Die zuckersüße Kellerdisko Tiefenrausch hat vorgemacht, dass Elektrosound auch ohne Stroboskop-Gewitter genießbar ist. Erinnerungen an Partynächte zwischen Tropenfischen, Zappelbeats und seltsamen Substanzen aller Farben.
Von Jan Freitag
Eintauchen, abtauchen, untertauchen: Wenn es um bewusst bewusstseinsverändernde Wechsel in Gefilde fern der Norm geht, wird dafür gerne mal Wassersportvokabular verwendet. In der Hamburger Hopfenstraße, dort wo St. Paulis Amüsiergegend jahrzehntelang ins Brauereiviertel ausfranste, gab es einst die Disko Tiefenrausch, die sich mit ihrem Namen dieser Assoziationen bewusst bediente.
Tiefenrausch. Clubgängern mit eigenem Erinnerungsspeicher geht gleichermaßen ein wohliges Kribbeln durchs Gemüt, wenn sie an den Laden denken. Schließlich war der kleine Kellerclub abgesehen vom unverwüstlichen Purgatory vermutlich Hamburgs erste Kleinraumdisco mit elektronischer Liedstruktur, dessen Innenausstattung vom Fabrikambiente damaliger Technoclubs konsequent abwich. Wer vor gut 30 Jahren House hören wollte, wurde seinerzeit noch vorwiegend ins Stroboskop-Gewitter geschickt – oder noch artifizieller ins Lasershow-Unwetter. Dann aber eröffnete schräg gegenüber der unberührbaren Herbertstraße dieser pittoreske Laden mit dem Mischnamen aus beidrehen, abdrehen, baden gehen und alles wurde irgendwie anders. Milder. Märchenhaft. Seifenblasig.
In den klinisch-kühlen Achtzigern am Übergang zu den übersteuert-beliebigen Neunzigern war er somit ebenso die Antithese zur herrschenden wie zur aufkommenden Partykultur jener Tage: Weder aseptisch wie Tunnel und Traxx noch poppig wie der analoge Rest des Mainstreams. Sondern wohlig warm und doch sehr künstlich. Schon dieser Einstieg: Ein paar Stufen abwärts ging es durch die wellenfarbig bemalte Fassade mit Tropenfischen hinab zur Tiefsee. Über der Theke hingen Fangnetze und Schwimmflossen, gesäumt von allerlei Korallenriffgetier aus Pappe und Plastik. Die maritime Dekoration garnierte einen Weg zum Dancefloor, der eigentlich fast überall war – so winzig kam der Meeresgrund unterm Kopfsteinpflaster daher.
Getanzt wurde darauf zu einer Art quirliger Entspannungselectronica, die dem damaligen Abzweig des langsam erwachenden Kiezes in die Chichi-Kultur ent-, zugleich aber auch widersprach. Nebenan rollte ja gerade eine Kuschelwelle über die Reeperbahn, vielerorts ging es plötzlich plüschig statt brachial zu. Noch ohne dem “Ex” davor hing selbst im Punkerschuppen Sparr ein Gemälde voll röhrender Hirsche überm Troddel-Sofa. Es war die Zeit der Geweihe und Flora-Soft-T-Shirts. Nach dem verlorenen Jahrzehnt blutiger Bandenkriege und konstanter Vernachlässigung wurde St. Pauli stellenweise behaglich, im Tiefenrausch vertont durch einen Sound, der dem zackigen Acid die Kanten abschliff und das Gemüt eher umschmeicheln als aufwühlen wollte.
Anfang der Neunziger wurde der Clubsound im Tiefenrausch dann zusehends ergänzt vom damals noch smartem Hip-Hop. Der Sprechgesang fand hier ein wichtiges Refugium und machte Hamburg für kurze Zeit zu einem Kristallisationspunkt des europäischen Hip-Hops. Das war natürlich, wie so oft im Rotlichtbereich, ein Stück weit Tarnung der vorherrschenden Mehrheitskultur, denn auch im Tiefenrausch drang neben feinem Elektro und Hip-Hop regelmäßig Mainstream aus den Boxen. Aber man ließ sich davon nur zu gerne blenden. Unterstützt übrigens durch diverse Pillen und Mischgetränke seltsamer Farbgebung von altrosa bis frühlingsgrün, die ihre Wirkung gern unverhofft und verspätet entfaltet haben. Schon deshalb verließ man den Laden selten vor dem Morgengrauen – um aus dem glitzernden Ozean sediert ins Brackwasser der Nachbarschaft gespült zu werden.
Die Querungen der Talstraße Richtung Hafen waren da nämlich noch fest im Griff von Prostitution und Anwohnerparken. Dort, wo die Gentrifizierung bald darauf eine Schneise der Aufwertung ins Quartier trieb, lebten und arbeiteten seinerzeit echte Menschen mit gewachsener Verwurzelung. Statt eines Hotels mit imperialem Namen überm Kupferportal im Albert-Speer-Gedächtnis-Stil erhob sich braukesselgesäumt das stilisierte Betonbierglas der Astra-Zentrale in den Himmel. Wo es jetzt streng nach Geld und Kaffeekapseln riecht, roch es noch strenger nach Hopfen und Malz. Umso erstaunlicher, dass mit dem Wandel von St. Pauli am Ort des Tiefenrausches der Punkrock noch ein Zuhause fand.
Schon in den letzten Zuckungen des Clubs vor der Jahrtausendwende mischte sich montags zwischen Breakbeats und House ein entfesselter Ska-Abend. Und als dann endgültig Schluss war mit Elektronik, zeigten schon die Namen der Nachfolger von Skorbut bis Kraken, wo hier musikalisch der Hammer hing. Der aktuelle Pächter namens Menschenzoo ist ein beharrliches Relikt dieser Punkkultur.
Man taucht allerdings nicht mehr wirklich ein, der Kellerabgang wurde zugemauert, die Fische fehlen sowieso. Chichi war gestern. Und dass die geschossarme Häuserzeile darüber einmal dem Renditewahn zum Opfer fallen wird wie die Brauerei gegenüber, ist keine Frage des Ob, allenfalls des Wann. Es verschwände ein Stück Aufbruchkultur vor dem Zeitalter der Stahlverglasung. Und damit die Erinnerung an Kurzurlaube in einem Club, der zwischen damals und heute stand wie kaum ein anderer. Blubbblubb.
Zugegeben, bevor ein Musik-Superhirn es bemerkt: Henning Wehland ist gar kein Hamburger. Damit sprengt er nach ziemlich genau zwei Jahren 2 Bier – 1 Platte frech das Konzept. Manche mögen sagen, er darf das – wegen seiner jahrzehntelangen Karriere bei den H-Blockx und Söhnen Mannheims, seiner Arbeit als Moderator bei Viva 2 und Coach für junge NachwuchsmusikerInnen im Privatfernsehen. Glaub ich nicht. Aber wer seine Platte Der Letzte an der Bar nennt und sich schon nachmittags als erster mit mir an einer in Hamburg zum Bier trifft, gehört zu dieser Kolumne wie der eiskalte Korn in die Kneipe nebenan.
Von Marthe Ruddat
Henning: Ich mag Hamburg aber auch sehr! Ich habe viele Freunde hier. Und Hamburg und Münster haben auch sehr viele Gemeinsamkeiten: das große Gewässer in der Innenstadt, das Studentenleben, die schöne Altstadt.
freitagsmedien: Hamburg hat aber etwas, was Münster nicht hat: Udo Lindenberg. Und um den soll es heute gehen, oder?
Ja, das stimmt.
Wieso hast Du dir eine Platte von Udo ausgesucht? Und vor allem: welche?
Was Musik angeht bin ich sehr stark von meinem älteren Bruder beeinflusst worden. Über ihn bin ich an deutschsprachige Rock- und Punkmusik gekommen. In den Siebzigern kam man in dem Bereich einfach gar nicht an Udo Lindenberg vorbei. Und da gab es eine Platte, die mich einfach wahnsinnig fasziniert hat: Votan Wahnwitz.
Votan Wahnwitz erscheint 1975. Es ist Udo Lindenbergs fünftes Studioalbum und eingespielt mit dem berühmten Panikorchester.
Was hat dich so fasziniert an diesem Album?
Also zum einen ist das einfach die beste Udo-Platte. Jeder Song ist ein Hit, Knallertexte und wirklich einzigartige Musik. Was mich aber als 7-Jähriger besonders beeindruckt hat ist das Cover der Platte. Da ist vorne drauf ein Porträt von Udo und zwar ohne Hut und ohne Brille. Und hinten drauf ist das Orchester zu sehen. Und die Cellistin ist als einzige komplett nackt und verdeckt ihren Intimbereich mit dem Cello. Für mich war das damals die Ausgeburt des Rock’n’Roll.
Hat dein Bruder dir die Platte geschenkt?
Nein, aber mein Bruder hatte irgendwann die alte Kompaktanlage meiner Eltern bekommen. Wir hatten immer schon ein sehr gutes Verhältnis und deshalb durfte ich zu ihm in den Keller kommen und seine Platten auflegen. Zu Weihnachten hat er dann oft Mixtapes oder ganze, auf Kassette überspielte Platten verschenkt. Und ich habe sie mir dann auf meinem Mono-Kassettenspieler immer wieder angehört. Und so bin ich auch zu der Votan Wahnwitz gekommen.
Verbindet Euch die Platte dann heute noch? Hört ihr sie zusammen, wenn ihr euch seht?
Die Platte verbinde ich schon sehr mit meinem Bruder, aber zusammen singen wir eigentlich eher selten. Die Kompositionen auf dieser Platte sind auch meistens echt so episch, dass sie nicht so einfach nachzuspielen sind. Mein Bruder und ich waren allerdings mal gemeinsam mit unserem Vater in der Steiermark wandern. Irgendwann habe ich angefangen Das kann man ja auch mal so sehen vor mich hin zu singen. Als ich wieder aufgehört habe, hat mein Bruder dann plötzlich weiter gesungen und so haben wir uns bei der Wanderung irgendwie ein bisschen gebattlet. Das war auf jeden Fall das modernste Wanderlied, das ich jemals gehört habe.
Ist Das kann man ja auch mal so sehen dein Lieblingssong auf der Platte?
Nein, das ist Jack. Das ist eine Nummer, die vom Tod eines Freundes von Udo handelt.
Udo Lindenberg – Jack
Heute morgen um 7 ging das Telefon / sie sagten: Dein Freund Jack ist tot
ein Laster ist frontal in ihn reingeknallt / der hatte überholt trotz Überholverbot
Zuerst wollte ich das nicht begreifen / ich dacht’, das ist ein makabrer Gag
mein Freund Jack kann doch nicht so plötzlich sterben / wir wollen doch heute abend noch zusammen weg
Es war wie ein Faustschlag in den Magen / diese Nachricht von Jackies Unglück
ich versuchte mir vorzustellen / wie dieser Lkw auf ihn zukommt
und was in Jack vorgeht in diesem Augenblick /Ein komischer Zufall, erst vor zwei Wochen
haben wir noch über den Tod gesprochen / er hatte Angst davor, er meinte, dann ist alles zu spät
ich sagte: Nein Jack, ich glaub’, daß nach dem Tod / das Leben irgendwie weitergeht!
Über den Wolken ist es so schön / wie in den Bergen der Antarktis
und weiter geht dein Flug, vorbei an den Planeten / und du erreichst die Rock ‘n Roll-Galaxis
Und da siehst du ihn wieder / Jimi Hendrix, ich weiß noch, als er starb
warst du sehr traurig / weil’s für dich keinen Größeren gab
und Buddy Holly / singt für dich noch einmal “Peggy Sue”
du bist froh, daß er auch da ist / und zusammen mit deiner neuen Freundin Marylin
hörst du ihm zu / Brian Jones und Janis Joplin auf dem Nebelpodium
und bald gehörst auch du zu ihrem Stammpublikum
Ob die Geschichte wirklich wahr ist, weiß ich gar nicht. Aber das ist auch glaube ich gar nicht wichtig, denn es geht um das Erzählen einer Geschichte. Ich glaube nicht, dass Udo Lindenberg so gut funktioniert, weil er die größten Hits geschrieben hat, die musikalisch total beeindruckt haben. Er war und ist erfolgreich, weil er Dinge auf den Punkt bringt und ausspricht, die sich oft noch niemand getraut hat auszusprechen. Und gerade auf der Votan Wahnwitz hat er mit Sprache Bilder gemalt, wie es bis dahin in der deutschen Rockmusik noch niemand geschafft hat.
Ist er damit ein Vorbild für dich geworden?
Ja, auf jeden Fall.
Hast du ihn mal getroffen?
Ja, das war echt geil. Ich habe ja das große Glück, dass ich in den letzten Jahren viele beeindruckende musikalische Persönlichkeiten treffen durfte. Bei den meisten hat sich im Laufe der Zeit das Bild über die Person verändert, manche sind sogar Freunde geworden. Udo ist aber immer so ein Phänomen geblieben und das wird er auch bleiben, glaube ich. Ich glaube er hat sich irgendwann entschieden ein Leben zu führen, das kein anderer führt. Er wollte eine Kunstfigur erschaffen, die sich in den Dienst dessen stellt, was sie sieht. Die Kunstfigur äußert sich ja schon darin, dass er seit 40 Jahren in einem Hotelzimmer wohnt. Da war ich übrigens auch schon mal.
Echt? Erzähl!
Naja, also wenn du in der Wohnung bist hast du auf jeden Fall nicht das Gefühl in einem Hotel zu sein. Es ist schon sehr privat. Das mag ich ja. Wenn die Menschen ihren Ruhm und den Reichtum nicht ausnutzen, um andere zu beeindrucken, sondern um sich selbst auszudrücken. So wirkte das bei ihm.
Gibt es eine Frage, die du Udo Lindenberg gerne mal stellen würdest, dich bisher aber noch nicht getraut hast?
Puh, ich glaube es geht da nicht unbedingt um Trauen. Meine Frage wäre eher etwas ausufernder. Udo hat sich ja so den Ruf eines Paten erarbeitet, der irgendwie im besten Sinne des Wortes eine Art Mafiosi ist. Es gibt auch Geschichten über Geheimräte, seine engsten Mitarbeiter und Freunde. Es würde mich einfach interessieren, wie das so gekommen ist und was für ein System dahinter steckt.
Das wäre eine ganz gute Frage für einen gemütlichen Abend am Tresen. Der Titel deines Albums lässt vermuten du seist eine Barfly.
Ja tatsächlich, immer noch und auch sehr gerne. Die Bar ist ein bisschen wie Bahnfahren: Du kannst dir nicht aussuchen, wer neben dir sitzt und am Ende fängt man aber doch oft ein Gespräch an oder belauscht andere Gespräche. Am Tresen trifft man sich einfach immer auf Augenhöhe, da ist es egal, wo man herkommt. Und da entstehen einfach die besten Geschichten.
Diese Geschichten erzählt Henning Wehland auf seinem Solo-Debüt Der Letzte an der Bar. Das Album erscheint am 27. Januar. Zum Überbrücken der Wartezeit und fröhlichem Musiker-Raten eignet sich das gleichnamige Freunde-Video hervorragend. Weitere Infos auf Hennings Facebook-Seite.
Wenn sich das Jahr dem Ende entgegen neigt, beginnt gemeinhin die Zeit der Rückblicke. Von satirisch bis sportlich, von ernst gemeint bis unfreiwillig komisch ist dann auf beinahe allen Kanälen alles dabei, was viele in dieser überhitzt schnelllebigen Epoche schon Tage nach dem Ereignis vergessen haben, weil es von einem andern überlagert wurde. Wofür das Rückblicksfutter in den vergangenen zwölf Monaten ungeachtet des zynischen Verdrängungswettbewerbs jedoch gesorgt hat, ist ein Zuspruch für seriöse Medien wie schon lange nicht mehr.
Auch das ZDF hat ähnlich der ARD vom Bombardement harter Nachrichten profitiert und zum fünften Mal in Folge den inoffiziellen Titel des meistgesehenen Senders errungen. Dazu muss allerdings dringend ergänzt werden: Ohne athletische Zuschauermagneten wie Fußball-EM oder die Doping-Olympia läge das Zweite wohl kaum mit 13 Prozent Marktanteil ein paar Zehntel vorm Ersten, sondern womöglich ein Stück hinterm Dritten RTL.
Der frühere Branchenprimus hat schließlich nicht nur in der willkürlichen Zielgruppe unter 49 oft die Nase vorn, sondern überzeugt dank ordentlicher Blockbuster der Art von Winnetou, dessen Neuauflage zuletzt drei Teile lang im Schnitt rund fünf Millionen Zuschauer sehen wollten, längst auch das Gesamtpublikum. Der ARD bleibt aber natürlich immer noch König Tatort. Wenn er denn regieren darf. Gestern indes wurde der Dortmunder Fall namens Sturm auf Ende Januar verschoben, weil der darin enthaltende Selbstmordattentäter-Terrorismus zu nah an der bitteren Wirklichkeit von Berlin lag. Antiquiertes Taktgefühl oder zeitgemäße Pietät? Es gibt Sitten und Gebräuche, die überstehen jeden Zeitgeist.
Die Frischwoche
2. – 8. Januar
So wie manch ein Fernsehermittler. Georges Simenons Groschenromanfigur Jules Maigret etwa wurde schon 1932 zum Filmpolizisten verwandelt und seither von knapp 30 Darstellern verkörpert. Darunter besonders Jean Richard, der das Bild des Pariser Kommissars seit 1967 auch im ZDF prägte. Nun geht sein neuester Nachfolger im Ersten auf Mörderjagd: Rowan Atkinson. Ausgerechnet! Als Witzfigur Mr. Bean ist der Brite bisher nur in ulkig aufgefallen, was auch hier exakt das Problem. Denn wann immer er als Melancholiker mit Pfeife auftaucht, erwartet man instinktiv was Lustiges.
Allein – es kommt nicht, nie. Im Gegenteil: Wie beim gestrigen Debüt strahlt sein Maigret auch nächsten Sonntag (21.45 Uhr) elegante Zurückhaltung aus, wenn er einem Bauernkiller nachspürt. Und dann erst diese 50er-Aura: Füller, Wählscheiben und Notizblöcke, Männer mit Hut und Ganoven mit Fliege in einem wunderschön patinierten Paris – das verweist auf Zeiten, in denen das Fernsehen sein Publikum noch zu entführen vermochte. Da darf man dann ruhig vergebens auf einen Scherz der Titelfigur warten…
Was im Übrigen ebenso auf die Sitcom Magda macht das schon! zutrifft, die RTL ab Donnerstag um 21.15 Uhr in Doppelfolgen zeigt. Als klischeepolnische Haushälterin, die den Haushalt einer klischeedeutschen Familie durcheinanderordnet, rettet auch Burgschauspielerin Verena Altenberger das Format nie vorm Klamauk. Und weil der Taunus-Krimi in seiner neuesten Folge heute im ZDF dank Ulrich Tukur als Killer in seiner aufdringlichen Brutalität erstmals nicht unfreiwillig komisch ist, wird es diese Woche (Teil 2 Mittwoch) auch mit Tim Bergmann und Felicitas Woll eher ernst.
Ernsthaft peinlich wird es Mittwoch, 22.30 Uhr, wenn Sat1 Mega! Hotels, dann Die größte Therme der Welt porträtiert. Wenn sich der verseifte Kanzler-Kanal von früher mit dem Größenwahn von heute beschäftigt, kann man sich sicher sein: kritische Töne gibt’s nicht. Fernsehen für Fortschrittshörige. Fernsehen für Musikfans läuft Freitag um 22.45 Uhr. Dann zeigt Arte das Konzert der Red Hot Chili Peppers beim vorjährigen Rock am Ring, gefolgt von Tracks.
Weil frisches Fernsehen in den frühen Tagen des Jahres eher selten ist, fallen die Wiederholungen der Woche umfangreicher aus. Um zu zeigen, dass neu nicht immer das bessere alt ist, zeigt der Bayrische Rundfunk ab Montag abendlich um 20.15 Uhr die Originale der Winnetou-Reihe aus den 60ern in Technicolor. Auch farbig, aber tiefgründiger ist Claude Leluches Ein Mann und eine Frau (Montag, 22.10 Uhr, Arte), für viele schon deshalb einer der schönsten Liebesfilme, weil die Leidenschaft zwischen zwei verwitweten Internatskindereltern 1966 so hauchzart wachsen durfte. Weniger zart geht es beim Schwarzweißtipp Im Schatten des Zweifels zu, Hitchcocks Frühwerk von 1943 mit Joseph Cotten als Serienmörder (Donnerstag, 20.15 Uhr, 3sat).
Sehenswert ist auch die Tatort-Wiederholung, auch wenn es eher ein Spin-Off ist: Schimanski – Blutsbrüder (Dienstag, 23.45 Uhr, NDR) mit dem 1997 nur irdischen Christoph Waltz in der Episodenhauptrolle. Und weil Retro schick ist, noch ein Montagabend auf 3sat für Fans von Elvis – angefangen mit einem Biopic, in dem Jonathan Rhy Meyers nach John Lennon auch den King zur Deckung mit dem Original bringt, gefolgt von einer hinreißenden Doku über dessen Deutschland-Aufenthalt.
Katastrophen überall, auch in der Musik. Von Bowie über Lemmie bis Cohen und zuletzt sogar noch unvermittelter George Michael – Leichen pflastern den Weg des ausklingenden Jahres. Aber auch allerlei Dinge, die im Gedächtnis haften bleiben werden. Hier sind ein paar davon. Schwer subjektiv, aber nach bestem Wissen und Gewissen ausgewählt von freitagsmedien:
Großer Star
A Tribe Called Quest
We Got It From Here … Thank You For Your Service (Sony) Die Geburt eines Genres: Wiedervereinigungsabschiedswerk als virtuos eingespielte Retrospektive und weitsichtiger Ausblick des HipHop von Legenden, die man beinahe schon vom Schirm verloren hatte. Beinahe.
Junges Talent
Whitney
Light Upon The Lake (Secretly Canadian) Der beste Westcoast-Folk’n’Roll seit den Beach Boys, kreiert mit Falsett, Bläsern und hinreißend schönen Sommermelodien von einer Handvoll Slacker aus dem winterkalten Chicago, dass es Herz und Hirn erwärmt wie selten zuvor in diesem frostigen Jahr.
Deutsch und doch…
Friedrich Sunlight
Friedrich Sunlight (Tapete) Fünf ausgelassene Augsburger machen Schlager ziemlich banaler Art, singen dazu auf Deutsch von allerlei Trallalli und Trallala, haben sichtlich Spaß dabei und vor allem: wir auch! Das Manfred-Krug-Gedächtnis-Album 2016 schlechthin und doch voller Eigensinn.
Geheimtipp
.Klein
Bengal Sparks (Spezialmaterial) Mit seinem Mix aus funkigen HipHop und rockigem Trashpop macht der Multiinstrumentalist Lutz Nikolaus Kratzer aus Hamburg jeden Kellerclub zur Großraumdisco, theoretisch aber auch umgekehrt. Wenn man ihn mal hinein ließe. Lässt man aber nicht. Leider.
Bekannttipp
A Tribe Called Red
We Are The Halluci Nation (Radicalizd Record) Von indischer Folklore bis Walgesang – was wurde dem afroamerikanischen HipHop nicht schon alles ethnologisch angedichtet! Und jetzt also auch noch US-indianischer Tribalismus mit Trommeln, Schreien, Hejahejahej? Ja, genau, grandios!
Gute Unterhaltung
Peter Doherty
The Hamburg Demonstrations (Clouds Hill) Auf seinem Grundpegel an Heroin und Kreativität, anhaltendem Selbstzerstörungsdrang und unverwüstlichem Lebenswillen, feiert das fröhlichste Wrack des Britrock in seiner mittelfristigen Wahlheimat Hamburg den Zauber der Analogie.
Auch das Fernsehen stand 2016 natürlich im Schatten dramatischer Ereignisse. Und hat es allem Anschein nach politischer gemacht als je zuvor. Ein TV-Rückblick mit Ausblick.
Von Jan Freitag
Es war Anfang August, als dem TV-Jahr Erstaunliches widerfuhr: Acht Tage lang kein ARD-Brennpunkt, nicht die kleinste Sondersendung zu Terror, Brexit, Krieg, Putsch, was den Globus in 52 Wochen ringsum so geschüttelt hat. Die standen so konstant im Bannstrahl radikaler Weltereignisse, dass der des türkischen Sultans Erdoğan gegen Böhmermanns Schmähgedicht nach dem Spottlied bei extra 3 nicht acht Monate her zu sein scheint, sondern ewig. Anders gesagt: Positive Nachrichten hatten es 2016 echt schwer.
Ein Schicksal übrigens, dass sie sich mit positiver Fiktion teilen. Das Klima war so gereizt, dass selbst leichtes Entertainment oft schwere Kost war. Der Fall Barschel zum Beispiel am 6. Februar: Im Kern war dieses Meisterwerk wie Der gute Göring, dessen weniger guten Bruder Francis Fulton-Smith zuvor akkurat überdreht auferstehen ließ, nur ein weiteres Stück Historytainment, mit der die ARD ihre Primetime füllt. Hinter Kilian Riedhofs furioser Inszenierung des Politik- und Medienbetriebs der 80er jedoch schimmerte die populistische Systemkritik von heute mit. Vom zweiten Highlight dieser Art ganz zu schweigen.
Erst bebilderte das ZDF den NSU-Prozess mit Beate Zschäpes Fahrt zur Oma (Letzte Ausfahrt Gera). Dann durchleuchtete ihn ARD-Trilogie Mitten in Deutschland aus Sicht von Tätern, Opfern, Polizei fiktional, aber realitätsgetreu. Was wiederum an den Staatsanwalt Fritz Bauer (Ulrich Noethen) erinnert, der im exzellenten ARD-Biopic Der General gegen braune Seilschaften der Nachkriegsjustiz kämpft. Und als das Publikum übers Urteil für Florian David Fitz als Bundeswehrpilot abstimmen durfte, der im ARD-Drama Terror ein entführtes Passagierflugzeug abschießt, war klar: Unterhaltung ist politisch wie selten.
Daran konnte weder der 1000. Tatort was ändern, bei dem sich Axel Milberg zu Maria Furtwängler ins Taxi nach Leipzig setzte. Auch nicht Winnetous weihnachtliche Wiedergeburt auf RTL. Und schon gar nicht Ku’damm 56, in dem das ZDF den Wirtschaftswundermuff so erfolgreich wegkoloriert, dass Fortsetzung folgt. Deutsche Serien hingegen beackern gern mal das parlamentarische Feld. Allen voran Die Stadt und die Macht mit Anna Loos im Berliner Korruptionssumpf – hervorragend gespielt, durchaus glaubhaft, allerdings wenig populär. Was beweist: Wenn sich die Zuschauer über längere Strecken auf Fiktion einlassen, sollte es die Wirklichkeit eher streifen als kopieren.
Das hat neben Arte, das dank Serien wie Jordskott oder Die Erbschaft hervorragt, besonders Netflix begriffen. Vom nostalgisch schönen Mysterium Stranger Things mit Winona Ryder in 83er-Beige übers famose Queen-Porträt The Crown bis zur reizenden Krimigroteske Dirk Gently’s holistische Detektei hat der Streamingdienst verinnerlicht, wie man das lineare Fernsehen aufmischt. Das zieht nicht nur Konkurrenz wie Sky nach oben, die mit dem Kiffer-Panoptikum High Maintenance, einer Popkulturreise namens Vinyl oder der seriellen Dystopie Westworld ebenfalls die nächste Niveaustufe erreicht; auch unser Markt ist geweckt.
Gut, nicht grad RTL, das die Fortsetzung von Deutschland 83 an Amazon Corp. (die wir angesichts der menschen- und umweltfeindlichen Firmenpolitik nur wegen ihres Testosteron-Vollbads Top Gear erwähnen, dem sie mentalitätsgemäß Asyl gewährt) verkauft hat und sonst Altmetall (Heißer Stuhl, Gottschalk, Tutti Frutti) recycelt. Die ARD schickt weiterhin Ermittler um den Globus (Urbino, Kroatien, Island), statt kreativ zu werden. Nur beim ZDF zeigen das Boxer-Melodram Tempel oder die Nazi-Persiflage Familie Braun, dass man öffentlich-rechtlich nicht nur mit Information überzeugen kann. Und für die steht am Ende neben NDR-Reporter Michel Abdollahi vor allem er: Claus Kleber.
Sein brillantes Interview mit dem deutschen Erdoğan-Anwalt steht ebenso wie die Reportage aus dem Silicon Valley (Schöne neue Welt) stellvertretend für Sachkenntnis von ARZDF, zu der sich allerdings gerade nach dem Verlust der Olympischen Spiele gern Unterhaltungskompetenz jenseits von Sport und Show gesellen darf. Also nicht nur Biopics (Die Dasslers), Krimis (Maigret), Remakes (Das doppelte Lottchen) im Ersten oder eine Eigeneloge auf 50. Jahren Farbfernsehen im Zweiten, sondern wahrer Wagemut, wie ihn Sky im Herbst mit Tom Tykwers Babylon Berlin an den Tag legen dürfte.
Überhaupt: Das Netz entdeckt die deutsche Sprache. Maxdome nutzt sie erstmals in der Buddy-Reihe Jerks mit Christian Ulmen. Netflix besetzt Tom Schilling im Familiendrama Dark. Amazon mietet für You Are Wanted natürlich den wohlfeilen Mainstreamking Matthias Schweighöfer an. Da sehen die privaten Platzhirsche mit Iny Klockes nächstem Sat1-Mittelalterschinken Ketzerbraut oder der Trampolinsause Big Bounce (RTL) natürlich älter aus, als die großen Fernsehverluste dieses Katastrophenjahres geworden sind: Roger Willemsen, Götz George und Manfred Krug, Zimmer frei!, Domian oder ZDFkultur. Ruhet sanft! Da oben ist es vermutlich friedlicher als hier unten.
Wenn dieser Tage etwas allzu arg nach USA klingt, das allzu aufdringlich great again werden will, reagieren liberale Gemüter instinktiv skeptisch. Der Genremix Americana, stilistisch zwischen Country und Folk angesiedelt, hat es demnach gerade schwer, unpolitische Aufmerksamkeit zu kriegen. Durch diese hohle Gasse müssen Cary Ann Hearst und Michael Trent also erstmal kommen, um zu uns durchzudringen. Dann aber schaffen sie es spielend. Unterm Duett-Namen Shovels & Rope zelebriert das Ehepaar aus South Carolina bereits seit fast zehn Jahren seine alternative Version des Westernsounds. Unterm Titel Little Seeds erscheint ihr fünftes Album jetzt auch in Deutschland. Und es ist ganz hinreißend.
Mit einem klingenden Fuhrpark analoger Instrumente, grundiert von Gitarre (Trent) und Schlagzeug (Hearst), schlingert ihr bezaubernder Doppelgesang durch Harmonien, die nie harmonisch sein müssen, aber sind, weil sie Harmonie als Zusammenspiel, nicht Wohlklang definieren. Gewiss, manchmal klingt das schon wie Dolly Parton und Willie Nelson im Duett. Zwischendurch aber kratzt und hakt ständig es in den Arrangements, die dadurch etwas Räudiges, Ungeschliffenes kriegen. Mit einer gehörigen Portion Humor und Politik in den Texten hat das Ganze dann mit den hässlichen Seiten der USA ohnehin weniger zu tun als Donald Trump mit einem Intellektuellen.
Shovels & Rope – Little Seeds (New West Records)
Matthew & The Atlas
Mit Vergleichen sollte man sich tunlichst zurückhalten, wenn man den Vergleichssubjekten keine allzu große Last auf die Schultern bürden möchte wie Atlas die Erdkugel, an der er sich bekanntlich schwer verhoben hat. Den unscheinbaren Singer/Songwriter Matthew Hegarty als “britischen Bon Iver” zu bezeichnen, mag also atmosphärisch nahe liegen, ist aber wenig konstruktiv. Zu gediegen ist das Werk des kanadischen Vergleichsgegenstands; zu eigensinnig ist der Verglichene als Kopf des Folk-Quartetts Matthew & The Atlas, also der mit dem Globus. Ihn scheint der singende Gitarrist durchaus herumzutragen, so gequält klingt sein Gesang manchmal. Aber das umschreibt es nur wenig erschöpfend.
Auf der Unplugged-Version ihres zweiten Albums Temple, das im Frühjahr zumindest ein paar Experten des Genres verzückt hat, entspringt dem strikt analogen Gemisch aus Gitarren, Kontrabass, Harfe nämlich etwas Außergewöhnlich: Lebensbejahende Melodramatik, die den Eindruck erweckt, Matthews Schultern trägt die Last des Planeten durchaus gern. So gesehen könnte man einen weiteren Vergleich anstellen und gleich widerlegen: Antony and the Johnsons. Nicht, weil beide Sänger den Nachnamen teilen, sondern tief verwurzelte Schwermut in bezaubernde Melodien pressen. Der britische Hegarty schafft es dabei jedoch anders als der aus New York, ein bisschen am Pathos zu sparen. Ohne Strom übrigens noch schöner als mit.
Matthew & The Atlas – Temple unplugged (Communion)
Hodgy
Kein Sonderzeichen im Titel, aber dafür umso mehr Text wie in seinem Metier üblich, verabreicht uns ein alter Bekannter des HipHop: Hodgy (Beats). Ohne sein kalifornisches Rap-Kollektiv Odd Future Wolf Gang Kill Them All, kurz OFWGKT, also auch ohne Tyler, the Creator, treibt er für seine Lyrics diesmal allerdings nicht in einem Seitenarm seines Metiers und macht aus Splatterfilm-Sequenzen Horror-Sprechgesang, sondern krault in einen der Hauptströme, die man schon fast vergessen hat. Auf seinem Solo-Debüt Fireplace: TheNotTheOtherSide macht Hodgy nämlich eine Art Gangsta-Rap, allerdings ohne jede Gangsta-Attitüde, wofür man sich allerdings mühsam am Gangsta-Vokabular vorbeihören muss.
Schon im dritten Track Barbell dekliniert er schließlich so unfassbar oft das bös N****-Wort durch, dass Pulp Fiction im Vergleich völlig frei davon wirkt. Auch danach wird wild weiter geniggert, gelegentlich angereichert um jene “Fucks” und “Bitches”, die sich selbst moralisierender Conscious-Rap wie dieser nicht verkneifen kann. Dennoch sprechen drei Gründe dafür, zuzuhören: Die Texte ironisieren das selbstreferenzielle Ghettogelaber eher als es zu feiern; Gaststars wie Busta Rhymes oder Salomon Faye verweisen wie Hodgy selbst auf eher kritische Perspektiven zu den inkriminierten Lyrics. Und dann ist der Sound so großartig reduziert, dass man nicht umhin kommt, Fireplace als gelungenen Jahresabschluss des HipHop zu bezeichnen. Fucking Christmas, N****z!
Wer dem Schauspieler Sky Du Mont gegenübersitzt, ist überrascht, wie sehr er seiner bevorzugten Rolle als augenzwinkernder Schnösel entspricht und zugleich davon abweicht. Selten zuvor hatten die freitagsmedien einen interessanteren Interviewpartner, der sich für nichts schämt und zugleich vieles kritisch reflektiert. Sein Einstehen fürs Eliteinstitut Gymnasium darf man natürlich trotzdem wie viele seiner Rollen ablehnen, aber als Gesprächspartner zu Themen vom Schuh des Manitu (Freitag, 20.15 Uhr, ProSieben) über Haarausfall bis Rainer Brüderle ist er die Wucht.
Interview: Jan Freitag
freitagsmedien: Herr Du Mont, war es eigentlich im Sinne Ihrer Familie, dass Sie Schauspieler geworden sind, oder hätte die sich einen standesgemäßen Beruf gewünscht?
Sky Du Mont: Nein, das war nicht in ihrem Sinne.
Sie waren aber nicht folgsam.
Natürlich nicht. Ich hatte schon immer meinen eigenen Kopf. Es war nur so, dass meine Lehrerin an der Schauspielschule, wo ich später die staatliche Prüfung abgelegt habe, zu mir sagte: Mit deinem Äußeren wirst du immer abgestempelt werden. Also mach die Prüfung, geh ans Theater.
Ihr Äußeres, das ist eher aristokratisch.
Kann man so sagen. Aber dann müssen Sie mal sehen, was passiert, wenn die Leute am Set meine Tätowierungen entdecken. Die wollen das dann immer ganz hektisch überschmücken, weil das oft nicht zur Rolle passt.
Wo haben Sie denn überall welche?
Och, überall, hier (zeigt auf den Arm), am Rücken, zu viel für klassische Aristokraten jedenfalls. Ein Sakko trage ich jetzt nur für Sie, sonst bevorzuge ich lockere Kleidung.
Seit wann sehen Sie denn aus, wie Sie aussehen?
Immer schon.
Früh ergraut also?
Auch. Haben Sie sich nicht verändert?
Natürlich.
Wo konkret?
Die Haare vor allem. Als Jugendlicher Dreadlocks, später kahl rasiert, jetzt etwas bürgerlicher mit kahlen Zonen.
Sehen Sie! Ich würde mir liebend gern den Kopf rasieren, aber dann verdiene ich nichts mehr, weil ich immer ins Klischee dieser Seidenschal-Rollen gedrängt werde. Ich wollte mir meine Haare mal blau färben – ging nicht.
Kann man sich ab einem bestimmten Zeitpunkt seiner Karriere nicht mehr erlauben?
Nein, weil ich dann nicht mehr das erfülle, was man mit mir verkaufen will.
Klingt da eine Klage durch?
Keine Klage, bloß eine Feststellung. Julia Roberts hat ihr halbes Leben gegen Pretty Woman angespielt. Aber je weniger Schönheit diese ausgezeichnete Schauspielerin gezeigt hat, desto weniger Menschen sahen ihr dabei zu. Man kann das Publikum halt zu nichts zwingen. Darunter leide ich nicht, es geht mir gut, was gäbe es zu klagen. Ich habe also was von den Klischees, in die man mich besetzt. Aber Snobs spiele ich heute zutage kaum noch.
Ihr Theo Schlikker, der seiner entlassenen Verkäuferin auf die Frage, wie sie ihre Kinder ernähren soll, antwortet, dann müsse sie sich halt etwas zurücknehmen, ist kein Snob?
Mein Schlikker hat als Metzgerlehrling begonnen, weiß also, was Armut ist, hat dann aber ein Vermögen verdient, war in den höchsten Kreisen eingeladen, alle kamen angekrochen – da hat er die Bodenhaftung verloren. Das ist nicht snobistisch, das ist weltfremd.
Wie würden Sie denn einen Snob beschreiben?
Als Narzisst, der sich für einen besseren Menschen hält. Ein Snob klebt sich Aufkleber mit „Eure Armut kotzt mich an“ auf den Porsche. Grauenvoll. Früher habe ich solche Typen in der Tat öfter spielen müssen; ich war halt jünger und musste meine Miete verdienen. Aber das war noch die Zeit von Derrick.
Verhöre in der Grünwalder Villa.
Genau. Aber dann hab ich meine Liebe zur Komödie entdeckt, so vor 15 Jahren. Und glauben Sie mir: es folgten finanziell schlanke Jahre. Weil ich viel abgesagt habe und zugleich Industriezeugs machen musste. Imagefilme für Fräsmaschinen, solche Sachen. Ich hatte keine Lust mehr, nur noch die miesen Typen zu spielen. Die Wende begann mit dem ersten Otto-Film. Ich durfte zeigen, dass ich auch komödiantisch sein konnte. Ich habe dann viele Komödien am Theater gespielt und dann kam der Schuh des Manitu.
Wo Sie einen miesen Typen spielen.
Weil ich vorher zu Bully gesagt habe, ich mach nur mit, wenn ich mich über mich selber lustig machen kann und mein eigenes Klischee karikieren. Mein Credo lautet: Mach alle Witze über dich selbst, bevor es andere tun.
Und finden Sie den Ansatz gelungen, das ernste Thema Schlecker-Pleite humoristisch zu verarbeiten?
Das ist eine sehr deutsche Frage, die man im angelsächsischen Raum nie stellen würde. Meine Antwort: Warum nicht!
Deutsche Anschlussfrage: Muss man über alles lachen dürfen?
Solange man über sich selbst lacht, schon.
Wie viel vom fiktionalen Sky Du Mont, über den wir gemeinsam am Bildschirm lachen, entspricht denn dem realen?
Nichts, Null. Aber als ich mal einen Todkranken gespielt habe, musste ich plötzlich fürchterlich anfangen zu weinen. Weil ein Schauspieler nur glaubhaft machen kann, was er empfinden kann.
Könnten Sie sich so in einen arbeitslosen Handwerker fühlen, dass er glaubhaft wird?
Ja.
Schon mal versucht?
Ich überlege. Nein. So was bietet man mir nicht an. Ist aber nicht schlimm. Das ganze Leben besteht aus Klischees und wer es in der Kürze eines Fernsehfilms so abbilden möchte, dass es viele verstehen, ist gut beraten, bestimmte Bilder im Zuschauer zu bedienen, sonst wird es Art-Haus. Und meine Klischees passen nun mal auch einfach gut zu mir.
Zumal Sie sie auch privat erfüllen.
Inwiefern?
Als aktives FDP-Mitglied, dass sich zum Beispiel an vorderster Front fürs Elitesystem Gymnasium einsetzt.
Da satteln Sie das falsche Pferd, Herr Freitag. Sie gehen nämlich davon aus, dass die FDP eine Apotheken-Partei der sozialen Kälte ist.
Ach, das ist sie nicht?
Nein. Zumindest entspräche das nicht meinem Begriff von Liberalität. Ich finde, jeder hat das Recht, zu tun, was er will, solange er nicht anderen schadet. Ich bin dagegen, dass der Staat mir alles vorschreibt, was ich zu tun habe. Ich bin dagegen, dass er mehr reguliert, als nötig. Aber um es klar zu sagen: Nur weil ich liberal bin, muss ich kein Anhänger der FDP unter Rainer Brüderle sein.
Im Gegensatz zu Ihrer Partei sind Sie derzeit zudem überaus wahrnehmbar – auch, weil Sie wie in Typisch Frau, typisch Mann an der Seite Ihrer Frau Intimes aus Ihrem Privatleben preisgeben.
Weil das eine unheimlich unterhaltsame Sendung ist. Ein reines Vergnügen. Für das es unter uns auch ein bisschen Geld gab.
Man könnte meinen, bei der Reputation, die Sie auch im Ausland genießen, wäre das kein Kriterium mehr. Besetzt man Sie dort auch nach Klischee?
Dort besetzt man mich wie hier nach meinem Äußeren, darüber hinaus aber auch, weil ich zweisprachig aufgewachsen bin. Für Hollywood war ich immer der englische Aristokrat. Aber nach drei Jahren Amerika hat es mich nicht mehr interessiert. Jetzt interessieren mich Sachen wie die Schlikker-Frauen.
Was genau?
Die Fallhöhe. Schlikker kommt von ganz oben, bleibt stehen, ist faul, kleinlich, bequem und verliert alles. Diese Situationen kenne ich aus meinem eigenen Leben: ganz unten angekommen zu sein und zwei Alternativen zu haben: Entweder ich mache mit Tränen in den Augen weiter und rappel mich auf. Oder ich springe aus dem Fenster. Andererseits bin ich kein großer Kämpfer. Ich gebe eher auf, hänge auch nicht an meine Karriere und bin ihr nie nachgelaufen.
Bis vor 20 Jahren hatte der Adventsmehrteiler – erst für Abenteurer, dann für Kids – große Tradition im deutschen Fernsehen. Dann wurde es ruhig ums Lagerfeuer der Weihnachtszeit. Dieses Jahr jedoch buhlen gleich drei Ausgaben um Zuschauer: Winnetou, Gotthard und Mörderisches Tal. Mit sehr, sehr, sehr unterschiedlicher Qualität.
Von Jan Freitag
Freundschaft ist ein großer Schatz, vielleicht der größte. Selbst die Liebe, Melodramenthema schlechthin, handelt letztlich davon wie alles, was dem Menschlichen in Film, Funk & Fernsehen Gefühl verleiht. Wobei Freundschaft natürlich nicht Freundschaft ist. Nehmen wir eine ungebrochen populäre Version deutscher Herkunft: Winnetou und Old Shatterhand, der vollfiktive Häuptling vom Stamme der Apachen und sein teilrealer Kumpel von dem der Sachsen. Selten wurde die Wesens- ohne Blutsverwandtschaft verschiedener Charaktere inniger inszeniert als in den Kinoadaptionen von Karl Mays Büchern. Daran ändert auch die jüngste nichts, mit der RTL ab 1. Weihnachtstag ein Stück vorankommt auf dem Weg zum Modeschmucksender mit echten Perlen im Programm.
Fünfeinhalb Jahrzehnte, nachdem Horst Wendlandts legendäre Rialto die Nachkriegsrepublik aus dem Schwarzwald an den Silbersee entführte, kehren die Blutsbrüder zurück auf den Bildschirm. Allerdings nicht im kommerziellen Effektgewitter zu lauter Musik über zu grellen Bildern zu platter Charaktere. In drei Teilen hat Philipp Stölzl den Märchenstoff des notorischen Lügners May so überarbeitet, dass Harald Reinls Westernklamotten der Sechziger dagegen knallbunt verblassen. Die Fieslinge Rattler (Jürgen Vogel), Loco (Fahri Yardim) und Santer (Michael Maertens) überdrehen die Boshaftigkeit ihrer Fieslinge in der Neuauflage zwar nach Kräften. Auch sonst ist sendertypisch vieles zu laut, schrill, zu kommerziell. Doch wie authentisch das Indianerleben dargestellt wird, wie anarchisch jenes der invasiven Siedler, wie liebevoll der Regisseur die Helden aneinander wachsen lässt – das ist in seiner unterhaltsamen Tiefe moderner als mancher Mittwochsfilm im Ersten.
Auch und gerade wegen jener salbungsvollen, aber wunderschönen Beziehung, mit der Wotan Wilke Möhring und ein albanischer TV-Star namens Nik Xhelilaj, statt einst Lex Barker und ein französischer Nobody namens Pierre Brice den Kampf edler Wilder gegen gierige Weiße grundieren. Beide beleben eine Freundschaft zum Niederknien, die nach Karl Mays Eintritt in Eine neue Welt sorgsam sprießen darf, bei der Jagd nach dem Geheimnis vom Silbersee erblüht und im Letzten Kampf tränenreich stirbt, wie es ergreifender kaum sein kann.
Womit wir beim nächsten Mehrteiler wären, der das Megathema im Mainstream surft. Wie Winnetou soll auch Gotthard von Liebe, Freundschaft, Gefühl und Menschlichkeit handeln. Tatsächlich aber verseift das ZDF die historische Grundlage seines Melodrams so lang mit einer saftigen Lovestory, bis es weiblich genug für Topquoten wird. Pünktlich zur Eröffnung des neuen Tunnels im gleichen Massiv, erzählt die Koproduktion vierer Alpenanrainer die erdachte Geschichte eines Ingenieurs, der 1873 am Megaprojekt des realen Louis Favre mitbaut. Wie üblich in derlei Epen, kommt es jedoch nicht nur zum Klassenkampf entrechteter Proletarier (gut) gegen profitgeile Unternehmer (böse), sondern zur Dreiecksbeziehung der schönen Anna (Miriam Stein) mit dem schlauen Max (Maxim Mehmet) und dem stattlichen Tommaso (Pasquale Aleardi), die dummerweise dick befreundet sind.
Das ist detailgetreu ausgestattet, angemessen spannend dargeboten und offensiv sozialkritisch. Doch anders als in der Wirklichkeit, inszeniert Urs Egger das menschliche Beziehungsgeflecht dabei als geordnete Abfolge größtmöglicher Eruptionen von extremer Hingabe bis totales Zerwürfnis und zurück, während alle Beteiligten bloß emotionale Beamtenlaufbahnen ohne jede Persönlichkeitsveränderung einschlagen. Dekoriert wird diese Wirklichkeitsferne von Frauenfiguren, die sich unzeitgemäß selbstbewusst durch die Männergesellschaft jener Tage beißen. Das seltsam verständliche Schwiezerdütsch in berechenbarer Inhaltsarithmetik macht den ZDF-Beitrag dann endgültig zur ärgerlichen Ausnahme im Festprogramm. Besonders, wenn man es mit dem dritten Mehrteiler vergleicht.
Mörderisches Tal: Pregau mag idiotisch betitelt sein und mit 360 Minuten etwas lang; verteilt auf vier Filme (25.-28. Dezember) ist das ARD-Epos ein herausragendes weil skurriles, aber nie absurdes Stück Unterhaltung, das in deutscher Sprache so nur im Land von Manfred Deix und Josef Hader entsteht. Nach einem Familienfest erwischt der österreichische Dorfpolizist Hannes die Nichte seiner reichen Frau betrunken am Steuer und lässt sich das Schweigen mit einem Blowjob bezahlen, der eine fatale Kettenreaktion in Gang setzt: das Mädchen stirbt auf der erkauften Heimfahrt, ihr Beifahrer aber überlebt und stellt ebenso wie Armin Rohde als Zeuge eine Gefahr fürs Spießerleben des schüchternen Inspektors dar. Die Folgen eskalieren mit jeder Minute mehr Richtung Finale, das es nochmals in sich hat.
Russische Zuhälter spielen da ebenso tragende Rollen wie korrupte Provinzfürsten, ein Autobahnschütze nebst verschrobenem Bruder, dazu entflohene Zwangsprostituierte und entfesselte Teenager in einem Fantasie-Ort mit 9325 Einwohnern, Autobahnausfahrt plus Tierverwertungsfabrik. Eingebettet in eine Landschaft, die nichts mit dem porentiefreinen Postkartenambiente alpiner Schnulzenstoffe im Mainstream zu tun hat. In den dreckigen Ecken des Heimatfilms alter Prägung glänzt besonders die überwältigende Ursula Strauss. Sie wird aber von ihrem Film-Mann noch in den Schatten gestellt: Maximilian Brückner.
Wie seine Hauptfigur von Desaster zu Desaster schlingert, ohne die Abwärtsspirale je zu überdrehen, wie er mit desparatem Trotz ums Überleben kämpft und dabei Stück für Stück ein bisschen stirbt, wie dieser Zerfallsprozess am Bildschirm fast körperlich spürbar wird – das ist eine der reifsten Einzelleistungen des ausgehenden Filmjahrs im herausragenden Ensemble nationaler Bühnenstars von Robert Palfrader über Patricia Aulitzky bis hin zu Wolfgang Böck. Reich bebildert vom Kölner Kameragenie Peter Nix, badet Regisseur Nils Willbrandt dabei zwar mitunter arg tief im Pathos sterbender Schwäne und innbrünstiger Mimiken; er versucht damit jedoch weniger Eindruck zu schinden, als vielmehr die Tristesse ringsum sinnvoll abzufedern.
Mit – besonders menschlicher – Tristesse, haben demnach fast alle Protagonisten der drei Weihnachtsmehrteiler zu tun: Pregau mit ländlicher Sittenverrohung hinterm Schaufenster urbaner Freizeitrefugien; „Winnetou“ mit den Abgründen europäischer Eindringlinge, die den Lebensraum der Ureinwohner frei von jeder Empathie zugrunde richten; Gotthard im manchesterkapitalistischen Ambiente verantwortungsloser Gewinnsteigerung. Umso erstaunlicher ist es, wie unterschiedlich die zwei letztgenannten ihr Zeitalter behandeln, das sich nur um wenige Jahre unterscheidet.
Anders als bei RTL sonst üblich, benutzt der Privatsender seine 76 Schauspieler unter 4000 Komparsen am bewährten Winnetou-Drehort Kroatien vorwiegend nicht als Platzhalter gewünschter Effekte, sondern gewährt ihnen ein entwicklungsfähiges Eigenleben, das selbst den Gegenrassismus der unterdrückten Rothäute – mit Untertiteln, statt absurder Fremdsprachenkenntnisse! – zulässt. Anders als im ZDF möglich, sind dem öffentlich-rechtlichen Kanal hingegen sämtliche Figuren herzlich egal. Etwa, wenn drei wildfremde Menschen verschiedenen Geschlechts im prüden 1873 verkleistert von zukunftsbejahender Orchestermusik gleich nach dem Kennenlernen eine halberotische Kissenschlacht vollführen, während wenige Häuser weiter zum putzigen Westernsound eine Wirtshausschlägerei tobt, als sei der Filmtross kurz mal nach Dodge City gewechselt.
Was das mit Liebe, Freundschaft, Gefühl und Menschlichkeit zu tun hat? Nichts! Was Winnetou damit zu tun hat? Auch dank der fabelhaft interpretierten Originalmusik: Alles! Im Mörderischen Tal erweitert um Aberwitz und Fatalismus. Die ganze Vielfalt des Fernsehens in zwölf Tagen.
Von wegen – die Öffentlich-Rechtlichen schaffen es nur noch mit Fußball, massenhaft Menschen vor die Glotze zu locken: 2016 belegte Deutschlands liebster Sport trotz EM im Quotenranking nicht sämtliche der ersten 20 Plätze. Auf Rang 17 kommt mit 13 Millionen Zuschauern etwas völlig komplett total anderes: Handball. Und für den Relaunch der umstrittenen Tagesschau-App, die Mittwoch in Hamburg vorgestellt wurde, war auch noch ein bisschen Geld übrig. Sage also niemand, die Gebührenmilliarden würden nur in Pensionskassen und Sportmainstream fließen…
… sie fließen auch in Talkshows. Daher dürfte man es besonders in der ARD mit Argwohn betrachten, dass ein völlig komplett total anderer Kanal nun wieder auf diesem Erbpachtterrain des Ersten wildert: RTL. Wobei sie es da natürlich so brachial gestalten, wie vor der Wiederbelebung vom Heißen Stuhl befürchtet. Darauf saß vorigen Montag nämlich Thilo Sarrazin und faselte gewohnt dummheitsstolz von Billionen Beweisen für Millionen orientalischer Vergewaltiger okzidentaler Frauen, die man allerdings nicht unbedingt en detail nennen müsse, weil das ja eh alle wüssten.
Womit er insofern richtig lag, als nicht der postfaktische Scharfmacher unter Steffen Hallaschkas wohlwollender Moderation im Kreuzfeuer stand, sondern seine Kontrahentin muslimischen Glaubens: Eine Journalistin mit dem schönen Namen Khola Maryam Hübsch, die für jedes Wort vom sarrazinesken Publikum niedergebrüllt wurde, was nahelegt, nach welchen Kriterien es gecastet wurde. Fazit: Krawall kann „Rammeln, Titten, Leichen“, wie man RTL 1989 gern ausschrieb, auch im Jahr 2016. Und damals wie heute hat dessen Stammpublikum gewiss Null Interesse an einem ARD-Mittwochsfilm, der ihm ermöglichen könnte, die Sache mit den bösen Ausländern und guten Ariern doch mal zu überdenken.
Die Frischwoche
19. – 25. Dezember
Der weiße Äthiopier handelt vom Bankräuber Michalka (Jürgen Vogel), der vor Gericht völlig komplett total anderes ist, als AfD, Pegida und längst auch wieder die CSU gern hätten: ein Waisenkind mit elender Kindheit, das kriminell wird, weil es der deutschen Männergewalt von Elternhaus über Schule bis Beruf entfliehen will, und in Äthiopien landet, wo ihm erstmals Liebe und Respekt zuteil wird.
Dabei geht es manchmal rührselig, aber stets ergreifend nicht nur um eine deformierte Seele, sondern uns alle: Was die Umstände aus Leuten machen – im Guten wie im Schlechten. Inszeniert als Justizdrama mit Thomas Thieme als Staranwalt, dessen Feuer für Gerechtigkeit durch seine Referendarin (Paula Kalenberg) neu entfacht wird. Afrika erscheint zwar etwas warm und Deutschland arg kalt; darüber hinaus geht die Message an alle Rassisten da draußen: die Armen wollen gar nicht alle hierher, sie wollen bloß leben. Am liebsten, wo man geliebt wird und lieben kann. Selten war Moral so unterhaltsam.
Im Gegensatz zur Keule, die uns das Historienevent Gotthard heute im ZDF vor den Bug knallt. Augenscheinlich beleuchtet der Zweiteiler den Bau des damaligen Weltwunders durchs gleichnamige Schweizer Bergmassiv vor fast 150 Jahren. Weil das ganze aber wieder mit einer fiktiven Dreiecksbeziehung viel zu schematischer Kerle im Kampf um eine viel zu selbstbestimmte Frau verklebt wird, sei lieber auf die Dokumentation im Anschluss des Finales am Mittwoch verwiesen. Der Spielfilm zuvor ist sorgsam kostümiert, aber lausig erzählt.
Irgendwo zwischen Doku und Fiktion steht hingegen der Dreiteiler Mundo, mit dem der NDR voller Stolz das kommerzielle Real Crime-Genre ausprobiert, also wahre Kriminalfälle spielerisch nachverfolgt. Na ja. Dann doch lieber eine andere Dokumentation, die das Spielerische zum Thema, aber nicht zum Wesen hat: A Documentary, mit der der HR am Donnerstag (23.45 Uhr) das Schaffen, vor allem aber Leben eines der bedeutendsten, aber auch umstrittensten Regisseure unserer Zeit beleuchtet: Woody Allen.
Und vor den Wiederholungen der Woche noch was Packendes auf Netflix, nämlich die mitreißend unergründliche Mystery-Serie The OA. Und was Neues für Kinder an Heiligabend, der programmatisch zwar wie gewohnt ein paar alten Märchen im Ersten umfrisiert, ansonsten aber eher durch Heavy Rotation der üblichen Gebrauchtware (Das Leben ist schön) auffällt: Stockmann die britische Animationsadaption eines der schönsten Vorlesebilderbücher überhaupt (Samstag, 11.20 Uhr, ZDF). Bekannt, aber sehenswert und aus Anlass des 100. Geburtstag vom Hauptdarsteller Kirk Douglas doppelt sehenswert: Mit stahlharter Faust, 1955 unterm Titel Man Without A Star gedrehter Viehzüchterwestern mit Cowboys, die den Namen auch verdienen (Montag, 20.15 Uhr, Arte). Am selben Abend in Schwarzweiß (3sat): Dreimal Laurel & Hardy: In Oxford (20.15), Die lieben Verwandten (21.15) und Wüstensöhne (3.05). Bliebe noch der Tatort-Tipp: Schwarzer Advent (Dienstag, 20.15 Uhr, BR) von 1998 mit Christian Berkel als Kindermordverdächtiger in München. Oder alternativ am Mittwoch ab 22 Uhr im NDR: Der Tatortreiniger.
Erst das Mövenpick im Schanzenpark, nun das Westin über der Elbphilharmonie: Hamburg hat einen Hang zu umstrittenen Hotels. Ich war in beiden früh zu Gast – und fühlte sich angemessen deplatziert. Das fanden übrigens auch viele Kommentatoren auf ZEIT-Online, die mich wütend als korrupter Günstling des Luxushotels, ergo: Lügenpressesau bezeichnen. Von daher: ruhig auch die zugehörige Meckerecke lesen.
Von Jan Freitag
Die Ruhe im Sturm ist greifbar. Bei geöffnetem Bullauge im riesigen Panoramafenster dröhnt die Stadt darunter, als läge sie nicht 90 Meter tiefer, sondern auf Ohrenhöhe. Strammer Wind treibt das Grundrauschen der Rushhour aufwärts wie ein Tornado Dachziegel. Es hupt, braust, brummt, klingelt – eine Großstadtsinfonie in Feierabendverkehrsmoll. Wenn man die ovale Klappe mit dem gewöhnlichen Griff aber schließt, wenn man das Licht dimmt und die Beine auf der Chaiselongue durchs wellig geformte Glas in die Ferne blickt, ist das abendliche Abkühlen der hitzigen City auch 19 Etagen höher fast körperlich spürbar.
So also fühlt es sich an, in der Elbphilharmonie die Nacht zu begrüßen, genauer: in jenem Teil derselben, von dem bislang noch am wenigsten zu hören war im jahrelangen Sperrfeuer selten schmeichelhafter Schlagzeilen. Hamburgs erstaunlichste Immobilie beherbergt ja nicht bloß – und das ist nur eins all der Superlative, die sich darin ständig aufdrängen – den spektakulärsten Konzertsaal des Kontinents; es gibt auch Restaurants, Studios, Flaniermeilen, Shops und ein Fünfsternehotel namens Westin, mein Domizil für die Nacht der offiziellen Eröffnung. Fast 250 Zimmer zum saisonal variablen Preis von rund 300 Euro aufwärts, die sich in der größten von 39 Suiten schon mal verzehnfachen. Pro Nacht, versteht sich. Es ist also ein etwas absurdes Domizil für kritische Begleiter der wachsenden Ungleichheit in Stadt, Land, Welt wie mich.
Und nicht das erste.
Denn ich habe schon mal ein nobelgastronomisch aufgewertetes Baudenkmal beruflich bewohnt: Neun Jahre, bevor ich im aufgestockten Kaispeicher A auf Hotelkosten einchecken konnte, um architektonische Eleganz im Zusammenspiel mit elitärer Servilität zu lobpreisen, wurde mir das gleiche Wohlfühlpaket zum selben Zweck vom Wasserturmhotel spendiert. Eine Nobelherbere der Marke Mövenpick, unter massivem Polizeischutz im Schanzenpark errichtet auf den Trümmern geplatzter Träume vom Wohnviertel von allen für alle. Als ich dort damals in einer kalten Herbstnacht eingecheckt habe, überkam mich von Beginn an dieses nagende Gefühl des Hochverrats: an meinen Idealen, weil ich seit dem ersten Spatenstich lautstark dagegen protestiert hatte. An meinem Umfeld, weil die Artikel in diversen Medien trotz aller Kritik am Objekt auch Werbung dafür gemacht haben. Und nicht zuletzt: am Betreiber, auf dessen Kosten ich es mir eine Nacht lang mit fantastischem Panoramablick über die halbe Stadt, Abendessen und Wellness inklusive, mal so richtig gut gehen ließ.
Richtig schäbig kam ich mir damals vor. Und nicht nur mir, sondern auch dem Umfeld der anderen Hotelgegner im Alternativviertel, die aus Verachtung über meine Anbiederung in verbündeten Blättern von taz bis FR ein Plenum in der Roten Flora einberufen wollten, auf dem ich mich rechtfertigen sollte. Passiert ist dann doch nichts, weshalb ich es jetzt gefahrlos wieder tun konnte: Im luxusgastronomischen Ostflügel von Ole von Beusts Prestigeprojekt einzuchecken, dessen Budget sich bei dreifacher Bauzeit verzehnfachte und bis zur Fertigstellung im Oktober millionenfach mehr Protest hervorgerufen hatte, als bei seriöser Prognose!
Hier zu nächtigen, fühlte sich aber aus einem anderen Grund falsch: der Umbau betrifft mich höchstpersönlich und das gleich doppelt! Ich selbst lebe ganz in der Nähe, leide also sehr unmittelbar unter der permanenten Aufwertung des Viertels, die ja doch nur eine für die Reichen bis Superreichen ist. Und dann hat auch noch mein Vater 20 Jahre im Kaispeicher A gearbeitet, als es noch ein Lager für Handelswaren war. Erst als Schauermann, dann Stauerviz, zuletzt als Speicherleiter, der mich sonntags oft mitnahm, wenn Extraladungen amerikanischer Superheldencomics oder Plastiksporthosen aus Fernost umzupacken waren.
Peter Freitag war Hafenarbeiter durch und durch, den allein der Krebs davor bewahrte, seinen alten Arbeitsplatz im Griff von Steppjackenträgern in Wildlederslippern zu sehen wie nun sein Sohn, der das natürlich nicht ganz so emotional sieht, aber durchaus kritisch – da kann die österreichische Hotelmanagerin Dagmar Zechmann ihre Eröffnungsgäste noch so integrationswillig mit „Moin“ begrüßen und auch sonst viel Mühe darauf verwenden, lokales Flair in ihr Globalisierungsprodukt zu stopfen. Das Personal wurde im Millerntor-Stadion gecastet, die Innenarchitektur ist bullaugig wie so vieles, was an der Elbe Neues entsteht, um Altes zu heucheln. Überall unterm wellenförmigen Dach gibt es Referenzen ans Hafenambiente; hier sorgsam drapiertes Treibholz im Spa, dort fotografierte Kiezimpressionen (Onkel Otto!) auf den Gängen, an der Rezeption in geschwungenem Holz bläst ein Bildschirm mit Dampfer virtuellen Filmrauch zum historischen Kaiserspeicher an gleicher Stelle. Hamburg Alaaf!
Alle Referenzen an die christliche Seefahrt vergangener Tage sind schließlich eher Pose, also bestenfalls gut gemeint. Was aber wirklich authentisch ist, ja wahrhaftig: Dieser Ausblick! Der Hafen von heute in seiner modernisierten Pracht. Langsam schält er sich an diesem winterlichen Dezembermorgen vorm Standardzimmer 1944 aus der Dunkelheit. Links, noch schlafend, die Landungsbrücken in ihrer touristischen Pracht, rechts das Superreichenghetto Marco-Polo-Tower, den der Industriedreck ringsum langsam zur Walking-Dead-Kulisse verwittert, dazwischen das winzig kleine Morgengewusel der Hafen City, als wäre das nahe Miniaturwunderland kurz auf die Straße gewandert.
Über ein Dutzend Kirchtürme hinweg kann man nordwärts bis Schleswig-Holstein blicken, vom höchsten Gebäude ohne kirchliche Weihen weit und breit, das seinerseits fast sakral verklärt wird. Ein Wunder von Wahrzeichen, mindestens. „Sie haben kein Zimmer mit Ausblick, sondern ein Ausblick mit Zimmer“, schwärmt Hotelchefin Zechmann und hat noch nicht mal Unrecht. In einem Hotel, das in der Startphase mehrheitlich Einheimische bewohnen – so umstritten, überteuert, elitär, spalterisch, überdimensioniert wie das im Schanzenwasserturm. Und ebenso schön.