaus erfolgreich, am Theater in Luxemburg, kommt demnächst als Gastspiel in Hamburg und Berlin. Wir können auch beide ganz gut schreiben, aber in unserer Kultur heißt es oft, man solle sich für eine Tätigkeit entscheiden. In den USA etwa traut man dir grundsätzlich alles zu, hier muss man schön in seiner Schublade bleiben.

Aber schauspielerisch stecken Sie in keiner Schublade.

Herbert: Dieses Glück habe ich mir am Theater erarbeitet. Eichmann und Kluftinger spielen zu dürfen, ist ein Geschenk…

Haben Sie eigentlich schon mal gemeinsam vor der Kamera gestanden?

Herbert: Nicht direkt. Wir haben zwar bei Margarethe Steiff und in ’ne günstige Gelegenheit neben Benno Fürmann und Armin Rohde gespielt, jeweils ein Brüderpaar. Aber nie in derselben Szene, also gemeinsam am Set. Das ist jetzt die Premiere.

Karl: Und da ist gleich ein anderes Vertrauen da

Herbert: Sich an die Wäsche zu gehen wie wir in Milchgeld, fällt unter Brüdern leichter. Und wie er da in seine Bauernrolle eingetaucht ist, das hat richtig Spaß gemacht.

Karl: Man bleibt Kollegen, aber es sind sehr vertraute Kollegen. Wie ein gemachtes Nest.

Herbert: Ich würde das auch gerne wiederholen, gern auch ohne Dialekt. Mal ein g’scheites Brüderpaar auf Augenhöhe, das wäre mir eine Freude. Aber das müssten wir selber machen; fragen tut man uns da nicht. Warten wir mal ab, wie Milchgeld ankommt.

Karl: Wir kämpfen dafür.


Kabarettlücken & Kluftingerkrimis

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

18.-24. November

Dass das gute alte Fernsehen soziokulturell, also über Gebührendebatte und Quotendiskussion hinaus, noch wirklich was bewirken kann, kennt man eigentlich nur noch aus Zeiten, als ihm Dieter Hildebrandt noch subversiv stammelnd seinen Stempel aufgedrückt hat. Lang ist’s  her. Zehn Jahre genau. Damals verließ Deutschlands einflussreichster Nachkriegskabarettist gerade noch rechtzeitig den Scheibenwischer, bevor es darin Richtung Comedy ging. Jetzt ist er friedlich eingeschlafen – und das im Bewusstsein, keine Lücke im politischen TV-Humor zu hinterlassen; schließlich kennt das Nichts keine Zwischenräume. Da ist es beinahe tröstlich zu hören, dass Hildebrandts Verbreitungsplattform auch nach seinem Tod noch was im Publikum bewegt. Obwohl: wenn die wachsende Zahl an Serien mit Spionagethemen von 24 bis Homeland dafür sorgt, dass die Zuschauer selbst geheimdienstliche verordnete Folter positiv bewerten, wie eine US-Studie ergab, würde man dem Medium vielleicht doch so wenig Einfluss aufs Publikum wünschen wie, sagen wir: Wetten, dass…?.

Wer das moderiert, belegte vorige Woche eine repräsentative Forsa-Umfrage, ist den meisten nämlich längst mehrheitlich egal. In der Publikumsmissgunst landet der aktuelle Moderator Lanz zwar immer noch stolze drei Prozent hinter seinem Vorgänger Gottschalk. Aber wenn selbst Freundschaftsspiele die Quote von Europas noch immer erfolgreichster Fernsehshow locker ums Doppelte überholen, scheint es längst egal zu sein, wer das ZDF-Lagerfeuer leitet. Sogar die parallel zur Nationalmannschaft gezeigte Traumschiff-Wiederholung brachte es mit gut fünf Millionen Zuschauern auf einen Wert, der gar nicht so weit von seiner letzten Ausgabe in Halle lag.

Da fragt sich natürlich, ob je wieder etwas kommt, was jenseits vom Lieblingssport der Deutschen derart realsozialistische Einschaltquoten erzielen könnte. Irgendwas auf Skiern vielleicht, deren zugkräftigste Disziplinen seit vorgestern monatelang die öffentlich-rechtlichen Bildschirme fluten werden – Olympische Spiele inklusive, bei denen im Frühjahr nach ein paar Momenten wohlfeiler Basiskritik am korrupten Gigantismus der Marke Putin rasch wieder nur die Zuschauerresonanz zählen wird.

TV-neuDie Frischwoche

25. November – 1. Dezember

Die dürfte dann auch heute Vorabend wieder groteske Ausmaße annehmen, wenn die leicht abgehangene ARD-Serie Großstadtrevier in ihre sage und schreibe 27. Staffel geht. Stammkunden des Ersten Programms stehen um diese Tageszeit eben ungebrochen auf bürgerlich verabreichte Alltagsrelevanz im heiteren Grundton. Und weil es seit einiger Zeit auch auf Polizeiformate in Mundart und Tracht steht, schiebt die ARD am Donnerstag gleich noch den nächsten Kluftingerkrimi mit Herbert Knaup als eigenbrötlerischem Ermittler in seiner Allgäuer Heimat hinterher. Da es insgesamt aber bei Mordfällen doch den Tatort bevorzugt, wird der schwäbische am Sonntag – völlig zu Recht – wohl doch den höheren Zuspruch erzielen.

Zuvor aber zeigt die ARD aber noch das, was ihr Mittwochsfilm vermag, wenn er mit Darstellern à la Claudia Michelsen oder Lars Eidinger besetzt ist. In Grenzgang zeigen die zwei Ausnahmeschauspieler, wie reduziert man die Liebesgeschichte zweier unfreiwilliger Provinzler nach dem gefeierten Debütroman von Stephan Thomas inszenieren kann, ohne an Wirkung zu verlieren. Mit so viel gediegenem Understatement kann eine Alexandra Neldel natürlich nicht dienen, die in der Sat1-Schmonzette Die verbotene Frau am Dienstag 91 der 125 Minuten Sendezeit ihr zuckersüßes Lächeln durch eine klebrige Orientwelt spazieren führt. Wobei die überzählige halbe Stunde natürlich keine seriös dreinblickende Neldel zeigt, sondern Werbung – wo erfahrungsgemäß auch eher wohlfeiler Frohsinn herrscht.

Da seien dann doch besser Kanäle ohne Werbepause empfohlen. Der Pay-TV-Sender AXN zum Beispiel, wo am Mittwoch die wirklich allerletzte Folge von Breaking Bad läuft. Besser aber noch Arte, das tags zuvor im Rahmen seines Dokumentarfilmfestivals das unterhaltsame Porträt The Big Eden über den angeblich letzten Playboy Rolf E. zeigt. Oder tags drauf zur besten Sendezeit auf ZDFkultur: Kate (Moss), Untertitel: Vom Model zur Ikone. Ein Typ Superstar, den Günther Jauch kaum auf die RTL-Couch kriegt, wenn er Sonntag den alljährlichen Rückschaumarathon eröffnet. Bei 2013! sorgen halt doch eher die üblichen Boulevard- und Ballermann- nebst einiger Sendergesichter wie den Klitschkos für Menschen, Bilder, Emotionen. Menschlicher, bildreicher, emotionaler, aber dabei ungleich besser lautet  da der Tipp der Woche: Tilda Swinton im Trinker-Roadmovie Julia von 2008 (Dienstag, 22 Uhr, Servus TV). Die ganze Kraft des Films in einer einzigen Schauspielerin.