Das Ende diverser Epochen zählt mittlerweile fast zum Alltag der Medien – schließlich steht die alte, auf Papier gedruckte, geldwerte Presse insgesamt zur Disposition. Print? Totgeweiht! Tageszeitung? Totgeweiht! Journalismus? Totgeweiht! Da überrascht es dann gar nicht mehr so sehr, wenn ein Magazin aus der bislang letzten Boomphase des Metiers abschmiert: Die Neon. Nach der Dotcom-Blase als Begleitheft philanthropischer Dotcomblasen-Bläser gegründet, verbuchte es während der Lehman-Pleite Rekordauflagen, die sich seit der Staatenkrise auf mittlerweile 60.000 Hefte geviertelt haben. Nun also wandert der einstige Trendsetter ins Internet ab und hinterlässt die nächste Alterskohorte ohne sinnstiftendes Druckerzeugnis.
Das ist allein deshalb schon bedeutsam, da investigativer Publizismus beharrlich auf zermanschtem Holz zu lesen ist. Davon zeugen nicht zuletzt die Pulitzer-Preise für New York Times oder Washington Post. Ihre Arbeit hat sowohl den Missbrauchsfall von Harvey Weinstein aufgedeckt und damit die #MeToo-Debatte entfacht, als auch die Einmischung Russlands in den Präsidentschaftswahlkampf der USA entlarvt – was den Sieg von Donald Trump bis heute juristisch anfechtbar machen könnte. Kein Wunder, dass er sich mit Glückwünschen für seine Lieblingsgegner bislang zurückhielt. Sind ja bekanntlich alles bloß Fake Media…
Für die hält Österreichs amtierende Regierungspartei FPÖ bekanntlich auch den öffentlich-rechtlichen Sender ORF. Zurzeit kritisiert sie etwa Einseitigkeit in der Berichterstattung über den Wahlsieg des, hüstel, lupenreinen Demokraten Viktor Orbán in Ungarn und fordert wie so oft die ersatzlose Streichung voreingenommener Korrespondenten. Qualitätsoffensive durch Personalkürzung – das widerspricht schon ein wenig jenem „gesunden Menschenverstand“, zu dem der parlamentarische AfD-Rottweiler Beatrix von Storch den einst irgendwie journalistisch tätigen Geistesbruder Matthias Matussek auf ihrem Haus- und Hetzkanal interviewt hat.
Die Frischwoche
16. – 22. April
Ist es nun unsererseits populistisch, vom verbalen Brechdurchfall wenigstens latent antisemitischer Rechtspopulisten auf Artes Themenabend zu Israels 70. Geburtstag am Dienstag überzuleiten? Vielleicht. Aber egal! In Mein gelobtes Land werden fünf Stunden lang alle Seiten des Zionismus beleuchtet – von der Staatsgründung über den Mossad und Tel Aviv bis hin zu Ben Gurions Vermächtnis“ um 0.35 Uhr. Passenderweise zeigt der Kulturkanal tags drauf Der Staat gegen Fritz Bauer um einen Staatsanwalt, der im durchfallbraunen Nachkriegsdeutschland den Skandal unbehelligter SS-Größen aufdeckte und dafür von ganz oben bekämpft wurde.
Dummerweise läuft das beeindruckende Porträt mit Burghart Klaußner als Frankfurter Staatsanwalt parallel zu Bayern Münchnes Champions-League-Halbfinale gegen Real Madrid – eine Gebührengeldvergeudung, die die ARD gottlob zum letzten Mal dazu nötigt, als Mittwochsfilm nur eine Wiederholung zu zeigen (Ein Atem). Niemals verschieben würde das Erste seinerseits die Freitagsschnulze. Nicht mal dann, wenn zugleich der Deutsche Filmpreis 2018 verliehen wird, was dann eben erst um 22 Uhr als Aufzeichnung läuft, weil vorher noch irgendein Mumpitz namens Billy Kuckuck beendet sein muss.
Tags drauf läuft dann vorab ein Biopic auf Arte, mit dem das ZDF Mario Adorf am 2. Mai um 20.15 Uhr einen Herzenswunsch erfüllt. Der 87-Jährige spielt (endlich!) Karl Marx, zumindest den alten. Den betagten Pablo Picasso hingegen spielt kein Geringerer als Antonio Banderas. Nach dem weltweit erfolgreichen Zehnteiler Genius: Einstein! porträtiert National Geographic ab Dienstag zeitgleich in 171 Ländern den wohl berühmtesten Maler in einer opulenten Dramaserie: Genius: Picasso! Mindestens ebenso opulent, aber weitaus fiktiver ist die dritte Staffel des Renaissance-Blockbuster Borgia, den Sky ab Sonntag erstmals in deutscher Sprache zeigt.
Auf irgendwie ganz andere Art und Weise wuchtig ist indes ein Doku-Dreiteiler, den ZDFinfo am Abend zuvor ab 20.15 Uhr am Stück zeigt: Rockerkrieg – die verstörende Milieustudie aus dem Reich der organisierten Kriminalität. Zur Entspannung taugen da am besten die Wiederholungen der Woche. Heute etwa um 20.15 Uhr in Schwarzweiß auf Arte: Ein Platz an der Sonne, das sechsfach oscarprämierte Melodram von 1951 mit Montgomery Clift als Glücksritter, den die Ehe mit der reichen Erbin Angela (Elizabeth Taylor) vorwärts bringen soll. Kurz darauf (23.10 Uhr, MDR; auch am Sonntag, 23.35 Uhr, SWR) dechiffriert Benedict Cumberbatch in The Imitation Game von 2014 die berühmte Dechiffriermaschine der Nazis namens Enigma. Gruselig wird es Dienstag (20.15) auf Tele5, wo sich Nicole Kidman und ihre Kinder im Bann von The Others befinden, die ein altes Landhaus besetzen, gefolgt von Quentin Tarantinos Regiedebüt Reservoir Dogs von 1991. Und der Tatort-Tipp: Die Feigheit des Löwen (Donnerstag, 20.15, WDR) zum Thema Flüchtlinge, sorgsam bearbeitet vom ARD-Empathie-Beauftragen Wotan Wilke Möhring alias Kommissar Falk.
Den Soul im Pop zu bewahren, ohne dabei seifig, saftig, süffig daher zu kommen, ist eine der schwierigsten Disziplinen zeitgenössischer Musik. Der Black-Keys-Sänger Dan Auerbach hat das vor drei Jahren mit einem bewegend swingenden Soloalbum geschafft. Auch Bon Iver ist ein Meister der Technik, Folk mit Hilfe der Stimme allein funky klingen zu lassen und umgekehrt. Nun zeigt eine Band aus – mal wieder – Wien, wie das Falsett einer melancholischen Stimme die wavige Elektronik darunter zu Schwingen bringen kann: Hearts Hearts. Postomodern namensgedoppelt wie einst Guru Guru, später GusGus, zuletzt Guaia Guaia zelebriert das Quartett einen Sound, der zerbrechlich und doch standhaft wirkt.
Verantwortlich dafür ist vor allem David Österle. Sein glockenklarer Gesang flattert scheinbar hilflos unter die analog-digitale Mischung von Daniel Hämmerle (Gitarre), Johannes Mandorfer (Schlagzeug) und Peter Paul Aufreiter (Elektronik) hindurch, gibt ihr jedoch auch auf dem neuen, zweiten Album gleichermaßen Halt und Struktur. In seiner Zerbrechlichkeit beginnen die elf Stücke trotz allem Pathos förmlich zu schimmern, die Video-Auskopplung Phantom / Island gerät dabei geradezu dynamisch. Das Wesen von Goods / Gods bleibt allerdings die feine Klangkaskade, deren Soul versteckt, doch unüberhörbar ist. Seelenpop für Grenzgänger!
Hearts Hearts – Goods / Gods (Tomlab)
Wolfgang Müller
Mit dem Alter, Jugendlichen erscheint das meist rätselhaft, sehnt sich der (deutsche) Mensch nach Obhut, Frieden, etwas Ruhe. „In einem Meer aus Hass / wo sich die Wellen verbeißen“, singt Wolfgang Müller ein paar Jahre jenseits der 40 auf seinem neuen Album, fragt, „sag was ist da / die sicherste Art zu reisen?“ und antwortet flugs selber. Musikalisch gewärmt von einem Heizkissen aus Gitarren, Streichern, gar einer plätschernden Querflöte steckt er sich lieber Blumen ins Haar als Trolle zu füttern und ist „endlich nicht mehr dagegen / ich bin nur noch dafür“. Die Reaktion multimedienmüder Fortysomethings aufs Hamsterrad unserer Zeit klingt seltsam artig, sittsam, fast brav.
Wenn sich der hessische Hamburger mit seiner leicht kratzigen, aber erstaunlich jungen Stimme durch die Lebensbrüche seiner Alterskohorte reimt, die unterm gleichen Titel auch in luftig leichte Romanprosa gegossen hat, könnte es daher schon dank einiger Saxofon-Peitschen rückwärtsgewandt wirken, also leicht welk. Doch atmosphärisch zwischen Moritz Krämer und Tom Liwa schrammt seine Alltagslyrik oft elegant und lebensklug am Kitsch vorbei. Die sicherste Art zu reisen ist daher gewiss nicht die aufregendste, aber kultivierteste des erwachenden Frühlings.
Wolfgang Müller – Die sicherste Art zu reisen (Fressmann)
Malakoff Kowalski
Ach, was ist die Moderne doch laut und hektisch und viel zu voll von allem. Überall Sound, nirgendwo Pausen, dauernd herrscht dieses Grundrauschen als sei der Platz für Stille restlos belegt. Ungefähr so muss sich offenbar auch Malakoff Kowalski gefühlt haben, als er sein viertes Album in Angriff nahm, der eigentlich eher ein Rückzug ist. Reduzierter noch als beim wunderbaren Vorgänger I Love You, auf dem der Hamburger mit Wohnsitz Berlin vor gut drei Jahren Richtung Nostalgie abdrehte, löst sich My First Piano nun förmlich in Luft auf. Besser: einen Windhauch. Weitestgehend allein mit sich und seinem Klavier bläst Aram Pirmoradi, wie ihn seine persischen Eltern 1979 in Boston genannt haben, Partituren in den Himmel, als sei er eine Leinwand und die Erde das Kino.
Struktur zu erkennen, wäre da gewiss die Sache fachkundiger Klassik-Hörer. Für uns Laien mit Popappeal bleibt dagegen das Gefühl, man lausche dem Soundtrack eines Roadmovies in Zeitlupe, dessen Protagonist mal – wie im Titeltrack – melodramatischer Stimmung ist, mal – wie im anschließenden Is It Spring – den Aufbruch wagt, aber stets tief in sich ruht. Ein Album für die Leerstellen des Lebens selbst dort, wo längst schon keine mehr sind. Die Platte zum Runterkommen.
Malakoff Kowalski – My First Piano (MPS/Music Produktion Schwarzwald)
Wenn der deutsche Weltstar Daniel Brühl ab heute auf Netflix The Alienist ist, sucht sein Nervenarzt Lazlo Kreizler (Foto: Netflix) im menschlichen und stofflichen Morast des New York von 1896 nicht nur einen Kindermörder, sondern sich selbst. Das ist zwar gelegentlich Effekthascherei, aber sehr unterhaltsam und spannend.
Von Jan Freitag
Historytainment ist schon lang nichts mehr für schwache Mägen. Wird die Welt vorm Siegeszug der Menschlichkeit Mitte des vorigen Jahrhunderts verfilmt, starrt das Fernsehbild meist vor Dreck, Gewalt, vor Grauen und Tod, der möglichst grausam eingetreten sein sollte. Auch der feminin gekleidete Stricher im neuen Netfix-Produkt The Alienst wurde daher nicht nur umgebracht, sondern ausgeweidet. Und die Kamera zoomt fast genüsslich durchs leere Loch der kindlichen Augenhöhle ins New York des Jahres 1896, eine Arte Vorhölle der Zivilisation – zumindest in der Fernsehunterhaltung.
Die Bestseller-Verfilmung des belgischen Regisseurs Jakob Verbruggen (Black Mirror) entführt uns demnach an einen Schauplatz, der nur noch im Groschenroman oder ZDF-Melodram romantisch sein darf. Hier jedoch leidet das Fin de Siècle und stinkt, es lärmt und blutet aus jedem Morast, der sich Straße schimpft. Statt Recht herrscht Gewalt, statt Ordnung Korruption. Nach dem Leichenfund arbeitet daher nicht die mafiöse Polizei an der Klärung des Mordes, sondern Lazlo Kreizler. Ein Nervenarzt, der wegen seiner Suche nach dem entfremdeten Geist Wahnsinniger auf Englisch einst „Alienist“ genannt wurde. „Heute würde man ihn als Kriminalpsychologen bezeichnen“, beschreibt der deutsche Weltbürger Daniel Brühl seine bislang größte Rolle auf dem globalen Parkett.
Bald 25 Jahre nach seinem ungelernten Karrierestart in der ARD-Telenovela Verbotene Liebe, dem 2001 der preisgekrönte Durchbruch als schizophrener Student in Das weiße Rauschen folgte, ist das der nächste Schritt zum Superstar. Dabei war der 39-Jährige – geboren in Barcelona, aufgewachsen in Köln, großgeworden in Berlin – schon mit 22 international tätig. Drei Jahre vor Good Bye Lenin (2003) drehte er fürs Teenagerdrama Deeply an der Seite von Kirsten Dunst auf Englisch. Es folgten Geschichtsepen (Salvador), Liebeskomödien (2 Tage in Paris), Actionbombast (The Bourne Ultimatum), bevor ihn sein Fliegerheld in Quentin Tarantinos Inglorious Basterds endgültig nach Hollywood katapultierte, wo er mal mehr (Rush), mal weniger tiefgründiges (Captain America) Popkornentertainment macht und zuletzt im Politthriller Colonia Dignidad glänzte.
Im neuen Kino Serie aber ist The Alienist nochmals eine Stufe bergan – auch weil er weit weniger heroisch ist, als es scheint. Brühls Lazlo Kreizler ist ein zutiefst diffuser, spürbar seelenwunder, äußerst eindringlicher Charakter, dem im Kampf gegen das Böse mit oder ohne Uniform nur zwei Verbündete beistehen: Der Presseillustrator John Moore (Luke Evans) und die Polizeisekretärin Sara Howard (Dakota Fanning), deren Boss kein Geringerer als der spätere US-Präsident Theodore Roosevelt ist und schwer am unaufdringlichen Feminismus der Frau im Männerberuf zu tragen hat. Je tiefer das Trio nun in den bizarren Fall eines Serienkillers eintaucht und je weniger die Staatsmacht dagegen tut, desto mehr wird besonders Brühls Figur vom Beobachter zum Beteiligten.
„Weil er in seinem Leben viel Schmerz erlitten hat“, meint dessen Darsteller, „versteht man besser, warum Kreizler so besessen davon ist, den Killer zu finden“. Diese oft rauschhafte, mitfühlende Verbissenheit spielt Daniel Brühl mit der glaubhaften Arroganz eines Wissenschaftlers, der sich noch vorm Siegeszug von Freuds Psychoanalyse ins Innerste menschlicher Seelen wagt. Was genau ihn antreibt, bleibt zwar wie vielen der Protagonisten knapp unter der Oberfläche; die aber ist von einer Detailverliebtheit, der man gelegentliche Effekthascherei gern nachsieht. Huschende Schatten sind geräuschvoll und Gangsterblicke verschlagen, Tote werden nur nachts exhumiert, wobei es das Tageslicht sowieso nur in die Stadt schafft, wenn es durchs Kellerfenster in die Irrenanstalt dringt, während vor der Tür nicht nur dauermorbide Stimmung, sondern ewig mieses Wetter herrscht.
Gut, das sind nun mal die Regeln des Genres. Und dramaturgisch hat die aufgeblasene Historienästhetik ohnehin Gründe. Im hygienisch-juristisch-sozialen Desaster von „Charité“ über The Knick bis Babylon Berlin darf sich das Publikum anders als bei der vormodernen Wanderhure nämlich seiner eigenen Behaglichkeit versichern; zugleich jedoch erfährt es mit etwas Grusel, wie dünn der zivilisatorische Firnis sein kann, wenn selbst New York nur 122 Jahre zuvor ein solches Höllenloch war. Daniel Brühl bewegt sich darin mit einer Souveränität, die nicht nur am beeindruckenden Englisch des Sprachtalents liegt; es ist seine Aura zwischen wehrhaft und sensibel, nüchtern und zornig, die der „Einkreisung“, wie der Mix aus Jack the Ripper und Gangs of New York hierzulande heißt, ihren Stempel aufdrückt. Ein ziemlich unterhaltsamer. Zumindest für stabile Mägen.
Das Böse war ganz artig, Anfang voriger Woche. Im weißen Hemd zur blauen Krawatte saß Mark Zuckerberg vorm US-Kongress, lächelte meistens scheu und gab sich ganz als Mamis Liebling mit Tischmanieren. Facebook sei eine idealistische, optimistische Firma, um „Menschen miteinander zu verbinden“, beteuerte der Chef des sozialen Netzwerks und gab zu, „dass wir nicht genug dagegen getan haben, um den Missbrauch dieser Werkzeuge zu verhindern“. Das klingt angesichts Milliarden verscherbelter, veruntreuter, versickerter Datensätze seiner Kundschaft, die er zwar willfährig mit rechtsextremem Hass mästet, aber um Gottes Willen bloß nicht mit Brustwarzen oder Schamhaaren, ein bisschen wohlfeil, aber hey – der Aktienkurs schoss sogleich in die Höhe.
Vielleicht ja auch, weil sich die Abgeordneten und Senatoren von einer analogen Unkenntnis zeigten, gegen die Oma Krause aus Oer-Erkenschwick wie ein digital native wirkt. Von daher kann man nur hoffen, dass Mark Zuckerberg wegen diverser Manipulationen im Zusammenhang mit Brexit und Wahlen vors Europaparlament geladen wird, wo erfahrungsgemäß etwas mehr Digitalexpertise vorherrscht als in den USA, wo ein Senator allen Ernstes fragte, wie Facebook denn bitteschön Geld verdiene, wenn die Mitgliedschaft doch kostenlos sei…
Sein Erscheinen wäre auch deshalb interessant, da auf dem alten Kontinent in Sachen Medien gerade ein neuer, mal frischer, oft muffiger Wind weht. Russland zum Beispiel sperrt kurzerhand Telegram, weil der Instant-Messaging-Dienst keine privaten Nutzerdaten zur Terrorabwehr freigibt. In Deutschland erlauben Verfassungsrichter derweil die Ausstrahlung illegal erlangter Beiträge wie jenen, den der MDR aus einer Massentierfabrik gezeigt hat. Und das Landgericht Berlin hat Facebook per einstweilige Verfügung verdonnert, den gelöschten Post eines Nutzers wieder einzustellen, der zwar voller Hass, aber nicht rechtswidrig ist. Dank angeblicher „Fake-News“ linker „Systemmedien“ über „sinkende Arbeitslosenzahlen oder Trump“, stand in dem Kommentar zur Wiederwahl Viktor Orbans, würden die Deutschen nämlich immer mehr verblöden.
Die Frischwoche
16. – 22. April
Das könnte auch Teil jener Dokumentation sein, die das Erste heute Abend um 22.45 Uhr zeigt. Protest und Provokation blickt auf die ersten Monate der AfD im Bundestag zurück, was einer kleinen Horrorshow des politisch Unkorrekten gleicht. Im Zweiten dagegen darf Heino Ferch zur besten Sendezeit die gruselige Vielfalt des einzigen Gesichtsausdrucks (männlich-melodramatisch) als Der Richter präsentieren, der wegen seiner entführten Tochter in einen Gewissenskonflikt gerät.
Ach ZDF…
Obwohl – zwei Stunden später ist ja wirklich was Bemerkenswertes auf dem Traumschiff-Kanal zu sehen: Hard Sun, ein BBC-Dreiteiler, in dem es zwei Londoner Polizisten mit dem drohenden Weltuntergang zu tun kriegen – mehr aber noch mit einem Geheimdienst, der alles dafür tut, Chaos und Anarchie zu vermeiden. Selbst Lügen verbreiten, Zwietracht zu säen, Kollegen zu töten. Verschwörungstheorie mit Suchtfaktor! Den entfaltet ab Donnerstag auch die neue Netflix-Serie Alienist. In dieser atmosphärisch aufwühlenden Jack-the-Ripper-Mischung aus Gangs of New York und The Knick spielt Daniel Brühl darin den Psychiater Lazlo Kreizler, für den es zur bedingungslosen Obsession wird, an der amerikanischen Ostküste des Fin de Siècle bizarre Kindermorde aufzuklären.
Nicht ganz leicht, von derart drastischer Kostümpsychokost in die gegenwärtige Realität zurückzukehren. Machen wir’s also unprätentiös: Am gleichen Abend um 20.15 Uhr zeigt 3sat eine sehenswerte Reportage über den Müll-Meister Deutschland. Tags drauf läuft ab 21.45 Uhr bei Arte der Themenschwerpunkt Black Power Pop, in dem James Brown, Aretha Franklin und Marvin Gaye porträtiert werden. Und am Sonntag um 17.55 Uhr startet auf Sat1 etwas, das eigentlich zu berechnend klingt, um niveauvoll zu sein: Hotel Herzklopfen. Moderiert von Lutz van der Horst, Sarah Mangione und Daniel Boschmann werden darin 24 einsame Senioren bei der geriatrischen Balz kaserniert, was sechsmal zwischen zynisch und liebevoll alles Mögliche sein kann, nur ganz gewiss nicht frei von Fremdscham. Und damit zu den Wiederholungen der Woche.
Morgen Nacht wiederholt Tele 5 – kurz vorm grandiosen Tatort: Borowski und die Rückkehr des stillen Gastes um 22 Uhr im NDR – einen der eindrücklichsten Horrorfilme überhaupt: Das Omen von 1976, in dem es Gregory Peck um 23 Uhr mit der Wiedergeburt des Teufels im eigenen Sohn zu tun kriegt. Zwei Jahre älter ist Die Akte Odessa (Montag, 20.15 Uhr, Arte), was weniger wegen der fesselnden Story um einen Geheimbund früherer Nazis spannend ist, als wegen des Drehorts Hamburg Mitte der Siebziger. Noch ein wenig weiter zurück mit durchaus vergleichbarer Thematik reicht Margarethe von Trottas Biopic Hannah Arendt (Dienstag, 0.55 Uhr, ARD mit Barbara Sukowa in der Titelrolle dieser großen, aber auch umstrittenen Philosophin samt ihrer Totalitarismus-Theorie.
Klar, einen irgendwie weltmusikalisch flatternden Popsound allein deshalb zu empfehlen, weil er westliche Zivilisation mit östlicher Exotik verbindet oder wie es gern mal heißt: Orient und Okzident, das ist im Kern schon ein bisschen kolonialistisch, Tendenz Eurozentrismus. Aber was soll man machen: Der Sound des türkischen Bandkollektivs Altin Gün klingt für angloamerikanisch geprägte Ohren zutiefst folkloristisch, hat aber diesen psychedelisch krautigen Einschlag, der das Debütalbum so fesselnd macht wie vieles, das sich dem Mainstream auf fremdartig klingende Art entzieht. Der holländische Bassist Jasper Verhulst jedenfalls war vom Turkish Funk der Sechziger bis Siebziger so begeistert, dass er ihn am Ursprungsort wiederbeleben wollte – was ihm echt mitreißend gelungen ist.
Gemeinsam mit ein paar Freunden wie Gino Groeneveld oder Nic Mauskovic suchte er per Facebook einheimische Sängerinnen, fand mit Merve Dasdemir und Erdinc Yildiz Edevit zwei außergewöhnlich stimmstarke, und macht mit mit ihnen nun einen hippiesken Retrosound, der das Fieber des Psychorock vor rund 50 Jahren wunderbar in die Gegenwart treibt. Noch wichtiger aber ist: Die orientalischen Elemente darin sind keine bloßen Accessoires, geschweige denn ethnische Anbiederungen. Auf den meisten der zehn Stücke von On (Türkisch für zehn) verschmilzt das Hier und Dort so organisch, als hätte es schon immer zusammengehört. Hat es ja auch. Nur für europäische Ohren klang das einst seltsam befremdlich. Wenn man es denn befremdlich klingen lassen wollte…
Altin Gün – On (Bongo Joe)
Gris-de-Lin
Kontrollsucht ist nicht grad die sympathischste Eigenschaft, künstlerisch betrachtet aber vielfach ertragreich. Bands von Zappa über Bowie bis Prince können davon wahre Geniestreiche singen. Die Kontrollsucht von Gris-de-Lin allerdings dürften ihre Begleitmusiker schon deshalb nicht beklagen, weil es sie schlichtweg kaum gibt. Auf ihrem Debütalbum Sprung macht die Sängerin aus dem englischen Dorset ja praktisch alles alleine. Sie schreibt melancholisch trotzige Lyrics über ihr Gefühlsleben, unterlegt sie mit ausgefuchsten Postrockstrukturen und spielt auch noch die meisten der Instrumente ein, darunter so verschiedene wie Saxofon, Klavier, Drums, Gitarre und Synthesizer.
In den lauteren Sequenzen erinnern die elf berauschenden Resultate an den rohen Hardcore von Shellac, in den leiseren an Björks bittersüßen Feenfolk, während dazwischen gern mal eine Prise The Notwist verstreut wird. Am ehesten wäre dieser (angeblich im Kindergarten mit Kindergartenequipment aufgenommene) DIY-Alleingang daher wohl mit einer Art New Prog beschrieben. Vom experimentellen Artrock bis zur lieblichen Popballade ist schließlich außer Hip-Hop das meiste dabei. Und auf der Bühne, heißt es, sogar andere Musiker.
Gris-de-Lin – Sprung (BB*Island)
Tom Misch
Und gleich noch so ein Alleskönner/Allesmacher/Alleswoller, der schon als Teenager diverse Klangkosmen auf eigene Faust erkundet hat: Tom Misch. Mit gerade mal 22 Jahren legt der Gitarrist und Geiger, Produzent und DJ, Sänger und Komponist aus London sein fulminantes Debütalbum vor, und obwohl er sich darauf mit funkigem Nu Soul keinem sonderlich ungewöhnlichen Genre widmet, gewinnt er ihm doch sehr besondere Seiten ab. Gleich im Opener Before Paris zittert sich die Violine wie bei einer Orchesterprobe unter ein Kneipengespräch hindurch, wie und warum man Künstler wird, bevor ein paar leger gezupfte Jazz-Riffs den Tonfall von Geography festlegen: traumwandlerisch versiert und überaus lässig.
„You have to love it / you have to breeze it“, heißt es da zum Beispiel im flatternden Stimmgewirr weiter, „it’s your morning coffee / your food“. Und beides wird noch delikater, weil danach zwölf Stücke lang digital aufgebrezelter Future Funk durch die Siebzigerdisco wabert, als würde er Bruno Mars mit Earth, Wind & Fire versöhnen. Wenn sich die Gaststars von De La Soul dann auch noch aus dem Hintergrund ins Rampenlicht des prickelnden It Runs Through Me rappen und später Steve Wonder gecovert wird, ist das Wintereis endgültig gebrochen.
Seit vorigen Freitag serviert Der Grenzgänger auf Sky etwas äußerst Ungewöhnliches: skandinavische Krimithrillerkost ohne Blutwurst und Innereien. Stattdessen taucht der norwegische Achtteiler tief in die Seelen der Protagonisten ein und verstrickt sie miteinander, dass es im dunklen Winterwald nur so knirscht.
Von Jan Freitag
Die Ausgangslage skandinavischer Krimis ist schnell umrissen: Tendenziell eigenbrötlerische Ermittler mit eher mehr als weniger Macken müssen am Tatort zunächst mal das zerstückelte, gefolterte, verätzte, lebendig begrabene oder ähnlich grausam zugerichtete Opfer zusammenpuzzeln, bevor sie bei der Jagd nach dem Täter in Abgründe ritueller Gewalt blicken, die stets noch mehr zerstückelte, gefolterte, verätzte, lebendig begrabene oder sonstwie grausam zugerichtete Leichen zutage fördern. Seit der fiktionale Blutdurst des schwedischen Autorenpaars Sjöwall/Wahlöö vor ziemlich genau 25 Jahren fürs Fernsehen entdeckt wurde, pflegen Regisseure nördlich von Flensburg einen Überbietungswettbewerb krimineller Brutalität, in der ein gewöhnlicher Todschlag praktisch als Streicheleinheit gilt.
Das muss im Hinterkopf haben, wenn der pflichtbewusste Polizist Nikolai Andreassen im neuen Produkt des Scandi Noir genannten Genres ins grüne Umland von Oslo fährt und dort einen Mann vom Baum schneidet. Weil er körperlich ansonsten unversehrt wirkt, hätten Serienkommissar von Thomas Beck über Sarah Lund bis Kurt Wallander jetzt wohl dasselbe gesagt wie jene im norwegischen Wald: Suizid, ab zu den Akten, Feierabend. Doch nicht mit Nikolai Andreassen! Da der Erhängte am Kopf blutet, spricht der Kommissar von Verbrechen – und löst damit eine Kettenreaktion aus, die mit jeder Minute dieses beeindruckenden Achtteilers mehr sein eigenes Leben an den Rand des Abgrunds reißt.
Der Täter erweist sich nämlich nicht nur als Polizist. „Ich bin dein Bruder“, fleht dieser Lars Andreassen nach seinem Geständnis, den Toten im Suff erwürgt zu haben. Und das macht den prinzipientreuen Nikolai, der einige Szenen zuvor noch wider jeden Kodex gegen einen Kollegen unter Mordverdacht ausgesagt hat, zum „Grenzgänger“, wie die Serie hierzulande heißt. Eingepfercht zwischen ähnlich starker Solidarität für das erworbene Berufsethos und die angeborene Blutsverwandtschaft, hilft Nikolai seinem Bruder die Tat zu verschleiern. Dabei unterdrückt er allerdings nicht nur Informationen, sondern fälscht gar Beweise und verrät somit alles, was seinem Rechtsverständnis entspricht.
Diesen Zwiespalt spielt der norwegische Superstar Tobias Santelmann aus dem badischen Freiburg (The Last Kingdom) mit einer reduzierten Präzision, die das kongeniale Gegenstück zum fiebrigen Wankelmut von Benjamin Helstad als Lars bildet. Ihr Metier wäre allerdings ein anderes als Scandi Noir, gäbe es nicht noch weit dickere Bretter zu bohren als moralische Befindlichkeiten. Der Grenzgänger präsentiert zudem stolz: den grobschlächtigen Cop Bengt (Frode Winther), den windigen Lokalpolitiker Josef (Eivind Sander), den haltlosen Kiffer Ove (Ole Christoffer Ertvaag ) und allerlei doppelbödige Haupt- wie Nebenfiguren, die unterm kritischen Blick der unterkühlten Kommissarin Anniken (Ellen Dorrit Petersen) immer tiefer im Morast kollektiver Schuld versinken.
Dass sich dieses undurchdringliche Gestrüpp aus organisierter und beiläufiger Kriminalität, aus Korruption, Geltungssucht und Drogen nicht heillos ineinander verknotet, hat dabei gute Gründe: ein schlüssiges Drehbuch der Showrunnerin Megan Gallagher etwa, das die Regisseure Bård Fjulsrud und Gunnar Vikene kunstvoll, aber frei von Effekthascherei inszenieren. Im diffusen Dämmerlicht des winterkargen Waldes ringsum entfalten die Charaktere vielfach einen Tiefgang, der die inhaltliche Bedeutung durch den dauernden Kampf um einen Sinn im Einerlei des Alltags bereichert. Selbst Nikolais verheimlichte Homosexualität fügt sich hier angenehm unprätentiös in die Zeichnung verschiedenartigster Persönlichkeiten im selben Mikrokosmos ein.
Nachdem Grenseland 2017 das heimische Publikum begeistert hat, lief die Serie zuletzt unterm weit stimmigeren Titel Borderliner auf Netflix USA, Russland und Großbritannien. Seit Freitag nun ist sie in Doppelfolgen bei Sky Atlantic abrufbar. Und nach den ersten drei Episoden zu urteilen, kommt Der Grenzgänger zwar nicht ohne die übliche Entstellung durch überdrehte Synchronstimmen aus, verkneift sich aber jene blutspritzenden Gewaltexzesse, die man sonst aus Norwegen, Dänemark, Schweden kennt. Es geht hier erkennbar nicht um den größtmöglichen Thrill, sondern den Versuch, selbst unter Unmenschen human zu bleiben – und krachend daran zu scheitern. Tiefgang kann so spannend sein.
Wann genau ein Kurssturz zum Börsencrash wird, ist nicht exakt messbar. Aber was grad in der Tech-Branche geschieht, ist letzterem zumindest näher als ersterem. Fast 200 Milliarden Dollar haben die Aktien der vier Branchengiganten Amazon, Alphabet, Facebook, Netflix in kürzester Zeit an Wert verloren. Angesichts von Umsätzen in Höhe des Bruttoinlandsprodukts mittlerer Staaten, klingt das zwar nach Peanuts; sie liegen den Milliardenkonzernen allerdings unverdaulich im Magen.
Das ist nicht nur dank knapp 90 Millionen Opfern des Datenleaks bei Facebook bedeutsam, von denen allein 310.000 in Deutschland leben. Umso erstaunlicher klingt es da, wenn sich plötzlich ein Medienmann der alten Schule zurückmeldet: John de Mol, der mit Shows wie Wer wird Millionär das Abertausendfache der maximalen Gewinnsumme verdient hat, kauft die holländische Nachrichtenagentur ANP und wird dadurch endgültig zum Mogul aufsteigt – schon, weil er seine Finger nicht vom digitalen Business lassen kann.
So richtig analog ist hingegen das, was die ARD angekündigt hat: ein Biopic über die Aldi-Brüder, mit Christoph Bach als Karl und Arnd Klawitter als Theo Albrecht, gedreht von Raymond Ley. Könnte fett werden, innovativ eher weniger. Aber das eint das Erste ja mit der abscheulichen Bild, die ihre Bleifußkampagne „Freie Fahrt für freie Bürger“ aus den 80ern in die Gegenwart verlegt und der Mittwochsausgabe allen Ernstes Aufkleber mit „Freie Fahrt für meinen Diesel“ beigelegt hat. Wenn Geldgier Gehirn verdrängt und Klientelismus Journalismus, ist man bei Springers rotem Kampfblatt halt immer noch prima aufgehoben. Ähnliches gilt auch für den Sonntagabend im ZDF, wo Gehirn verlässlich durch Gefühl ersetzt wird. Seit gestern aber hat das debil eskapistische Herzkino fast schon Niveau. Mit bescheuertem Titel zwar (Ella Schön), aber toller Hauptfigur (Annette Frier), deren Problem (Asperger) erstaunlich unseifig ist.
Die Frischwoche
9. – 15. April
Die Reihe hat zwar nicht die Güte eines gelungenen ARD-Mittwochsfilms, aber das, was Emily Atef dort diese Woche kreiert, ist selbst für belastbare Zuschauer auch schwer verdaulich. In Macht euch keine Sorgen skizziert die Regisseurin nach allerlei Frauenporträts den Weg muslimischer Jungs zum IS, was so glaubhaft und intensiv ist, dass man dem Titel besser nicht glaubt. Zwei Tage später zeigt dann Arte, was gute Filme kennzeichnet. In der präzisen Milieustudie Auf einmal (20.15 Uhr) wird der vergleichbar unbekannte, aber fabelhafte Schauspieler Sebastian Hülk gleichermaßen zum Opfer und Täter einer Biedermeiersozialkriminalmelodrams, das in dieser Qualität selbst auf dem Kulturkanal selten ist. Am gewohnt soliden, aber nicht herausragenden Fall der ZDF-Reihe Unter Verdacht ist tags drauf zur selben Zeit dagegen vor allem bemerkenswert, dass Senta Berger von Eva Prohacek trotz anderslautender Vermutungen partout nicht lassen kann.
Auf Sky gibt es demgegenüber ab Mittwoch etwas nicht unbedingt Außer-, aber doch Ungewöhnliches: die zehnteilige Dramaserie 9-1-1 um amerikanische Hilfskräfte jeder Art erweckt den Anschein eines hochwertigeren Real-Life-Formats, ist jedoch fiktional und trotzdem realistisch – was auch daran liegen könnte, dass es der Showrunner von Nip/Tuk und American Horror Story verantwortet. Noch näher an der Wirklichkeit sind allerdings naturgemäß Dokumentationen wie die englisch-kanadische über Greenpeace. Ohne runden Anlass, aber extrem kenntnisreich und spannend, blickt Wie alles begann auf die wichtigste Umweltorganisation zurück, seit sie sich dem ungezügelten Kapitalismus 1971 erstmals in den Weg stellte.
Am Mittwoch schaut 3sat noch drei Jahre weiter in die Vergangenheit und porträtiert um 20.15 Uhr das 68er-Idol Dutschke. Nirgendwo anders als auf nackte Verkaufszahlen sieht tags drauf zum 27. Mal der Musikbranchenpreis Echo, dem Kunst und Kultur so derartig scheißegal sind, dass Baukastenstars wie Ed Sheeran und Helene Fischer wieder mal kräftig absahnen, wenn Vox den Kommerzquatsch zur besten Sendezeit überträgt. Ein Grund mehr, sich von jetzt an den Wiederholungen der Woche zu widmen. In Farbe unbedingt empfehlenswert: Sam Packinpahs legendäres Gangsterroadmovie The Getaway (Samstag, 21.50 Uhr, Arte), in dem Steve McQueen und Ali MacGraw 1972 auf der Flucht vor der Polizei und Kollegen sind.
Ebenfalls im kriminellen Milieu spielt 24 Jahre später das Debüt eines der erstaunlichsten Regisseure überhaupt: Wes Anderson. Schon damals mit dem weithin unterschätzten Lieblingsdarsteller Owen Wilson in der Hauptrolle ist Durchgeknallt (Dienstag, 22.05 Uhr, Servus) in jeder Hinsicht fantastisch. Solch ein Attribut verbietet sich beim schwarzweißen Tipp per se, aber Frank Beyers epochales KZ-Drama Nackt unter Wölfen (Montag, 23.05 Uhr, MDR) war 1963 kaum eindrücklicher als es heute ist. Das gilt auf seine Art auch für den Tatort der Woche: Borowski und der Himmel über Kiel von 2015. Dienstag (20.15 Uhr, RBB) brilliert darin einmal mehr die damals noch kaum bekannte Elisa Schlott als Junkie, der einem als Zuschauer Chrystal Meth für alle Zeiten austreibt – so wahrhaftig ist ihr Spiel.
Die Fußball-WM findet in einer Diktatur statt und drumherum ist es auch nicht viel besser, aber hey – Panini sammeln geht trotzdem. Und wie bei jedem Turnier veranstalten die freitagsmedien wieder ein Gewinnspiel. Wer folgende Frage beantwortet und etwas Los-Glück hat, kriegt eines von sieben Alben mit je zehn Tüten:
In welchem Jahr erzielte der legendäre Juve-Spieler Carlo Parola jenen Fallrückzieher, der auf Cover und Päckchen von Panini zu sehen ist?
Antwort bitte per eMail an janfreitag@gmx.net
Endergebnis
So, nach reger Beteiligung beim Gewinnspiel und allen Ernstes sogar einer falschen Antwort (lieber Mikosch B. aus Herne), wurden die Sieger*innen heute im Beisein eines unabhängigen Beobachters (Clemens M. aus Hamburg) gezogen. Die richtige Antwort lautete natürlich 1950. Von einem Teilnehmer gab es die Erkenntnis, der Ball sei gar nicht im Tor gelandet als Gimmick hinzu, weshalb er doppelt im Lostopf gelandet ist und hier sind die glückseligen Gewinnenden:
Emily P. aus Gera
Lothar G. aus Hamburg
Jennifer K. aus Hamburg
Raymond A. aus München
Jens A. aus Pinneberg
Moritz T. aus Hamburg
Raissa G. aus Berlin
Herzlichen Glückwunsch, die Alben gehen euch schnellstmöglich per Post zu
Ach, Mark Oliver Everett, alter Zausel, geliebter Eremit – klodeckelbrillendick suppt dein verschrobener Psychopop seit nunmehr fast einer Generation durch den Independent-Wald, und nie, wirklich niemals ist man desse so ganz überdrüssig, auch wenn sich die filligrane Emotionalität seit dem legendären Beautiful Freak vor auch schon wieder 22 Jahren, mit dem ja vermutlich du selbst gemeint warst, kaum verändert hat. 2014 war deine Band Eels mit diesem Prinzip sogar erstmals in den deutschen Top 10, und nichts deutet darauf hin, dass dies nicht auch mit dem Nachfolger möglich wäre. Denn ehrlich: Auch The Deconstruction ist auf seine Art schlicht zum Niederknien.
Dafür darf man nun nicht unbedingt die Neuerfindung des alternativen Artrockrades erwarten, ja im Grunde noch nicht mal die Dekonstruktion von Eels. Doch was dieses Quartett aus dem aktuellen Herz der Finsternis (Washington D.C.) auf dem mittlerweile 12. Album zeigt, fügt dem Werk schon etwas Neues hinzu. Zum Beispiel echten, unverschleierten, also selbstbewussten Frohsinn. Die funkensprühende Video-Auskopplung Bone Dry gibt über diese Gemütsaufhellung ebenso Auskunft wie das fast euphorische Today is the Day. Und sonst: Elaboriertes Feingefühl mit etwas kultiviertem Geschrammel und Everetts unvergleichlich nöliger Stimme. Toll!
Eels – The Deconstruction (E Works Records)
Die Wilde Jagd
Ein Bass, etwas Hintergrundraunen, dazu Synthiegeknister – so einfach kann moderner Pop sein. Und so hypnotisch. Auf dem zweiten Album seines Sideprojects Die Wilde Jagd kultiviert der wahlberliner Produzent Sebastian Lee Philipp wieder die Vielschichtigkeit der Fläche voll Krater und Höhlen. Wie eine Wanderung durch mal gleichförmige, mal karstige, selten aber eintönige Landschaften startet Uhrwald Orange in eine siebenteilige Erkundung der Topografie seiner inneren Uhr. Zu Beginn also Flederboy – geschlagene 15:36 Minuten lang mäandert eine Basslinie aus dem Präkambrium des New Wave durch etwas Begleitgefrickel und wirklich – es wird zu keinem Zeitpunkt monoton, sondern eröffnet Horizonte, hinter die man gern blicken möchte.
Drama, Romantik, Ekstase und Melancholie – so beschreibt das Label selbst dieses minimalistische, aber nicht ereignislose Werk artifizieller Popmusik. Es ist die Aufgabe des Verkäufers, für sein Produkt Schlagworte zu finden, aber diese hier treffen wirklich mal zu. Sebastian Lee Philipps Hang, sich gemeinsam mit seinem Partner Ralf Beck in Arrangement zu verhaken wie ein Platte im Sprung, stört das kontemplative Element dabei nicht im Geringsten. Zum Wellenbad geloopt, wirken seine Tonkaskaden meist, als könne er selbst sich davon kaum lösen. Und das färbt ab. Auf uns, die Hörenden. Uhrwerk Orange ist mechanischer Techno zu einatmen und ausatmen, eine dezent vokalisierte Ode an die Analogie.
Die Wilde Jagd – Uhrwerk Orange (bureau-b)
Mien
Nein – Indierock, dieses klassische, meist von Jungs vorgetragene Gitarrengehämmer, hat natürlich ebenso wenig mit Indien zu tun wie jene Indianer, in denen Kolumbus einst die Bewohner des haarscharf verfehlten Subkontinents sah. Wer allerdings die Indierocker Mien hört, könnte das Genre fortan indisch definieren. Die Supergroup von Sänger und Gitarrist Alex Maas, nebenbei Frontmann der texanischen Psycho-Band The Black Angels, garniert ihr selbstbetiteltes Debütalbum schließlich so konsequent mit der Sitar von Rishi Dhir (Elephant Stone), dass daraus eine Art westlich geprägter Krautrock im östlichen Gewand wird.
Unterhöhlt vom monochromen Bass des Horrors-Mitglieds Tom Furse, sorgt dabei besonders der Programmierer John-Mark Lapham (The Earlies) für eine halluzinogene Struktur, mit der bekiffte Stonerfans bekanntlich grundversorgt werden wollen. Und die flächigen, nie breiigen Arrangements von Alex Maas verleihen den zehn Tracks zwar eine Bodenhaftung, mit der man auch nüchtern gut unterhalten wird; doch wer beim Wiesentanz ins Morgenrot Farbe hören und Töne sehen möchte, verändert sich das Bewusstsein wohl trotzdem stofflich. Dass beides gleichermaßen funktioniert, spricht unbedingt für Mien von Mien.
Vor drei Jahren, die Welt drehte sich zwar im gleichen Tempo, war aber irgendwie doch eine völlig andere, tropfte plötzlich ein seltsam hybrider Elektropop aus den Boxen, der zugleich altbekannt und ziemlich neu klang. Es war das zweite Album des Berliner Duos AB Syndrom und schaffte es in ein und derselben Tonabfolge spielend, Bauch, Kopf und Seele überfallartig zu erreichen. Nun weckt eine Plattenkritik, die sich zu lang beim Vorgänger aufhält, naturgemäß den Verdacht, der Nachfolger halte da nicht mit. Und in der Tat: verglichen mit Hallo Herz ist Plastik nicht der ganz große Wurf. Einerseits. Denn verglichen mit dem großen Rest dieses kitschanfälligen Stils ist es andererseits wirklich wunderbar.
Der Songwriter Bennet Seuss und sein Schlagzeuger Anton Kırık schaffen es schließlich abermals, die loungig-gediegene Atmosphäre ihrer digitalen LoFi-Gespinste mit einem wattierten HipHop zu kombinieren, dass einem die Knie ganz weich werden und man sich hinlegen muss, am besten in eine Hängematte mit Seeblick. Besonders die pluckernde Percussion sorgt dann dafür, dass die getragene Aura nicht ins Schläfrige abgleitet und immer noch ein Aufspringimpuls zurückbleibt. Plastik ist die Quintessenz des Berliner Cool ohne Metropolengehabe, nicht so gut wie früher, immer noch besser als die Gegenwart im Ganzen.
AB Syndrom – Plastik (Herr Direktor)
Jo Goes Hunting
Wenn PR-Abteilungen ein Produkt beschreiben, muss man die Adjektiv-Kaskaden darin stets mit einer gewissen Vorsicht genießen. Falls allerdings das liebenswerte Alternative-Label Backseat eine Neuerwerbung im Portfolio mit “Beitrag zu mehr Kreativität und Mut im Indiepop” bewirbt, darf man kurz mal Milde walten lassen und dem Werbesprech ein wenig Aufmerksamkeit widmen. Denn Jo Goes Hunting ist genau das: kreativ und mutig, nur ohne verstiegen oder experimentell zu sein. Auf dem seifigen Feld der musikalischen Harmonielehre ist das ausgesprochen ehrgeizig, daher überaus selten und in diesem Fall sogar ziemlich hinreißend. Was vor allem an Jimmi Jo Hueting liegt.
Der singende Drummer aus den Niederlanden hat sich nämlich eine Kapelle zusammen gesucht, die seinem Anspruch von hörbarer Exzentrik Folge leistet. Auf dem Debütalbum verbindet das – so sagt man heute: Projekt Artrock, Discopop und New New Wave zu einer windschiefen, formschönen Mixtur aus englischen Vocals und globalen Arrangements, die an Grizzly Bear oder das deutsche Odd Couple erinnert. Nachdem das Ganze in Holland bereits alle Feuilletons begeistert hat, erscheint Come, Future nun auch hierzulande und dürfte die Hinwendung zum Sound des Nachbarlands weiter verstärken. Schon richtig so.
Jo Goes Hunting – Come, Future (Backseat)
Naked Giants
Seattle – wem es da nicht in den Ohren klingelt, ist entweder vorm Vietnam-Krieg geboren, nach dem Irak-Krieg oder anderweitig aus der Zeit gefallen. Seattle, das war vor bald 30 Jahren die Geburtsstadt dessen, was unterm Label Grunge den Rock mit einer Prise Punk wiederbelebt hat. Wenn eine Band wie Naked Giants von dort stammt, liegt die Messlatte demnach ganz schön hoch. Unter Revolte anzetteln oder Bilder stürmen läuft da wenig. Beides schaffen die drei Freunde von der nördlichen Westküste nicht. Alles andere, was mit ihrem Ursprung in Zusammenhang steht, aber schon: eine räudige, verwaschene, filigrane Spielfreude zum Beispiel, der man die Garage anhört.
Ihr Debütalbum Sluff klingt daher ein bisschen danach, wofür es steht: South Lake Union Fuck Face, was zwar mit der Tech-Branche zu tun hat, die Seattle seit längerem im Griff hat, mehr aber noch mit einer rotzigen DIY-Attitüde, die jedem der zwölf Postpunkohrfeigen entströmt. Mit kreischender Sixtiespsychorockgitarre, dem apokalyptisch drängenden Bass des Sängers Gianni Aiello und einem Schlagzeug, dass wenig auf Punktgenauigkeit, aber viel auf Einfallsreichtum gibt, macht das Trio den verschrobensten Sound der Stunde. Seattle liefert halt noch immer.