Posted: September 5, 2013 | Author: Jan Freitag | Filed under: 3 mittwochsporträt |
Waidwund in der Restidylle
Das Arte-Drama Mein Mann, ein Mörder (Freitag, 20.15 Uhr) ist selten berechenbar – trotz und wegen Veronica Ferres als kämpferisches Mutter, die sie nicht zum ersten Mal spielt, aber besser denn je.
Von Jan Freitag
Augen, so heißt es, sagen manchmal mehr als Worte. Mit einem Wimpernschlag können sie Verzagtheit ausdrücken und Hoffnung, Hilflosigkeit, Freude, Trauer, Wut, oft in so rascher Folge, dass ein einziger Blick alles vereinigt, was gelungene Melodramen ausmacht. Veronica Ferres beherrscht diesen Blick, sie hat ihn perfektioniert, er ist ihr Markenzeichen.
Wenn sie ihn also in Mein Mann, ein Mörder vor der besten Freundin ausbreitet, wenn sie Vera (Ulrike Kriener) das stetig brechende Herz ausschüttet, dabei zugleich weint und lächelt, wenn ihre vor Wut und Trotz ganz kleinen Augen den Raum doch füllen – dann zeigt Veronica Ferres ihre Kernkompetenz, mit der sie auch hier 90 Minuten in wenigen Sekunden erklären kann. So ist auch dieser Film ein Paradebeispiel dessen, was so viele an Veronica Ferres ablehnen, was aber noch viel mehr an ihr mögen. Was ihr jüngeres Werk von Marco W. über die Patin bis zur Frau vom Checkpoint Charlie, mehr aber noch die echte Frau dahinter zur innigsten Hassliebe vor den Flachbildschirmen der Nation macht.
Denn die Ferres, wie man Stars mit dem Attribut „Diva“ gern umschreibt, spielt was sie immer spielt, aber sie spielt es grandios. Die außergewöhnliche Ferres nämlich ist die eher gewöhnliche Minette Frei, deren Nachname täuscht. Eine attraktive, sanft alternde Übersetzerin und Mutter zweier wohlgeratener Kinder, schönes Heim, viel Kultur, finanziell sorglos, alles in Ordnung – würde ihr Mann sie nicht betrügen. Mit einer Jüngeren, versteht sich. Und nicht zum ersten Mal, Minette weiß das. Also spioniert sie Paul nach bis ins billige Hotelzimmer nach, kontrolliert sein Handy, folgt ihm sogar ins Liebesnest nach Prag, stets auf der Suche nach einer Wahrheit, die peu à peu in eines der vielleicht bizarrsten Happyends der Fernsehgeschichte mündet.
Bis dahin aber bebildert der Nachwuchsregisseur Lancelot von Naso das uralte Drama um Liebe, Eifersucht, Leidenschaft, Trotz und Trost in so ruhigen Kamerafahrten durchs Innenleben der deutschen Mittelstandsehe, dass Mein Mann, ein Mörder in aller Zurückgenommenheit fast in Gefahr zu geraten droht, ein eher betuliches Sittengemälde bürgerlicher Befindlichkeiten zu werden. Es wird geredet und geschwiegen. Pausenlos. Und Oliver Thiedes unaufdringliche, fast lautlose Musik aus dem Hintergrund trägt ihr übriges zur reduzierten Aura bei. Doch immer dann, wenn das fragile Gefüge wachsender Kinder und schwindender Hingabe allzu leise implodiert, sorgt der zweite Hauptdarsteller für Schwung: Ulrich Noethen.
Das jüngste von fünf Kindern einer schwäbisch-bayerischen Pfarrersfamilie kann vom Grimmschen Märchenkönig über Kästners Nonkonformist Justus Bökh bis Heinrich Himmler fast alles so glaubhaft spielen, dass es gelegentlich schmerzt. Seit er vor 18 Jahren als Arzt mit asiatischer Katalogfrau in Dominik Grafs Tatort: Frau Bu lacht brillierte, ist seine Paraderolle allerdings eine andere: der Saubermann mit fleckiger Weste. Kein Wunder also, dass der Schauspieler mit dem unscheinbaren Dutzendgesicht sogar die emotionale Tristesse der Familie Frei zum Glänzen bringt, seinen Paul besonders, dieser promiske Familienmensch um die 50, beruflich erfolgreich, leidlich attraktiv, aber unbeirrbar selbstsicher. Ein guter Mann fürs anspruchsreduzierte Wechseljahredasein mit Opern-Abo und getrennter Kasse. Kein Traumprinz, aber bei allen Schwächen im Zweifel verlässlich. So scheint es. Bis ihm seine neueste Affäre, lolitahaft gespielt von Esther Zimmerling, einen Strich durch die Rechnung macht und verschwindet. Spurlos. Dass ein Mord im Raum steht, suggeriert schließlich schon der Filmtitel. In der Eingangsszene wird er dann schnell konkret, als eine Frau schreiend vom Fenstersims in die Tiefe stürzt.
Was sich daraus entspinnt, ist jedoch kein Krimi, die Polizei tritt nicht auf, selbst das Opfer fehlt. Keine Spur von Tatort also, auch wenn bald Erpressung, Schwarzgeldkonten, gar etwas Verfolgungsaction ins Spiel geraten. Nein, wenn etwas gejagt wird, sind es nicht Mörder, sondern Ängste, statt Tätern also höchstens Geborgenheit im drohenden Verfall einer Institution namens Familie. Auf die Frage ihrer Freundin, ob sie ihn behalten will, zuckt das Opfer Minette nur mit den Schultern und nimmt die Witterung des Täters auf, der so vom Jäger zur Beute wird, was er später, als ihm die Handlung entgleitet, ins Gegenteil umdreht.
Es ist ein ständiges Wechselspiel des Nachstellens. Und es bringt immer neue Vexierbilder vermeintlicher Schuld wie Unschuld hervor. Dass darin freilich immer ein tieferer Sinn steckt, liegt auch in Lancelot von Nasos dritter gemeinsamer Arbeit mit seinem Stammautoren, mit dem er vor vier Jahren bereits das preisgekrönte Langfilmdebüt Waffenstillstand gemacht hat. Nicht zuletzt Kai-Uwe Hasenheits versiertes Drehbuch nämlich liefert dem Film jene Fallstricke menschlicher Beziehungen, die Oliver Hoese dann so ausstattet, dass darin die bürgerliche Mitte in ihrer ganzen Verletzlichkeit sichtbar wird. Der verbissene Kampf um Harmonie und Restidylle beim gemeinsamen Abendessen mit Rotwein, Schultagberichten und Geplauder wirkt vor allem deshalb so authentisch, weil Produzent Hubertus Meyer-Burckhardt das Ambiente bewusst Geld und Geist atmen lässt, ohne wie in vergleichbaren Melodramen permanent Luxus auszustellen. Mein Mann, der Mörder spielt nicht in einer Designervilla von Rem Kolhaas, sondern im gediegenen Chaos eines teilsanierten Münchner Altbaus. Reichtum light, aber real.
In ihm könnten die Charaktere tun, was ihnen das hiesige Fernsehen oft versagt: agieren, spielen, sich entwickeln, statt bloß tolle Kulissen zu dekorieren. So wird dieser Film am Ende zu dem, was er sein soll: Ein Ferres-Film, so wie jeder Film mit Veronica Ferres einer ist. Ein Noethen-Film, so wie jeder Film mit ihm einer wird. Vor allem aber ein Ensemblestück, das den Beteiligten die bekannten Stärken abverlangt, ohne ins Klischee tradierter Rollenprofile abzugleiten. Die Ferres mag dabei ihr gewohntes Habitat des waidwunden Muttertiers mit Courage beackern; sie tat es selten besser als in Mein Mann, ein Mörder. Dafür reicht ihr oft nur ein Augenblick.
Der Text ist in der Septemberausgabe des Arte-Magazins erschienen
Posted: September 4, 2013 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch |
Exotische Kulissenschieber
Der Bielefelder Kulturanthropologe und Dokumentarfilmer Dr. Thorolf Lipp (40), Inhaber der Berliner Arcadia Filmproduktion und Mitglied im Vorstand des größten deutschen Filmverbandes AG DOK sowie des Bundesverband Ethnologie, übers umstrittene Dokusoap-Format Auf der Flucht, das heute um 23.35 Uhr im ZDF wiederholt wird.
Fragen: Jan Freitag
freitagsmedien: Herr Lipp, aus Ihrer Sicht als Medienethnologe und Dokumentarfilmer – ist der gewaltige Shitstorm, der gerade aufs die ZDF-Reihe Auf der Flucht niedergeht, gerechtfertigt?
Thorolf Lipp: Die Resonanz aufs Format zeigt zumindest, dass es hierzulande aufgrund unserer Vergangenheit, aber auch des vielschichtigen, reflektierenden Publikums einen Nerv getroffen hat. In Australien dagegen, wo es zuvor in nahezu identischer Form gelaufen ist, gab es offenbar kaum Kritik.
Wobei der erste Teil von gerade mal 60.000 Menschen, also 0,3 Prozent des Publikums gesehen wurde, offenbar also mehr negative Kommentare hatte als Zuschauer.
Deshalb haben wir uns im Vorstand der AG DOK umso mehr gefragt, warum das Format auf dieses Maß an Entrüstung stößt. Das deutsche Publikum scheint mir besonders sensibilisert zu sein für solche Themen; es gibt eine vergleichsweise umfassende Medienbildung, einen starken postkolonialen Diskurs, unzählige Initiativen, die sich mit der Asylrechtsproblematik befassen. Wenn ein so vielschichtiges Thema gebührenfinanziert mit derart eindimensionaler Haudrauf-Dramaturgie bearbeitet wird, werte ich es als positives Signal, dass die Zuschauer nicht so dumm sind, wie viele Redakteure uns, also Publikum und Regisseuren, gern glauben machen wollen. Deshalb nehmen wir als Filmverband der Dokumentaristen interessiert zur Kenntnis, dass es diesen Shitstorm gibt. Wir weisen gerne darauf hin, dass es dokumentarische Ansätze gibt, die dem Auftrag des öffentlich-rechtlichen Fernsehens in Forum und Inhalt weit mehr genügen als das, was in bestimmten Redaktionen als massenkompatibel erachtet wird. Insofern empfinde ich es als gutes Zeichen, dass diese Reihe vom Publikum nicht unkommentiert geschluckt wurde.
Aber hat das ZDF damit nicht bloß erreicht, was es wollte: maximale Aufmerksamkeit?
Absolut. Allerdings nur aufgrund der fragwürdigen Form und nicht wegen des Inhaltes. Insofern, ja, Aufmerksamkeit wurde generiert. Aber der Erkenntnisgewinn tendiert gegen Null. Wofür soll dann die Aufmerksamkeit eigentlich gut sein?
Sind Dokusoap und Unterhaltung generell für seriöse Informationen ungeeignet?
In der Regel schon. Auf der Flucht ist jedenfalls ganz gewiss keine Aufklärungsarbeit, sondern reine Selbstinszenierung. Und ohne das Fernsehen als Verantwortlichen und Geldgeber würde es diese Geschichten erst gar nicht geben. Was sich hier dokumentarisch geriert, ist von A bis Z Fiktion. Gerade Zuschauer, die weniger medienkompetent sind, werden dadurch letztlich gezielt getäuscht.
Durch die Heisenbergsche Unschärferelation, dass jede Versuchsanordnung das Ergebnis beeinflusst?
Auf diese Frage hat der Dokumentarfilm schon vor 50 Jahren eine Antwort im Cinema Verité gefunden, das den filmischen Prozess bewusst offen legt. In diesem Fall hätte man zum Beispiel die Kamerateams zeigen oder deutlich machen können, inwieweit Regisseure und Macher das Geschehen steuern. Für unerfahrenere Zuschauer ist dieser Einfluss nicht zwingend erkennbar. Es gibt verschieden Untersuchungen, in denen man Versuchspersonen Scripted Reality vorgeführt hat.
Also scheinbar echte Situationen, die nach Drehbuch gefilmt werden.
Und darin erkennen bis zu 80 Prozent nicht, dass es sich um Inszenierungen handelt.
Wäre das bei RTL2 nicht ein weit größeres Problem als bei ZDFneo, wo das Publikum erwiesenermaßen gebildeter und kritischer ist?
Schon. Und das ist ja auch der Grund für die Intensität des Widerstands. Aber Auf der Flucht ist noch wegen ganz anderer Aspekte die falsche Herangehensweise an dieses sensible Thema. Besonders problematisch ist unter anderem, dass die eigentlich Betroffenen, also Flüchtlinge, bloß als exotische Kulissenschieber ge-, sogar missbraucht werden. Es geht dem ZDF also gar nicht in erster Linie um die Thematik Flucht und Asyl, sondern die plotbasierte Dramaturgie der Heldenreise – sechs Deutsche machen sich an unserer Stelle auf den Weg, um etwas über die Welt zu lernen – soll Quote generieren.
Aber holt die plakative Darstellung das Flüchtlingselend nicht wenigstens mal aus seiner intellektuellen Weltspiegel-Nische ins Massenbewusstsein?
Würde es funktionieren, schon. Kritische Medien, auch die ZEIT, haben ja kommentiert, diese Darstellungsform sei immerhin gut gemeint gewesen. Woran sie übrigens auch scheitert ist, dass die Globalisierung hier die offensichtlich falsche Illusion erzeugt, jede narrative Form ließe sich eins zu eins aus ihrem kulturellen Kontext lösen und anderswo genauso einsetzen. Bei Realityshows von Dschungelcamp bis Big Brother mag das funktioniert haben; dass es hier misslingt sollte den Verantwortlichen zu denken geben, regionale Befindlichkeiten wieder stärker zu achten. Auch aus diesem Grund finde es richtig gut, dass dieses „Experiment“ scheitert.
Anders als das Rollentauschprinzip eines Günther Wallraff, der ja im Grunde ähnlich arbeitet. Was unterscheidet es von diesem Fall?
Das Walraffen weist durchaus Parallelen auf und ist gerade deshalb nicht unumstritten. Was ihn allerdings von den Protagonisten dieses Formats unterscheidet ist, dass er sich nicht zum Spielball einer unsichtbaren Regie macht, sondern zumindest dem Publikum gegenüber mit offenen Karten spielt. Ich als Ethnologe würde zwar nirgends drehen, wo ich nicht willkommen bin. Aber Günther Wallraff ist immerhin ein reflektierter Autor, der für die Konsequenzen seines Handelns auch selbst einsteht. Anders als eine durchkalkulierte Fernsehmaschinerie, bei der es letztlich keinen Raum für Überraschungen geben darf. Bei Auf der Flucht ist alles stets affirmativ.
Was heißt das?
Alles wird so atemlos geschnitten und erzählt, dass nirgends Raum für Fragen bleibt. Wenn jemand weint, kommt ein Close-up auf die Tränen; jede Emotion wird mit den Mitteln der Dokusoap, jeder Effekt mit Musik vervielfacht. Diese Verflachung hat sich zum Leidwesen vieler ernsthaft und gründlich arbeitender Dokumentaristen inzwischen so etabliert, dass sie vom Publikum inzwischen als Regelfall empfunden wird. Das mag bei Alltagsthemen noch harmlos sein, hier wird es der Widersprüchlichkeit und Komplexität des Themas nicht gerecht. Ich habe gerade eine Umfrage unter meinen Verbandsmitgliedern gemacht, welche Zugänge sie denn dazu gefunden haben. Und da zeigt sich, wie viele unterschiedliche Ansätze es gibt, das Thema verantwortungsvoller und reflektierter anzugehen (Linkliste am Ende des Beitrages).
Welchen Plot hätten Sie gewählt?
Gar keinen, so fängt es nämlich an. Ein Plot ist stets die extremste Form der Irrealisierung, das Leben findet ja nie nach Drehbuch statt. Ich würde vermutlich entweder einen ins Offene gedrehten, beobachtenden Film machen, oder aber auf Kollaboration mit den Betroffenen setzen, um den Flüchtlingen selbst Macht und Stimme zu verleihen, statt sie zu Statisten erwartbarer Konflikte von deutschen Hauptdarstellern zu degradieren. Ich würde mich also entweder ganz zurücknehmen oder aber mich auf Augenhöhe einbringen und dies auch dem Zuschauer deutlich zu erkennen geben.
Macht dieser Mangel Auf der Flucht also zu dem, was in Tausenden Tweets und Kommentaren auf Rassismus, Zynismus und Menschenverachtung verkürzt wird?
Es spielt zumindest eine wichtige Rolle, dass dieses Format ganz, ganz weit hinter der Epistemologie zeitgenössischen Filmemachens zurückbleibt. Das Vorgehen von Auf der Flucht ähnelt einer eigentlich längst vergangenen Attitüde, wo weiße Regisseure aus der westlichen Wohlstandsgesellschaft die Definitionsmacht hatten und in den Elendsquartieren der 3. Welt die Puppen tanzen liessen. Die Flüchtlinge selbst sind hier nur Randfiguren und selbst die deutschen Protagonisten werden letztlich zu Objekten degradiert. Inklusive der dramaturgisch gewollten Möglichkeit, dass sie sich aufgrund ihrer oft im Affekt geäußerten, nicht selten ziemlich unreflektierten Meinungen auch zum Gespött des Publikums machen. Das bietet in der Tat alle Voraussetzungen für Rassismus, Zynismus und Menschenverachtung.
Macht all dies Auf der Flucht zu schlechtem oder bloß schlecht gemachtem Dokumentarfernsehen?
Darüber haben wir im Verband intensiv diskutiert und sind zu dem Schluss gekommen, dass es zunächst mal gar keine dokumentarische Form ist, sondern hochgradig fiktional. Die AG DOK will sicher keine Geschmackspolizei sein, aber doch darauf hinweisen, dass diese Herangehensweise eine Verachtung all derjenigen ist, die sich – oft unter Einsatz von hohem persönlichen Risiko – um einen wirklich dokumentarischen Zugang bemühen. Allerdings erfordert das von den Verantwortlichen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen den Mut, Risiken einzugehen und sich auf die unkalkulierbare Wirklichkeit einzulassen. Tatsächlich funktioniert das System inzwischen genau anders herum: Bei „Auf der Flucht“ ist alles im Voraus geplant. Dramaturgisch gesehen kann nichts schief gehen und die Sendezeit wird sich mit dem dafür zur Verfügung stehenden, übrigens sicher nicht gerade schmalen, Etat, ganz sicher füllen lassen. Das Ergebnis steht von vorneherein fest. Ich wiederhole mich: Aufmerksamkeit wurde generiert. Aber der Erkenntnisgewinn tendiert gegen Null.
Auswahl an Produktionen zur gleichen Thematik von Mitgliedern der AG DOK:
http://www.agdok.de/de_DE/movies_detail/21940
http://www.agdok.de/de_DE/movies_detail/34188
www.desplazado.de
www.dw.de/wildfremd
http://www.blick4.de/index.php?id=42
http://www.youtube.com/watch?v=izd3veERAaU
Posted: September 3, 2013 | Author: Jan Freitag | Filed under: 2 dienstagsmarthe |
In der Fiktion hinterlassen selbst schwerste Gewaltverletzungen eigentlich nur im Gesicht von Bruce Willis bleibende Schäden. Merkwürdig.
Es geschah in einem Zeppelin, hoch überm Atlantik, als der Held förmlich zu Mus geprügelt wurde. Ohne Unterlass droschen ein paar Nazis so heftig auf ihn ein, dass er sich halb sterbend durchs RTL-Luftschiff Die Hindenburg zur Kabine seiner Angebeteten schleppte – wo er sodann kurz ins Badezimmer ging, sein blutüberströmtes Gesicht wusch und mit einem winzigen Cut unterm Auge zum Liebesakt schritt. Wahnsinn, welch schönheitschirurgische Wunderwirkung einige Tropfen Wasser auf der Haut haben können.
Das nun mit gutem Make-up zu erklären, den Segnungen von Maske, Licht und Kamera oder auch nur ästhetischen Erfordernissen der Primetime, die es nicht so gern fleischwundig mag, griffe aber zu kurz. Dahinter steckt neben dem wachsenden Appetit auf optische Makellosigkeit im Stromlinienfernsehen auch der tief verwurzelte Wunsch nach Apotheose und Seelenheil, nach himmlischem Beistand fürs Gute im Ringen mit dem Bösen, nach göttlicher Gnade quasi, vor allem aber: nach echten Heroen, solchen, die selbst physikalischen Gesetzmäßigkeiten aushebeln und offene Arterien einfach mit charmantem Lächeln abdichten. Was braucht es da noch Ärzte…
Posted: September 2, 2013 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen |
Die Gebrauchtwoche
26. August – 1. September
Tja, großer Stefan, klein und schäbig fühlt es sich an unter klugen Menschen, nicht so erhaben und riesig wie unter den medialen Zwergen deines Senders, die bekanntlich nur lange Schatten werfen, wenn die Sonne der Kultur tief steht. Dass sie den Horizont grad küsst, zeigt indes schon, dass die ProSiebenSat1 Media AG keinen Journalisten, sondern einen Clown ins Kanzlerduell schickte – auch wenn ihn sein Haussender im Vorspann zur „Journalismus-Elite des deutschen Fernsehens“ zählte (an dessen Namen sich Peer Steinbrück zwischendurch völlig zu Recht nicht erinnerte).
Das ist jedoch nicht nur grotesk, da Raabs journalistische Kompetenz durch redaktionell präparierte Fragen wie der, warum die Kanzlerin nicht einfach jährlich eine Milliarde Schulden zurückzahlt, statt neue aufzunehmen, über die der Super Illu rutscht, sondern da bereits seine Präsenz das Niveau der Kollegen in RTL-Tiefen zog. Dessen Vertreter Peter Kloeppel fragte Angela Merkel, ob ihr Peer Steinbrück leid tue, Anne Will haspelte im Dienste der ARD heftig und selbst der soliden Maybrit Illner (ZDF) ging es oft eher ums eigene Image als Antworten. Umso erstaunlicher ist es, dass fast 18 Millionen Menschen zusahen, knapp zwei Drittel davon im Ersten, die wenigsten beim Raab-Kanal, wo man es gemeinhin interessanter als Politik findet, ob einem B-Promi beim Turmspringen die Schamlippen aus dem Tanga blinzeln.
Wo man überdies wohl wenig von einem Magazins namens Spiegel weiß, also auch nichts davon mitkriegt, wie er sich gerade in seine Einzelteile auflöst. Obwohl der Vergleich hinkt – im Grunde haben sowohl Mitarbeiter AG als auch Ressortleiter beeindruckende Einigkeit belegt, als sie den Wechsel des Kanzlerinnen-Kumpels Nikolaus Blome aus dem Hauptstadtbüro vom „Kampfgeschoss der Dummheit“ zum Vize des „Sturmgeschützes der Demokratie“ untersagt haben. Zu blöd, dass sich der neue Chef Büchner einen Dreck um den redaktionellen Einfluss beim Spiegel schert und den NSA-Fan Blome doch in die Blattspitze berufen wird. Der schlechte Atem von Europas schlimmstem Hetzblatt narkotisiert also auch die Souveränität von Europas größtem Nachrichtenmagazin.
Und nicht nur die. Mit Sven Gösmann, einst Vize bei der Bild, wird gleich das nächste Springer-Gewächs zu Höherem berufen – als neuer dpa-Chef, womit er – hoppla – Wolfgang Büchner nachfolgt. Dürfte also nicht lange dauern, bis Nico Hofmann aus dieser Personalrotationsfarce ein Zeitgeschichtsevent macht. Erst nachdem der Haupthistoriker des deutschen Films natürlich, wie vorige Woche angekündigt, seine RTL-Dramedy über Schleckerfrauen sowie Der Informant, Edward Snowdons fiktionales Biopic fertig gestellt hat.
Und zwischendurch passiert ja dann auch noch etwas, das selbst Raabs gestrige Talkdilettanz nicht verhindern kann: Die Bundestagswahl. Dafür laufen derzeit wieder diese meist unfreiwillig komischen Werbespots teilnehmender Parteien. Unfreiwillig peinlich war dabei allerdings das Werk der FDP, in dem eine fröhliche Bilderbuchfamilie für die FDP warb, was sie dummerweise – wie das Medienmagazin Zapp herausfand – zudem nicht nur für einen finnischen Quark tut, sondern auch für die NPD. http://kress.de/mail/alle/detail/beitrag/122778-tv-spot-panne-fdp-und-npd-werben-mit-derselben-familie.html. Einmal lief der Spot im ZDF, bevor die FDP ihn bearbeitet hatte. Was ihn übrigens von den meisten Beiträgen der zwei Großparteien unterscheidet. Die SPD nämlich schaltet 100 ihrer 116 Ausstrahlungen im Privatfernsehen. Bei der CDU ist das Verhältnis gar 140:16. Was aber auch egal ist, weil der Spot 90 Sekunden bloß Angela Merkel zeigt, also mit Politik ohnehin nichts am Hut hat.
Die Neuwoche
2. – 8. September
Das hat er dann mit einer wie – so nennt sie sich selber! – „Bauern-Bause“ gemeinsam, die relevante Themen auch in ihrer täglichen Talkshow inka! ab heute um 15.05 Uhr alltäglich im ZDF meiden wird wie der RTL-Zuschauer ZDFneo. Dort wird er also ab Donnerstag nicht dem sympathischen, oft anspruchsvollen Manuel Möglich um 22.15 Uhr dabei zu beobachten, im neuen Interview-Format Heimwärts mit… bemerkenswerte Prominente zu befragen, zum Auftakt: Wolfgang Niedecken.
Vermutlich würde der gemeine RTL-Zuschauer allerdings auch irritiert abschalten, wenn er sich morgen versehentlich zum Tagesschau-Kanal ARD verirrt, wo zwei Journalisten des deutschen Fernsehens, die diesen Namen auch verdienen (Jörg Schöneborn, Siegmund Gottlieb), das (männliche) Spitzenpersonal von Grünen, Linken, Liberalen (Trittin, Gysi, Brüderle) zum Duell bitten. Das Erste ist dem gemeinen RTL-Zuschauer ja ohnehin zu vertrackt, da kann sich Judith Rakers dessen Anspruchsdenken intellektuell noch so anpassen, wenn die scheinbar doch eher schlichte Nachrichtenschönheit im Interview der Hamburger Morgenpost fehlende Parkplätze in der Hafencity als größtes Problem der Hansestadt anprangert. Wenn sie heute Abend endlich einen gefunden hat, wird sie also vermutlich Sat1 einschalten und auf eine süßliche Romanze hoffen – allerdings enttäuscht werden. Denn der Schnulzensender zeigt stattdessen das eher sachliche Melodram Willkommen im Club, wo ein zerrüttetes Paar (Richy Müller, Lisa Martinek) im Ibiza-Urlaub mit einer Ladung Bootsflüchtlingen konfrontiert wird. Das Ganze suppt zwar letztlich Richtung seifiges Happyend, ist aber die seriöseste Bearbeitung dieses heiklen Themas, das es je im kommerziellen Fernsehen gab.
Und wo wir grad dabei sind, das Unlobbare zu loben, fahren wir doch mal mit der Unlobbarsten überhaupt fort: Veronica Ferres. Die spielt im Arte-Drama Mein Mann, ein Mörder am Freitag zwar wie immer das Gleiche – eine Frau im Kampf um Kind und Kegel; sie tut es aber als betrogene Frau vom gewohnt grandiosen Ulrich Noethen ausgesprochen versiert. Was also erstmals einen Ferres-Film – Achtung! – empfehlenswert macht. Ebenso wie den australischen Achtteiler The Slap, der tags zuvor an gleicher Stelle die Konsequenzen einer einzigen Ohrfeige aus acht Perspektiven zeigt. Oder Under The Dome, eine Spielberg-Serie Under nach King-Motiven auf Pro7 (mittwochs, 20.15 Uhr), in der eine riesige Glaskuppel allerlei innere wie äußere Konflikte einer amerikanischen Kleinstadt zutage fördert. Zumindest anfangs spannend.
What else? Da Freitag WM-Qualifikation in Österreich ist, fällt Samstag die Sportschau aus, wird allerdings durch die bemerkenswerte Doku Ist Olympia noch zeitgemäß? um 19 Uhr ersetzt, die sich vielleicht sogar an heilige Kühe wie deutsche Funktionäre wagt. Und tags drauf dann kommt der Tatort nach dem miesen Schweizer Ausritt vom Vorwochenende nun wirklich aus der Sommerpause. In Berlin nämlich, wenngleich zum populistischen Thema Jugendgewalt, das um 23.35 Uhr passenderweise um die Wiederholung des Skandalfilms Wut von 2005 ergänzt wird. Zum Tipp der Woche: Die 2. und letzte Staffel der charmanten, aber erfolglosen US-Serie Apartment 23, dienstags, 21.45 Uhr, auf Pro7.
Posted: August 31, 2013 | Author: Jan Freitag | Filed under: 6 wochenendreportage |
Die Halbwüste lebt
Als Farbige wurden die südafrikanischen San einst aus ihrem Stammesgebiet vertrieben. Jetzt kehren sie in die Kalahari zurück – als gemeinsame Betreiber eines Nobelhotels inmitten der Halbwüste.
Dion und Bellinda – Motor, Sprachrohr, Gewissen und Geist der !Xaus Lodge am Rande der Kalahari. Foto: Freitag
Von Jan Freitag
Ein Eland, vielleicht eine Oryx-Antilope, auf jeden Fall etwas Großes, etwas sehr Großes. Nicolas bückt sich tief in den safranroten Sand der Kalahari, streicht sanft mit seinen ledrigen Fingern darüber und lacht. „Schwer zu sagen“, meint der Naturbursche vom Stamme der San und sagt es doch: Ein Gemsbock. Und daneben, seine Nase berührt fast die Erde, das war wohl ein Schakal. Spurenlesen ist in diesem Teil Südafrikas, eingeklemmt zwischen Botswana und Namibia, nicht so einfach. Zu rasch verweht der staubfeine Wüstenbelag, zu weich ist er für klare Abdrücke, zu nah an menschlicher Besiedlung geht Nicolas zu Boden und studiert ihn wie ein offenes Buch. Hier, er zeigt auf eine Reihe geometrischer Kratzer und lacht, das tut er oft, „eine Käferspur“. Dann holt Nicolas Afrikaner, so heißt er wirklich, eine Marlboro Menthol aus seiner Jeans und zündet sie an. „Der hatte es wohl eilig.“
Die Verschmelzung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Halbwüste am Fuße des Kontinents – sie ließe sich kaum besser beschreiben als an diesem Ort mit diesem Mann in dieser Umgebung. Es ist seine Umgebung, sein Ursprung, wenn man so will, weit vor 1968, Nicolas Geburtsjahr, und so ist sie auch benannt: !Xaus Lodge, das Wort für Herz auf Nama, der Sprache seiner Vorfahren. Und für Naturhotel – in der des Commonwealth. Ein äußerst luxuriöses im Nichts, am Fuße einer trockenen Salzpfanne in Herzform, die sich nur bei Regen kurz füllt, zweimal jährlich. Eine Nobelherberge ohne fließendes Süßwasser und permanente Stromversorgung. Ohne gepflasterte Zufahrtstraße oder livrierte Diener. Stattdessen mit Weite und Ruhe, Licht und Eleganz, Natur und der Gewissheit, an etwas Größerem teilzuhaben als einem exklusiven Urlaub mit abenteuerlichem Wildkontakt. Dies ist schließlich nicht der Krüger-Park mit seinem durchdeklinierten Nervenkitzel. Dies ist die Kalahari. In der Sprache der San heißt das hart.
Und ihre neueste gastronomische Perle, die !Xaus Lodge, ausgesprochen mit diesem merkwürdigen, unaussprechlichen, klänge es nicht so kolonial, man würde sagen: exotischen Knacklaut zu Beginn, ist ein Stück schwarzer Rückeroberung der Spätfolgen rassistischer Repression. Außen rustikaler Reetdachbau im afrikanischen Lehmhüttenstil, innen zurückhaltende Folklore mit allem gebotenen Komfort, Vollpension und Safaritouren inklusive. Im kleinen Pool mit Wüstenblick fehlt freilich noch Wasser; dieser Tage wird es hier nachts bitterkalt. Vor wenigen Wochen feierte die Lodge Eröffnung, ein Dutzend gediegener Pfahlhütten für zwei Personen, viele Dutzend Dünen abseits der Hauptstraße durch den kargen und schillernden, artenreichen wie menschenarmen Kgalagadi Transfrontier Nationalpark im Dreiländereck. Es ist ein Stück gehobene Ferienkultur und eines der Selbstbehauptung in der Abgeschiedenheit am Kap der guten Hoffnung, die den San abhanden gekommen war.
Dass sie mittlerweile neue schöpfen, liegt auch am bemerkenswerten Projekt in den trockenen Weiten der Savanne. Und seine Existenz wäre fraglich ohne den unermüdlichen Einsatz der San, ohne die fixe Idee eines eigenwilligen Iren und die Schönheit eines verwirrenden, verwirrten Landes. 1931 wurden die San aus der Kalahari vertrieben. Von Weißen, den Baas, wie dunkelhäutige Ureinwohner die bleichgesichtigen Eroberer aus Holland unterwürfig zu nennen hatten. Fort geschickt von einem Land, das sie so lange bewohnt hatten wie es Menschen in der Kalahari gibt, seit Ewigkeiten also, in Jahren schwer zu beziffern.
Plötzlich hieß ihr Jagd- und Sammelrevier Nationalpark, plötzlich waren die San darin unerwünscht. Genauer: verboten. 1973 verschwand – forciert von den Nachbarstaaten – auch der letzte von ihnen aus Südafrikas Kalahari, vertrieben in Townships, Armut, Fremdheit und Alkoholismus. Es bedurfte des Endes der Apartheid 21 Jahre darauf, bis die San versuchen konnten, das gestohlene Land ihrer Ahnen zurück zu erlangen. Erst nach langem juristischen Tauziehen begrüßte Südafrikas späterer Präsident Thabo Mbeki im März 1999 feierlich die ersten 300 „Bushmen“ als neue Besitzer von 60.000 Hektar Wüstenland. Es war auch die Geburt der !Xaus Lodge. Ihr Vater hieß Vet Pit.
Wie Nicolas Bruder wirklich heißt, weiß kaum einer, zumindest hält es niemand für relevant. Vet Pit, soviel ist sicher, war ein alter Mastertracker der San, ein Spurenleser wie Nicolas mit der Gabe, die Sprache der Tiere zu sprechen, so geht die Sage. Vet Pit, erzählt Bellinda Kruiper vorm Kaminfeuer der kleinen Bibliothek, hat diesen Platz vor seinem Tod gefunden, nicht gesucht. Einen, formuliert die Lodge-Sprecherin blumig, „wo wir glücklich werden könnten“. Weshalb ausgerechnet hier, wisse keiner, und warum sich Bellinda Kruiper zu den Glücklichgewordenen zählt, ist eine komplizierte Geschichte. Nach ihrer Scheidung, losen Jobs in den Kanzleien, Praxen, Banken Kapstadts und zunehmender Leere im Leben, sei sie einer Stellenanzeige als Rezeptionistin in den Park gefolgt, dort rasch zur Aktivistin geworden und kurz darauf zum „ersten zugereisten Bushman“, wie sie stolz hinzufügt. Zurück zu den Wurzeln, per Initiationsritus, und das als Frau. Im patriarchalen Südafrika macht sie das per se zur Feministin.
Vermutlich die erst der San. Doch vor allem ist Bellinda Motor, Sprachrohr, Gewissen und Geist der abgeschiedenen Gemeinde mit Herz. Im Schneidersitz und feinstem Oxfordakzent erklärt sie das Projekt, ihr Projekt, die Lodge, größtenteils finanziert von Glynn O’Leary aus der Parkverwaltung, „dem verrückten Iren mit einem Traum“: vom Urwuchs der Kalahari und dem Erbe der San. Von Versöhnung, Reconciliation, ein großes Wort am Kap, wo man auf Formularen noch immer die Hautfarbe angeben muss. Bellinda legt einen Scheit Holz in die Flammen: Nachdem Vet Pit genau hier sechs Jahre zuvor die Zukunft seiner Leute im roten Sand aufgespürt hatte, fährt sie fort, brauchte ihre künftige Familie ein tragfähiges Konzept, etwas, „das auf dem Papier interessant aussieht, denn der Plan hatte nur auf wirtschaftlich soliden Füßen eine Chance.“ Die Lösung lautete Ökotourismus. Einer der gehobenen Art.
Nun mag man darüber streiten, wie ökologisch es ist, gut betuchte Gäste aus Europa und Übersee Tausende Kilometer in die Wüste zu fliegen, um sie stundenlang auf vierradbetriebenen Spritfressern in eine Welt zu kutschieren, die Strom aus Dieselgeneratoren bezieht und jedes Stück Butter durch die halbe Kalahari fährt, die den Tieren gehört, einigen als letzte Bastion. Das Ökologische entstehe eher auf der Rezeptionsebene, im Kopf, im Bauch, erläutert die knallharte Menschenrechtsaktivistin Bellinda Kruiper und lächelt plötzlich sanfter als sie wohl möchte. Es gehe um ein neues Verständnis von Herkunft, Geschichte und Umwelt, vom Leben unter einem Sternenhimmel, dessen unverbaute Pracht von hier aus besser bestaunen lässt als irgendwo sonst. „Um das Gefühl eigener Verkleinerung im Umfeld der Unendlichkeit“. Auch für sie selbst. Ob das politisch sei, ein Akt der Befreiung? Sie überlegt kurz und verfällt wieder in eher missionarischen Tonfall: „Wenn Menschen einen Ort zum Leben finden, den nur sie begreifen, den niemand sonst besiedeln will, wo es kein Wasser gibt und keiner gestört wird, ist das nicht politisch, sondern spirituell.“ Da gehe es um tiefer liegende Kräfte.
Wer Bellinda Kruipers Lebensgeschichte aus 43 Jahren Unterdrückung, politisch bewegtem Elternhaus und gewollter Rückverwurzelung nicht kennt, könnte sie für esoterisch halten, mit ihren Monologen von Glauben und Selbstfindung und einem toten Ehemann, der als Löwe wiedergeboren durch die Kalahari streift. Dann aber spricht sie nüchtern von der Lodge als Ertragsfaktor, „an dem wir nicht mit Pfeil und Bogen Kulturgeschichte spielen wollen“, sondern mit teuren Jeeps solvente Touristen über holprige Sandpisten fahren.
Dafür haben die San bei sengender Hitze einen Weg durch die Dünen gegraben, den nur befahren darf, wer sich zuvor per CB-Funk anmeldet, um Zusammenstöße auf den Kuppen zu vermeiden. Dafür arbeiten bald 15 San mehr oder minder gleichberechtigt im Kollektiv, drei Wochen am Stück, eine Woche Auszeit. Dafür gibt es zwar Hierarchien, aber kaum Befehle, einen Manager namens Philip Gadenne, der erst die Resultate seiner englischen Fußballliga und dann die Herkunft seiner Gäste erfragt, aber keine echten Angestellten. In wenigen Tagen wird der weit herumgekommene Organisator, Möblierer, Koch und Kalfakter von Bellinda abgelöst. Bis der nächste kommt. Die Lodge erinnert an eine Art modernen Kibbuz ohne Ackerbau, eine Kommune des New Age, erdverwachsen aber profitorientiert, mit mehr Privatsphäre, mehr Natur. Und mit Löwen unterm Haus.
Als eines Nachts ihr heiseres Brüllen näher klingt, als es noch die pessimistischen San erwartet hätten, wird ihnen die Lage des Projekts erst richtig bewusst. Unter den Hütten gehen die mächtigen Tiere auf Beutejagd, suchen in Wurfweite nach Wasser und im Sommer womöglich noch näher nach Schatten. Jetzt erschließen sich die Stelzen, auf denen das Ganze erbaut ist, die alle Hütten durch höher gelegte Gänge verbinden und nur bei denen der Mitarbeiter fehlen. Möglicherweise aus Geldmangel, eventuell aus Prinzip, ganz sicher aus Gottvertrauen. Es sei eben kein Ort bloßen Beobachtens, sondern des Erfahrens, Erlebens. Allen Risiken zum Trotz.
Wie sich die müden Bewohner jedoch im Morgengrauen an ihre Kaffeebecher klammern, scheint auch ihnen die Nähe zur Natur nicht ganz geheuer. „Die Löwen haben unsere Treppen markiert“, sagt Nicolas, sein Lächeln wirkt gequält. Zum Spurensuchen führt er die neuen Gäste nach dem Frühstück dennoch. Es gehört zum Angebot und das ist keineswegs billig. Und für die San ist es mehr als eine Chance auf Anerkennung oder Auskommen, es ist eine Fügung des Schicksals, eine Fortsetzung der Geschichte und, ja: ein Politikum. Wenigstens war es das, nach der Apartheid. Und künftig? „Wenn ihr nächstes Jahr wiederkommt“, sagt Nicolas mit einem Grinsen, dass sein dunkles Gesicht in tiefe Falten legt, „kann es sein, dass ich draußen bin und eine Elandkuh melke“. Er könnte ihrer Spur gefolgt sein, mit ihr gesprochen, sie von seiner Freundschaft überzeugt haben. Und vielleicht steckt er sich dann eine Zigarette an.
Posted: August 29, 2013 | Author: Jan Freitag | Filed under: 3 mittwochsporträt |
Die Frau fürs Nette
Korkenzieherlocken, Alltagschaos, Männersuche – das Filmleben von Diana Amft. Foto: RTL/Christiane Pausch
Die Wahlkölnerin Diana Amft erinnert an eine berühmte Solingerin in jungen Jahren: Bisschen naiv, bisschen chaotisch, sehr naiv, sehr sehr weiblich und sehr sehr sehr blond. Noch reicht das nur für durchaus charmante RTL-Serien wie Doctor’s Diary oder ganz neu Christine. Perfekt war gestern (donnerstags, 21.15 Uhr, RTL). Aber Veronica Ferres hat ja auch mal kleiner angefangen…
Von Jan Freitag
Diese blauen Augen, der helle Teint, das lockige Haar, ihre ganze offensive, fast aufdringliche Weiblichkeit – ein bisschen naiv, ein bisschen verrucht, ein bisschen selbstbewusst, ein bisschen, tja – blond. Diana Amft ist schlecht zu bewahren vor diesem machtvollen, perfiden, zentnerschweren Vergleich: Veronica Ferres. Es ist so ungerecht. Und doch so nahe liegend. Denn, Diana Amft, die Hausmeistertochter aus Gütersloh, steht auf ihrer Karriereleiter da, wo Veronica Ferres, die Kohlenhändlertochter aus Solingen, nach Superweib, Schtonk und Rossini stand: An der Schwelle einer großen Schauspiellaufbahn ohne schauspielerische Finesse – begehrenswert, robust und noch ziemlich sympathisch. Vom Zuschauer gemocht, vom Feuilleton verschmäht, die nette Chiffre argloser Abendunterhaltung, überhäuft mit leichten Schmunzel- und Schmachtrollen, in ewiger Wartehaltung auf Anspruchsvolleres, ein Filmversprechen auf nicht ganz so langen Beinen.
Das zeigt sie seit geraumer Zeit immer wieder, dieses überraschend selbstironische Spiel mit den Stereotypen ihres Kapitals und Fluch in einem: dem eigenen Körper. Zuletzt etwas in der Degeto-Klamotte Liebe und andere Delikatessen, als erfolgreiche Werberin namens Franka, die von Männerintrigen getroffen über den Jobverlust ins eigene Geschäft als Gastronomin stolpert – immer auf der Suche nach dem Traumboy, immer etwas unbeholfen, zickig und verspielt, hyperromantisch, aber realitätsbewusst, also ziemlich nah dran an dem, was Durchschnittsdeutsche von modernen Frauen erwarten: Kerle, Karriere, Kinderwunsch, alles zeitgleich und möglichst klaglos mit viel Erotik, viel Spaß und viel Demut vor der gesellschaftlichen Rollenzuweisung. Feminine Selbstausbeutung im 21. Jahrhundert. Und genau das liefert sie ab heute bei RTL auch in Christine. Perfekt war gestern als – richtig – moderne Frau mit Männer-, Karriere-, Kinderwunsch
Nun spielt Diana Amft diese Multifunktionsfrau meist mit großem Humor und gewaltiger Freude. Man würde ihr Rollen wie diese also durchaus abkaufen, wäre da nicht das übliche Paarungsrevier, von Nörglern „Schmonzette“ getauft: heitere Verwicklungsgeschichten von A(RD) bis Z(DF) und dazwischen reichlich Sat.1. Über Fräulein Amft scheint darin stets die Filmsonne, Hindernisse werden frohgemutes beiseite geräumt, das Gute bringt alles Böse bezaubernd zur Strecke und liegt sich zum Geigenfinale kollektiv in den Armen. Der Freitagabend eben, zumal im Ersten, ein Märchen – wie ihr eigener Weg ins berufliche Fach. „Wenn das so märchenhaft gewesen wäre“, sagt die Mittdreißigerin mit dem scheuen Augenaufschlag des alterslosen Wildfangs und nestelt sich am viel zu engen Dekollete herum, „hätte mich ja ein Prinz geheiratet“. Aber so ganz fern von dem war Dennis Gansel ja nicht. Vor zwölf Jahren hat der Regisseur die junge Diana als noch jüngere Inken im belanglosen, aber immens erfolgreichen Teenyquatsch Mädchen, Mädchen an die Spitze besetzt. Das hat ihr zwar einige Türen zugeschlagen, wie sie bekennt, „aber auch viele geöffnet“. Ein rasanter Kaltstart, von Null auf Ulknudel, immerhin.
Vorher nämlich war alles andere alles andere als glatt gelaufen in ihrem Leben. Die renommierte Essener Volkwangschule hatte die Videothekengehilfin aus der westfälischen Provinz abgelehnt. Ein Rückschlag für den Kinderwunsch, Schauspielerin zu werden. Doch er steckte so tief in ihr, dass sie mehr mit der Jury als sich selbst haderte: „Ich dachte, die freuen sich wie Bolle, dass ich endlich komme“, erzählt die Wahl-Kölnerin beim Interview in einem Hamburger Luxushotel, das ihr sichtlich überteuert vorkommt, „und dann schmeißen die mich in der ersten Runde raus“. Naiv, nennt sie das heute, nicht arrogant. Denn das Ziel war ja klar, der Weg dorthin auch, nur ihr Tempo musste gedrosselt werden. Mit etwas mehr Gelassenheit im Rücken nahem sie die nächste Schauspielschule auf, in München. Es folgten filmische Gehversuche auf niedrigem Niveau – Freischwimmerrollen, zum Lachen vor allem, seichtes Zeugs, Romanzenzeugs, Pubertätszoten mit Titeln wie Unschuldige Biester, Knallharte Jungs oder Eine Liebe auf Mallorca. Bis, ja bis RTL ihrem Kindheitstraum endlich echte Nahrung gab: Doctor’s Diary. Mit großer Hingabe spielte sie dort ein energisches Vollweib im Kampf mit – da haben wir’s wieder: Kerlen, Karriere, Kinderwunsch und diesmal ein paar Kilos dort zu viel, wo sie nur die gehässigen Spürhunde perfektionierter Oberflächenästhetik verorten.
Doch BMI hin, Kurven her: Ihre Gretchen Hase war lustig, voll Esprit, überdreht, nie albern und bisweilen gar tiefgründig. Es hagelte Lob, Preise – und Drehbücher. Diana Amft ist besser gebucht denn je. Davon zeugen zwei Hauptrollen in zwei Wochen, beide banal, aber Visitenkarten auf dem Weg zur ersten Garde. Auf den Spuren der Ferres: geliebt vom Publikum, gehasst von der Kritik. Für Neid auf Kolleginnen wie Felicitas Woll, die nach Mädchen, Mädchen eine steile Leiter ins seriösere Fach erklomm, ist Diana Amft allerdings „zu ausgeglichen“, wie sie selbst sagt. „Ich sehe die Schauspielerei buddhistisch: ein Kelch der Möglichkeiten.“ Noch steht er außer Reichweite, wie einst bei Veronica Ferres.
Posted: August 28, 2013 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch |
Ich bin eine so arme Sau
Nachdem die Vertreibung aus Ostpreußen lange dem Dokumentarfilm vorbehalten blieb, hat das Fernsehen 2007 den großen fiktiven Zweiteiler mit Maria Furtwängler als aufrechte Gräfin im Kampf mit ein paar fiesen Nazis, aber viel mehr viel fieseren Russen in Szene gesetzt (Wiederholung: Donnerstag und Freitag, 20.15 Uhr, 3sat). Ein spannendes Thema, das Fragen über historische Verantwortung bis zu ihrer filmischen Umsetzung aufwirft – und dann kriegt man zum Interview mit der Hauptdarstellerin eine Redakteurin der Frau im Spiegel zur Seite gesetzt. Das Protokoll eines Interviews mit völlig unterschiedlichen Bedürfnissen
Interview: Jan Freitag
Frau im Spiegel: Frau Furtwängler, also ich muss Ihnen erstmal ein ganz großes Kompliment machen, ich fand das irrsinnig toll, ganz wirklich, würde ich sonst nicht so sagen.
Furtwängler: Ach ehrlich. Das freut mich.
Frau im Spiegel: Mögen Sie Ihre Rolle, die Lena?
Furtwängler: Ja sehr. Sie ist natürlich anders als ich, aber das, was ich an Andersartigkeit für sie lernen und aus mir herausholen wollte, fand ich sehr spannend. Äußerlich musste ich Reiten lernen, was ich vorher weiß Gott nicht gut konnte, oder Haltung trainieren, weil ich persönlich eher schluffig durch die Pfützen wackle. Und rein innerlich war es für mich eine sehr spannende Erfahrung, Grenzgefühle nicht auszuagieren, was wir als preußische Haltung, besonders in Ausnahmesituationen, kennen. Als der Treck loszieht, lässt ihr Vater sie im Stich. Diese Verzweiflung, diese Ohnmacht zuzulassen, aber dennoch nicht zu tun, was man instinktiv tun würde, nämlich ihn zu packen, auf die Knie zu gehen, ihn beim Abschied zu umarmen, sondern die Haltung zu bewahren, das war sehr anstrengend.
freitagsmedien: Ist Lena also eine aristokratische Person oder nur eine Rückkehrerin mit aristokratischen Restbeständen als Gegenpol in einer zutiefst aristokratischen Welt?
Furtwängler: In ihrem Verständnis ist sie Aristokratin geblieben, allerdings nicht im Denken, besser, sondern verantwortlich zu sein. Das Wissen, es gibt ein höheres Ziel als meine familiären Interessen. Sie kommt zurück aus einer bürgerlichen Welt, zuvor verstoßen wegen eines unehelichen Kindes, und der Vater sagt, er will sie nicht. Kaum droht dem Hof allerdings der Verlust seiner Pferde, kehrt das Gräfliche in ihr wieder, dem es um den Erhalt, die Stabilität, die Leute des Gutes geht. Und das, obwohl ihr gerade vom Vater bedeutet wurde, nicht willkommen zu sein. Zack – ist sie in ihrem alten Muster. Man fragt nicht, man macht. Insofern ist sie zutiefst aristokratisch.
Frau im Spiegel: Sie haben im tiefsten osteuropäischen Winter gedreht. Was waren die größten Strapazen?
Furtwängler: Das Frieren natürlich, auf dem Rücken der Pferde, wo man sich kaum bewegt. Und dann war ich in den ersten Nächten so aufgeregt, dass ich fast überhaupt nicht geschlafen habe. Diese Mischung aus Übermüdung und Kälte hat aber auch geholfen, sich in die Rollen einzufinden. Man musste die Erschöpfung nicht mehr spielen. Ich tat mir so leid: ich bin eine so arme Sau, mir ist kalt, ich hätte gern ein Teechen. Wenn einem dann plötzlich die Bilder von damals aus den vielen Dokumentationen vor Augen flashen, kommt die preußische Haltung in jedem durch und man denkt, auch hier gibt es eine höhere Idee, die Geschichte der Frauen und Kinder, die das erlebt haben, zu erzählen, ihnen eine Stimme, ein Bild zu geben. Und das ist so viel wichtiger als meine Befindlichkeiten. Ich liege ja abends nach einer heißen Dusche im warmen Bett.
freitagsmedien: Ist dieses körperlich erfahrene Leid notwendig oder nur hilfreich für solche Rollen?
Furtwängler: Eher hilfreich. Das Leid einer Mutter, der das Kind im Arm erfriert, kann man ja nicht auf der Basis eigenen Erlebens spielen, sondern nur ein Stück in seiner Vorstellungswelt hingehen. Aber es hilft natürlich, in ihr drinzustecken, in der Kälte, den Menschen, den Pferden. Das macht was mit einem.
freitagsmedien: Haben Sie sich über das Drehbuch hinaus historisch auf die Rolle vorbereitet?
Furtwängler: Ja. Ich hatte mich schon länger für das Thema interessiert, auch für die Gräfin Dönhoff, von der meine Mutter mal gesagt hatte, Kindchen, dieses Buch von ihr musst du lesen und spielen. Ich hab das jahrelang liegen lassen, dann aber doch irgendwann gelesen und gemerkt, was das für eine Zeit war, mit welch eigenartigen Menschen. Diese Art, den anderen mit den eigenen Emotionen auch nicht auf die Nerven zu gehen. Das genaue Gegenteil des heutigen Rauslassens. Sehr beeindruckend. Aber ich hatte die Idee dann wieder verworfen, bis Nico Hofmann zu mir kam und fragte, ob ich nicht Lust hätte, so was zu spielen. Das kam dann wie gerufen, ist aber von der Gräfin Dönhoff meilenweit entfernt.
freitagsmedien: War ihnen die Sensibilität des Themas bewusst? Es ist ja längst nicht ausdiskutiert und beinhaltet in dieser Offenheit viele Fallen, ins Revisionistische abzugleiten.
Furtwängler: Wenn ich ganz ehrlich bin, hab ich die politische Dimension dieses Films erst nach und nach begriffen. Da hatte ich eine gewisse Naivität. Ich war aber von vielen Stellen im Buch sehr angetan, zum Beispiel von der historischen Verantwortung, wenn viele Menschen davon betroffen sind, keine Liebesgeschichte in den Vordergrund zu stellen. Ich war stets angetan, wie sensibel mit dem Thema Schuld umgegangen wird; es wurde nie ein Zweifel an den Verbrechen der Wehrmacht gelassen, wie sie umherschwadroniert und sinnlos auf dem Eis Gefangene abknallt. Oder nehmen sie den Untergang der Wilhelm Gustloff, die mit 10.000 Menschen an Bord torpediert worden war, von denen glaube ich 9.000 umgekommen sind. Und am Strand, auf dem die Leichen angespült wurden, hat die Wehrmacht noch in der Nacht 3.000 Juden erschossen, die Menschen sahen nicht die Leuchtfeuer der Gustloff, sondern das Mündungsfeuer der Soldaten. Mit so etwas wird im Buch wie im Film klug umgegangen, diese historische Dimension wird gut erzählt und mir ist erst danach klar geworden, dass man darüber diskutieren wird und soll.
freitagsmedien: Hat man den Arbeitstitel Flucht und Vertreibung um die letzten beiden Worte gekürzt, damit diese Diskussion nicht außer Kontrolle gerät?
Furtwängler: Na ja, Flucht und Vertreibung war die Chiffre für das kollektive Schicksal, wir haben aber nur den ersten Teil davon erzählt und es ist richtig, den Film entsprechend zu benennen. Die Vertreibung ist ein ganz eigenes Kapitel.
Frau im Spiegel: Die Dreharbeiten haben vier Monate gedauert. Wie haben Sie das gemacht – waren Sie immer von der Familie getrennt, haben Ihre Kinder Sie mal besucht, wie hält man das aus?
Furtwängler: Die haben mich besucht und abgesehen davon hatten wir auch mal zehn Tage Pause hier und fünf Tage dort. Und: Ich habe im Vertrag gnadenlos durchgesetzt, alle zwei Wochen mindestens vier Tage frei zu kriegen, was natürlich gerade in dem Litauen-Teil wegen der Kälte schwierig war; ein logistisches Problem, den Treck da anzuhalten, aber es für mich ein absolutes mütterliches Gesetzt. Nun sind die Kinder auch nicht mehr ganz so klein, das konnte ich denen zumuten und ehrlich gesagt war es auch viel, viel weniger schlimm, als ich es befürchtet habe, diese lange Zeit. Aber dadurch, dass ich im Vertrag so stringent darauf geachtet habe, so und so viele Tage hier und da zu sein…
Frau im Spiegel: Das muss man auch!
Furtwängler: Ein großer Kampf. Dadurch war es sehr machbar. Und es ist ja ein schönes Gefühl, wenn einen die Kinder nicht mehr so sehr fordern und brauchen, dass man merkt, mehr Freiheiten zu bekommen. Aber a priori geht es mir darum, dass es denen gut geht.
Frau im Spiegel: Ja. 16 und 14 sind sie, oder?
Furtwängler: 16 und 15 seit ein paar Tagen.
freitagsmedien: Interessieren die sich schon für das Thema des Films und wollen darüber reden?
Furtwängler: Sie haben ihn vor einer Woche zusammen mit meinem Mann gesehen. Das war mir auch wichtig. Meine Tochter war sehr emotional berührt, sehr unmittelbar, meinen Sohn hat vor allem dieser junge Fritz interessiert, der Nazi, wieso der denn immer noch… So hat jeder seine Identifikationsebene gewählt. Es wirkt bei ihm oft subkutaner, hat ihn aber schon beschäftigt. Allein dieses Verbrechen der Wehrmacht, die Maschinen und Geräte, nicht aber die Zivilbevölkerung zu evakuieren, gerade in Ostpreußen durch diesen Gauleiter Koch. Wie hieß er noch?
freitagsmedien: Oh, da bin ich nicht gut informiert.
Frau im Spiegel: Herr Koch.
Furtwängler: Der war ja ganz besonders grausam; kaum, dass man auch nur versucht hat, mit Sack und Pack zu gehen, wurde man ja als Defätist erhängt. Ein Zynismus, der in Hitlers Leitsatz gipfelte, wenn das deutsche Volk den Krieg nicht gewinnen kann, hat es auch kein Recht zu überleben. Dieses Verbrechen an der Bevölkerung hat meinen Sohn sehr beschäftigt. Wieso sind die denn nicht gegangen? Dieses Gefühl, wo soll ich denn hin, das ist doch meine Heimat.
Frau im Spiegel: Wie stolz sind Ihre Kinder auf ihre Mama? Müssen Sie manchmal Autogramme mitbringen, für Schulfreunde?
Furtwängler: Ja, neulich. Einmal. Ich würde denken, die sind schon stolz und finden das toll. Nicht gerade, wenn ich drehe und gar nicht zuhause bin.
freitagsmedien: Immerhin pubertieren sie gerade. Da sollten sie froh sein, mal allein zu sein.
Furtwängler: Mal so mal so (lacht). Im Grunde sollte die Mutter immer da sein, aber bitte nicht auf die Nerven gehen.
Frau im Spiegel: Das ist das Beste. Wie sind ihre weiteren Pläne?
Furtwängler: Ich drehe weiter Tatort, meine Charlotte Lindholm ist gerade schwanger geworden.
Frau im Spiegel: Ja, das wollten Sie doch gerne.
freitagsmedien: Aber nur Charlotte Lindholm.
Furtwängler: Nur Charlotte Lindholm (alle lachen). Das drehe ich im März, dann mache ich einen Actionfilm, etwas ganz anderes, fürs Kino. Im Moment habe ich eine unglaublich privilegierte Phase in meinem Leben, mit vielen Möglichkeiten, die ich selber entwickle. Das macht viel Spaß, kann ich nicht anders sagen.
freitagsmedien: Ist die Flucht eigentlich ein Liebesfilm mit einer Fluchtdramenhandlung oder ein Fluchtdrama mit Liebesrahmenhandlung?
Furtwängler: Beurteilen Sie’s. Ich finde, wir erzählen in vielen Einzelschicksalen die Flucht und es kommt unter anderem eine Liebesgeschichte vor.
Frau im Spiegel: Mehr untergeordnet.
Furtwängler: Ich finde nicht, dass es vordergründig eine große Lovestory ist. Das ist bei diesem Thema wichtig.
freitagsmedien: Ganz ohne Liebesgeschichte, zumal als Dreieckskonstellation, wäre er allerdings primetimeuntauglich.
Furtwängler: Das weiß ich nicht. Ich glaube schon, dass es in uns Menschen bei allem Elend immer Hoffnung gab und wir haben den Moment einer Kindsgeburt. Die Liebe erhält uns letztlich am Leben. Im Film soll diese Geschichte aber auch illustrieren, wie die Unterschiede zwischen oben und unten in solchem Elend, wo sich alle gleich werden, irgendwann aufgehoben werden, was sie als Gräfin zuvor niemals zugelassen hätte. Außerdem muss man aufpassen, den Zuschauer nicht total zu überfordern. Nur Elend – da steigt jeder aus, das geht nicht. Wir zeigen ja nur zehn Prozent von dem, was man da zeigen könnte und schon das ist (stöhnt) tough. Da ist die Liebesgeschichte ein Gegenpol, nach dem wir uns sehnen.
freitagsmedien: Zugleich wird recht detailliert eine Vergewaltigung gezeigt. War das angemessen, zuviel, zu wenig?
Furtwängler: Nicht zu viel, aber meine Tochter hat es doch als sehr unangenehm empfunden und weggeguckt. Aber meine Güte – es wurden so viele Hunderttausende von Frauen vergewaltigt, das mussten wir zeigen und dann eben nicht viermal. Einmal reicht für mein Gefühl.
Frau im Spiegel: War das schauspielerisch Ihre anspruchsvollste Rolle?
Furtwängler: Die nächste ist fast immer die Anspruchsvollste, aber in der Tat – diese war sicherlich in der Vorbereitung, der Veränderung, dem Eintauchen das Anspruchsvollste.
Frau im Spiegel: Haben Sie noch ein Autogramm?
Posted: August 26, 2013 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen |
Rücksichtnahme
Die Woche, die war: 19.-25. August
Das erste Opfer des Krieges, so sagt man, sei die Wahrheit. Und die Bild-Zeitung führt ja bekanntlich seit ihrem Bestehen einen Krieg, genauer: ganz viele Kriege. Gegen guten Journalismus, gegen alles Fremde, Unheimliche, Bedrohliche, gegen die weibliche, homosexuelle, nichtdeutsche Würde und natürlich, genau, gegen die Wahrheit, jedenfalls jene, die einer schönen fetten Meinungsmache im Wege steht. Deshalb tat es am Donnerstag auch nicht Not, dass der Vorwurf eine Giftgaseinsatzes in Syrien irgendwie bewiesen war – für die Feststellung in Text und Kommentar, nun töte Assad auch noch mit ABC-Waffen, reichte ein Verdacht allemal. Womit neuerlich bewiesen wäre, dass die Bild mit Journalismus so viel zu tun hat wie eine Pfälzer Schlachtplatte mit Veganismus, wie der neue Fernsehsender Al Jazeera USA, der dort seit voriger Woche weit seriöser als etwa Fox über die Welt berichtet, mit Islamismus.
Oder wie Hamburg mit der Medienhauptstadt Deutschlands.
Der nämlich verblasst zusehend – nicht zuletzt dank dem, was die aktuellen Sachwalter von Springer aus Axel Caesars Erbe machen. Mit dem Verkauf diverser Titel an die Essener Funke-Gruppe, sorgt der „Verlag“ nämlich gerade dafür, dass demnächst selbst die alte Hörzu von Hamburg ins Ruhrgebiet zieht, so wie es in zwei Jahren Auto-Bild erwischen dürfte. Auf diesen Zug springt nun auch der Bauer-Verlag, indem er seine Frauenzeitschrift das neue fortan von seiner Tochter Pabel-Moewig in Rastatt produzieren lässt. Wenn, was absehbar ist, auch die Zentrale des Spiegels nebst der verbliebenen Zeit-Ressorts das Weite suchen, wenn zudem selbst Lokalredaktionen ihre Inhalte von Sammelstellen fern des Lokalen fertigen lassen, wird sich ein weiteres Stück alter Medienwirklichkeit in Luft auflösen: Die Ortsgebundenheit des Journalismus.
Was auch dem Ruf der Menschen, die ihn betreiben, weiter schaden wird. Falls das überhaupt geht. Denn laut einer Allensbach-Umfrage rangiert der Beruf des Reporters zwar vorm Spitzensportler, aber hinterm Unternehmer auf Rang 12. Selbst Polizisten und Geistliche sind beliebter. Nicht aber Fernsehmoderatoren, deren Tätigkeit satte drei Prozent der Befragten wertschätzen, also ebenso viele wie Banker, deren Renommee von SS-Offizieren mittlerweile nur noch um Aktienbreite unterboten wird. Mut macht da aus journalistischer Sicht allenfalls eine Studie des europäischen Statistik-Instituts Eurostat. Jede(r) fünfte Deutsche, so das Ergebnis, hat noch nie das Internet genutzt – das ist ein gesicherter Platz im EU-Mittelfeld, weit hinter Schweden (5 Prozent), aber doch deutlich vor Schlusslicht Rumänien (48 Prozent), und könnte Auskunft darüber geben, wie es um die Mediennutzung bestellt ist. Denn dieses Fünftel dürfte noch so erzogen sein, auf Papier gedruckte Infos zu konsumieren, ja sogar zu bezahlen.
Die können dann auch womöglich sogar noch etwas mit dem Namen Jörg Plewa anfangen, der diese Woche gestorben ist. Plewa hat 1970 in einem TV-Film namens Millionenspiel die Hauptrolle als Quizshowteilnehmer gespielt, der sich für die Titelsumme von Killern jagen lassen muss. Das war seinerzeit nicht nur sensationelles, sondern auch visionäres Fernsehen.
Aussichtsplattform
Die Woche, die wird: 26. August – 1. September
Und weil es davon nicht immer ausreichend gibt, weil Fernsehen heutzutage ja selbst bei Sendern, die sich für innovativ halten, oft nur endlose Reproduktion des Bewährten ist, gerät Schulz in the Box in zur Sensation der anstehenden Fernsehwoche – und zwar ausdrücklich nicht, wegen des Konzeptes, sondern wegen des Mannes, den Pro7 heute um 22.10 Uhr testweise in eine Kiste steckt und an unbekanntem Ort aussetzt. Denn eins ist sicher: Oli Schulz wird selbst aus ein paar einsamen Stunden im Wald etwas Anarchistisches zaubern.
Etwas weniger anarchistisch, aber dafür sachdienlich wird es dagegen am Sonntag auf gleich fünf Kanälen, die Das TV-Duell übertragen. Wobei der Schlagabtausch zwischen Kanzlerin Merkel und Herausforderer Steinbrück vor allem dadurch an Bedeutung gewinnt, dass beide neben Anne Will, Maybrit Illner und Peter Kloeppel von jemandem auf den Prüfstand gestellt werden, der mit einem relevanten Sender so viel zu tun hat wie Sat1 (das zeitgleich mangels eigenem Moderator Navy CIS zeigt): Stefan Raab. Den leidlich unterhaltsamen, journalistisch aber vollends inkompetenten Klassenclown der kommerziellen TV-Gosse in ein so wichtiges politisches Format zu platzieren, ist mit Schande noch milde umschrieben.
Ganz treffend umschrieben wäre damit allerdings die Tatsache, dass sich der künftige Spiegel -Chef Wolfgang Büchner ausgerechnet Bild-Vize Nikolaus Blome zum Vize erwählt hat, also einen konservativen Scharfmacher fürs linksliberale Kampfblatt früherer Tage. Es sei denn, die außerordentliche Versammlung der Mitarbeiter KG macht dem ordinären Spuk Mittwoch ein Ende. An dem Tag entscheidet sich also nicht nur das Schicksal von Blome, sondern auch das von Büchner und wie einige bereits unken, das des wichtigsten Magazins in Deutschland gleich mit. Na ja, wenn der Printmarkt noch so für Aufregung sorgt, scheint ja noch richtig Leben darin zu stecken.
Was man vom Fernsehen weit weniger behaupten kann. Für den bedeutsamsten Film der Woche Eine mörderische Entscheidung (Freitag, 20.15 Uhr, Arte), die Aufarbeitung des Dramas am Kundus, wo die Bombardierung zweier Tanklaster vor vier Jahren fast 100 Zivilisten in den Tod gerissen hat, wählt Regisseur Raymond Ley schließlich das reichlich abgenutzte Format des Dokudramas. Was auch durch den famosen Matthias Brandt als Oberst Klein nur bedingt kreativer wird. Interessanter ist da doch die Idee des Brausekanals Servus TV, eine Oper live fürs Fernsehen zu inszenieren, auch wenn es mit Mozarts Entführung aus dem Serail heute natürlich eine der leichtere Art ist.
Eher leichter unterhält auch die Kinoadaption der ARD-Serie Türkisch für Anfänger, die voriges Jahr zu den Kassenschlagern zählte und dafür nun im Ersten sogar die Primetime erhält. Die kriegt auch Du bist dran, der Mittwochsfilm an gleicher Stelle, in dem der grandiose Lars Eidinger diesmal einen Hausmann spielt, dem die moderne Arbeitsteilung mit einer erfolgreichen Frau zusehends auf den, Pardon: Sack geht. Apropos grandios: Die Frau, der dieses Attribut passt wie sonst keiner im öffentlich-rechtlichen Sachfernsehen, stellt heute nach den Tagesthemen im trimedialen Format Überzeugt uns! Politiker aller Parteien auf den Prüfstand. Da kann man den schlechtesten St. Pauli-Film aller Zeiten (Gegengerade) trotz der namhaftesten Schauspieler (wie Mario Adorf) zur gleichen Zeit im NDR noch leichteren Herzens verpassen.
Besser nicht verpassen sollten Fans des Münchner Filmemachers Klaus Lemke dagegen die lange Nacht mit drei seiner jüngeren Werke (Berlin für Helden, 3 Kreuze für einen Bestseller, Dancing with Devils), Freitag ab – danke ZDF! – halb ein Uhr nachts. Ebenso die neue alte ZDFneo-Reihe Herr Eppert sucht (Donnerstag, 23 Uhr), diesmal: afrikanische Stammesoberhäupter in Deutschland. Am gleichen Tag auf gleichem Kanal übrigens wie der Tipp der Woche. Diesmal: Nicht nachmachen! mit Wigald Boning und Bernhard Hoëcker als Gefahrensucher. Nicht subtil, aber ungemein witzig.
Posted: August 25, 2013 | Author: Jan Freitag | Filed under: 6 wochenendreportage |
Frohes Ärgern
Vor 100 Jahren kam das beliebteste Spiel der Deutschen auf den Markt. Seither steht „Mensch ärgere Dich nicht!“ für gesellige Schadenfreude. Hommage an eine Institution
Von Jan Freitag
Wer kennt diesen Sketch nicht von zuhause: „Na was is“, sagt Gerhard Polt darin zu seinem Sohn, dem nach zwei rausgeworfenen Figuren die Lust vergeht, „jetzt wird anständig gewürfelt“. Doch Heinz-Rüdiger will nicht, Papa zieht an seiner Stelle, schmeißt ihn dann nochmals raus und schüttelt sich nebst Mama vor Lachen. Was folgt, ist Alltag: Mit einem Wisch fegt der Bub das Brett ab, kriegt was an die Ohren und die Drohung hinein, so lang weiterzuspielen, „bis du den Ernst von dem Spiel amol begreifst“.
www.youtube.com/watch?gl=DE&hl=de&v=9OcuxYlOdGY&feature=related
Das Spiel heißt (natürlich) Mensch ärgere Dich nicht! und es sorgt seit genau 100 Jahren für Freude wie Verdruss. Denn 1912, als der erste Leichtathlet zwei Meter hoch sprang und die Titanic sank, brachte ein Tüftler namens Josef Friedrich Schmidt das Spiel der Spiele zunächst als Versuchsversion, ein Jahr später dann ganz offiziell in den Handel, . Da war es zwar noch ein Prototyp, handgemacht in einer kleinen Münchner Werkstatt, eher für Schmidts Söhne als den Massenbedarf. Doch das sollte sich mit der Serienfertigung ab 2014 ändern.
Denn der Spaß für vier bis sechs Personen, den Schmidt der indischen Urversion Pachisi, mehr aber noch dem britischen Ludo nachempfunden hatte, er kultivierte etwas Ungewohntes, ja Ungehobeltes, also sehr Erfrischendes in der guten Stube: Die Schadenfreude. Anders als bei den Vorläufern wurde das Rausschmeißen von der Variante zum Wesenszug – und damit der Ärger des Gegners. Ein Instinktgefühl wie das Lachen selber. Und irgendwie muss es wohl deutsche Züge tragen – sonst hätten Portugiesen und Polen, Italiener oder Iberer, Franzosen wie Engländer „Schadenfreude“ kaum in den eigenen Sprachschatz integriert. Vielleicht ja auch, weil man nicht nur in diesen Ländern bisweilen denkt, die ersten zwei Silben des Wortes, von dem wir der Welt im Lauf der Geschichte ein bisschen sehr viel zugefügt haben, erzeugt im Ursprungsland fast zwingend die hinteren beiden.
Da kann es doch kein Zufall sein, dass Mensch ärgere Dich nicht! ausgerechnet da zum Durchbruch kam, wo die Schadenfreude irgendwie endemisch ist: Auf dem Schlachtfeld. Bis zum 1. Weltkrieg nämlich wollte es kaum jemand kaufen. Also schickte der Spielproduzent in spe noch vor der Firmengründung 3000 kostenlose Exemplare an die Front. Aus Patriotismus, schreibt die Unternehmenshistorie. Mehr aber noch aus Groll den Misserfolg, der im Schützengraben sein Ende fand: Die heimkehrenden Soldaten spielten zuhause einfach weiter.
Mensch ärgere Dich nicht nun als Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln zu sehen, ginge aber doch zu weit. Das „populärste Gesellschaftsspiel der Nation“, wie es der „Spiegel“ zum 75. Geburtstag beschrieb, macht einfach ohne großen Aufwand viel Spaß. Und die Lust am Leid anderer hat seine Ursprünge auch eher in der hierarchischen, später ständischen, bald kapitalistischen Gesellschaft als in einer Art deutschen Wesen. Schadenfreude gab dem Pöbel wenigstens dann ein kurzes Gefühl von Gleichheit vorm Schicksal, wenn die Oberschicht mal in den Dreck stolperte. Sie ist folglich keine Boshaftigkeit, sondern die „kleine Schwester der Niedertracht“, wie die „Zeit“ mal schrieb: verwandt mit dem Neid, gespeist vom Minderwertigkeitsgefühl, evolutionär überlebenswichtig, „weil sie das Gruppenrudel vor Einzelschmarotzern schützt“. Ein sozialer Kitt.
Und er wird in jener Hirnregion angerührt, die Forscher der Universität London dank mehrerer Spielexperimente auch bei Essen, Sex, Drogenkonsum aktiviert sehen. Es geht um Befriedigung. Da das gesellschaftliche Normenkorsett jener Zeit indes nur ein begrenztes Maß an Spott zuließ, kam Schmidts Spiel, von Kennern „Mädini“ abgekürzt, in einer humorlos militärischen Klassengesellschaft wie der wilhelminischen grad recht. Vor der Anleitung waren endlich alle gleich: Eltern und Kinder, Freund und Feind, satt und hungrig, uniformiert und zivil, oben und unten. „Das wohl deutscheste Spiel“, wie es die Spielesammlerin Ulrike Schiefer nennt, muss man so gesehen als Ventil einer Nation im Würgegriff von Anstand und Ordnung sehen.
Umso bemerkenswerter, dass die Berliner Firma mit bayerischen Wurzeln auch in der liberaleren Gegenwart jährlich gut 100.000 der knallroten Kartons mit dem giftgrünen Streitpotenzial verkauft. Das Layout mag optisch dem Zeitgeist gefolgt sein, der genervte Anzugträger überm geschwungenen „M“ mehrfach Krawatte und Frisur gewechselt haben – im Kern blieb das Design ebenso erhalten wie die entwaffnend simplen Regeln. Im Grunde, meint Dirk Hanneforth, der als Verfasser des Buchs „Ärger-Spiele“ zum ausgewiesenen Experten avancierte, „ist nichts dran“. Es erzähle keine Geschichte, urteilt der Schuldirektor aus Bielefeld, „die Idee ist zu einfach, die Aufmachung verglichen mit heutigen Spielen furchtbar“. Ein optisch unterforderndes, haptisch unspektakuläres, ästhetisch primitives Pappquadrat mit Pöppeln genannten Plastiksteinen – und doch gut 70 Millionen Mal verkauft.
Einst für 35 Pfennig, heute zu zehn Euro, längst auch als Bodenspiel oder Reisemini, auf CD-Rom oder Friesisch, mit Automatikwürfel oder Jokerkarten, im Pyramiden- oder Retrolook. Franzosen spielen aufmunternd Mach dir nichts draus, Amerikaner folgebewusst Frustration, Polen kryptisch Chinese, vor allem Deutsche aber sollen sich bloß nicht ärgern, tun es aber doch beständig. Bei Landesmeisterschaften, unter Wasser oder 136 Stunden am Stück.
Das Inventar jedes gut sortierten Elternhaushalts ist derart wichtig für die hiesige Popkultur, dass Gerhard Polt daraus einen brillanten Sketch machte und Sat1 eine weniger brillante Show namens Promi ärgere Dich nicht!. Es ist aber sogar so bedeutsam, dass vor zwei Jahren gar eine Briefmarke herauskam, mit dem üblichen Ablauf als Motiv: Zwei lachen, einer wütet, das Brett fliegt, Spiel aus, alles von vorn. Doch die Post lag mit dem vermeintlichen Jubiläum so daneben wie das allwissende Online-Lexikon Wikipedia. Zumindest offiziell. Selbst der Hersteller hatte sich zunächst auf 1912 festgelegt, als das Spiel erstmals im Handel aufgetaucht war, was Spielforscher Hanneforth bestätigt. Mittlerweile jedoch jubiliert Schmidt-Spiele lieber 2014, im Jahr der Firmengründung. Betriebswirtschaftlich trifft es das sogar besser: Ohne Mensch ärgere Dich nicht! gäbe es da nicht fiel zu feiern.
EPIGONEN
Verliere nicht den Kopf: Dabei muss man auf Eckfeldern, die man genau trifft, auf die diagonal gegenüberliegende Ecke ziehen.
Zoff der Zünfte (2006, 3-Hirn-Verlag): Hier haben die Pöppel Funktionen bzw. Charaktere wie Bursche, Geselle, Meister.
Nichts als Ärger (1999, Heidelberger Spieleverlag): Ergänzungskartenspiel, zu dem man ein Mensch-ärgere-Dich-nicht!-Brett benötigt. Die gezogenen Spielkarten lenken die Pöppel.
Teufelsrad (1938, Ravensburger): Mischung aus Mensch ärgere dich! nicht und Malefiz.
Posted: August 21, 2013 | Author: Jan Freitag | Filed under: 3 mittwochsporträt |
Das öffentliche Verbrechen
Vor 25 Jahren hielt die Geiselnahme von Gladbeck das Land in Atem. Auch, weil Dieter Degowski, Hans-Jürgen Rösner und ihre Gefangenen nicht nur 54 Stunden von der Polizei, sondern auch von einer Pressemeute verfolgt wurden. Rückblick auf einen Sündenfall
Von Jan Freitag
Jung sieht Frank Plasberg aus, sein Schnauzer ist zeitgemäß und das Mikro schmucklos. Doch er hält es schon mit jener drängelnden Lässigkeit, die ihn noch heute kennzeichnet. Kaum zu glauben, dass der harte, aber faire Talkshowhost im August 1988 Akteur einer echten Katastrophe der Medienkultur war. „Es hatte was von einem geordneten Verfahren“, schildert Plasberg, wie er sich beim Geiseldrama von Gladbeck vor 25 Jahren artig in die Reihe enthemmter Reporter zum Interview mit Dieter Degowski und Hans-Jürgen Rösner samt ihrer zwei Gefangenen einreihte.
Es war ein journalistischer Sündenfall.
Die Disziplin der Presse war schließlich das einzig Geordnete in diesen 54 Stunden zwischen einem Bankraub und seinem blutigen Ende. Ansonsten herrschte das blanke Chaos: Polizisten ohne Konzept, Politik ohne Einfluss und Medien ohne Ethos machten den Fall zum „spektakulärsten Verbrechen der Nachkriegszeit“, wie es Bremens damaliger Innensenator Bernd Meyer beschreibt, „sowohl von der kriminellen Energie als auch von der Öffentlichkeitswirkung her“.
In der Tat. Denn das erste fast vollständig gefilmte Verbrechen der Bundesrepublik, im Osten nur eine Randnotiz wert, war mit drei Toten und zweimal lebenslang nicht nur besonders spektakulär; erstmals standen in der Mediengesellschaft die Medien selbst derart im Fokus der Kritik. Nicht einzelne Genres wie der Boulevard oder einzelne Magazine wie der Stern, sondern die ganze Branche. Und ohne das Flugunglück von Ramstein zehn Tage nach dem Ende der Geiselnahme hätte es vielleicht gar einen Reinigungsprozess gegeben. So aber ersetzte eine Sensation die andere und es blieb bei der Ergänzung des Pressekodexes um die Selbstverpflichtung, künftig kein „Werkzeug von Verbrechern“ mehr zu sein. Als sei das zuvor eine Option gewesen.
Das war es nicht. Zu undenkbar schien ein Fall wie Gladbeck: Rasende Reporter zwischen Verfolgten und Verfolgern, interviewte Bankräuber beim Fliehen, Kidnapper als Fernsehstars – eine Situation, zu absurd, um untersagt zu werden. Dann aber ruft Hans Meiser in der besetzten Bank an und fragt, welches Fluchtauto gefordert sei. Dann heftet sich ein Pressemob ans Heck und behindert die Polizei. Dann sagt der Desperado Rösner vor laufenden Kameras, „ich scheiß’ auf mein Leben“, und 13 Millionen Zuschauer sind live dabei.
Eine Topquote für eine Bombenshow. Erst 1985 hatte Neil Postman gemutmaßt, im kommerziellen TV-Zeitalter gehe alles in Unterhaltung auf, da lieferte ein Gangster-Event den Beleg. Gladbeck trieb den Journalismus tief ins Entertainment und vermengte wie nie zuvor Nähe mit Relevanz, Teilhabe mit Erkenntnis. „Wir waren wie berauscht“, gestand Udo Röbel vom Kölner Express 2008 in besagter Dokumentation, warum er das Fluchtauto vom Beifahrersitz aus zur Autobahn lotste. Ein Eingriff, den der spätere Bild-Chef an gleicher Stelle damit rechtfertigte, alle seien „geil auf die Story“ gewesen. So geil, dass ein dpa-Reporter auf Verfolgungsjagd selbst angeschossen zur News wurde und Radioreporter Plasberg sein Mikro so dicht unter Entführernasen hielt, dass das SEK ringsum nur deshalb nicht zugriff, weil wohl irgendein Reporter, wie deren Einsatzleiter Spiegel TV zu Protokoll gab „versucht hätte, das entscheidende Foto zu machen“.
Diese Verquickung von Subjekt und Objekt wurde zwar nicht erst im August 1988 geboren, gewann aber damals eine Strahlkraft, ohne die weder Leserreporter von Bild bis Stern noch Regenbogenpromis von Wulff bis Guttenberg denkbar sind. Und wenn die Tagesschau Berichte mit Bildern aus Köln garniert, wo die Täter kurz vorm Showdown eine Art Pressekonferenz in der Fußgängerzone abhielten, heiligt das Mittel einen bestimmten Zweck: Emotion durch Nähe. Andererseits schloss die Spitzenmeldung seinerzeit mit einer Medienkritik, die noch während der Geiselnahme von Presserat bis Polizeigewerkschaft geübt wurde.
Was folgte, war eine heilsame Debatte. Denn auch wenn der Boulevard zusehends mit seinen Themen verschmilzt, hat sich die seriöse Presse nie mehr so grotesk gemein mit den ihren gemacht wie damals. Und falls doch, fließt die Grenze zur Vereinnahmung. Beim Grubenunglück in Borken hielt man zwei Monate zuvor über den Hessischen Rundfunk Kontakt in den Schacht, was neben tollen O-Tönen die Rettung von sechs Kumpels mit sich brachte. Interviewte Nazis am Lichtenhagener Sonnenblumenhaus durften sich vier Jahre später zwar vor selbst inszenieren, sorgten aber auch für Gegenmobilisierung. Und in Gladbeck wog man die Entführer mit falschen Radiomeldungen über planlose Verfolger in Sicherheit und erfuhr beim Interview von Rösners schwerer Kindheit.
Es ist die Grundsatzfrage nach dem Mehrwert des Illegitimen. Vor Gericht beantwortet sie das Verbot illegal beschaffter Beweise, der Journalismus aber lässt offen, ob und wie man Kritik mit dem Kritisierten bebildern darf. Weil die Erregungsgesellschaft jedoch nicht Zaudern noch Moral duldet, nimmt das Image des Journalismus mit jeder Grenzübertretung, jedem Skandal um des Skandals Willen weiteren Schaden. Weil Gladbeck gezeigt habe, „was passiert, wenn der Jagdtrieb mit Journalisten durchgeht“, sagte Frank Plasberg vor zwei Jahren reuig, „würde ich das heut nicht mehr machen“. Das Publikum riete ihm wohl etwas anderes. Als der NDR mal Die bewegendsten TV-Momente wählen ließ, landete das Geiseldrama auf Platz 13 – hinter Lady Di’s Beerdigung. Aber vor ihrer Hochzeit.
Text, pics, Kommentare: http://www.zeit.de/kultur/film/2013-08/gladbeck-geiseldrama-medien