Christian Brückner, Darsteller & de Niros Voice

Der Schausprecher

Auf der Straße wird Christian Brückner eher selten erkannt – es sei denn, er beginnt zu sprechen. Dann hat man sofort Robert De Niro, Martin Sheen, Harvey Keitel oder all die Dokumentationen von Guido Knopp vor Augen: Brückner ist Deutschlands bekanntester Synchron- und Off-Sprecher. 1943 im schlesischen Waldenburg geboren und aufgewachsen in Köln, wollte er zunächst Schauspieler werden, lieh aber nach anfänglichen Bühnen- und Filmrollen schon Ende der 60er Jahre Warren Beatty seine Stimme und schaffte mit Taxi Driver 1976 den Durchbruch. Bis auf dessen Titelfigur Robert de Niro synchronisiert der zweifache Vater mittlerweile jedoch selten, sondern konzentriert sich auf seinen eigenen Hörbuch-Verlag und tritt gelegentlich im Fernsehen auf, zuletzt zu seinem 70. Geburtstag im  ARD-Melodram Liebe am Fjord als reifer Mann zwischen zwei Freundinnen

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Brückner, Sie haben ja ein richtiges Gesicht.

Christian Brückner: Schon immer an derselben Stelle.

Und ein ziemlich attraktives dazu.

Oh, danke.

Ist es für Sie trotz einiger Erfahrungen vor der Kamera noch ungewohnt, es zu zeigen?

Es ist zumindest ein völlig anderes Arbeiten. Und das, obwohl ein großer Teil meiner Tätigkeit durchaus öffentlich stattfindet. Ich bin ja oft im Zusammenhang mit Literatur und Musik auf Podien oder Bühnen präsent.

Werden Sie dennoch häufiger an Ihrer Stimme erkannt als am Gesicht?

In der Tat, obwohl ich mittlerweile erstaunlich oft auch optisch erkannt werde.

Dann erklären Sie doch bitte, warum Sie trotz ihrer Optik, dieser Stimme, schauspielerischer Ausbildung und wachsender Bekanntheit so selten am Bildschirm zu sehen sind?

Diese Frage hab ich mir nie gestellt. Weil es von meiner Art Karriere, ohne von einer Sackgasse zu sprechen, nicht ohne weiteres zurückgeht; das war zwar nicht von vorneherein eine Richtungsentscheidung, aber irgendwann war sie okay. Was jetzt allerdings die meiste meiner Zeit konsumiert, ist der Verlag, den ich mit meiner Frau betreibe.

Hörspiele.

Nee, nee, nee – Hörbücher, das ist ein gehöriger Unterschied, eins zu eins vorgetragene Literatur. Hörspiele bilden eine Minderheit.

Lesen Sie das meiste selbst?

Nicht das meiste, aber einiges. Aber schon Verwaltung und Vertrieb erfordern im Zweipersonenbetrieb eine Energie, die ich mir nicht hätte vorstellen können. Ein ungeheurer Zeitfresser.

Der Sie an anderen Aufgaben wie Synchronisation und Schauspiel hindert?

Hindern klingt so negativ. Ich habe weder Agenten noch Manager, bin also voll von den Angeboten abhängig. Und das hier

Für das ARD-Melodram Zwei Sommer.

… habe ich halt mal angenommen. Mit großem Vergnügen und Interesse.

Warum noch mal genau?

Vor allem wegen der Überredungskunst des Regisseurs Matthias Tiefenbacher. Und ganz ehrlich: es war äußerst verlockend, unter diesem wunderbaren Schauspieleranleiter eine so große Rolle mit so großen Kollegen wie Hannelore Elsner zu so einer Sendezeit zu kriegen.

Und was wollte der Regisseur von Ihnen – vor allem diese liebesfilmtaugliche Stimme?

Nein, er hatte einen alten Film von mir gesehen, in dem er mich überzeugend fand. Da fühlt man sich als Quereinsteiger schon sehr geschätzt.

Auch geschmeichelt?

Und wie! Aber meine Stimme wird ihm schon auch gefallen haben.

Unterscheiden sich die beiden Techniken des Spielens und Sprechens grundlegend?

Gar nicht so sehr. Schauspielen ist für mich, mit der Stimme Präsenz zeigen – ob rein akustisch über die sprachliche Interpretation eines gelesenen Buches oder dessen Visualisierung vor der Kamera. Mir ist es relativ egal, ob mir die Leute zuhören oder zusehen; nennen Sie mich Schausprecher. Aber Film ist natürlich der größere Entwurf im Vergleich zum Lesen, mit viel mehr Drumherum, mit Mimik, Gestik.

Die bei Ihnen im Vergleich zur Stimme – Hand aufs Herz – oft unsicher wirken.

Das ist ja auch kein Wunder, wenn man neben einem Profi wie Hannelore Elsner agiert. Mir fehlt da einfach die Praxis vor der Kamera. Andererseits agiere ich auch beim Sprechen sehr physisch, bewege mich im Raum, spiele wirklich, statt nur zu lesen.

Ist das üblich?

Eher die Ausnahme.

Auch ein Defizit?

Ich glaube, ja. Und werfe manchen meiner Kollegen durchaus vor, dass sie insbesondere die Sache des Synchronisierens nicht ernst genug nehmen. Das hat was mit dem Selbstverständnis zu tun. Die Synchronisation ist in einem Land wie unserem, wo fast alles übersetzt wird, ähnlich wesentlich wie die Originalstimme; trotzdem sehen sich viele verglichen mit denen, die sie synchronisieren, als nachgeordnet an. Aber vielleicht tun sie das ja, weil wir in Zeiten der Digitalisierung zusehends alleine im Studio sitzen.

Früher wurde gemeinsam synchronisiert?

Und miteinander. Im Ensemble kriegt man auch beim Synchronisieren das Gefühl, wichtiger Bestandteil des Films zu sein. Aber mal ehrlich: ich kann gar nicht mehr viel über die Branche urteilen; so exzessiv ich das früher gemacht habe, so selten tue ich es heute. Höchstens mal einen de Niro. Vielleicht habe ich ja deshalb – Sie werden lachen – beim Betreten des Studios leichtes Lampenfieber.

Hat das mit der Bedeutung des Originals zu tun, einem der größten Hollywoodstars aller Zeiten?

Nein, denn wenn ich Filme vorab im Original sehe, frage ich mich eigentlich immer, wie das denn bitteschön zu übersetzen sein soll – egal, ob de Niro oder sonst wer.

Haben Sie ihn mal getroffen?

Ich hab ihn sogar mal interviewt, für Premiere. War sehr witzig.

Und wer hat die schönere Stimme?

(lacht) Also ich vermute mal, dass meine Stimme nicht wegen ihrer Schönheit, sondern der Ähnlichkeit zu seiner gewählt wurde; schließlich hat Martin Scorcese seinerzeit bei „Taxi Driver“ ein richtiges Synchroncasting gemacht, das ich am Ende gewonnen habe.

Ist es üblich, dass amerikanische Regisseure die ausländischen Stimmen auswählen?

Überhaupt nicht, aber Scorcese legt stets eine ungewöhnliche Sorgfalt an den Tag. Auch deshalb sind seine Filme so gut.

Gibt es übersetzte Filme, die besser sind als das Original?

Gewiss sogar. Aber da ich nie fernsehe, also kaum Vergleichsmöglichkeiten habe, fällt mir grad keiner ein. Warum wollen Sie bloß so viel über Dinge reden, die ich gar nicht mehr mache?

Weil Sie fürs Publikum nun mal de Niros Stimme sind, kein Schauspieler.

Aber Vorleser.

Und gut gebuchter Dokumentarsprecher. Droht Ihnen seit dem Rückzug Guido Knopps vom ZDF die Altersarmut?

Da machen Sie sich mal keine Sorgen. Zumal ich auch weiter im Off tätig bin, gerade vorige Woche für zwei Naturfilme des NDR über den Kongo. So etwas ist neben Hörbüchern meine liebste Aufgabe.

Obwohl Ihre Filmfrau in Zwei Sommer mal zu Ihrer Filmgeliebten Hannelore Elsner sagt, Ihre Figur rede dauernd wie im Hollywoodfilm.

Ach, das war so eine kleine Sottise. Die konnte sich das Drehbuch nicht verkneifen. Und es passt ja auch gut zur Rolle.

Waren Sie mit der eigentlich zufrieden?

Das weiß ich gar nicht. Weil ich nämlich neben der Kunst immer auch das Künstliche sehe, mag ich meine Filme hinterher ebenso wenig schauen, wie ich meine Lesungen hören kann.

Aber braucht nicht gerade die Literatur-Lesung ein bisschen Pathos?

Absolut, dennoch würde es mich stören. Zehn Jahre später geht das, aber dieser Film ist viel zu frisch. Obwohl: Ein Stück davon hab ich gesehen und sage mal: ist okay.

Hatten Sie denn anfangs keine Angst, als auf dem Drehbuch Liebe am Fjord stand?

Ich kannte das gar nicht. Aber als mich der Regisseur instruiert hat, konnte ich damit angstfrei umgehen.

Wovor haben Sie sonst Angst – schwere Rachitis?

(lacht) Nein, selbst, wenn sie meine Sprecherkarriere beenden würde; das wäre dann eben so. Angst habe ich höchstens vor Stillstand. Sich nicht zu bewegen heißt Rückschritt.


Täterermittlertäter

fragezeichen_1_Ständig mit Kriminellen zu tun zu haben, scheint auch auf die Ermittler abzufärben. Warum sonst wohl landet jeder davon mindestens einmal wegen Mordverdachts im Knast?

Jetzt also auch Boerne. In gefühlt 2764. Tatorten hat der Gerichtsmediziner bereits Kapitalverbrecher im Raum Münster stellen geholfen. Immer stand er unzweifelhaft auf der Seite des Guten, als schnöseliger Kontrast zum aufrechten Kommissar Thiel zwar mit Sympathiedefizit versehen, aber stets gesetzestreu. Am Sonntag aber hat es auch ihn erwischt: Mordverdacht. Folgenlos, versteht sich, zumindest juristisch, und doch reiht sich Jan-Josef Liefers somit in die unendliche Reihe jener Serienschauspieler, deren Serienermittler selbst zu vermeintlichen Tätern werden. Komisch.

Denn tatsächlich sind inhaftierte Polizisten und ähnliche Rechtshelfer in etwa so verbreitet wie bekennende Schwule im Profifußball. Von den Abertausend Anzeigen gegen Beamte im Einsatz kommt es ja nur bei einer Handvoll pro Jahr zur Eröffnung eines Verfahrens, von Untersuchungshaft ganz zu schweigen. Das legt den Verdacht nahe, der deutsche Krimi gaukle dem Publikum eine staatstragende Scheinwirklichkeit unvoreingenommener Strafverfolgung auch der eigenen Leute vor. Dabei ist es sogar noch schlimmer: Weil letztlich jeder TV-Bulle im Happyend entlastet wird, zeigt sich die Judikative als fähig zur Fehlerkorrektur, ohne die weiße Weste der Exekutive zu beflecken. So funktioniert mediale Systemstärkung; auch wenn wir dem Elitenzögling Boerne die Freiheit natürlich von Herzen gönnen.

 


Empörungszentrifuge & Blutwurstbauern

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

14. – 20. Oktober

Tiere und Kinder, so lautet ein Lehrsatz der Publikumsakquise, gehen eigentlich immer. Mittlerweile aber muss man ihn wohl etwas erweitern: Kinder in Not und Untiere gehen nämlich noch viel, viel besser. Was erklärt, warum das ZDF vorige Woche die Eltern der kleinen (so sagt man zur televisionären Empathiesteigerung) Maddie (so heißt ein ewig vermisstes Mädchen) zu Aktenzeichen XY (so heißt die zugehörige Empörungszentrifuge) einlud. Ergebnis waren – nein, natürlich keinerlei zielführende Hinweise – aber satte 7,26 Millionen Zuschauer einer Sendung, deren einziger Daseinszweck seit jeher die Verbreitung von Furcht zu Quotenzwecken ist.

Bei Johannes B. Kerner ist es dagegen eher Belanglosigkeit.

Er war mal ein ganz guter Sportreporter, wurde zum etwas besseren Talkhost, er funktionierte jedoch am besten als Showmaster. In dieser Funktion kehrte er Donnerstag nach vier verlorenen Jahren bei einem Kanal, dessen Name uns grad entfallen ist, ins Zweite zurück und zeigte in einer Abendsause, deren Titel wir ebenfalls kurzfristig vergessen haben, warum JBK in einem Alter, wo all die Rosenthals und Kulenkampffs vor ihm erst richtig begonnen hatten, wie bedeutungslos man mit 48 sein kann. Denn banaler, billiger, berechenbarer als das, was er abermals im ZDF wegmoderiert, kann Fernsehen kaum sein.

Wobei – das Fachblatt für spießbürgerliche Brut-und-Boden-Pflege namens LandLust beweist ja Monat für Monat, wie man exakt damit Rekordergebnis an Rekordergebnis reiht. Dass das vorige Quartal mit gut einer Million verkaufter Exemplare erfolgreicher war als jedes erfolgreichste Quartal zuvor, wäre indes nicht halb so grotesk, wenn ein famoses Blatt wie das Interview-Magazin Galore nicht parallel die Neuerscheinung als App bekannt gegeben hätte, was zwar nach langer Zwangspause eine schöne Nachricht ist, aber auch belegt, dass für echten Journalismus selbst auf Hochglanz im Backrezeptfegefeuer sinnloser Stadtfluchtheftchen kein Platz bleibt.

Und dann sucht auch noch Ingo Zamperoni, einzige Lockerungsübung der Tagesthemen-Versteifung seit Thomas Roths Amtsantritt, als WDR-Korrespondent das Weite in Washington. Keine allzu schöne Nachricht für die Nachrichten eines Mediums, das mit Wolfgang Joops Wechsel in die Jury von Heidi Klums Magersüchtigencasting 2014 zur Breaking-News wurde. Noch vor den Trägern des Comedy-Preises an Samstag, die aber eigentlich auch nur RTL selbst interessieren…

TV-neuDie Frischwoche

21. – 27. Oktober

… wo man ab heute übrigens wieder für monogame Milchkuhzüchter aus Malzow oder magenkranke Melkschemelschnitzer mit Mutterkomplex die passende Bäuerin sucht. Das ist in seiner Debilität weiterhin nicht zu überbieten, suggeriert aber wenigstens keine einzige Sendesekunde lang, etwas anderes als Unterhaltung für Unterhaltungsresistente zu machen. Davon könnte sich das ZDF also parallel ein Scheibchen vom brunftigen Blutwurstbauern aus Bergisch-Gladbach abschneiden, wenn Veronica Ferres als Lena Fauch erneut glaubt, weil sie in einer Rolle mal keine Kinder aus den Fängen von Entführern/Scheidungsvätern/Bombenkesseln holt, hätte sie ihr Portfolio erweitert.

Ein Grund mehr also auf Arte umzuschalten, wo Nicolas Roegs Psychodrama Wenn die Gondeln Trauer tragen trotz des Alters von 40 Jahren in jeder einzelnen Sendesekunde moderner wirkt als sämtliche 2568 Minuten mit der Ferres auf allen Kanälen zusammen. Ähnliches gilt natürlich auch fürs Staffelfinale von Weissensee, Dienstag im Ersten, das 2014 nach der Wende weitergeht, ab nächster Woche aber erstmal durch Familie Dr. Kleist ersetzt wird. Verglichen damit gerät die 23. (dreiundzwanzigste! (XXIII!!!)) Staffel von Cobra 11 ab Donnerstag glatt zu gehaltvollem Fernsehen. Oder SOKO Leipzig, das tags drauf zwar erst in die 13. Runde geht, dafür aber mit dem ostdeutschen Grüßaugust Achim Menzel als Polizeitechniker verdeutlicht, wie wenig Güte für gute Gagen genügen. Oder jene Sülze, die uns das Erste unterm tiefgründigen Titel Liebe am Fjord am Abend als Melodram vorsetzt, wo Hannelore Elser und Robert de Niros, nein – bloß seine Stimme (Christian Brückner) eine vertrackte Dreiecksbeziehung so staksig verkörpern. Oder. Oder. Oder.

Da zappt man doch erleichtert zurück zu Arte, wo Senta Berger zeitgleich als Eva Prohacek beweist: Alter schützt doch nicht vor Niveau. Der Kulturkanal glänzt aber diese Woche nicht nur mit Krimifiktion à la Unter Verdacht, sondern wie gewohnt durch Sachfilme. Die grandiose Dokumentation Akte Zarah Leander etwa, wo der NS-Star Mittwoch um 22.20 Uhr im Stile japanischer Anime seziert wird. Zeit-Geschichte als Comic, wie sie ZDFkultur schon zwei Stunden früher und den ganzen Abend zelebriert – so was dürften sich auch die Muttersender gern mal trauen. Die aber trauen sich höchstens solide Tatorte wie den aus Bayern am Sonntag zu. Immerhin. Bleibt der Tipp der Woche, diesmal Dienstag um 20.15 Uhr, wo – man muss auch mal jönne könne – RTL Nitro mit Blair Witch Project den vielleicht einzigen Film zeigt, dessen deutsche Übersetzung besser ist als das Original.


Debattenfriday: political correct indie

Pose oder Statement

Vor gut einem Jahr gab es zwischen SZ und Zeit eine kleine Debatte darüber, wie politisch Indipendent sein darf, kann, muss. Braucht politischer Indierock die große Theorie, um zu wirken? Die Süddeutsche meinte damals ja und warf den neuen Alben von Kreisky, 206 und Ja, Panik stumpfe Anti-Haltung vor. Die Zeit sah das etwas anders, der Standpunkt freitagsmedien heute nochmals dokumentiert (der SZ-Text ist leider nicht mehr online).

Von Jan Freitag

Im Indierock Reputation zu erlangen, ist kompliziert. Rage Against The Machine mögen auch abseits der Musik gegen Staat und Kapital wüten – beim Soli-Konzert im autonomen Zentrum hat sich die Band für ihre männliche Attitüde zu rechtfertigen. Green Days Körper sind von Skate-Unfällen und Nazi-Prügel gezeichnet – das Publikum mosert über MTV-Präsenz. Und Dylan? Ewig unantastbar, legt er Chinas Regime seine Playlist zum Abnicken vor. Pfui, Bob!

Drei Künstler, drei Beispiele, die zeigen: wer das vorträgt, was man grob Protestsongs nennt, hat es beim Fan nicht zwingend leichter als beim Gegner. Auch in der Musik gilt zwar: Je höher der Druck von außen, desto größer der Zusammenhalt im Innern. Doch 20 Jahre nach Francis Fukuyamas These vom Ende aller Ideologie frisst die Revolution nicht nur ihre Kinder, es kommt zum Kannibalismus. Manu Chao, so heißt es selbst auf Seiten potenzieller Mitkämpfer? Folklore! Diskurspop? Elitenbespaßung! Punk? Waren nicht die Sex Pistols gecastet?

Und dann kommen drei deutschsprachige Alternative-Bands daher und tun, als seien sie gegen Konsum, Kapitalismus, militärisch-industrielle Komplexe, all so was. „Zackiger Zorn“ titelte die „Süddeutsche“ anlässlich ihrer Platten und wurde darunter noch unfreundlicher zu Ja, Panik, Kreisky, 206. Die neue Generation dissidenter Gitarrenbands sei so harm- wie haltlos. „Wie kann man mit so plumper pubertärer Wut so leicht durchkommen“, fragt Jens-Christian Rabe. Und man möchte zurückfragen, wie alt der Autor wohl ist – so alt, dass er der haschduseligen Woodstocknostalgie anhängt? Oder so jung, dass ihm jede Positionierung im postmodernen Positionseinerlei grundlegend suspekt ist? Aber Altersfragen sind polemisch…

Wichtiger ist, was der sprachbegabte SZ-Experte von den Gegenständen seiner Kritik eigentlich erwartet? Genauer: wer war eigentlich besser als Rabes Antipoden, deren Alben im Feuilleton grad für ein Gefühl sorgen, da begehre noch wer mit den Methoden des Rock auf? Die Deutschrock-Poesie eines partiell widerständigen Udo Lindenberg etwa? Das kathartische Endzeitgewitter brachialer Doom-Metal-Männerbünde von Sodom bis Slayer? Der subtile Ungehorsam eines Manfred Krug, der seine Protagonisten am 1. Mai am Marx-Engels-Platz nach Liebe statt Sozialismus suchen ließ? Papas Rock-Around-The-Clock-Renitenz, zu der er so merkwürdig schweigt? Oder doch die ganz großen Vollzeitsystemverweigerer von Eisler bis Wader, Biermann bis Reiser, Busch bis Baez?

Jens-Christian Rabe legt die hohen Latten und misst die Nachwuchsrevoltierer am Tocotronic, Kristof Schreuf, Bob Dylan, dem vor allem. Während die ersten beiden dadurch Relevanz erzeugen, dass sie aus dem „Nein“ des Punk ein surreales „Ja“ texten, sei die Generation Dylan, so suggeriert Rabe, bei allem Anti auch mal für etwas ist. Die aktuellen Alben von Kreisky (Trouble), 206 (Republik der Heiserkeit) und Ja, Panik (DMD KIU LIDT) dagegen sind immer bloß eins: dagegen.

Das mag aus kulturwissenschaftlicher Sicht tragfähig sein, im Rahmen der Musikkritik ist der Vergleich so statthaft wie zwischen, sagen wir: Thomas Müntzer und Andreas Baader. Die Protestebenen haben sich ja verschoben. Während der Politfolk einst Teil einer bewegten Zeit war, bewegen sich die Jugend heute lieber an der Wii. Während einst niemand gern darüber sprach, dass die Welt den Bach runter geht, tut es heute jeder – und macht weiter wie bisher. Zeitungen gehen Pleite wo Lifestylemagazine florieren, RTL ist Marktführer, Apple sowieso, und die Ehe ist der Jugend wichtiger als Protest. Ist es da wirklich „wütend wie eine zerrissene Jeans“, wenn drei Teenager den Perspektivenpool Spielkonsole und Spaß am Kapitalismus um plakative Konsumkritik erweitern wie es das Elektroclash-Trio 1000Robota tun? Jens-Christian Rabe findet schon.

Dabei ist in der Marktwirtschaft zwar viel von Umdenken die Rede; finanziert werden soll es mit mehr Binnennachfrage. Kein Wunder, dass Konsumkritik zur Dystopie verkommt. Wie sollen weltweit Windräder für den steigenden Energiebedarf wachsen, wenn die Rendite fehlt? Stinksaure Postpunks von Turbostaat bis Von Spar würden „Fickt euch!“ grölen und daran erinnern, dass Geld nicht satt, sondern hungrig macht. Das aber würde Jens-Christian Rabe nur akzeptieren, wenn sie ab Strophe zwei ein Hegelsches System des Sittlichen entwerfen. Mindestens.

Konsumkritik ist die Atomkritik der Nachkriegszeit ist die Nationalismus-Kritik der Vorkriegszeit ist die Militarismuskritik der Kaiserzeit ist die Feudalkritik der Bismarckzeit. Je desperater abweichende Meinungen seiner Zeit sind, desto weniger können sie sich nun mal mit dezidierter Theorievermittlung aufhalten. Partisanen werden sich mit ihren Besatzern eher selten über die Zeit nach dem Häuserkampf austauschen. Und der faschistischen Kontinuität des Wirtschaftswunders kam man besser nicht mit Marcuse, Bloch, Marx. Die 68er schafften es parolenhaft pampig.

Denn Systemkritik hat den Nachteil, dass Systemkritisierte ihr nicht zuhören. Und da keiner (außer die CSU) behauptet, das Klima sei für radikale Gesellschaftsentwürfe günstig, wird auch keiner (außer die SZ) behaupten, dass radikale Kräfte mit viel Gerede vorankämen. Soll man da die paar Wutbürger des Indierock der Pose verdächtigen, bloß weil sie, wie Rabe fragt, „nicht Silbermond sind“? Die Antwort: Ja! Sie geben schließlich etwas auf. Erfolg etwa. Auch wenn Ja, Panik bisweilen radiotauglich klingen, beugen sie Verkäufen mit kryptischer Metaphorik vor. Wo Franz A. Wenzl, zersägt von Martin Offenhubers psychotischer Gitarre und Gregor Tischbauers trotzigem Bass, mit Wiener Schmäh singt, „Ich will gar nicht zu viel wissen / ich bin zugeschissen genug“, ohne an anderer Stelle von Liebe zu schweigen, biedern sich Kreisky dem Kunden in etwa so charmant an wie feuchte Putzfeudel. Und 206, drei existenzialistische Avantgardepunks aus Halle, mögen gelegentlich ins Pathos verfallen – wo findet er denn statt? Vor der Suprakultur jener Hipsters, die sich von Subkulturen die Accessoires klauen? Vor echten Punks (also nicht Pink mit Pistols-Push-up)? Auf autonomen Demo-Wagen? Nein, er tut es trotz bester Kritiken (auch in der ZEIT) vor zwei Dutzend Zuhörern im Nebenraum eines Hamburger Clubs. Pose will Anerkennung, Pose will Liebe. Wenn beides ausbleibt, wird sie zum Statement.

http://www.zeit.de/kultur/musik/2011-04/diskurs-protest-pop-replik

http://www.kreisky.net/?c=tagebuch


JBK: Superstar & Labermaschine

Die Plaudertaschen

Heute Abend moderiert Johannes B. Kerner nach seinem umstrittenen Wechsel zu Sat1 erstmals seit vier Jahren wieder im ZDF. Mit Die Große Zeitreise-Show entfernt er sich allerdings noch weiter von dem, was er beherrscht wie nur wenige im Land, ja nicht mal Reinhold Beckmann: Talkshow. Eine Ehrenrettung zweier viel gescholtener Sündenböcke der Fernsehverdrossenheit.

Von Jan Freitag

Adjektivierte Nachnamen sind selten nett zu ihrem Träger. Quisling’sche Züge etwa spricht man Menschen zu, die wie der norwegische Politiker, Vorname Vidkun, im 2. Weltkrieg ihr Land verrieten. Bushism ist längst ein verbaler Inbegriff des Bösen. Auch Sadisten meinen es wie der exzessive Marquis selten gut mit ihrer Umwelt. Und dann gibt es die Kernerisierung. Mit ihr, so heißt es, kippt man gefühlsduseligen Medienmüll vom Tiefgang einer Balsaholzplatte auf die Bildschirme. Das Synonym heißt Beckmannismus.

Da ist es mal an der Zeit, etwas grade zu rücken: Johannes B. Kerner und Reinhold Beckmann machen nur ihre Arbeit! Keine intellektuell hochtrabende, keine investigativ grabende, keine allzu nachhaltige, gewiss. Aber ihre Gespräche im öffentlich-rechtlichen Programm funktionieren im Grunde wie handelsübliche Tageszeitungen: Etwas Politik vorn, ein Pflichtteil Ökonomie danach, dazu Kultur, Show, Sport und was fürs Herz. So begrüßt Beckmann alles, was zwischen Pfarrer, Boxer, Minister, Sänger und Hartzer denkbar ist.

Es sind bunte Personensträuße voll individueller Brüche, Exzentrik und Eitelkeit, so boulevardtauglich wie relevant, je nach Perspektive. Solchen Leuten bot auch, sagen wir: die linksliberale Frankfurter Rundschau vor ihrem Untergang Raum, wenngleich mit anderer Gewichtung. Klar, dass auch Johannes B. Kerner die Konversation gern mit der Suche nach Befindlichkeiten eröffnetet. Eine persönliche Frage vorweg, heißt das dann bei ihm, „wie geht’s Ihnen eigentlich?“, während Beckmann forscht, ob es seinem Gegenüber heute besser gehe gestern. Kein Einstieg für Politologen, aber fraglos ein Eisbrecher. Denn was folgt, ist oft sachliches Ertasten von Motiven, Folgen, Emotionen. Persönlich eben.

Und darum geht’s doch in der Aufmerksamkeitsökonomie moderner TV-Unterhaltung, der auch die Tagesschau anheim fällt, wenn sie aus einem afrikanischen Krisengebiet meldet, unter den 50.000 Flüchtlingen seien viele Kinder. Wie überraschend… Vor dem Weihnachtsurlaub jedenfalls rechnete bei Beckmann erst Wolfgang Clement mit der SPD ab, dann sein Widersacher Franz Müntefering wiederum mit dem Parteiaustreter, den er – das Zitat rauschte hörbar durch Deutschlands Blätterwald – mit Oscar Lafontaine verglich. Man mag ihm also eine geleckte Arroganz vorwerfen, wie sie die Pro7-Satire Switch auf geradezu geniale Weise persifliert; als Talker zählt Beckmann zum Einfühlsamsten überhupt.

So wie Kollege Kerner. Gut, in seiner aktiven Zeit beim ZDF kuschelte er 2008 eher mit dem Typ Till Schweiger oder Florian Silbereisen. Letzterem versicherte er zum Einstieg gar freundlich, nichts gegen Volksmusik zu haben. Aber das talkende Arbeitstier begrüßte an jährlich bald 150 Abenden auch durchschnittlich drei, vier Gäste pro Sendung, manchmal mehr. Das können kaum durchweg soziokulturelle Alphatiere sein wie ein Michael Schumacher, der ihn fraglos zu einer Homestory lud, der der Restboulevard seit Jahren vergebens nachhechelt. Gut, man könnte bei so einger Gelegenheit ruhig mal nach ökologischer Verantwortung der Formel 1 fragen oder dem Thema Vorbildfunktion für Raser; aber die 1998 zeitgleich gestartete Sabine Christiansen hat er mit seiner Plauderei längst überlebt.

Und sie werden ohne Zweifel noch den einen oder die andere hinter sich lassen. Denn die Quasseltaschen von ARD und ZDF befinden sich mit ihrem Fokus aufs Innere der Befragten ohne das Äußere zu ignorieren exakt zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Sehgewohnheiten. Frei von der selbst verordneten Distanz hier oder kommerziellem Seelenstriptease dort. Dabei stand, seit Dietmar Schönherr 1973 mit Je später der Abend das US-erprobte Genre auch hierzulande einführte, seine Gefälligkeit doch stets im Mittelpunkt.

Abgesehen von extremen Rändern wie dem Presseclub hüben oder Oliver Geissen drüben, ging es allerorten vornehmlich um den Menschen hinter der Nachricht. Und als die Talkshow Mitte der Neunziger mit über 60 Formaten vom Heißen Stuhl über Late-Night-Shows bis hin zu Regionaltalks der Dritten die Kanäle geflutet hatte, war ihr Zenit bereits erreicht. Eskalation als Methode fand fortan eher nachmittags statt, während das gehaltvollere „Gerede“ (Schönherr) Richtung Mitternacht rückte, wo die immer gleichen Politprofis die immer gleichen Themen vor den immer gleichen Gastgeber(inne)n diskutieren – auch (und gerade) beim hoch gelobten Talktriumvirat Plasbergillnermaischbergerwill.

Wenn die FAZ dem „meist zahnlosen“ Kerner nach Eva Hermans legendärem Abgang aus seier Sendung also einst ankreidete, er wolle dreimal im Jahr „demonstrieren, dass er auch kraftvoll zubeißen kann“, sei ihr eine Ausgabe von – sagen wir: 3 nach 9 ans Herz gelegt. In der dienstältesten Talkshow wird Woche für Woche alles Mögliche getan – außer zubeißen. Wer Beckmann dennoch eitles Einerlei vorwirft, sollte sein 267-seitiges Gespräch mit Loki Schmidt (Erzähl doch mal von früher) lesen. Darin zeigt er wie kein Zweiter, wo sich Gefühl und Fakten zu treffen vermögen.

Kernersierung mag ja wie Beckmannismus zu Recht als Synonym leichter Kost dienen – mit ihrem Talkgestus hatte das weit weniger zu tun als mit ihrer Showattitüde. Wenn JBK also heute wieder was moderiert, das die Lieblosigkeit öffentlich-rechtlicher Abendunderthaltung bereits im Titel trägt, sollte man sich kurz vor Augen halten, dass es das System Fernsehen ist, dem diese talentierten Fragesteller den Zahn erlegen sind. Auch deshalb hat Kerner das Talken gelassen, auch deshalb macht Beckmann 2014 Schluss. Man wird erst merken, wenn sie weg sind, was das Medium an ihnen hatte.


Christiane Hörbiger: Schauspielerin und 75

Kitsch kann furchtbar schön sein

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Christiane Hörbiger 2009. Foto: Manfred Werner/Tsui

Mit den ARD-Filmen Stiller Abschied vom vorigen Montag und Zurück ins Leben am Freitag (20.15 Uhr) zeigt die österreichische Schauspielerin Christiane Hörbiger zu ihrem 75. Geburtstag, dass sich die Wienerin im leichten Fach ebenso zuhause fühlt wie im harten. Ein Gespräch mit der Jubilarin über Alzheimer, Privatleben, Reizbarkeit, den Welterfolg Schtonk! und warum ihre Filme im Alter immer realistischer werden

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Hörbiger, mögen Sie Fragen zu ihrem Privatleben?

Christiane Hörbiger: Es kommt ganz drauf an, welche. Ich bin da vorsichtig geworden.

Hat sich Ihre Intimitätsgrenze verschoben, seit Sie mit Ihrer Rolle in Mathilde liebt eine Diskussion Sex im Alter entfacht haben?

Ach, da bin ich vollkommen frei und habe auch die ganze Aufregung darum nicht verstanden, weil ich nicht ein Stück Haut gezeigt habe. Es war ein guter Film und so wurde ein bisschen Reklame dafür gemacht. Die anschließenden Fragen haben mir nichts ausgemacht.

Trotz des skandalisierenden Tonfalls?

Also nicht, dass das wieder die Schlagzeile wird, aber das Wort Orgasmus hat alle wahnsinnig aufgeschreckt. Ich saß am Vorabend bei Johannes B. Kerner und da haben wir alle ganz lustig darüber gesprochen, was die Bild-Zeitung zum Aufmacher gemacht hat. Aber ich war weder entsetzt noch schockiert.

Was schwingt denn in dieser Erregung mit – Tabudenken?

Man will es einfach nicht so genau wissen. Der Gedanke, eine alte Dame in Amerika hätte sich ausgezogen und läge mit einem Mann im Bett, das will ich auch nicht unbedingt sehen.

Hat das mit Jugendwahn zu tun?

Auch. Als mir Matthias Glasner das Drehbuch vorgelegt hat, meinte ich, hör mal, das ist ja eine dolle Rolle; wenn das verfilmt wird, möchte ich unbedingt dabei sein. Da sagte er, na ja, das ist aber eine Frau Mitte 60 und da geht es eben da rum. Das würdest du spielen? Da sagte ich, das fände ich herrlich! Die spielt ja keine Sexbombe, das ist lächerlich. Die Geschichte basiert auf einer ganz bürgerlichen Frau.

Und um das Thema Veränderung.

Schon, sie emanzipiert sich ein wenig, aber das ist nicht der Kern. Eine Frau lebt zutiefst bürgerlich, ihr Mann stirbt, sie lernt einen neuen kennen und dann passierts eben. Mehr ist das nicht, mit allem Charme und Witz der Geschichte. Dass die Medien das ein wenig aufbauschen, gehört heute wahrscheinlich einfach dazu.

Wie würde Sie ein charmanter Wiener

Wie würde Sie da ein charmanter Wiener Journalist aus Ihrer Heimat auf das Thema Alter ansprechen, in dem es bei Ihrem jüngsten Film Stiller Abschied geht?

Ach, direkt. Schließlich habe ich das Publikum nie mit meinem Alter belogen. Das wäre ja nun wirklich ungleich peinlicher als 75 zu werden.

Spüren Sie wenige Tage davon entfernt, dass der Kopf manchmal hakt, wenn auch nicht so wie bei Ihrer Charlotte, die an Alzheimer erkrankt?

Gott sei Dank nicht. Ehrlich: ich hatte auch bei meinem vorigen Film trotz unzähliger Szenen nicht einen einzigen Hänger.

Bleibt diese Rolle als Alzheimer-Patientin, die nach und nach ihren Geist verliert, vollends abstrakt.

Das bleibt sie nicht. Ich konnte mir diese Krankheit schon vor Drehbeginn lebhaft vorstellen. Das ist allerdings auch dem genialen Drehbuch von Thorsten Näther geschuldet, der fast jede Bewegung, jede Pause, jeden Aspekt minutiös vorgeschrieben und somit fühlbar gemacht hat. Mich in diese Figur hineinzuversetzen, fiel mir also leicht, hat aber auch etwas damit zu tun, dennoch souverän über dem Text zu stehen und in die unbeschreiblichen Tiefen dieser Person vorzudringen.

Wie tief genau war das – sind Sie am Ende diese Figur?

Dement meinen Sie?

Frau Hörbiger…

(lacht). Also ich komme ihr äußerlich wie innerlich schon recht nah, nehme sie aber nicht mit aufs Hotelzimmer. Im Gegenteil – ich bin immer froh, nach dem Abschminken, erschöpft und müde, aber privat zu sein. Vielleicht denke vielleicht ich nach Drehschluss gelegentlich noch darüber nach, was ich hätte anders machen können, aber das ist rein beruflich. Dieses an sich Heranlassen passiert Laien, keinen Profis.

Ist Ihnen also früher in Ihrer Karriere eher widerfahren?

Durchaus, aber das ist länger her. Andererseits ertappe ich mich heute durchaus dabei, meinem Mann nach dem Einstudieren einer eifersüchtigen Ehefrau etwas misstrauisch gegenüberzutreten.

Zum Jubiläum sind Sie nun in grundverschiedenen Stoffen zu sehen: einem harten über Verfall und Tod, einem weichen über Neubeginn und Liebe. Was spielen Sie trotz aller Distanz lieber?

Ich spiele selbstverständlich das Positive lieber, die heitere Welle, alles wunderbar, alles herrlich. Wohlgemerkt: Spiele! Aber gehaltvoller ist ohne Frage Stiller Abschied, weil der uns irgendwie alle berührt, weil jeder Angst vor dieser Krankheit hat oder Betroffene kennt. Im Gegensatz zur Liebesgeschichte ist das die interessantere, allgemeingültigere, konfrontativere.

Auch erschöpfendere?

Natürlich! Diese Unberechenbarkeit, die Verhaltenssprünge waren extrem anstrengend.

Wie haben Sie sich darauf vorbereitet?

Durch drei Fälle, die mir ein Münchner Arzt vorgeführt hat. Eine leichte, eine mittlere, eine schwere Erkrankung. Der leichte Fall hat mir erzählt, wie sie plötzlich die Autobahnausfahrt zu einem Ort verpasst hat, den sie nicht mehr erkannte, so dass sie ihren Sohn anrufen musste. Oder wie schwer es ihr fiel, von 20 rückwärts zu zählen. Der mittlere Fall wirkte eher wie eine schwere Depression. Und der schwere war offenbar so furchtbar, dass ich ihn auf Geheiß der Verwandten nicht getroffen habe.

Bereiten Sie sich auf Ihre Rollen immer so intensiv in der Wirklichkeit vor?

Nicht immer. Manchmal höre ich auch nur in mich selbst hinein: wo meine eigenen schlechten Eigenschaften liegen zum Beispiel, etwa, dass ich früher zuhause vor einer Premiere oft unausstehlich war. Mein verstorbener Mann sagte dann immer, er gehe mal lieber aus der Schusslinie. Dieses verdrängte Böse in mir versuche ich für manche Rolle nutzbar zu machen, denn ich muss da wirklich schrecklich gewesen sein.

Reizbar?

Und nervös. So sehr, dass ich meinen kleinen Sohn angefahren habe, wenn er beim Abfragen vom Einmaleins die Zwölfer nicht mehr konnte. In solchen Momenten habe ich die Verkäuferin im Kaufhaus beneidet, die parterre Parfüm anbieten, ein Beruf, in dem man keine Furcht vorm eigenen Verhalten haben muss und die Rollläden nach Feierabend einfach runterlässt.

Steckt darin auch die Sehnsucht nach dem einfachen Leben?

Allerdings. Aber wenn die Premiere dann geschafft ist, steht ja der Himmel wieder offen und alles ist so gut wie nach einem gelungenen Film.

Haben Sie eigentlich die Interpretation eines Alzheimer-Patienten von Ihrem Landsmann Klaus Maria Brandauer in „Die Auslöschung“ gesehen?

Natürlich.

Hat sie das inspiriert?

Nein, denn das ist eine Liebesgeschichte, also ein völlig anderer Film als unserer. Wunderbar gespielt, aber fast noch eindrücklicher fand ich zudem Götz George als alzheimerkranker Busfahrer, der ständig die falschen Stationen anfährt. Grandios, auch sein Sohn, Klaus J. Behrendt. „Stiller Abschied“ widmet der Familie ebenfalls den nötigen Raum, dieses Ignorieren, die Ausreden. Das wirft weit mehr die Frage auf, wer an der Krankheit eigentlich mehr leidet, in welche Grenzbereiche beide Seiten dadurch geraten.

Ihre letzten Rollen dringen ebenfalls zusehends in Grenzbereiche vor: Alkoholsucht, Sex im Alter, jetzt Alzheimer. Suchen Sie sich diese Themen ganz gezielt?

Nein, aber es folgt meinem Wunsch, dass eines schönen Tages etwas übrig bleibt von mir, dass mich die Zuschauer nach meinem Tod vor allem mit wesentlichen Themen in Verbindung bringen und vielleicht nach dem dritten Cognac ihrer Mutter sagen, Mutti, erinnere dich mal an diesen Film mit der Hörbiger. Da bin ich meinem Produzenten Trebitsch sehr dankbar, mich an solche Themen herangeführt zu haben. Und das ist mal wirklich ein Segen des Alters, dies erkannt zu haben, wie wertvoll diese Stoffe sind – selbst wenn die Quote dabei geringer bleibt als mit leichteren Themen.

Welcher Ihrer Filme, welcher Schaffensperiode, welche Rolle wird von Ihnen dann am meisten erinnerlich bleiben?

Ich bin der ARD sehr dankbar, in einer Woche zwei vollständig verschiedene Neuproduktionen mit mir zu bringen, die eher meine Bandbreite als meine Paraderolle zeigen. Ein einzelner Film fällt mir da nicht ein.

Schtonk vielleicht?

Ah ja, da sagen sie was. Es wäre schön, wenn etwas von mir bleibt wie dieser große deutsche Filmerfolg, der nahe am Oscar vorbeigeschrammt ist. Im Kino bleibt es leider Gottes wohl doch eher „Hotzenplotz“ und bei den Fernsehspielen diese Kette sozialkritischer Stücke. Da hat der Thorsten Näther nächstes Jahr wieder was mit mir vor, dann zum Thema Altersarmut.

Puh…

Ja, puh. Das ist dann wirklich langsam so viel Schwermut, dass ich fast hoffe, noch mal eine Prinzessinnenrolle zu kriegen. So eine Putzfrau, die den George Clooney kriegt.

Wie stehen da die Chancen?

(lacht) Wenn er selber mitspielen soll, eher gering. Leider. Kitsch kann furchtbar schön sein.


Autoreproduktion und Pickelausdrücken

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

7. – 13. Oktober

Das Fernsehen ist eine Autoreproduktionsmaschine sondergleichen. Wenn öffentlich-rechtlich nichts läuft wie bei der Abrisshausparty Wetten, dass…?, die trotz inhaltlicher Rückwärtsrolle Richtung Elsner-Ära tief unter Lippert-Niveau sank, sorgt halt immer noch Quotenkönig Fußball für (elf Millionen) Zuschauer. Wenn privat noch weniger läuft, zieht RTL halt Lipperts Vorgängernachfolger Gottschalk weiter durch die Einfallslosigkeit des Showfunks und lässt ihn irgendwas mit alten Klassenkameraden machen. Wenn der frühere Marktführer noch den kleinsten Anflug dramaturgischer Erneuerung vermasselt, präsentierter ein Format wie Rising Star als brandneues Ding, das demnächst – irre Idee! – Nachwuchsmusiker castet. Und wenn Hans W. Geißendörfer die Versoapung der Lindenstraße beklagt, verbindet er die zarte Selbstkritik mit der Forderung, seine Endlosserie auch übers Vertragsende 2015 hinaus immer und immer und immer weiter fortzuführen.

Kein Wunder, dass im Strudel dieser medialen Dauerduplizierung seit Donnerstag ein alter Bekannter an die Spitze der deutschen Huffington Post gesaugt wurde: Cherno Jobatey. Richtig, der mit den Turnschuhen (und psst: der Legasthenie). Zum Beweis seiner Innovationskraft durfte zum Auftakt ein echter Newcomer beim amerikanischen Online-Magazin unter Focus-Lizenz gastkommentieren: Boris Becker. Älteren noch ohne Pokerkarten ein Begriff, während ihn Jüngere wie Klaas Heufer-Umlauf schon längst nicht mehr mit Tennis-Ball, sondern bloß Bild-Schlagzeile über dem Kopf kennen.

Aber die kriegt jetzt ja sogar der nassforsche Pro7-Moderator mit ZDFneo-Nebenerwerb. Sofern er sich weiter so bemüht wie vorige Woche, als er „bewusst provokant“ ins Medienland blökte, Kuppelshows wie Schwiegertochter gesucht oder Bauer sucht Frau und das beliebte Bashing-Objekt Dschungel-Camp seien „Behinderten-Fernsehen“. Da mag der hauptamtliche TV-Lümmel Recht haben. Noch glaubwürdiger wäre es indes gewesen, hätte er sie an einem etwas anspruchsvolleren Forum als dem Playboy aufgestellt und dabei nicht nur die Konkurrenz, sondern vielleicht auch ein bisschen den eigenen Arbeitgeber beschimpft. Dessen Große TV Total Stock Car Crash Challenge 2013 am Samstag war ja ebenso wenig fein ziseliertes Kulturfernsehen…

TV-neuDie Frischwoche

14. – 20. Oktober

… wie, sagen wir: das Boulevard-Magazin taff, wo die Moderatorin kurz vorm Schleichwerbebombardement Galileo heute boxenluderlivriert der Frage nachgeht, wie viel Haut im Büro der Karriere hilft. Aber das sind natürlich Spitzfindigkeiten. Die richtig stinkende Gülle tropft ja andernorts aus der 104-cm-Flatscreen-Diagonale. Wenn sich das betonbrüstige Privatfernsehartefakt Micaela Schäfer in dem, was RTL2 so „Promi-Magazin“ nennt, Hautnah an ähnlich exhibitionistische Bildschirmexistenzen heranwanzt. Oder Freitag, wo eine Komödiantinnenkarikatur aus Marzahn Markus Lanzens nette PR-Politur für debiles Hilfsentertainment à la Bezaubernde Cindy nutzt.

Nächtens an Plattenbautüren Sat1-Glücksfee zu spielen, ist jedoch nicht nur in Klaas Heufer-Umlaufs anarchischem Pro7-Käfig, der uns ab Donnerstag mit der neuen Staffel von Voice of Germany (aber ohne Xavier Naidoo) ernstes Bemühen um musikalischen Nachwuchs vorgaukelt, televisionäres Pickelausdrücken. Aber wer sich parallel den gebührenfinanzierten Donnerstag ansieht, spürt rasch, dass es sich da um ein strukturelles Problem handelt. Sendungen wie Die Show der unglaublichen Helden (ARD) und Die Große Zeitreise-Show garantieren schließlich nicht nur durch die verquollene Titel Unterhaltung für Einzelleransprüche. Und saugen schon durch ihre Dämlichkeit Aufmerksamkeit aus dem Publikum, dem somit die echten Perlen des Programms verborgen bleiben.

Wie Tom Schilling heute um 22.40 als grandioser Woyzeck auf Arte. Wie der sinistre Psychothriller Alaska Johannsen, in dem die famose Alina Levshin am Mittwoch im Ersten aufs Neue belegt, warum sie derzeit zum Besten der hiesigen Schauspielszene zählt. Dass es auch die Alten noch können, belegt zudem Christiane Hörbiger, der die ARD zum 75. Geburtstag einen nicht erwähnenswerten Freitagsfilm, aber auch einen schwierigen namens Stiller Abschied schenkt, in dem sie heute überzeugend eine Alzheimer-Patientin darstellt. Noch was? Ach ja, Fußball, am Dienstag, ohne Relevanz, ohne Spannung, werden trotzdem ungleich mehr Leute sehen als Wetten, dass…?. Bleibt noch eine Wiederholungsempfehlung: Jean Gabin als verkarstender Greis in Georges Simenons Die Katze von 1971 (Montag, 20.15 Uhr, Arte). Und der Tipp der Woche: Markus Kafkas Rockstartreffen Number One!, Freitag um 20.15 Uhr auf ZDFkultur, diesmal mit: „Motörhead“ Lemmy Kilmister.


Begegnung: Hannes Wader

Als guter 68er

220px-Hannes_Wader_(3)Alt, weise, weiter links: Hannes Wader. Foto: Ludwich Lupe

Hannes Wader ist vielleicht nicht der letzte Linke im Land der sozialdemokratischen CDU. Der letzte Liedermacher vom linken Rand mit echter Strahlkraft ist der Schleswig-Holsteiner aber allemal. Zurzeit ist der unermüdliche „Mann mit der Gitarre“, wie er sich selbst nennt, mal wieder auf Deutschland-Tour. Und singt weiter von einer besseren Welt. Eine Begegnung.

Von Jan Freitag

Hannes Wader. Dass ein Name, der so ungemein norddeutsch moduliert, derart international, besser noch: internationalistisch klingt, ist ja schon sonderbar genug. Und dass er es seit nunmehr vier Jahrzehnten tut, grenzt fast an ein Wunder. Links? Heutzutage? 2007? Am geisteswissenschaftlich ausgerufenen Ende der Geschichte? „Nein, die alten Lieder sind noch längst nicht abgehakt“, sagt der „Mann mit der Gitarre”“ wie er sich selbst ganz bescheiden nennt. Er meint sozialkritische Lieder, sozialromantische Lieder, sozialistische Lieder. Und er hat zweifellos Recht.

Derart linke Weltanschauungen mögen ein wenig außer Mode geraten sein in den vergangenen Jahren, im politischen Leben wie auf der Bühne. Doch ihr bekanntester deutschsprachiger Vertoner lässt nicht von ihnen ab, weder hier noch dort. Und wenn er dieser Tage wieder mal von seiner neuen schleswig-holsteinischen Heimat aus bundesweit durch große Städte und kleine Orte tourt, werden die Hallen wie immer rappelvoll sein. Und sie werden Schauplätze eines Chorgesangs wie sonst nur bei Gottlieb Fischer, Waders konservativer Gegenprogrammierung, wenn man so will. Es stimme schon, sagt Hannes Wader mit seiner näselnden, seiner sonderbar pathetischen, fast arroganten Stimme: „Die Leute singen eigentlich alles mit.“

Wenn er allein mit der Gitarre auf einem Hocker sitzt und die unzähligen Stücke aus eigener Feder vorträgt, über Tankerkönige oder die eigene Familiengeschichte. Wenn er Volkslieder, Shantys oder Bob Dylan interpretiert. Wenn er „El pueblo unido“ ruft und es, wie auf seiner berühmten Arbeiterliederplatte von 1977 mit einer Stimme „jamás será vencido!“ aus dem Publikum zurückschallt. Oder von dieser Blume singt und ein Kanon von 30.000 Parteigenossen der DKP antwortet, es sei „die Blume des Partisanen, der für uns’re Freiheit starb“.

Diese rebellischen Zeiten sind natürlich längst vorbei, auch wenn Waders Vermächtnis dieser Klänge noch immer Schauder der Nostalgie über manchen Rücken jagt. Das weiß auch Hannes Wader, der ja in den heißen Tagen der RAF-Hysterie selbst ins Fangnetz aus Staatsschutz, Gesinnungsterror und Auftrittsverboten geriet. Die Linke habe damals, zur Zeit des Nato-Doppelbeschlusses, der grünen Gründungsbewegung und der ersten Anti-Terror-Gesetze „mehr Dynamik gehabt“, sagt er, das schon. Doch auch heute noch ist da etwas in den Sälen spürbar: eine Mischung aus Geborgenheit, Vertrautheit, Verlässlichkeit. Die Fans von einst, sagt Wader, seien halt einfach mit ihm älter geworden.

Dabei ist es keinesfalls so, dass nur ehemalige Spontis und die Restbestände von K- und gesinnungsverwandten Gruppen kommen, wenn Hannes Wader auftritt. Sein gesungener Monolog funktioniert bei plattdeutschen Tanztees im Vorpommerschen ebenso gut wie in großen Mehrzweckhallen auf der Schwäbischen Alb. Oder der Hamburger Fabrik: Die bespielt er regelmäßig, obwohl er fraglos auch das Kongresszentrum spielend voll kriegte, „weil man sich einen Rest von Intimität bewahren sollte“. In Berlin, wo er vor seinem Umzug in den Norden zehn Jahre lang lebte, lockt er 2.000 Leute ins Tempodrom. Die Bandbreite ist erklärbar, seit den Siebzigern hat er schließlich auch Volksliedgut im Repertoire, nicht jene Schollenromantik von, sagen wir: Marianne und Michael, selbstverständlich. Aber immerhin: Die Suche nach dem kleinen Glück im Großen.

Der Parteipolitik als Suche nach dem großen Glück im Kleinen hat er dagegen längst abgeschworen. Schon wenige Jahre nach der so genannten Wende, wie er so näselnd betont, dass es fast angewidert klingt, ist er aus der DKP ausgetreten. Nicht im Streit, aber ermüdet. In einer Krise habe er damals gesteckt, keine Plattenfirma, kein Management, private Probleme und dann auch noch jenes System zu Klump gehauen, dem er lange Jahre die Treue gehalten hatte. „Ein kapitalistisches AKW unmenschlich zu finden und ein sozialistisches menschlich, die Einstellung hab ich heute nicht mehr“, sagt er. Nur so ein Beispiel. Dass deshalb nicht alles schlecht gewesen sei, verstehe sich fast von selbst. „Ich habe ja meine Weltanschauung nicht geändert.

Wohl aber den Umgang mit seiner Rolle. Heute spielt Hannes Wader nicht mehr auf jedem Parteitreffen, aber weiterhin im Soltauer Gymnasium oder der Oldenburger Kulturetage. Danach trinkt er nicht mehr die Nacht mit dem Publikum durch, sondern geht brav ins Bett. Hannes Wader zählt, so was klingt immer sonderbar irreal, stolze 71 Jahre, einer der letzten Aktiven großer linker Musikanten von Franz Josef Degenhardt bis Knut Kiesewetter, der ihn 1969 entdeckt hat, ist also bereits im Rentenalter und abseits ein paar wütender Punkbands kommt da wenig aus der Nische ans Tageslicht der Wahrnehmbarkeit. Und die Alten? Gut, da wären noch Kollegen wie Konstantin Wecker, Bettina Wegner, Reinhard Mey, die sich politisch so unermüdlich wie hörbar irgendwie links artikulieren. Dazu die Zwischengeneration, etwa Jo Quetschenpaua aus Waders Nachbarschaft in Itzehoe. Zur Ikone aber, zum Standbild des linken Entertainments der leisen Töne bringt es letztlich nur dieser gebürtige Ostwestfale Hannes Wader, der Mann mit dem Bart und der markanten Hakennase.

Dass er sie noch immer von der Bühne ins Publikum reckt, hat durchaus praktische Gründe. Zum Geld habe er immer ein eher gebrochenes Verhältnis gehabt, sagt er und lacht. „Als Alt-68er war es irgendwie bähbäh.“ Nicht, dass seine Karriere nicht einträglich gewesen wäre. Im Gegenteil. „Das Geld hat mich oft geliebt.“ Rund 40 Platten, unablässige Touren, ein furioses Live-Projekt mit dem gleichgesinnten Liedermacher Konstantin Wecker – das bringt nicht nur Mühe, sondern auch Einkünfte. „Aber als guter 68er hab ich das Geld natürlich immer nur so rausgeworfen.“ Er lacht sich sein Schicksal moralisch schön: „Und jetzt steh ich da und muss singen, bis ich 80 bin.“ Nicht die schlechteste Aussicht fürs Publikum. „Obwohl“, Hannes Wader denkt kurz nach. Wenn er die Bühne vorher verließe, sagt er dann, „würde ich mir was aus dem Herzen reißen“.

Hannes Wader ist noch bis 18. November auf Tour. Termine: http://www.scala-kuenstler.de/hwauftritt.html


Nils Koppruch: Sänger und Maler

400px-Fink_nilskoppruchOhne Worte

Vor einem Jahr ist das Unfassbare, vor allem unfassbar Traurige passiert: Nils Koppruch ist gestorben, plötzlich und unerwartet. Der Sänger, dessen Band Fink dem Country ein deutsches Gesicht ohne Cowboyhutpeinlichkeit gegeben hat, riss eine Riesenlücke in unzählige Lebensläufe und seinen Stadtteil St. Pauli. Zum Todestag bringen freitagsmedien einen Nachruf, der damals bei Zeit-Online erschienen ist

Von Jan Freitag

Man würde jetzt gern hören, was er selbst dazu sänge. Wenn es denn eines Requiems bedürfte, dann – bitteschön – sollte es doch von ihm stammen, ein Abschiedslied mit jener unnachahmlich näselnden Stimme, die so nonchalant vom Ernst der Lage in deren heiteren Momente mündet und zurück. Ein butterweiches, sanft kratzenes Timbre, das der Boheme im Prekariat in aller Lässigkeit den richtigen Tonfall verpasst, irgendwo zwischen Langeweile, Hoffnung und Zynismus. Man würde Nils Koppruch also fragen, ob er diesen Nachruf vertonen könnte. Aber Nils Koppruch ist tot.

Nicht musikalisch – diese Prophezeiung hat er in zwei Jahrzehnten Musik des Öfteren mit eigenen Mitteln widerlegt. Nein, physisch, so schwer das zu glauben sein mag. Nils Koppruch ist tot, und mit ihm starb einer der ganz wenigen, jedenfalls einer der ganz großen  Singer/Songwriter deutscher Sprache überhaupt. Es wäre nun übertrieben pathossatt, von einer Lücke zu sprechen, die er hinterlässt. Der globale Pop lässt Leerstellen nicht lange ungeschlossen. Aber an dieser Stelle muss schon gesagt werden: Nils Koppruch hat in seiner kleinen Nische Musikgeschichte geschrieben, die ohne ihn womöglich unbesetzt bleibt.

Denn er hat, wenn man so will, der hiesigen Indieszene die Schlichtheit zurückgegeben, ohne sie zu trivialisieren. Als er 1996 in seiner Geburtsstadt Hamburg Fink gründete, hierzulande die erste Band, die Country nicht als putziges Zitat im Schlager verankerte, sondern als proletarisches Statement im Pop, da dachte er selbst noch, „das machen nur Nazis und Arschgeigen“. Genau darin jedoch erkannte Nils Koppruch nicht nur eine Fallhöhe, die ihn reizte, sondern gleichsam eine Bodenständigkeit, die sich wohltuend von der Hamburger Schule seiner unmittelbaren Nachbarschaft abhob.

Mit Mundharmonika, Banjo und Lagerfeuerlyrik schuf dieser sprachgewandte Zausel, dessen Zauseligkeit schon Ausdruck einer Haltung des Understatements war, als die Hipsterbeardos von heute noch nicht mal Bartwuchs hatten, einen zerzausten „Gegenentwurf zum elitären Cliquending“, wie er es erst kürzlich umschrieb. „Mit einem antiintellektuelleren Gestus, der sich nicht aus der verarbeiteten Sekundärliteratur speist“, sondern aus dem Herzen eines Mittelschichtenkinds, das mit gewissem Herkunftsstolz in der Stimme von seinen Wurzeln berichtet.

Arbeiter, Weber, Handwerker – das klang unterbewusst noch ein bisschen stolzer, als er davon im gebrauchten Zweiteiler zu Turnschuhen zwischen uralten Instrumenten in seinem vollgerümpelten Proberaum am Rande des Schanzenviertels erzählte. Dort saß der 48-Jährige noch vor wenigen Wochen neben seinem ungleich jüngeren Gesangspartner, dem Großgrundbesitzersohn Gisbert zu Knyphausen. Beide hatten gerade ihre musikalische Verpaarung zum Folkduo Kid Kopphusen mit einem respektablen Debütalbum gefeiert. Doch während der eine, der mit dem blauen Blut, 33 Jahre alt, erzählte, er könne nach vier Jahren im Geschäft von den Tantiemen zweier Alben bereits seine Mietmusiker gut bezahlen, erklärte der andere, der mit den alten Instrumenten und grauen Fusseln, auch nach sechs Fink- und zwei Soloalben würde die Musik kaum seine Unkosten decken.

„Es gibt Touren, da komme ich nach Hause, ohne einen Cent verdient zu haben“, erzählte er in breitem Hamburger Slang. Nur: er klang dabei nie traurig, nicht mal trotzig, bloß realistisch. Dazu passten seine buschigen Augenbrauen, die sich so herzzerreißend zum Koppruch-Dach zwischen Ernüchterung, Optimismus und Scheißegal schließen konnten. Was soll das Lamento?, sagte das fröhliche Stirnrunzeln darüber – ich hab ja noch die Malerei. „Ohne meine Bilder“, sagte Nils Koppruch, „könnte ich nicht davon leben“.

Umso erstaunlicher, dass das mit denen so gut klappt. In Fachkreisen nennt man sie wohl Art Brut, unter Fachfremden irgendwas mit Dada, er selbst sprach von „Outsider-Art von Künstlern, die das nicht machen, weil sie es gelernt haben, sondern weil sie es machen müssen“. Er musste also. Und es ging ihm auch hier ihm ums Rohe, Unfertige. Keine Stromlinie, kein Expertenstatus, kein Marktgeschreie, und doch derart viel Erfolg, sogar zählbaren, in 100 Ausstellungen und prominenter Kundschaft. Dass er unterm Pseudonym SAM schon lange vor der Musik tätig war, wissen nur wenige, doch Koppruch sagte auch: „Falls ich mit Musik mehr verdienen würde, würde ich weniger malen“. Um noch mehr Zeit mit all den Projekten und Kollaborationen zu verbringen, seine Cash-Interpretationen und Benefizkonzerte, seine sprachliche Poesien zu simplen Melodien. All dies zeugt von einem Unruhigen mit Frau und Kind, dem die Brotlosigkeit seiner Kunst nicht die Kunst verleidet, sondern die Ruhe.

Dabei wollte Nils Koppruch Schriftsteller werden. Sogar einen Roman hat er begonnen, „so dick“, seine Hände gingen schulterbreit auseinander, „totaler Stuss heute“, aber immerhin ein Ausdruck. „Das kannst du posthum veröffentlichen lassen“, sagte sein Freund Gisbert neben ihm und lachte. Dann wird es Zeit, denn Nils Koppruch ist tot, er starb gestern in Hamburg und ja, er hinterlässt eine Lücke. Nein, viele Tausend Lücken.


Selbstberuhigungshölle

fragezeichen_1_Grundsätzlich muss nur die Silhouette New Yorks ins Bild geraten, schon sind in Film und Fernsehen die ersten Polizeisirenen von unten zu hören. Merkwürdig

Es ist ja auch der ideale Resonanzraum: Gewaltige Gebäude, durchzogen von mächtigen Häuserschluchten – besser kann sich Sound kaum ausbreiten als in den Tiefen der New Yorker Skyline. Was läge da näher, als sie entsprechend zu nutzen. Für Konzerte zum Beispiel, am besten opulente Klassik oder, wenn’s sein muss, auch profane Musicals, gesehen bei dem Straßentanzszenen von Fame. Wann immer Big Apple jedoch am Bildschirm erscheint, ist kein ganz so harmonischer Klang daraus vernehmbar, sondern zunächst mal: Polizeisirenen. Immer. Überall. Als würden sie dort nie verstummen. Merkwürdig.

Denn die örtliche Polizeistatistik besagt zwar vermutlich eine ziemlich bedenkliche, nicht aber lückenlose Einsatzquote, also zu jeder Sekunde. Und genau das wollen uns Film wie Fernsehen ja auch nur zu gern suggerieren. Abseits der gewohnten Sensualisierung des Unsichtbaren, um dem Inhalt frühestmöglich ein Gesicht zu verleihen, gibt das dauernde Alarmgeheule dem hiesigen Publikum schließlich das wohlige Gefühl, eben nicht in solch einem Moloch zu leben, wo ständig die Blaulichter blinken, um die Folgen einer strauchelnden Zivilgesellschaft leidlich zu beheben. Orte wie New York dienen im krimisüchtigen Deutschland also vor allem der Beruhigung des Zuschauers. Vielleicht klingt die amerikanische Polizeisirene ja deshalb ganz anders als unsere.