Posted: October 6, 2013 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen |
Die Gebrauchtwoche
30. September – 6. Oktober
Man muss gewiss keine Sympathie für die FDP und ihre 500 Bundestagshelfer hegen, um deren Weg von der Spitze zur Stütze, pardon: Arbeitsagentur Empathie entgegenzubringen; man muss sogar den Parteivorsitzenden im Niedergang nicht mal ständig mit alten Parolen wie der von den Schleckerfrauen, die sich schon um sich selbst kümmern müssen, konfrontieren; man muss die abgewählte Partei also keinesfalls mögen, um das digitale Nachtreten sozialer Netzwerke auf geschundene radikalliberale Seelen zu missbilligen. Aber den Facebook-Account – Herr Rösler, Herr Brüderle! – einfach so abschalten, weil die Pinnwände mehr Häme als Elitenpolitik enthalten, das jagt der AfD bei der nächsten Wahl kaum Stimmen ab.
Am Ende kommt es noch so weit, dass beide aufhören, von den Segnungen des Manchesterkapitalismus zu twittern, nur weil die Antworten darauf womöglich unbotmäßig geraten. Aber da die FDP fortan sparen muss, kann sie sich das Zwitschern künftig ohnehin nicht mehr leisten, falls Twitter seinen Börsengang tatsächlich mit kostenpflichtigen Angeboten begleitet, um fast acht Jahre nach dem ersten Tweet erstmals Rendite zu erzielen, statt unablässig zweistellige Millionenverluste einzufahren.
Jenseits jeder Gewinnaussicht derart viel Geld zu verbraten, davon durfte ein kleines Lokalblatt namens Harburger Anzeigen und Nachrichten dagegen nur träumen. Nach 159 Jahren ist es mit beidem – den Träumen und dem Blatt – nun vorbei. Mit der traditionsreichen Zeitung aus Herbert Wehners Wahlkreis im Hamburger Süden, das der berühmte Sozialdemokrat einst mit bissigen Kommentaren bereicherte, setzt sich der Abstieg des Lokaljournalismus ebenso fort wie mit der Ankündigung des Madsack-Verlags, sämtliche Regionalausgaben künftig von einer zentralen Mantelredaktion aus zu beliefern. Da kann Giovanni di Lorenzo noch so motzen, dass man den Untergang auch herbeireden könne – abseits einiger Auflagenkrösusse wie seiner Zeit ist er längst Realität.
Und scheint langsam auch RTL zu drohen. Deren sauteures Nationalmelodram Helden etwa ist am Einheitstag ja (zu Recht) gefloppt, was dazu beiträgt, dass Pro7 den früheren Quotenkrösus bald überholen wird. Im September sank die Reichweitendifferenz des Plastikkanals zum Deppensender in der Zielgruppe auf gut ein Prozent, fällt also Richtung öffentlich-rechtliches Niveau – das allerdings im gleichen Tempo mitstürzt, falls es sein Angebot weiter vergreist. Mit patriotischer Heimatsoße wie bei NDR und SWR, denen die Otto Brenner Stiftung attestiert, ihre angeblichen 70% Informationsanteil vor allem mit provinziellen Ratgebersendungen zu erzielen, erreicht man eben doch nur das geriatrische Stammpublikum.
Als Jugendoffensive ist auch die Nachricht der Vorwoche nicht zu verstehen, dass ein gewisser Wolfram Koch Nachfolger des hessischen Tatort-Kommissars Joachim Król wird. Nicht nur, dass er schon 51 ist – den kennt auch kaum jemand oder? Womit wir an dieser Stelle unsere Intellektuellenpflicht erfüllen und wenigstens einmal kurz Bild bashen. Denn die vermeintliche „Zeitung“ hat es Freitag geschafft, ihre Titelseite völlig frei von der Flüchtlingskatastrophe vor Lampedusa zu halten. Man kann sich Kai Diekmann in der Schlagzeilenkonferenz lebhaft vorstellen: Die paar Neger weniger…
Die Neuwoche
7. – 13. Oktober
Ein paar davon zuviel gibt es indes, wenn Schnulzensender wie Sat1 in Afrika drehen. Am Dienstagabend nutzt die Abenteuersülze Wüstenherz sämtliche Marokkaner vor Ort nur als Klischeelieferanten – und liefert somit ein weiteres Argument, zeitgleich im Ersten dem nahenden Staffelfinale von Weissensee beizuwohnen. Oder der ZDF-Reportage Unser Krieg über den deutschen Kampfeinsatz in Afghanistan. Oder der Arte-Doku In-Vitro-Fleisch. Oder doch bis Mittwoch abzuschalten, wenn der Filmemacher Rithy Panh auf Arte die Zeit der Roten Khmer mit der preisgekrönten Tonfiguren-Animation Das fehlende Bild aufarbeitet. Oder ein früherer Titanic-Chef auf ZDFneo zur satirischen Reportagereihe Sonneborn rettet die Welt bittet.
Zu befürchten ist jedoch, dass besonders leicht beeinflussbare weil blutjunge Zuschauerinnen parallel bei Pro7 landen, wo Claudia Schiffer Heidi Klum spielt und Designer castet. Fashion Hero wäre jedoch nicht halb so ärgerlich, ginge es acht Teile lang um etwas anderes als Product Placement. Denn die präsentierten Produkte sind tags drauf bei Händlern von s.Oliver bis Karstadt zu kaufen, die selber bei der Show mitmischen. Bei so dreister Schleichwerbung könnte man glatt RTL empfehlen, wäre das, was dort zeitgleich gezeigt wird, nicht noch absurder als Schiffers Schaulaufen: Mario Barth spielt dort nämlich Journalist und deckt auf, wie es im Titel heißt, zum Auftakt Steuerverschwendung. Einen billigen Comedian derart zweckzuentfremden ist in etwa so, als würde man Bashir al-Assad zum Wahlbeobachter in Deutschland ernennen, aber na ja, gutes Personal ist halt schwer zu finden, wo Die Schulermittler am Nachmittag zuvor unter „Information“ firmiert.
Kommen wir also zu etwas Erbaulicherem: Freitag geht nach gefühlten 200 Jahren im Hauptabendprogramm das Forsthaus Falkenau in die letzte Staffel. Außerdem fällt Minuten später die sendeplatzübliche ARD-Romanze aus, wenngleich für ein Fußballspiel. Das entschädigt gewissermaßen im Voraus für den neuen Polizeiruf Magdeburg, der mit Claudia Michelsen und Sylvester Groth zwar hervorragendes Personal bereithält, dramaturgisch trotz Friedemann Fromms Regie allerdings hanebüchener Quatsch ist. Bleibt also noch der Tipp der Woche, heute: Nordlicht, das nächste Krimihighlight aus Dänemark, womit Arte ab Freitag um 21.45 Uhr abermals zeigt, warum skandinavische Serien einfach besser sind.
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Posted: October 2, 2013 | Author: Jan Freitag | Filed under: 3 mittwochsporträt |
Unterm Sperrholzdom
Der Überraschungserfolg des Fernsehjahres 2011 geht in die 2. Staffel: Neben viel Sex’n’Crime’n’Dramadrama glänzt die europäische Mammutproduktion Borgia seit Montag im ZDF wieder vor allem durch detailverliebte Kulissen. Ein Setbesuch in Prag
Von Jan Freitag
Das dunkelste Kapitel der Menschheitsgeschichte, es endet an einem furchtbaren Ort. Bücher werden längst gedruckt, da Vinci versachlicht Gottes Werk, Amerika ist entdeckt, die Aufklärung steht vor der Tür – hier aber versinkt alles in infernalischem Gestank. Selbst vornehm beschuhte Füße waten durch Schlamm, Kot und Fäulnis. Der zerlumpte Pöbel ringsum pisst aufs Pflaster, isst bloß Unrat, vergisst alle Regeln. Wer diese Szenerie sieht, wähnt sich ganz real am Übergang vom Mittelalter zur Renaissance – wären nur die Umstehenden des römischen Marktplatzes nicht so auffällig tätowiert, hingen da keine Scheinwerfer von stählernen Gerüsten, käme der wabernde Dunst vom regennassen Boden im Sonnenschein, statt aus leise tuckernden Nebelmaschinen nebenan.
Geschichtsfernsehen ist seit langem eine globale Schlacht detailversessene Kulissenbastler. Doch in den Prager Barrandov-Studios, wo einst Pan Tau entstand und Amadeus, gerät historische Authentizität quasi zur Leitwährung. Und ihr Schatzmeister heißt: Tom Fontana. „Korrektheit ist neben der Story unser wichtigstes Pfund“, sagt der renommierte TV-Produzent aus New York am Rande des originalgetreuen Nachbaus vom Petersplatz. Dem gewaltigsten Drehort seines wichtigsten Produkts, das ihn längst in den Traum verfolge, selbst unter die Dusche: Borgia.
Vor zwei Jahren lief die 1. Staffel der Biografie des mächtigsten Geschlechts seiner Zeit, das der christlichen Welt vor 500 Jahren einen Stempel aufdrückte wie zuvor nur das der Staufer oder die Medici im benachbarten Florenz danach. Und dieses opulente Familienepos, dramaturgisch Sopranos oder Dallas, ästhetisch eher Petersen und Emmerich, war dabei nicht nur ein zehnstündiges Lehrstück in Sachen seriellen Bombasts, sondern das „absolute Highlight 2011“, wie das ZDF seinen Anteil der 25 Millionen Euro Herstellungskosten verteidigt: ein Quotenhit, verkauft an 85 Länder, erfolgreich bis in die USA, wo zugleich eine ähnliche Version des Oscar-Gewinners Neil Jordan entstand. Dieser Triumph, daran lässt sein Landsmann Fontana keinen Zweifel, liege auch am Drehort.
Denn in Prag sind die Bedingungen ideal, da gibt es reichlich Fachleute mit dem nötigen Know-how für die originalgetreue Nachbildung der Petersplatzes, da warten sorgsam kostümierte Komparsen im Schatten der gewaltigen Sperrholzkonstruktion auf ihren Einsatz. Und weil das Preis-Leistungs-Verhältnis so günstig ist, entsteht lange vor Ausstrahlung der zweiten Staffel bereits die dritte, zu der Hunderte stiller Helfer für schmale 700 Kronen Tagesgage ihr Scherflein Glaubwürdigkeit beitragen.
Wobei es mit der so eine Sache ist. TV-Dramen wie dieses haschen ja vor allem Effekte. Wenn sich Papst-Sohn Cesare Borgia (Mark Ryder) in der Fortsetzung also peu à peu zum Herrscher der Heiligen Stadt intrigiert und dabei unablässig tötet, vögelt, finster dreinblickt, geht es zu unablässig dröhnender Musik vor allem um krachende Bilder. Überliefertes Wissen bis hin zur exakten Form des Käses, den ein gewisser Michelangelo bei den aktuellen Dreharbeiten auf dem falschen Pflaster kauft, mag also durchaus zum guten Ton der Boombranche zählen; wenn sich der Künstler kurz darauf mit einem ebenso berühmten Zeitgenossen prügelt, wird das reale Ereignis den Erfordernissen der Primetime, nun ja: leicht angepasst.
„Leonardo da Vinci hat ihm wirklich mal die Nase gebrochen“, betont Autor Fontana, der allein für dieses Projekt 350 Bücher durchstöbert hat, „aber in Florenz, nicht Rom“. Alles mithin irgendwie verbrieft, sagt der Macher erfolgreicher Serien von Copper über Homicide bis Oz mit schönstem Hollywoodgrinsen, „aber wir müssen die kleinen Goldklumpen historischer Authentizität natürlich ausschmücken“. Es geht um Schauwert. Um Massentauglichkeit. Weltweit. Schließlich hat die neue Staffel fünf Millionen Euro mehr verschlungen als die alte, von der entstehenden ganz zu schweigen – da muss das Ergebnis in möglichst vielen Ländern funktionieren, um sich zu rechnen.
Aber weltweit gute Einschaltquoten für europäische Mehrteiler wie vor elf Jahren Napoleon oder zuletzt Krieg und Frieden zeigen aus Sicht von Produzent Jan Mojto, „dass das Publikum historische Stoffe auch dann will, wenn sie komplex sind.“ Es wolle vor allem die riesigen Ränkespiele, Schlachtfelder, Alphatiere beim Auf- wie Abstieg zusehen, ergänzt Autor Fontana. „Wir leben in Zeiten der Angst, Extreme und Unsicherheiten.“ Da sei es doch beruhigend, anderen dabei zuzusehen, „wie sie das in ihrer Zeit gemeistert haben“.
Tatsächlich aber faszinieren selbst die realistischsten Historienschinken und glaubhaftesten Filmdynastien erst durch eine Hintertür ins Märchenhafte. So wie die gefeierte HBO-Serie Rom füttert auch Borgia“ unsere Lust am Bösen, ohne ihre Konsequenzen wirklich fürchten zu müssen. Ist ja doch bloß Antike, Mittelalter, lange her. Und Rodrigo Borgia gibt vor über 500 Jahren einen JR Ewing ab, der wie in Dallas dann doch zu abgehoben, irreal, zu künstlich wirkt, um wahr zu sein.
Die verstörend spürbare Horrorreihe Saw dagegen, eine unprätentiös frontale Verbrechersaga wie die Sopranos oder das heruntergekommene Baltimore der fantastischen Krimiserie The Wire dagegen finden hierzulande auch deshalb vor allem auf DVD statt, weil dem Durchschnittszuschauer die dunkle Seite der Macht im Lichte der Wirklichkeit gar nicht so lieb ist. So gesehen könnte Borgia nach den europaweiten Quotenrekorden auch in der 2. Staffel durchstarten. Und das, obwohl die Reihe abermals in sechs abendfüllenden Teilstücken läuft statt wie andernorts verteilt auf zehn Abende, und dabei zudem stets am Rande der Überzeichnung balanciert.
Filmevents dieser Bauart funktionieren eben offenbar nur mit einer Monsterwelle an Sex’n’Crime’n’Dramadrama, die nun erneut jede der 600 Minuten flutet, bis Blut, Schweiß, Sperma förmlich vom Flatscreen spritzen. Und zwar so energisch, dass das ZDF 25 Minuten herausschneiden ließ. Aber keine Sorge: der Rest ist saftig genug. Ebenso wichtig wie ein Maximum an – historisch selbstredend belegbarer – Körperlichkeit, wie Tom Fontana beschwört, ist allerdings ein Casting, das allen Zielmärkten ausreichend Rechnung trägt. Der Wire-Star John Doman beliefert als Rodrigo Borgia erneut den amerikanischen, Assumpta Serna als seine mächtige Mätresse den spanischen, Mark Ryder als gemeinsamer Sohn den britischen. Und aus Deutschland: Isolda Dychauk als durchgehend bedeutsame Papst-Tochter Lukrezia oder Victor Schefé, dessen Zeremonienmeister Johann Burckhardt nur scheinbar eine Nebenrolle spielt.
Tatsächlich sorgt seine Figur für die schriftliche Überlieferung der ganzen Epoche und somit für den nötigen Kitt in die Gegenwart. „Ich bin das Gedächtnis der Serie“, sagt der versierte Bühnenmime in Birkenstocksandalen zwischen zwei Drehterminen und freut sich spürbar über seine Relevanz. „Erst im Nachhinein ist ja vieles verfälscht worden.“ Durch Päpste und Puristen, Kaiser, Kirchenfürsten und ein bisschen durch Tom Fontana – den alten neuen Herrscher des Historienevents.
http://www.zdf.de/ZDFmediathek/kanaluebersicht/aktuellste/1415454#/beitrag/video/1970538/Borgia—Folge-1-der-zweiten-Staffel
Posted: October 2, 2013 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch |
Heimat ist ortslos geworden
Nach dem großen Erfolg von Heimat, der durchgefallen Fortsetzung Die Zweite Heimat und dem gefeierten 3. Teil Heimat3 setzt der Filmemacher Edgar Reitz seinen epochalen Fernseh-Zyklus aus dem Hunsrück nun wie immer ohne Stars mit dem Prequel Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht fort. Es ist das rückwärtsgewandte Finale einer mehr als 50-stündigen Erzählung deutscher Geschichte über zweieinhalb Jahrhunderte, die zum Wichtigsten zählt, was der deutsche Film je produziert hat. Aus Anlass des morgigen Kino-Starts bringen die freitagsmedien ein mittwochsgespräch aus dem Jahr 2004 übers Werk, Heimatgefühle und Kindheitserinnerungen des Regisseurs, der am 1. November 82 Jahre alt wird.
Interview: Jan Freitag
freitagsmedien: Herr Reitz, wo genau ist eigentlich Ihre Heimat?
Edgar Reitz: Ich lebe seit 40 Jahren in München. Mit Unterbrechungen, ich war auch mal in anderen großen Städten zuhause. Aber München ist der Ort, an den ich letztlich immer wieder zurückgekehrt bin. Wichtig ist, wenn man so lange an einem Ort lebt: ich habe dort auch meine wichtigen Freunde und meine Familie. Was mich diese Stadt so heimatlich erscheinen lässt, spüre ich immer, wenn ich durch die Straßen fahre, immer weiß, wo ich bin. Dass ich die Geografie der Stadt inzwischen im Blut habe, das Wiedererkennen der Wege, das erzeugt in mir das Gefühl von Heimat. Es ist sozusagen eine zweite Heimat, denn ich bin ja kein gebürtiger, kein bayerischer Münchener.
Sie stammen aus dem Hunsrück, dem Ort, an dem Ihr Heimat-Zyklus spielt.
Ganz genau.
Heimat ist für sie also wandelbar.
Das muss man heute so sehen; ursprünglich war es ja nicht so. Es gibt aber auch etwas nicht Wandelbares: Die Welt der Kindheit. Wir können als Kinder eben nicht wählen, wo wir aufwachsen, und wir können uns auch nicht die Familie oder das Umfeld aussuchen. Das wird uns durch Geburt serviert. Diese ersten Erfahrungen, die frühen Bilder, die ersten Horizonte sind von einer Intensität, die es später im Leben nie mehr wieder gibt. Das sieht man auch in jeglicher Form künstlerischer Verarbeitung – alle Künstler schöpfen doch aus diesen Quellen, aus den Bildern der Kindheit. Deswegen dreht sich auch alles, was sich in meiner Phantasie, in meinen Erinnerungen, im Bereich der Poesie abspielt, irgendwie immer um den Hunsrück.
Und diese Kindheitsheimat ist schmerzunempfindlicher, was in der Kindheit passiert, kann der Heimat nichts anhaben.
An dem Ort, wo man es ursprünglich erfährt, verliert man sie immer, indem man wächst, größer wird, sich immer weiter in die Welt hinausbewegt. Und wenn man mal dem Sichtfeld der Eltern entwischt ist, dann spielt sie dann irgendwann eine geringere Rolle. Es gibt ja heutzutage immer weniger Menschen, die ein Leben lang am Ort ihrer Kindheit bleiben. Die Menschen bewegen sich so wie ich.
Sind Sie in diesem Sinne dennoch ein klassischer Provinzler?
Also von meiner Herkunft her ja, auf jedem Fall.
Wie viel Provinz steckt denn noch im Begriff Heimat?
Ursprünglich sehr viel, nachträglich gar keine mehr. Weil Provinz früher die Welt der Dörfer war, das Ländliche, gekennzeichnet durch ein riesiges Informationsgefälle gegenüber den Großstädten und vor allem durch einen engeren Erfahrungshorizont. Aber das hat sich sehr gewandelt. Provinz gibt es heute nicht mehr als Ort. Die Menschen auf dem Land sind heutzutage ja längst up to date, in Fragen des Lebensstils ganz vorn, manchmal sogar weiter vorn als in den Großstädten, wo man mittlerweile einen neuen Konservativismus beobachten kann, der auf dem Lande immer weniger zu Hause ist. Zumindest außerhalb Bayerns. Aber Provinz findet sich in den Köpfen wieder. Und da findet sich dieses neue Phänomen wieder: Ebenso wie Heimat ortslos geworden ist, ist auch Provinz ortslos geworden. Die provinziellen Köpfe findet man überall, in den größten Städten und mitten im Publikum.
So gesehen spielt ihr Heimat-Zyklus gar nicht in der Provinz.
Nein, er spielt in der Welt, in der wir leben. Im vollen Bewusstsein aller Strömungen, aller kulturellen Einflüsse und etwa denen des Marktes.
Thomas Brussig, Ihr Co-Autor des dritten Teils der Reihe, hat gesagt, Heimat sei nach Freiheit der meist missbrauchte Begriff. Welcher von beiden wurde nach 1989 mehr missbraucht?
Ich denke das mit der Freiheit ist schlimmer. Denn Freiheit ist fast nicht ideologiefrei zu haben. Freiheit muss definiert werden, während Heimat auch ohne intellektuelle Vorleistung zu haben ist.
Aber Heimat hat es trotzdem schwerer, weil Freiheit einfach erstrebenswerter klingt, oder?
Sicher, der Begriff hat’s schwer. Und trotzdem wissen alle, was damit gemeint ist. Heimat wird erst schwierig, wenn man darüber spricht, während Freiheit schwierig wird, wenn man aufhört darüber zu reden.
Schöner Satz. Jetzt könnte man das Interview eigentlich beenden.
Könnten Sie. Wollen Sie denn schon?
Um Gottes Willen! Ist Heimat3 eine Wendegeschichte oder einfach eine Geschichte nach der Wende?
Die Impulse der Wende spielen eine sehr große Rolle bei Heimat3. Sie brachte so eine Euphorie des Deutschseins mit sich. Man stellte sich plötzlich vor, dass im erweiterten Raum so etwas wie ein neues Glück zu haben sei und dass es nur darauf ankäme, mit entsprechender Initiativkraft und Phantasie die neue Epoche in Angriff zu nehmen und schön wird alles besser als es war. Für die im Osten sowieso, aber für die im Westen auch. Dort haben sich zum Beispiel viele Geschäftsleute das ganz große Geld erhofft. In der Phantasie ist alles mögliche passiert. Es sind Tausende von neuen Lebensentwürfen entstanden.
Die in Heimat3 einfließen.
Die mit einfließen. So habe ich einen großen stofflichen Anschwung gehabt. Denn so viele Lebensentwürfe am Anfang einer so großen Erzählung – da stellt sich die Frage, was daraus werden kann. Und genau das ist die Story geworden.
Hätte es Heimat3 ohne den Fall der Mauer gegeben?
Vielleicht hätte es eine dritte Heimat gegeben, aber ganz bestimmt nicht diese. Denn der Fall der Mauer war für mich der unmittelbare Anstoß, Heimat3 zu planen. Das passierte damals mitten in den Dreharbeiten zu Die zweite Heimat und ich musste mich schon von Berufs wegen fragen: kann man so was erleben, ohne je filmisch darauf zu reagieren? Ich konnte das während der damaligen Dreharbeiten leider noch nicht und hab das damit später nachgeholt.
Werden Ihre Geschichten deshalb so monumental, weil sie als Autor und Regisseur wirklich jeden Impuls der Zeit aufnehmen müssen?
Na ja, was heißt monumental – die Filme sind doch einfach Lebensläufe. Ich mache ja keine dramatische Unterhaltungsgeschichte. Für mich ist es das Interesse am Leben, an den Menschen, und wo soll denn das enden? Solange einer lebt, ist er für mich ein Thema. Und wenn er stirbt, taucht immer jemand anderes aus dem Umfeld auf, der es wert ist, erzählt zu werden. Das Prinzip des unendlichen Erzählens ist für mich ein großes Stimulans. Ich kann überhaupt nicht aufhören damit. Es gibt einfach nichts Schöneres als Geschichtenerzählen, sich immer wieder erneuern zu lassen. Es ist ja nicht so, dass ich von meinen Zuschauer erwarte, in eine Einbahnstraße mit mir zu gehen. Die Auswahl ist riesig. Mittlerweile geht es um über 300 Figuren aus allen sozialen Schichten, aus allen Lebensaltern. Da kann man sich schon was aussuchen.
Könnten Sie nach nunmehr 30 Teilen Heimat überhaupt noch einen abgeschlossenen 90-minütigen Film drehen?
Ach, ich will das nicht ausschließen. Aber man tut immer gut daran, sein Talent zu nutzen. Ich habe nun mal die Fähigkeit, große Geschichten so zu erzählen, dass mir mein Publikum nicht wegläuft. Und wenn ich das nicht mehr nutzen würde, wäre ich schlecht beraten. Es gibt unendlich viele Formen des Kinos und des Films und das ist meine. Jeder nach seinem Talent.
Klingt schwer nach Heimat4.
Ich mache Filme solange ich lebe und kann mir kein Jahr ohne ein Filmprojekt vorstellen. Das ist für mich nicht nur ein Lebensmittel, sondern auch ein Überlebensmittel. Ob das dann wieder Heimat heißt, wird sich zeigen.
Die Charaktere sind aber vermutlich noch nicht durch erzählt.
Es gibt immer wieder neue Anfänge, auch in Heimat3 gibt es wunderbare Anfänge für Geschichten, wenn Sie zum Beispiel den kleinen Millionenerben nehmen, der 1992 geboren wird. Das schreit danach, zu erzählen, was an seinem 18. Geburtstag passiert, wenn er mündig ist und an seine Konten kann.
Und Sie lassen sich aus Altersgründen nicht davon abhalten, dass selbst zu machen.
In künstlerischen Dingen kann man nicht delegieren. Jeder kann nur seinen eigenen Weg finden und meiner kann nur meiner sein. Das ist ja keine Altersfrage, sondern eine Frage der Kondition.
Posted: October 1, 2013 | Author: Jan Freitag | Filed under: 2 dienstagsmarthe |
Wann immer Frauen in schicken Klamotten zweidimensional herumstehen, rutschen die Fußspitzen aufeinander zu wie bei schüchternen Klosterschülern. Merkwürdig
Parfumwerbemodels tun es. DSDS-Kandidatinnen tun es. Gestandene Fernsehschönheiten tun es. Ja selbst Heidi Klum tut es, die besonders: Gefilmte, fotografierte, moderierende, castende oder gecastete Frauen stehen bei aufreizenden, also sexualisierten Posen in engen, also sexualisierten Klamotten und halsbrecherischen, also sexualisierten Schuhen grundsätzlich herum, wie alles andere als aufreizende, sexualisierte Schulmädchen – Hacken auseinander, Fußspitzen zusammen, Beine leichte geöffnet, infantil also bis kindisch. Merkwürdig.
Aber irgendwie auch logisch. Denn selbst vermeintlich starke Frauen wie, sagen wir: Barbara Schöneberger sind bloß vermeintlich selbstbestimmte Platzhalterinnen der permanenten, lustfixierten, dauerhafaten Verfügbarkeit ihres Geschlechts. Da Männer sich ihre Miezen noch immer gern untertan träumen, da viele insgeheim die alten Zeiten rückratloser Heimchen zurücksehnen, da emanzipierte Frauen doch eher nein als ja sagen, liefern ihnen die Medien nämlich zumindest dem Habitus nach dämliche Mädels frei Haus. Und die tragen zwar selten mehr als 26 Gramm Textilien am Leib; ihre Killerheals – deren Höhe die Zehen schon physiognomisch zusammendrückt – suggerieren allerdings Pubertät, also latente Willenlosigkeit. Klingt befremdlich machtgeil, ist am Ende aber doch bloß männlich.
Posted: September 30, 2013 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen |
Die Gebrauchtwoche
23. – 29. September
Der öffentlich-rechtliche Witz ist ein Wachkoma-Patient. Trotz seltener Perlen von Ditsche bis zur heute-show führt er ein Schattendasein im trüben Licht des humoristisch tonangebenden Kaugummikanals Pro7, an Heiterkeit gar überholt vom Romanzensender Sat1 und der unfreiwilligen Komik bei RTL. Kein Wunder, dass sich Markus Lanz nun Hilfe holt, um sich wenigstens nicht durch die Schmunzelkrimis der ARD am Zwerchfell überholen zu lassen: Wetten, dass…?, kündigte dessen Redaktionsleiter vorige Woche in einem Interview an, werde künftig durch die Hilfe professioneller Gag-Schreiber erheitert. Und auch, wenn das Zweite rasch dementierte, steht somit fest: ARZDF mögen selten echt lustig sein; die Erkenntnis, dass sich Frohsinn nicht in kollektivem Schunkeln erschöpft, zeugt von einer gewissen Realitätszugewandtheit.
Der auch die Mainzer Konkurrenz Rechnung trägt, indem sie Neues aus der Anstalt ab 2014 nicht mehr von den leicht abgehangenen Urban Priol und Markus Barwasser, sondern den weit frischeren Claus von Wagner und Max Uthoff präsentieren lässt. Ob das politisch ähnlich amüsant wird wie, sagen wir: Scheibenwischer oder doch eher Hallervordens Dicke-Brillen-Ulk früherer Tage, den die derzeitigen Anstaltsleiter mit Starkstromfrisur und Sepplhut zumindest habituell verkörpern, bleibt abzuwarten. Schon jetzt allerdings wird klar, dass ein privater Mitbewerber um die missvergnüglichste Realität künftig einen gespielten Witz ersetzen muss. Er heißt Senior Vice President Nachrichten und politische Information und müht sich seit Jahren redlich, was die Pro Sieben Sat1 Media AG seit dem Verkauf der News-Sparte so als Information ausgibt, einigermaßen seriös wirken zu lassen.
Jetzt wechselt Peter Limbourg als Intendant zur Deutschen Welle und müsste der Mechanik dieser Vollprogrammkarikatur gemäß eigentlich von Henning Baum ersetzt werden. Oder vielleicht Sonya Kraus. Echte Kandidaten mit nachrichtlicher Kompetenz dürfte es schließlich nicht geben, beim Ex-Kanzlersender ohne Kanzlerduell. Da reicht als Bewerbungskriterium vermutlich schon eine leidlich nüchterne Optik. Graue Haare etwa, was Dominik Raacke qualifizieren könnte. Der scheidende Tatort-Kommissar hat ja nun wieder Zeit, nachdem er dem gerade verkündeten Ende seines Einsatzes in Berlin zuvor kam und die obligatorische Abschiedsepisode verweigerte. Was immerhin wie bei der Anstaltssause für neues Blut in der uralten Reihe sorgen wird.
Eine Frischzellenkur, die dem Emmy 2013 merkwürdigerweise fehlt. Der weltweit wichtigste TV-Preis ging diesmal an tradierte Formate von Breaking Bad bis Big Bang Theory und Darsteller wie Michael Douglas (Liberace) oder Claire Danes (Homeland), statt wirklich ungewohnte Charaktere, etwa die wunderbare Lena Dunham für Girls zu prämieren, geschweige denn das Internetprodukt House of Cards. Irgendwie ist selbst in den USA alles eben doch wie gehabt.
Die Neuwoche
30. September – 6. Oktober
Foto: Slickers
Was man vom deutschen Fernsehen ausnahmsweise mal nicht behaupten kann. Selbstredend wimmelt es hier auch ab heute von Stangenware. Die TV-Köche Kotaska, Baudrexel und Zacherl etwa, denen Vox morgen wieder beim Retten irgendwelcher Restaurants beiwohnt. Oder der Wrestling-Greis Mr. T, den Kabel1 Donnerstag allen Ernstes für irgendeine Pannenshow aus der Kiste zerrt. Und da war dann noch nicht vom Irrsinn die Rede, dem Deutschen Fernsehpreis 2013 (Freitag, 22.15 Uhr, Sat1) am Mittwoch durch die moderierende Doppelfrechheit Oliver Pocher und Cindy aus Marzahn weitere Relevanz zu nehmen. Das Erste allerdings beweist Samstagnachmittag, dass man Begriffe von Heimat vermitteln kann, ohne dabei debil zu tümeln. In 16x Deutschland zeigen haupt- wie nebenamtliche Filmemacher von Andreas Dresen über Charly Hübner und Nico Hofmann bis hin zu Rocko Schamoni ihre Sicht auf ihre Bundesländer.
Das ist nicht immer brillant, aber durchweg abseits vom Strom, unkonventionell gar und überraschend, also das exakte Gegenteil von dem, was uns das ZDF als „Event des Jahres“ verkaufen will: Die zweite Staffel von Borgia (Montag, 20.15 Uhr). Gut – die neuen 600 Minuten übers mächtige Adelsgeschlecht an der Schwelle zur Renaissance sind wie die der ersten Staffel vor zwei Jahren ungeheuer aufwändig produziert und opulent bebildert; jede einzelne davon hat allerdings sehr viel Schauwert, aber eher wenig Substanz.
Was wiederum verteufelt an eine filmische Frechheit namens Helden – Wenn dein Land dich braucht erinnert, in der RTL die Bundesrepublik ausgerechnet am Einheitstag von einem schwarzen Loch auffuttern lässt und dabei jedes, wirklich jedes einzelne Klischee des Katastrophenfilmgenres auslutscht. Wer krank das Bett hütet, zum Lesen zu schlapp ist und keinen Festplattenrecorder hat, dem könnte man angesichts so viel Stumpfsinns glatt die zeitgleiche Neuauflage von Dalli Dalli mit dem anbiedernden Titel Das ist Spitze! empfehlen. Aber es gibt ja noch Arte, wo parallel um 21 Uhr die dritte Staffel der dänischen Politserie Borgen startet. Ebenfalls Arte, ebenfalls sehenswert: Der französische Rache-Road-Krimi Auge um Auge am Freitagabend, dicht gefolgt vom Christian Schwochows Psychodrama Die Unsichtbare über eine verklemmte Schauspielschülerin, die von einem manipulativen Regisseur als Femme Fatale (fehl)besetzt wird.
So geht gehaltvolles Fernsehen ohne Bombast – das morgen auch der WDR zeigt, wenngleich als Wiederholungsfall: Ich liebe dich Philipp Morris ist eine lockere Homo-Knast-Story nach realen Motiven mit Ewan McGregor und Jim Carrey. Durchaus interessant verspricht auch eine Dokumentation auf, Achtung: n-tv zu werden. Ab heute läuft auf dem Baggerkanal der Zehnteiler Die Geschichte Amerikas, in der Oliver Stone die Hegemonie der USA kritisch seziert (dabei indes zuweilen fast stalinistisch argumentiert). Der Tipp der Woche kehrt dann wieder in heimische Gefilde zurück und somit auf Anfang: Weil es das letzte Mal sein wird, sollte man Urban Priol und Markus Barwasser bei ihrem letzten Anstaltseinsatz am Dienstag vielleicht doch nochmals die Ehre erweisen. Witziger wird’s öffentlich-rechtlich wohl auch nicht.
Posted: September 28, 2013 | Author: Jan Freitag | Filed under: 6 wochenendreportage |
Neue Deutsche Novelle
Seit 2006 gibt es das Comic Festival Hamburg. Die 8. Ausgabe zeigt aufs Neue, wie die Szene wächst. Und welche Bedeutung die Hansestadt dafür hat
Von Jan Freitag
Die Zeit gezeichneter Kurzgeschichtchen ist vorbei, selbst im popkulturell gern spät zündenden Deutschland. Es lebe die große Erzählung! Dafür reichen schon zwei Schritte abwärts in eine Herzkammer der zugehörigen Szene auf dem Hamburger Kiez. Zu Hunderten, wohl Tausenden stehen sie hier dicht gedrängt in Regalen, liegen fein säuberlich auf Tischen, zieren schicke Aufsteller zwischendrin: Comics. Aber nicht bloß Klassiker von Hergé über Disney bis Uderzo (die natürlich auch); nein – neue Comics, frische Comics, lange Comics, oft epische Comics.
Der gemütliche Laden im Souterrain mag „Strips & Stories“ heißen, doch ersteres findet man hier kaum, dafür umso mehr von letzterem. Nur dass sie nun etwas anders heißen. Graphic Novels nämlich, Romane in Bildform statt Bildgeschichten mit Rahmenhandlung. Fast vier Jahrzehnte nach dem Aufkommen des Begriffs und knappe drei nach Art Spiegelmans epochaler Holocaust-Fabel „Maus“ gelten die betexteten Illustrationen als Heilsbringer einer Subkultur auf dem Weg Richtung Mainstream. Die amerikanische Klammer verhelfe seiner Branche schließlich durchaus zu Popularität, sagt auch Sascha Hommer inmitten der pittoresken Bilderwelt nahe der Reeperbahn. Doch sein gequältes Lächeln deutet ein großes „Aber“ an. Graphic Novel sei ja zunächst mal ein PR-Begriff, der selbst unter den Künstlern dahinter alles andere als unumstritten sei und zudem „über den Stil rein gar nichts“ aussagt.
Was es im Riesenreich der Bandes Dessinées, wie Comics im frankophonen Kerngebiet heißen, darüber hinaus noch zu entdecken gibt, in welchem Ausmaß auch hiesige Werke gegenüber der französischen bis belgischen Elite langsam aufholen, wohin die gezeichnete Reise derzeit geht – all dies will der versierte Comiczeichner deshalb ab diesem Wochenende abermals unters Publikum bringen. Vor sieben Jahren hat der Schwarzwälder in seiner Wahlheimat mit dem Kunstkollegen Heiner Fischer das „Comic Festival Hamburg“ gegründet, eine Plattform von Künstlern für Künstler und ihr stetig wachsendes Abnehmerfeld, wie der 34-Jährige mit der modernen Groß(stadt)brille betont. „Bei uns stehen nicht die Verlage im Zentrum wie auf den Großveranstaltungen von Erlangen oder München“, sagt er, sondern unser eigener Geschmack, unsere Leidenschaft“. Und natürlich die Leser.
Denen wird ab kommendem Donnerstag im Großraum St. Pauli der ganze Kosmos globalen Comicschaffens präsentiert. Es gibt Workshops und Ausstellungen, Symposien und Gespräche, Filme, die obligatorische Abschiedsparty und selbstredend viel zu kaufen. Comics sind schließlich auch ein Geschäft. Vor allem aber, beteuert der Verleger, Verfasser und Fan in Personalunion, ist es eine kreative Ausdrucksform, die längst mehr ist, als die Summer ihrer „Panel“ genannten Einzelbilder. Um das zu zeigen, hat sich Sascha Hommers Festival zudem Zeichner von grenzübergreifendem Ruf eingeladen, genauer: Zeichnerinnen. Dass mit Rutu Modan aus Israel, der Französin Peggy Adam und ihrer kanadischen Kollegin Geneviève Castrée drei international angesehene Autorinnen ihre neuesten Werke in Hamburg vorstellen, belegt dabei zweierlei: Die Szene hat sich von den Wurzeln männlicher Zeichner für männliche Nerds gelöst. Und Hamburg kann trotz des anhaltenden Braindrains arrivierter Künstler nach Berlin seinen Ruf als heimliche Hauptstadt des Comics bewahren. Und as liegt auch an Anke Feuchtenberger.
Die Design-Professorin an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften gilt seit den 90er Jahren als zentrale Figur der örtlichen Gemeinde. Mit ihrem artifiziellen, zuweilen als spezifisch deutsch bezeichneten Zeichenstil jenseits klarer Figürlichkeit hat die 50-Jährige Ost-Berlinerin vom Berliner Tor aus eine ganze Generation junger Künstler beeinflusst, darunter Sascha Hommer selbst – der allerdings noch einen anderen Grund nennt, warum Hamburg nach wie vor bedeutsam ist für die deutsche Comiclandschaft: Ein „fast calvinistisches Arbeitsethos“ sorge dafür, dass viele seiner Kollegen „wie im Hamsterrad produzieren“, also aufopferungsvoll zeichnen, bis die Finger bluten. „Das kommt dieser aufwändigen Kunstform sehr entgegen.“ Kein Wunder, dass sich auch Hommer selbst und seine zehn Mitstreitenden im Hamsterrad ihres aktuellen Projekts aufopfern. Ehrenamtlich haben sie dem einstigen No-Budget-Festival einen Etat verschafft und verglichen mit den Vorjahren auch deutlich mehr Programm. In Vorbereitung auf die vier Haupttage am kommenden Wochenende gibt es breit gestreute Zusatzveranstaltungen, „Satelliten“ genannt, Anlaufpunkte für Interessierte aller Art, um Comic-Kultur 2013 in all ihren Facetten zu erleben.
Im Mittelpunkt aber stehen dennoch die drei, nun ja: Stars des literarischen Independent, der es zwar längst auf die Kulturseiten von Süddeutsche und Zeit schafft, aber selbst als zugkräftige Graphic Novel noch immer eine Randexistenz im Schatten des geschriebenen Romans führt. Peggy Adam etwa spricht über ihr schwarzweißes Drama Luchadoras, in dem es zu grob verfremdeten Bildern um ganz reale Männergewalt gegen mexikanische Frauen geht. Ruto Modan erklärt ihre schattenlos kolorierte Holocaustaufarbeitung Das Erbe, was ihr etwas leichter fallen dürfte als Geneviève Castrée, deren autobiografische Familienstory mit abstraktem Strich mehr Fragen offen lässt als beantwortet. Es sind Stoffe zwischen harter Historie, soziokulturellem Irrsinn und bildgewaltigem Tagtraum. Eine Mischung, die auch das Festival, ja die Comicszene insgesamt kennzeichnet. Geschichtchen waren gestern.
Programm und Infos: www.comicfestivalhamburg.de
Posted: September 26, 2013 | Author: Jan Freitag | Filed under: 3 mittwochsporträt |
Queer as TV
Trotz hartnäckiger Klischees und Bully Herbig kommen Schwule langsam an im Stromliniefernsehen. Davon zeugte vor zwei Jahren nicht zuletzt der Tatort: Mord in der ersten Liga (Dienstag, 22 Uhr, NDR). Trotzdem zeigt nicht nur die Ausblendung lesbischer Lebensentwürfe, dass es bis zur queeren Gleichberechtigung am Bildschirm noch ein Stück hin sein dürfte.
Von Jan Freitag
Etwas Nettes übers Fernsehen zu sagen, ist nicht sonderlich en vogue. Ihm gar Lernfähigkeit, Randgruppenaffinität oder Weitsicht zu unterstellen, sorgt für feuilletonistisches Kopfschütteln. Schwer angesagt ist TV-Bashing, Knüppel aus dem Sack, rauf aufs Leitmedium. Schließlich gilt es (nicht ganz zu unrecht) als massenhaft, quotenfixiert, stromlinienförmig, dazu ziemlich gestrig und bisweilen sehr, sehr dumm. Da sollte man mal ein freundliches Wort übers digitale Lagerfeuer verlieren. Denn das Fernsehen, es emanzipiert sich – langsam natürlich, eher unterschwellig, aber deutlich fühlbar – zumindest von einer Altlast: seiner Homophobie.
Genau 40 Jahre, nachdem sich der Bayerische Rundfunk Rosa von Praunheims Milieustudie Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt oaus dem Gemeinschaftsprogramm der ARD geschaltet hat und weitere vier Jahre – schockgefrostet über Jürgen Prochnows Männerkuss – auch aus Wolfgang Petersens Film Die Konsequenz, findet auch im CSU-Land längst das ganze Spektrum homosexueller Lebensformen am Bildschirm statt. Und zwar so sehr, dass die Subkultur in Film, Serie und Werbung zunehmend als Teil der Hochkultur erscheint. Mehr noch – am Flatscreen dürfen sie sogar ziemlich gewöhnliche Leute sein, mit normalen Bedürfnissen, Gewohnheiten, Macken. Und normal heißt hier nicht wie soziokulturell bisher üblich, besser als andersartig, sondern der Normierung durch lang anhaltende Praxis entsprechend. Die durchaus bemerkenswerte Sat.1-Komödie All you need is love mit dem sagenhaft dämlichen Untertitel Meine Schwiegermutter ist ein Mann etwa handelt von gleichgeschlechtlichem Heiraten in der heteronormativen Provinz und Homosexualität, das zeigt sich dort zwischen ein paar unvermeidlichen Klischees, dient nicht mehr nur zur Konterkarierung heterosexueller Normalität, sondern eher umgekehrt der Offenlegung bürgerlicher Intoleranz.
Und das war vor gar nicht allzu langer Zeit noch fast undenkbar auf einem Kommerzkanal wie diesem. Fast ein Vierteljahrhundert nach dem berühmten Zungenkuss zweier Männer in der Lindenstraße des linksliberalen Fernsehweltverbesserers Hans W. Geissendörfer aus dem stockkonservativen Augsburg nämlich, war das Bild der anderen sexuellen Identität, die nur allzu gern als sexuelle Orientierung diffamiert wird, eine zutiefst verklemmte. Noch vor vier Jahren belegte der immense Erfolg von „Bully“ Herbigs Schwulenwitzen in Spielfilmlänge, dass sich zum Lachen der Typus Tunte offenbar am besten eignet. Und debile Sitcoms à la Bewegte Männer sorgten ebenso wie der ProSieben-Ulk Andersrum mit Heinz Hönig und Rolf Zacher als überdrehtes Tuckenpaar besonders für dreierlei: Fremdscham, Spott und Hohngelächter. Ob vom Band im Studio oder aus chauvinistischen Mackerkehlen daheim. Schwule taugten eben vor allem fürs Amüsement heterosexueller Abwehrreflexe. Den Betroffenen dürfte das Lachen noch heute im Halse stecken.
Doch die erbärmlichsten Zeiten scheinen langsam passé. In Telenovelas, Seifenopern, Alltagsromanzen und Filmen mit Anspruch kommen Homosexuelle längst besser weg als früher. Falls überhaupt, denn in immer mehr Formaten wird ihr Liebesleben nur am Rande thematisiert, während der explizite Outing-Streifen, die Travestie-Show, das Szene-Porträt dem (leider gescheiterten) Klientelkanal TIMM vorbehalten bleibt oder Hochglanzserien wie The L-Word und Queer as Folk. Wie mainstreamtauglich schwul im Fernsehen mittlerweile ist, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass im Tatort: Mord in der ersten Liga vor zwei Jahren sogar ein Profifußballer aus Hannover queer sein durfte (dafür allerdings sterben musste). Im Breiten-TV nähern sich Männer, die Männer lieben, also dem höchsten aller emanzipatorischen Ziele: Unsichtbarkeit, ohne sich verstecken zu müssen.
Davon ist die artverwandte, doppelt diskriminierte weibliche Seite noch ein Stück entfernt. Lesben kommen im Fernsehen kaum vor. Im Gegenteil: eine offensiv geoutete Darstellerin wie Ulrike Folkerts wartet auch nach fast 25 Jahren Tatort auf so etwas wie ein aktives Liebesleben und wenn sie andernorts doch mal eins haben darf, wird sie schwanger wie einst in der pappflachen Sat.1-Komödie Liebe in anderen Umständen. Und so bleibt die wundervolle Rosalie aus der ARD-Serie Berlin, Berlin doch eine Ausnahme: Gebildet, freundlich, attraktiv, ökonomisch prekär, emotional suchend, eine Mittzwanzigerin eben wie aus der Kreuzbergfibel. Keine betont männliche „Butch“ der Marke Walter aus dem RTL-Frauenknast, wie sie bis dato – wenn überhaupt – in Film und Fernsehen zu sehen war; keine betont weibliche „Femme“, wie sie die Medien – wenn überhaupt – pflegen. Weder hässlich und schroff noch bildschön und erfolgreich also. Für soviel Emanzipation ist das Fernsehen offenbar doch noch nicht reif.
Posted: September 25, 2013 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch |
Ich mag den
Jörg Hartmann ist einer der herausragenden Schauspieler im Land. Umso erstaunlicher, dass der Westfale erst im biblischen Alter von fast 40 fürs Fernsehen entdeckt wurde. Dort hat er es allerdings in kürzester Zeit zum Tatort-Kommissar gebracht – nicht zuletzt wegen seiner grandiosen Rolle als emotional zerrütteter Stasi-Offizier Falk Kupfer in der ARD-Serie Weissensee (dienstags, 20.15 Uhr, ARD).
Interview: Jan Freitag
freitagsmedien: Herr Hartmann, kann es sein, dass die Besetzungsliste von Weissensee nicht ganz korrekt ist?
Jörg Hartmann: Huch, inwiefern?
Sie stehen an sechster Stelle, sind aber eigentlich der Hauptdarsteller.
Ach du Scheiße, ich stehe hinter den zwei Liebespaaren? Da muss jetzt erstmal mein Ego mit klarkommen… (lacht). Nee ernsthaft, es gibt nicht die eine Hauptfigur, aber als ständig treibende statt bloß getriebene Kraft ist Falk Kupfer schon eine Triebfeder der Geschichte. Andererseits docken Zuschauer emotional gern positiv an einer bestimmten Figur an; bei meiner dürften das eher wenige tun.
Dafür sorgt sie für den Thrill der Tyrannei.
Und ist somit natürlich alles andere als ein Sympathieträger. Zumal er trotz aller Konflikte und Ängste stets das System verkörpert. Der wird sich nie wirklich ändern.
Aber wünscht man sich als Schauspieler nicht genau das – eine Figur, die sich wandelt?
Wie bei Ulrich Mühe, der im Leben der anderen vom Saulus zum Paulus reift? Grundsätzlich schon, aber es geht hier ja nicht um meine Wünsche, sondern eine Geschichte, deren Figuren im Rahmen des Drehbuchs realistisch ausgefüllt werden müssen. In dem Rahmen kann ich zum Beispiel die Sehnsucht nach Anerkennung des Vaters stärker gewichten als pure Systemtreue. Aber Falk sieht sich trotz seiner bürgerlichen Privilegien ja als Gralshüter der sozialistischen Lehre. Er ist ein absoluter Idealist.
Nicht eher ein Opportunist?
Nein, ein Überzeugungstäter auf einem harten, steinigen Weg, der viele andere um ihn herum langsam aufweichen lässt. Er fordert jedoch von allen viel ein, doch von niemandem mehr als von sich selbst.
Müssen Sie dieses Verständnis für negative Charaktere aufbringen, um sie glaubhaft spielen zu können?
Unbedingt. Ein reines Arschloch zu spielen macht weit weniger Spaß. Und Falk ist für mich gar keins, weil ich ihn Stück für Stück begriffen habe. Ich mag den. Ohne ihn zu entschuldigen – das ist doch ne arme Sau, so verklemmt, verkrampft und kalt wie er ist.
Wie haben Sie sich auf ihn vorbereitet – im Gespräch mit alten Stasi-Offizieren?
Ach, an die kommt man doch gar nicht ran. Dafür hab ich Doktorarbeiten über Verhörtaktiken von denen gelesen, aber auch Opferbücher wie Vernehmungsprotokolle von Jürgen Fuchs. Außerdem habe ich viel in der Birthler-Behörde recherchiert, Videoaufnahmen studiert und natürlich Filme gesehen, vor allem Dokus.
Klingt nach einem fast wissenschaftlichen Ansatz?
Bei der historischen Verantwortung dieser Rolle ist das auch nötig. Dennoch bleibt es eine Fiktion, auch wenn es von vielen womöglich für bare Münze genommen wird. Gerade, wenn es – was ich schwer hoffe – mal in Schulen gezeigt wird. Ich bin aber auch sonst ein eifriger Bastler meiner Rollen.
Heißt Bastler Perfektionist?
Hier schon. Schließlich ist es ein großes Geschenk, als Ruhrpottler so in die DDR eintauchen zu dürfen. Als Orts- und Zeitfremder habe ich eine richtige Gier nach Wissen entwickelt.
Zumal andere Filme über diese Epoche wie Christian Schwochows Tellkamp-Verfilmung Der Turm vor allem mit Eingeborenen arbeiten.
Das stimmt, sollte man aber auch nicht überbewerten. Ich habe in Friedemann Fromms „Die Wölfe“ schon mal einen Stasi-Offizier gespielt, daran hat er sich offenbar erinnert. Was ich allerdings mehr überwinden musste als den fehlenden Ost-Faktor war der fehlende Promi-Faktor. Damals kannte mich ja eigentlich kaum jemand.
Das hat sich nun grundlegend geändert.
Nach Weissensee ging’s in der Tat los. Auch wenn ich zuvor schon der Dienststellenleiter bei Bella Block war, war das mein Sprungbrett.
Ein ziemlich spätes, mit über 40.
Stimmt. Aber ich wollte auch in meiner Zeit am Theater immer drehen, da war Weissensee ein Türöffner – und ein Glücksfall. Ich hatte mein Engagement an der Berliner Schaubühne gerade gekündigt, als dieses Angebot reinkam und meinen Sprung ins kalte Wasser abgefedert hat. Der hätte auch ganz anders ausgehen können. Aber gleich danach kamen tolle Filme wie Das Ende einer Nacht, wo ich den Angeklagten gespielt habe.
Noch so eine sperrige Rolle oder?
Jetzt, wo Sie’s sagen. Da müssen demnächst mal andere Farben rein, das ist mein nächster Schritt, denn in unserer Branche wird einem das, was mal funktioniert hat, gern ständig angeboten. Da muss man höllisch aufpassen.
Und besser keinen Tatort-Kommissar spielen…
(lacht) Ja, besser nicht. Aber ich habe ja auch schon Komödie gemacht.
Mutter muss weg mit Bastian Pastewka.
Das war ein großer Traum von mir. Denn eigentlich entspricht das Komödiantische viel mehr meinem Naturell als diese tristen Falk Kupfers und Peter Fabers, ob Sie’s glauben oder nicht.
Weil Sie schon in der Schule ein Klassenclown waren?
Nicht nur da. In mir ruht ein echter Kasper. Andererseits ist es doch ein Segen, dass ich schon früh in meiner Filmkarriere so viele Figuren spielen darf, die das Publikum nicht sanft umarmen; das sind am Ende ja die spannenderen. Trotzdem wäre langsam mal ein Typ dran, der völlig normal ist.
Das ist die Königsdisziplin.
Königsdisziplin ist Stand-up, das hab ich mal mit Kurt Krömer in Berlin gemacht, reine Anarchie und ein Riesenspaß, einfach mal vom Leder ziehen, was man sonst ja nicht darf. Mir ist wichtig, alles spielen zu können und alles spielen zu dürfen.
Dafür müssen Sie bloß irgendwann mal mit Weissensee aufhören. Ist die 3. Staffel schon in Arbeit?
Nee, aber es wird bereits an ihr geschrieben. Jetzt warten wir mal die 2. Staffel ab, aber wenn die 3. in der Wendezeit spielt, könnte ich mir sogar noch eine 4. vorstellen, die 1992 oder so spielt. Ich bin da offen für alles.
Posted: September 23, 2013 | Author: Jan Freitag | Filed under: 2 dienstagsmarthe |
Wann immer Politiker nach Wahlen zu eben denen gefragt werden, beginnen sie ihre Antwort mit einem bestimmten Verb, statt irgendwelcher Aussagen. Merkwürdig
Würde Politik den Mechanismen von Logik, Verstand und Effizienz folgen, klänge es nach verlorenen Wahlen am Bildschirm wie folgt: Medien stellen Fragen, Fragen erzwingen Antworten, Antworten schaffen Aufklärung, und das alles am besten mit klaren Worten. Ein einziges davon allein allerdings genügt bereits, jeder Verstandeslogik im Nachwahlpolitikinterview die Effizienz zu vermasseln. Es ist ein temporales Adverb und heißt: zunächst. Zunächst, so entgegnet noch jeder Wahlverlierer nämlich auf die naheliegende Frage nach den Gründen der Niederlage, „danke ich unseren Wählern/Helfern/Parteifreunden“ für „ihre Stimmen/Mühen/Mitgliedschaft“. Seltsam.
Denn davon wollten die Interviewenden zunächst ja herzlich wenig wissen. Sie trachten nach Erklärung, Gründen, gar Mea Culpas. Weil all dies aber schmerzlich ist für Loser, weil Schuldeingeständnis, ja nur das einer Niederlage in der Mediengesellschaft als Zeichen der Schwäche gilt, weil Inhalte generell nicht sonderlich beliebt sind im Politsprech, wird alles hinter einer Geste des Gewinners versteckt. Denn Dank zeugt ja von etwas Dankenswertem, also Positivem. Das zunächst mal munter vor die Substanz gestreut, sorgt gleich für ein subjektives Gefühl des Siegers. Würden die nicht ihrerseits selber so gerne die Frage nach den Siegesgründen gleich mal mit, richtig: „zunächst“ beginnen. Womit bewiesen wäre: Geschwafel ist die Währung des Wahlkampfs. Abschließend.
Posted: September 22, 2013 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen |
Die Gebrauchtwoche
15.-22. September
Manchmal muss man auch dann kurz mal inne halten, Demut zeigen, Anteil nehmen, wenn jemand von uns gegangen ist, dessen politische Gesinnung im Kern eine andere war, als die empathiebegabter Menschen links der Rechten: Marcel Reich-Ranicki ist tot. Mit 93 rein biologisch nicht wirklich zu früh, nach einem schmerzensreichen, lebenssatten Dasein, das für drei Existenzen gereicht hätte. Dennoch nicht spät genug, weil dieser bis zur Selbstgerechtigkeit intellektuelle Scharfrichter des geschriebenen Wortes der Leitkultur zwanghafter Differenz ebenso viel Feuer unterm Hintern gemacht hat wie seinerzeit ein paar wenige Wesenverwandte, denen er als gläubiger Mensch nun womöglich in irgendeiner Art Jenseits begegnen wird: Herbert Wehner, Franz-Josef Strauß, oft nervige, aber stets aufrüttelnde Sperrwesen des Stromliniendiskurses.
Da kann man vor Trauer glatt mal die zwei anderen Top-Nachrichten der vergangenen Woche vergessen: David Hasselhoff ist angeblich wegen zu hoher Gagenforderung (tatsächlich wohl eher nach vorheriger Absprache wie beim Hollywood-Promi auf dem Wetten, dass…?-Sofa) aus dem Luxus-Container von Promi Big Brother ausgezogen. Und was war noch die zweite… Moment… Ah ja: Die Grünen haben die Bundestagswahl gewonnen. Hip Hip Hurra! Mit 26,9 Prozent der Stimmen, gut zehn mehr als die SPD, gar dreimal so viel wie die Union und dem Vierfachen dieser angeblichen „Partei“ mit dem Zweitstimmenbettelkurs. Für Naturfreunde bleibt allerdings zu ergänzen, dass dies leider nur das Ergebnis gewesen wäre, wenn ausschließlich Politikjournalisten hätten wählen dürfen. Zum demokratischen Glück durften aber auch Bild-Leser und andere regierungsfreundlich Infiltrierte hiesiger Meinungsmedien wählen, die sich lieber von just in time lancieren Pädophiliedebatten und Gefälligkeitsinterviews mit Konservativen als Inhalten überzeugen ließen.
So wurde das Ergebnis am Ende doch noch an den Urnen erzielt, statt in Redaktionen, die sich für deren Ersatzbehälter halten. Da das Ergebnis trotz des erfrischend abrupten Endes besagter FDP als Partei von Belang am Ende aber doch weniger spannend war als die langen Gesichter neoliberaler Wohlstandszöglinge auf der freiheitlich liberalen Wahlparty, die alle relevanten Kanäle (minus Sat1) unablässig zeigten, kommen wir also zur dritten, im Grunde gar einzig wahren Spitzen-News der vorigen Woche: Im Berliner Tatort ermitteln ab 2015 zwei neue Kommissare. „Unsere Hauptdarsteller Boris Aljinovic und Dominic Raacke sollen nicht als Berliner Polizeibeamte in Rente gehen“, ließ der RBB verlauten und schob eilends hinterher, das habe man „nach dem jüngsten Dreh mit ihnen besprochen und verabredet“. Wie gerne man das doch glauben würde, statt nach dem Kommunikationsdebakel des Personalwechsels im Saarland doch wieder nur Streit um Geld, Quote und Kleingeist zu unterstellen.
Drei Superstichworte übrigens für das, was Donnerstagabend geschah: Da brachten ARD und ZDF zum Warm-up eines Wahlkampfes, den die Medien lange selbst als langweilig beschrieen hatten, eine gemeinsame Runde mit dem politischen Führungspersonal der Republik zusammen, was sogar ziemlich spannend und erkenntnisreich war, und was geschieht: Irgendeine Krimiimportsause auf Sat1 hat fast so viel Publikum wie beide zusammen.
Die Neuwoche
23.-29. September
Es war übrigens eine Wiederholung, mit der dieser ehemals bedeutsame Fernsehsender in der Publikumsgunst vorne lag. Weshalb wir da mal im Trend bleiben und zum Wochenstart genau dazu raten, wenngleich einer derjenigen mit absolut erstklassiger Erstausstrahlung vorab, auch wenn sie gut fünf Jahrzehnte zurückliegt. Heute nämlich zeigt Arte Die zwölf Geschworenen mit Henry Fonda, definitiv einer der besten Filme aller Zeiten. Und weil im Repititven oft eine geheimnisvolle Kraft wohnt, seien hier noch zwei weitere Altfälle zur Neubesichtigung empfohlen: Dobermann (Dienstag, 0.10 Uhr, Tele 5) mit Vincent Cassel, ein französisches Gangstermovie, das Ende der Neunziger in einer Reihe extrem gediegener Gewaltorgien von Natural Born Killers bis Pulp Fiction stand und beiden in wenig nachsteht. Und am gleichen Abend zur besseren Sendezeit Ghost Dog, ein echter Meilenstein des Coming-of-Age-Kinos mit der blutjungen Scarlett Johannsson und dem 2001 auch noch etwas frischeren Steve Buscimi von 2001 (ZDFkultur, 20.15 Uhr).
Zeitgemäßer, ungesendeter, kaum vergleichbar, aber für den Sendeplatz auf Sat1 durchaus ansehnlich ist dagegen parallel Nichts mehr wie vorher, ein Melodram mit dem famosen Nachwuchstalent Jonas Ney (Homevideo), der dem potenziellen Lynchjustizopfer eines realen Falls falscher Anschuldigungen im Emdener Mordfall Lena ein fiktionales Gesicht gibt, das sich nun wirklich nicht gewaschen hat, sondern überaus natürlich wirkt. Ein Effekt, den er mit einigen der singenden Visagen beim Bundesvision Song Contest am Donnerstag auf Pro7 hat, der zumindest dem Anschein nach echte Musik zur Auswahl stellt, auch wenn der Bundesländerwettbewerb dahinter noch konstruierter ist als die zu erwartende Bombastkulisse.
Oder wahlweise das Finale von Promi Big Brother, wo Freitag auf Sat1 neben The Hoff auch sonst alles fehlt, was das Medium vor der Lächerlichkeit mit Zugkraft bewahrt. Gut, dass es da noch Sender wie Arte gibt, die am Mittwoch mit This Ain’t California Terrain betreten, dass sich längst kein vollprogramatischer Konkurrent mehr (zu)traut: Die Skateboard-Szene der – Achtung! – DDR zu beleuchten, von deren Existenz allein zu wissen ja schon eine grandiose Rechercheleistung ist. Was für ein Fest kreativen Fernsehens!
So wie zu gleicher Zeit um kurz nach zehn auf Pro7, wo die 2. Staffel der American Horror Story startet, dessen Szenario in einer Nervenklinik der 60er an allem reißt, was dort gemeinhin behandelt wird. So wie am Freitag im WDR, das ein bisschen spät, um daraus noch Wahlentscheidungen zu generieren, Annette Zinkants Dokumentation Das waren die Grünen läuft, wenngleich erst um 23.15 Uhr. Weil man auch mal was zur angenehmeren Sendezeit empfehlen muss, die allerdings von ansehnlichem Programm bisweilen recht leergefegt ist, lautet der Tipp des Tages ausnahmsweise mal: DFB-Pokal, Mittwoch live im Ersten, sonst in Echtzeit bei Sky. Da gewinnen im Gegensatz zur Bundestagswahl auch mal die Kleinen.