Dampframmentreffer

fragezeichen_1_Früher mal klangen filmische Fausthiebe stets wie satt getroffene Ohrfeigen, heute dagegen erinnert ihr Sound an rasende Schnellzüge in Turnmattenstapel. Seltsam.

Nein, Kinder sollten das natürlich nicht nachmachen, niemals – und taten es gerade deshalb oft: Wenn Bud Spencers Faust auf der Schädeldecke seiner tapsigen Gegner im Siebzigerjahreslapstick landete, klang das stets wie eine gut getroffene Backpfeife. Und nicht nur dort: die halbe Filmgeschichte hindurch erzeugten Boxhiebe dieses merkwürdige Geräusch zwischen Bauchklatscher und Peitschenhieb. Das muss doch auch in der Realität zu machen sein, dachten Prügelszenenfans lange und scheiterten im Praxistest doch am Resonanzraum des hirngefüllten Kopfes. Vielleicht änderten die zuständigen Ton-Ingenieure ja darum den Sound Richtung dumpf bis wuchtig. Nur: warum klingen Wirkungstreffer jeder Art jetzt, als rase ein ICE mit Vollgas in einen Turnmattenstapel?

Die Antwort lautet zunächst: weil sie nun mal irgendwie klingen müssen! Denn wer je eine gefangen hat, also so richtig, mit geballter Faust und Anlauf, oder wer dem auch nur beiwohnen durfte, der weiß: so ein Schlag klingt nach fast nichts, ist also viel zu leise für Film und Fernsehen, eher wie ein herunterfallender Fleischkloß auf Mamas Auslegeware. Pupp. Punkt. In Kombination mit der visuellen Faust, die ja doch besser haarscharf am Kinn vorbeinagelt, wirkt das dann doch deutlich unspektakulärer als besagter ICE. Und ums Spektakel geht es in prügelfreudigen Filmen, die diskursive Streitschlichtungsstrategien von heute mal tüchtig in Testosteron baden. Ohrfeigen sind da ja doch eher was für Kinder. Und Mütter. Nicht für echte Männer. Wamm!


Lindenend und Rothbeginning

Werbung, RFT Color 20, FernseherRücksichtnahme

Die Woche, die war: 29. Juli – 4. August

Es dreht und dreht und dreht – das Personalkarussell der ganz wichtigen Redaktionen im alten Medienland. Dpa-Chef Wolfgang Büchner wechselt zur Spitze des Spiegels, dessen geschasste Ex-Doppelspitzenhälfte Mathias Müller von Blumencron zur FAZ geht, wo er bald alle Digitalangebote verantwortet, was direkt zum Stern führt, dessen Vize, der 47-jährige Hornbrillenhipster Steffen Husmann, den entlassenen Chefredakteur beim Manager-Magazin Arno Balzer beerbet und durch Anita Zielana ersetzt wird, die beim Illustriertenfossil zudem die Internetstrategie ordnet und das ist – aufgepasst! – künftig nicht weniger als eine Frau in leitender Funktion eines Leitmediums.

Klingt nach Emanzipation, ist aber am Ende doch noch immer nur ein einzelner Ausreißer in die hermetische Welt kungelnder Y-Chromosomen. Die ist sich nämlich noch immer nicht zu dämlich, bei Unfällen zu vermelden, es seien nicht nur auch Kinder, sondern auch Frauen betroffen, wie Samstag in der Tagesschau, deren Reporter offenbar immer noch leicht unbeholfen staunen, wenn sich die weibliche Hälfte der Weltbevölkerung mal aus ihrer häuslichen Schutzzone in die Gefahr des öffentlichen Lebens begeben.

Umso mehr würden wir die kompromisslos emanzipierte Lindenstraße vermissen, deren Fortbestand scheinbar ungesichert ist. Okay – wer Journalismus einigermaßen ernst nimmt, sollte unter keinen Umständen die als „Kollegen“ getarnten Erregungsjongleure der Bild zitieren. Aber wenn sie hier mal ohne populistische Verzerrung (immerhin geht es hier ja um eine eher progressive, fast linke Idee von Fernsehen, aus Bild-Sicht also Teufelszeug) richtig läge, wäre das mal ein echtes Reality-TV-Drama: Weil der WDR seinem seriellen Platzhirsch angeblich den Geldhahn zudreht, muss ihr Erfinder Hans W. Geißendörfer noch angeblicher zwei Folgen à 185.000 Euro aus eigener Tasche vorfinanzieren. Klingt nicht grad, als würde der Vertrag übers Jubiläumsjahr 2015 hinaus verlängert. Dann wird sie – nach modernen Hornbrillenhipstermaßstäben fast jugendliche 30.

Also dreimal so alt wie die strunzstumpfe Fake-Doku K11, die seit 2003 das Vorabendprogramm von Sat1 verschmutzt. Nach der 11. Staffel, die derzeit mit hektoliterweise Ketchup statt Kunstblut und Groschenromandramaturgie statt Drehbüchern gedreht wird, soll Schluss sein. Endgültig. Was man vom Genre gescripteter Realität leider nicht behaupten kann. Aber es ist ein kleiner Anfang.

Aussichtsplattform

Die Woche, die wird: 5. – 11. August

Den feiert heute ein altersweiser Weißkopfadler namens Thomas Roth in den allwissenden Tagesthemen, wo der 61-Jährige nun seinen Teil dazu beiträgt, dass sich jüngere Zuschauer auch weiterhin weit weniger fürs Öffentlich-Rechtliche interessieren, als würde sein weit jüngerer Kollege Ingo Zamperoni an erster Stelle neben Caren Miosga moderieren. Aber um nicht ungerecht zu werden: der weitgereiste Feldreporter zählt seit langen zu den profiliertesten TV-Journalisten im Land – und hätte auch deshalb einen etwas würdevolleren Einstieg verdient, als in der Halbzeitpause des gebührenfinanzierten Dauersubventionsprogramms für den FC Bayern München, das selbst Liveübertragungen gegen irgendeinen gänzlich chancenlosen Amateurverein rechtfertigt. Ganze sieben Minuten Zeit hat Roth also dafür, auf seine Abschiedsformel hinzumoderieren, auf die seine Branche weit gespannter ist als auf die Inhalte.

Die gehen bei der Konkurrenz vom Zweiten, genauer: ZDFneo gerade bemerkenswerte Wege. Wege, die vielleicht nicht revolutionär sind, aber zu erstaunlichen Ergebnissen führen. Oder wie es der Sender ausdrückt: Experimenten. Das nämlich soll ab Donnerstag ein Format namens Auf der Flucht sein, wo sechs mehr oder weniger unterschiedliche Leute von der türkischen Streetworkerin bis zum Naziaussteiger 18 Tage lang Migration in umgekehrter Richtung erproben. Was oberflächlich nach berechenbare Gefühlsduselei klingt, entpuppt sich bei allen Schwächen modernen Sachfernsehens rasch als interessanter Culture-Clash voller Erkenntnisgewinne für alle – Beteiligte, Zuschauer, die vor allem.

Und da Erkenntnisgewinne insgesamt eher selten sind auf wahrnehmbaren Sendeplätzen selbst ernstzunehmender Kanäle, freuen wir uns mal über Formate, die dazu führen könnten: Zum Beispiel heute das australische Mysterydrama Picknick am Valentinstag auf Arte, das den Regisseur Peter Weir 1975 berühmt gemacht hat. Oder immer wieder beeindruckend: John Hurt in 1984 (Sonntag, Tele 5). Etwas leichter unterhält morgen im Rahmen der ZDF-Reihe Shootingstars die deutsche Kinoproduktion Arschkalt (23 Uhr) mit Herbert Knaup als misanthropischen Tiefkühlkosttransporteuer. Dokumentarisch lässig dagegen das Roadmoviemagazin Wissen auf Rädern, in der uns ZDFneo ab Samstag zehn Folgen lang sehr wissbegierig durch zehn Länder führt.

Alles sehenswert, aber alles nichts gegen den Übertermin der nächsten Woche, passend zur Rückkehr der Fußballbundesliga: Das aktuelle Sportstudio wird 50 Jahre und feiert Samstag mit allerlei putzigen Rückblicken, vor allem aber ein letztes Mal mit Dieter Kürten am Mikro, der ja mindestens so weißhaarig ist wie Thomas Roth, am Ende aber doch ein klein bisschen älter, weiser, entertainender. Zumindest letzteres trifft auch auf den Tipp der Woche zu: ab Sonntag, 13.40 Uhr auf ZDFneo: Breaking Pointe – Tanz um dein Leben, eine sechsteilige Tanzdoku übers Ballet West in Salt Lake City. Abseitiges Fernsehen, liebe ARZDFRTLPro7, kann so interessant und spannend sein…


Reise: Island/Westfjorde

Ode ans Wasser

Ein Geheimtipp ist Island mit seiner Mischung aus Naturereignis und Kulturregion nicht mehr. Dennoch lässt sich die Insel im Nordatlantik neu entdecken – vom Wasser her. In den Westfjorden entwickelt das zentrale Element des vulkanischen Eilands seine größte Kraft.

Von Jan Freitag

Der Soundtrack Islands klingt wie ein Fluss. Mal rauscht er durch die Ebene, plätschert ruhig weiter, stürzt tosend in die Tiefe, um bald sachte ins Meer zu gleiten. Wenn der Musikverleger Lárus Johannesson seine Heimat beschreiben soll, nimmt er am liebsten Hilmar Örn Hilmarssons CD zum bekanntesten aller Island-Filme, „Kinder der Natur“, aus dem Regal und legt sie ein. Der geigenlastige Sound ist so voller Fläche, Melancholie, Reinheit und Bewegung, dass man fast glaubt, ihn trinken zu können. Denn der Rhythmus des Landes und seiner Bewohner, sagt Lárus, der Plattenhändler aus Reykjavik, „ist wie der Rhythmus des Wassers“.

Wie Wasser, ausgerechnet Isengard, die Feuerinsel am Polarkreis. Aber sie gleicht mehr einer Seenplatte als einem Vulkan, auch wenn es stets aus der Erde dampft. Das Wasser ist allgegenwärtig. Im Frühjahr schmilzt es, im Sommer steht es, im Herbst gefriert es, im Winter schluckt es jeden Schall und für Lárus Johannesson, dem trendigen Mittvierziger aus dem Szeneviertel 101, bewirkt es in jedem Zustand mehr, als nur die Oberfläche der Insel zu formen. Wasser, er nippt am Espresso, „lässt unsere Gedanken schweifen“. Hier, in der pulsierenden Kulturmetropole ebenso wie oben, in den Westfjorden, dem karstigen, unentdeckten, lautlosen Gebiet im äußersten Eck des Landes.

Mit der Propellermaschine geht es von Reykjavik aus in den Norden, gleich durch drei Wolkendecken hindurch, ein unruhiger Flug. Island, so heißt es, zahlt für jeden Sonnentag mit einer Woche Regen. Das scheint noch untertrieben – es ist Mitte Mai und schneit auf Meereshöhe. Wer dieses Land verstehen will, seinen Takt und seine Launen, der sollte zu den Westfjorden fliegen und sich wetterfest kleiden. Von der Hauptstadt in den entlegensten Winkel, knapp eine Stunde dauerte es von der Zivilisation bis zur Einöde, wo die Ansiedlung schwerer Industrie verboten ist und jede Straße ein Abenteuer. Hier besitzt das Wasser seine größte Kraft, denn das Meer zerklüftet seit 16 Millionen Jahren die Küste.

Island, zumal den Westen, ohne blumige Metaphern zu schildern, fällt Reisenden oft schwer. Vom wachsenden Gletscher Drangajökull, fast in Sichtweite Grönlands, ist schon mal als träges Faultier die Rede, von Straßen als Kratzern im Geröll oder von Hügeln, die an hockende Trolle erinnern. Das mag am Hang zur Sage liegen, dem uralten Glauben an Kobolde, Elfen und versteckte Menschen, der die Insel noch heute prägt. Sie mögen an Einfluss verloren haben, doch wo kochendes Wasser unvermittelt aus dem Boden schießt und der Schnee auch im Sommer nur wenige Meter weiter noch in den Ebenen klebt, wo das Wetter gern minütlich umschlägt und fünf Grad kalter Ozean an lange Sandstrände von karibisch goldener Farbe brandet, da ist ein bisschen Pathos unvermeidlich.

Island-Helga2Björn und Helgas Farm ist ein Schmelztiegel dieses Wechselbads. Sie liegt unweit des malerischen Städtchens Ísafjörður, gesäumt von jenen Bergen, die alle Fjorde trennen, mit flachen Kuppen, baumlos wie das ganze Land und weiß geädert wie ein Zebra. Vom Wohnzimmer aus blickt man vorbei an kitschigen Plastikblumen auf ein Fischerdorf im Nordwesten, wo der Fjord sich zum Meer öffnet. Isländer sind auf fast erdrückende Art gastfreundlich. Es gibt getrockneten Fisch, frittiertes Brot, Skyrkaka, eine Art Joghurt auf Biskuit, fast alle landestypischen Knabbereien auf einem Tisch. Und natürlich Kaffee. Isländer trinken ihn literweise. Ein Wunder, dass sie so alt werden. Der Polkappe näher als die sechsköpfige Familie, deren Nachnamen wegen der Kombinationen elterlicher Vornamen mit dem eigenen Geschlecht variieren, leben nur wenige. Und kaum jemand hängt mehr am Tropf des Wassers als diese Sippe.

Helga Kristjansdòttir und ihr Mann züchten Lachse in der Bucht, schöpfen ihr eigenes Süßwasser, tränken ihr Vieh mit kanalisierter Schneeschmelze und betreuen Angler im Dorf. Sie versorgen sich dank eigenen Wasserkraftwerks selbst mit Energie und liefern mit einem zweiten Strom an die Stadt, wie überhaupt die ganze Insel nur mit der Wärme und der Kraft des Wassers betrieben wird. Helga, Mitte Vierzig und wie in Island üblich tonangebend in der Ehe, lächelt breit: „Wenn es ginge, würden wir das Wasser auch noch essen.“ Alles eine Frage eigener Ansprüche. Die Powerfrau mit den rauen Händen lebt wie die Hälfte der Bevölkerung außerhalb Reykjaviks, auf dem Land also, und weiß, was es heißt, der Natur zu trotzen.

Allein, dass sie hier wohnt, ist den Unwägbarkeiten der Natur geschuldet. Zum Lawinengebiet erklärt, musste die Familie ihren Hof ein paar Fjorde weiter vor neun Jahren räumen, schnitt das Haus kurzerhand in drei Teile und transportierte es per Lkw an sein neues Zuhause. „Man muss in Bewegung bleiben“, sagt Helga und lacht. Was das auf den Straßen abseits der inselumrundenden „Nationalstraße Nr. 1“, Islands längstem und fast ganz asphaltiertem Ring heißt, zeigt sich zu Beginn der Fahrt durch die Fjorde. Schotter knirscht unter den Rädern, doch es bleibt das einzige Geräusch weit und breit. Die Gegend hat noch weniger Verkehr als der Rest Islands, dessen Bevölkerungszahl vierstellig ist und deren Infrastruktur daher aufs Nötigste begrenzt. Und ohne Menschen glänzt das sommerliche Grün noch kräftiger in der Mitternachtssonne, die Gewässer wirken blauer, der Dampf heißer Quellen dichter.

Doch der Weg ist mühsam; kein Wunder, dass Island nicht nur die höchste Dichte an Schwimmbädern und Badewannen hat, sondern auch an Geländewagen. In Ermangelung großer Verbindungsstraßen müssen Dutzende Fjorde einzeln abgefahren werden, vorbei an imposanten Klippen, schneebedeckten Gipfeln, abgelegenen Buchten und geschwungenen Tälern. Durch Orte wie Þingeyri, wo das Klima den Müll auf einem Schrottplatz zum sepiafarbenen Kunstwerk verrosten ließ. Oder Haukaladur zwei Siedlungen weiter, das sich seit 70 Jahren eine Theaterbühne leistet, vier Vorstellungen im Sommer, ein Festival für Monologe, „sonst spielen wir bei Bedarf“, sagt der Betreiber. Die Westfjorde sind nichts für Eilige.

Und wenn die Kommunen doch mal einen Tunnel graben, kommt wieder das Wasser ins Spiel. Um das Fischerdorf Suðureyri nach Ewigkeiten isolierter Wintermonate anzubinden, grub man sich vor zehn Jahren durch den Berg und stach auf halber Strecke in ein verborgenes Wassernetz, das den Tunnel sogleich flutete. Was aber andernorts zum Baustopp führt, gilt in den Westfjords als Chance. Mit ohrenbetäubendem Lärm macht sich die Quelle hinter einer Stahltür am Straßenrand bemerkbar. Dahinter, mitten im Berg, rauscht aus 200 Metern Höhe ein Wasserfall nieder und versorgt die Nachbarstadt mit Strom. Noch liegen viele Schönheiten der Gegend im Verborgenen.

Island-JaksMichael Jaks sucht zum ersten Mal nach solchen Schönheiten. Bislang fuhr der Pfälzer nach Norwegen zum Hochseeangeln. Jetzt versucht er es erstmals eine Woche in den Westfjords. Und auch wenn der 51-Jährige mit seinen drei Freunden wegen Sturms an diesem Tag nicht raus aufs Meer darf, gefällt ihm das kühle Klima. „Warmes Wasser lässt mich kalt“, sagt er und seine wettergegerbte Haut pflichtet ihm bei, „da spürt man den Fisch nicht richtig“. Nicht alles sei perfekt, seinem Ferienhaus fehle es etwa an Komfort, doch in ein paar Jahren, so glaubt er, sei die Gegend ein Paradies für Natursuchende.

Nur langsam beginnen die Westfjords, Gäste wie ihn zu bedienen. Noch verdient der Fremdenverkehr hier seinen altbackenen Namen und am verwaisten Flughafen steht der Kontrast zwischen Vergangenheit und Zukunft dicht an dicht. Am Ufer eine Fischfabrik, die heute Kabeljau für Nigeria trocknet, am Hang darüber bunte Bungalows für den wachsenden Strom anreisender Angler und Wanderer. Vielleicht ist es aber auch angenehmer, erdnäher, schöner, Komfort nicht über Hotelsterne oder Entertainment zu bemessen, sondern an der Möglichkeit, zur Ruhe zur kommen. Im Zelt, das man fast überall aufschlagen darf. Oder in jener schlichten Herberge bei Flókalundur, wo die Fähre zurück in den Süden abfährt: Ein Flachbau mit Hot Pot direkt am Meer, die prächtigsten Wasserfälle in Wanderweite. Nach einem Ausflug zu den Klippen von Látrabjarg samt ihrer Unmengen zutraulicher Papageientaucher kann man darin den Tag im Sonnenuntergang ausklingen lassen. Hier hat Hilmar Örn Hilmarsson seinen Soundtrack erdacht. Die Symphonie auf Island, eine Ode ans Wasser.


Martina Hill: Parodistin und Knallerfrau

Schlank, blond, krass

In der Sat1-Sketchshow Knallerfrauen (ab Freitag, 2. August, 22.50 Uhr) ist Martina Hill mal ganz sie selbst, statt Sonya Kraus, beweist also nachhalztig, dass sie weit mehr kann als Parodieren anderer in Switch Reloaded. Zum Beispiel derb sein. Und zwar richtig.

Von Jan Freitag

Gut, man braucht schon einen Hang zu derbem Humor, um über Witze mit Frauen zu lachen, die auf Partys lautstark ihren Slip suchen. Mit Frauen, die öffentlich furzen, im Supermarkt Melonen kugelstoßen oder brüllend durch den Park laufen, weil der Kaffee zu kalt ist. Die Kopfsalat als Pompon benutzen, Wurst als Schlagstock und Babys als Feudel. Witze mit Frauen also, die plump sind, laut sind, böse sind, taktlos sind, unflätig sind und meist alles in einem. Man muss folglich eher grob gestrickt sein, um Knallerfrauen lustig zu finden, die neue Sat1-Sketchcomedy.

Vielleicht reicht es aber, wenn man jemanden lustig findet, den lustig zu finden nicht schwer fällt: Martina Hill. Seit gerade mal fünf Jahren ist sie im ulkigen Fernsehfach daheim und bereits eine der wenigen Leuchten. Anderseits sind fünf Jahre in dem Metier eine Menge, um ohne Soloshow tätig zu sein. So gesehen folgt es dem Gesetz des Marktes, dass Deutschlands schönste gute Komödianten mit 37 Jahren endlich auch allein zeigen darf, was sie kann. Im Grunde ist Knallerfrauen zwar ein Spaßformat wie viele: Mit argen Zoten, schlüpfrigem Inhalt und wenig Sinn, voller Klischees, Schenkelklopfern und Fremdschammomenten als heiterem Kernbestand. Wie im Durchlauferhitzer Comedy üblich, der selbst die alte Scheibenwischer-Bühne für pappeflache Possenreißer freigibt, den Antispaßvogel Oli Welke zum Träger seriöser Preise macht und Kurt Krömers einzige Pointenressource (Berliner Schnauze) mit öffentlich-rechtlichen Sendeplätzen adelt. Es wäre also auch in dieser halben Stunde ab 22.15 Uhr wenig mehr als Stromlinie zu erwarten, stünde da nicht diese, pardon: Knallerfrau im Zentrum. Und nur sie.

Seit 2007 verkörpert Martina Hill ja in der Pro7-Parodie Switch Reloaded diverse Figuren des realen TV-Lebens und ist dabei oft echter als die Originale. Heidi Klum und Anja Kohl, Gundula Gause und Ina Müller, Bill Kaulitz und Katja Burkard, Sonya Kraus oder in der heute-show Bettina Schausten – nach wenigen Jahren im Geschäft schien die gelernte Radiosprecherin ihre Berufung beim Kopieren anderer gefunden zu haben. Das tat auch Not. Denn als Teil dämlicher Serien wie Cobra 11, schlechter Filme (Schwer verknallt) oder der fulminant gescheiterten Parodie C.I.S., dessen Witz schon im Piloten irgendwo zwischen Mario Barth und Buster Keaton verendet, schien ihre Karriere abseits von Switch festzustecken.

Umso mehr erstaunt es, wie „die pure Marina Hill“ (Martina Hill) nun beim Schwesterkanal Sat1 funktioniert. In knapp zwei Dutzend Sketchen pro Folge „spiele ich ganz normale Frauen in ziemlich alltäglichen Situationen“, wie sie selbst schildert. Solche, die ihrem Bräutigam bei der Hochzeit auf den Kopf kotzen oder sich nachts per Defibrillator am Bett fit fürs schreiende Baby machen. Es sind nicht grad Frauen wie du und sie, aber es sind handelnde Frauen, Frauen der Tat also, die nicht immer komisch sind, aber ihr Tun so selbstverständlich und siegesgewiss vollführen, dass sie zu etwas werden, was in der Haut dieser Berlinerin ohne Schnauze leicht verstörend wirkt: männlich. Schließlich ist die spät berufene Schauspielerin, der erst mit Ende zwanzig die erste Rolle zuteil wurde, ein Privatfernsehbild von einem Weib: Groß, blond, schlank, schön, sexy und stets bereit zum Minirock. Ergo: die Essenz dessen, was der Mainstream unter femininer Attraktivität verbucht. Grad das macht „Knallerfrauen“ so relevant, obwohl es so mit Stereotypen spielt.

Denn auch die Hill weiß um ihre Attribute, die sie in 106 Charakteren, verteilt auf 220 fertige Sketche, so oft zur Schau stellt, wie es die Branchengesetze erfordern. Hinter all der nackten Haut zu hohen Hacken zeigt sich aber ein Übermut, der jede Eitelkeit im Mimikchaos erstickt. Komik, erklärt sie ihren Beruf und klingt dabei mal unsicher, mal selbstbewusst, wie ganz normale Frauen, „entsteht über den Faktor Überraschung“. Und das komme bei attraktiven Menschen mit Mut zur Hässlichkeit sogar mehr zur Geltung. Der Zuschauer jedenfalls, glaubt sie, schaue durchs Äußere hindurch, „wenn ein Komödiant den Bezug zu seinem inneren Kind herstellt“. Martina Hill kann das. Vielleicht kann sie es auch, weil Otto Waalkes ihr „Kindheitskomiker“ war, Didi Hallervorden ein früher Held wurde und Anke Engelke ein später. Weil sie „eine Prise derben Slapstick“ mehr schätzt als politisches Kabarett, das sie erst noch lernen will. Weil sie nicht über alles Witze machen muss, aber über alles lachen dürfen will. Weil sie ihre körperlichen Grenzen ebenso sucht, findet, aber nicht übertritt wie die des Geschmacks. „Schockieren war nie mein Ansatz.“ Verletzungen sind ihr zuwider. „Ich will unterhalten.“ Mehr nicht. Bei Knallerfrauen gelingt das schon mal ganz gut. Luft nach oben bleibt trotzdem.


Mario Adorf, Hamburg 2010

450px-Mario_Adorf_(Berlin_Film_Festival_2011)Wer riskiert denn heut noch was?

Foto: Siebbi

Mario Adorf ist einer der bekanntesten Schauspieler im Land. Ob er auch einer der besten ist, bleibt zwar umstritten, dass ihm zwei Rollentypen besonders liegen, weniger: Schurken und Machtmenschen. Letzteren spielt er Donnerstag und Freitag in der ARD. Dabei bietet Der letzte Patriarch sicher keine ausgesprochen gute Unterhaltung, aber einen ausgesprochen guten Adorf.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Adorf, eine Rolle wie Der letzte Patriarch scheint Ihnen schon vom Titel her auf den Leib geschrieben.

Mario Adorf: Hoffentlich weniger auf den Leib als auf mein schauspielerische Tauglichkeit, ihn mit Leben zu füllen. Es war nie mein Ziel, nie meine Berufsauffassung, mich mit einer Rolle völlig zu identifizieren. Ein Schauspieler sollte sich wandeln können, in andere Leben hineinversetzen. Die Deckungsgleichheit ist nicht erstrebenswert.

Dennoch sagt Norbert Sauer, der Produzent, ebenso wie die Autorin, dass die Figur ohne Sie gar nicht denkbar gewesen wäre. Wo liegen dann also die Parallelen zum Patriarchen?

Im Bild, dass die Menschen von meinem schauspielerischen Werk haben womöglich. Film lebt von visuellen Reizen. Dass ich nun verstärkt Patriarchen spiele, hängt sicher auch damit zusammen, dass meine Haare im Alter weiß geworden sind. Das wirkt präsidialer. Ich glaube aber nicht, dass die Rolle darauf hin zugeschrieben ist, wie ich bin oder sein kann. Es ist mehr der Schauspieler gefragt, der eine Rolle mit Persönlichkeit ausfüllt, mit Charisma, Charakter, vielleicht sogar dem Aussehen. Das traut man mir offenbar zu.

Sind das Attribute des Alters, die in Ihrem Schauspielerleben gewachsen sind?

Das Alter hilft sicher nicht bei allen Menschen bei der Vergrößerung des Charismas, aber wenn man über charismatische die Anlagen verfügt, ist der Nährboden eben fruchtbar. Von alleine kommt da nichts, aber man kann es auch nicht bestimmen. Wenn man also behauptet, dass ich sie habe, nehme ich das dankbar an. Aber man darf sich darauf nie verlassen. Glaubhaft zu sein bedarf weitaus mehr als bloßer Ausstrahlung.

Hat der Begriff des Patriarchen denn mehr mit Charisma und Charme oder mit Führungsqualität und Willen zur Macht zu tun?

Eher letzteres. Er erwächst in der Regel aus einem dynastischen Element heraus, in eine Familie hineingeboren zu sein, die ihm Grundlagen eines Führungsanspruches liefert. Es muss dieses Übriggebliebene geben, den Alleinherrschaftsanspruch. Das ist wie im Rudel; da gibt es einen Leitwolf, der entweder leitet, weil es keinen Konkurrenten gibt oder weil er sich gegen sie durchgebissen hat. Dafür bedarf es auch des Charismas, aber alleine reicht das kaum aus. Es muss dazu auch einen Umgang mit dem Unrecht geben, denn einsame Entscheidungen führen zu Irrtümern und Willkür.

Ist unsere Zeit der Shareholder und Manager denn überhaupt noch geeignet für den allein regierenden Patriarchen?

Eigentlich nicht, deswegen lautet der Titel ja auch Der letzte Patriarch. Selbst Unternehmen, die von Persönlichkeiten gegründet und geführt wurden, wechseln ihr Führungspersonal aus gegen abstrakte Manager ohne emotionale Bindung an ihre Firma.

Schafft die Krise aus Ihrer Sicht eine neue Sehnsucht nach Führung?

Absolut. Es entsteht in dieser großen Blase unrealistischer Werte eine neue Sympathie für jene, die selber geschaffen haben und darauf ihren Führungsanspruch gründen. Ich bin ja in der Nachkriegszeit groß geworden und habe da viele dieser Wirtschaftswundertypen kennen gelernt in einer Periode, als alles in Trümmern lag und niemand glauben mochte, dass es eine neue Kultur, neuen Reichtum, neue Industrien geben könnte. Und da gab es diese Männer, die sich hingestellt haben und sagten: Ich mache das! Diese Macher waren zwar oft rücksichtslos, bisweilen sogar brutal, aber sie haben auch etwas geleistet. Es war also auch damals so, dass die Krise solcherlei Gestalter hervorgebracht hat, die im saturierten Wirtschaftswachstum ersetzt werden konnten durch Sachwalter ohne Bindung an das eigene Werk. Ihnen geht es um Karriere, Fortschritt, Geld, nicht Erhaltung.

Und sie fallen weicher als Firmengründer, die mit Ihrer Existenz für ein Unternehmen einstehen wie derzeit Frau Schaeffler, die keine Millionen-Boni trotz Missmanagement zu erwarten hat.

Es wird nicht mehr gehaftet. Das sieht man auch in meiner Branche. Früher gab es noch große Filmproduzenten, die mit eigenem Vermögen für waghalsige Projekte garantiert haben. Vor allem in Frankreich, Italien. In Deutschland fällt mir da kaum jemand ein.

Ein Horst Wendland vielleicht.

Oder Gyula Trebitsch. Aber sonst? Wer riskiert denn heute noch was, eigenes Geld für eine eigene Geschichte mit einer eigenen Handschrift? Wenn man eine Idee hat, geht man nicht in die Offensive, sondern sucht sich erst einen Sender oder Verleiher, der es finanziert oder die Ausstrahlung garantiert. Vor der Tat steht die Akquise. Da hat das Fernsehen als Einrichtung viel Wagemut zerstört und das steht sinnbildlich für die Gesellschaft insgesamt.

Haben Sie mal eigenes Geld in ein Projekt investiert, das Ihnen so sehr am Herzen lag, dass es ein Scheitern wert gewesen wäre?

Als Schauspieler gerät man selten in solche Situationen, weil man in der Regel zu den letzten zählt, die auf das Pferd springen. Erst wenn man schon fast drauf sitzt, kann man dem Projekt entgegenkommen, für weniger Gage spielen oder sogar ganz ohne. Das habe ich natürlich schon getan. Aber man riskiert damit doch herzlich wenig.

Das tut man aber durchaus mit der Rollenwahl, so wie Gerd Fröbe nach Es geschah am hellichten Tag lange Zeit kaum Angebote erhielt, weil er fortan aufs Böse gebucht war.

Auch das hat es bei mir gegeben. Man hat es mir fast über Jahrzehnte übel genommen, dass ich bei Winnetou N’tschotschie erschossen habe. Als Sympathieträger war ich erst mal passé.

Jetzt, mit 80 Jahren, gibt es da eine Rolle, die Ihnen bislang verwehrt geblieben ist?

Ich glaube, der Schauspieler kann, soll, darf so lange spielen, wie er sich in der Lage fühlt, die Rolle zu spielen. Das tue ich und möchte deshalb doch noch ein bisschen weitermachen. Und da gibt es noch die eine Wunschrolle, die mir am Herzen liegt. Das ist der Karl Marx. Weil ich glaube, dass seine Persönlichkeit neues Interesse wachrufen sollte und dies auch tun wird. Gerade jetzt, wo der Kapitalismus so in der Krise steckt, gibt es ein neues Bedürfnis, zu verstehen, wer dieser Mann eigentlich war? Welche Alternative existiert zu diesem System? Was lief bei den Revolutionen falsch; lag das an Marx? Was war das überhaupt für ein Mensch? Dieses neue Interesse interessiert mich schauspielerisch enorm.

Lässt sich das realisieren?

Sicher, deshalb engagiere ich mich diesmal auch persönlich in der Realisierung, was ich früher nie getan habe. Dieser Mann muss erzählt werden.


Männernationalfrauschaft

fragezeichen_1_Im Wörtchen Fußballfrauennationalmannschaft steckt irgendwo eine doppelte Geschlechtsbezeichnung. Das haben mittlerweile längst Emanzipationsferne begriffen. Bis auf Sportreporter. Merkwürdig.

Englisch ist das neue Deutsch. Ob Service Point oder Casual WearWarm-Up, Wellness, Video-On-Demand – Germanen kann es gar nicht genug Anglizismen geben, um sich unverständlich zu machen. Umso erstaunlicher, dass eines der klügsten Lehnworte so unbeliebt ist, zumindest bei Sportreportern: Team. Statt der Kürze, Präzision und Korrektheit halber vom “Nationalteam” zu sprechen, wenn es zum Beispiel von Fußballerinnern gebildet wird, bevorzugen die Männer an den Mikros (und leider nicht nur sie) eine erstaunliche Formulierung: Frauen-Fußball-Nationalmannschaft. Seltsam.

Denn eine weibliche Mannschaft ist ethymologisch ähnlich schlüssig wie eine männliche Ballerina, also gar nicht. Was aber steckt dahinter? Fahrlässigkeit wäre noch die charmanteste Ursache. Nur: Sportreporter verdienen mit Sprache ihr Geld, sollten darin also gewandt genug sein, nicht so zu schludern. Weniger charmant: Sexismus. Denn dummerweise sprechen selbst Spielerinnen oft von Mannschaft. Bliebe pure Dusseligkeit, was als angeboren sogar entschuldbar wäre. Am nächsten liegt aber das hier: Fußball bleibt trotz aller EM-Titel Männersache, Frauen sind darin nur akzeptabel, wenn sie ihre maskuline Seite akzeptieren und dennoch hübsch aussehen. Wir sind also nicht viel weiter als zu jener Zeit, da Frauen plötzlich Fußball spielen durften. Damals hieß es Damennationalmannschaft. Und die Herren durften ihren Gattinnen den Job kündigen.


Prinzenbrut und Shootingstars

Werbung, RFT Color 20, FernseherRücksichtnahme

Die Woche, die war: 22.-28. August

Ach, wäre die Welt doch der Guardian. Zur Ankunft eines Thronfolgers im Vereinigten Königreich konnte man per Mausklick entscheiden, ob die royalistische oder republikanische Version der englischen Zeitung auf dem Bildschirm erscheint. Da die Welt aber ein gigantischer Boulevard ist, der sich für Ereignisse vor allem dann interessiert, wenn sie katastrophal oder bonbonbunt sind, tat selbst die Tagesschau zur Geburt von Klein Georgie etwas Ungewöhnliches und überzog am Dienstag die Sendezeit, um erste Bilder der blaublütigen Brut zu zeigen. Das tut diese Institution der Seriosität sonst nicht mal bei japanischen Kernschmelzen, aber die gute Nachricht: es gab im Anschluss keinen Brennpunkt.

Den gab es dagegen gestern zur Hitzewelle in Deutschland, womit abermals belegt wäre, dass die ARD am liebsten bei Wetterphänomenen von zu viel Regen bis zu viel Sonne Sondersendungen bringt. Da musste selbst der vorhergehende EM-Titel der deutschen Fußballerinnen – deren Halbfinale gegen Schweden zur beachtenswerten Vorverlegung der bedeutungslosen, aber aufgeladenen PR-Partie Bayerns gegen Barcelona geführt hatte – mit der Spitzenmeldung unserer Hauptnachrichtensendung Vorlieb nehmen. Auch das darf man allerdings wie die Zuschauerzahl von fast neun Millionen (zwei mehr als das Supercup-Finale abends zuvor) als Beweis der wachsenden Relevanz des Frauenfußballnationalteams ansehen.

Auch wenn ARD-Reporter Bernd Schmelzer wie auch der ZDF-Kollegbe Norbert Galeske die erstaunliche Formulierung „Fußballfrauennationmannschaft“ vorzog, was ähnlich emanzipiert ist wie sein gesamtes Machogeschwurbel aus Zeiten, als Männern Frauen noch fürsorglich den Job kündigen durften. Schmelzer lobte mal eine Spielerin der norwegischen Frauenfußballnationalmannschaft dafür, abends nach dem Kicken noch ihre Kinder zu wickeln, mal eine Linienrichterin dafür, dass sie ein Abseits von drei Metern „wirklich gut gesehen“ habe, und zeigt damit, dass ihm auch beim TV-Duell am 1. September vermutlich vier Journalisten lieber wären, da ihre Kolleginnen daheim doch noch Windeln wechseln und die Abseitsregel lernen müssen.

Aber leider, liebe Sportreporter der ganz alten Schule, sind zwei Frauen dabei, wenn die Kanzlerkandidaten von vier Kanälen zugleich befragt werden. Und seit voriger Woche wissen wir auch, in welchen Teams sie das tun werden: Maybrit Illner (ZDF) mit Peter Kloeppel (RTL) und Anne Will (ARD) mit Stefan Raab (Pro7). Bei so viel Wertschätzung für den letztgenannten Kaugummikanal, dem Politik noch unwichtiger ist als, sagen wir: die inneren Werte seiner Pressdekolleteemoderatorinnen, dürfte es dem Springer-Konzern nochmals mehr nerven, dass er die ProSiebenSat.1 Media AG 2006 nicht kaufen durfte. Und jetzt schaut das Kartellamt beim nächsten Riesendeal von Europas Verlagsriesen genau hin: ob er nämlich seine Geschichte, sein Herz und den Restbestand des Gehirns für 920 Millionen Euro an die Funke-Gruppe (WAZ) verticken darf. Dabei wäre die Trennung vom gesamten Presseportfolio bis auf Bild und Welt insofern nur logisch, als richtiger Journalismus bei Springer ohnehin bedeutsam ist wie das Kommunistische Manifest.

Und so trauern wir also nicht über den endgültigen Wandel eines einst ernstzunehmenden Zeitungsverlags zur reinen Renditemaschine, trauern wir um den verstorbenen Heinz Meier, der bei Loriot einst als Erwin Lindemann mit dem Papst eine Herrenboutique in Wuppertal eröffnen wollte und dabei bewies, wie viel Präzision und Güte den deutschen Fernsehhumor mal geprägt hat.

Aussichtsplattform

Die Woche, die wird: 29. Juli – 4. August

Heutzutage prägen ihn schließlich eher Schmunzelkrimis im Ersten, die diese Woche dank der Live-Übertragung von der Schwimm-WM wenigstens Montag, Mittwoch und Freitag vom Vorabend verschwinden. Auch sonst kehrt der Fernsehsport mit Nachdruck zurück. Ab Mittwoch überträgt RTL ein Marketingevent namens Audi-Cup, in dem die reichsten Clubs der Welt von Bayern München bis Manchester City zur besten Sendezeit ein bisschen mehr Werbegelder anhäufen dürfen. Samstag dann geht es mit dem DFB-Pokal in die heiße Phase der neuen Bundesligasaison. Und weil die neun Zweitligapartien mittlerweile sieben verschiedene Anstoßzeiten haben, gibt es für Sky massig Möglichkeiten zur Übertragung zweitklassiger Werbepausenüberbrücker.

Da kümmern wir uns doch lieber um erstklassige Fiktion. Das britische Adelsmelodram Young Victoria etwa, dessen schwulstiger Titel über die wunderbar kostümierte Güte der Kinoadaption hinwegtäuscht. Noch erstklassiger verspricht jedoch die Reihe Shootingstars zu werden. Ab Donnerstag gibt das ZDF darin einigen Talenten des jungen deutschen Films die Gelegenheit, sich auf vergleichsweise akzeptablen Sendeplätzen zu präsentieren. Den Auftakt macht die großartige Alina Levshin als Kriegerin zwar erst um 22.15 Uhr, aber angesichts des harten Neonazi-Stoffs ist das sogar nachvollziehbar. Mehr jedenfalls als die der zweiten Folge Luks Glück, einer charmanten Culture-Clash-Komödie von Ayse Polat, am Freitag um halb zwölf.

Wirklich richtig viel zu spät läuft indes Durch die Nacht mit…, diesen Samstag mit Bootsy Collins und Jamie Lidell, nach Mitternacht, aber wie gewohnt großartig. Arte ist eben irgendwie immer sehenswert. Wie auch tags drauf um 21.45 Uhr, wenn der Kulturkanal seinen Schwerpunkt Summer of Soul mit der famosen Dokumentation Detroit, Michigan – Zentrum des Soul über die Motownstadt fortsetzt. Oder wie am Freitag zuvor Die Gentleman baten zur Kasse, einer wirklich sehenswerten Bearbeitung des legendären Postraubs 50 Jahre zuvor.

Empfehlenswert wäre außerdem eine neue Krimiserie namens Silent Witness, die zwar ab heute (22 Uhr) bei ZDFneo wenig revolutionär von drei brillanten Rechtsmedizinern handelt, das aber – wie so oft bei britischen Importen – einfach besser als viele deutsche Produkte tut. Ansonsten herrscht auch öffentlich-rechtlich die gesittete Sinnlosigkeit ausklingender Sommerlöcher vor. Sonntag etwa, wenn seine Kernklientel grad Mittagsschlaf hält, muss der brachialfröhliche TV-Koch Horst Lichter in Bares für Rares nun auch noch den ZDF-Trödelsammler spielen, dicht gefolgt vom Magazin LandGut, das sechs Folgen lang um 14 Uhr baugleich aufs lukrative Pferd der sagenhaft erfolgreichen Stadtfluchtillustrierten LandLust setzt. Und es sagt einiges über die Innovationsbereitschaft des Leitmediums aus, wenn so etwas schon zum Hervorhebenswerten der Fernsehwoche zählt. So wie der Fernsehtipp des Tages: Die schlechtesten Filme aller Zeiten, die Tele 5 zwar ohnehin seit jeher sendet, ab Freitag aber offensiv präsentiert von Oliver Kalkhofe. Da klingt das D-Movie Knochenbrecher im Wilden Westen doch gleich nach Pasolini…


Reportage: Vom Kiez zum Kap

pic.phpDer Weg war das Ziel

Einfach zur Fußball-WM zu fahren ist leicht. Kay Amtenbrink und Bernd Volkens aus St. Pauli war das Ziel allein nicht genug, als 2010 das Turnier in Südafrika anstand – es musste die Fahrt durch zwei Kontinente Richtung Kapstadt sein. Eine Odyssee voll himmlischer Erlebnisse und Höllentrips, dokumentiert in Jo Bornemanns grandiosem Dokumentarfilm Vom Kiez zum Kap und jetzt auch in den freitagsmedien.

Von Jan Freitag

Die Reportage eltmeisterschaft Größer könnten Gegensätze kaum sein. Fünf Grad minus zeigte das Thermometer, als für Kay Amtenbrink und Bernd Volkens vor vier Monaten das Abenteuer ihres Lebens begann. Verwandte waren gekommen, Freunde, selbst ein paar Reporter, um sie auf ihre Reise von Hamburg nach Südafrika zu schicken – im uralten VW-Bus vom Kiez zum Kap. Beim Abschied aus der Winterpause Richtung WM herrschte bei den zwei St. Pauli-Fans beste Laune, Aufbruchstimmung, fast Euphorie am Stadion ihres Heimatclubs. Von Euphorie ist rund 12 000 Kilometer weiter südlich wenig geblieben.

Es ist Frühling, irgendwo in Äthiopien, und bei 42 Grad stehen die fußballverrückten Männer knietief im braunen Wasser des Mago. Zwei volle Tage haben sie geschuftet, bis zur Erschöpfung, pausenlos. Ihr T3 hatte sich festgefahren. Mit ungeahnten Kräften aber, dem Geländewagen ihres Münchner Mitreisenden Claus und viel, viel Glück, landen Mensch und Material doch am Ufer. »Ungeduld hat in Afrika nichts zu suchen«, stöhnt Bernd. Nur weil der Globetrotter von 40 Jahren in Ausnahmesituationen wie dieser ruhig bleibt und besonnen, geht die Reise weiter.

Eine, die alles bietet: Unglücksfälle jeder Art, Krankheit und Entbehrung, Feuer, Wasser, Sturm und Schmerz, aber eben auch kontemplative Naturerlebnisse, sozialer Kontaktreichtum, atemberaubende Architektur. Extreme also, gepaart mit Entspannung. Da wird der Weg zum Ziel, das mit jedem Staat, jeder Wüste, jeder Erfahrung an Bedeutung verliert: 24 Tickets der Weltmeisterschaft in der Tasche nämlich, für die Kay, der freiberufliche Grafiker, und Bernd, angestellter Autojournalist, ein halbes Jahr auf Einkünfte und noch einiges mehr verzichten. Komfort etwa, fließendes Wasser, saubere Toiletten, die gewohnte Sicherheit, das geregelte Leben. Heimat.

Deutsche auf Reisen: Dem Zufall keine Chance

Dies ist die Geschichte einer Schnapsidee nach dem Training zweier Freizeitkicker, ihrer Realisierung und all der Folgen. Monatelang hatte das Duo Routen gelegt, Gepäcklisten erstellt, Visa besorgt und Impfungen erduldet, hatte örtliche Sitten studiert, medizinische Eingriffe geübt, vor allem aber den Wagen, das Herz des Unterfangens, zugerichtet auf die Straßen eines Erdteils, dessen Bewohner diesen Begriff sehr eigenwillig definieren. Dem Zufall keine Chance, Deutsche auf Reisen eben. Doch schon wenige Tage nach dem Start im zähen Hamburger Winter sind die ersten Pläne hinfällig. Noch in Europa ändert das Navigationsgerät die Route nach Kroatien statt Ungarn. Beim Übertritt nach Serbien erinnert sich Kay an die grüne Versicherungskarte fürs Ausland auf seinem Schreibtisch. »Faul und trocken liegt sie da«, man hört ihn förmlich fluchen auf dem Balkan. Die kleine Unachtsamkeit kostet fortan ähnlich viele Nerven wie die unzähligen Pannen, kaum weniger Devisen und früher als gedacht: ein neues Zeitmanagement. Grenzen werden nun nachts passiert, wenn die Zöllner müde sind und milder.

Die machen ohnehin auf der ganzen Odyssee Schwierigkeiten, ob syrische, serbische, sudanesische. »Echte Unfreundlichkeit«, betont Bernd, »reduziert sich fast überall auf Grenzer«. Probleme bereiten aber auch jordanische Langfinger, die in der Hafenstadt Aqaba technisches Gerät erbeuten. Außerdem haben sie zudem offenbar »unser Schietwetter« mitgebracht, mault es aus der Felsenwüste Wadi Rum. Schnee und Hagel – später werden sie sich häufiger nach Abkühlung sehnen.

Überhaupt – Sehnsucht. Auch ohne zugehöriges Gerät navigiert vor allem sie die Allradtour durch knapp zwei Dutzend Nationen. Eine nach Ferne und Abwechslung, nach Ersatzteilen für die permanenten Autopannen und einem Goldesel, der die ständigen Schmiergelder, Abgaben und Fantasiegebühren finanziert. Wichtiger aber ist die Sehnsucht nach Abgeschiedenheit und Trubel, dem Unbewohnten, Unbehausten. Nach Sinneswandel, wie ihn auch jene Handvoll Polizisten erzeugt, die den Bus auf der Reise am Nil entlang begleitet, ihre Kalaschnikows stets im Anschlag. Als würden Waffen Sicherheit suggerieren, in dieser gefährlichen Gegend für Touristen. Auch wenn bald der Sudan droht, das Schlagzeile gewordene Katastrophenszenario.

Ursprünglich sollte der Trip die Westküste entlang führen, durch die WM-Teilnehmer Afrikas hindurch. Bis das Auswärtige Amt warnte. Die Ostroute galt als sicher. Bis auf Sudan eben. »Welch ein Trugschluss«, stellt Maria Pineiro klar, Bernds Freundin, die in Kairo für zehn Wochen zusteigt. Statt das Land wie geplant mit Vollgas zu durchfahren, wenn möglich im Konvoi, am besten ohne auszusteigen, lässt sich die Gruppe ausgerechnet hier Zeit. »Wir haben uns nirgends sicherer gefühlt«, sagt die Deutsch-Portugiesin nach der Heimkehr. Sudans Bevölkerung sei ein Inbegriff der Gastfreundschaft – und fußballbegeistert, für WM-Touristen eine Art Passierschein durch heikle Gebiete. Einzig der zwanzigstündige Grenzübertritt durch den Nasserstausee weiter nach Khartoum ist für Auswärtige so qualvoll wie das islamische Alkoholverbot rings um die Hauptstadt. Von wegen Schnapsidee: »Sudan liegt trocken«, klagt Kay, der seinen 41. Geburtstag Ende Mai abstinent verbringt. »Kein Tropfen aufzutreiben.« Ein Luxusproblem, ohne Frage – und eines, das sich diesseits der äthiopischen Grenze, nach der bürokratischen Routinetortur auf staubigen Posten ohne Computer, aber voller Stempel, in einen bierseligen Rausch am Strand auflöst.

Racism divides, Football unites

So wie all die Vorurteile über das angeblich hungernde, aber herzliche Horn von Afrika. Stattdessen tummelt sich zwischen blühenden Tälern, vielschichtiger Kultur und baulicher Faszination ein eher egoistischer Menschenschlag, wie die drei Fremden berichten. Immerhin versorgt sie ein äthiopischer St. Pauli-Fan mit dem wichtigsten Aufstiegsspiel ihres Clubs im arabischen Fernsehen. Live und in Farbe. Das grenzt nun wieder an ein Wunder.

Racism divides, Football unites, sagen Fans über die völkerverständigende Kraft des Fußballs. Auch deshalb scharen die Weißen mit dem edlen Spielgerät ständig Massen Einheimischer um sich, vor denen in Reiseführern bisweilen gewarnt wird. Selbst der weltläufige Bernd, dem kein Kontinent, kaum ein Land, nichts Exotisches fremd ist, beklagt sein Dasein als längst vollbärtige Sensation, die selbst bei der Notdurft halbe Dörfer anlockt. »Das nervt!«

Doch dafür entschädigt am Ende aufs Neue: die Natur. Wie im Mago-Nationalpark, 500 Meilen unterhalb Addis Abebas. Das Feierabendpils im Sonnenuntergang nach ewigem Offroad-Geschaukel, der Blick über die Savanne, allein mit Flora und Fauna und diesem Fluss, der ihre Reise beinahe beendet und doch bloß eine weitere Verheißung ist. »Zwischen Himmel und Hölle«, meint Kay, »liegt oft nur ein Stück Schotterpiste«. In diesem Fall eine Straße aus Vulkangestein, irgendwo im Nirgendwo Kenias. Der Himmel, das ist heute das Sibiloi Naturreservat am malerischen Turkana-See tief im Osten Afrikas. »Ein weißer Sandstrand, weit und breit keine Menschenseele«, so schildern sie ihr Etappenziel vorab. Dann wird der Traum zum Albtraum.

Stolze 14 Länder haben sie bereits hinter sich und wieder wechselt der Himmel auf Erden zur Hölle wie wenige Tage zuvor, diesmal im Wortsinn: der Motor steht in Flammen, überhitzt von strapaziösen Stunden über unwegsames Terrain bei sengender Hitze, gelöscht unter Einsatz des gesamten Trinkwassers. Drei Getriebene im Angesicht ihres ruinierten Heims auf Rädern – damit lassen sich die Abgründe solch einer Odyssee bestens bebildern. »Fassungslos und ausgebrannt wie der Bus stehen wir da«, berichtet Bernd aus der Einöde fernab jeder Zivilisation. Er überlegt, aufzugeben. Zum ersten Mal. – und zum letzten Mal. Denn Claus, der Münchner mit dem bärenstarken Toyota, auch er auf dem Weg zur WM, schleppt seine Begleiter ab. 750 Kilometer nach Nairobi, zur Hälfte über Buckelpisten, ganz nah am Totalschaden. Ziel: Jungle Junction, unter Globetrottern berühmt, das Schrauber-Paradies eines Exilbayern gerade dort, wo selbst Schrauben Mangelware sind. Sie meistern auch diese Prüfung unter großer Anteilnahme Einheimischer, deren Improvisationstalent, Selbstbehauptungseifer und Stolz so gar nicht passen mag zum Bild kollektiver Abhängigkeit, das nicht nur die Medien hierzulande zeichnen.

Licht am Ende des Tunnels: Ein Kühlschrank voller Bier

Im Sog der WM kolorieren sie es ein wenig anders, immerhin. Und für ein paar Wochen existiert ein Kontinent jenseits von Hunger, Exotik und Krieg. Doch nach dem letzten Abpfiff werden viele zur Tagesordnung übergehen wie 2008, nach den Spielen in Peking. Kay und Bernd und Maria und Claus und all die anderen auf ähnlicher Route, sie dagegen werden noch lange berichten vom vielfältigen Afrika. Richtung Tansania platzt zwar das nächste tragende Teil im sanierten Maschinenraum und das erste Lebenszeichen nach wochenlanger Funkstille lautet: »Kay hat Malaria«. Aber was soll’s: In Nairobi habe man eine nette Werkstatt gefunden, freut sich Bernd, »und einen Kühlschrank voller Bier«. Am Ende des Tunnels brennt immer noch Licht.

Allein das war es wert, erzählt, zurück in Hamburg, Maria Pineiro, die alltags weltweit Windparks plant. Ob ihr Freund und sein Copilot zum Eröffnungsspiel im Stadion sitzen werden? Wer weiß … Dabei ging’s doch exakt darum. Einerseits. Andererseits geht es um so viel mehr. Ein kurzes Gefühl von Wohlstandsverslust etwa, auch um Entbehrungen, Konflikte, Gefahr, Verlorenheit. »Extremsituationen zu meistern, ist wertvoller als jede WM« – das sagt mit Kay Amtenbrink ausgerechnet einer, dessen halbes Leben um Fußball kreist. In vier Jahren will er mit Bernd nach Brasilien. Natürlich. Egal wie. Und vorher? Nun, da wären ja noch die Karten für fünf Spiele in Kapstadt, dort, wo seine Schwester lebt. Für Fußballverrückte ist das Ziel eben doch noch ein wenig mehr als der Weg.

Der Text ist 2010 in mehreren Tageszeitungen erschienen


ZDFneo: Nischensender mit Niveau

555px-ZDFneo.svgFernsehverweigererfernsehen

ZDFneo ist Deutschlands bester Sender, so gut, dass ihn fast keiner sehen will. Deshalb ging die neue Chefin vor genau einem Jahr auf Werbetour. Die Botschaft: Zwischen Pest und Cholera ist noch Platz. Das Resultat: Das Programm ist besser denn je, die Quote so niedrig wie immer.

Von Jan Freitag

Gutes Fernsehen ist manchmal wie ein kluger Mensch mit Marotten: Ein bisschen skurril, ein bisschen gewöhnlich, bisweilen schwer erträglich, meist aber sehr interessant, also kaum auszurechnen. Eine Wundertüte. ZDFneo zum Beispiel ist bei aller Klugheit voller Marotten und gerade deshalb so gut. Der digitale Ableger des Zweiten Programms zeigt Dokus für die breite Masse wie Terra X und Reportagen aus dem Abseits wie Wild Germany. Er kocht Abgehangenes wie Lafer, Lichter, Lecker! auf und bereitet Frisches zu wie Das Kneipenquiz. Er sendet Seniles wie Die Wicherts von nebenan als letztes und Sensationelles wie Mad Men als erstes. Er ist in einem Wort: Widersprüchlich.

Das schreit förmlich nach einer widersprüchlichen Senderchefin. Nach Simone Emmelius. Distinguiert ist sie und promoviert, zugleich jedoch goldbehangen und grell geschminkt. Trotz ihrer 54 Jahre wirkt sie blutjung, kann allerdings auch steinalt erscheinen in ihrer öffentlich-rechtlichen Gremienerfahrung. Das qualifiziert sie für kaum etwas besser als den jugendlichen Ableger des Greisenfernsehens aus Mainz. Ihn zu erklären fällt allerdings nicht grad leicht. Sabine Emmlius versucht es trotzdem. ZDFneo sei eine „öffentlich-rechtliche Programmalternative für 25- bis 49-Jährige“, die man mit allem „außer Trash und Langeweile unterhalten, verblüffen, informieren“ wolle.

Und in der Tat: Seit dem Start am 1. November 2009 hat sich der Spartenkanal reichlich Respekt erarbeitet. Schließlich ist ZDFneo gemeinsam mit seiner digitalen Schwester ZDFkultur nicht nur das Beste, was derzeit frei empfangbar ist, es ist erfüllter Staatsauftrag pur: relevant, lehrreich, spannend. Sehenswert. Umso erstaunlicher, dass Emmelius drei Monate nach Amtsantritt eigens nach Hamburg reist, um der Medienstadt mal den Stellenwert ihres Arbeitgebers darzulegen. ZDFneo mag nämlich noch so tolles Fernsehen liefern – sehen will die Jugendsektion im Mainzer Altenheim kaum jemand. „Es werden mehr“, beteuert die Literaturwissenschaftlerin. Aber was ist schon ein halbes Prozent im Gesamtmarkt, was sind 0,9 im digitalen? Praktisch nichts.

Und eine Menge. Denn der studierten Volkswirtin Simone Emmelius geht es gar nicht so sehr ums Geschäft, sondern um „Köpfe, Formate, Genres“. Um unbekannte Gesichter wie den Sieger des TVLabs Teddy Teclebrhan oder das MTV-Gewächs Palina Rojinksi, aber auch bekanntere wie Benjamin von Stuckrat-Barre. Mit Perlen wie der Lebenssinnsendung Herr Eppert sucht…oder Manuel Möglichs Reportagereihe Wild Germany. In Genres, die es durchaus schon gab, nur eben nicht so. Dennoch: Um 30 Millionen Euro Jahresetat zu rechtfertigen, muss ZDFneo Masse sein und Nische, beides in einem und nichts zu sehr. Übertriebene Vergleichbarkeit mit dem Zweiten, präzisiert Simone Emmelius, „wäre die Pest“, überzogene Abstraktion „die Cholera“. Um den Altersschnitt der Zuschauer unter die magischen 49 zu drücken, will man von der Zentrale „eine gewisse Mainstreamigkeit“ lernen. Mit dem Strom fließen will man nicht.

Dieses Dilemma hat sogar einen Namen, besser zwei: Joko & Klaas. Mit Turnschuh, Schlips und Schlagfertigkeit sind die Herren Winterscheid und Heufer-Umlauf echte Aushängeschilder. Es sind aber auch große Jungs mit entsprechenden Manieren, die sich vornehmlich beim Plastikkanal ProSieben austoben. Simone Emmelius fühlt sich dennoch „im Reinen mit den beiden“. Ihr Hybrid aus albernem Abistreich und echter Late-Night neoParadise sorgte schließlich bis Anfang des Jahres – bevor es bei die Kommerkonkurrenz als Cirkus Halli Galli schlecht kopierte – für Strahlkraft ins Privatpublikum, also für Youtube-Klicks und Mediathek-Zugriffe.

Das wäre die frische Seite. Auf der abgehangenen werden schon mal die Altlasten des Hauptsenders versendet, derzeit die letzten Folgen der Telenovela „Spuren im Sand“, kürzlich das reanimierte Rateshowrelikt Die Pyramide. Ganz abgesehen von SOKO, Die 2, solchen Sachen. All dies wird indes durch neue Zutaten im Fernsehallerlei angereichert. Das Kneipenquiz etwa mit dem Dittsche-Sidekick Jon Flemming Olsen, eine englische Adaption, aber eine gute. Wie Sarah Kuttners Magazin Bambule, ein bisschen wie Polylux, nur besser.

Sein Medium neu erfinden, das weiß auch Simone Emmelius, kann selbst ZDFneo nicht. Aber mit Leben füllen. Dafür  begibt sich die Reportagereihe German Angst auf die Spur hiesiger Befindlichkeiten und das Wissensformat Wie werde ich… auf die der beruflichen Träume. Es gibt reihenweise grandiose Importe jenseits des Mainstreams, zurzeit etwa Lena Dunhams gefeierte US-Serie Girls, die sich gängigen Dramaturgie- und Schönheitsidealen ebenso widersetzt wie die grandiosen Antisuperhelden Misfits. Es gibt eine Dokusoap namens Junior Docs übers harte Leben Hamburger Assistenzärzte, sogar eine eigene Familienserie ist geplant, Tendenz Sitcom. Was tut man nicht alles für ein Prozent Marktanteil.


Götz George, Hamburg 2011/13

535px-Götz_George,_ROMY_2009Ich war als Kind schon renitent

Wird der auch mal älter? Ja, gestern, 75 Jahre alt. Götz George bei einem seiner Lebenswerkpreise. Foto: Manfred Werner/Tsui

Manche Schauspieler sind so groß, so unantastbar und übermächtig, dass sie sogar ihren eigenen Vater spielen können, ohne anbiedernd zu wirken. Einer davon ist Götz George, den die ARD heute zu seinem gestrigen 75. Geburtstag damit ehrt, seinen umstrittenen Vater Heinrich darzustellen (George, 21.45 Uhr). Aus diesem Anlass, und um einen der besten lebenden Schauspieler deutscher Sprache zu ehren, ist hier ein Interview mit Götz George aus dem Jahr 2011.

freitagsmedien: Herr George, Ihre Rollen sind seit jeher gern kratzbürstig, mittlerweile aber spielen sie immer häufiger Charakere wie halsstarrige Witwer und verbohrte Umweltaktivisten. Entdecken Sie solche Züge im Alter auch an sich selbst?

Götz George: Eher nicht, denn ich werde mit dem Alter immer ruhiger und gelassener. Milder, wenn man so will. Aber ich bin ja durch meinen Beruf auch gesegnet, der mir die Möglichkeit gibt, Dutzende von Leben zu durchleben. Das Altern fällt womöglich leichter, wenn man seine Untiefen schon mal spielerisch durchspielen, also proben konnte. Das steht man schon ein wenig auf der Sonnenseite.

Die aber auch nicht mehr so hell strahlt wie früher.

In der Tat. Die Anforderungen an die Schauspielerei sind heute ungleich extremer. Zu meiner Zeit wurde ich noch behutsam an den Beruf herangeführt. Die Branche ließ mir alle Zeit der Welt, mich zu entwickeln. Ich musste auch nicht unter Hochdruck Geld verdienen und auf Teufel komm’ heraus jede Rolle annehmen, um für schlechte Zeiten gerüstet zu sein. Während junge Kollegen jetzt also von Beginn an viel zu kämpfen haben, bin ich nach 60 Jahren im Geschäft zutiefst gelassen. So gelassen, dass ich mir mittlerweile sogar eingestehen kann: Eigentlich brauche ich diesen Beruf gar nicht mehr.

Kündigen Sie gerade den Rücktritt an?

Nein, ich sehe seiner Möglichkeit nur mit größter Entspannung entgegen. Und ich muss nicht mehr alles spielen, ich will vor allem nicht abblättern wie alte Farbe und durch Filme tingeln, die mir nicht gefallen. Wenn mir eine Krankheit oder andere Unglücksfälle die Berufstauglichkeit nehmen würden, wäre ich nicht vor den Kopf gestoßen, sondern könnte es mit Langmut annehmen. Da hilft mir sicher, dass ich mein Leben lang Fatalist war; ich habe nie sonderlich am Leben gehangen, sonst wäre ich pfleglicher mit mir umgegangen. Ich habe in allen Lebenslagen extreme Dinge mit mir angestellt und es ist nie was Schlimmeres passiert. Tiefschläge haben mich nie aus der Bahn geworfen, sie haben mich nicht verwandelt, sondern gefestigt.

Sie sind schicksalsgläubig?

Ganz stark sogar, aber das ist keineswegs religiös fundiert. Ich bin ja nicht mal konfirmiert (lacht). Ich denke nur – wenn man Gutes tut, kommt Gutes zurück, eine Art selbst bestimmtes Schicksal.

Klingt da nicht doch ein buddhistischer Ansatz durch?

Überhaupt nicht, dazu fehlt mir der Glaube. Aber diese Philosophie hat allzu großen Höhenflügen ebenso vorgebeugt wie allzu tiefen Abstürzen. Ich stand ja schon öfter auf der Kippe, nach Unfällen, nach Operationen – aber es hat nie Trauer darüber eingesetzt, weil ich mir stets vor Augen gehalten habe, dass es auch gute Tage gab und wieder gute kommen werden.

Was bringt Sie dennoch aus dieser Ruhehaltung?

Intrigen und Denunziation. Da bin ich ein Elefant, das vergesse ich nie und reagiere durchaus mal hart. Wenn auch nicht mehr so ungehalten wie früher manchmal. Aus dem Heißsporn von einst ist ein Diplomat geworden. Dabei gäbe es genügend Gründe, aus der Haut zu fahren, denn Verlogenheit und Verrat sind groß in Mode und Zivilcourage am Aussterben. Das ist vielen einfach zu anstrengend.

Glauben Sie da noch an das Gute im Menschen?

(lacht) Tja, die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen führt immerhin zu einem neuen, geläuterten, sensibleren Denken. Aber Philanthropie fällt mir zusehends schwer. Die Raffer sind eben in der Mehrzahl und werden dabei doch nicht glücklich. Schauen Sie mal nach Afrika, wo die Menschen noch im Elend herzlicher lachen als wir im Überfluss. Wer sich heutzutage schlecht fühlt, dem sage ich gerade gern: Leute, schaut auf Japan, das rastet einen schnell wieder ein. Die dortige Demut gegenüber den Gegebenheiten fehlt uns in Europa völlig.

Wir denken zu viel?

Wir kommen aus dem Denken gar nicht mehr raus!

Zumindest diejenigen, denen es nicht so gut geht.

Ich weiß, es ist leicht, das aus einer Situation wie meiner heraus zu sagen, in der alles gut läuft und die Sorgen überschaubar sind. Das macht es aber nicht weniger richtig. Denken hilft nicht immer, manchmal muss man einfach fühlen. So wie Theo Winter auch erst gütiger wird, als er plötzlich allein ist. Da trägt er es sogar mit Fassung, dass sein Sohn sich als schwul outet. Ohne die Überwindung seiner Einsamkeit wäre ihm das kaum gelungen.

Kennen Sie das – Einsamkeit?

Nein. Ich bin gern alleine, das ist meine große Qualität. In der Abgeschiedenheit auf Sardinien kann man sich aufs Wesentliche konzentrieren und findet zu sich selbst. Aber es kommt leicht zu Alibihandlungen: Hier noch das von da nach da räumen, da das Bäumchen stutzen, noch mal und noch mal. Bis nichts mehr zum Stutzen übrig bleibt. Du musst dich beschäftigen.

Klingt nach einem Seniorenleben.

Dafür steckt noch zuviel Arbeit drin. Ich hab immer drei Drehbücher auf dem Tisch, das Lernen hört nie auf. Weil ich morgens oder abends arbeite, muss ich nur schauen, wie ich die Tage rumkriege. Aber mit 71 darf ich ja wohl Senior sein.

Stärkt die Erfahrung, die dahinter steckt, Ihren Einfluss bei der Arbeit?

Ich bin jedenfalls einer, der immer Einfluss nimmt.

Und erhört wird?

Zunehmend.

Hat das mit Respekt vor dem Alter selbst zu tun?

Im Gegenteil, dem Alter bezeugt man zunehmend weniger davon. Als ich jung war, hatte man den Alteingesessenen zu glauben, deshalb war meine Frechheit, die Renitenz damals so ungewohnt für sie. Pflegeleicht zu sein, galt ja als Garant für Weiterbeschäftigung. Egal, wie alt der Regisseur war.

Heute könnten manche von denen ihr Enkel sein.

Aber deshalb haben die jetzt keine besondere Ehrfurcht vor mir. Regisseur ist ein diktatorischer Beruf. Für fünf Wochen dürfen einige von ihnen all das rauslassen, was sie zuhause bei Frau und Kind nicht dürfen. Hier sind sie mal der Chef und machen große Fässer auf, sperren Straßen ab, schreiben rum. Denen muss man auf die Schulter klopfen und sagen, pass mal auf: Wir haben bislang noch keinen Erfolg, nicht mal Quote, also mal ganz langsam bitte! Bescheidenheit ist doch eine Zier… Dieser Beruf ist immer eitler geworden, voller Stars oder solcher, die sich dafür halten. Das macht diese Vorsilbenflut: Alles Mega, Super, Genial und Titan.

Beklagen Sie grad die Verrohung der Sprache insgesamt?

Nein, die Verrohung der Bewertungskriterien für Qualität. Mein Vater wurde mal genialisch genannt, das war das absolut Größte und trotzdem irgendwie am Boden. Heute würde man ihn wahrscheinlich turbomäßig geil nennen. Das Mittelmaß wird immer größer, ist  aber dauerpräsent. Große Schauspieler machen sich rar.

Was Sie selber gar nicht tun, ihre Filmliste ist endlos.

Ich habe immer gearbeitet, weil das mein Beruf ist, aber nie das gespielt, was mir widerstrebte. Andererseits habe ich in jungen Jahren gar nicht verstanden, woher die Nachfrage kam; ich fand mich nicht sonderlich schön oder begabt. Und die Karl-May-Filme finde ich im Nachhinein naiv. Fürchterlich!

Aber spaßig zu spielen.

Absolut. Und toll besetzt. Aber totales Kindertheater.

Vor gut zehn Jahren haben Sie den ersten Preis fürs Lebenswerk erhalten. Fühlten Sie sich da Jopi Heesters nahe oder doch geehrt?

Weder noch (lacht). Älter wurde ich dadurch ja nicht und Preise haben mir nie viel bedeutet. Auch beim deutschen Fernsehpreis stellte sich nach drei Stunden Zeremoniell ein Trauermoment ein: Eigentlich geht’s gar nicht um mich, es geht um euch!

Kein Anflug von Sentimentalität?

Es gab diesen kurzen Moment, aber er ist der Verwunderung gewichen, dass die Leute minutenlang applaudiert haben, obwohl ich nichts von mir preisgebe, bis heute nicht. Da merkte ich: Es funktioniert! Man kann gemocht werden, ohne es darauf anzulegen.

Dennoch haben Sie sich den Ruf erarbeitet, ein schwieriger Typ zu sein, unberechenbar, im Interview zuweilen kompliziert.

Ach, meine Kollegen finden mich gar nicht schwierig, dort denkt man einfach, ich liebe meinen Beruf und bringe mich darin ein. Schwierigkeit ist auf einer anderen Ebene für gute Schauspieler bedeutsam: So wie gute Maler oder Musiker wollen sie nicht anderen das Leben schwer machen, sondern sich selbst. Wir stehen uns oft selbst im Weg, weil wir uns über alles einen Kopf machen und dabei die Messlatte zu hoch oder zu niedrig legen. Trotzdem wollen manche Schauspieler ja geradezu als schwierig gelten.

Um Anspruch zu suggerieren.

Vielleicht. Aber dafür bin ich ein viel zu sinnlicher Mensch. Wer in meinem Beruf zu anderen schwierig ist, versaut die Atmosphäre wie saurer Regen den Boden. Beim Drehen muss die Atomsphäre ganz locker, angenehm, geliebt sein. Sonst entfernt sich die Rolle von ihrem Ziel.

Klingt fast harmoniesüchtig.

Am Set bin ich das auch. Notgedrungen. Mit bloßem Druck erreicht man nichts; wenn man uns Schauspieler zu sehr verunsichert, brechen wir zusammen. Deshalb mögen allzu fordernde Regisseure das Letzte aus einem rausholen, aber wenn man beim Zubettgehen nur ’Arschloch!’ denkt, ist dem Film nicht gedient. Bei einem wie Dominik Graf zum Beispiel wird man sicher permanent gefordert, aber er gibt einem zugleich unablässig das Gefühl, dich zu lieben.

Echte, hingebungsvolle Liebe?

Ja, und zwar zu seinem Beruf, zu seinem Film, zu seinem Ziel und dadurch mittelbar auch zu mir. Du musst nicht der Quote hörig sein, sondern dem Beruf. Dann darf man seine Darsteller auch mal liebevoll quälen.

So wie bei Werner Herzog und Klaus Kinski?

Da überwog die Qual. Und das sieht man daran, dass ich noch keinen Film der beiden durchgestanden habe. Konfrontation macht verkrampft und niemand war verkrampfter als dieser Egomane Kinski.

Sieht man einem Film an, ob es beim Entstehen harmonisch zuging?

Durchaus, aber es geht nicht um Harmonie, es geht um Zielstrebigkeit. Man muss eine Vorstellung von der Idee hinter dem Buch und der Umsetzung gewinnen. Es gibt Schauspieler, die man dahin quälen muss, kreativ zu werden. Solche, die von sich aus kreativ sind, lässt man laufen. Filmemachen ist ein Tasten, ein Geben und Nehmen. Aber auf freundschaftlicher Basis.

Brauchen junge Schauspieler da mehr Führung als alte wie Sie?

Mag sein, aber ich war als Kind schon renitent, ich habe von klein auf opponiert. Man musste mich stets bremsen, so ein Heißsporn war ich. Schon zu einer Zeit, als mir die nötige Erfahrung und Kenntnis dazu eigentlich noch fehlte, sagte ich oft, das könne man so nicht spielen.

Hat Ihnen das den Karrierestart erschwert?

Irrsinnig! Ich wusste ja noch gar nicht, wo meine Stärken liegen, aber meine Kreativität hat mir suggeriert, alles zu können, alles zu wissen. Das ist eine Charaktereigenschaft. Schon zuhause musste ich immer eingreifen. Ob jemand ein Bild aufhängen wollte, ein Konzept erstellen musste oder nicht weiter wusste – ich wollte es ihm abnehmen. Das war zwar eine Form der Hilfsbereitschaft, aber auch grenzenlose Selbstüberschätzung. Andererseits führte genau die dazu, dass mir viele Regisseure schon frühzeitig zuhörten. Ich war frech und mutig, das kannten die damals nicht und hat mich zu großer Eigenständigkeit erzogen. Aber eben auch eingeschüchtert, wenn der Zuspruch ausblieb. Heute weiß ich dieses Wechselspiel zwischen Regisseur und Schauspieler besser zu lesen.

Ist dieser Austausch modern?

Nee, heute wird ja gar nicht mehr diskutiert. Dazu fehlen die Zeit und das Geld. Dabei lautet mein Motto: Ein Film entsteht beim Drehen, durch Interpretation, durch Nachdenken. Ich bin jemand, der immer Einfluss nimmt.

Und erhört wird?

Zunehmend.