Gätjen & Co: Hoffnungen & Enttäuschungen
Posted: November 21, 2013 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentAusgestrahlt
Das Fernsehen ist voller Karrierehoffnungen. Auch Steven Gätjen oder Oli Geissen waren mal welche. Heute moderiert der eine leicht ölig Eventshows wie Stefan Raabs Turmspringen (diesen Samstag), der andere gelangweilt Chartshows (fast jeden Freitag). Inhaltlich banal, finanziell erfolgreich, jenseits früherer Träume von Relevanz – damit sind beide nicht allein.
Von Jan Freitag
TV-Karrieren haben was Hybrides. Gerade im Moderatorenfach verläuft zwischen Anspruch und Erfolg, Seriosität und Ruhm ein breiter Graben. Den Spagat drüber hinweg schaffen eigentlich nur die Schmidts, Jauchs, Gottschalks. Auch Anke Engelke und Matthias Opdenhövel kommen durchaus schichten-, geschlechter-, gar altersübergreifend an. Doch schon die Talkonkels von Kerner bis Lanz polarisieren so wie Moderationsfassaden der Marke Marco Schreyl, der vom Castingpöbel vergöttert, keinem Fernsehpleb ins Haus käme. Welcher RTL-Gucker hat andererseits je von Klaus Kleber gehört, welcher GZSZ-Fan von Francis Fulton-Smith?
Gut, auch ohne Visum zur anderen Seite lässt es sich diesseits der Gräben leben. Doch in der Nische zu stecken, geduldet von Millionen, gehasst vom Rest, hat etwa Oliver Geissen, der seit 16 Jahren wegmoderiert, was ihm das Massenmedium übrig lässt, kaum gewollt. Man sieht ihm die geplatzte Illusion einer nachhaltigen Karriere in jeder Ultimativen Chartshow, an. Einst als echter Entertainer gehandelt, langweilt er sich selbst noch mehr als die Zuschauer. Das Gleiche gilt – sogar mehr noch – für Steven Gätjen. Geboren in Phoenix, volontiert in Hamburg, studiert in LA, auf der Liste seriöser Redaktionen – für den 31-Jährigen Doppelsprachler leuchtete was am TV-Himmel. Tief darunter macht er heute nur privates Müllfernsehen à la Sommermädchen, das bei Schlag den Raab immerhin lukratives Müllfernsehen ist. Und so erscheint sein hoffnungsvoller Laufbahnbeginn doch nur ziemlich kurzes Wetterleuchten.
Und damit ist er keineswegs allein:
Pilotin, blond, schlagfertig, Pressdekolletee – im Grunde bringt Sonja Zietlow viel für solide Unterhaltungsbekanntheit mit. Kultiviert aber bloß noch ihren Zynismus im Dschungelcamp und wartet in der Billigshow Die 10… nur noch darauf, sich bei den 10 verschleudersten Moderatorinnen auf Platz 4 nennen zu müssen.
Ehrlich – Birgit Schrowange galt Ende der 80er im WDR als neue Dagmar Berghoff, gilt heute aber eher als neue Marianne von Michael. Glaubt wohl selber, der Promi-Unrat, den sie in Extra oder Life! runterleiert, besäße so was wie Sinn. Weil dem nicht so ist, bleibt ihr relevantester Medienbeitrag: ein Sohn mit Markus Lanz
Schon mit Ende 20 ein gefragter ZDF-Außenpolitiker, kommt Normen Odenthal auch mit Anfang 40 nicht über Nachtjournale, Mittagsmagazine, Frühstücksfernsehen hinaus. Wurde bei letzterem sogar vom unsäglichen Wulf Schmiese ersetzt. So bleibt der Nachwelt vor allem die putzige Schreibweise seines Vornamens erinnerlich.
Mann, war die schön, Mann, war die klug, Mann, war die kühl. 1988 hat sich Dr. Privatfunk eine neue Mrs. Nachrichten kreiert: Maria Gresz. Sah so die Zukunft der Politmagazine aus? Nein, aber die Gresz ist exakt so blond wie damals. Und sie nuschelt auch wie einst, nur von Spiegel TV zu Spiegel TV belangloseres Zeugs.
Noch so ein öffentlich-rechtliches Talent. Steffen Hallaschka war frisch volljährig, als er im HR gutes Radio machte. Mit Mitte 20 machte er bei 3sat gutes Jugendfernsehen. Um die 30 ging er zu Polylux, sogar Arte. Jetzt oberhalb der 40, sieht aus wie immer, leitet das politfreie Politmagazin Stern TV und hofft weiter aufs heute-journal.
Cherno Jobatey kennt man. Ist das nicht der Farbige vom Morgenmag in Turnschuhen? Ja! Er war aber auch Stipendiat, Politologe, Zeit-Autor, Showmaster (Verstehen Sie Spaß), Schauspieler (Isch kandidiere), ein Vorbild vieler Migranten. Nach 20 Jahren ist er immerhin noch: der Farbige vom Morgenmag in Turnschuhen.
Als Susanne Kronzucker ZDF-Auslandskorrespondentin wurde, galt die 20-Jährige als Erbin ihres Vaters Dieter, kam aber über RTL-News nie hinaus. Immerhin machte sie ab 2007 das emanzipierte Magazin Mona Lisa. Mit annähernd 50 ist die Ex-Vorzeigefrau dem Vernehmen nach Mutter, und ihr Mann, ein Anwalt, verdient das Geld.
Kennt noch wer Caroline Beil, Carsten Spengemann, Susan Stahnke? Erstere galt als extrem variabel, bis sie nur noch Soaps machte. Letztere verließ die Tagesschau vergebens für eine Hollywoodkarriere. Mittlerer klaute lieber einen Ring, als weiter DSDS zu moderieren. Was sie alle heute eint? Besuche im Dschungelcamp.
Reise: Surfen vor Irland
Posted: November 16, 2013 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a commentBeifang im Schnee
Vier Surfer, eine alte Feuerwehr, 13 Boards und ein windsicherer Herbsttrip nach Irland – eigentlich war für vier Norddeutsche alles für den perfekten Surfurlaub gerichtet. Eigentlich.
Von Jan Freitag
Wer solche Bedingungen hat, flüchtet sich schon mal ins Philosophische. „Wir sind immer auf der Suche nach dem großen Fisch“, Christian Tesche krault sich versonnen im Kinnbart, „und dabei kriegen wir eine Menge Beifang ins Netz“. Er sagt das mit viel Bedacht. Das ist nicht immer die Art des bekennend einfach gestrickten Mecklenburgers. Wie gesagt – die Bedingungen müssen Gedankenspiele zulassen. Gerade bei Surftrips in die Ferne, gerade, wenn die Erwartung groß, die Realität jedoch ernüchternd ist. Und die Erwartungen an eine Reise nach Irland, vier Surfer, ein Journalist und eine ausgebaute Feuerwehr mit 13 Boards auf dem Dach, sind natürlich enorm.
Kein Wunder, mitten im stürmischen Herbst. Und an der rauen Atlantikküste, versichern alle Wetterexperten, ist die Windgarantie fast einklagbar. Dazu dank Golfstrom mildes Klima und herrliches Licht. Ein Surfertraum in grün. Leider sieht die Realität etwas anders aus: Kaum ein Lüftchen, unzuverlässiges Wasser, dafür viel Regen und Temperaturen nah am Gefrierpunkt. Da wird Beifang, wie Christian Tesche ihn definiert, besonders wichtig. Wellenreiten zum Beispiel, mehr aber noch Land und Leute, Kultur, Natur, alles pur. „Durchs Surfen komm ich an die schönsten Orte der Welt“, sagt der exzentrische Künstler. Und die irische Westküste zählt ohne Zweifel dazu.
Um sie sehen zu können, muss Sören Klement zunächst mal putzen. Er ist wie jeden Morgen als erster erwacht und die Scheiben des Daimlers sind wie jeden Morgen beschlagen, dass es nur so tropft. „Es hat geschneit“, ruft er plötzlich in den dunstigen Innenraum und die Mitreisenden wählen im Geiste die Nummer der nächsten Psychiatrie. Zwei Tage später wird ihnen ein Einheimischer mit Brett unterm Arm erzählen, ansonsten lasse er im Oktober außer Neopren nur T-Shirts an seine Haut und dann das: Die zierlichen Berge im Rücken des Küstenorts Easky tragen weiße Kappen. Immerhin – es gibt Wellen!
Die Gruppe schält sich aus ihren Schlafsäcken, begräbt alle Hoffnungen, dass fünf schlafende Männer einen Sechs-Meter-Bus vor der Außentemperatur bewahren und steht einen Kaffee später am Ufer. Wie verrückt prügelt die Flut Ozeanwogen zum Strand. Dumm nur, dass es fast völlig windstill ist. Noch am Abend zuvor waren Sören und Matze Wellenreiten. Im Dunkeln. Als Aufwärmtraining für den heutigen Windsurf sozusagen. Dachten sie wenigstens. Drei Tage lang sind sie nun schon auf Spotsuche. Und das nach ebenso langer Anreise von Rostock, Hamburg, Cuxhaven über Harwich und Wales Richtung irische Westküste. Drei Tage auf den geräumigen Fähren der DFDS-Seaways oder im schwerfällig knatternden 508er, nur kurz unterbrochen von einem Ritt im kühlen walisischen Kanalwasser von Fresh Water West und zwei Guinness im Pub an der Landstraße. 70 Stunden bis zum Surfhimmel – die Donagal Bay unweit der nordirischen Grenze. 70 weitere auf der Suche nach einem anderen, manchmal durch Schneematsch. „Die letzten zehn Tage waren hier einfach perfekt.“ Die Worte des Windsurfshopbesitzers der Bezirkshauptstadt Sligo dröhnen dem Quartett noch immer in den Ohren. Das zermürbt die gelassensten Norddeutschen. Der Weg ist eben nicht immer das Ziel.
Immerhin, im Internetcafé nebenan gibt es bessere Nachrichten. Olaf, mit 36 der Senior der Reisegruppe, hält triumphierend den Ausdruck hoch. „Guck dir die Isobaren an“, jubelt der eher stille Kieler mit 22 Jahren Surferfahrung. Dicht wie eine LP-Rille liegen die Luftdrucklinien über Irlands Westen. „Ab morgen wird’s gut und Samstag geht es richtig rund“, interpretiert er die Daten. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Doch erst mal liegt die gute Laune im Sterben. Donegal Bay samt Topspot Tullan Beach, die sonst so windsichere Sligo Bay, eine idyllische Bucht am Aughris Head, auch Easky, das irische Surfmekka und Sitz der Irish Surf Association – alles wunderhübsch gelegen, voll feinstem Beifang, doch alle wollen aufs Wasser. Allen voran Matze Bade. Der schwarzgelockte Holsteiner, dem man eine Reihe seiner 28 Jahre nicht ansieht. Sonst eine schier unerschütterliche Frohnatur sitzt er frierend im Bus und mault. „Wir haben hier den perfekten Spot und eine 8-Beaufort-Ansage für Samstag und statt die zu catchen checken wir heute aufwändig einen Spot mit fünf und die sind auch noch sketchy.“
So lautet die Übersetzung seines Unmuts darüber, dass die anderen trotz akzeptabler Bedingungen mal wieder noch bessere anpeilen. Ein Mehrheitsbeschluss. Demokratisch korrekt. Aber auch meteorologisch? Auf dem Weg zur Killala Bay, noch so ein Tipp aus dem Surfshop, treffen sie ein echt irisches Original. Speckiger Sturmmantel, lange Haare, Vollbart, Gummistiefel. Nur seine Herkunft kratzt am Klischee. „Tolle Bucht hier“, sagt der emigrierte Hamburger inmitten alter Fischerboote. Angenehm ruhig, keine Touristen, gute Wellen. Aber zum Windsurfen, das weiß der 40-Jährige, seit es ihn 1984 eigens dafür nach Irland verschlug, „müsst ihr noch weiter“. Auf die Halbinsel The Mullet, um genau zu sein. Dann geht alles sehr schnell: Abfahrt gen Westen, 50 holprige Kilometer Secondary Road, Ankunft kurz vor der Dämmerung und die Nase in den Wind. Es frischt auf. Endlich! Dann geht es noch schneller. Alles runter vom Dach. Alles. In wenigen Minuten schrumpft die Wagenhöhe von knapp vier auf gut zwei Meter. Keine halbe Stunde später ist der letzte in der Brandung. „Ich hab noch nie so fix aufgeriggt“, keucht Olaf nach gewonnenem Kampf mit seinem 5,3er Segel, dem klammen Neopren und läuft zum Strand.
Ihn erwarten vielleicht fünf Windstärken. Matze, der beste unter vier Könnern, macht daraus ein paar schöne Sprünge. „Auf den kannst du dich verlassen“, lobt Sören, der surfende Pressefotograf aus Rostock, und blickt etwas wehmütig auf das, was ihm grad entgeht. Hohes Tempo ins Abendrot zum Beispiel. Oder Christians vielleicht beste Welle seiner 29 Jahre. Er hat es gerade selbst gemerkt, so spitz fegt sein Schrei durch die kalte Luft. Ein kurzes Geburtstaggeschenk, aber ein schönes. Und nicht das letzte. Ein weiteres kommt von den Einheimischen, die tags drauf zum Wellenreiten herbei strömen. Surfen, das ist am Atlantik wie Skifahren in der Schweiz. Und noch ein Unterschied zu Deutschland: Der Frauenanteil ist enorm. Die Hälfte auf dem arktisch kühlen Wasser ist, grob geschätzt, weiblich. Und am Wochenende – Stichwort 8 Beaufort – treffen sie sich alle genau dort zum Windsurfwettbewerb, wo gerade Sörens Feuerwehr parkt. Auf der Westseite zum Freestyle, auf der Ostseite zum Supercross. „Hier ist einer der besten Windsurfspots in Irland“, schwärmt Dave, der wie so viele hier jeden Abend von der Arbeit zum Strand fährt. Ein Traum: Board statt Büro in Minuten, aus dem Blaumann in den Neo. Schade nur, dass die Außentemperatur weiter gegen Null tendiert.
So ähnlich übrigens, wie die Trefferquote der Wettervorhersagen. Denn (natürlich) herrscht am Samstag fast Flaute – das nervt die irischen Teilnehmer kaum weniger als die außer Konkurrenz surfenden Deutschen. „Ich fang gleich an zu trinken“, kündigt Matze schon mittags an und kann von Glück reden, es nicht getan zu haben. Gegen Abend frischt es auf. Am zweiten Tag lautet das Motto erneut: Erst der Contest, dann das Vergnügen. Denn mit der Dämmerung kommt der Sturm. Und nach dem Sturm die Party. Mittendrin: die vier „courageous germs“, die für die beste Welle im Zweifel die Klippen rasieren und einen Wagen bewohnen, der den Locals als Landefahrzeug feindlicher Invasionstruppen vorkommen muss. „Die denken doch, hier steigen gleich zehn Leute aus“, mutmaßt Sören lachend über die Surfboardparade auf dem Dachgepäckträger.
Das ausgediente Mehrzweckfahrzeug einer bayerischen Ortsfeuerwehr, mit Baudatum 1975 sogar zwei Jahre älter als Sören, sein Besitzer, scheint das Halbinselgespräch zu sein. So ist wenigstens bei der Frage nach dem Weg zu spüren. Kein Wunder – außen signalrot mit zwei stattlichen Strahlern vorn und achtern, innen skurrile Typen: Matze Bade, optisch irgendwo zwischen Tom Hanks und Mehmet Scholl, Topsurfer und wandelnder Dresscode auf der einen Seite, viel beschäftigter Ingenieur und Bausparer auf der anderen. Daneben, fast einen Kopf größer, Olaf Barth, irgendwie sein Gegenteil. Gerade im Neopren mit Kappe erinnert der zweifache Vater mit Wohnsitz Postbus an die Nihilisten bei Big Lebowsky, schneidet aber statt Zehen ab lieber Surfboards zu. Auf Rädern – eines gediegenen Zirkuswagens – lebt auch Autofreak Sören Klement, der dank blonder Mähne, Zahnpastalächeln und unerschöpflicher Energie jeden Surferbildband schmücken würde. Abzüglich des Arbeitseifers trifft das auch auf Christian Tesche zu, daheim an der Ostsee sein Nachbar. Ein Freund bizarrer Bärte, hübscher Frauen und großer Steine, die er unentwegt an Irlands Stränden sammelt, um sie auf seinem Hof bei Rostock in rostigen Stahl zu schweißen.
In jeder Ecke des überladenen Wagens liegen sie herum. Glattgewaschene Findlinge, Kunstwerke in spe. Doch was die Restbesatzung erst nervt, wird nach der nächsten Weiterfahrt plötzlich nützlich – als Ballast. Es stürmt. Land unter an der Südküste. Das schlimmste Unwetter seit mindestens 60 Jahren, titeln die Zeitungen. Das geilste Wetter seit mindestens sechs Tagen, jubeln die Surfer. Red Strand, Ownachincha – beste Spots bei Nordostwind. Und weiter östlich, am Galley Head und Old Beach, unterhalb von Cork, wird es beinahe zu heftig. „Absolut hardcore“, meint Matze und kämpft bei heftigen Böen mit dem Segel. An Land wackelt der Wagen wie bei einem Erdbeben. Auf dem Wasser bricht Olafs Mast, sein Gesicht macht Bekanntschaft mit einer Riesenwelle und schwillt linksseitig auf Kiwigröße an. Es beginnt die Zeit der 1000 Reißverschlüsse: Segel- und Boardbag, Wasch- und Reparaturbeutel, Foto- und Videotasche, Jacken und Neos – alles bleibt auf Standby.
Vor allem die Bademode. Weil manche Spots zu heftig, andere zu kabbelig sind, geht es im Wagen hin und her. Wie üblich. Doch die Hoffnung hat gesiegt: Vorsorglich bleiben die Anzüge am Leib. Bei den Fahrten über geflutete Landstraßen, durch dicke Regenfronten, wird auch im Wageninnern die Luft greifbar. Immerhin, Christian kriegt sein drittes Geburtstagsgeschenk: die erste Dusche seit bald zwei Wochen. Das vierte folgt sogleich, schon auf dem gedehnten Rückweg zur Fähre. Ardmore, ein perfekter Windsurftag bei strahlendem Sonnenschein und kräftigem Nordostwind. Das Wasser ist hier schon nicht mehr richtig offener Atlantik und noch nicht wirklich Irische See, die Stimmung ist noch nicht Abreise, aber auch nicht mehr so recht Urlaub. Die Stahlkiste auf dem Dach, einst prall gefüllt mit Wurst und Fleisch, ist jedenfalls ebenso leer wie der Schrank mit den Spaghettibeständen. Also wird es abends im Pub wehmütig. Geschichten von früher, von den schönsten Orten der Welt, von völlig windstillen Trips in den Neuseeländischen Surferhimmel, gigantischen Kuppen vor Hawaii und Südafrikas legendären Rechtshänderwellen, von den Freundinnen daheim und der drohenden Lohnarbeit machen mit jedem neuen Bier etwas melancholischer die Runde. „Eigentlich war es doch richtig geil, oder“, bittet Sören um Zuspruch für seine immense Vorbereitung.
Auf jedem Fall! Und wie!, folgen die anderen. Nur das Gruppenleben im Bus, fügt Matze bierselig hinzu, „war manchmal so stressig wie auf’m Boot.“ Es fehle nur das Geschaukel. Dafür gab es am Ende doch noch tolle Surftage. Und reichlich Beifang.
Der Text ist in der SURF erschienen: http://www.surf-magazin.de/reisen/irland/irland-roadtrip/a609.html
Aktenzeichen XY: Aufklärung & Denunziation
Posted: November 14, 2013 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentUnter Generalverdacht
Zum 12. Mal hat das ZDF gestern mutig Menschen, die sich mutig dem Verbrechen entgegenstellen, mit dem XY-Preis prämiert. Doch was im Kern ein guter Ansatz ist, verfährt wie die Sendung insgesamt nach dem Grundsatz: Besser ein falsch Beschuldigter zuviel als ein freier Täter. Aus Anlass der diesjährigen Verleihung zeigen die freitagsmedien heute ein Porträt der Sendung aus Zeiten, als Wolfgang Schäuble noch für Recht und Ordnung zuständig war.
Von Jan Freitag
Rudi Cerne ist ein gebranntes Kind. Es war im Jahr 1978, als ein Klima der Hysterie den Verbrecherjäger des ZDF ins Fadenkreuz der Ermittler trieb. „Auf einem Flughafen bin ich irrtümlich verhaftet worden“, erinnert sich der heutige Moderator von Aktenzeichen XY … ungelöst. 30 Jahre später auf dem sicheren Terrain des Ludwig-Erhard-Hauses in Berlin. Ein „zappeliger Polizist“, habe den amtierenden deutschen Eiskunstlaufmeister mit Christian Klar verwechselt. Jetzt kann er darüber lachen: „Der hatte doch mehr Angst vor mir als ich vor ihm.“
Tja, so war das eben damals, rund um den Deutschen Herbst. Es herrschte eine Atmosphäre diffuser Phobien vor allem und jedem. Wer Gitanes rauchte, galt als verdächtig, wer BMW fuhr ohnehin, wer irgendwie aus der Rolle erst recht – und sei es durch bloße Ähnlichkeit mit dem Bösen. Bei Rudi Cerne war es die optische Übereinstimmung mit dem Passbild eines gesuchten Terroristen. Kleiner Kollateralschäden, sagen die einen, Pech gehabt. Ergebnis politischer Panikmache, die anderen, ein Vergehen namens Generalverdacht.
Cerne gehört zweifellos zu ersteren, denn der Journalist scheut auch mit 50 Jahren das Feuer falscher Verdächtigungen nicht. „Bei so einem schrecklichen Verbrechen müssen wir keine Statistiken bedienen“, kommentiert er entsprechend die Vergabe des XY-Preises 2008 durch Wolfgang Schäuble. Zum siebten Mal prämierte damit ein Bundesinnenminister zivilcouragierte Bürger, die irgendwie dem Verbrechen trotzen. Fünf davon werden in der heutigen Sendung von Aktenzeichen XY vorgestellt: Ein Sportlerduo, das zwei Kinderschänder überführt, eine 44-Jährige, die in einer Straßenschlägerei interveniert, und eine Spaziergängerin, die ein Mädchen vor ihrem Vergewaltiger gerettet hat.
Diese drei Fälle wählte eine zehnköpfige Jury aus Kriminalisten, Sicherheitsdiensten, Versicherern und dem ZDF unter 100 Vorschlägen aus. Eine seltsame Gewichtung, betrachtet man die deutsche Straflandschaft: zwei pädophile Missbräuche bei einer Körperverletzung – macht 66,66 Prozent der Auszeichnungen, obwohl diese (zweifellos furchtbare Tat) einen kaum messbaren, zumal rückläufigen Anteil an der Kriminalstatistik aufweist. Ob diese Unwucht nicht vor allem Stammtische befriedigt und sich inhaltlich auf dem Niveau der Bild-Zeitung bewegt? „Nein, nein“, antwortet da Rudi Cerne. Es läge an der Medienvielfalt, dass bestimmte Taten stärker in den Fokus der Öffentlichkeit geraten, „ganz sicher nicht am Zweiten Programm“.
Ganz sicher?
Beispiel sexueller Missbrauch. Während seine Zahl in 15 Jahren um 22 Prozent sank, tippten 89 Prozent der Teilnehmer einer Umfrage auf massive Steigerung. Ähnlich sieht es bei Mord aus: statt des Rückgangs um zwei Fünftel, glaubten die Teilnehmer im Schnitt an eine fast ebenso große Zunahme. War sexuelle Nötigung im Spiel, betrug die Verschätzung satte 475 Prozent. Der Kommunikationsforscher George Gerbner erklärte das als „Kultivierungstheologie“: TV-Zuschauer denken nicht nur, die Flut an Fernsehverbrechen sei real; sie halten sogar Berufsgruppen, die im Film häufig morden, für krimineller. Arme Zahnärzte.
Und ob die nun tatverdächtig sind oder doch eher stoppelbärtige Kiezgestalten – mindestens 40 Prozent aller vorgestellten Fälle, rühmt sich die XY-Redaktion, wurden seit 1967 im Anschluss an die sinistren Nachstellungen, schwarzweißen Fahndungsfotos und präsentierten Tatwerkzeuge aufgeklärt. Davon abgesehen, dass der enorme Überhang an Gewalt- und Kapitalverbrechen – vornehmlich in Kombination mit sexueller Gewalt gegen Kinder – den Eindruck erweckt, wir leben in einem Land der Mörder und Vergewaltiger, bleibt offen, wer zu Unrecht verdächtigt wird und wer gezielt denunziert. Schon 1970 druckte Die Zeit eine Liste fälschlich Verhafteter vom vermeintlichen „Hertie- Knacker“ über eine Frau, die mehrmals zu Unrecht des Betrugs bezichtigt wurde, bis hin zu einem Landarbeiter, der sich verdächtig machte, während der Sendung aufgesprungen zu sein. Und dieses Frühjahr ging der Fall zweier Deutscher durch die Presse, deren Foto versehentlich als das eines amerikanischen Serienmörder-Pärchens gezeigt wurde.
Es gibt Suizide in U-Haft, revidierte Urteile, zerstörte Renommees zuhauf, Rudi Cerne aber sagt, es könne schon mal zu Verwechslungen kommen und fragt: „Soll man lieber einen Täter laufen lassen, als ein paar mal daneben zu liegen?“ Genau das ist die Kardinalfrage bürgerlicher Übernahme exekutiver Hoheitsaufgaben und Kern des ausufernden Sicherheitsstaates, den Formate wie XY befeuern. Gesellschaftlich bleibt sie heiß diskutiert, beim ZDF gilt sie als beantwortet: Selbstzweifel kennt man dort nicht, der Vorwurf von Böll bis zur „Vereinigung sozialdemokratischer Juristen“, die Sendung sei Denunziantenfernsehen für Spießer wird mit fast 600 gefassten Mördern und Millionen treuer Fans gekontert. Und die die aktuellen Preisträger belegen ja, dass die Inkaufnahme übler Nachrede mit 10.000 Euro und einem Händedruck von Minister Schäuble honoriert werden kann.
Welche Blüten das treibt, zeigt der Film zur Tat, in dem sich die prämierten Michael Pieper und Peter Dahnke selber spielen. Beim Training in einem Kasseler Badesee fielen den beiden Triathleten zwei Männer an der Seite kleiner Jungen auf, „die deren Großeltern sein konnten“. Ach was… Dass die sich am Ende tatsächlich als Triebtäter herausstellten, ist eine Sache und das Eingreifen aller Ehren Wert. Dass ältere Männer mit potenziellen Enkeln an der Hand per se als dubios gelten eine andere. „Natürlich geht immer mal etwas schief“, sagte Law-and-Order-Mann Schäuble in seiner Laudatio und lobte Eduard Zimmermann, der unsere Gesellschaft lebenswerter gemacht habe. Zumindest für jene, die nicht versehentlich ins falsche Visier geraten.
http://www.zdf.de/ZDFmediathek#/beitrag/video/2027304/XY-Preis-2013
Report: Reporter in Politik, PR & Wirtschaft
Posted: November 9, 2013 Filed under: 6 wochenendreportage Leave a comment
Wechselwähler
Die Journalistin Susanne Gaschke hat den sicheren Redakteursposten bei der soliden Zeit gegen das Kieler Bürgermeisterinnenamt getauscht – und ist krachend gescheitert. Doch anders als früher ist der Weg zurück in ihren Lehrberuf durchaus möglich, wie ein Blick in die Branche zeigt. Dort wechseln Journalisten oft fleißig zwischen Presse, Wirtschaft, Politik und PR – wie das Beispiel des Wirtschaftsreporters Michael Inacker zeigt. So oft, dass diese Reportage vom vorigen Jahr schon wieder überholt ist, weil Inacker längst wieder vom Handelsblatt fort Richtung Berichtsgegenstand war.
Von Jan Freitag
Wenn Michael J. Inacker seine Karriere beschreibt, bedient er sich bei Hermann Hesse. Jedem Anfang, zitiert der Wirtschaftsjournalist den Literaten, „wohnt ein Zauber inne“. Und weil Michael J. Inacker diesen Zauber förmlich sucht, weil er auch mit 48 nach vorn blickt, „weil mir Verändern, Entwickeln, Neubeginnen liegt“, deshalb fängt Michael J. Inacker öfter neu an. Doch was heißt öfter – sein Berufsweg gleicht einem Dauerstart. Vorletzte Abfahrt: Handelsblatt.
Der Rang des stellvertretenden Chefredakteurs im Hauptstadtbüro war nur die jüngste vieler Stationen eines langen Publizistenlebens. Nur waren sie mitnichten alle: publizistisch. Nach acht Jahren beim Rheinischen Merkur und Welt am Sonntag wurde der promovierte Politikwissenschaftler 1998 erstmals für die Industrie tätig. Bis 2006 hatte er bei DaimlerCrysler vom Planungsstab des Vorstands bis hin zur Direktion für Politik und Außenbeziehungen stets Leitfunktionen inne, unterbrochen nur von einer vierjährigen Aufbauhilfe beim Sonntagsableger der FAZ, „mein journalistisches Gesellenstück“, wie er es nennt. Nach weiteren drei Jahren als Ressortchef der Wirtschaftswoche folgte dann die PR-Abteilung der Metro AG, bis er im alten Verlag sein neues Zuhause fand, aus dem er allerdings im September wieder auszog, nach dem eine neuerliche Rückkehr zum Handelsriesen aus Düsseldorf scheiterte.
Michael J. Inacker ist also das, was man einen Wandler zwischen zwei Welten nennt. Einen Botschafter, wie er es ausdrückt, „um das Nichtwissen beider Seiten voneinander zu mildern“. Mit etwas mehr Skepsis kann man ihn allerdings durchaus als Lobbyisten bezeichnen, der frei von Berichterstattungsobjekt zu -subjekt und vice versa flottiert. Damit repräsentiert Michael J. Inacker im Organismus der Kommunikation einen Zelltyp, dessen Membranen zusehends durchlässig werden.
Denn nicht nur im Zuge der Krise alter Medien gehören Übertritte gelernter Reporter ins Marketing von Wirtschaft und Politik zur Branche wie das Praktikum. Dafür muss man nur die Nahtstellen zwischen PR und Presse lesen. In den Personalienrubriken von Kontakter über Horizont bis Werben & Verkaufen gehen die Karrieren munter vom Massenmedium für wöchentliche Produkttests (Focus) zum zuständigen Fachmagazin (Stiftung Warentest), vom Managementreporter der FAZ zum Managersprecher von Air Berlin, von der SPD-nahen FR in den SPD-geführten Berliner Senat. Doch das Personalkarussell dreht sich eben nicht mehr nur in eine Richtung.
Das Handelsblatt-Gewächs Daniel Goffart etwa kehrte nach vier Jahren Arbeit für den Telekom-Vorstand zurück ins Hauptstadtbüro seines Exarbeitgebers. Cornelia Eyssen viele ihrer fast 60 Jahre an der Spitze diverser Frauenmagazine, landete nach einem Schwenk zur Bogner GmbH bei der freundin. Zwischen WAZ, dpa und nun die Chefredaktion der Schwäbische Zeitung schob sich in Hendrik Groths Vita die Repräsentanz von ThyssenKrupp in Südamerika. Und demnächst kehrt der Springer-Zögling Bela Anda nach sechs Jahren beim Finanzdienstleister AWD heim zur Bild, die er als Sprecher Gerhard Schröders neben „BamS und Glotze“ zur Hauptquelle erfolgreichen Regierens erklärt hatte.
Abstecher auf die andere Seite sind offenbar nicht mehr jene Sackgassen, vor denen die Platzhirsche der Redaktionen so lange gewarnt haben. Sie kommen eher als begründbare Ausflüge daher: Der Reiz des Neuen, Abstand vom Alten, ein schöner Exkurs, besser bezahlt zudem und kaum schlechter beleumundet. Trotzdem gelten sie weiterhin als „Frontwechsel“, eine Form des Verrats also, moralisch bedenklich. Zweifel, die ein Alphatier wie Michael J. Inacker weder an sich noch seine Laufbahn heran lässt. Innerhalb der ethischen Grundlagen unseres Gemeinwesens, hebt er an, diene die Ökonomie nun mal dem Ganzen. „Deshalb kann ich kein moralisches Defizit darin erkennen, meine Arbeitskraft einem Industrieunternehmen zur Verfügung zu stellen.“ Ein gewissenhafter Reporter sei dort als Netzwerker, Agendasurfer, Einzelkämpfer schließlich aus drei Gründen gut aufgehoben: „Erstens kann er ums Eck zu denken, zweitens Stimmungen erkennen, drittens mit der Kraft des Arguments leiten.“ Kompetenzen die in verschachtelten, strategisch denkenden, zumal großen Firmen hilfreich seien.
Aber was bitte schult, umgekehrt, Journalisten dort für die Rückkehr? Michael J. Inacker lehnt sich weit zurück in seinem Übergangsbüro beim Handelsblatt. Und ein bisschen lächelt er dabei wie neben ihm Hans Albers: Selbstgewiss, jovial. „Nur Lumpen sind bescheiden“, steht auf dem schwarzweißen Poster mit Ufa-Star, und für den lebenden Maßanzugträger darunter dürfte es mehr sein als bloß ein Filmzitat. „Sie kriegen Feinschliff bei der Menschenführung“, behauptet er von sich und anderen, „sie lernen, irgendwann auch mal zu entscheiden, sie lernen an der Quelle, wie die Wirtschaft tickt.“ Das prägt. Dauerhaft.
Auch danach steckte die Visitenkarte des Handelskonzerns sichtbar auf seinem Schreibtisch, mittig zwischen Familienfotos, Porscheschlüssel und FAZ. Darin nun keine Symbolik zu verorten, fällt schwer. Denn die Nähe aus alter und neuer Verantwortlichkeit ist Gegenstand einer berufsethischen Debatte, die noch eher leidenschaftslos geführt wird. Dass Journalisten medienferne PR-Abteilungen jeden Typs bevölkern wie Skifahrer den Lift rauf zur Piste, ist schließlich gängige Praxis; dass sie diesen Lift indes ab und an auch abwärts nehmen – darüber begann die Branche erstmals lauter zu debattieren, als sich vor zwei Jahren zwei besonders bekannte Wedler an der Bergstation begegneten.
Im Frühling 2010 wurde der Leiter des Bundespresseamtes Ulrich Wilhelm Intendant des Bayerischen Rundfunks, während zugleich der Nachrichtenmoderator Steffen Seibert seinen Posten beim ZDF mit dem des Sprechers von Angela Merkel tauschte. Ein früherer Fernsehjournalist kehrt nach fast 20 Jahren politischer Exekutive zurück in seinen medialen Lehrbetrieb, ein aktueller Fernsehjournalist folgt ihm ins Marketing der christlich-liberalen Regierungskoalition – ein bizarres Stühlerücken im Schaufenster der Medienrepublik. Mit einer bemerkenswerte Komponente.
Denn Seiberts Wechsel, Motive und Eignung für die Aufgabe im Kanzleramt wurden weit hitziger diskutiert als Wechsel, Motive und Eignung seines Vorgängers für die Aufgabe beim BR. Ob der langjährige Stoiber-Intimus mit CSU-Parteibuch die Distanz zur alten Garde wahren würde, wurde zwar thematisiert; der Spiegel empfand Wilhelms „Karrieresprung“ als „durchaus anstößig“. Doch als der Stern den „Drehtüreffekt“ als „skandalös“ beschrieb, ging es um Seiberts Wechsel vom „Mainzelmann zum Merkelmann“ (Süddeutsche). Dessen Loyalität gegenüber der Kanzlerin wurde hörbarer bezweifelt als die des alten Kanzler-Sprechers zum BR. Es ging um Kompetenz, weniger ums Ethos.
Als allerdings publik wurde, dass das ZDF dem Frauenschwarm Seibert bei Nichtgefallen der Politik ein Rückkehrrecht zubilligte, kam die Frage der Moral doch auf. Man müsse sich schon entscheiden, so der Vorwurf. Ganz oder gar nicht. Wer einmal auf der anderen Seite steht, so die These, verliert jede kritische Distanz, mithin die ethische Grundlage vorurteilsfreier Recherche. „Sicher, der Weg zurück ist seltener“, hält mit Ferdinand Knauß ein Journalist gegen, dem beide Seiten bekannt sind, und verweist auf all die Exkollegen hinterm Sprecherpult der Bundespressekonferenz, die sich genau zu überlegen hätten, welche Inhalte und Personen sie fortan vertreten. „Aber man verkauft beim Wechsel in Wirtschaft und Politik doch nicht seine Seele!“
Schon gar nicht Knauß selbst, den die Auflösung seines Wissensressorts beim Handelsblatt Anfang 2010 ins Bundesministerium für Bildung und Forschung spülte. Nach 16 Monaten BMBF-PR zieht es den 38-Jährigen indes dorthin, wo sein Herz schlägt, wie er es nennt, wo es stets schlug: Journalismus. Als Kommentator von Wirtschaftswoche-Online, auf Bitte seines neuen Vorgesetzten Roland Tichy, der seinerseits in 30 Jahren Berufserfahrung fleißig zwischen Kanzleramt, Zeitungen, Marketing und Medienpolitik changierte. Für Ferdinand Knauß sind das unverdächtige Karriereetappen, sinnvolle gar. „Ich habe im Ministerium viele Einsichten und Erkenntnisse gewonnen“. Dann klingt er fast feierlich: „Übrigens auch in Bezug auf den Journalismus.“ Eher Draufsicht als Einsicht, involviert, aber distanziert. Horizonterweiterung. Und was passiert, falls er nun übers alte Ministerium berichten soll? „Sie werden in der nächsten Zeit nichts von mir übers BMBF oder Annette Schavan lesen!“ Das verstehe sich von selbst.
„Ich habe eine Meinung zu dem, was in meinen alten Unternehmen passiert“, räumte auch Michael J. Inacker ein, als er noch fürs Handelsblatt schrieb. Da er aber ohnehin für Politik zuständig ist, „setze ich mein Wissen nicht für eine Berichterstattung darüber ein“. Inacker klingt dabei sehr gelassen. Wer ansonsten den Weg zurück antritt, verbittet sich jeden Generalverdacht der Voreingenommenheit bisweilen aufs Schärfste. Geradezu respektlos findet es zum Beispiel Marc-Oliver Hänig, „solche Wechsel stets moralisch in Frage zu stellen.“ Fast die Hälfte seiner 40 Jahre habe er für die WAZ gearbeitet, erst frei, dann als Volontär, zuletzt fest angestellt, ein Feuilletonist durch und durch. Dass er nach zweijähriger Etappe als Sprecher von „RUHR.2010“ wieder im alten Job ist, nur bei der Bild in Essen, „so etwas kann und muss jeder mit sich selbst ausmachen“. Zumindest, sofern er im Nachhinein „gewissenhaft genug ist, andere über seinen alten Arbeitgeber berichten zu lassen“. Außerdem habe er mit der europäischen Kulturhauptstadt eine gute Sache vertreten. „Keine Tütensuppen, geschweige denn Waffen.“
Selbst die würde Michael J. Inacker gegebenenfalls vertreten, in einer sozialen Marktwirtschaft, deren freiheitlich demokratische Grundordnung nun mal wehrhaft sei. Das sei eine Frage der persönlichen, nicht der Standesmoral. Informationen suchen oder dosieren, Fragen stellen oder beantworten? Der Gedanke, die Gräben zwischen Marketing und Medien seien zu breit, um sie kreuzweise zu überqueren, erscheint seltsam überholt. Das Verkaufen journalistischer Inhalte hat sein despektierliches Potenzial verloren, seit Finanzinvestoren vom TV-Sender bis zum Lokalblatt alles übernehmen, was Rendite verspricht. Wo Gewinn kein Randaspekt verlegerischen Handelns mehr ist, sondern Wesensinhalt, wirkt Ziffer 6 des Pressekodexes, „Journalisten und Verleger üben keine Tätigkeiten aus, die die Glaubwürdigkeit der Presse in Frage stellen könnten“, folglich so alt, wie er ist, aus einer Zeit also, da das Internet noch rein militärisch genutzt wurde.
Spätestens, als sogar die politisch korrekte FR 2007 aufs Tabletformat mit Tratschteil umstellte, hat das Boulevardprinzip als Selling-Proposition auch die letzte Bastion nüchterner Berichterstattung erfasst. Und wenn es auch in der Presse zusehends um Absätze geht – warum bitte nicht mit guten Verkäufern? Pressesprecher und Redakteure, weiß Michael J. Inacker, „kennen ihre Riten und Gebräuche, Bedürfnisse und Vorlieben“, die Zwänge, den Konkurrenzdruck. Das helfe beiden Seiten. Es mag in einer ökonomisch verflochtenen Welt zwar bedenklich sein, dass Wirtschaftsjournalisten am muntersten hin und her pendeln. Ebenso bedenklich ist es, in ernsten Ressorts zum Makel zu machen, was bei Sportlern im Reporterrang zum Einstellungskriterium wird: Insiderwissen, praktische Kompetenz.
Eins aber unterscheidet etwa den moderierenden Exeistänzer Rudi Cerne grundlegend von schreibenden Exsprechern wie Michael J. Inacker: Die aktuelle Station ist rein biologisch wohl die letzte. Auch für Journalisten gebe es zwar einen point of no return, meint der neue, alte Wissenschaftsredakteur Knauß: „Wenn sie die Institutionen durchlaufen.“ Unternehmerisch Richtung Verwaltung, politisch Tendenz Verbeamtung. Grundsätzlich aber bestehe jene Exit-Option fort, die sich ein Steffen Seibert sogar schriftlich geben ließ.
Die Merkelkollaboration scheint also auch für den Nachrichtenmann das zu sein, was viele Kollegin darin sehen: Episode. Nach all den Jahren Feuilleton etwa wollte Marc-Oliver Hänig „einfach mal raus“. Doch auch als RUHR.2010-Sprecher habe er „nie aufgehört, Journalist zu sein“. Sein Intermezzo am freien Markt sieht Hänig somit als Frischluftzufuhr. Wie so viele. Cornelia Eyssen schwärmt noch heute von ihrer Flexibilität beim Modehaus Bogner, dem Glück, „eine Ausstellung zu organisieren“, statt vom Büro aus die Berichte anderer darüber zu koordinieren. Auch Zeit-Herausgeber Michael Naumann war es leid, „ein Dekorationsstück“ zu sein. „Wie Waldorf & Stadler.“ Als ihm Hamburgs SPD anbot, sich als Bürgermeisterkandidat „im politischen Prozess für ein Land zu engagieren, dem ich große patriotische Zuneigung entgegenbringe“, griff der einstige Kulturstaatssekretär zu – und nutzte die Niederlage zum Neubeginn: Als Chefredakteur des Cicero schrieb Naumann künftig wieder mehr als Leitartikel und war seinem Beritt weit näher als vor der politischen Eskapade.
Oft sind es indes arbeitsfernere Gründe, die Journalisten zurück auf Los führen. Nicht das Geld; wer heimkehrt in den Schoß der Medien, nimmt meist Gehaltseinbußen in Kauf. Da sich einer wie Michael J. Inacker „in beiden Welten gleich wohl“ fühlt, steckte somit etwas anderes hinter seiner letzten Volte, eine Art familiärer Pragmatismus. „Bei der Metro bin ich täglich stundenlang von Düsseldorf zu meinen Kindern gependelt.“ Die Fahrt von seinem Berliner Handelsblatt-Büro, das nun vom früheren Spiegel-Mann Thomas Thuma geleitet wird, dauerte nur Minuten.
Peter Behrens: Trio-Drummer und Autobiograf
Posted: November 6, 2013 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a comment
Ich bin Rentner
Foto: Moritz Thau
Peter Behrens hat seine Biografie geschrieben. Was für Kenner eine Topmeldung ist, muss man Außenstehenden kurz erklären: Behrens, das ist der Drummer von TRIO, die Ursprungsband der Neuen Deutschen Well. Und er hat eine Menge zu erzählen
Von Jan Freitag
Es gibt Produkte, die sind so untrennbar mit der äußeren Erscheinungsform verbunden, dass jede Änderung irritiert. Als VW seinen Käfer auf Beegle trimmte, verstörte das die Kundschaft noch mehr als Meg Ryans Schlauchbootlippen oder Crystal-Coke. Kein Wunder, dass dieser Greis von 66 Jahren mit Trilby überm aschgrauen Haar für stilles Entsetzen sorgt, wie er da im Eck eines Hamburger Bahnhofscafés sitzt. Stattliche Teile der Menschheit haben schließlich ein anderes Bild von Peter Behrens im Kopf, mit roten Hosenträgern, weißem Shirt und dunkler Moritztolle. Doch das, zeigt sich 30 Jahre später, ist längst Geschichte. Hier sitzt die Gegenwart vom Trommler der NDW-Band TRIO und sie hat viel hinter sich, seit Da Da Da
Eine Frage, die bei Ihrem Leben keine Höflichkeitsfloskel ist: Wie geht’s?
Peter Behrens: Jetzt wieder wunderbar.
Wieder, weil es mal anders war.
Ganz anders. Ich war unten und zwar eine Weile. Kokain, Alkohol, Schulden, Arbeitslosigkeit – das volle Programm. Aber als mich Klaus Marshall anrief.
Ein völlig unbekannter Lehrer aus Soest.
… und meinte, du hast eine großartige Vergangenheit, magst du mir die nicht erzählen – da merkten wir, Mensch, da kann man doch ein Buch draus machen.
Die Autobiografie stand gar nicht am Anfang?
Nein, eher am Ende. Vor einem Jahr ging’s dann los mit der Recherche und ich musste mir erstmal bei Google Gedächtnisstützen suchen; was war in dem und dem Jahr – klick, klick, klick. So was merkt man sich ja nicht mal ohne Alkohol.
Und wer hat das dann aufgeschrieben?
Ich hab zwar Sport und Germanistik auf Lehramt studiert, aber langes Schreiben liegt mir nicht und meine Tippfähigkeiten sind eine Katastrophe. Klaus schreibt, ich denke.
Klaus Marschall, Lehrer aus dem Westfälischen. Weit weg also von Behrens’ Heimat Wilhelmshaven und doch ein Katzensprung verglichen mit der Achterbahnfahrt, die der Drummer dem Ghostwriter diktiert hat. Geboren als Sohn eines amerikanischen GI, landete Peter im friesischen Waisenhaus. Danach wurde er von zwei Bundesbahnern adoptiert, die ihn streng auf eine Beamtenlaufbahn hin erzogen. Schon der junge Behrens entzog sich dieser Option jedoch durch die Musik. Sie führte ihn über Schul-, Schlager- und Krautrockbands 1980 per Zeitungsannonce zu Stephan Remmler und Kralle Krawinkel aus Großenkneten. Ob die Geburt von TRIO im Rückblick Glück war oder Pech? Behrens zuckt die Achseln. Dass Dreiviertel der 270 Buchseiten vor allem davon handeln, spricht für beides.
Sie sind mit TRIO hoch gestiegen und tief gefallen. War das Buch da eine Art Therapie?
Ja. Ich hatte ständig mit dem Schicksal gehadert, denn nach dem Ende bin ich in ein langes tiefes Tal geraten, von dessen Mitte aus betrachtet die Berge immer unerreichbarer wurden.
Und dieser Berg hieß TRIO.
Das war der Mount Everest meines Lebens. Ist er bis heute. Deshalb haben wir von TRIO uns alle, egal wie schlecht es mir selbst ging, auch immer gegen all die Angebote entschieden, die Gruppe wiederzubeleben. Wir haben Geschichte geschrieben, von den Texten übers Entertainment bis hin zum Minimalismus, und ein Denkmal sollte man nicht anpinkeln.
Zumindest sollte man es nicht durch Mehrzweckhallen der Provinz schleifen.
Stimmt. Wir wollten ja noch Underground sein, als es in die Charts ging und waren ebenso vom eigenen Erfolg überrascht wie die Zuschauer der Hitparade, die plötzlich Spaß an uns gefunden hatten. Das konnte keiner der Beteiligten so richtig fassen.
Hat Sie der Erfolg abgeschreckt?
Eher verunsichert. Anfangs fand ich die Streicheleinheiten noch ganz schön, durch Wilhelmshaven zu gehen und hinter mir zu hören, ey, das ist doch Peter Behrens. Mit der Zeit wurde das aber zu viel. Und mit Turaluraluralu, unserem letzten Hit, war die Grenze auch musikalisch überschritten. Kralle und ich dachten, so einen Kack spielen wir nicht. Das war eher so Remmlers Ding.
Remmler. Im Buch sagt Behrens selten Stephan zum Sänger. Man sei im Guten auseinander gegangen, doch während er mit Gitarrist Kralle so gut befreundet blieb wie mit NDW-Größen von Spliff bis Ideal, brach der Kontakt zum Schlagerstar in spe ab. Leider, sagt Behrens heute und stochert im Kartoffelsalat mit Knackwurst. Sein Blick gerät fast so leer, wie es der ausgebildete Clown vor TRIO auf der Mailänder Artistenschule gelernt hat. Diese Teilnahmslosigkeit wurde sein Markenzeichen.
War Ihre Rolle, war TRIO als Ganzes ein Kunstprodukt?
Nein. Jeder hatte zwar seine Rolle: Kralle das Landei, Stefan der Dandy, ich der Clown; aber da war nichts aufgesetzt, unser Zirkus war echt. Auf der Artistenschule hatte ich gelernt, dass das Stoische genau mein Ding ist; darauf gründet der Minimalismus von TRIO, doch das Ruhige, Zurückhaltende entspricht auch meinem Naturell. Ich musste mich nicht groß verstellen. Sowohl die Show als auch die Musik kamen aus mir selbst.
Machen Sie noch welche?
Nicht wirklich. Manchmal werd ich gefragt, ob ich als Schlagzeuger live einspringen kann, man verlernt das ja nicht.
Fehlt Ihnen was?
Nein.
Ehrlich?
Ja.
Warum?
Ach, Wilhelmshaven ist ja nun keine Musikhochburg, wo sich Musik ständig aufdrängt.
Peter Behrens ist jetzt spürbar geschafft, seine Stimme wird dünner, der Blick trüb. Die Jahre ganz unten haben ihn mehr Kraft gekostet als jene oben zwischen Wetten, dass…? und Japantournee. Sein Buch mag fröhlich von der alten Zeit erzählen, in Anekdoten von einer Wahrsagerin schwelgen, die ihm eine Schriftstellerkarriere prophezeite, oder dem „fünften Beatle“ Klaus Voormann, der ihr mit der Entdeckung von TRIO zuvorkam. Von durchgebrachten Millionen, durchzechten Nächten mit Falco, vom „Schnee, auf dem wir talwärts fahren“ – wie der kleine Mann mit dem zerlebten Gesicht indes die Zigarette zum Abschalten bereit hält, da wird deutlich: Er sehnt sich mehr nach Ruhe als dem Ruhm von einst.
Ist es eigentlich Bodenständigkeit, dass Sie nahe Ihrer Geburtsstadt leben?
Nein, das hat sich so ergeben. Und wenn das mit dem Buch klappt, würde ich auch gern wieder eine Weile in Hamburg leben. Oder noch besser: In Wien. Da haben wir einen Fanclub, der mich ein, zweimal im Jahr einladen. Außerdem ist die Stadt großartig.
Und was machen Sie dann da?
Nix.
Wie nix?
Na nix. Bisschen was mit Freunden machen macht mich schon zufrieden. Ich bin Rentner. Und ich vermisse auch nichts von früher. Schon gar nicht den Stress.


