Abdollahi: Deutscher Michel im Nazidorf

Ich bin ein Kind der alten Glotze

Am Freitag sitzt der Guerilla-Reporter Michel Abdollahi zum zweiten Mal auf dem Sofa seiner eigenen Late-Night-Show Der deutsche Michel im NDR und versucht das ausgetretene Metier dabei erneut auf den Kopf zu stellen. Ein Gespräch mit dem persischen Hamburger über vollen Körpereinsatz, Performance-Journalismus, pädagogisches Fernsehen und wie es wirklich war im Nazidorf.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Michel Abdollahi, Sie sind 1986 aus Iran nach Hamburg gezogen. Wie war zwei Jahre später ihr Deutsch?

Michel Abdollahi: Weil ich persisch aufgewachsen bin, noch nicht so doll, aber zum Fernsehen hat’s gereicht.

Haben Sie da eine bildhafte Erinnerung an Gladbeck?

Dieses Geiseldrama, das rund um die Uhr übertragen wurde? Als Zuschauer hab ich das nicht mehr in Erinnerung, aber natürlich später einiges darüber erfahren.

Ein Zweiteiler zum anstehenden 30. Jahrestag hatte gerade das kollektive Versagen der Medien, die sich wie nie zuvor gemein gemacht hatten mit dem Gegenstand ihrer Berichterstattung, zum Thema. Wären Sie als Reporter, der notorisch dorthin geht, wo es wehtut, wie der spätere Bild-Chef Udo Röbel zu den Entführern ins Auto gestiegen?

Grundsätzlich wäre ich lieber derjenige gewesen, der über die Eingestiegenen berichtet hätte. Aber wahrscheinlich hätte ich es gemacht, ja. Allerdings nicht aus Sensationslust, sondern um das Gespräch mit den Entführern zu suchen. Mich hätte interessiert, was die wirklich wollen, was die antreibt.

Und dafür riskieren Sie im Zweifel ihre körperliche Unversehrtheit?

Wenn es sein muss, schon. Bei meiner Reportage Im Nazidorf war das zunächst nicht anders. Ich bin dorthin gegangen, wo es theoretisch wehtun könnte, habe aber schnell das Gespräch gesucht und dabei auch Dinge über mich selbst preisgegeben.

Weil das deeskaliert?

Und wie! Den Ansatz hätte ich auch in Gladbeck verfolgt: kein stures Abfragen, sondern ein Dialog, bei dem alle voneinander lernen. Das ist nicht nur erhellender, sondern auch interessanter. Ich bin kein Ausfragejournalist, eher ein Gesprächsjournalist, und profitiere in Fällen wie meinem Umzug nach Jamel, wo ich 2015 vier Wochen lang Tür an Tür mit Nazis gelebt habe, von der Fallhöhe meiner Herkunft. Dass einer wie ich südländisch aussieht, aber hamburgisch spricht und tickt, überfordert die so sehr, dass kreative Reibung entsteht. Wenn die Vorurteile der Menschen ins Schwimmen geraten, wird es stets spannend.

Reicht für diese Art Konfrontation ihre bloße Präsenz?

Nein, ich muss mich schon schlau machen vorher, sonst endet die Überforderung schnell auch wieder. Zum Glück weiß ich so viel über den Nationalsozialismus und seine Folgen, dass ich auf deren Feld punkten kann. Wenn eine derart gemeinsame Ebene hergestellt ist, kann man die Situation auch mal laufen lassen.

Entwickelt man da als neutraler Journalist nicht eine heikle Nähe zu Nazis, die in Empathie münden und das eigene Urteilsvermögen beeinträchtigen kann?

Ich würde es nicht Nähe oder Empathie nennen, sondern nehme sie einfach ernst und zeige es ihnen auch. Was dazu führt, dass die mich auch ernst nehmen. Wenn ich mit meiner vorgefertigten Meinung dahingehe, um sie bloß abzumelken, kommt nichts rum. Deshalb bin ich während des Gesprächs bereit und willens, meine Ansichten zu hinterfragen. Nur so gelingt es mir manchmal, den Kern des Denkens anderer freizulegen. Natürlich gerate ich dabei niemals in Gefahr, Nazidenken zu übernehmen. Aber womöglich gelingt es mir, eigene Pauschaleinstellungen auf den Prüfstand zu stellen, um gegenseitiges Verständnis zu fördern.

Haben Sie dabei den pädagogischen Ansatz, ihr extremes Gegenüber zu läutern?

Die Hoffnung schwingt mit, ist aber kein wesentlicher Antrieb meiner Arbeit. Mir ist wichtig, zu verstehen, wie jemand wird, was er ist. Nur was man wirklich begreift, lässt sich sinnvoll beeinflussen. Als ich nach meiner Rückkehr ins Dorf mal mit dessen Chef Sven Krüger gesprochen habe, meinte der ganz überrascht: Mann, du hast ja wirklich Wort gehalten und das Dorf gezeigt, wie es ist, ohne was zu verändern. Das hätte er der liberalen Presse offenbar nie zugetraut. Aber man muss natürlich dazu sagen, dass bei den meisten unserer Gespräche Kameras dabei waren, aber eben nicht immer. Morgens am Gartenzaun haben wir schon auch mal übers Wetter oder Schlaglöcher geredet. Ich wollte ja nicht permanent als Journalist definiert werden, sondern wirklich eintauchen in die Materie, um kurzfristig eins damit zu werden. Das prägt meine Arbeit insgesamt.

Ist das dann der Performance-Künstler im Field-Reporter Michel Abdollahi?

Performance-Kunst mache ich, wenn ich einen überdimensionalen Spülschwamm in die Hafencity stelle und schaue, was damit passiert. Was allerdings immer Teil meiner journalistischen Tätigkeit ist, ist Entertainment. Davon kann und will ich mich nicht lösen.

Zum Beispiel bei Ihrer vielfach zitierten Aktion, sich mit einem Schild „Ich bin Muslim. Was wollen Sie wissen?“ in eine Fußgängerzone zu stellen und abzuwarten.

Ganz genau. Der klassische Ablauf journalistischen Erkenntnisgewinns wurde dahingehend umgedreht, dass nicht ich komme und frage, sondern die Fragen der anderen erwarte.

Wer sich den Film im Netz ansieht, erkennt darin allerdings auch Comedy-Elemente, etwa über die Mimik oder eingespielte Off-Kommentare.

Das nennt man dann wohl Infotainment… Informationen, unterhaltsam verpackt – das ist gerade dann, wenn es fürs Netz gemacht ist, enorm wichtig. Den klassischen Zeit-Leser erreiche ich ja auch in eher nachrichtlicher Form. Für Digital Natives, Teenager oder auch Leute, die von klassischer Wissensvermittlung entwöhnt sind, brauch ich schon ein paar mehr Anreize. Welche das in welcher Dosierung sind, ist auch für mich ein permanenter Lernprozess. Ich selbst schaue gern und viel lineares Fernsehen, habe aber natürlich auch ein Smartphone, auf dem ich permanent herum wische. Nach zehn Jahren Facebook richtig einzuschätzen, was mit modernen Mitteln netzfähig wird, ohne das gute alte journalistische Handwerk zu vergessen, vereint daher zwei Welten, in denen ich mich auch persönlich viel bewege.

Aber selbst für verantwortungsbewusste Journalisten mit Hang zum Entertainment wie Sie entsteht daraus doch die Gefahr…

… nur noch auf schnelle Clicks zu zielen.

Exakt. Die Befürworter des öffentlich-rechtlichen Schweizer Rundfunks haben dessen Erhalt vorm Plebiszit darüber auch damit begründet, dass es eines gebührenfinanzierten Systems braucht, damit Informationen unabhängig von wirtschaftlichen und politischen Interessen vermittelt werden. Wie schafft man es, im Durchlauferhitzer Internet der Versuchung zu widerstehen, Inhalte durch Oberfläche nicht zu ersetzen?

Sehr schwierig, in der Tat. Das Geheimnis sind aus meiner Sicht gute Leute um einen herum, die genau diesen Mittelweg nicht nur als nötig, sondern fast schon als Mission betrachten. Mit denen könnte ich meine Inhalte ja auch im kommerziellen Umfeld vermitteln.

Nur dass Ihnen der Aufnahmeleiter dort schnell mal ein Logo ins Bild klebt oder negative Aspekte eines Berichts über den wichtigsten Werbepartner untersagt…

Solange ich unabhängig darüber entscheiden dürfte, ob so ein Eingriff das beeinträchtigt, was ich im Beitrag zum Ausdruck bringen will, wäre das okay. Ich sehe das im Zweifel pragmatisch: Wenn mir ein Sponsor ermöglicht, Inhalte zu vermitteln, die mir wichtig sind, bin ich da zu Kompromissen bereit. Es muss einfach nicht per se schlecht sein, wenn etwas mit Hilfe von Werbung sehenswert wird. So halte ich es zum Beispiel auch, falls ich Firmenveranstaltungen moderiere. Natürlich nenne ich das Produkt da auf Wunsch; die haben das Ganze hier ja bezahlt! Wichtig ist aber immer, dass es den Inhalt nicht negativ beeinflusst. Ich nenne daher gern Audi oder lasse dessen Logo ins Bild, lasse mir vom Unternehmen aber nicht verbieten, den Diesel-Skandal zu thematisieren. Diese Art Einflussnahme würde ich nie akzeptieren. Und diese Grenze respektieren meine Auftraggeber. Alle.

Versuchen diese Auftraggeber angesichts Ihrer Bereitschaft zur Konfrontation manchmal, diese Grenze zumindest physisch auszuweiten?

Zum Beispiel?

Mit dem Muslim-Bekenntnis nicht in die Hamburger Fußgängerzone zu gehen, sondern eine Dresdner Pegida-Demo mit all dem aufgestauten Aggressionspotenzial gegen Andersdenkende, Andersseiende.

Nein, nein, die wollen gar nicht andauernd weiter ins nächste Extrem. Und selbst wenn – versuchen dürfen sie alles; am Ende entscheide ich das mit meinem Team allein. Und da mache ich zwar ganz überwiegend Sachen, die mit Schmerzen wirklich gar nichts zu tun haben, war aber auch oft genug auf Nazi-Demos, wo ich oder die Kameraleute ständig links und rechts mit den Ellenbogen eine verpasst kriegen. Das gehört dazu.

Sind Sie diesbezüglich Gefahrensucher?

Überhaupt nicht. Am liebsten würde ich zuhause auf dem Sofa sitzen und in aller Ruhe Texte schreiben. Aber so läuft’s halt nicht.

Weil Sie selbst in Extremsituationen stets höflich und stilvoll bleiben, nennt Sie Ihre Panorama-Kollegin Anja Reschke hochachtungsvoll „Gentleman-Journalist“. Ist das ein Geheimnis Ihrer bisherigen Unversehrtheit?

Zum Teil vielleicht. Die meisten Menschen rechnen einfach nicht mehr damit, dass man ihnen zuhört, sie ausreden lässt, nett ist. Lass die Leute reden. Punkt. Wenn mir jemand sagt, er mag keine Moslems, weise ich ihn ruhig darauf hin, dass ich auch einer bin und fordere ihn unterschwellig dazu auf, mir zu sagen, dass er mich dementsprechend auch nicht mag. Das verunsichert enorm. Wenn sie darüber hinaus noch zur Gewalt aufrufen oder verfassungsfeindliches Zeug quatschen, kann man ja immer noch dazwischen gehen.

Machen Sie das auch?

Ja. Wenn Fakten falsch sind und der Holocaust geleugnet wird, kann ich sehr deutlich werden.

Auch aus der Haut fahren?

Selten. Die wollen in der Regel ja nichts von mir persönlich, ich mache ja nur meinen Job.

Aber macht es Ihr Migrationshintergrund nicht per se zu einer persönlichen Sache, wenn Gesprächspartner rassistisch werden?

Selbst da sehe ich mich allenfalls als Stellvertreter für Nicht-Deutsche. Persönlich nehme ich es eher, wenn jemand meinen Anzug oder mein Aussehen kritisiert. Beides entspringt ja meinem Geschmack oder Genom. Andernfalls neige ich einfach zur Sachlichkeit und korrigiere Unwahrheiten. Was übrigens großen Spaß machen kann. Als mir Sven Krüger im Nazidorf mal selbstgebrannten Schnaps angeboten hat und ich den getrunken hab, war der völlig perplex, weil er dachte, Moslems dürften das nicht. Daraus ist ein Gespräch entstanden, dass die Grenzen von privat und beruflich sehr informativ verwischt hat.

Sind Sie denn privat exakt so wie vor der Kamera?

Natürlich, wie soll ich denn sonst sein?! Ich bin ja nicht Atze Schröder oder Cindy aus Marzahn, also eine Kunstfigur. Ich bin Michel Abdollahi und bleibe es auch dann, wenn ich auf der Bühne stehe oder etwas überspitze. Ich habe überhaupt nichts gegen Künstlichkeit, aber nur aus Authentizität kann Wahrhaftigkeit erwachsen. Gerade wenn man wie ich den Beruf des Journalisten nicht gelernt hat, aber schon ewig auf der Bühne steht.

Würden Sie sich dennoch als Journalist bezeichnen?

Ich würde mich als gar nichts bezeichnen. Conférencier, Performance-Künstler, Journalist – alle Begriffe, die über mich kursieren, stammen von anderen. Wenn ich male, bin ich gerade Maler, wenn ich moderiere, Moderator, wenn ich einen Bericht mache, Journalist. Ich empfinde mich als Auftragnehmer des Publikums.

Aber schlägt das Pendel nicht gerade ein wenig in Richtung Fernsehen aus?

Ein bisschen vielleicht. Mit meinen NDR-Formaten habe ich grad mehr zu tun als mit Poetry-Slams. Und Karfreitag starte ich dort in Fortsetzung meiner Panorama-Show eine Late-Night-Show, die Information wieder mit Unterhaltung verbinden will.

Orientieren Sie sich dabei an den amerikanischen Late-Night-Hosts wie Jimmy Kimmel, Stephen Colbert, John Oliver oder Jimmy Fallon, die von den Networks einen großen Teil der politischen Information übernommen haben?

Absolut. Reine Unterhaltung wäre in diesem Format irrelevant. Unser Ziel ist das klassische Infotainment-Konzept: These, Antithese, Synthese, nur eben humoristisch verpackt. Und da sind die amerikanischen Hosts definitiv gute Vorbilder. Ich mag deren Art, ich mag deren Bildsprache, ich mag deren Gäste, ich mag deren Look, ich mag sogar deren Anzüge.

Wenn Sie nun das Fernsehflaggschiff Late-Night moderieren, könnte man das als Einfallstor zu größeren Aufgaben sehen. Die Süddeutsche Zeitung hat die Verantwortlichen kürzlich explizit dazu aufgefordert, Sie häufiger einzusetzen.

Oh, schön!

Hätte die Forderung Aussicht auf Erfolg?

Na ja, ich weiß was ich kann, aber noch viel besser, was ich nicht kann. Wenn die Verantwortlichen ihre Schablonen rausholen und bei mir anpassen, sage ich das immer sehr deutlich.

Was genau können Sie denn nicht?

Zum Beispiel in dem Sinne lustig zu sein, die Witze anderer zu erzählen. Im Standup-Teil der Late-Night werde ich daher ein komplexes Thema abarbeiten, das mit mir zu tun hat, statt das aktuelle Tagesgeschehen mit One-Linern zu kommentieren. Und anstelle vorgefertigter Pointen, wollen wir lieber die hochgezogene Augenbraue meiner Interviews ausbauen, mit der ich den Blödsinn mancher Gesprächspartner viel besser beantworten kann als mit lauter Empörung. Ich mag einfach keine Texte aufsagen, konnte ich nie, hab ich auch nie. Wenn ich nicht mit mir im Reinen bin, bin ich nicht gut.

Die Bandbreite von Tagesthemen bis Wetten, dass…?, wofür Kritik, Zuschauer, Intendanten virtuell immer frisches Personal suchen, kommt für Sie nicht infrage?

Witzigerweise hat mich der Tagesschau-Chef neulich mal gefragt, ob das nichts für mich wäre. Da bin ich aus allen Wolken gefallen. Ihr wollt mich für die Tagesschau, obwohl ich nicht sauber ablesen kann, dauernd nuschel und das auch noch im breiten Hamburger Slang? Das ehrt mich sehr, aber so was sollen lieber Leute machen, die dafür ausgebildet sind. Und Wetten, dass…?, ehrlich – so sehr ich altes Fernsehen liebe: Das ist definitiv vorbei.

Aber Sie sind schon noch ein linearer Fernsehnutzer?

Absolut, ich bin ein Kind der alten Glotze. Anmachen, hinsetzen, gucken. Ich hab nicht mal einen Netflix-Account, das würde mich vermutlich viel zu sehr ablenken, so suchtanfällig ich in Bezug auf Serien schon gewesen bin. Ich mag es, wenn ein Format nach 45 Minuten vorbei ist und eine Woche später zur gleichen Zeit weitergeht. Mochte ich schon immer.


Superhelden & Depridetektive

Die Gebrauchtwoche

7. – 13. Mai

Es glich einer Kulturrevolution: 2017 durfte Netflix gleich zwei Filme nach Cannes schicken. Dem Fernsehkonsumvieh war‘s zwar herzlich egal. Mancher Purist aber zeigte sich entsetzt über die cineastische Adelung des profanen Streamingdienstes. Zumal der Flatscreen für The Meyerowitz-Stories eigentlich viel zu schade ist. Und 2018? Aus Ärger über die Verpflichtung, dass jeder Wettbewerbsfilm vor der TV-Auswertung sichtbar im Kino laufen müsse, hat Netflix-Chef Reed Hastings all seine Kandidaten zurückgezogen. Selbst im Nebenprogramm wollte er nichts laufen lassen.

So!

Puristen dürfte das jedoch so gleichgültig sein wie dem Fernsehkonsumvieh. Während sich erstere im Wohnzimmer höchstens dafür interessieren, dass die famose NDR-Journalistin Anja Reschke für ihren fundierten Meinungsjournalismus mit dem Hans-Joachim-Friedrichs-Preis geehrt wird und dem ARD-Reporter Hajo Seppelt die Einreise zur Fußball-WM in Russland verweigert wurde, sind letztere aber ohnehin nicht so wahnsinnig scharf auf Streaming-Filme. Ihnen geht es um Serien wie die erste dänische Eigenproduktion The Rain, mit der Netflix zurzeit auch außerhalb Europas für Furore sorgt. Was gleichwohl nicht heißt, dass jede Serie derlei Furore auch verdient.

Nehmen wir zum Beispiel Striker Force 7. In der mangaesken Actionreihe des indischen Animationsstudios Graphic India rettet ein supercooler, superstarker, supernetter, supersexy Superheld demnächst die Welt und erinnert dabei superseltsamerweise an den Superstar Cristiano Ronaldo. Was auch damit zu tun haben könnte, dass der Fußballer die Selbstbeweihräucherung koproduziert hat. „Zu den Dingen, die ich in meiner Freizeit gerne mache“, erklärte CR7 bei der Vorstellung des Facebook-Projekts in Los Angeles, gehöre halt auch, „gutes Fernsehen zu schauen“. Na, wenn er damit Serien wie diese gemeint hat, möchte man die anderen doch besser nicht kennenlernen.

Die Frischwoche

14. – 20. Mai

Schwer zu glauben jedenfalls, dass ein Narzisst derart schlichten Gemüts gut vom britischen Krimivierteiler In the Dark unterhalten wird, den das ZDF ab heute um 23.20 Uhr in Doppelfolgen zeigt. Die schwangere Polizistin Helen (MyAnna Buring) steckt darin nicht nur zwischen zwei Männern, sondern auch zwei Fällen fest, was sehr eindringlich, aber nicht sonderlich aufregend inszeniert ist. Auch die BBC-Serie Strike – ab Donnerstag bei Sky – von der Harry-Potter-Autorin J.K. Rowling mit Tom Burke als kriegsversehrter, verbitterter, aber nicht fatalistischer Privatdetektiv in London ist mangels Glamour wohl nichts für den Sportmilliardär. Ja selbst mit der Mockumentary Der 90-Minuten-Krieg könnte er kaum was anfangen – obwohl es darin sogar um Fußball geht. Wenngleich ohne, dass der Ball rollt.

Die deutsch-israelische Koproduktion fabuliert heute kurz nach Mitternacht im ZDF, den Nahostkonflikt spielerisch auszutragen. Israel vs. Palästina, elf gegen elf, der Sieger kriegt das ganze Land. Klingt irre? Ist es auch! Und dabei extrem unterhaltsam, aber für CR7 womöglich ein bisschen verstiegen. Ein Typ wie Falk dürfte ihm da schon mehr behagen. Falk ist ein Exzentriker, der seine arrogante Selbstverliebtheit im Gerichtssaal auslebt. Und weil diesem Anwalt ein „unkonventionell“ vorangestellt wird, weiß man sofort: er ist es heute zur Primetime im Ersten, wo man derlei Knallchargen noch immer für so ulkig hält, dass sie selbst der aufopferungsvolle Fritz Karl nicht vorm Stahlbad bräsiger Klischee rettet.

Besser ließe sich kaum zu dem TV-Ereignis der Woche überleiten: Die Hochzeit von Harry & Megan. Das ZDF überträgt sie am Samstag von elf Uhr an vier Stunden lang. Was aber noch gar nichts gegen RTL ist. Dort folgen auf die Zeremonie noch Herzchen-Dokus und Schmalz-Reportagen bis – kein Scherz – 3.25 Uhr. Die ARD belässt es dabei, tags drauf um 19.15 Uhr ein Porträt ihres Adels-Beauftragten Rolf Seelmann-Eggebert zu zeigen. Wiedersehen mit Kenia entführt den Mittachtziger nach einem Korrespondentendasein in Dutzenden von Ländern an seine Wurzeln als Reporter – und das ist wirklich, wirklich sehenswert.

Wie auch, unter völlig anderen Vorzeichen, die 37°-Reportage K.o.-getropft, in der morgen um 22.15 Uhr drei Frauen (nach einem Porträt des englischen Brautpaars, versteht sich), von ihrem Filmriss erzählen. Bedrückend. Berückend ist dagegen genau 24 Stunden zuvor an gleicher Stelle die US-Komödie How to Be Single, eine Art Sex and the City ohne Konsumgeilheit, aber mit Dakota Johnson. Und auch die Wiederholungen der Woche enthalten Filme, die den Mainstream auf kreative Art unterlaufen. Heute um 20.15 Uhr zeigt One The Wrestler, der Mickey Rourke vor zehn Jahren zwar nicht den Oscar, aber enorm viel Respekt eingebracht hat. Und exakt einen Tag später belegt Alexander Paynes Weinliebhaberkomödie Sideways auf Servus, dass Kino zu jener Zeit auch ohne Superhelden und Raumschiffe massentauglich war.

Fehlt noch ein Schwarzweiß-Tipp: Richard Burton als Anti-Bond im Agenten-Thriller Der Spion, der aus der Kälte kam von 1965 (Freitag, 22.15 Uhr, 3sat). Der Alt-Tatort huldigt am gleichen Tag einem Ermittler, dem gewiss auch Cristiano Ronaldo viel abgewinnen könnte: Nick Bam Tschiller Bäng. In Der große Schmerz (Freitag, 20.15 Uhr, ARD) gab’s 2015 für die halbe Hamburger Unterwelt aufs Maul, während Schweigers Alabasterkörper glänzte. Till und Ron – Brüder im Geiste.


Christopher, Doré, Arctic Monkeys, Kontra K

Sean Christopher

Singer/Songwriter, machen wir uns nichts vor, gibt es wie Sülze im Formatradio, und den meisten davon ist ein gewisser Hang zur Meldodramatik mehr zu eigen als ein breites Spektrum abwechslungsreicher Gitarrenriffs. Auch Sean Christopher hat es gern leicht pathetisch im Gesangston. Seine Vocals sind meist getragen, die Melodien schleppen sich vorwiegend im gedämpften Moll durchs Dickicht verletzter Gefühle, alles in allem ist Yonder also kein Debütalbum für die gehobene Feierlaune am sonnigen Frühlingstag. Was aber macht es dann so berückend?

Es ist ein verstiegener Flamenco-Sound, den sein fein kalibriertes Picking gelegentlich in den Regenhimmel seines Herzens schickt. Es sind kakophonische Unwetter, die stille Stücke wie Asphalt schon mal lautstark aufmischen. Hinzu kommt eine Vielzahl kleiner Fluchten vom Alltag eines Pop-Poeten aus dem britischen Bristol, dessen zerkratzer Gesang schon mal – wie in Cherokee – neugierig unterm Ethno indianischer Ureinwohner wühlt oder wuchtigen Indierock ausprobiert. Und das ist allemal ergreifender als manch hyperharmonische Selbstspiegelung seiner Singer/Songwriter-Kollegen.

Sean Christopher – Yonder (Dumont Dumont)

Julien Doré

Die Wege des Ruhms sind oft unergründlich. Julien Doré zum Beispiel hat es als Castingshowgewächs daheim in Frankreich nicht nur zum Superstar geschafft, sondern dabei auch noch ein musikalisches Werk weit jenseits des handelsüblichen Dance-Pop kreiert. Dem Chanson näher als jeder Art von Massengeschmack, ist er im frankophilen Deutschland aber dennoch völlig unbekannt. Merkwürdig. Und nachvollziehbar. Seine ersten vier Platten sind schließlich hierzulande bislang noch gar nicht erschienen. Das allerdings ändert sich nun.

Album fünf erscheint nämlich erstmals auch bei uns und ist passenderweise eine Art Best-of von Julien Dorés bisherigem Werk, das sein Schaffen gut zum Ausdruck bringt. Denn Vous & Moi enthält zwölf hauchfeine, zugleich aber kraftvolle Balladen, bei denen sich der Sänger meist nur von Klavier und Gitarre begleiten lässt. Dem Achtziger-Hit Africa von Rose Laurens etwa entlockt sein hauch-rauer Gesang eine Intimität, bei der man den Staub im Raum herumfliegen hört. Doch auch die zehn Eigenkompositionen zeigen aufs Neue, wie kultiviert Frankreichs Pop oft selbst dann klingt, wenn er den Mainstream bewegt.

Julien Doré – Vous & Moi (Sony)

Arctic Monkeys

Der Ruf nach radikaler Erneuerung ist die wohl größte Bigotterie des Pop. Weder Gäste noch Käufer wollen von einer Band ja etwas anderes als das Bekannte hören. Die Arctic Monkeys waren daher gut beraten, sich auf den Nachfolgern ihres epochalen Debüts kaum zu wandeln oder wie es im PR-Deutsch heißt: erwachsen zu werden. Ihr sechstes Album jedoch offenbart einen Sinneswandel, der auch damit zu tun haben dürfte, dass es von Alex Turner produziert wurde. Nicht nur atmosphärisch erinnert Tranquility Base Hotel & Casino nämlich an dessen Last Shadow Puppets.

Mit großer Eleganz, aber gedrosseltem Tempo reist die Platte zurück in den Cool der frühen Sechziger, als es beim Paartanz noch viel um Anmut im Anzug ging. Selbst den diskoesken Bombast des Vorgängers AM hat der Sänger seiner alten Band zugunsten eines Vintage-Appeals ausgetrieben, der Frank Sinatra näher ist als fünf Jahre zuvor Franz Ferdinand. Ab und an zersägen hochgestimmte, grobverzerrte Gitarren zwar noch die Aura des Cocktailbar. Darüber hinaus aber wird in Tranquility Base Hotel & Casino nicht nur das Outfit der Ex-Garagenrocker aufgebügelt, sondern auch ihr Sound. Lässig, kreativ und energisch ist er noch immer, mitreißend nur selten.

Arctic Monkeys – Tranquility Base Hotel & Casino (Domino)

Hype der Woche

Kontra K

Nein, als vernunftbegabter, feministischer, homophobophober HipHop-Fan wird man nie ganz seinen Frieden machen mit Gangster-Rappern – selbst wenn sie wie Kontra K spürbar die Kurve Richtung Zivilgesellschaft genommen haben. Der dreiviertelkörpertätowierte, vierfüntelkörpergepumpte Berliner hat einfach zu testosterongesättigt gegen Frauen, Schwule und friedliche Konfliktlösungen gereimt, um ihm den Wandel zum Kritiker der eigenen Vergangenheit komplett abzunehmen. Dummerweise aber zählt sein Style zum Besten, was das Genre im Ghetto der Gewalt zu bieten hat. “Ich trag ein dickes Fell unterm letzten Hemd” sind Lines von fast einschüchterner Wahrhaftigkeit. Und falls auf seiner siebten Platte Erde & Knochen (BMG) doch mal das Profilneurosenvokabular von “Fotze” über “Hurensohn” bis “Schlampe” fällt, dann überlässt er das mittlerweile seinen Features wie Fatal, Gzuz, SSIO. Tolles Album. Trotz allem.

 


Rückeroberungen & Staatsfeinde

Die Gebrauchtwoche

30. April – 6. Mai

Ach, Jan Böhmermann: Weil sich dein Neo Magazin Royal gerade mit der Guerilla-Aktion Reconquista Internet das Netz von den Trollen, Hatern, Vollidioten zurückholt, ist die Welt zwar noch immer kein besserer Planet als zuvor. Wenn unerschrockene Entertainer wie du allerdings E und U, also Spaß und Politik so verbinden, dass all die Schlafmützen vorm Bildschirm kurz mal aufwachen und vielleicht sogar ihren Arsch aus dem Sessel kriegen, ist der Weg dahin zumindest humorvoll geebnet.

Und damit ist explizit nicht das aberwitzige Arschhochkriegen in Takeshi’s Castle gemeint. Gut 40 Jahre, nachdem sich erstmals ein Rudel schmerzbefreiter Kandidaten auf die japanische Sperrholzburg gestürzt hat, holt Comedy Central das analoge Jump’n’Run-Spiel seit Samstag aus der Mottenkiste des Trashfernsehens und schickt – kommentiert von Oliver Kalkofe – 100 thailändische Kandidaten auf den Parcours der Peinlichkeiten. Das ist in seiner Sinnlosigkeit fast schon wieder lustig, lenkt aber nicht ab von den ernsten Dingen der Medienlandschaft.

Die Freistellung von Gebard Henkes zum Beispiel. Dem hochgeachteten Filmchef des WDR wird sexuelle Belästigung vorgeworfen. Es gab zwar rasch weibliche Solidaritätsadressen an den erfolgreichen Tatort-Koordinator. Die leidvolle Erfahrung mit der diskreditierten Männermedienmachtelite lässt gepaart mit belastenden Aussagen von Charlotte Roche und Nina Petri aber erneut das Schlimmste befürchten. Eher ethisch missbraucht mussten sich 2017 indes die Fans von Max Giesinger fühlen, als – schon wieder – Jan Böhmermann aufdeckte, wie der Pop-Poet sein Publikum verachtet. Doch was ihn moralisch komplett diskreditiert haben sollte, dient dem NDR als Anlass, Giesinger in die ESC-Jury zu berufen.

Die Frischwoche

7. – 13. Mai

Wenn das Erste am Samstag also den Songcontest aus Lissabon mitsamt der – hoffentlich wie immer verregneten – Party von Hamburgs Reeperbahn überträgt, entscheidet ausgerechnet dieser verlogene Schlagerschleimer darüber, welcher Popsulz douze points aus Allemagne kriegt. Da kann man eigentlich nur noch empfehlen, zeitgleich auf 3sat das Zweipersonenstück Die Odyssee vom benachbarten Thalia-Theater zu sehen. Aber gut, macht natürlich fast niemand. Was die Leute wieder massenhaft tun, ist ab morgen Weissensee einzuschalten. Die Saga einer Familie voller Stasi-Opfer und -Täter geht bis Donnerstag in die 4. Staffel. Das ist auch nach dem Mauerfall zwar zusehends öde und berechenbar, aber immer noch sehr versiert inszeniert. Weshalb die Kupfers wohl auch noch die Besiedlung des Mars im 23. Jahrhundert in der ARD erleben werden.

Die parallel gezeigten Filmkonstrukte der Privatkonkurrenz werden da natürlich längst vergessen sein. Aber vergeben? Auf RTL startet um 20.15 Uhr die nächste Heimserie. In Lifelines schlägt sich der Ex-Militärarzt Alex Rohde (Jan Hartmann) zehn Teile lang durch den Alltag einer zivilen Klinik, was sendertypisch vor allem Gelegenheit zu kernig verpackter Gefühlsduselei liefert – und dem Staatsfeind auf Sat1 damit nicht nur atmosphärisch ähnelt. Dort gerät Henning Baum als empathischer Bulle in ein staatlich gelenktes Komplott, was dem Stammpublikum ein paar Verschwörungstheorien in den Fressnapf wirft, ansonsten aber höchstens als Echtzeit-Kompost dient.

Das hat der Film mit der US-Groteske The Interview gemeinsam, die RTL am Donnerstag um 23.45 Uhr erstausstrahlt. Inhaltlich ist das fiktive Treffen zweier Journalisten mit Kim Jong-un kaum der Rede wert. Doch weil es Nordkorea mit einer Reihe realer Cyberattacken verhindern wollte, bekam das harmlose Werk vor vier Jahren globales Gewicht. Dann also doch lieber bewusst irreale Grotesken. Auf Sky spielt der Comedian Bill Hader ab heute nach eigenem Drehbuch unter eigener Regie den Auftragskiller Barry, der sich bei einem Einsatz in Hollywood entschließt Schauspieler zu werden – was sehr unterhaltsam mit seinem alten Beruf kollidiert. Vor den Wiederholungen der Woche aber noch zwei Doku-Tipps: Heute (23.30 Uhr) beleuchtet das Erste Israel, Geburt eines Staates, was nicht nur im Licht des neuen alten Antisemitismus sehenswert ist. Und drei Stunden zuvor zeigt der rustikale Presenter von Wilmsdorff in der gefühlvollen Krebs-Reportage Jenke macht Mut! am Beispiel seiner eigenen Familie, dass auch privates Sachfernsehen zuweilen ohne Pathos auskommt.

Jetzt aber zur Gebrauchtware wie dem Auftakt der SciFi-Trilogie Matrix, mit der die Brüder Wachowski vor 19 Jahren vor allem in technischer Hinsicht Filmgeschichte schrieben (Montag, 20.5 Uhr, Kabel1). Nicht ganz so richtungsweisend, aber fünffach oscarprämiert ist tags drauf (20.15 Uhr, Nitro) Martin Scorceses grandioses Porträt des Flug- und Filmpioniers Howard Hughes von 2004 mit Leonardo DiCaprio in der Titelrolle als Aviator. Am Freitag ab 23.10 Uhr wiederholt RTL2 den Start der Zombie-Serie The Walking Dead von 2010. Und den NDR-Tatort namens Dunkle Zeit (Dienstag, 22 Uhr) mit Anja Kling als Politikerin im rechten Fadenkreuz empfehlen wir hier auch deshalb, weil man Kling beim Zappen zugleich im MDR-Polizeiruf Zerstörte Hoffnung als 27 Jahre jüngere Punkerin sehen kann.


Yftach Katzur: Eis am Stiel & Segensfluch

Ich habe mich geschämt

1978 wurde der israelische Nachwuchsschauspieler Yftach Katzur mit einem Schlag weltberühmt. Genau 40 Jahre nach dem ersten Teil der Filmreihe Eis am Stiel empfindet er seine Hauptrolle als Teenager Benni zwar eher als Segen. Für viele Kollegen jedoch haben sich die acht Sex-Klamotten jedoch als Fluch erwiesen – wovon Eric Friedlers grandiose Dokumentation “Eskimo Limon” im Ersten erzählt, die noch bis Sonntag in der Mediathek abrufbar ist. 

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Yftach Katzur, als Eric Friedler Sie angerufen hat, um genau 40 Jahre nach Eis am Stiel eine Doku über die Filmreihe zu machen – was war Ihre Reaktion: Oh Gott, bitte nicht?

Yftach Katzur: Nein, nein, nein. Meine Reaktion war sofort: Ja! Die Reihe hat so viele Leben so vieler Menschen so vielfältig beeinflusst, dass ich eigentlich immer auf einen Dokumentarfilmer wie Eric gehofft habe, der das Kapitel aus öffentlich-rechtlicher, nicht kommerzieller Perspektive beendet. Nach so langer Zeit brauchte Eskimo Limon, Eis am Stiel, Lemon Popsicle – wie immer Sie es nennen – einfach einen Abschluss.

Wenn man Ihr feines Lächeln sieht, das Sie die meiste Zeit des Films zeigen, scheinen Sie allerdings vollauf mit sich im Reinen zu sein.

Absolut. Meine Reise mit Eric zu den Ursprüngen dieser Reihe war ja auch eine zu den Wurzeln meines Berufs und mehr noch meiner Persönlichkeit. Sie müssen bedenken: Kurz bevor mich der Regisseur Boaz Davidson zum Star einer weltweit erfolgreichen Filmreihe machte, hatte ich in Peter Shaffers Theaterstück Equus erstmals in meinem Leben auf der Bühne gestanden – der größten im Land. Ich war damals gerade 18 Jahre alt geworden und überwältigt von allem. Zumal mir überhaupt nicht bewusst war, ein Schauspieler zu sein.

Danach schon?

Ja, und zwar für 15 Jahre, in denen ich neben Eis am Stiel auch Shakespeare gespielt habe. Aber mit jedem weiteren Film der Reihe, die ich schon damals überaus kritisch gesehen habe, fragte ich mich mehr, ob das dem entspricht, was ich will. Ich kannte die Welt damals so wenig, wie die Welt Israel kannte. Und plötzlich stand ich im Rampenlicht des internationalen Films, auf der Berlinale, in Hollywood. Für diesen Rummel fehlte mir damals jedes Rüstzeug.

Wie haben Sie es erlangt?

Durch mich selbst, ganz allein. Ich hatte keine Hilfe dabei, in mich hinein zu hören. Deshalb blieb mir gar nichts anderes übrig, als die Sache laufen zu lassen und die Welt kennenzulernen. Es war ein jahrelanger Selbstversuch. Als ich diese Zeit mit Eric nochmals erleben durfte, konnte ich endlich von außen darauf blicken und sah die Dinge fortan klarer. Deshalb das Lächeln während der Dreharbeiten. Ich war wie erleuchtet. Natürlich habe ich auch zuvor im Leben dauernd die Zeit von damals reflektiert, aber der Film war wie der Schlussakt im Theaterstück meines bisherigen Lebens. Mit Eric und mir als Regisseure.

Haben Sie jemals bereut, Eis am Stiel gemacht zu haben?

Ja und nein. Einerseits fühlte ich mich unwohl mit den Botschaften der Filme, die nach dem ersten Teil folgten. Ich habe mich geschämt, weil die Filme einfach sexistisch waren und eine verzerrte Realität der Beziehungen zwischen Männern und Frauen zeigten. Andrerseits war die Filmarbeit die Entdeckung einer neuen Welt für mich, für dich dankbar bin. Also kann ich nicht hundertprozentig sagen, dass ich es bereue.

Einige Ihrer Kollegen schon wie Zachi Noy, der im Film deutlich beklagt, dass er bis heute als „dicker Johnny“ über die Dörfer tingelt.

Mag sein. Mir hat die Reihe ein Geschenk gemacht, nämlich die Möglichkeit, ein Star zu sein. Das ist ein echtes Privileg. Fragen Sie mal junge Menschen, was sie sich vom Leben erhoffen. Da werden einige antworten, berühmt sein zu wollen. Ich war es und hab dadurch Orte gesehen, Leute getroffen, Erfahrungen gemacht, die mir sonst verborgen geblieben wären. Nun, da ich erwachsen bin, würde ich die Erkenntnisse dieser Zeit gerne als Schauspieler anwenden. Aber das Kapitel ist geschlossen. Ich bin jetzt Unternehmer und sehr glücklich damit.

Welche Art Unternehmer?

Zurzeit baue ich eine Immobilienfirma namens Feijoya auf, benannt nach einer sehr speziellen Frucht. Unser Startup entwickelt Methoden, um Häuser zu kaufen und zu verkaufen. Zunächst in Israel, wir würden aber gern auch nach Europa expandieren. Außerdem kreiere ich Business-Strategien.

Mit Schauspielerei hat das wenig zu tun oder?

Na ja, ich nenne es die Kunst des Geschäftemachens, es ist ein kreativer Prozess.

Vermissen Sie das echte Schauspiel da nicht umso mehr?

Jetzt, wo die Dokumentation fertig ist, tue ich das in der Tat. Andererseits mochte ich am Beruf des Schauspielers noch nie, wie sehr er einen zur Passivität verdammt. Man wartet ständig darauf, Teil der Vision eines anderen zu sein. Das ist okay, reicht mir aber nicht mehr. Ich bin jetzt der Regisseur meines eigenen Lebens.

Heißt das, Sie werden nie mehr vor die Kamera treten?

Wenn mir jemand die Möglichkeit gibt, meine Fähigkeiten selbstbewusst einzubringen, würde ich es mit Freuden wieder tun.

Und wenn jemand käme, um den neunten Teil von Eis am Stiel zu drehen, als Sequel 30 Jahre später?

Das kommt darauf an. Es gab immer wieder Gespräche über eine Fortsetzung, aber das hängt von der Geschichte ab, von den Darstellern, vom Konzept. Die Story mit Erwachsenen neu zu denken, könnte durchaus seinen Reiz haben, ich bin da offen für vieles. Aber bislang kam da wenig Konkretes, was dem Alten etwas Neues abgewinnen würde.

Inwiefern hat Jesse, pardon: Yftach von Benni profitiert…

Interessant, dass Sie mich noch als Jesse kennen. Der deutsche Produzent Sam Weinberg fand Yftach seinerzeit offenbar zu sperrig für die Filmplakate, deshalb hat er meinen Namen geändert. Einfach so. Ohne mich zu fragen! Das irritiert mich bis heute.

Wie viel von Benni steckt also in Yftach und umgekehrt?

Viel. Ich habe meinen Preis dafür bezahlt; zum Beispiel, dass viele Menschen mich zu kennen glauben, ohne die geringste Ahnung von mir zu haben. Auch im Geschäft muss ich andauernd über Eis am Stiel reden. Aber sofern ich nicht danach bewertet werde, ist das okay. Denn andererseits habe ich ja sehr profitiert von Benni. Er öffnet mir bis heute Türen, ich muss nur hindurchgehen. Benni hat mir die Chance zu Abenteuern gegeben, die ich ohne ihn nie erlebt hätte. Wichtig ist jedoch, dass er nicht an mir klebt, ich werde durch ihn nicht definiert. Anders als bei ein paar Kollegen wurde er nicht zur Identität, sondern blieb stets nur Teil davon. Zum Glück. Es ist ungeheuer traurig, wenn deine Persönlichkeit von einer einzigen Rolle definiert wird, die auch noch 40 Jahre zurückliegt.

Davon können weit berühmtere Darsteller ein Lied singen. Fragen Sie mal Darsteller von Star Wars

Ganz genau. Ruhm, Aufmerksamkeit, Publikumsliebe macht abhängig, wer ihn einmal probiert hat, kommt schnell nicht mehr davon los. Zum Glück war mir das schon früh bewusst. Auch deshalb bin ich heute ein glücklicher Mensch mit zwei tollen Kindern und einem Beruf, den ich liebe. Auch das bringt mein Lächeln in Erics Film zum Ausdruck.


Cut Worms, Trampled By Turtles

Cut Worms

Der schönste Schmerz, so sagt man, ist doch das Fernweh. Bedarf es dafür heutzutage allerdings den Duft der richtig weiten Welt, Umrundung Neuseelands mit dem Kajak aufwärts etwa, so reichten früher bereits kleinste Trigger, ums sich in Reisestimmung zu versetzen. Ein Postkartengruß aus den Bergen zum Beispiel, der Italiener ums Eck und natürlich alles, was irgendwie nach Karibik klang. So gesehen schickt Max Clarke sein Publikum in eine sehr antiquierte Ferienregion, wenn er sein Debütalbum mit einer hawaiianischen Slack-Key Gitarre eröffnet und auch danach den Eindruck erweckt, Hollow Ground sei nicht erst kürzlich im Studio entstanden, sondern am kalifornischen Strand der frühen Sechziger.

Wirkt nostalgisch? Ist es auch! Aber nicht nur. Unterm Künstlernamen Cut Worms mischt sich der Singer/Songwriter fröhlich unter ein paar seiner Urahnen von den Beach Boys bis zu den Everly Brothers und macht mit ihnen eine hinreißend verschrobene Session voll träumerischer Westcoastfolksongs. Zehn Stück sind es, die mal countryesk klingen, mal poppig und auf gemütliche Art vergessen lassen, dass der Mann mit der Schmunzelstimme dahinter aus dem chaotischen Brooklyn stammt. Unter den 5527 Platten, die bislang als das Album des Frühlings angekündigt wurden, ist dieses hier, sagen wir: Nr. 4. Unbedingt miterblühen!

Cut Worms – Hollow Ground (Jagjaguwar)

Trampled By Turtles

Und um die Großstadt jetzt mal richtig zu verlassen, also nicht nur geografisch, sondern atmosphärisch, reisen wir kurz mal akustisch ins staubig ländliche Minnesota und besuchen dort ein Sextett namens Trampled By Turtles. In den USA ein gar nicht mal so junger  Geheimtipp der independenten Country-Szene, mischt das Sextett auch auf dem neuen Album Life is Good on the Open Road wieder Western-Traditionals mit Elementen aus Folk, Punk und Bluegras, was zwar bisweilen leicht sülzig klingt – Volksmusik halt. Schon im ersten Stück aber entfesselt die Band in Kelly’s Bar eine Art musikalische Kneipenschlägerei, die sich lustig vom Mainstream löst.

Entfesselt peitscht die Fiddel da durch den virtuellen Saloon, als sei sie eine Metal-Gitarre. 3:33 Minuten lang geben Dave Simonett, Erik Berry, Ryan Young, Dave Carroll, Tim Saxhaug und Eamonn McLain mit dem klassischen Landei-Equipment Gas, bis die Banjos glühen. Und selbst wenn es im Anschluss wieder ein bisschen ruhiger wird, befindet sich besonders Simonetts Gesang stets unter Strom, ohne zu überdrehen. Für Country-Puristen ist das womöglich Teufelszeug, für Country-Verächter sowieso. Wer sich allerdings mal für ein paar Takte in die alternativen Abseiten des Genres verirren will – hier ist der Wegweiser.

Trampled By Turtles – Life is Good on the Open (Banjodad)


Musikpreise & Menschenhandel

Die Gebrauchtwoche

23. – 29. April

Ach, die Zeiten sind schon fürchterlich. Obwohl die Pressefreiheit nach dem jüngsten Bericht der Reporter ohne Grenzen weltweit unter Druck steht, gilt die Entwicklung in Europa nochmals als besorgniserregender. Kein Wunder – bewegt sich an dessen Ostrand neben Ungarn und Polen doch gerade die Türkei Richtung Diktatur, in der ein angeblich unabhängiges Gericht 14 Journalisten der regierungskritischen Cumhuriyet wegen konstruierter Terrorvorwürfe zu hohen Haftstrafen verurteilt hat. Aber auch Deutschland hat sich zuletzt um einen Rang verschlechtert, weil die Berichterstattung während des G20-Gipfels in Hamburg, durch Hetze im Netz oder das neue BND-Gesetz beeinträchtigt wurde.

In Zeiten wie diesen sorgt es da gelegentlich für etwas Wohlbefinden, wenn es auch mal was Positives zu vermelden gibt. Voilà: Der, hüstel, „Musikpreis“ Echo ist Geschichte. Leider folgen auf gute Nachrichten oft stehenden Fußes schlechte: Den Echo beerbt nämlich ein weiterer, hüstel, „Musikpreis“ vom, hüstel, „Musikverband“ BVMI, dessen letzter Buchstabe für Industrie steht und daher unter Musik auch weiterhin vornehmlich ein Business versteht, keine Herzensangelegenheit.

Und noch eine positive Meldung gab es vor ein paar Tagen: Die wunderbare Journalistin Dunja Hayali darf zu den Wurzeln ihrer Lehrjahre zurückkehren und ab August Das aktuelle Sportstudio im ZDF moderieren. Eine Ikone meinungsgetriebener Politikunterhaltung in einer Ikone des Leibesübungsfernsehens – ihre künftigen Kollegen dürften womöglich über weniger Sendezeit am Samstagabend klagen; dem Publikum erwächst daraus fraglos etwas ungemein Sehenswertes aus sachlicher Ebene.

Die Frischwoche

30. April – 6. Mai

Darin versucht sich ab heute auch die ARD. Unter der Überschrift Was Deutschland bewegt, lotet sie (im Anschluss vertieft bei Frank Plasberg und ab 22.45 Uhr gefolgt von Manuel Möglichs neuem Hardcore-Reportagemagzin Rabiat) sechs Montage lang zur besten Sendezeit all die kleinen und großen die Grausamkeiten unserer Gesellschaft aus von der sozialen Gewalt materieller Ungleichheit bis zur physischen Gewalt gegen Schwächere. Den Auftakt bildet der Kampf um und gegen den Mindestlohn. Das steht natürlich bereits im Kernschatten des Maifeiertags, an dem Arte ab 20.15 Uhr einen Schwerpunkt zum Thema Menschenhandel zeigt, den ausgerechnet der Spaß-Kanal Pro7 um zwei Filme zum Thema Sklaverei ergänzt: Steve McQueens 12 Years a Slave, gefolgt von Quentin Tarantinos Django Unchained.

Das ZDF hingegen verschiebt sein lang angekündigtes Dokudrama Karl Marx mit Mario Adorf in der Titelrolle seltsamerweise auf den Mittwoch. Obwohl – vielleicht ersparen sie dem Tag der Arbeit dieses herzlich missratene Biopic ja aus Rücksicht auf dessen Würde… Die gewährt ihm 3sat den gesamten Feiertag musikalisch. Von Joan Baez um 6.15 Uhr über Maffay, Minogue, Rammstein zwischendurch bis Mötley Crüe tags drauf um 5 Uhr gibt es 24 Stunden lang Pop around the Clock. Und dem setzt Arte tags drauf um 22.35 Uhr mit Sophie Fiennes‘ fast zweistündigem Porträt von Amazing Grace Jones gewissermaßen die Krone auf. Am Freitag dann startet bei Sky die britische Miniserie Save Me. Lennie James, bekannt aus The Walking Dead, sucht darin sechs Teile lang sein vermisstes Kind – was dadurch erschwert wird, dass ihm eine Beteiligung am Verschwinden unterstellt wird.

Sonnabend lässt die ARD mal wieder im Ausland Verbrecher jagen. Wenn Philipp Hochmair ohne Augenlicht, aber mit Wiener Schmäh Blind ermittelt, wird es allerdings weit skurriler, also ansehnlicher als in den üblichen Urlaubsortkrimis der ARD. Am Sonntag muss man indes schon länger aufbleiben, um den Film des Tages im Regelprogramm zu erleben. Die Dokumentation Eskimo Limon begibt sich auf die Spuren der weltweit erfolgreichen Filmreihe Eis am Stiel. Was Regisseur Eric Friedler dabei an Überraschungen zutage fördert, ist allerdings zu unglaublich, um sie zu verraten. Oder wusste irgendwer, dass der 1. Teil vor 40 Jahren im Wettbewerb der Berlinale lief? Eben!

Und weil danach nichts mehr kommen kann, geht es jetzt flugs zu den Wiederholungen der Woche, dafür von denen ein paar mehr. In schwarzweiß das hypnotische Filmabenteuer Der Schamane und die Schlange von 2015 aus Kolumbien (Montag, 22.15 Uhr, Arte) um Europäer in Bann amazonischer Schamanen. An selber Stelle, 20 Jahre älter, ebenso hypnotisch und doch unvergleichbar: Terry Gilliams irre SciFi-Dystopie 12 Monkeys mit Bruce Willis als Zeitreisender in eine zukünftige Vergangenheit (Samstag, 21.45 Uhr). Nochmals elf Jahre älter ist die Mutter aller Kuscheltierhorrorfilme Gremlins (Dienstag, 20.15 Uhr, Kabel1) von 1984.

Noch gar nicht so alt, aber längst legendär: Lars Jessens Mockumentary um die Wiedervereinigung der fiktiven Band Fraktus (Montag, 1.15 Uhr, Arte). Weil es jetzt einen Heimatschutzminister aus Bayern gibt, stehen die Tatort-Tipps ganz im Zeichen der Dialekt-Festwoche im BR: Dienstag laufen ab 20.15 Uhr zwei Siebzigerjahre-Fälle mit Gustl Bayrhammer als Melchior Veigl. Und um zu zeigen, dass die Reihe eher besser als schlechter wurde, zeigt der HR am gleichen Tag um 21.45 Uhr den Frankfurter Fall Weil sie böse sind von 2009 mit Matthias Schweighöfer in seiner letzten seriösen Rolle als dekadenter Snob.


Intern. Music, Fantasma Goria, Willie Nelson

International Music

Der damals brandneue Musikstil New Wave hatte vor rund 40 Jahren ein besonderes Geschenk fürs deutsche Publikum: Humor ohne Umpftattaa. Gab es ihn im Pop bis dato nur als Schlagerklamauk, gebar NDW abseits einiger Zote plötzlich tiefgründigen Nonsens, der zudem oft virtuos instrumentiert war. Als Beweis reichen ein paar Takte Fee, Ideal, DAF. Bis heute profitiert der Pop hierzulande von dieser Pionierleistung. Darunter eine Band, die ihr Popdasein schon dem Namen nach nicht übertrieben ernst nimmt: International Music. Sie besteht mutmaßlich aus Berliner Exil-Rheinländern oder umgekehrt und macht eine Neo New Wave Welle in deutscher Sprache, die zutiefst gaga ist, aber mit sehr viel Stil.

“Frauen müssen geil sein / Männer müssen cool sein / Jobs müssen Geld bringen”, nölen die Sänger Pedro und Peter auf ihrem Debütalbum Die besten Jahre im emblematischen Stück Cool bleiben und puffert beginnende Fremdscham wie folgt ab: “Männer müssen geil sein / Jobs müssen cool sein / Frauen müssen Geld bringen. Jobs müssen geil sein / Frauen müssen cool sein / Männer müssen Geld bringen”. Unterlegt von einem Schreddersound zwischen Element of Crime, Die Türen, Einstürzende Neubauten und Ja, Panik stopft stopft das Trio so die Selbstoptimierungsgesellschaft in ein buntes Spielplatzförmchen und macht daraus trockenen, aber erfrischenden Sandkuchen fürs Kind im Erwachsenen der Großstadtbohème. Manchmal nervt das, meist erfreut es.

International Music – Die besten Jahre (staatsakt)

Fantasma Goria

Es ist ja nicht so, dass Fantasma Goria den Ball zuvor je flach gehalten hätte. Ihr selbstbetiteltes Debütalbum war ein Feuerwerk der Bilderstürme. Erfrischend aufgewiegelt und konsternierend durcheinander hat es dem deutschsprachigen HipHop eine Ladung Chaos verpasst, dass mancher Rap-Purist die Zugehörigkeit zum Genre negiert haben mag. Warum also noch eine Schippe Exzentrik drauflegen, könnte man da fragen? Weil es nun mal geht, ließe sich antworten. Weil weniger eben nicht grundsätzlich mehr sein muss. Weil Fantasma Goria eben Fantasmal Goria ist. Und so hat die Hamburgerin Remixe ihrer eigenen Platte initiiert, die sich genüsslich im Dreck des örtlichen Asphaltdschungels wälzen.

Kein Wunder, dass die leicht selbstverliebte Latex-Lady ihr Resultat Safari nennt. Bassfett unterfüttert vom Mannheimer Electro-Virtuosen Hans Nieswandt, wird aus dem irrlichternden Rap vom Herbst ein Kettenkarussell aus Techno, Funk, Psychotrance und Punk, das sich permanent selbst überholt, bis alle Ketten miteinander verknotet sind. Während das poppig verspielte Magnet dabei sogar den Dancefloor loungiger Clubs kurz betritt und Ha Ha auch Teenager zum Mittanzen einlädt, testet das dronige Lied vom Bonig alternative Musikgeschmäcker aus. Nichts für schwache Mägen, alles für den kleinen Exzess zur Nacht.

Fantasma Goria – Fantasma Remix Safari (Fantasmic Productions)

Willie Nelson

Wer ein Album Last Man Standing nennt und sich damit selbst bezeichnet, ist entweder steinalt und entsprechend starrsinnig oder selbstironisch, furchtbar eitel oder realitätsbewusst, verblendet oder einfach alles in einem. Auf Willie Nelson dürfte definitiv letzteres zutreffen. Nach drei Dutzend Platten in vier Jahrzehnten ist das Country-Fossil aus Texas noch immer auf den Beinen, noch immer unterwegs, noch immer im Studio, noch immer so beweglich und wach wie viele seiner Kollegen nicht mal mit der Hälfte seiner 85 Jahre auf dem Buckel. Da darf man sich auf einem Spätwerk schon mal als Aufrechter im Meer der Rückgratlosen bezeichnen. Zumal er es im Titeltrack gleich zu Beginn gar nicht sein will, aber knurrend bereit ist, die Bürde zu tragen.

Spirenzchen macht er dabei keine. Sein Western-Woogie ist wie eh und je ein bisschen funky, aber strukturell wertkonservativ. Nelson, dieses kiffende Relikt eines lang zurückliegenden Culture-Clashs zwischen Erhalt und Aufbruch, Konservatismus und Moderne, ist dank seiner Slide-Guitars und Mundharmonika-Fetzen auch im Rustbelt akzeptabel. Die unversiegbare Ironie im alterslosen Gesang allerdings macht ihn auch an West- und Ostküste hörbar. Ach Willie, falls du irgendwann mal stirbst, was noch ein paar Hundert Jahre dauern dürfte – dann kipp’ bitte tot von der Bühne! Oder wie er er es auf dieser Platte ausdrückt: “A bad breath is better than no breath at all”.

Willie Nelson – Last Man Standing (Sony)


Antonio Banderas: Picasso & Málaga

Ich bin Romantiker

Wenn der große Antonio Banderas ab heute auf National Geographic den noch größeren Pablo Picasso spielt, teilen die beiden Weltstars nicht mehr nur ihre Geburtsstadt Málaga, sondern die absolute Hingabe fürs eigene Schaffen. Freitagsmedien hat den leicht ergrauten Hollywood-Star bei der Premiere in seiner alten Heimat getroffen. Ein Interview über die TV-Serie Genius: Picasso!, dessen Verhältnis zu Frauen und warum Banderas einige davon manchmal im Tagtraum trifft.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Antonio Banderas, Sie sind nach Pablo Picasso der berühmteste Sohn Málagas. Gibt es darüber hinaus noch Gemeinsamkeiten zwischen Ihnen und ihm?

Antonio Banderas: [lacht laut] Nein!

Nicht einen?

Ich atme, ich schlafe, ich esse – das war’s.

Haben Sie denn wenigstens einen Picasso zuhause?

Ja, aber nur eine kleine Malerei, kein Gemälde. Dafür müsste ich wohl noch viel, viel mehr solcher Serien drehen.

Wie haben Sie darin dann die persönliche Verbindung zu Picasso hergestellt, um ihn glaubhaft zu spielen?

Ach, das war gar nicht so schwer. Wenn ich als Kind auf dem Weg zur Schule an seinem Geburtshaus vorbeigegangen bin, sagte meine Mutter [flüstert verschwörerisch]: hier wurde Picasso geboren. Jeden Tag. Hin- und Rückweg. Als Kind kam ich also gar nicht drum herum, mich ständig zu fragen, wer dieser Mann war, von dem Mama so ehrfürchtig spricht. Seinerzeit war er der einzige, der es aus unserer Stadt in die weite Welt geschafft hat. Unter derselben Sonne wie er gelebt zu leben, war fast einschüchternd.

Zu einschüchternd, um ihn auch zu mögen?

Wie für alle Málagenions war er mein Held, dem konnte sich niemand entziehen. Aber um ihn wirklich zu mögen, war für mich noch wichtiger, dass er ein Gegner Francos und der Faschisten war.

Könnten Sie seine Kunst denn auch schätzen, wenn es anders gewesen wäre?

Oh, schwierige Frage [überlegt lang]. Vermutlich schon. Ich bewundere ja auch die Kunst von Salvador Dali, der Franco gegenüber zumindest furchtbar gleichgültig war. Dennoch fällt es mir schwer, den Künstler vom Menschen zu trennen. Auch Picasso hatte ja bekanntlich dunkle Seiten, das Verhältnis zu Frauen etwa. Aber das versuche ich so wenig wie möglich zu bewerten; wer seine Figur beim Spielen ständig verteidigen muss, kriegt sie nicht lebendig. Umso wichtiger war es mir, sie in langen Diskussionen zu verstehen.

Diskussionen mit wem?

Dem Regisseur zum Beispiel oder Picassos Tochter Maya. Sie hat mir zum Beispiel in mehreren Gesprächen versichert, was für ein fantastischer Vater er war oder wie innig er seine Heimatstadt, die er mit zehn verlassen hatte, im Herzen trug. Solche Anker haben mir nicht nur die Komplexität dieser Figur erklärt, sondern erneut gezeigt, dass man alle Seiten eines Charakters beleuchten muss, um ihn zu begreifen. Sonst wird er hohl und kommt niemandem nah.

Wird Genius: Picasso! Durch diese Anker zu einer Serie über seine Kunst, seine Person oder seine Epoche?

Sie kennen die Antwort!

Über alles, sicher. Aber mit welcher Gewichtung?

Mit keiner, wirklich! Er führte zu allem, was ihn umgab, intensive Beziehungen – zur Kunst ebenso wie zu Familie, Freunden, der Politik. Dass Paris während seines Aufenthalts dort von den Nazis besetzt war, hat ihn Tag und Nacht umtrieben, aber nie daran gehindert, weiter zu malen, zu lieben, zu sein. Leben und Kunst waren für ihn identisch, er hat da nicht getrennt.

Gilt das auch für Sie?

Oh Gott, wenn ich ja sage, klingt das, als würde ich mich mit ihm vergleichen. Das käme mir nie in den Sinn! Aber gut: ich trenne wahrscheinlich etwas mehr als er. Wobei ich ihn an einer Stelle des Films sagen lasse, seine Kunst sei ihm wichtiger als die Familie. Das kann ich zwar durchaus verstehen, es gilt aber nicht mal annähernd für mich. Auch ich liebe meine Arbeit, bereue es aber bis heute zutiefst, ihretwegen meiner Tochter so wenig beim Aufwachsen beigewohnt zu haben. Picasso hat am Ende ja auch einen hohen Preis für seine Fokussierung auf die Kunst gezahlt. Der einzige Freund, den er am Ende hatte, war sein Friseur.

Als Picasso 1973 starb, waren Sie selbst Teenager. Welche Erinnerung haben sie daran?

Eine seltsame. Franco war noch am Leben, aber nicht mehr so mächtig. An den Universitäten herrschte Unruhe, der Rest des Landes war jedoch ruhig. Alles schien fein zu sein, auch wenn nichts fein war. was Picasso betrifft: Als gleich nach Francos Tod viele Künstler nach Spanien und auch Málaga zurückgekehrt sind, wurde mir bewusst, wie sehr ich es mir gewünscht hätte, dass auch er aus Frankreich kommt und die Strandpromenade entlang spaziert. Warum ist dieser Fucker Franco bloß zwei Jahre nach Picasso gestorben und nicht zwei davor?!

Immerhin kehrt er jetzt ja im Film zurück.

Ja, wir holen es in Genius: Picasso! gewissermaßen nach. Das sehe ich als eine Art emotionales Geschenk von Ken Biller an mich. Und an Málaga. Manche behaupten ja, Picasso habe die Stadt nicht richtig geliebt. Aber das stimmt nicht. Seine Tochter hat mir dazu eine Geschichte erzählt. Als er schon sehr alt war und nach dem Mittagsschlaf versonnen aufs Mehr vor der französischen Küste sah, fragte sie ihn: Papa, bist du in Málaga? Und er sagte: Ja, in Málaga. Ich musste dabei an meinen Vater denken. Weil er Alzheimer hatte, konnte er sich im Alter kaum an die letzten fünf Minuten erinnern, aber ganz genau an seine Kindheit. Vielleicht hoffe ich nur, dass es Picasso ähnlich ging, aber es ist ein schöner Wunsch. Ich bin Romantiker. Und der liebt diese Serie.

Vor der hatten Sie schon länger geplant, irgendwann Picasso zu verkörpern. Was hat Sie an diesem Projekt überzeugt?

Dass mir glaubhaft versichert wurde, es sein kein übliches Biopic, sondern das Porträt jener 33 Tage, in denen er Guernica gemalt hat, wie es dazu kam und was es aus ihm gemacht hat. Denn das Gemälde kam im Augenblick großer Lebenskrisen, in denen ihm auch infolge emotionaler Zerrüttung das Malen schwer fiel. Dorthin musste mich fühlen, das war sehr intensiv.

Fiel es ihnen da am Ende eines Drehtags schwer, von Pablo Picasso in Antonio Banderas zurückzukehren?

Es wurde jedenfalls von Mal zu Mal schwerer. Als ich ihn am Ende der Serie kurz vorm Tod gespielt habe, um halb drei morgens in der Maske, nach Stunden gebeugter Haltung vom Set ins Hotel, wo ich noch ein wenig an der Rolle arbeiten musste und nach der Dusche ins Bett gehen, nur um nach viel zu wenig Schlaf wieder fünf Stunden in der Maske zu sitzen – da hab ich mich in der Tat wie ein steinalter Mann gefühlt.

Ist ein paar Monate nach Drehschluss etwas von Picasso in Ihnen verblieben?

Nicht nur ein bisschen! Erst vor ein paar Tagen hatte ich imaginären Streit mit Françoise Gilot, der Mutter seiner zwei jüngsten Kinder, in ihrer Budapester Wohnung. Seine Freundin Dora Maar nahm mich erst kürzlich nochmals mit in ihr Fotostudio. Ich tauche immer wieder ab in solche Filmszenen. Nichts in meiner Laufbahn war mir je so nah wie Genius: Picasso! und nichts hat mich je so vollständig eingenommen – vom Makeup bis zur kleinsten Geste.

Aber mussten Sie dafür nicht das Genie vergessen, um den Menschen zu spielen?

Absolut. Als Normalsterblicher kann man sich dem Genie nur übers Menschliche annähern; wer es umgekehrt versucht, ist pausenlos in Gefahr, es zu übertreiben, zu überdramatisieren. Außerdem ist das Geniale an ihm bekannt genug.

Sein selbstsüchtiger Umgang mit Frauen allerdings auch. Was halten Sie angesichts der #MeToo-Debatte von seiner notorischen Untreue?

Daran ist für mich wichtig, dass er offenbar keine Frau je gegen deren Willen zu irgendetwas gezwungen hat. Emotional war er zwar oft grausam, aber nie unaufrichtig. Das ewige Kind in ihm wollte Frauen nicht sammeln, sondern keine davon verlieren. Und man darf nicht vergessen: Picasso war wie ein Planet mit enormer Anziehungskraft, um das alle Welt kreisen wollte – egal ob Frauen oder Männer, Kunstsinnige oder Kunstbanausen.

Was glauben Sie – wäre seine Anziehungskraft heute die gleiche um eine ähnliche Karriere zu starten?

Mit seinem Genie und seiner Fertigkeit hätte er jedenfalls noch ganz andere Ebenen der Kunst erobert, Film zum Beispiel.

Mit Ihnen in der Hauptrolle…

Unter Pablo Picassos Regie zu spielen – was für eine unfassbare Idee!

Weitere Interviews und Texte zu Genius: Picasso! auf DWDL

Hotel Herzklopfen: Altersliebe & Fremdscham

Im Seniorenzoo

Seit Sonntag (17.55 Uhr) steckt Sat1 zwei Dutzend Senioren ins Hotel Herzklopfen, um sie innerhalb von drei Doppelfolgen möglichst anrührend zu verkuppeln. Im Boom-Genre Flirtshow klingt das nach einer Extraportion Zynismus. Wären da nicht die überraschend eigensinnigen und selbstbestimmten Teilnehmer…

Von Jan Freitag

Fremdscham ist ein lukratives Fernsehgut – erst recht, wenn sie den Desperados der Zivilgesellschaft gilt. Außenseitern bei der Suche nach Anerkennung etwa, Arbeitslosen bei der Suche nach Jobs oder Alleinstehenden bei der Suche nach Nestwärme. Damit selbst untere Zuschauerschichten ab und an ein Gefühl von Erhabenheit haben, verkuppeln Privatsender beziehungsgestörte Menschen ja gern mit Bäuerinnen, Schwiegertöchtern, Traum-, gar Jungfrauen. Kein Wunder, das nun auch solche ins Rampenlicht der Kuppelindustrie geraten, deren Gegner im Kampf mit der Einsamkeit unbesiegbar scheint: Die Zeit.

Deshalb lädt Sat1 ab Sonntag zwei Dutzend Senioren in ein pittoreskes Gasthaus unter den Gipfeln der Schweiz, um ihnen sechs Folgen lang den Weg in die Zweisamkeit zu ebnen. Oder wie es die Dokusoap genannte Realitätssimulation aufgekratzt vom Flatscreen brüllt: für die „Liebe ihres Lebens“, stürzen sich 24 Singles über 60 ins „größte Abenteuer ihres Lebens“ – darunter macht es das kommerzielle Fernsehen auch nicht, falls die Betroffenen jahrzehntelang lang Zeit für weit umfangreichere Risiken und Wagnisse hatten.

Während der ARD-Film Altersglühen das Thema Ende 2014 noch als improvisiertes Speeddating mit Schauspielerin inszeniert hat, simuliert Sat1 die Wirklichkeit altersbedingter Isolation nun also in einer ulkigen Flirtshow. Dafür durchlaufen vom hemdsärmeligen Metzger Gusti bis zum Hansi-Hinterseer-Double Alf, von der aktiven Hamburgerin Astrid bis zur häuslichen Kölnerin Christine je zwölf Frauen und Männer aller Dialekte und Biografien den Unterhaltungsparcours des Beobachtungsfernsehens: Tretrollerrennen, Kostümdisco, Wettbacken – stets unterm Argusblick diverser Kameras und dreier Moderatoren, die jede Regung süffisant kommentieren.

Das klingt – zumal im Soundbrei aus Kirmestechno und Liebesschnulze – so zynisch wie alles, was im kommerziellen Programm unterm Label Real Life firmiert. Schließlich setzt das Plagiat des belgischen Originals die werberelevante Generation 60+ den Reizkollektoren der Erregungsgesellschaft aus. Und das wird selten schmeichelhaft. Als Gastgeber Lutz van der Horst die Gruppe auf grellpink dekoriertem Trecker grölend ins Hotel Herzklopfen fährt, liegt die Messlatte des Niveaus jedenfalls frühzeitig tief. Und sie rutscht auch nicht höher, wenn seine Ko-Moderatoren Sarah Mangione und Daniel Boschmann all die entzweiten Rest-Ager ständig zu Signalen der Paarungsbereitschaft („nun küss euch mal“) auffordern.

Der Fernsehmenschenzoo, er hat also wieder Stoßzeit. Besser: noch immer. Seit RTL die Zugkraft unvermittelbarer Landwirte 2005 aus Österreich importierte, stand besonders die Sendergruppe aus Köln tief im Dreck ausgestellter Bindungsstörungen. Wurden beim Bachelor noch wohlgeformte Modepüppchen frauenverachtet, die in Formaten wie Adam sucht Eva nicht mal mehr Zeit mit Ausziehen verplempern, stellte die Sendergruppe bald Heiratsmarktverlierer von dick bis doof ins Schaufenster ihrer Menschenverachtung. Mal mehr, eher weniger selbstbestimmte Voyeurismusobjekte auf der Jagd nach Geborgenheit zu verhöhnen, zählt seither zum Markenkern der Scripted Reality.

Während die Kopie vom arglosen Herzblatt auf Sat1Gold floppte, sank die Hemmschwelle – vom Pöbel begafft, vom Feuilleton ignoriert – also zügig ab. Wie tief, zeigt Vera int Veen. Vor zwei Jahren lancierte Jan Böhmermann in ihrer Freakshow Schwiegertochter gesucht einen Darsteller mit gespielter Geistesschwäche, die von RTL genüsslich ausgeweidet wurde. Der Aufschrei war groß, die Wirkung weniger. Im Gegenteil. Weil schlechte Werbung allemal besser ist als keine, wird weiter nach unten getreten. „Bauer sucht Frau“ erzielt damit noch immer fünf Millionen Zuschauer. Und so liegt der Verdacht nah, auch im Hotel Herzklopfen gehe es um Fremdscham. Das tut es, ohne Frage. Aber nicht nur.

Die Bewohner zeigen nämlich etwas Ungewöhnliches im Kuppelgenre: Noch weithin unverbildet von der Selbstdarstellungsdiktatur des Internets, sind viele der 24 Gäste glaubhaft authentisch. Wenn ältere Herren beim Balzen ständig zugreifen, wirkt das im Angesicht von #MeToo zwar erschreckend übergriffig. Weil ältere Damen darauf giggelnd entgegnen, vom „starken Mann“ halt gern „erobert werden“ zu wollen, passt das allerdings zu einer Generation, die noch Prügel als Erziehungsmethode kennt und nicht bei Tinder, sondern der Lokalzeitung Anschluss sucht. „Mehr als manche jungen Kandidaten“, meint Moderator van der Horst, „können die Senioren Verantwortung für sich übernehmen“. Wenn er versucht, sie mit Witzen über Langsamkeit und Torschlusspanik aufzuziehen, stellt er demnach meist sich selber bloß. Ansehnlich ist das zwar nur für die passende Alterskohorte. Aber ein Format ohne Zynismus im Billigmetier Flirtshow – das ist ja schon mal was…