Posted: November 6, 2013 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch |
Bauern-Bause kann keinen Talk
Foto: ZDF/Brand New Media
Inka Bause war schon als Teenie ein Star. Geboren in Leipzig, kam sie mit 16 zum DDR-Fernsehen, nahm als Sängerin bis 1992 vier erfolgreiche Platten auf und wurde nach einer Dürreperiode 2005 von RTL für Bauer sucht Frau reanimiert. Seither ist die 44-Jährige ein Schwergewicht leichter Unterhaltung, hat auf dem Traumschiff gespielt, Abendshows moderiert, sogar eine Talkshow gelenkt. Bis Freitag – dann nimmt das ZDF inka! mangels Quote nach wenigen Wochen vom Sender. Zur Erinnerung eines Flops zeigen freitagsmedien ein Interview, das sie vorm Start gegeben hatte. Damals noch optimistisch.
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Frau Bause, Hand aufs Herz – sind Sie eigentlich immer so nett wie im Fernsehen?
Inka Bause: Ich bin gar nicht immer nett. Denn von wem ist „nett“ die kleine Schwester?
Von Scheiße.
(lacht laut) Genau, ich kann das nicht mehr hören! Früher stand der Begriff auch im Fernsehen ja für irgendwie angenehme Unterhaltung; wenn heute jemand sagt, die Sendung sei nett gewesen, meint er eigentlich harmlos, artig und bieder. Das liegt vor allem daran, dass nur noch der Weltstar zählt und alles toller, größer, schärfer sein muss. Sobald man mal eine Stufe runter schaltet, werden die Leute seltsam nervös wie Fotografen, die kein Lächeln von mir wollen, sondern Strahlen. Unter gewaltig geht’s nicht mehr. Da passt nett nicht rein.
Also weder angenehm noch freundlich?
Schade oder? Dabei sollte man seinem Gegenüber zumindest in der Unterhaltung nicht sofort eine reinhauen. Ich bin einfach im Privaten wie im Job eine gute Gastgeberin und so erzogen, Unbekannten stets mit Respekt und Höflichkeit zu begegnen.
Heißt das, sie auch in der Talkshow nicht mit Kritik zu konfrontieren?
Konfrontieren ja, attackieren nein. Wenn etwas nicht stimmt, lasse ich mich nicht für blöd verkaufen und hake nach, aber mir geht es nicht darum, irgendwen vorzuführen. Wem das missfällt, sollte mich nicht einschalten.
Diese Haltung muss man sich in der quotenfixierten Fernsehwelt leisten können.
Mag sein, aber selbst in den zehn richtig dürren Jahren vor Bauer sucht Frau hab ich mich geweigert, Menschen mit der Kamera so auf die Pelle zu rücken, wie ich es selbst nicht wollen würde. Wenn mir jemand unvorbereitet zu nahe tritt, kann ich auch ganz anders als nett.
Heißt das, richtig wütend?
Ja klar, ich kann mich privat höllisch aufregen, über Kleinigkeiten genauso wie über Banker. Aber doch bitte nicht über meine Talkgäste am Nachmittag, geschweige denn meine Bauern. Das sind hart arbeitende, schlecht bezahlte, oft einsame Menschen; warum soll ich da für eine Tagesgage, die die vielleicht im Monat verdienen, mit einem Mercedes vorfahren und denen einen reindrücken? Das finde ich charakterlos. Wer allerdings mit den Milliarden anderer jongliert oder freiwillig für viel Geld in den Dschungel zieht, der muss sich auch Härte gefallen lassen.
Auch von Ihnen?
Nein, weil ich fürs Dschungelcamp die falsche Kandidatin wäre. Für Sonja Zietlows Kommentare fehlt mir jede Frechheit. Ich kann ja nicht mal lustige Kommentare zu Musikvideos oder die zehn tollsten Promiunfälle abgeben. Da werd ich schon gar nicht mehr gefragt.
Ist das die berüchtigte Ironiefreiheit, die Ihnen unterstellt wird?
Nee, mir fehlt einfach jeder Zynismus. Ich bilde mir ein, Humor zu haben und witzig sein zu können, selbst vor der Kamera, will aber nicht auf Kosten anderer unterhalten, dann schon lieber auf meine eigenen. Ich verkaufe mich gern blöder als ich bin, weil ich lieber unter- als überschätzt werde. Mit fehlender Eitelkeit macht man sich seine Gäste viel lockerer als mit Überheblichkeit.
Qualifiziert Sie das für eine Talkshow?
Nein, was mich qualifiziert, seit ich meine Moderationskarriere mit 17 Jahren live in der harten Schule des DDR-Jugendfernsehens begonnen habe, ist Kommunikation. Und warum bitte ist denn Bauer sucht Frau so viel erfolgreicher als all diese Trash-Sendungen, wo man arglose Leute niedermacht? Weil die Leute es mögen, dass ich nie böswillig bin.
Dennoch hat das Format hohen Fremdscham-Charakter.
Glaub ich nicht. Die wenigsten machen sich über meine Bauern lustig, die werden nicht alle gemocht, aber einige geradezu geliebt. Wenn es zu Fremdscham-Momenten kommt, liegt das oft eher an den Bauern selbst, die durchdrehen, wenn endlich mal jemand anderes als der Milchmann oder Melasse-Lieferant zum Kaffee kommt. Da ist es mein Job, sie oft stundenlang wie verängstige Kätzchen vorzubereiten. Diese Zuneigung spürt und mag das Publikum, sonst hätten nicht wir acht Millionen Zuschauer, sondern „Frauentausch“.
Sind Ihnen die unbekannten Gäste am Ende lieber als die berühmten?
Zumindest erzählen sie oft die spannenderen Geschichten. Aber ich habe bei meiner ersten Talkshow im Hessischen Rundfunk eine Lektion gelernt: Von denen, auf die man sich am dollsten freut, wird man auch mal enttäuscht. Deshalb gehe ich mit möglichst geringen Erwartungen in die Runde, so unvoreingenommen wie möglich. Was natürlich nicht immer leicht ist. Wenn jemand zur Tür reinkommt, hab ich auch oft schnell eine Meinung. Weil ich aber offen dafür bin, überrascht zu werden, negativ wie positiv, blockiert mich meine Voreingenommenheit nicht. Nichts ist langweiliger als bestätigte Vorurteile.
Und nun sind Sie die Nachfolgerin von Jürgen Fliege, dem letzten öffentlich-rechtlichen Nachmittagstalker.
Weeß ick.
Wissen Sie denn auch, was Sie mit dem gemeinsam haben?
Ich hoffe, nicht allzu viel.
Sie beide werden entweder geliebt gehasst.
Gut, denn dazwischen herrscht Langeweile. Gut, mir ist nicht egal, was die Leute über mich denken und ich glaube niemandem, der das für sich behauptet. Aber ich forciere diese Polarisierung nicht und ziehe es mir auch nicht mehr rein, google meinen Namen nicht oder lese die Foren zu meinen Sendungen. Das würde mir nur mein Lächeln nehmen, meine Naivität.
Noch so ein Begriff mit kleiner fieser Schwester…
Zu unrecht! Die kleine Schwester der Naivität ist nämlich nicht Blödheit, sondern die Offenheit, sich Dingen mit den Augen eines Kindes zu nähern und Gefühlen freien Lauf zu lassen, zu weinen, zu lachen. Das hab ich mir bewahrt.
Vorhin sagten Sie noch, sich über jemanden erstmal eine Meinung zu bilden, wenn er zur Tür reinkommt…
Ja, aber dazwischen liegt große Neugier und die Fähigkeit, nicht ständig Angst vor Fehlern zu haben. Das ist eine Form von Naivität, über die ich nach 30 Jahren im Beruf stolz bin. Manche würden sogar sagen, Blödheit – trotz großen Erfolgs am Abend zum Beispiel das Risiko Nachmittagstalk einzugehen. Aber ich finde Scheitern nicht schlimm. Natürlich hab ich ein bisschen Bammel, aber schlimmer ist doch, sich so verängstigen zu lassen, dass man kein Wagnis mehr eingeht, weil Bauern-Bause keinen Talk kann zum Beispiel.
Sucht Bauern-Bause also bewusst Formate mit dem Potenzial zum Scheitern?
Nein, ich versuche die Formate zu machen, die zu mir passen, und auch wenn ich bei der Sendezeit um 15.05 Uhr nicht gleich „Hurra“ gerufen habe. Wichtig ist, dass mir die Formate entsprechen. Denn eins weiß ich genau: Unterhalten kann ich, würde aber nicht neben Giovanni di Lorenzo passen.
Aber die Schönheit des Scheiterns beinhaltet doch, genau das dann zu versuchen?
Warum? Ich kann auch nicht Sportreporter. Man muss doch beherrschen, was man tut, das bin ich meinem Beruf wie dem Publikum schuldig. Und ich bin nun mal in einer Unterhaltungsfamilie groß geworden, in dem Umfeld kenne ich mich aus, ich habe ganz normale Freunde, bin so kommunikativ, dass ich über ein Gespräch mit meinem Postboten Termine vergesse, kann aber auch mit Prominenten umgehen, wenn Sie mich interessieren. Das ist meine Welt.
Warum waren Sie dann bloß bei Wetten, dass…? nicht in der Lostrommel?
War da nicht jeder Kabelträger irgendwann mal drin? Meine Tochter sagt ja immer: hätte hätte Fahrradkette. Ich find den Lanz da super, hab bereits genug zu tun, warum soll ich mir darum Gedanken machen. Ich habe den Erfolg, den ich habe, weil ich ihm nie nachgerannt bin, und wenn ich mir jetzt schon Kreuze im Kalender vom nächsten Jahr mache, bekäme ich sofort Vor-Burnout. Für jemanden, der wie ich mit 16 als Schlagersängerin eher durch Glück und mit etwas Vitamin B von meinem Vater Arndt zum Erfolg gekommen ist, zählt allein das heute. Vor einem Jahr hätte ich genauso wenig gedacht, eine Talkshow zu machen, wie es mal undenkbar war, aufs Traumschiff zu gehen.
Heißt das, Bauer sucht Frau kann auch jederzeit vorbei sein?
Das ist Privatfernsehen und läuft so lange wie es läuft.
Zumindest aber bis zum 10. Geburtstag 2014.
Je nachdem, wie es dieses Jahr funktioniert. Ich bin nicht der Typ fürs Festlegen.
Wenn Inka Bause in 30 Jahren mit ihren Enkeln am Kamin sitzt und das Leben Revue passieren lässt – als was sieht sie sich dann: Als Moderatorin, Sängerin, Showmasterin, Talkhost, Kuppelmutter?
Als glücklichen Menschen. Wenn morgen überall steht, dass Inka Bause die schlimmste Moderatorin von allen ist, würde ich übermorgen aufhören, aber ehrlich: Ich habe so viele Jahre so glücklich von so wenig Geld gelebt, da definiere ich mich sicher nicht über den Job.
Posted: November 5, 2013 | Author: Jan Freitag | Filed under: 2 dienstagsmarthe |
Wo immer deutsches Melodramenfernsehen vor Anker geht – die Menschen vor Ort sprechen fließend Deutsch, und zwar akzentfrei. Merkwürdig
Rom, es ist heiß, die Sprache sitzt. Namibia, der Wind weht, die Sprache sitzt. Singapur, Äquatorwetter, die Sprache sitzt. Ganz gleich, an welchem Traumstrand das Traumschiff auch landet – vor Ort begrüßen eingeborene Exoten ihre deutschen Besucher ausnahmslos in geschliffenem Hochdeutsch. Akzent, eine sprachliche Färbung, ach nur grammatikalische Unschärfen? Fehlanzeige! Das hiesige Melodramenfernsehen erklärt unser vertracktes Idiom mit all den harten Konsonanten und komplizierten Diphtongs fast jeden Freitag im Ersten, fast jeden Sonntag im Zweiten und auch sonst alle Nase lang zur Weltsprache. Das hätte es wohl gerne!
Denn dahinter mag die Liebe der weißhaut und -köpfigen Stammzuschauer einschlägiger Romanzensendeplätze zur leichten Verständlichkeit stecken; verstärkt wird sie von der Gewohnheit, ausländische Filme ausnahmslos synchronisiert vorgesetzt zu bekommen. Und so richtig paradox würde das Paradox kenianischer Savannenbewohner mit Goethe-Institut-Germanisch ja erst, wenn sie es doch mit Akzent sprächen. Doch im Kern bedienen die Regisseure strunzdämlicher Pilcher-Stoffe das nur leidlich verschüttete Bedürfnis großdeutscher Befindlichkeiten, im Kaiserreich möge die Sonne niemals untergehen. Und keine Sorge: nur weil der putzige Neger einschlägiger Schnulzen putzig lächelnd perfektes Deutsch kann, geht er den edlen Muttersprachlern beim Retten seines armen Landes nur zur Hand, blickt ihn also garantiert nicht scheel an.
Posted: November 4, 2013 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen |
Die Gebrauchtwoche
28. Oktober – 3. November
Es gibt so Nachrichten der Medienwelt, die hätten vor einiger Zeit zumindest unter alten Intellektuellen noch indigniertes Kopfschütteln hervorgerufen. Dass etwa Matthias Matussek, der bekannte Kolumnist beim restliberalen Spiegel, demnächst zum billigen Propagandisten der erzkonservativen Welt wird. Oder dass die amerikanische Onlineplattform Netflix seinen TV-Konkurrenten HBO im Vorjahr dank genuiner Internetinhalte wie dem dreifachen Emmy-Gewinner House of Cards um 800.000 auf nunmehr 29,93 Millionen US-Abonnenten überholt hat. In Zeiten aber, da vermeintlich anspruchsvolle mit offen populistischen Blättern ihre Mitarbeiter durchtauschen wie Bild-Schlagzeilen die Kampagnenopfer, überrascht auch die Wachablösung am Markt zugkräftiger Serienproduzenten kaum noch.
Wobei die USA nicht Europa sind. Hier nämlich, in Deutschland zumal, setzt wie gehabt das kostenlose Fernsehen programmatisch die Maßstäbe. RTL zum Beispiel, das sich erst kürzlich die Produktion dreier eigenproduzierter Serien geleistet hat. Nun haben HBO-Formate von Sopranos bis Boardwalk Empire mit dem, was der deutsche Privatmarktführer so unter Unterhaltung versteht, bis auf die fortlaufende Handlung weniger gemeinsam als eine Topfpflanze mit dem Regenwald. Doch der quietschebunte Hauptabendstrauß aus Doc meets Dorf, Christine und Sekretärinnen war immerhin nicht importiert, sondern handgefertigt. Dass die zwei letztgenannten nun mangels Quote eingestellt werden, wirft dennoch eher die Frage auf, warum erstgenannte weiterläuft, wo das doch der gleiche inspirationsfreie, lieblose, inhaltlich abgekupferte Mist in Reihe ist.
Andererseits gehört es zum Wesenskern RTL, mit billigem Schund zwar weiter Zuschauer einzubüßen, nicht aber an Rendite, die nach wie vor hervorragend ist. Umso erstaunlicher, dass die nicht wie 2010 in die Übertragung der anstehenden Fußball-WM investiert wird. Von der ziehen sich die Kölner nämlich 2014 zurück. Und überlassen sicher auch das Spielfeld des europäischen Spitzenfußballs weiter dem ZDF. Das nämlich hat vorige Woche angekündigt, im Jahr drauf erneut um die Champions League zu bieten, eine dreistellige Millionenausgabe, die mit dem Sendeauftrag zwar ähnlich gut erklärbar wäre wie, sagen wir: der Bau eines Teilchenbeschleunigers; aber – hey! – Gebühren gibt’s genug und Fußball ist nun mal ein so integratives Element der Mehrheitsgesellschaft, dass statt RTL womöglich sogar die krankheitsbedingt moderationsuntaugliche Monica Lierhaus in Brasilien davon berichten wird, nachdem ihr die Deutsche Fernsehlotterie kein Halbmillionengehalt mehr für den sonntäglichen Teilzeiteinsatz zahlen will.
Seinen Vollzeiteinsatz im Ersten hat dagegen Kai Pflaume beendet, der dort bis Samstag im Grunde täglich Deutsche Meister im Würfelstapeln auf der flachen Hand oder Hochsprung rückwärts an der Wand hoch zu sehen war und damit ähnlich viele Zuschauer erreichte wie RTL2, wo die durchgespielte Zombieserie The Walking Dead wohl erstmals höhere Primetimequoten erzielte als sein Mutterschiff.
Die Frischwoche
28. Oktober – 3. November
Aber damit das garantiert nicht so schnell noch mal vorkommt, begibt sich RTL2 heute Nachmittag gleich wieder aufs intellektuelle Niveau einer Trockenpflaume: Unterm Deckmantel der Hilfsbereitschaft macht die Dokusoap Jung, pleite, verzweifelt zum Auftakt ein dusseliges Model, morgen dann eine erfolglose Fitnessstudiobesitzerin, also allerlei Ahnungslose verächtlich.
Und auch sonst hält das Programm diese Woche wenig bereit, was substanziell neue Ideen verbreitet. Die CIA-Agentenstory im US-Zehnteiler Missing etwa ist so innovationsfrei, dass Vox den importierten Serienflop heute nach Mitternacht versendet. Morgen zeigt Matthias Schweighöfers rasend erfolgreiche Kinokoproduktion What a Man auf Sat1, wie man von 175 gängigen Geschlechterklischees 173 in nur einer Komödie verwurstet. Während sich Veronica Ferres tags drauf im Ersten als – hoppela! – Alltagsheldin mit den Fußballhelden der Champions League im Zweiten misst. Wohingegen Kommissarin Camilla Läckberg heute auf ZDFneo, belegt, dass auch schwedische Krimis langweilen können.
Besser macht es da die unterschwellig sinistre Dramaserie Top of the Lake auf Arte, wo eine Polizistin ab Donnerstag in Dreifachfolgen ein verschwundenes Kind sucht. Thema banal, Umsetzung genial – das schafft in einzelnen Momenten auch die österreichische Polizeiserie CopStories, ab Freitag um 21 Uhr im Bayerischen Rundfunk, die ein ganz klein wenig an Kottan ermittelt erinnert. Thema genial, Umsetzung begnadet heißt es dagegen abermals beim Kulturkanal, wo die Dokumentation Kalter Krieg der Konzerte am Samstag (21.55 Uhr) Live-Auftritte jenseits des eisernen Vorhangs historisch einordnet, bevor die wunderbare Reportage Vivan Las Antipodas – fast zeitgleich zum neuen Schimanski-quasi-Tatort – am Sonntag Menschen porträtiert, die jeweils auf der gegenüberliegenden Seite der Erde leben.
Ein Ort übrigens, wo nicht wenige Markus Lanz längst hinwünschen, der sich diesmal in Halle (Saale) aufs Sofa setzt. Und mal sehen, ob er da den zur Pornoqueen umprogrammierten Kinderstar Miley Cyres besser als Vorgänger Gottschalk daran hindert, ihr PR-Gefasel von „meinen tollen Fans“ oder „I love you all“ abzusondern. Da darf man sich doch umso mehr auf den Tipp der Woche freuen, der diesmal doppelt ausfällt: am Dienstag im BR Dominik Grafs Frau Bu lacht von 1995, einer der besten Tatorte überhaupt. Und am Tag drauf, 22.20 bei Servus TV: Peter Weirs mystisches Gothic-Drama Picknick am Valentinstag von 1975.
Posted: November 2, 2013 | Author: Jan Freitag | Filed under: 6 wochenendreportage |
Das Tal der Filme
Der Weg von Tuscon ins Munument Valley ist nicht nur eine Reise durch die Schönheiten Arizonas, sondern auch eine in die Historie Hollywoods.
Von Jan Freitag
Eine Landschaft wie ein Filmmuseum. Dort drüben, Dennis Tsosie zeigt nach Osten, „lief Forrest Gump in den Sonnenaufgang“. Weiter westlich, sein Arm schwingt durchs Tal, „ist Michael J. Fox lang geritten“. Und überall, jetzt dreht sich der ledergegerbte Navajo lachend im Kreis, „überall John Wayne“. Das Monument Valley ist ein geschichtsträchtiger Ort und Dennis Tsosie führt Menschen aus aller Welt hinein, durch die Heimat seiner Vorfahren, eines der schönsten Naturdenkmäler überhaupt, zwischen Utah und Arizona gelegen. Würde man nicht die Kälte des Winters so in den Gliedern spüren wie die Freiheit in der Nase – man wähnte sich vor einem Gemälde.
Eines, das wohl jeder schon mal gesehen hat, diese steil aufragenden Felsen inmitten des Nichts. Den linken Handschuh und den rechten, Merrick’s Butte, der Elefant, das Kamel. All die schmalen Bergekuppen auf breitem Sockel dienten bereits als Kulisse vieler berühmter Western und weil jeder von ihnen so unverwechselbar ist, tragen sie die Namen ihrer Formen. Am Totempfahl etwa, meint Dennis, musste Clint Eastwood mal hochklettern. Ganz Arizona scheint ein einziger Drehort zu sein. Phoenix, die Hauptstadt, das museale Sedona im Herzen des sonnigen Bundesstaats, Flaggstaff weiter nördlich, das Cowboyhutsatte Eisenbahnernest an der alten Route 66 – wer von den Old Tuscon Movie Studios mit ihren künstlichen Häuserzeilen im Südosten aus die schnurgeraden Highways hinauf Richtung Grand Canyon fährt, reist durch eine Art virtueller Videothek, wo Hollywood so gern seine Außenaufnahmen macht. Die bizarren Steinformationen des Monument Valley aber atmen Zelluloid aus jedem Körnchen Wüstensand. Nicht mal an den Niagarafällen standen so häufig Kameras wie in jenem Tal, das geologisch gesehen gar keines ist.
Einer hat sie besonders oft aufgestellt, am liebsten auf einem flachen Vorsprung mit Blick übers ganze Terrain. Es wurde nach ihm benannt: John Ford’s Point. Der größte aller Westernregisseure hat die Gegend zur Attraktion gefilmt und dort den Topstar des Genres erschaffen. In der Goulding’s Lodge kann man seine Streifen an der Rezeption leihen und hinterher aus dem Zimmerfenster sehen, wo John Wayne vorbei reiten durfte, immer und immer wieder, Film für Film, meist im Kreis, so fotogen ist das Panorama. Frühaufsteher dürfen mit einem Kaffee in der Hand vom eigenen Balkon aus erleben, wie sich die Sonne hineinleckt in die Ebene, den nächtlichen Nebel über die Monumente drückt und in orangefarbenes Licht taucht. Dann rast mit etwas Fantasie die Postkutsche auf ihrer „Höllenfahrt nach Santa Fe“ über rote Erde. Oder Dennis Hopper auf seinem Chopper. Auch Easy Rider entstand zum Teil nur einen Steinwurf von der Lodge entfernt.
Es ist das markanteste Motel der Umgebung und selbst ein beliebter Drehort, mit seinen pittoresken Holzhütten, vor denen John Wayne als „Teufelsgeneral“ 1949 seine Kavallerie zum Ritt durchs Indianergebiet sammelte. In einem ist ein Museum voller Originalrequisiten, Filmplakate, Erinnerungen an die große Zeit des Kintopp untergebracht. Als John Ford hier seine Crew anleitete, für die nächste Klappe des nächsten Films, einem von gut 50 im Valley. Es sind weniger geworden, weniger Western zumindest, dafür mehr Road-Movies à la Thelma und Louise, die zum Finale in den benachbarten Grand Canyon stürzen. Die Werbeindustrie schaut öfters vorbei – Marlboro, Autos, Parfüm. Und Britney Spears tanzt im Video überm Lake Powell am Westrand des Tals, als sie noch niedlich war. „Es ist ruhiger geworden“, sagt Matt vom Weatherford Hotel in Flaggstaff, 160 Meilen südwestlich. Früher, als im Valley kaum mehr stand als die runden Lehmhütten der Navajo, hätten John Ford und Sam Peckinpah, ihre Darsteller oder Rex Allen, der singende Cowboy, noch lange in der historischen Herberge im Saloonstil residiert. Doch 1999 ließ sich Will Smith für Wild Wild West schon kaum noch blicken. Und Forrest Gump? „We’re the dog poop town“, erzählt Matt grinsend über jene Szene vor der Hoteltür, wo Tom Hanks in Hundemist tritt. Das war’s.
So hängt ein bisschen Wehmut über dem Filmset Arizona, der von seiner Vergangenheit zehrt. Auch Dennis Tsosie schwelgt im Gestern, wenn er Besuchern vom Land seiner Väter erzählt, die als Statisten, Helfer, Führer am Drehen mitverdienten. Vom Ford’s Point, wo das Objektiv so oft nach einem Mann suchte, blickt er hinter sich. „Siehst du die drei Spitzen?“, fragt der Ureinwohner lächelnd, „das W steht für Wayne“. Und das J für John? Er lacht. „Gone with the Wind…“
Posted: October 31, 2013 | Author: Jan Freitag | Filed under: 3 mittwochsporträt |
Der Halbgott von Eisenach
Seit nunmehr zehn Jahren lautet das Synonym für lieblos inszeniertes, inhaltlich anspruchsloses, konservativ ideologisches Fernsehen: Dr. Kleist. Am Dienstag ging das ARD-Märchen vom kernigen Alltagshelden Francis Fulton-Smith als perfekter Arzt, Gatte, Vater, Mensch in die 5. Staffel und wieder fragt sich: Warum tun sich das viele Millionen vernunftbegabter Zuschauer Woche für Woche an?
Von Jan Freitag
Das Fernsehen gilt bekanntlich als Seismograph des Zeitgeistes. Wenn eine Patientin also im Idyll ihres Einzelzimmers nicht weiß „wie ich Ihnen danken soll, Herr Doktor“, worauf der entgegnet, es sei doch viel wichtiger, „dass Sie mehr Zeit auf sich verwenden“, dann wissen wir: Da läuft gerade ein Heimatfilm der piefigen Fünfzigerjahre. Zu dumm, dass dieser hier ein halbes Jahrhundert später spielt, Teil einer aktuellen Fernsehserie ist und viel, viel ernster gemeint ist als je zuvor. Mit dem Zeitgeistseismographen ist das eben so eine Sache.
Denn Dr. Kleist rettet, heilt, liebt und managt im Hier und Jetzt. Und das seit nunmehr 65 Folgen. In der 1. wollte die Hauptstadtklinik des ARD-Arztes für den leidigen Profit 20 Betten streichen, was der Charmeur mit Kanten sodann lautstark anprangerte. Ins betuliche Eisenach setzte er sich aber nicht deshalb ab, sondern weil seine Frau bei einem Unfall starb, nachdem er noch fix einem Suizid vom Krankenhausdach (an einer Hand) vereiteln durfte. So fing vor sieben Jahren alles an, zwischen Berliner Hölle und Thüringer Himmel.
Seither ist Familie Dr. Kleist ein Quotenkrösus, den auch in Staffel V locker sechs Millionen Anspruchslose verfolgten werden, ein Zuschauermagnet wie das gänzlich geschmacklose Leipziger Krankenhausallerlei In aller Freundschaft. Dabei galt das Genre 2004 als klinisch halbtot. Von St. Angela über Bergdoktor bis zu den Stefanies und Onkel Docs lief das Haltbarkeitsdatum des TV-Arztes ab, während halbrealer Zynismus und Heiterkeit von Dr. House bis Doctor’s Diary noch auf sich warten lassen sollten. Der Streit um Gesundheitsreform und Praxisgebühr aber, sagte der damalige ARD-Programmchef Günter Struve einst zum Start, sorge für Bedarf nach einem Doktor wie dem aus Eisenach. Nicht gerade, so Dr. Struve, weil sein Titelgenosse Dr. Kleist derlei Probleme angemessen fiktionalisiere. Nein – weil sich der Mensch im Mediziner nicht in „politische Theorie verstrickt, sondern eine Praxis aufmacht, um konkret zu helfen“.
In ihr vereinigt der Internist nicht nur alle Attribute des multifunktionellen Altruisten, ist also nicht nur Kenner und Könner aller sozialen wie fachlichen Gebiete – der fürsorglich-kantige Heldendarsteller Francis Fulton-Smith macht seine Figur zum Allheilmittel sämtlicher Wehwehchen einer Gesellschaft, die sich nach emotional-kompetenter Führung sehnt. Sein Doktor bündelt die Sehnsüchte seiner Patienten, indem er Bürokraten (also auch Politiker) hasst, Menschen (also auch Zuschauer) liebt und die Familie (also uns alle) vergöttert.
In dieser Welt sind Kinder gütig lenkbar, Väter sensible Zupacker, Mütter erfolgreiche Instinktwesen und Wolken am Himmel Boten lösbarer Probleme. Denn die gibt es in jeder Episode, die Verbotene Liebe heißen und Endlich vereint, Familienglück oder auch mal – huiuiui – Tödliche Gefahr. Sie handeln von den Sollbruchstellen bürgerlicher Ideale, von Unfällen, Streits und Gefahren, die im Panorama der Wartburg dräuen, jenes nationale Erweckungsmonument in einer gottlosen Zeit. Gut, dass der Problemlöser Christian heißt.
Seine Sogwirkung lässt sich allerdings nicht nur mit Eskapismus erklären, der Fernsehflucht vom Alltag; bei Familie Dr. Kleist sucht das Publikum die Beherrschbarkeit einer Zeit, als Ehefrauen den Titel des Gatten trugen, gepaart mit einer Gegenwart, in der Schulrektorinnen unter 40 volljährige Söhne haben, deren Drogenkonsum im Mehrgenerationenpatchworkhaus besiegt wird. Als gäbe es eine Resettaste, die das Böse von der Festplatte der Moderne löscht. Auf die drückt man auch in ähnlich antagonistischen Formaten wie der baugleichen Nonnensause Um Himmels Willen im fiktiven Kloster Kaltenthal, die seit zehn Jahren sensationelle Zuschauerzahlen verbucht. Zumindest bei Senioren, wo auch Dr. Kleist am innigsten geliebt wird.
Auch in seiner aktuellen Staffel dürfte also Christians neue Frau irgendwann in weiß geheiratet werden und nie ferngesehen, dafür im Auto per Freisprechanlage telefoniert, also Verantwortung getragen für Mensch, Natur, das Großeganze, vor allem aber die Familie. Zwischendurch wird es um Liebe, Zank, Versöhnung, Wehwehchen gehen die sehr wahrscheinlich in einer Art von Finale kulminieren, das einst eine frühere Staffel beendet hat. Als Christian Kleist darin erfährt, Großvater zu werden, kriegt seine blutjunge Tochter sofort den genregemäßen Heiratsantrag vom werdenden Papa, bis die blutjunge Oma in spe alias Christina Plate sagt: „Ich freu mich auf das Baby, es wird in einer glücklichen Familie groß werden.“
In dieser Komplexität hat das vermeintlich Gute wohl nie existiert. Im Fernsehen jedoch bündelt es sich in einem Arzt, der selbst beim Fremdgehen moralisch makellos bleibt, da er eben ein ganzer Kerl ist, der Schwächen zeigt und seinem besten Freund „ich liebe dich“ ins Gesicht sagen kann. So ist er, der moderne Mann. „Rufen Sie mich an“, bat er die Patientin im Pilotfilm. Ach hätten wir doch die Nummer.
Posted: October 30, 2013 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch |
Was wollen Sie hören?
Lou Reed zu interviewen, so hieß es in Fachkreisen, sei in etwa so ergiebig wie mit Notrufsäulen zu plaudern. Jetzt ist der schlecht gelaunteste Rockstar aller Zeiten gestorben und mit ihm ein Stück wegweisenster Musik der 1960er und 70er Jahre. Um an beide – das Genie, den Grantler – zu erinnern, dokumentieren die freitagsmedien hier ihr Interview vom Anfang des Jahrhunderts in einem Berliner Hotel, wo Lou Reed mal so richtig zeigte, was geschieht, wenn er keine Lust auf Interviews hat. Trotzdem: Danke Lou. Für alles!
Interview: Jan Freitag
freitagsmedien: Mr. Reed, Sie leben, gut das zu sehen.
Lou Reed: Was zur Hölle meinen Sie?
Dass Sie voriges Jahr ihn den Medien als tot gemeldet wurden.
Yeah, gemeldet [er macht eine lange Pause]. Die Nachrichten…
Was ist mit denen?
Ich hab denen noch nie vertraut.
Obwohl Todesmeldungen bei einem Rockmusiker mit Ihrer Biografie ab einem bestimmten Alter ja nichts Ungewöhnliches sind.
[Lou Reed sagt nichts, lächelt nicht, blickt irgendwie ins Leere]
Wie kam es zu dieser Falschmeldung?
[denkt lange nach] Keine Ahnung. Interessiert mich auch nicht. Wollen wir über Musik sprechen?
Gern. Ihr neues Album The Raven variiert die Gedichten Edgar Allan Poe musikalisch. Wie kam es dazu?
Interesse. Ich fand Poes Geschichten schon als Kind spannend. Und die Filme mit Vincent Price sind auch aus heutiger Sicht grandios. Das war’s.
Aber warum dann die musikalische Interpretation?
Interesse, wie gesagt. Ich mag Spannung, Musik braucht Spannung und Edgar Allan Poe schafft es manchmal auf wenigen Seiten Geschichten zu entwerfen, die aufregender und gehaltvoller sind als dicke Romane. Haben Sie The Raven mal gelesen? Das sind eigentlich nur ein paar Zeilen, alles in Versform. Wenn man so will, hat seine Musik bislang nur auf die Vertonung gewartet.
Das Ergebnis steht also irgendwo zwischen Poesie und Musik. Gilt das für Ihre Karriere insgesamt auch?
[Reed blickt wieder ins Leere, dann lange ohne zu reden in meine Augen] Wahrscheinlich.
Haben Sie sich auch in Ihrer Rock’n’Roll-Phase als Dichter empfunden?
Was heißt “haben” – Rock’n’Roll ist nicht meine Vergangenheit, sondern meine Gegenwart.
Also – ein Dichter?
Alle Texte sind Gedichte. Lyrics sind Reime, Gedichte reimen sich. Das macht letztlich jeden wohl überlegten Song zu Poesie. Was wollen Sie hören?
Ob Gedichte mehr sind als Worte, die sich reimen, Worte, die auf etwas Höheres verweisen.
[Wartet wieder lange] Mal so, mal so. Ich habe Lieder gemacht, die auf etwas Höheres verweisen, und welche, die einfach so irgendetwas beschreiben, was mir durch den Kopf geht oder vor meinen Augen passiert ist.
Die Mischung macht’s.
Kommt auf die Platte an. [Pause]. Aber ja, manchmal.
Haben Sie deshalb alte Stücke wie Perfect Day, in dem es nun wirklich um Dinge geht, die Ihnen 1973 so durch den Kopf gegangen sind, neu interpretiert?
Perfect Day passte einfach gut ins Konzept.
Das da wäre?
Haben Sie das Album gehört?
Natürlich.
Gut. Nächste Frage [sein Manager, jedenfalls irgendwer im Raum, der bislang keinen Ton gesagt hat und unablässig auf sein Handy blickt, ruft ihm etwas Unverständliches aus der Ecke zu]. Okay, letzte Frage.
Oh, wirklich? Sie haben jetzt allein solo 19 Platten aufgenommen. Was könnte Sie je daran hindern, weitere zu machen?
Weiß nicht, fällt mir nichts ein.
Krankheit, der Tod?
Der auf jeden Fall. Danke, nett, Sie getroffen zu haben [Geht zum Mann mit in der Ecke]
Posted: October 29, 2013 | Author: Jan Freitag | Filed under: 2 dienstagsmarthe |
Wann immer Fachleute aus Politik, Wirtschaft, Kultur oder Wissen für bestimmte Nachrichten zum Interview gebeten werden, ereignet sich ein absurdes Schauspiel: Sie laufen erstmal vorbei
Wer öffentlich-rechtliche News sieht, wundert sich regelmäßig über ein sonderbares Schauspiel. Wann immer Tagesschau (und seltern: heute) Fachleute aus Politik, Ökonomie, Wissenschaft, Kultur zum Interview bitten, läuft die sachkundige Person aus irgendeiner Ecke irgendeines Sachkundigenhabitats (Parlament, Universitätsflur, solche Sachen) erstmal zielstrebig auf die Kamera zu, blickt dabei allerdings stur am Objektiv vorbei, steht nach dem nächsten Schnitt plötzlich doch davor und redet. Merkwürdig. Könnte man meinen. Mit etwas Phantasie erkennt man allerdings ebenso dramaturgische wie pragmatische Gründe für diese Art Show.
Denn natürlich ist die scheinbar zufällige Begegnung zunächst ein Trick, um zwischen Publikum und Gesprächspartner eine visuelle Beziehung aufzubauen, die letzteren als echte Person mit menschlichen Regungen abseits des Statements darstellt – und in nachrichtenarmen Zeiten sogar noch Sendezeit überbrückt. Noch wichtiger indes: Durch diese Art der Kontaktaufnahme können sich beide Seiten in ein recht positives Licht stellen. Der Interviewte, indem er beschäftigt, agil, irgendwie schwer zu erwischen wirkt; der Interviewer, indem er suggeriert, das Interview sei nicht – was natürlich der Fall ist – über die zuständige Pressestelle organisiert, sondern Ergebnis einer knüppelharten Recherche, an deren Ende der Interviewte quasi abgefangen wurde, um die Geschichte zu bereichern. Eine win-win-win-win-Situation.
Posted: October 28, 2013 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen |
Die Gebrauchtwoche
21. – 27. Oktober
Die vergangene Woche war öffentlich-rechtlich eine der offenen Fragen. Als das ZDF verkündete, inka! Anfang November vom Sender zu nehmen, blieb ja zunächst mal weit weniger ungewiss, warum die sagenhaft missratene Talkshow abgesetzt, sondern warum sie überhaupt erst angesetzt wurde. Des Weiteren offen ist, weshalb der inhaltlich verantwortliche Programmchef Norbert Himmler seiner entliehenen Bauernkuppelmutter Bause dennoch „für die tolle Zusammenarbeit“ dankte, um sie sogleich durch den fernsehästhetischen Aberwitz Topfgeldjäger zu ersetzen.
Doch auch das Erste ließ Dinge ungeklärt. Da verkündete so transparent wie stolz, von den 12,81 Euro Rundfunkbeitrag, den die ARD Monat für Monat von jedem Haushalt kassiert, würden immerhin 15 Cent für Tatort und Polizeiruf aufgewendet, also einer weniger als für Redaktion ARD Aktuell inklusive der Tagesschau. Was allerdings für die Schmonzettenfabrik Degeto (44 Cent) oder „Unterhaltung“ inkluive dem, was die Dritten so unter Heimatpflege verstehen (66 Cent), ausgegeben wird, dazu muss sich das interessierte Publikum schon selbst in die Quellenanalyse (http://www.ard.de/home/intern/die-ard/17_98_Euro_Rundfunkbeitrag/309602/index.html) begeben. Wirkt halt doch irgendwie staatsauftragsgerechter, soziokulturell relevantere Posten zu lancieren, etwa 16 Cent fürs wichtige Werk der Auslandskorrespondenten.
Die im Übrigen auch Ihren Teil dazu beigetragen haben, das Tagesschau-Volumen am vorigen Donnerstag über Merkels Handy-Affäre auf satte 10:08 Sekunden zu strecken. Was Volker Herres offenbar dicke ausreichte, weshalb er gegen die Entscheidung seiner Chefredakteure zu einen nachfolgenden Brennpunkt ein Veto einlegte. Dass das mit Sorgen um die Quote der nachfolgenden Deutsche-Meister-Sause Kai Pflaumes aber auch mal gar nichts zu tun hatte, ist dem ARD-Programmdirektor da natürlich vorbehaltlos zu glauben. Gut, die lag trotzdem deutlich unter den Erwartungen, aber immer noch leicht oberhalb der nächsten Demontage einer früheren Nr. 1 bei einem Moderator, der schon immer das Letzte war: Boris Beckers erbarmungswürdiger Auftritt Oliver Pochers Hampelkasper mit Fliegenklatschen am Hut in Immer auf die Kleinen.
Die Frischwoche
28. Oktober – 3. November
Und das Bemitleidenswerteste: Der aufgeschwemmt selbstentblößte Ex-Tennisstar wird so was wieder und wieder und wieder tun. So wie der spindeldürr selbstverliebte Ex-Nurdieliebezähler wieder und wieder und wieder Deutsche Meister suchen darf. Nach der Samstagsfortsetzung nochmals diesen Donnerstag und wer weiß: vielleicht ja bald täglich. In der ARD ist schließlich so einiges möglich – sogar richtig gutes Fernsehen. Die brillante DDR-Fiktion Weissensee zum Beispiel; obwohl, nee, die wird morgen durch Familie Dr. Kleist ersetzt… Dann der hochwertige Mittwochsfilm; obwohl, nee, der liefert morgen mit Komasaufen eher fade Kost über ein scharfes Thema… Oder hausgemachter Sonntagskrimi, diesmal am neuen Tatort Erfurt; obwohl, nee, das bislang jüngste Ermittlerteam Kramme/Mücke/Levshin mag zusammengenommen kaum älter sein als, sagen wir: die Münchner Kollegen Batic/Leitmeyer allein, bleibt aber dramaturgisch – verglichen mit dem, was denen Dominik Graf gestern aufs graue Haupt geschrieben hat – doch ziemlich konventionell. Also das heutige TV-Drama Blutgeld mit dem beeindruckenden Max Riemelt als Opfer HIV-verseuchter Blutkonserven?
Obwohl, nee, das läuft im ZDF.
Wie überhaupt das Zweite dieser Tage punktet. Freitag etwa mit der 5. Staffel Mad Men, auch wenn derart kreative Importserien wie so oft erst gegen Mitternacht laufen wie auch das neue Magazin des brachial genialen Moderators Jan Böhmermann, ab Donnerstag bei ZDFneo. Aber keine Frage, auch aus Mainz gibt es die handelsübliche Schmierseife satt. Ab Samstag vorm Hauptfilm zum Beispiel irgendwas Altbackenes mit einem schicken Pfarrer, der neben allerlei Schäfchen auch noch vier Kinder allein großzieht, was fortan zehn Folgen lang die öffentlich-rechtliche Idee modernen Fernsehens verkörpert, während ein gewisser Michael Requardt als Der Firmenretter tags drauf (17.55 Uhr) ganz offen kommerzielles Help-TV klaut und auch die zehnteilige Dokusoap Junior Docs über neun Assistenzärzte in vier Hamburger Kliniken ab Donnerstagabend bei ZDFneo eher privatzuschauerkompatibel geraten dürfte.
Dann doch lieber gleich das Original: RTL2 zeigt ab heute die ersten vier Staffeln von The Walking Dead und zwar quasi an einem Stück, mit täglichen Mehrfachfolgen ab elf Uhr nachts. Für schwächere Mägen mit lebendigen statt untoten Hirnen darüber, empfiehlt sich allerdings wohl doch eher der morgige Themenabend Banken, Banker, Bankster auf Arte. Oder am Mittwoch die zuweilen brüllend komische, weil puppenflankierte Jeff Dunham Show auf Nick und Comedy Central.
Dabei müsste man an dieser Stelle doch eigentlich technikolorierte Western, Freibeuter in gestreiften Hosen, solche Sachen ankündigen – aber irgendwie hielt es nicht ein Sender für angeraten, Burt Lancaster zum 100. Geburtstag am Samstag auch nur eine Wiederholung zu gönnen. Dafür zeigt Arte tags drauf um 17.30 Uhr zum ebenso runden Wiegenfest des Komponisten Benjamin Britten dessen War Requiem von 2012. Weil das Fernsehen da offenbar dubiosen Gesetzen gehorcht, empfiehlt der Tipp der Woche also einen anderen Anthony: Quinn nämlich, Hauptdarsteller von Fellinis brillantem Schausteller-Drama La Strada, von 1954, heute um 20.15 Uhr auf Arte, gefolgt von La dolce Vita übrigens. Schwarzweiße Filmherrlichkeit.
Posted: October 26, 2013 | Author: Jan Freitag | Filed under: 6 wochenendreportage |
Radeln in der Autostadt
Radwegebenutzungspflicht im Nadelöhr: Die Hamburger Sternbrücke. Foto: Freitag
Das Fahrrad gilt als Fortbewegungsmittel der Zukunft schlechthin: klimaneutral, zügig, gesund. Es gibt also keinen Grund, seine Benutzung zu behindern. Theoretisch. Ein Praxistest mit dem ADFC durch Hamburg aber zeigt: der Weg ist noch weit.
Von Jan Freitag
Allein schon diese Kreuzung, Merja Spott schüttelt verständnislos den Kopf: total überdimensioniert, Treffpunkt zweier Schwerverkehrstrassen im schönsten Altbauviertel, das Ganze bei Tempo 50 entlang einer schicken Einkaufsstraße und dann überall „Schleppkurven“ für maximales Abbiegetempo: derart kompromisslose Autogerechtigkeit in einer Perle wie Eppendorf – die Verkehrsreferentin der Hamburger Zweigstelle vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club, kurz ADFC, steigt entgeistert vom robusten Velo: „So was gibt’s wohl nur bei uns.“ In Hamburg nämlich. Der fahrradfreundlichsten Stadt, wie Behörden und Marketing gern. Der fahradfeindlichsten Stadt, wie Betroffene, Grüne, diverse Studien gegenhalten. Und dazwischen: Merja Spott, Geografin in Diensten des Vereins für die Rechte unmotorisierter Zweiräder. Ein wenig für sich selbst also. Vor allem aber für hunderttausende Radler einer Metropole vorm Verkehrsinfarkt. In einem Land mit Benzin im Blut. Auf einem Planeten mit ökologisch ernstem Problem. Am Brennpunkt dessen also, was für die Republik konstituierender ist als Flagge, Demokratie und Fußball in einem: Mobilität.
Die ist auch Merja Spott wichtig, wenngleich anders als dem Durchschnitt im Staat der 40 Millionen Kraftfahrzeuge. Deshalb bittet die Lobbyistin einer neuen Verkehrspolitik zur kleinen praktischen Begutachtung ihrer Wahlheimat. Denn auch in Hamburg, sagt sie drei Jahre nach ihrem Umzug aus Berlin, „bewegt sich langsam ein wenig“. Mehr Radstreifen auf der Fahrbahn etwa, bessere Leitsysteme und dann das erfolgreiche Stadtrad. Zugleich aber könne man „die verkehrspolitischen Probleme einer Großstadt nirgends auf engerem Raum erleben“. Das beginnt schon auf jener viel zu großen Kreuzung im betulichen Eppendorf. Dort wo alles dicht beieinander liegt: Wasser, Wald und Hauptverkehrsadern, Shopping, Arbeit und Gründerzeitvillen. Der Wohlstand ist hoch, das Wohnprinzip heißt Eigentum, Gentrifikation meldet Vollzug – ideale Voraussetzung für urbane Landlust-Leser mit grünem Gewissen. Und dann dieser Radweg, Merja Spott bremst scharf: Keine 80 Zentimeter breit, uralt und holprig. „Hamburger Standard“, nennt sie das typische Exemplar dessen, was dem vorkriegsprägenden Pedalverkehr in der automobilen Nachkriegszeit unter die Reifen asphaltiert wurde. Ein Mountainbike weicht lieber auf den Fußweg aus, als Merja Spott den Kernsatz zeitgenössischer Mobilmachung spricht: „Der gehört eigentlich auf die Straße.“
Nur: hier darf er nicht. Die Regel heißt „Radwegebenutzungspflicht“ und trennt klapprige Drahtesel ebenso wie rasende Kuriere vom Alltagsstau nebenan. Das zugehörige Schild begleitet die Testfahrt künftig wie episch lange Ampelphasen oder dreiste Falschparker und meist ist es illegal: 1997 nämlich erklärte eine StVO-Novelle Radwege zur Ausnahme. Ausrufezeichen. Bis dato gehörten Radler auf den Radweg. Punkt. Seither gehören sie auf die Straße. Komma. Denn wo genau, hängt von einer diffusen Gefahrenlage ab. Für wen auch immer. In Hamburg hieß das: für Radler. Denn obwohl die Neuregelung das Gegenteil wollte, pflasterten die Ämter ihre Bürgersteige mit dem weißen Rad auf blauem Grund, gern überm Pictogramm einer Frau plus Kind zur gemeinsamen Nutzung. Egal wie eng es ist. Und es ist oft eng, auf dem Weg nach St. Pauli, wo der Radanteil am Verkehr mit 18 Prozent halb so hoch liegt beim Primus Münster, aber sechs überm Stadtschnitt. Selbst am Rand vielspuriger Querungen zum City-Ring 2 klemmen Radwege unsichtbar zwischen Gebüsch und Kantstein, den die Autos wie üblich in Alsternähe in epischen Fahrspaßkurven passieren. Und wo es mal breiter wird, sogar eben, rauscht ein Rechtsabbieger so wild ums Eck, dass Merja Spott nur die Vollbremsung bleibt.
Hamburg mag mit 560 Kilometern Deutschlands längstes Radwegenetz haben; da das Gros baulich abgetrennt ist, werden seine Nutzer von Kraftfahrern oft erst bemerkt, wenn sie sich fast berühren. Ausgerechnet in Europas schnellster Stadt, wie eine Forbes-Studie ergab (www.forbes.com/2008/04/21/europe-commute-congestion-forbeslife-cx_po_0421congestion.html), tickt die Verwaltung wie zu Zeiten, als Autobahnen noch visionär waren. Innovativere Städte wie Kopenhagen, Münster, gar Berlin holen Räder konsequent auf die Straße, abgetrennt von Linien, Schutzstreifen genannt. Die zuständige Verkehrsbehörde verweist dabei auf „historisch begründete“ Fahradunfreundlichkeit an großen Kreuzungen und „hohe Kfz-Belastungen“, die in zahlreichen Straßen „wenig Spielraum für grundlegendere Verbesserungen“ ließen, versteift sich aber immer wieder auf den Radweg als zentrale Route für Pedaleros. Und dann kommt auch noch Willkür hinzu. Etwa, wenn mitten im Eppendorfer Wohngebiet plötzlich Tempo 50 herrscht, was Räder auf den Fußweg verbannt, wo sich Merja Spott auf 100 Metern dreimal Passanten aus dem Weg klingeln darf.
Aber immerhin bleibt hier noch Zeit für Warnsignale. Auf dem geteilten Radweg unter einer Brücke im berühmten Schanzenviertel hilft nur Absteigen, um sich nicht im Fußvolk des Nadelöhrs zu verkeilen. Weil die Bahn hier bald alles abreißt, gilt die Gefahrenlage aus Bürokratensicht, Mirja Spott lächelt bitter, als „temporär hinnehmbar“. Und dann kommt ihr noch ein Mountainbike auf falscher Seite entgegen. Da macht sich die Lobbyistin nichts vor: Auch ihre Klientel ist fehlbar. Radler rasen, Radler träumen, Radler sind wie alle schwer berechenbar. Nur dass man sie in Hamburg dabei auch noch auf ruinierte, rückständige, oft rechtswidrige Wege zwingt. „Die Lösung wäre Regeltempo 30 statt 50“, sagt Merja Spott, weiß aber um den PS-süchtigen Boulevard, der dagegen sofort Sturm schriebe.
Also bleibt ihr nur die Hoffnung auf kollektive Empathie: Radler mit weniger Angst vor Autos, Autofahrer mit mehr Respekt vor Radlern, beide bis auf Tunnel und Brücken auf Augenhöhe. Eine Stunde Testfahrt durch Hamburgs Mitte gibt ihr Recht, auch wenn der Verkehr an einem Ferientag wie diesem ungewohnt ruhig ist. Fünf total zugeparkte Radwege, vier genommene Vorfahrten, davon drei durch Kraftfahrzeuge bei zwei Kontakten und einem Autofahrer, der dennoch hupt. Dazu mehrere Dutzend illegaler Benutzungspflichten, die auch bei Laubhaufen, Schlaglöchern oder Baustellen selten aufgehoben werden, und natürlich eine rote Ampel nach der anderen, da grüne Wellen Autos vorbehalten bleiben. Aber auch keine ernste Lebensgefahr. Eigentlich ein guter Tag.
Mehr Bilder, Filme und Kommentare: http://www.zeit.de/mobilitaet/2013-10/hamburg-radfahren-verkehr
Posted: October 24, 2013 | Author: Jan Freitag | Filed under: 3 mittwochsporträt |
Der Sprengmeister
Dass die Kölner Firma ActionConcept 20 Jahre alt wird, liegt an der RTL-Serie Alarm für Cobra 11, die mittlerweile in mehr als 100 Ländern läuft. Und an Hermann Joha. Der Ex-Stuntman hat deutsche Action weltweit konkurrenzfähig gemacht. Und sein Unternehmen zu einem der Weltmarktführer in Sachen Special Effects, vor allem, weil sein Topprodukt um eine gänzlich sinnfreie, aber stets explosive Autobahnpolizei heute in die 23. Staffel geht.
Von Jan Freitag
Bäääng! Einführung. Booom! Füllhandlung. Baaammm! Auflösung. Die wöchentliche Dosis Cobra 11 ist in der Regel schnell erklärt: Eine Explosion zu Beginn, etwa zwei in der Mitte, mindestens drei am Ende, dazwischen nur das Nötigste an Sinn und Verstand zum Maximum an Blut, Schweiß und Testosteron – es ist nicht grad die Quintessenz intelligenten Fernsehens, was die fiktive Autobahnpolizei ab heute auch in Staffel 23 (in Worten: dreiundzwanzig!) abliefert. Aber wer will denn schon so was, bei RTL? Hermann Joha jedenfalls will es nicht. Der Produzent will Entertainment, Spaß. Und Erfolg. Darum klingt es auch ziemlich ernst, wenn er sein Topprodukt „die geilste Achterbahn am Abend“ nennt, einen „Rummelplatz“. Trotz all der Raserei, Inhaltsleere und mimischen Tristesse ist Alarm für Cobra 11 nämlich ein Bombengeschäft. 21 Jahre nach der Gründung seiner Firma ActionConcept, läuft die Serie schließlich in gut 100 Ländern und hat Special Effects made in Germany somit global wettbewerbsfähig gemacht. Alles dank Hermann Joha: Herz, Hirn, Leber, Niere eines Genres, das es vor ihm im Grunde gar nicht gab. Kein Wunder. Joha ist vom Fach.
Denn als der Unterfranke das Fernsehen 1992 erstmals mit brennenden Autos versorgte, war er selbst noch Stuntman, der Autorennen fuhr, Helikopter flog, Motorenartistik betrieb, kurz: all das tat, was zum Kern von Cobra 11 wurde. Er sei durchaus ein „Adrenalin-Junkie“, wie der 53-Jährige einräumt, „aber kein Draufgänger“. Was zählt, sei das kontrollierte Risiko mit Restnervenkitzel. Das durfte er erstmals im RTL-Film Der Clown unter Beweis stellen. 1997 besorgte Joha dessen „Second Unit“, die parallel zur Hauptkamera das Drumherum bebildert: Karambolagen vor allem, Unglücke, alles was knallt. Und der hemdsärmelige, aber perfektionistische Joha war darin so versiert, dass sein erster Blockbuster gemeinsam mit dem zeitgleich produzierten Cobra 11-Pilotfilm 20 Millionen Zuschauer erreichte. „Wir hatten plötzlich zwei Serien, die von Null auf 100 explodiert sind“. Mit seriellen Prügelarien wie Lasko oder Actionkrachern der Marke Turbo und Tacho ging es dann – abgesehen von einem Knick in der Internetblase – nur bergauf.
Doch ohne Cobra 11, das weiß auch Joha, wäre sein Unternehmen „eher klein und übersichtlich“. Der Umsatz würde deutlich unter 30 Millionen rutschen, die Mitarbeiterzahl weiter sinken und RTL womöglich seine Beteiligung abstoßen. Dem Fernsehen bliebe so zwar Oliver Pocher als ernst gemeinten Schauspieler erspart, der zum Auftakt der neuen Staffel sogar sterben darf. Aber eben auch eine echte Attraktion. Denn die kleine GmbH ist nicht nur auf 140 Märkten aktiv, sondern hat 2012 auch zum siebten Mal in Hollywood den Taurus World Stunt Award gewonnen, eine Art TV-Oscar der Actionszene, wie üblich für Cobra 11. Dennoch dreht die Werbekrise auch beim Hauptabnehmer RTL an der Kostenschraube – auch wenn Hermann Joha, der Berufsjugendliche mit ergrauter Fönfrisur, lieber von „Budget-Optimierung“ spricht, „ohne an production value einzubüßen“. Aber kürzer treten muss man auch in Köln-Hürth, wo vieles entsteht, was im Privatfernsehen kracht, scheppert, fliegt und brennt. Auf rund 25.000 Quadratmetern Fläche fertigt das „Full-Service Produktionsunternehmen für Action-Formate“ vollständige Filme bis zur Endabnahme. Hier liegen zu Spitzenzeiten 800 Lohnsteuerkarten und Weihnachten noch immer an die 100 im Büro, wie Joha den Personalstand schildert. Hier entstehen Serienbeiträge, die in der Herstellung schon mal den doppelten Minutenpreis einer Tatort-Folge kosten. Und ganz in der Nähe ist die Firma Hauptkundin der größten Filmautobahn Deutschlands.
Die „Film + Test Location“ Aldenhoven ist ohne Zweifel Johas liebster Arbeitsplatz, Garant des „Fun-Faktors“ seiner Ware, wie er immer wieder betont. 2300 Meter kontrollierte Raserei auf vier Spuren, Standstreifen, Nothaltebucht, Parkplatz inklusive. Ein Eldorado fiktionaler Beschleunigung, auch wenn Joha selber nicht mehr ins Cockpit steigt. Ob er noch mal mehr machen möchte, als ab und an eine Kleinrolle im eigenen Film zu besetzen – ein wenig Action unter eigener Regie vielleicht? „Um Gottes Willen“, sagt da das kinderlose Arbeitstier. Jetzt lacht er doch. Man wird halt ruhiger, jenseits der 50. Aber auch im Arte-Alter seien für Dialogfilme andere zuständig. Obwohl er die Liebesschnulze „Pretty Woman“ locker zwanzigmal gesehen habe und Sergio Leones grandios ereignisloses „Spiel mir das Lied vom Tod“ als „Mutter aller Filme“ bezeichnet, bleibt der Sprengmeister des deutschen Fernsehens ein unverbesserlicher Action-Fan, der lieber Fachbücher liest als schwere Romanstoffe. „Du wirst immer nur in einer Sache wirklich gut“, so lautet sein Credo. Und auch wenn es nicht jedem Feuilletonisten passt: Im Actionfach ist es Hermann Joha. Fast konkurrenzlos. „Cobra 11“ sei dank. Oder besser: ist schuld.