Posted: August 21, 2013 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch |
Ein bisschen sportstudio-bashing
Ein Gartenlokal im Herzen des deutschen Sportjournalismus: das Wiesbadener i-Punkt, flankiert vom hessischen Sportministerium und dem örtlichen Presseclub. Da könne schon mal ein Bela Réthy reinschneien, meint der Nachwuchsmoderator Sven Voss vorm Doppelinterview mit Dieter Kürten. Am Ende bringt der 78-Jährige aber nur seine Tochter zum Gespräch mit dem jüngsten und dem ältesten noch lebenden Moderator einer Legende: des „aktuellen Sportstudios“. Es wird bald 50, ist stets in Bewegung und doch irgendwie die alte geblieben, seit der Erstausgabe am 24. August 1963.
Interview: Jan Freitag
freitagsmedien: Herr Kürten, Herr Voss, haben Sie Lust auf ein kleines Sportstudio-Quiz zu Beginn?
Sven Voss: Mit Gewinner und Verlierer?
Eher zum Faktencheck.
Dieter Kürten: Na dann los.
Wann genau lief das allererste aktuelle Sportstudio?
Sven Voss: 1963.
Dieter Kürten: Am 24. August, zur Einführung der Bundesliga.
Wer hat es moderiert?
Kürten: Heribert Meisel; ein witziger, charmanter Funkreporter, der fürs enge Fernsehformat allerdings nicht der Richtige war und prompt dreieinhalb Stunden überzogen hat. Nach fünf Ausgaben ist er nicht mehr gekommen.
Voss: Ich habe bezeichnenderweise vorhin noch mal bei Wikipedia nach dem ersten Moderator gesucht, seinen Namen bis hierhin aber schon wieder vergessen. Er ist mir namentlich bekannt, aber meist wird ja doch von anderen wie dir gesprochen, Dieter.
Kürten: Der ZDF-Sportchef hatte ihn ja auch nur geholt, weil er kurz zuvor Länderspiel gegen Österreich so gut kommentiert hatte.
Und wie hieß dieser Sportchef?
Voss: Oh Mann, das ist ungerecht.
Kürten: Horst Peetz. Das war auch so ein Irrglaube früherer Tage, ein sehr guter Zeitungsjournalist wie er funktioniere automatisch im Fernsehen. Das muss nicht so sein.
Seit wann gibt es das Sportstudio in Farbe?
Voss: Weil ich hoffe, dass wir uns langsam meinem Jahrgang nähern, würde ich mal raten: 1972?
Kürten: Eher Mitte der Sechziger, ich hab das Bild von Willy Brandt, wie er auf der ifa den Knopf drückt, noch vor Augen.
1967. Und jetzt kommen Sie, Herr Voss. Franz Beckenbauer wird auch Gast Ihrer beider Jubiläumssendung sein. Zum wievielten Mal insgesamt?
Voss: Sagen wir 39 Mal.
Kürten: Also er war Harry Valériens Lieblingsgast, deshalb biete ich 52.
Knapp, 57. Was war sein bestes Ergebnis an der Torwand?
Kürten: Fünf hatte er nicht, aber einmal eins vom Bierglas.
Voss: Ich sag vier.
Und wer ist Mark Schnatterer?
Voss: Ah, das ist für mich: Fußballer beim FC Heidenheim, die am Tag meiner ersten Sendung 2011 Werder Bremen aus dem Pokal geworfen hat. Ein Überraschungsgast, denn ich hatte mich auf Sebastian Kehl vorbereitet, aber kurzerhand wurde dieser Pokalheld eingeladen, und da wurde mir schlagartig bewusst, warum dieses Sendung „aktuell“ im Titel trägt. Hier kann man sich nicht zurücklehnen. Der Name stand bis dahin nicht in meinem Poesiealbum, ich wusste nichts von ihm.
Kürten: Was uns zurückführt auf unseren Beruf: Fragen, fragen, fragen, statt sich alte Antworten bestätigen zu lassen!
Voss: Ganz genau, mehr über den Gast zu wissen als er selbst, kann Gespräche behindern. Bei mir ist es nicht mehr als eine Din-A-4-Seite Informationen. Nur: bei Mark Schnatterer war das Blatt leer.
Speichert sich so eine Premierensendung fotografisch ins Langzeitgedächtnis ein?
Voss: Ich hab sogar noch die Fragen im Kopf, die ich nicht gestellt habe.
Kürten: Und ich hab 30 Minuten überzogen, da wir allen Ernstes eine neue Aufnahmetechnik vorgestellt haben. Dafür musste ich mich live mit vier Ingenieuren rumplagen und wusste zudem noch nicht genau, wann ich wie wo zu stehen hatte. Aber ich bin durchgekommen.
Voss: Und wie viele Sendungen hast du gebraucht, um nicht nur durchzukommen, sondern Spaß zu haben?
Kürten: Sicher ein Dutzend. Und richtig frei geworden bin ich erst in der Zeit, als ich junger Bengel unter den 15 Jahre älteren Thoelke, Valérien, Günzler nicht mehr nur alle Vierteljahr an der Reihe war, was jede Sendung zum Debüt macht, sondern mit Harry im Wechsel, so anstrengend es dann auch wurde.
Voss: Schön das zu hören, denn ich hatte zu Beginn auch dieses Gefühl, bloß gut durchkommen zu wollen in dieser Institution mit ihren klaren Abläufen, die man keine Minute überziehen darf. Ohne Schalke 05 zu sagen, ohne das Torwandschießen zu vergessen. Mich davon frei zu machen hat schon einige Sendungen gedauert.
Kürten: Wir mussten uns beide auch ein bisschen von großen Namen emanzipieren, die schon vor uns da waren. Und von der Bedeutung der Sendung, denn das Sportstudio war damals der große Reißer, der machen konnte, was er wollte – zeitlich, finanziell, dramaturgisch; die Freiheit war riesig, auch für uns Moderatoren, die sich völlig frei entfalten konnten.
Macht das den Moderator von heute ein wenig neidisch?
Voss: Schon. Zumal die Fallhöhe bei mir eine andere war. Als Dieter begonnen hat, war das Sportstudio vier Jahre alt, mich begleitet es von Kindesbeinen an, umso mehr, seit ich 1999 selber zum Fernsehen kam. Dieser Tradition bringt man eine gewisse Demut entgegen; trotzdem würde ich mir manchmal mehr Freiheiten wünschen, weiß aber auch, dass das allein durch die Rechtevergabe oder nachfolgende Sendungen eng begrenzt ist. Nach uns kommt ja kein Testbild mehr.
Kürten: Und vor uns gab es nur die Sportschau, ein total nachrichtliches Format. Wir dagegen waren in den Worten von Wim Thoelke eine „Unterhaltungssendung mit stark sportlichem Charakter“. Die wiederum dazu führte, dass auch Ernst Huberty im Ersten lockerer wurde und bald das Tor des Monats gewählt wurde. Gerade weil wir so viele Freiheiten hatten, haben wir den Sportjournalismus weiterentwickelt. Trotzdem ist zu viel Zeit nicht nur positiv, da entsteht auch viel Kokolores.
Hätten Sie sich da auch mal die Restriktionen von heute gewünscht, mehr Struktur?
Kürten: Nö, nie. Das war eine viel zu schöne Spielwiese, aber auch die wurde mit der Zeit zurechtgestutzt.
Voss: Und es geht ja nicht nur ums Zeitliche. Zu Dieters Zeiten hat sich jeder Sportler drum gerissen, ins Sportstudio zu gehen; wir müssen heute schon ganz schön Steine klopfen und am Ende doch einsehen, dass 90 Prozent der Gäste, die wir gern Samstag hätten, schon Montag völlig verplant sind. Aber zu kämpfen lohnt sich immer.
Kürten: Bei uns boten sich ihnen dagegen unvergleichliche Verbreitungsmöglichkeiten, vor fünf, sechs Millionen Zuschauern ihr Renommee zu verbessern. Und das wussten die zu nutzen, weil das oft Männer mitten im Leben waren, mit Frauen, Kindern, Berufen, die plötzlich mit Fußball Geld verdienten und durch die Welt reisten, was ungeheuer klug macht. Die konnten wir alles fragen und sie haben auf alles geantwortet, weil ein Vertrauensverhältnis bestand.
Das damals noch nicht so sehr von kommerziellen Selbstvermarktungsinteressen beeinflusst war.
Kürten: In der Tat. Da saß kein Trainer mit einer Werbespange am Hemdkragen vor mir, was ich für Erwachsene mit Vorbildfunktionen als unangebracht und geschmacklos empfinde.
Voss: Und zum Glück kommt man von dieser Art PR auch langsam wieder weg. Die haben halt heute ganz andere Vermarktungsmöglichkeiten als uns, was man an der Präsentation von Mario Götze im Nike-Shirt bei den Adidas-Bayern gesehen hat.
Kürten: Da kann mir keiner erzählen, dass das nicht genau so geplant war.
Voss: Aber ich fühle mich von so was auch nicht missbraucht, solange ich meine Arbeit machen kann. Die würde eher beeinträchtigt, wenn vorher Fragen abgesprochen werden sollen.
Kürten: Ich habe meine Gäste immer selbst eingeladen, aber wenn da einer gesagt hätte, über das und das nicht reden zu wollen, hätte ich ihn auch ganz schnell wieder ausgeladen. So weit kommt’s noch, dass alle Welt über etwas redet, und wir im Sportstudio dürfen das nicht.
Voss: Es sei denn, es geht um Privates. Wenn vorige Saison, als wir Rafael van der Vaart einladen wollten, jemand vom HSV gesagt hätte, bitte nicht über seine Ehe zu sprechen, wäre das okay gewesen; interessiert mich eh nicht so. Aber sportlich will ich jede Frage stellen dürfen, das war damals so, das ist heute nicht anders.
Könnte man den heutigen Voss in die Zeit von Kürten teleportieren und den jungen Kürten in die Gegenwart – würden Sie im Format des jeweils anderen funktionieren?
Kürten: Na sicher, aber ob das sinnvoll wäre, ist eine andere Frage. Wie gefällig Moderatoren sind, ist ja keine Zeit-, sondern eine Typfrage. Ich werde heute noch auf der Straße angesprochen, ob ich es nicht noch mal machen würde, aber grundsätzlich funktioniert jeder Moderator durch das, was ihn kennzeichnet.
Voss: Ob es funktionieren würde, weiß ich nicht. Aber als großer Fan der Sechziger hätte ich große Lust auf Dieters Zeit. Wegen der Freiheiten, mehr aber noch der großen Aufmerksamkeit für die Sendung, deren Inhalte seinerzeit enorme Relevanz hatte. Heute müssen wir um Aufmerksamkeit weit mehr kämpfen.
Kürten: Schließlich ist Sport nun sogar Teil von Formaten, die ihn zu meiner Zeit nur mit spitzen Fingern angefasst hat. Die Tagesschau zum Beispiel zeigt oft minutenlang Fußball. Schon das macht beide Zeiten schwer unterscheidbar.
Aber gab und gibt es denn eine Art Sound, der das Sportstudio in 50 Jahren kennzeichnet und von anderen Sendungen unterscheidet?
Kürten: Es gab und gibt immer eher bestimmte Typen, die die Sendung geprägt haben.
Voss: Geprägt hat das Sportstudio in jedem Fall, dass es Gäste hat, denen man sich eine Viertelstunde, also länger als in jeder anderen Sportsendung, auch persönlich nähern kann.
Kürten: Wobei Sven heute den Vorteil hat, sich wirklich voll auf einen Gast, vielleicht mal zwei zu konzentrieren. Bei mir waren es schon mal fünf, sechs, sogar sieben. Da hast du immer noch mehr Zeit als anderswo, aber nicht genug. Das ist bei aller Kritik an unserem Moderationsstil oft nicht deutlich geworden, wie schwer es ist, sich innerhalb enger Zeitrahmen einem Menschen wirklich zu nähern.
Voss: Zum Glück gab es zu deiner Zeit noch kein Twitter oder Facebook. Da kommt diese Art Kritik nämlich in Echtzeit. Und sicher nicht immer nur konstruktive.
Empfinden Sie denn die Kritik als konstruktiv, das Sportstudio betreibe zusehends Gefälligkeitsjournalismus, der die Befragten kaum noch mit harten Fragen konfrontiert?
Kürten: Konstruktiv vielleicht, aber nicht fair. Was die Süddeutsche den Moderatoren da vor einigen Wochen vorgeworfen hat, ging voll unter die Gürtellinie, das sagen sogar deren Redakteure.
Voss: Unserem Gast nicht gleich mit der ersten Frage zu beleidigen, erscheint einigen Kritikern offenbar bereits als Kuscheljournalismus. Aber wen ich einlade, lass ich doch nicht als erstes auflaufen! Wenn ich lese, wie die Süddeutsche mein Interview mit Matthias Sammer kritisiert, das vielfach gelobt wurde, klingt das ein bisschen nach Sportstudio-Bashing.
Kürten: Das auch ein wenig damit zu tun hat, dass Zeitungsjournalisten sich Fernsehjournalisten ein bisschen unterlegen fühlen, weil wir in der Pressekonferenz wegen der Zeitnot oft die ersten Fragen haben.
Voss: Dennoch gibt es da keine Hierarchie. Höchstens eine, die dadurch entsteht, dass wir viel Geld für unsere Bewegtbilder zahlen; damit erkaufen wir uns gewissermaßen einen Vorteil. Ob und wie wir mit Matthias Sammer reden, hat damit allerdings herzlich wenig zu tun.
Kürten: Und wenn der Sammer nichts sagen will, sagt der nichts und kriegt dafür auch noch Beifall. Das ist einfach einer der schwierigsten Gäste im Geschäft und weiß sehr gut, dass es durchaus gut ankommt, es dem Moderator mal zu zeigen.
Voss: Dabei hat das trotzdem Spaß gemacht, denn selbst wenn ein Sammer nichts sagt, ist es unterhaltsam, wie er das tut. Er hat zwar noch während der Sendung gesagt, wie clever ich fragen würde, aber dennoch geschwiegen. Da hilft auch keine Härte.
Kürten: Man kriegt ohnehin selbst bei so einem mehr raus, wenn man erstmal freundlich ist, also auf Umwegen, statt frontal vor die Stirn. Man muss sich ran schleichen, ohne das Vertrauen aufs Spiel zu setzen. Dieses direkte Fertigmachen kann ich nicht leiden.
Voss: Zumal da einerseits so ein merkwürdiger Unfehlbarkeitsanspruch mitschwingt, andererseits die Unterstellung, wir selbst würden uns für total fehlerlos halten. Aber wir sind doch alle Journalisten, die was rauskriegen wollen und sich zutiefst ärgern, wenn das nicht klappt. Aus welchen Gründen auch immer. Keiner von uns will sich einen gemütlichen Abend mit harmlosen Gästen machen.
Am Spielfeldrand hat man das Gefühl bisweilen schon, wo fast nur noch Wie-Fragen gestellt werden?
Kürten: Wie sehr freuen Sie sich, drei Tore geschossen zu haben. Überflüssig, keine Frage. Spannender wäre, ob man nach drei Toren beginnt, nur an sich selbst zu denken, statt ans Team.
Voss: Und man muss auch mal aufpassen, die Vergangenheit nicht zu verklären. Auch Dieter hat mal Interviews ohne harte Fragen gestellt.
Kürten: Mir wurde oft genug das Gegenteil bescheinigt.
Voss: Deshalb sollte man sich da keine Einzelfälle rauspicken und uns daran zu Conferenciers erklären, weil wir ab und zu die weiße Fahne hissen.
Wie viel Meinung ist denn erlaubt?
Voss: Ich persönlich glaube, mir durchaus ein bisschen mehr davon rausnehmen zu dürfen; da bin ich manchmal noch zu vorsichtig. Jeder Moderator hat das Recht, seine Meinung einzubringen, das habt ihr euch früher vielleicht stärker herausgenommen.
Kürten: Mag sein, aber wer dauernd mit seiner Meinung schief liegt, bietet eine ungewollte Angriffsfläche, die man verteidigen können muss.
Dürften Sie einem Dietmar Hopp zum Beispiel offen sagen, das System Hoffenheim mache den Fußball kaputt, oder einem Sebastian Vettel, er zerstöre das Klima.
Voss: Wenn man der Meinung ist, gern. Man muss es nur mit Fakten unterfüttern können.
Kürten: Und nicht nur äußern, weil es die herrschende Meinung ist.
Voss: Das ist eine Einzelfallentscheidung. Selbst in streitbareren Sendungen wird ja nicht ständig draufgehalten. Pauschale Konfrontation ist kein Königsweg.
Kürten: Schon gar nicht in unserer Sendung, wo die Gäste eine Weile mit uns sitzen und kooperieren müssen.
Wollen die Zuschauer Samstagnacht womöglich auch gar keine Streitereien, sondern schicke Tore sehen?
Voss: Da ist was dran.
Kürten: Früher auf jeden Fall. Zu meiner Zeit wurden die Sportreporter in den großen Redaktionskonferenzen eher geduldet. Selbst der Fußball ist erst mit der Zeit zum Machtfaktor heutiger Tage geworden; seine gesellschaftliche Relevanz wurde früher auf seinen Freizeitcharakter reduziert, während er heute ein Milliardengeschäft ist und Abermillionen fesselt. Heute läuft das Frauenländerspiel Deutschland-Island im Hauptabendprogramm.
Voss: Vor sieben Millionen Zuschauern!
Kürten: Ungefähr die Zahl meiner einstigen Sportstudio-Zuschauer, aber die wollten vor allem Spaß haben, die Gesellschaftsfähigkeit kam später.
Tat Ihnen das nachträglich in der Sportreporterseele weh?
Kürten: Nein, denn ich hatte nie einen Zweifel dran, dass das kommen würde. Mich hat es nur geärgert, wenn unser Genre im eigenen Haus schlecht behandelt wurde.
Voss: Ich habe es oft genug erlebt, dass ein paar Millionen Zuschauer zufrieden waren, aber das ZDF zerfleischt die Sendung. Kritisieren und kritisiert werden gehört allerdings auch ein bisschen zum Spiel dazu und glauben Sie mir: Ich schlafe deshalb nicht schlechter.
Kürten: Selbstbewusst sein darf man schon und an seine Stärken glauben. Ich kann mich jedenfalls vor allem an die guten Momente im Sportstudio erinnern.
Was waren denn da ihre schönsten, vielleicht auch die schönsten Streitgespräche?
Kürten: Komm, Sven, bei dir geht’s schneller.
Voss: Also meins war seltsamerweise das kritisierte mit Matthias Sammer. Diese Mischung aus Unterhaltung und Ernsthaftigkeit war toll. Es gab auch mal eine Diskussionsrunde mit Fanvertretern, Psychologen, DFL zum Thema Gewalt in den Stadien. Das war nicht steuerbar, deshalb war ich darin genau das, was mein Beruf ist: Moderator.
Kürten: Schön waren natürlich immer die Pannen. Die Sache mit der Perücke zum Beispiel, die ein Affe der Frau von Johnny Weissmüller vom Kopf gerissen hat.
Voss: Oder als mal in deiner Sendung überhaupt nichts funktioniert hat und du immer wieder mit dem Regisseur im Off gesprochen hast und ihm drohtest. Toll. Als bei uns nach dem Champions-League-Finale auch alles drunter und drüber ging, hab ich mich daran erinnert und gedacht – Mann, der Dieter, der würde das jetzt ganz charmant rum reißen.
Kürten: Wissen Sie – Wim Thoelke hat ab und zu ganz bewusst kleine Pannen inszeniert, weil er wusste, das so was manchmal viel spannender ist als Virtuosität. Misslingen ist menschlich. Deshalb kann ich mich auch viel mehr an die emotionalen Momente erinnern als an Streitgespräche. Als ich Boris Beckers vorherigen Trainer Günther Bosch zum Beispiel mal fragte, was er täte, wenn Boris jetzt anriefe, er solle zu ihm zurückkehren – da sind diesem Mann die Tränen in die Augen geschossen und es schien, als würde er dafür zu Fuß nach Australien laufen. Oder Giovanni Trapattoni nach seinem letzten Bayern-Spiel, der mir um den Hals fiel, als ich ihm sagte, wie sehr er der Bundesliga fehlen würde.
Klingt schwer nach Kuscheljournalismus.
Kürten: Nein, einfach ergreifend. Für mich, für ihn, für die Zuschauer, für alle, schön. Schöner jedenfalls als Kritik um der Kritik Willen.
Posted: August 20, 2013 | Author: Jan Freitag | Filed under: 2 dienstagsmarthe |
Was Landflüchtige in der Regel höchstens als alterskonservative Rentner oder Schlosserben tun, zählt zum Wesen des Heimatfilms: Die freiwillige Rückkehr ins heimische Dorf. Seltsam
Wer auch nur drei Ausgaben der weiten Welt des Neoheimatfilms sieht, wird darin garantiert mindestens ein antizyklisches Phänomen moderner Schmonzettenplots entdecken: Brillante Herzchirurgen, eiskalte Wirtschaftsanwälte oder hochbezahlte PR-Genies kehren ohne lange zu fackeln aus ihren Rem-Kolhaas-Villen schicker Metropolen auf die heimische Scholle zurück, sobald der Vater Hilfe auf dem elterlichen Bauernhof braucht oder die Mutter schwer fiebert. Erfolgreichen Neugroßstädtern, die der dörflichen Enge ihrer Kindheit meist sehr bewusst entflohen sind, bedürfen also bloß des zartesten Lockrufs aus der alten Provinz, um Clubleben und Streetlife gegen Holzpantinen und körperliche Arbeit zu tauschen.
Das ist natürlich im wahren Leben in etwa so wirklichkeitsnah wie eine christlich-demokratische Partei, die plötzlich gegen Atomkraft und Wirtschaftslobby, aber für Mindestlöhne und Gleichberechtigung… äh … Moment: Viele Jahrzehnte lang waberte die urbane Sehnsucht nach dem Landleben wie ein konservativ-katholischer Fiebertraum durchs Fernsehen; nun aber zeigt sich: Breite Schichten der urbanen Republik sind so bezaubert vom Einwecken, Unkrautjäten, Häuslebauen, dass ein Hochglanzmagazin wie LandLust Millionen Leser findet und kaum weniger Kopien auf dem Zeitschriftenmarkt. Da kriegt die tausendfache Landfluchtstadtfluchtnostalgie der hiesigen TV-Schnulze plötzlich eine Art nachholender Aktualität. Da kriegt auch das Kanzleramt wohl bald eine Fachwerkfassade.
Posted: August 19, 2013 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen |
Rücksichtnahme
Die Woche, die war: 12.-18. August
Die gute Nachricht vorweg: Der Tatort ist zurück aus der Sommerpause. Die schlechte Nachricht danach: Der Schweizer Tatort ist zurück aus der Sommerpause. Immerhin spielte er mal nicht im Banken- und Finanzmilieu, also nicht in der Welt des Geldes wie so oft im Westalpenkontext, wo man davon dem Klischee zufolge eben so viel hat, dass sich alles darum dreht. Zu wenig davon hat dagegen offenbar Christian Ulmen. Andernfalls bliebe es unerklärlich, warum er nun nicht nur für das ökotrophologisch Böse (McDonalds) Werbung macht, sondern künftig auch noch für das journalistisch Böse (Springer) digitale Inhalte produziert. Es war einmal ein respektabler, sympathischer, ernstzunehmender Schauspieler…
Und es war einmal ein TV-Format namens Formel Eins. Es lief zu einer Zeit, da das Musikfernsehen noch in den Kinderschuhen steckte, die der wuschelige Peter Illmann seinerzeit mit völlig unbekannten Moderatorenfüßen füllte, um es (und sich) langsam großzuziehen. Bis 1990 ging das so, dann waren MTViva der öffentlich-rechtlich Konkurrenz entwachsen, Formel Eins somit überflüssig und jetzt, wo es klingende Tonkunst hierzulande im Regelprogramm eigentlich nur noch als Soundtrack oder Volksmusi gibt, kommt Illmann zurück, ab Oktober, bei RTL-Nitro, mit Promi-Unterstützung, versteht sich, aber ohne neue Videoclips. Alter Wein in alten Schläuchen. Lecker. So wie die nächste Rückkehr in die Primetime, diesmal zwar im der ARD und unter neuem Namen, aber auch Das ist Spitze! mit Kai Pflaume wird am Ende nur leidlich modernisiertes Dalli Dalli mit Hans Rosental sein.
Angesichts der ansehnlichen Quoten, die die Sendung seit zwei Jahren bereits unterm alten Titel im NDR erreicht hat, dürfte die Retroshow auch im Ersten gut laufen – zumindest beim ergrauten Stammpublikum. Das schaute auf gleichem Kanal selbst dem reichweiteschwächsten aller ARD-Talkhosts mal vergleichsweise in Massen zu, als der feinfühlige Reinhold am Donnerstag den frisch aus der Psychiatrie entlassenen Gustl Mollath bei Beckmann zu Gast hatte. Gut eine halbe Million Zuschauer mehr sahen allerdings auch nicht viel mehr als das Stern-Interview vom selben Tag, nur eben mit Beckmanns empathischen Schmeicheltimbre, mit dem er zwar keine Fernsehpreise gewinnt, aber nach wie vor die angenehmste Redestimmung des Mediums erzeugt.
Einen solchen Preis dagegen, den wichtigsten sogar, könnte bei den Emmy-Awards am 1. Oktober in New York die ZDFzoom-Doku Die Fukushima-Lüge in der Kategorie Current Affairs & News gewinnen.
Aussichtsplattform
Die Woche, die wird: 19.-25. August
Vom Programm der anstehenden Woche sind derlei Ehren eher weniger zu erwarten. Auch, wenn das ZDF gleich heute einen bemerkenswerten Film der Sparte Science Fiction zeigt. Transfer heißt er und handelt von Persönlichkeitsübertragung greiser Wohlstandsbürger in fitte Körper afrikanischer Armutsflüchtlinge. Natürlich läuft das Ganze wie so vieles von Belang erst nach Mitternacht (0.25 Uhr), ist dann aber in seiner Mischung aus realistischer Vision und spannender Dystopie absolut sehenswert.
Nicht, äh, ganz sooo sehenswert ist dagegen das Trio neuer RTL-Serien ab Donnerstag. Es ist dem Sender natürlich zu danken, dass er überhaupt noch Primetimefiktion in Reihe ohne Krimiplot produziert, aber schon der Auftakt Doc meets Dorf bietet so biedere Gebrauchtwarenkost, dass man nach fünf Minuten Zuschauen von einer Staubschicht überzogen ist. Schließlich verrät schon der Titel, dass es hier um ein Thema geht, dem sich Michael J. Fox schon 1991 als Doc Hollywood gewidmet hat. Auch Christine. Perfekt war gestern im Anschluss ist reichlich abgehangene Stangenkost, in der Diana Amft mal wieder ein paar Pfunde zu viel für die Männerjagd in Stromlinienhumor verwandelt. Das bemerkenswerte Timing der Hauptdarstellerin sorgt allerdings immerhin für witzige Momente, die vollends fehlen, wenn sodann als Dritte im Bunde Sekretärinnen startet, dessen Untertitel Überleben von 9 bis 5 im Vergleich all zu den abgeschmackten Klischeewitzen schon wieder kreativ ist.
So fad können also Serienoffensiven sein. Ein bisschen interessanter ist dann doch eine neue Krimiserie. Sie heißt Mordshunger und ist zwar auch nicht die Neuerfindung des Tatort, aber immerhin auf ZDFneo (ab Sonntag) und mit Anna Schudt, die erst vor zehn Jahren vom Theater zum Fernsehen gewechselt ist, also noch nicht allzu verbraucht scheint.
Das war selbst ein Robert de Niro irgendwann mal, der Samstag 70 geworden ist und Dienstag (ARD, 0.50 Uhr) in seiner ersten aufsehenerregenden Rolle aus dem Jahr 1973 zu sehen ist: Hexenkessel, wo de Niro erstmals unter Martin Scorcese gearbeitet und wie so oft einen Kleinganoven gespielt hat. Wenn’s schon so wenig brillante Neuproduktionen gibt, muss man halt auf ältere hinweisen. So ungefähr das Gegenteil von brillant ist der hurrapatriotische Pathosquatsch Home of the Brave über traumatisierte Irak-Veteranen. Und er findet hier auch nur deshalb Erwähnung, weil zur gleichen Zeit im WDR ein deutscher (Anti-)Kriegsfilm läuft, der zeigt, dass man so heikle Themen auch ohne Gefühlsduselei und Testosteronflut machen kann: Auslandseinsatz mit Max Riemelt als zerrütteter Afghanistan-Soldat.
Und bitte, bitte nicht verpassen: die Wiederholung der dänischen Politserie Gefährliche Seilschaften am Freitag, als Appetizer der neuen zweiten Staffel ab September. Und den Schwerpunkt zum wunderbaren Christoph Schlingensief am Mittwoch auf ZDFkultur. Garantiert auch mit dem deutschen Kettensägenmassaker. Ach Christoph, mit dir wär’s heute schöner! Und das trotz des Tipps der Woche: Freitag ab 22.05 Uhr zeigt ZDFneo das Ergebnis seines diesjährigen TVLabs: Niemand hat die Absicht, einen Flughafen zu bauen. Man darft auf die Großflughafendesasterpersiflage gespannt sein.
Posted: August 15, 2013 | Author: Jan Freitag | Filed under: 3 mittwochsporträt |
Shakespeare trifft Tarantino
Der fiese Sohn (Mark Ryder) und seine fast so fiese Tochter (Isolda Dychauk) – die Fernseh-Borgias sind schon eine finstere Sippe.
Kostümfernsehen boomt so sehr, dass sich das ZDF im Vorjahr sechs 100-minütige Teile über ein mittelalterliches Papstgeschlecht geleistet hat. Die sensationellen Quoten der ersten Staffel von Borgia (Wiederholung zurzeit donnerstags, 23.15 Uhr) haben gezeigt: es hat sich gelohnt. So sehr, dass – noch bevor die zweite Staffel Ende September anläuft – bereits die dritte in Arbeit ist.
Von Jan Freitag
Kaum ein Wort beschreibt die Welt von heute besser als Netzwerken. Dank ihr können dabei alle mit allem irgendwie in Kontakt treten, um den Kernwährungen der Globalisierung unter die Arme zu greifen: Macht, Ansehen, Profit. Nun klingen Begriffe wie Netzwerk verteufelt aktuell, nach Internetboom, Nullerjahre und FDP, Facebook, Bill Gates und Billigflieger. Wie sehr der falsche Klang jedoch unserer Arroganz im Umgang mit dem Vergangenen entspringt, die rückblickend – wenn nicht wie üblich Krieg war – so spießig, lahm, öde also gestrig wirkt, zeigte derzeit eine internationale Koproduktion im ZDF.
In sechs Teilen erzählt Borgia den erfolgreichsten Netzwerker seiner Zeit, der globalisierten Frühphase des Kapitalismus. Die Titelfigur aber, Vorname Rodrigo, ist weder Börsenguru noch Mafiaboss oder Präsident, sondern das Oberhaupt eines Adelsgeschlechts an der Schwelle vom gottesfürchtigen Mittelalter zur geldfürchtigen Neuzeit. Mit Blut, Schweiß und Tränen in toller Kulisse, schildert der dreifache Emmy-Gewinner Tom Fontana die Geschichte der mächtigsten Familie im Vatikan des 15. Jahrhunderts. Wie Rodrigo Borgia (John Doman) seine Verwandten, Vertrauten, selbst Gegner so versiert an die Hebel der Macht verteilt, bis er zum Papst gekrönt wird und die Borgias als Alexander VI. zur höchsten Blüte führt.
All dies sind Zutaten eines Fernsehmonuments von 600 Minuten Länge, mit 25 Millionen Euro teurer als der Etat europäischer Königshäuser und fast so verwurzelt im ganzen Kontinent: 126 Schauspieler aus 18 Nationen haben Sprechrollen, darunter die Deutsche Isolda Dychauk als Rodrigos wichtige Tochter Lukrezia oder Andrea Sawatzki als ihre Ziehmutter. Rund 4000 Statisten kommen an Drehorten wie Prag oder dem originalgetreuen Nachbau der Sixtinischen Kapelle zum Einsatz, ganz zu schweigen von digitaler Technik, Special Effects und 157 Litern Kunstblut. Staffel 2, die am 30. September im ZDF startet, war sogar nochmals um ein Sechstel teurer, von der dritten, noch aufwändigeren, die derzeit in Prag entsteht, ganz zu schweigen.
Doch das allein ist es nicht, was Borgia so beeindruckend macht. Die opulente Ausstattung, der dauergespannte Handlungsbogen, alle Authentizität des restaurierten Spätmittelalters brennen die Macht der Bilder erst durch die Sprache ins Zuschauerhirn, eine realistische Theatralik zwischen pathossatt verspielt und jetztzeitig derb. „Ich scheiße auf Rom und pisse auf Neapel“ – als Hörspielsequenz könnte Rodriko Borgia damit die Antagonisten seines Erfolgs meinen, aber eben auch italienische Hooligans oder Konkurrenten der Schwerindustrie. In karmesinroten Mantel, ein fürstliches Schloss dahinter aber, atmet die Szene das Aroma leibhaftiger Renaissance. Also der ganz großen Bühne.
Und die hat Konjunktur. Weltweit gute Einschaltquoten für europäische Mehrteiler wie Napoleon von 2002 oder sechs Jahre später Krieg und Frieden zeigen aus Sicht von Produzent Jan Mojto, „dass das Publikum historische Stoffe auch dann will, wenn sie komplex sind.“ Es wolle vor allem die riesigen Ränkespiele, Schlachtfelder, Alphatiere beim Auf- wie Abstieg zusehen, ergänzt Autor Fontana. „Wir leben in Zeiten der Angst, Extreme und Unsicherheiten.“ Da sei es doch beruhigend, anderen dabei zuzusehen, „wie sie das in ihrer Zeit gemeistert haben“. Tatsächlich aber faszinieren selbst die realistischsten Historienschinken und glaubhaftesten Filmdynastien erst durch eine Hintertür ins Märchenhafte. So wie die gefeierte HBO-Serie Rom füttert auch Borgia unsere Lust am Bösen, ohne ihre Konsequenzen wirklich fürchten zu müssen. Ist ja doch bloß Antike, Mittelalter, lange her. Und Rodrigo Borgia gibt vor über 500 Jahren einen JR Ewing ab, der wie in Dallas dann doch zu abgehoben, irreal, zu künstlich wirkt, um wahr zu sein.
Die verstörend spürbare Horrorreihe Saw dagegen, eine unprätentiös frontale Verbrechersaga wie die Sopranos oder das heruntergekommene Baltimore der fantastischen Krimiserie The Wire dagegen finden auch deshalb vor allem auf DVD statt, weil dem Durchschnittszuschauer die dunkle Seite der Macht im Lichte der Wirklichkeit gar nicht so lieb ist. Auch deshalb hat Borgia in Deutschland, vor allem aber in Italien und Frankreich Quotenrekorde gebrochen. Und das, obwohl die Reihe hier in sechs spielfilmlangen Teilstücken läuft statt wie andernorts verteilt auf zehn Abende. Unter der Regie von Regisseur Oliver Hirschbiegel (Der Untergang) gleitet die Kostümschlacht nämlich zu Beginn stets am Rande der Überzeichnung, tritt aber selten drüber.
Die Fieberkranke, die zur Heilung von einer Hexe mit Schweinekot beschmiert wird; der Sohn, der einem Widersacher aus dem Nichts das Ohr abschlägt; sein Bruder, der sich selbst zur Sühne kreuzigt; Papa Rodrigo, der sein sexuelles Ego ähnlich bildgewaltig pflegt wie sein politisches; dazu Udo Kier als Papst Innozenz VIII., der eineinhalb Stunden so grotesk durch den ersten Teil stirbt, dass ihm am Ende selbst eine weibliche Brust nicht mehr helfen kann – all dies pendelt permanent zwischen Shakespeare und Tarantino. Und beides geht bekanntlich immer.
Da ist es kein Wunder, dass die 2. Staffel in Arbeit ist, noch bevor die 2. gezeigt hat, ob sich das auch gelohnt haben wird. Das ZDF jedenfalls hat noch keine Abnahmegarantie gegeben. Einerseits. Andererseits ist Zuversicht geboten, wenn das europäische Produkt selbst nach Amerika verkauft wurde. Und das, obwohl dort zeitgleich eine eigene weit ruhigere Version mit Jeremy Irons als Rodrigo Borgia entstanden ist. Ein Machtpolitiker, der zwei sündhaft teure Hochglanzproduktionen zugleich verträgt – das schafft außer ihm eigentlich nur noch Adolf Hitler.
Posted: August 14, 2013 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch |
Ich bin jetzt in Amerika
Ob das nun ihrer künstlerischen Güte geschuldet ist oder doch eher dem bemerkenswerten Aussehen – Franka Potente (39) ist international Deutschlands international derzeit erfolgreichste Schauspielerin. Umso erstaunlicher, wenn die Westfälin fast 20 Jahre nach ihrem Durchbruch Nach Fünf im Urwald mal hiesiges Fernsehen statt amerikanische Blockbuster macht – und dann noch als Beate Uhse – Das Recht auf Liebe (heute, 20.15 Uhr, ZDFkultur). Ein freitagsmedien-Gespräch über Emanzipation, Doppelmoral und Deutsche in Hollywood
Interview: Jan Freitag
freitagsmedien: Frau Potente, ist Beate Uhse ein Film über eine starke Frau, oder ist es einer über eine Gesellschaft, die mit ihr nicht zurechtkommt?
Franka Potente: Das eine bedingt das andere, weil eins ohne das andere gar nicht denkbar wäre – die Stärke dieser Persönlichkeit ohne den Widerstand des Umfeldes, in dem sie sich entwickeln musste. Sie war schon eine Pionierin, was als Thema ja bereits genügen würde. Der Kontrast zu ihrer Zeit aber macht es zutiefst spannend.
Konnten, können Sie sich mit ihr identifizieren oder ist der Handlungsrahmen dieser piefigen Bundesrepublik zu abstrakt?
Es gibt bei aller Abstraktion Berührungspunkte. Ich erlebe es ja am eigenen Leib, dass Außenstehende sich eine Meinung über mich bilden, die mir nicht entspricht. Spannung entsteht auch da erst, wenn sie in sich zusammenfallen. Mich hat an Beate Uhse besonders das scheinbar Unvereinbare ihres Lebens interessiert: Hausfrau, Unternehmerin, Mutter. Häuslich, freiheitsliebend, unternehmerisch. Diesen Vereinbarungskampf kennt man selbst als emanzipierte Frau in der Gegenwart. Bei Beate kam hinzu, dass die Mauern, die sie einrennen wollte, alles andere als alltäglich waren; sie hat ja nicht um ein Stückchen Freiheit gekämpft, sondern Sexspielzeug verkauft. Und das als Frau.
Wäre das auf weniger Widerstand gestoßen, wenn es ein Mann getan hätte?
Würde ich mal vermuten. Es ist ja heute noch so, dass Frauen in führenden Positionen ganz anderen Widerständen ausgesetzt sind als Männer, dass die pure Möglichkeit der Schwangerschaft als Aufstiegshindernis gilt. Es gibt so viele hässliche Typen in der Politik, aber bei keinem wird das Äußere so diskutiert wie bei Angela Merkel. So emanzipiert die Tatsache einer Kanzlerin ist, so groß scheint das Bedürfnis, das auch ein wenig abzustrafen.
Sind Sie selber von Ungleichheiten dieser Art betroffen?
Am Anfang der Karriere eher. Während meine männlichen Kollegen damals häufiger in den Feuilletons zum Inhalt ihrer Filme befragt wurden, waren es bei mir mehr Gespräche in Frauenmagazinen über Haarfarben. Heute stehe ich in der Hierarchie am Set natürlich ein bisschen höher als zu Beginn meiner Karriere, aber von dort aus betrachtet entdecke ich die gleichen Mechanismen wie immer.
Ihre Beate Uhse schafft es, den patriarchalen, verlogenen, spießigen Irrsinn um sie herum oft wegzulächeln. Gelingt Ihnen das auch?
Ich brauche da etwas mehr als Lächeln (lacht). Wenn etwas gegen meinen Willen geschieht, kann ich mich sehr aufregen, verändere allerdings im Zweifel etwas an der Situation. Ich würde immer kämpfen, auch vor Gericht. Beate musste auch oft den Kopf hinhalten, aber das ist mit offenem Visier nicht immer zu ertragen. Die Menschen damals waren noch mehr zu Entbehrung und Demut erzogen.
Welches Bild hatten Sie vor dieser Rolle von Beate Uhse?
Das bekannte: Die Frau, die das Sexspielzeug verkauft, weniger die politische Aktivistin, die Mutter, die Frau. Aber ich habe nicht gewertet, schon gar nicht negativ. Ich habe keine Berührungsängste zu ihrer Ware.
Haben Sie sie als Feministin wahrgenommen?
Bis zum Drehbuch nicht. Ich wusste aber, dass Alice Schwarzer, die ich sehr schätze, ein Problem mit Beate Uhse hatte, weil die ja auch Pornos vertrieben hat. Das stört mich übrigens auch ein bisschen bei all dem, was sie zum Guten bewegt hat. Ich habe zwar ein relativ entspanntes Verhältnis zur Pornografie, sehe es aber kritisch, dass darin strukturell die Tendenz besteht, sich auf Kosten anderer zu vergnügen. Andererseits steht dem Angebot eine Nachfrage entgegen. Wenn jemand Pornos gucken will, soll er es also tun, solange bestimmte ästhetische Rahmenbedingungen erfüllt sind. Und wenn sich jemand daran stört, sollte er sich vor Doppelmoral hüten.
Sie leben gerade in den USA, wo die Doppelmoral gerade hoch im Kurs steht.
Ach, diese Doppelmoral entspricht letztlich der aller kapitalistischen Länder: Was sich verkauft, wird geduldet. Und die USA sind nun mal ein ausgesprochen kapitalistisches Land, in dem die größte Pornoindustrie der Welt in puritanischer Atmosphäre gedeihen kann. Aber es kommt auch immer drauf an, wo man ist. In Kalifornien, wo ich lebe, geht es im Vergleich zum Landesinneren sehr liberal zu. San Franzisko ist nicht ohne Grund das Schwulenmekka, aber im Bibelgürtel kann es richtig gefährlich sein, sich zu outen.
Hat ein Film wie Beate Uhse ein aufklärendes, emanzipierendes Element oder ist es erstmal nur ein Biopic?
Idealerweise beides. Der Film vermittelt etwas über Zivilcourage, Leidenschaft und darüber, für seine Ideale einzustehen. Da viele Frauen, ob in den USA oder Deutschland, noch immer Probleme haben, wie sie eigentlich seit Beates Kampf ausgestanden sein sollten, kann so ein Biopic auch im Jahr 2011 noch viel in den Köpfen bewirken. Weibliche Häuslichkeit ist immer noch der Standard.
Entstammen Sie einem Elternhaus mit klassischer Rollenverteilung?
Meine Eltern haben zwar beide immer gearbeitet, aber Karriere durfte eher mein Vater machen.
Was prädestiniert Sie für die Rolle der Beate Uhse?
Die große Ähnlichkeit (lacht). Nein – Hansjörg Thurn ist zwar ein Regisseur, der viel Wert auf Präzision legt, aber die Ähnlichkeit spielte hier nur eine untergeordnete Rolle. Zumal von Beate Uhse ja auch kaum Bilder ihrer jungen Jahre kursieren. Ansonsten ist die Rolle eben einfach zu mir gekommen und hat es hat mich interessiert, die gängigen Klischees über diese spannende Frau aufzulösen
Jetzt kommen Sie zum deutschen Fernsehen, was Sie in Ihrer Karriere gar nicht oft getan haben.
Das folgt aber keiner Entscheidung für oder gegen das Medium. Zumal ich gerade mit drei Projekten in Deutschland zu sehen sein werde: Laconia und Beate Uhse im Fernsehen, Valerie im Kino. Ich habe keine Vorbehalte gegen Deutschland, aber mein Lebensmittelpunkt ist nun mal Amerika und man versucht dort zu arbeiten, wo man wohnt. Das sind ganz praktische Gründe. Und ich freue mich jedes Mal, in die alte Heimat zu kommen.
Wenn man wie Sie große internationale Produktionen spielt und in Serien wie Dr. House als Gaststar besetzt wird – muss man da um seine Bodenhaftung fürchten, sich als Schauspielerin zu wichtig zu nehmen?
(lacht) Ich glaube, mein bisheriges Wirken widerlegt diese These. Valerie ist ein Hardcorekunstfilm für wenig Geld und ich entscheide über kein Projekt nach dem Grad meiner Bekanntheit; das wäre der Anfang vom Ende. Noch entscheidet das Interesse über meine Zusagen. Und man hat auch gar nicht diese Sicht auf sich herab wie sie Außenstehende haben. Ich steuere mein Image ja weniger als es die Medien machen.
Als was gelten deutsche Schauspieler in den USA heute – die Nazis vom Dienst wie früher, Verkaufsargumente für den internationalen Markt oder Darsteller wie alle?
Die Herkunft spielt eine weit geringere Rolle als man aus der Ferne denkt. Die Französin Marion Cotillard hat für ihre Rolle als Édith Piaf erst 2008 den Oscar gekriegt, Die Branche hier ist viel zu offen und professionell, um die Herkunft gegen den Nutzen für die Rolle abzuwägen. Was es insgesamt schwieriger macht, ist die sinkende Zahl von Filmen. Da sitzen auch viele amerikanische Kollegen auf dem Trockenen und machen mehr Fernsehen als zuvor.
Kommen Sie mal wieder zurück nach Deutschland.
Ich bin jetzt in Amerika und bleibe da erstmal, komme aber immer gern nach Deutschland.
Posted: August 13, 2013 | Author: Jan Freitag | Filed under: 2 dienstagsmarthe |
Von wegen Lönneberga – skandinavische Bücher und Filme stehen längst nicht mehr für Idylle in rotweißen Holzhäusern, sondern ausgeweidete Leichen in Tiefgaragen. Seltsam.
Es gibt einen soziologischen Begriff namens Bullerbü-Syndrom. Wer an Schweden denkt, so lautet die These, sieht vor seinem geistigen Auge sogleich idyllische Landschaften voll spielender Blondschöpfe vor rotweißen Blockhütten im Sonnenschein. So war das zumindest früher, im Kinderbuch-Gestern. Und jetzt? Beißt die Phantasie auf eine imaginäre Kunstblutkapsel und zeigt statt Michel und Pippi ausgeweidete Opfer düsterer Mordfälle samt ihrer depressiven Ermittler. Stilbildend für unser nördliches Nachbarbild ist also nicht mehr Astrid Lindgren, sondern Henning Mankell. Aber warm bloß sind skandinavische Krimis so derart brutal und krass?
Wegen der Dunkelheit, sagt Mankell selbst, sagen Autoren wie Regisseure wie Darsteller wie Publikum. Monatelange Sonnenlosigkeit sorgt halt für finstere Gedanken. Das allerdings hätte ja auch für Lindgren gelten müssen, die in der ewigen Nacht zwar anfangs nicht mal elektrisches Licht hatte, dafür allerdings umso sonnigere Gestalten ersann. Also doch eher ein Erfolgsrezept. Denn die Normsonnenstundendeutschen haben so viel Gefallen an der kriminologischen Blutrünstigkeit gefunden, dass die Skandinavier dieses Branding immer und immer wieder reproduzieren. Ein schwedischer Thriller, in dem niemand ausgeweidet würde, wäre schlechthin unverkäuflich.
Posted: August 12, 2013 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen |
Rücksichtnahme
Die Woche, die war: 5.-11. August
Sie zucken nicht bloß, sie zappeln richtig, bäumen sich geradezu auf, sind also lang noch nicht so tot wie Thomas Roth, der in den Tagesthemen so locker wirkt, als würde ihn jemand von hinten mit der Waffe bedrohen: Die alten Medien. Ob im Regelprogramm gesendet oder auf Papier gedruckt bleiben sie – trotz Internet, Digital Natives und Tausend Totentänzen – spürbar relevant. Den besten Beleg dafür lieferte Dienstag die Freilassung des Nürnberger Justizopfers Gustl Mollath, den ein rechtsbeugendes Gericht wider besseres Wissen sieben Jahre lang in der geschlossenen Psychiatrie vermodern ließ – bis, ja bis sich erst das ARD-Magazin Report Mainz und dann die Süddeutsche Zeitung der Sache des vermeintlich gemeingefährlichen Aufdeckers eines bayerischen Bankenskandals annahm. Durch fast verbissene Berichterstattung sorgte besonders die SZ damit für die Wende eines Skandals, der ohne klassischen Journalismus wohl ewig ungeklärt geblieben wäre.
Schwer zu glauben allerdings, dass sich Jeff Bezos wegen dieser Kraft des gedruckten Wortes ein Spielzeug namens Washington Post gekauft hat. Für 250 Millionen Euro, also weniger als ein Hunderstel vom geschätzten Vermögen des Amazon-Chefs. Die Exredakteure Bob Woodward und Carl Bernstein würden sich im Grabe umdrehen, lägen sie bereits drin, denn zu ihrer Zeit, als die Aufklärung der Watergate-Affäre das Bild des systemrelevanten Zeitungswesens prägten, waren Reporter wie sie noch angesehene Menschen und Bücher wurden in Buchläden verkauft; heute macht Amazon mehr Umsatz als die gesamte Print-Branche der USA zusammen und kauft sich das Flaggschiff investigativer Rercherche zum Schnäppchenpreis.
Den sich Monika Piel allerdings nicht mal dank ihrer Zulagen hätte leisten können. Wie der Spiegel vor acht Tagen schreibt, kassierte die frühere WDR-Intendantin zu ihrer üppigen Jahresgage von 341.000 Euro nämlich nochmals 59.000 für diverse Aufsichtsratsposten, in denen sie vertragsgemäß zu sitzen hat. Und damit ist sie keinesfalls allein. Von ihren sieben Kollegen anderer Funkhäuser bezieht einzig der beim winzigen Radio Bremen ein Grundgehalt unter dem der Kanzlerin (das mit 199.000 Euro ja auch nicht grad ein Gnadenbrot ist). Dennoch bessern sich bis auf den BR-Boss Ulrich Wilhelm alle ihr Salär spürbar auf. Dass es bei Piels Nachfolger Tom Buhrow nur 3027 zu den fürstlichen 367.000 Euro sind, dürfte den Grimm der Gebührenzahler kaum mildern.
Auch wenn er nicht so harsch ausfallen dürfte, wie bei Kritikern der Dokusoap Auf der Flucht (http://www.berliner-zeitung.de/medien/zdfneo-ein-bisschen-flucht,10809188,23939732.html), die gerade Petitionen gegen das ZDF-Experiment, aus sechs Wohlstandsbürgern für 18 Tage Flüchtlinge zu machen, initiieren. Noch lauter indes war der Protest vieler Lindenstraßen-Fans, die sich nach dem dritten Ausfall ihrer Leib- und Magenserie in 28 Jahren eine volle Woche im Web ausgekotzt haben. Vor allem über den Anlass: DFB-Pokal. Wenn es wenigstens die weit relevantere Bundesliga gewesen, deren Start seit Freitag wieder Fußballdauerbeschuss auf allen Kanälen bedeutet… Den feierte das ZDF Samstag mit einer Jubiläumsausgabe zum 50. Geburtstag vom aktuellen sportstudio, dessen charmante Rückblicke und geladene Altmoderatoren nochmals zeigen, dass manchmal früher doch vieles besser war.
Aussichtsplattform
Die Woche, die wird: 12.-18. August
Bis zum 16. August 1988 konnte man das eigentlich auch über die aktuelle Berichterstattung seriöser Nachrichtenformate sagen, die zwar seinerzeit staubig trocken und oft unverhohlen parteiisch, aber auch von Seriosität und Intellekt geprägt war. Das änderte sich allerdings diesen Dienstag vor 25 Jahren, als zwei Männer eine niedersächsische Bank überfielen, was anschließend als Gladbecker Geiseldrama in die Geschichtsbücher einging. Denn die Presse, darunter ein junger Reporter namens Frank Plasberg, berichtete nicht nur von der tödlichen Flucht, sie nahm daran aktiv teil, interviewte Täter und Opfer in deren Auto, machte sich folglich gemein mit der Tat, statt sie zu vermitteln.
Das war in gewisser Weise wie 30 Jahre RTL2, komprimiert auf drei Tage. RTL2, ein Kanal, der von der allerersten bis zur aktuellsten Sendeminute nichts als Unrat versendet, also nie besser oder schlechter war als früher oder irgendwann. Ob das Fernsehen früher mal besser gewesen sein wird, als die Event-TV-Schmiede noch eine eigenständige Tochter der Ufa war, oder nun erst gut wird, wenn teamWorx ab sofort als Teil der Muttergesellschaft UFA FICTION unter Leitung des alten neuen Chefs Nico Hofmann weiter am historischen Filmgedächtnis der Deutschen bastelt, bleibt abzuwarten. Aber jetzt, wo die Sommerpause langsam in die Herbstflut neuer Fernsehfilme mündet und Sonntag sogar der Tatort keine Konserve (aus Münster), sondern ungebrauchte Ware (aus der Schweiz) ist, dürfen an dieser Stelle endlich mal wieder neue statt alte Produktionen gelobt werden.
Neben Wiederholungen wie die des brillanten Tatort: Weil sie böse sind am Dienstag im SWR oder auch des Gaunerklassikers Topkapi, Sonntag auf Tele 5, wäre da die frische Kinoadaption Der Räuber, heute im ZDF, das fiktive Porträt eines Marathonläufers, der ähnlich verbissene Energie auf seine Raubzüge verwendet. Leider läuft sie erst nach Mitternacht, weshalb man vielleicht bis Freitag um 20.15 Uhr auf ZDFkultur warten sollte. Oder auf den Mittwoch, wenn Hermine Huntgeburths wunderbarer ARD-Film Das Glück ist eine ernste Sache mit famosen Darstellern wie Eva Löbau als neurotische Einzelkämpferin zeigt, dass Deutsche längst auch grotesk und gut können. Zu blöd, dass er sich mit einem sportlich belangloses Fußballländerspiel im ZDF messen muss, das selbst dann mehr Zuschauer haben wird, wenn es gegen einen Gegner wie Paraguay geht.
Wenn also schon Fußball, dann doch lieber passiv, mit einer unterhaltsamen Idee von Sport1, das ab heute um 17.45 Uhr einen Fantausch betreibt, bei dem sich Anhänger rivalisierender Clubs – zum Auftakt Schalke und Dortmund – eine Weile unter die des Feindes mischen müssen. Um das zu vertragen, sollte man allerdings Fußball wirklich innig lieben, so wie man eben Leichtathletik lieben sollte, um die unablässige Live-Übertragung der WM in Russland ertragen zu können. Bleibt – nach einen Tagestipp am Donnerstag, dem Arte-ThemenabendGriechenland – noch der Tipp der Woche, täglich zur besten Sendezeit auf Nickelodeon und Comedy Central: die amerikanische Comictrahsserie American Dad, grandios überdreht und ausnahmsweise gut synchronisiert.
Posted: August 10, 2013 | Author: Jan Freitag | Filed under: 6 wochenendreportage |
Liebe geht durch den Tank
Sommerzeit ist Festivalzeit. Eines der bemerkenswertesten davon hat einen ziemlich merkwürdigen Namen: VW Blasen, das jährliche Treffen testosterongefluteter Fans gewaltiger Auspuffrohre an aufgemotzten Autos aus Wolfsburg. Vor wenigen Wochen ist das aktuellste zuende gegangen. Grund genug für eine Reportage der schwer alkoholisierten Turbo-, GT- und Tittensause aus dem Jahr 2004
Von Jan Freitag
Nach dem Tod, sagt Falk Richter, da kommen Rosen. Dann lächelt er milde. “Viele in der Szene stehen ja eher auf Totenköpfe und so”, fügt er hinzu und sein Blick wirkt etwas melancholisch. “Wir nicht. Wir lieben die Schönheit.” Der Mecklenburger mit den tiefen Lachfalten spricht über seinen Wagen und er tut es leise. Seine Stimme wird auch dann nicht lauter, als ein Stakkato aus Fehlzündungen die warme Juliluft perforiert und eine Menschenmenge dazu jubelt. Krach, Abgase, Geschrei – das gehört hier einfach dazu, auch wenn Falk Richter so was nicht nötig hat. Falk Richter bevorzugt Seidenblumen im Scheinwerfer, Airbrushspielereien am Lack und beleuchtete Initialen. “FR” prangt in pittoresker Schreibschrift an allen erdenklichen Bauteilen des “Golf 4 Edition” seiner Freundin, den der Kfz-Mechaniker in jahrelanger, zäher und vor allem sauteurer Feierabendarbeit zum “Freestyle Golf” hochgejazzt hat. Und dieser stillgelegte Militärflughafen nahe dem südbrandenburgischen Luckau ist seine größte Bühne.
VW-Blasen heißt das wohl weltgrößte umzäunte Treffen der Wolfsburger Marke und fast 60.000 Besucher aus halb Europa mit ihren 27.000 Autos versuchen vier Tage im Hochsommer beharrlich, jedes Klischee über Fans hochgetunter Kisten zu bestätigen. Man feiert sich und seinen Volkswagen – da kann der VW-Konzern in einer noch so tiefen Krise stecken. Eine Menschentraube umringt den rundum verzierten Boliden von Jana Schattmann. Sie bleibt im Hintergrund. Es ist ihr Auto, aber Falk Richters Projekt. Doch die Besitzerin zeigt nur zu gern die Fotomappe über die Metamorphose vom Kleinwagen zum Gesamtkunstwerk – Dokumentation der Schnittstelle zwischen Spießer und Freak. Digitalkameras surren, Fotoapparate klicken, wenn Richter stolz die Hydraulikanlage vorführt. Ein Knopfdruck und die Kotflügel heben sich. Einzeln. “Anblasen” nennt er diese gänzlich überflüssige Konstruktion. Aber was ist schon überflüssig auf dem Klassentreffen der einzig wahren Generation Golf.
Da zeigt die Szene, was mit der nötigen Dosis Besessenheit aus ganz gewöhnlichen Autos alles werden kann. Da dröhnt Kirmestechno unentwegt aus gigantischen Car-Hifi-Anlagen, da üben sich alkoholisierte PS-Jünger allabendlich in platter Anmache, da lassen Frauen, die das offenbar nicht stört, beim Miss-Wettbewerb auf der Bühne alle Hüllen fallen – auch wenn das weibliche Geschlecht sonst vornehmlich als beifahrende Staffage dient. In der größten Not greifen die Malteser ein, was über 250-mal nötig ist. “Bei VW-Blasen geht es um Autos, Frauen, Party und VW”, definiert Veranstalter Dirk Krühler das mittlerweile neunte Treffen. Es ist ein Festival des Überflusses in Zeiten der Krise. Pünktlich zum Beginn hat Volkswagen eine Gewinnwarnung ausgegeben. Das kalkulierte Konzernergebnis von 2,5 Milliarden Euro wurde um ein Fünftel nach unten korrigiert. Der Nettogewinn soll gar um 36 Prozent einbrechen. Hauptschuldiger dieser Tagesschau-Spitzenmeldung: der neue Golf V, der sich sogar mittels kleiner Sonderausstattungsgeschenke nur halbwegs verkauft. Der Golf. Ausgerechnet das Flaggschiff des Unternehmens, der Leib-und-Magen-Typ von Luckau.
Daniel Nofz zuckt mit den Schultern. “Interessiert mich nicht”, sagt der Besitzer eines aufgemotzten Golf 3 stellvertretend für viele zu den Prognosen. Warum er gerade diese Marke derart liebt, warum er in ein ursprünglich eher biederes Modell jede Minute, jeden Cent, jedes Quäntchen Inbrunst steckt? Der 26-jährige Treppenbauer von der Insel Rügen guckt, als fragte man ihn nach der Form der Erde: “VW hat den größten Markt, die meisten Teile, die solideste Technik.” Blöde Frage also. “Guck dich doch mal um!” Und wenn man das tut, stellt man folgendes fest: “VW-Blasen” wendet sich zwar an die Fahrer aller Produkte des Konzerns, also auch Seat, Audi, Skoda. Doch nichts ist hier so präsent wie der Golf. Sogar Polo, Passat oder Käfer spielen hier die zweite Geige. VW, das sei wie eine Religion, hört man die Jünger öfter sagen, und es klingt wie ein Glaubensbekenntnis.
Das Areal im märkischen Sand beherbergt viele Auto-Treffen – vorwiegend solcher heimischer Marken. Doch Ford, BMW oder Opel brächten es nicht mal gemeinsam auf Besucherzahl und Emotionen der VW-Gemeinde. Sagt der Organisator. Die Marke und ihr Treffen hätten “absoluten Kultcharakter”. In der Wortwahl fahl, in der Aussage richtig: Das Jahr ist gespickt mit Festivals. Der Autobild-Planer listet Hunderte Partys und Treffen aller Modelle und Marken auf. Doch ausgerechnet hier, 60 Kilometer südlich von Berlin, scheint sich die Motorszene heimischer als anderswo zu fühlen. Einer der Gründe dafür ist 402 Meter lang und überaus schmucklos. Die legendäre Viertelmeile, sagen Fachleute vor Ort, sei in Luckau am besten präpariert.
In Sechserreihen stehen sie an für das namensgebende Ereignis der Veranstaltung, das “VW-Blasen”: Verbeulte Golfs der ersten Generation, verchromte Nachfolgemodelle mit Rallyebügeln, überzüchtete Käfer, fensterlose Sciroccos, Polos mit 250 PS. Mit heulenden Motoren warten sie auf den Startschuss zu einem Rennen, das bei keinem Event von Belang fehlen darf. Und auf der alten Notlandebahn sind die Bedingungen perfekt. “Die haben hier die beste Zeitmessanlage”, sagt einer, der nicht so recht nach Geschwindigkeitsrausch und Komaparty aussieht, ein hagerer Angestellter aus Hamburg, ein Hobbyschrauber von 30 Jahren. “Mir geht’s nur ums Rennen”, sagt Michael Doebbel. Der Laptop anstelle des Beifahrersitzes zeugt von Professionalität. Der Starter gibt die Strecke frei. Die Ampel springt auf Grün. Dann rast er los. Und die Tribüne johlt bei jedem qualmenden Reifen. Dass Doebbel mit 200 Spitze gewinnt, sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt. So sportlich nehmen es nur wenige. Eigentlich ist Luckau eine Art St. Moritz der einfachen Leute. Man kommt dieses diffusen Wir-Gefühls wegen und hofft auf Spaß und Bestätigung für Leistungen, die andernorts nur Kopfschütteln ernten.
“Drück mal länger”, ruft Falk Richter seiner Freundin zu, die im Wagen sitzt. Das Heck hebt sich. “Ich will zeigen, dass es mehr gibt als PS, PS, PS”, sagt der 31-Jährige. Den Designwettbewerb hat er in diesem Jahr zwar verloren, doch seine Mission wird ihn auch 2005 nach Luckau führen – wenn auch mit anderem Auto. “Umständehalber zu verkaufen”, steht an diesem hier. Das Projekt sei eben beendet, sagt Jana Schattmann. Erfolgreich, davon zeugen elf Pokale im stets offenen Heck. Der Alltag, erklärt ihr Freund Falk, sei schließlich die größte Gefahr für derlei Gefährte – Steinschläge, Unfälle. Ob ihm nicht das Herz nicht doch ein wenig blute? “Eigentlich ja”, seine Stimme senkt sich, “aber man lebt doch glücklicher in einer Erinnerung.”
Der Text ist 2004 in der taz erschienen
Posted: August 8, 2013 | Author: Jan Freitag | Filed under: 3 mittwochsporträt |
Hochamtsflaggschiffkapitän
Der weißhaarige Thomas Roth steht wie kaum ein Zweiter seiner Branche für Kompetenz und Seriosität im deutschen Nachrichtenwesen. Seit Montag nun moderiert der frühere Feldreporter auf mehreren Kontinenten die ehrwürdigen Tagesthemen. Eine Begegnung in Hamburg.
Von Jan Freitag
Whitehead ist ein respektvoller Begriff. Whitehead nennt man in den USA jene Journalisten, deren ergrautes Haar zum weißen Helm gealtert Seriosität ausstrahlt, Würde und Kompetenz. Einem Whitehead glaubt das Publikum, es sorgt für Vertrauen, Whiteheads sind auch hierzulande Leuchttürme im bewegten Flachwasser neuer Medien und Anker in die alten. Zur Vervollständigung ihrer Autorität tragen sie gern Oberlippenbart, und falls die Herkunft schwäbisch ist – man würde ihnen Gebrauchtwagen auch unbesehen abkaufen.
Thomas Roths stammt aus Heilbronn. Sein Schnäuzer ist so weiß wie das Haar drüber, und wenn der 61-Jährige die Stimme hebt, im charmanten Brummton des altgedienten Nachrichtenprofis, viele würden ihm da fast alles abkaufen. Die Tagesthemen zum Beispiel, Roths neuer Arbeitsplatz und doch so viel mehr. Es ist eine Art Hochamt aktueller Berichterstattung, in leitender Funktion seit 1978 moderiert von Monolithen wie Klaus Bednarz, Wolf von Lojewski, Ernst-Dieter Lueg, Sabine Christiansen, Ulrich Wickert. Kaliber, deren Namen bisweilen den Nachhall von Altbundeskanzlern haben.
Und nun also Thomas Roth.
Bei seiner offiziellen Vorstellung als neuer Anchor dieses altehrwürdigen Formats, stilecht in einem Luxushotel mit Alsterblick, bevorzugt er zwar das weniger weihevolle Wort „Flaggschiff“; doch wie dieser notorische Krawattenträger da mit Manschettenknöpfen, polierten Schuhen und randloser Brille auf der Bühne, seiner Bühne sitzt; wie er sich mit der verstörend kurz berockten NDR-Kollegin Inka Schneider beim – so heißt das im Ersten Programm, wenn es gleichsam sachlich und locker zugehen soll: Podiumsgespräch, die Bälle zuspielt; wie er sich breit macht im Sessel und kerzengerade zugleich; wie er manchmal ein leicht einschüchterndes Lachen hinters etwas große Lächeln schiebt, ansonsten aber stets die Contenance wahrt, ernsthaft bleibt, verbindlich wirkt; wie er sich also mit dem Selbstwertgefühl eines ereignisreichen TV-Lebens im Scheinwerferlicht sonnt – da wirkt alles, als habe sich Chefredakteur Kai Gniffke keinen Moderator gesucht, sondern anfertigen lassen. Nicht nach Schema F, aber passgenau.
Denn Thomas Roth, das zeigt er hier vorm sendenden, schreibenden, funkenden Kollegium der Freien Medien- und Tagesschau-Stadt Hamburg, ihm passen jene ziemlich großen Schuhe, die seinem Vorgänger Tom Buhrow oft ein bisschen klein schienen, womöglich besser. Das liegt sicher auch an körperlicher Größe, ein paar Zentimeter weniger nur als die des langen Ingo Zamperoni, der ebenfalls im Gespräch für den Posten hier nur zu Gast ist bei der Inthronisation des Neuen. Besonders aber liegt es an der Größe seiner Karriere: Volontariat beim SWR, ab 1988 ARD-Korrespondent in Südafrika, sodann Studioleiter Moskau, Chefredakteur des Hauptstadtstudios, zuletzt unser weißhaariger Hauptberichterstatter vom Whitehead-Eldorado New York. Allesamt keine Flachetappen im Massenspurt, eher Bergankünfte der höchsten Kategorie oder um im privaten Lieblingssport des selbsternannten Teamplayers zu bleiben: Achter mit Steuermann. Roth am Steuer, Roth am Schlag, Roth überall, versteht sich.
Dass er dennoch zurückhaltend, beinahe bescheiden umgeht mit den eigenen Meriten, auch das hat ein bisschen mit der Farbe seiner Haare zu tun, den besseren Manieren der alten Schule vielleicht, mit Taktgefühl und Etikette. Den Traum vom Studiojob Tagesthemen, sagt der erfahrene Feldreporter, habe er nie geträumt, „doch jetzt sei es einer“. Und den gehe er mit Verantwortungsbewusstsein an, vor allem aber „großer Demut“. Einer Demut, „so altmodisch das klingt“, auf jenem Stuhl zu sitzen wie seinerzeit – bei dem Namen senkt der selbstgewisse Thomas Roth allen Ernstes kurz die Stimme: Hans-Joachim Friedrichs.
Er war es schließlich, der seinen aktuellen Epigonen zum Fernsehalphatier von heute gemacht hat. Schon schwer erkrankt, hat „Mr. Tagesthemen“ schlechthin den zwischenzeitlichen WDR-Hörfunkdirektor für den ersten Hans-Joachim-Friedrichs-Preis vorgeschlagen – was die Jury nach dem Tod des Stifters schwerlich ablehnen konnte. Von ihm hat er womöglich auch den Anspruch geerbt, dass die Nachrichten der ARD bei aller neuen Lockerheit im dualen System weiter vor allem eins zu sein hätten: Seriös. „Die Grundfarbe ist Sachlichkeit“, so sieht es Roth. So wollen es ja auch die Zuschauer, fügt er hinzu und wie zur Bestätigung: „Ich bleibe wie ich bin.“ Nur eben fortan an der Spitze der Tagesthemen, dem Flaggschiffhochamtsachter der Nachrichtenrepublik, unter strenger Beobachtung aller, die auf Fernsehen noch etwas geben.
Was er ihnen am Ende der Sendung mit auf den Weg gebe? Ein Markenzeichen wie Wicherts „Ihnen eine geruhsame Nacht“ oder Buhrows „morgen ist ein neuer Tag“ zum Beispiel? „Ich bin da noch im Denkprozess“, meint Roth vor der Premiere am Montag, dieser „Highspeedversion“ in der Halbzeitpause eines profanen DFB-Pokalspiels. Nach dem Denkprozess entschied er sich für “kommen Sie gut durch die Nacht”. Nicht profan, nicht aufgeregt, seriös, doch durchaus mit dem Anspruch zu unterhalten. Thomas Roth eben.
Der Text ist Freitag im Berliner Tagesspiegel erschienen
Posted: August 7, 2013 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch |
Vom Fernsehen betrogen
Seit der Strafverteidiger Ferdinand von Schirach, der schon Günther Schabowski verteidigte und den BND anzeigte, seine Fälle zu Romanen macht, zählt der Enkel des NS-Reichsjugendführers Baldur von Schirach zu Deutschlands Großliteraten. Seine Bücher wurden in 30 Sprachen übersetzt, Doris Dörrie machte aus einer Kurzgeschichte 2012 den Kinofilm Glück, jetzt hat Produzent Oliver Berben aus sechs Stücken des Bestsellers „Verbrechen“ eine Miniserie gemacht (derzeit sonntags, 23.15 Uhr, ZDFneo). Für den Autor ist die Adaption indes ein zweischneidiges Schwert: Der 48-jährige Münchner lehnt Fernsehen als Zeitraub ab, wie er im Interview sagt, mag aber Jobst Christian Oetzmanns abgedrehte Visualisierung seiner Erzählungen, die nur zum Teil der Wahrheit entsprechen, um die anwaltliche Schweigepflicht nicht zu verletzen.
Interview: Jan Freitag
freitagsmedien: Herr von Schirach, was ist glaubwürdiger als Fernsehvorlage – die Realität oder die Fiktion?
Realität kann ja nicht gefilmt werden. Eine Prozessakte hat 20 Bände, eine Kurzgeschichte hat 15 Seiten. Daran sehen Sie schon, dass schon die Vorlage, also die Kurzgeschichte nie die Wirklichkeit abbildet. Und ein Film ist dann nochmals etwas völlig anderes.
Wie viel Wahrheit steckt dann in Ihren Geschichten und wie viel davon bleibt in der ZDF-Serie übrig?
Was ist Wahrheit? Es gibt eine Wirklichkeit, also das, was tatsächlich geschieht. Aber wir nehmen die Dinge nicht so wahr, wie sie tatsächlich sind. Wir können immer nur einen Teil der Geschichte sehen und jeder von uns sieht etwas anderes. Sie sehen dieses Zimmer anders als ich – schon alleine deshalb, weil Sie auf einem anderen Platz sitzen und ihn aus einem anderen Blickwinkel sehen. Bei meinen Geschichten ist es genauso: Hätte ein Staatsanwalt sie geschrieben, wären es andere Geschichten. Und es wären wieder andere, wenn ein Richter über das Geschehen geschrieben hätte.
Das Sie aber selbst aus Ihrer Sicht nicht eins zu eins wiedergeben.
Nein. Ich stehe ja unter Schweigepflicht; würde ich meine Fälle als Strafverteidiger so erzählen, wie sie tatsächlich waren, wäre das eine Straftat. Ich arbeite wie einer dieser alten Drucker. Er hat 136 mal den Buchstaben A in einem Setzkasten, 124 T´s oder 45 C´s. In jeden meiner Fälle genau so viel hinein, dass die Einzelteile wahr bleiben, die Zusammenstellung aber fiktiv wird.
Was ist Ihnen als Strafverteidiger wichtiger: Die Wahrheit oder der Freispruch?
Der gesetzliche Auftrag eines Strafverteidigers ist nicht die Suche nach Wahrheit. Das wäre ja furchtbar. Stellen Sie sich mal vor: Wenn Sie etwas angestellt hätten, müsste ich als Ihr Anwalt an Ihrer Verurteilung mitwirken. Das kann nicht richtig sein, unser Rechtssystem würde nicht mehr funktionieren. Der Anwalt hat ausschließlich die Aufgabe, seinen Mandanten zu verteidigen. Das ist das Seltsame und gleichzeitig Großartige an unserer Strafprozessordnung: Dadurch, dass der Anwalt nur für seinen Mandanten da ist und seine Partei ergreift, entsteht am Ende Gerechtigkeit. Vielleicht nicht in jedem Einzelfall, aber in der Summer aller Verfahren.
Ein Urteil ist der Ausgleich zwischen zwei Parteilichkeiten?
Nein, in unserem System ist nur der Anwalt »Partei«. In Amerika ist es anders. Dort sind Ankläger und Verteidiger »Partei«, beide wollen gewinnen, es ist ein Wettkampf ums Recht. In unserem Rechtssystem soll Staatsanwalt objektiv sein, seine Rolle soll der des Richters ähneln. Der Staatsanwalt kann nicht gewinnen und nicht verlieren. In der Realität stimmt das nicht ganz. Die Väter der Strafprozessordnung haben das gewusst – deshalb ist der Anwalt notwendig.
Entspricht Ihr Anwalt Leonhard in „Verbrechen“ der strafprozessualen Realität?
Bierbichler spielt glaubwürdig. Er nimmt sich zurück, er unterschneidet, er sieht nie aus wie ein Schauspieler. Deshalb wirkt er echt. Den Mythos des Staranwalts mit großen Auftritten und Gesten haben wir aus den USA übernommen. Es gibt ihn in Wirklichkeit kaum.
Hierzulande gibt es immerhin einen Rolf Bossi?
Sie haben recht, Bossi war zu seiner Zeit ein ein Star. Er hat seine Verdienste, vor ihm gab es kaum psychiatrische Begutachtung vor Gericht. Das wird von ihm bleiben. Vielleicht konnte er in dieser Zeit sich auch nur mit Hilfe der Presse durchsetzen, es lag ihm vermutlich auch. Aber Bossi ist die große Ausnahme.
Finden Sie sich auch als Mensch wieder, wie Josef Bierbichler ihn spielt?
Wissen Sie, ich gehe nicht auf Partys, ich fahre nicht in Ferien, die meisten Reisen sind mir unangenehm, ich mag nichts, was laut und grell ist. Und bei Bierbichler kann man sich ebenso wenig wie bei mir vorstellen, dass er abends in eine Diskothek geht. Von daher gibt es schon Ähnlichkeiten. Aufgeregtheit dürfte uns beiden eher fremd sein.
Dem deutschen Fernsehen eher nicht. Warum ist das Justizthema unter Krimiaspekten darin aus Ihrer Sicht so wichtig?
Ist es das? Ich hatte vor der Frage ein bisschen Angst, weil ich keinen Fernseher habe und gar nicht weiß, was da so läuft.
Warum diese Abstinenz?
Ich gehe gerne ins Kino und sehe mir amerikanische Serien auf dem Computer an, aber Fernsehen raubt mir einfach zu viel Zeit. Frauen scheinen nebenbei noch alle möglichen Dinge tun zu können: Briefe schreiben, reden, den Haushalt machen; ich kann das nicht. Sehe ich fern, bin ich darin gefangen und unfähig, irgendwas anderes zu machen. Deshalb sitze ich im Hotel so lange davor auf dem Bett, bis ich weiß, wie es ausgeht, und sei es ein noch so blöder Film. Ich habe deshalb schon Termine verpasst.
Sie scheinen da suchtgefährdet.
Suchtgefährdet? Meinen Sie das ernst? Gut, ich rauche zuviel, aber ich hoffe, das ist schon alles. Ich mag nur einfach diese Zeit vor dem Fernseher nicht, sie ist verloren und ich fühle mich hinterher ein wenig betrogen.
Hatten Sie da keine Angst, dass „Verbrechen“ fürs Fernsehen verfilmt wird.
Große sogar, deshalb hatte ich auch lange Zeit alle Angebote abgelehnt. Wissen Sie, um einen Fernsehskeptiker vom Fernsehen zu überzeugen, bedarf es einiger Überzeugungsarbeit und glauben Sie mir: Oliver Berben ist sehr überzeugend. Er ist ein kluger Mann, er hat die Geschichten vollkommen verstanden, er ist umsichtig und er hat wunderbare Ideen. Oliver Berben ist der Mann auf der Bühne, ich eher der Beobachter im Zuschauerraum. Vielleicht ergänzen wir uns deshalb.
Wie zum Beispiel?
Berben Vorschlag, dass Josef Bierbichler den Anwalt spielt, war ganz ungewöhnlich und beeindruckend. Bierbichler ist ein wunderbarer Schauspieler. Und wenn man wie ich in Bildern schreibt, erschließt sich rasch ein Gedanke der Short Cuts, also kurze, schnelle Erzählschritte. Was ich dabei allerdings wirklich überraschend fand, war die Art, wie Oliver Berben es visualisieren wolle: diese Unterbrechungen, um auf Details zu zoomen, hier eine Axt, dort einen Apfel, bis der Weg er sich den Weg zurück durch völlig andere Perspektiven bahnt – das hatte ich zuvor noch nirgends gesehen.
Bringt sie die Geschichten denn auch weiter oder erfolgt bloß um ihrer Selbst Willen?
Da wären wir wieder bei der Eingangsfrage nach Wahrheit und Wirklichkeit; beim Leser erzeugen die Geschichten verschiedene Bilder, alles geschieht in seinem Kopf und jeder Kopf stellt sich etwas anderes vor. Beim Film geht das natürlich nicht. Hier werden fertige Bilder geliefert. Wenn Sie Thomas Manns Tod in Venedig lesen, entsteht eine bestimmte – Berben würde sagen: Farbe in Ihrem Kopf. Viscontis Verfilmung mag da völlig anders sein als das Buch – beim Betrachten erzeugt es aber ganz ähnliche Stimmungslagen. Wenn dieses Wechselspiel funktioniert, ist eine Literaturverfilmung gelungen. Bei Verbrechen, finde ich, funktioniert es.
Es funktioniert aber auch, weil Themen rund ums Thema Verbrechen so beliebt sind. Ergötzen wir uns gern an der Schuld anderer oder an der Gefahr, selbst davon betroffen zu sein?
Es gibt vielleicht zwei Gründe. Man sieht gerne Gangstern zu. Der Gangster wird zu unserem Stellvertreter, er darf die Dinge tun, die wir nicht tun dürfen. Wenn wir in ein Restaurant gehen und der Kellner uns blöd behandelt, reißen wir uns trotz des Ärgers zusammen. Und am Ende geben wir ihm sogar noch Trinkgeld. Tony Soprano würde ihn ohrfeigen, Al Pacino in Scarface würde ihn erschiessen. Es gefällt uns, dass es jemanden gibt, der sich gegen die Regeln stellt. Unsere überregulierte Welt ist mühsam, unsere Freiheit wird immer kleiner. Wir sind oft nur noch das Objekt unzähliger Ge- und Verbote: iss was Gesundes, telefonier nicht beim Fahren, grüß den Pförtner, hör auf zu rauchen, benutze Energiesparlampen auch wenn das Licht grässlich ist. Da erscheint uns die Freiheit des Verbrechers, zu tun, was er will, eben verlockend.
Und sei es, jemanden umzubringen?
Ja, das auch. Aber es geht noch um etwas anderes. Es ist nicht nur die Lust an der Freiheit des Gangsters, sondern, dass wir uns wiedererkennen. Nehmen Sie die Geschichte »Fähner«. Er wird großartig von Edgar Selge gespielt. Die Geschichte erzählt von einen Mann, der sein Leben lang von seiner Frau gequält und gedemütigt wurde. Wir kennen solche Männer. Vielleicht haben wir sogar etwas Ähnliches selbst erlebt. Vor einigen Woche wurde in Bayern ein Mann verhaftet, der seine Frau, mit der er sein Leben lang verheiratet war, erwürgt hatte. Auf die Frage nach dem Grund dafür sagte er: »Ich wollte endlich Ruhe«. Taten wie die von Fähner sind also nicht so ungewöhnlich. Wir scheinen uns ein wenig selbst in den Tätern zu erkennen.
Und der wird dann in Anwaltsserien wie Ihrer abgeurteilt. Warum ist dieses Genre fast genauso beliebt wie der Krimi selbst?
Ich weiß es nicht. Vielleicht liegt es daran, dass Strafprozesse eigentlich Schauspiele sind. Früher, wenn etwas Schreckliches passierte, zum Beispiel ein Dorf niedergebrannt und die Frauen vergewaltigt wurden, traf man sich nach der Tat an einem Ort namens ,Ting‘. Das war der Gerichtsplatz, meist auf einem Hügel gelegen. Es gab dort zwei Sorten Richter: die Erzähler und die Urteiler. Interessanterweise waren die Urteiler gar nicht so wichtig, es ging um die Erzähler. Sie sprachen so lange über das furchtbare Ereignis, bis es seinen Schrecken verlor.
Eine Art Konfrontationstherapie.
Das ist ein sehr moderner Begriff. Aber ein wenig stimmt es. Die Erzähler gingen stark ins Detail: Welcher Frau wurde was angetan? Welches Haus wurde wie niedergebrannt? Wie sahen die Angreifer aus? Wie viele waren es? Dieses genaue Erzählen beruhigte die Gemeinschaft. Das Böse ist doch immer das Unaussprechliche – die Schuhspitzen die wir unter dem Vorhang sehen, die Schritte, die wir nachts auf der Straße hinter uns hören. Wenn wir aber wissen, wer dort geht, ist es nicht mehr das Böse. Vielleicht interessieren uns Strafprozesse genau deshalb: Dort werden die Taten »nachgespielt« und wir können sie ein wenig begreifen. Heute ist auch das Urteil selbst wichtig. In anderen Lebensbereichen scheinen wir uns immer zu einigen, die meisten Dinge werden zerredet, es gibt keine fassbaren Ergebnisse. Vor einem Strafgericht geht das nicht: Am Ende des Prozesses steht das Urteil. Auch wenn die Fragen dort sehr komplex sind, müssen die Richter entscheiden. Wir bekommen etwas von den Gerichten, an dem wir uns festhalten können. Gerichte sind die letzte gesellschaftlich relevante Institution, die sich mit Wahrheit beschäftigt. Alles andere gibt es nicht mehr
Wie ist es mit der Kirche?
Sie interessiert die meisten Menschen nur noch bei einer Pabstwahl. Aber eigentlich haben wir das Gefühl, die Kirche hat ihren Anspruch auf Wahrheit verspielt. Denken Sie nur an ihren Umgang mit dem Kindermissbrauch.
Und Politik?
Wir glauben doch schon lange, dass wir dort nur belogen werden. Oder dass wir es nicht mehr verstehen. Die meisten Dinge sind zu komplex geworden sind. Kaum jemand kann noch etwas Vernünftiges zu dem Euro sagen. Kaum jemand kann die Folgen eines Ausstieges aus der Atomstromversorgung beurteilen. Wir wissen in dieser komplizierten Welt nicht mehr, was passiert, wenn wir an irgendwelchen Stellschrauben drehen. Aber die Strafgerichte müssen Urteile sprechen. Sie sind eindeutig. Wir sehnen uns nach solcher Klarheit. Naja, vielleicht ist jede Klarheit am Ende Illusion.